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Elsa Asenijeff – Tagebuchblätter einer Emancipierten

Tagebuchblätter

Elsa Asenijeff, Tagebuchblätter einer Emancipierten, Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig, 1902

I. Teil

Nun sind endlich die Ferien zu Ende und ich bin wieder in Leipzig. Bereits immatrikuliert.

Das alte, verhängnisvolle Erkenntnisfieber schüttelt mich.

Wollen sehen, ob es anhält. Möchte wissen, ob irgend etwas anhalten kann bei uns Stimmungsmenschen von heute. –

Wir sind doch schändliche Lotterleute, wir Modernen. So ohne Rückgrat; immer platscht die Gallerte nach irgend einer Seite auseinander.

Wie ich nur so albern sprechen kann. Ich bin doch ein Weib, in uns steckt noch viel gesunde Kraft, viel Wollen. – Doch auch viele Müdigkeit, auch in uns. Hass, Zorn gegen all das, was das Leben so schmutzig macht Unser moralisches Reinlichkeitsgefühl empört sich dagegen. Wir haben nicht mehr das gute Gewissen des Barbaren. (Obwohl wir noch selbst solche sind.) Ja, das gute Gewissen! Das ist alles!

Morde einen im guten Gewissen und du bist ein Held. (Jeder brave Krieger denkt so.)

Nur uns Frauen, die wir die Leben-Gebenden sind, schaudert davor.

Und der Spekulant, der sich hinaufschwindelt zur Höhe seiner Millionen – was half ihm? Dass er vom Luxus des guten Gewissens absah.

Es giebt aber heute Menschen, die schon so gut sind, dass vieles Unedle unserer heutigen Gesellschaft sie quält.

Mit der krankhaften Feinheit ihres Empfindens zittern sie in seelischem Unbehagen vor allem Rohen unserer Zeit.

Der Anarchist, welcher tötet,

der Krieger, welcher tötet,

der Räuber, welcher tötet,

sind ihnen ein gleiches Grauen.

Ach! wann wird endlich Menschenblut heilig sein! Welcher, in dessen Händen die Macht ist, wird der Edle sein, der alles Lebende auf edle Weise schützt!«

Und Schacher und Wucher und Weiberraub und Sklaverei und Hinterlist und Wortbruch – all’ das sind wir, wir Menschen, die so gerne in schönen Gefühlen leben!

Aber ein Trost: unser gequältes Gewissen. Sobald wir unser Böse-Sein in zarter Empfindsamkeit tadeln, lugt unsere mahnende Sehnsucht schon nach Besserung aus.

* * *

Wie bin ich froh, dass ich endlich geschieden bin – uf! fast mein ganzes Vermögen ist daraufgegangen. Diese lieben Retter, die Rechtsanwälte sind kostspielige Freunde. Nun, jedenfalls bin ich frei, das ist schon etwas!

Es ging eben zu schwer. Mein Gemahl hatte mich lieb. Er ist ja auch ein guter Mensch, aber immer so ein paar Stufen tiefer als ich. Das kann doch ein Weib nicht ertragen, die Hinabsteigende zu sein – eben weil sie die Empfangende im generellen Sinne ist.

Und dann habe ich so meine Idee von der Mission im Menschen. Ich sagte mir: da beglückst du einen Menschen, noch dazu einen, der nicht sonderlich wert ist – wenigstens im Sinne der Gesamtheit. Du aber glaubst von dir, du könntest vielleicht deinem ganzen Geschlechte nützen. Wer ist der Minderwertige? Einer gegen ein ganzes Geschlecht! Reine Frage der grösseren Ausnutzungsmöglichkeit des eigenen Ichs.

* * *

Es giebt doch in den Komplexen, was der Mensch ist, keinen grösseren Schwindler als den Verstand. Man thut etwas – zufällig – oder eingereiht ins Mosaik des Geschehens; das innere Muss schleudert uns zu einer That empor – glaubt ihr, dass man sich das gesteht? I! niemals! Gleich ist der Raisonneur Verstand da, hängt dem Ganzen das Scheinmäntelchen seines Verdienstes um, und proklamiert feierlich: ich bin’s gewesen!

Ja, du! Wenn die menschliche Natur so einfach wäre! –

* * *

Ich weiss eine Zeit, wo mir das, was ich gestern schrieb, schwer wurde. Ja, es that weh. Es ist trüb, jemand Schmerz zu bereiten, und das Zucken einer Seele zu verfolgen. Schrecklich! In dem Paroxismus der Angst wird man dem Mitleid in die Arme geworfen. Schon will man sich von ihm besiegen lassen. Aber da schneidet es anklagend im Innern und winselt um das gleiche Mitfühlen für das eigene Geschick, wie man es für fremdes hatte.

Darauf erscheint das Leben so schön, so einzig, so begehrenswert. Tausend Sterne locken, tausend Sehnsüchte seufzen, tausend Höllen höhnen: all’ das opferst du um nichts! Verlierst es, wie kannst du das verantworten!

Tausend Ströme fliessen vorüber mit ihren Wassern ohne Wiederkehr. Und du stehst dort still, wo du selbst nicht willst. Wie kannst du das vor dir verantworten!

Da siegt die treibende Lebenskraft in uns: wir sind! Also sind wir Sieger. Evoë, Leben!

* * *

Alles ist noch so wund in mir. Ich war nie glücklich mit ihm, nie froh. Aber nun steigt das Gemeinsam-Verlebte im Innern auf, vereinte Sorgen, gleichzeitige Qual. Auch der Gedanke an das tote Kindchen. Ja, wenn es noch lebte! . . . . . Liebes, Süsses, Heiliges du!


 

Wenn! Wenn! Dumme Spekulation! Wenn aber nicht?

Wenn ich ihn geliebt hätte – hm! – Wäre ich fort?

Hiah! Weiss ich’s? Ich glaube ja – das Ziel über alles.

Aber das sind Vermutungen. Ich habe ja niemand lieb. – – Niemand! Wie dieses Wort in der Seele weint: Niemand!

 

* * *

Kohlengeruch ist äusserst unangenehm. Kaum etwas Schlimmeres, als eine eben eingefeuerte Lokomotive. Aber der satte, konservierende Duft des Russes ist sehr anregend. Nichts wirkt so sehr auf die Nerven, als der ganz specifische Geruch einer Bahnhofshalle. Dieser russgeschwängerte Dunst verflieht über den ganzen Umkreis, weitet sich aus, vermischt sich mit den Gerüchen einer Stadt und verliert sich in der Pestilenz der verschiedenen Ausströmungen der Kanäle, die Menschen liebenswürdig Strassen nennen.

Wer über wenig empfängliche Geruchsnerven verfügt, muss allerdings die Sommerhitze mit ihren fäulniserregenden Miasmen abwarten, um zu wissen, dass jede Strasse ihren eigenen Geruch hat Parfüms sind das nicht Geruch zu Duft verhält sich wie Schall zu Ton.

Ich bin dumm. Was schreibe ich denn? – Ja, so! Der Russgeruch, dieser feine Räucherduft »an sich«, sozusagen substanzlos ohne Basis von Pflanzen oder Esswaren, hat etwas Nervenstärkendes und Anregendes. Die Erschlaffung lymphatischer Naturen weicht einem angenehmen Wohlgefühl, dem sich ein plötzliches Bewusstwerden einer irgendwo noch vorhandenen, latenten Kraft beigesellt Mit weiten Nüstern atmen wir uns Mut ein – – Russ! Russ!

In allen meinen Kleidern ist dieser stärkende Bahnhofduft. Nun meine ich, das Leben läge offen vor mir, ich brauchte nur danach zu langen . . . .

 

* * *

Wie merkwürdig Menschen sind. Unfrei bis in ihre Gedanken und Gefühle! Eine Kapelle mit einem kleinen Glöckchen, eine Postchaise mit dem stets »lustigen« Postillon – das stimmt romantisch, seit »anno dazumal«.

Aber die Eisenbahn – fi! Die gehört unserem »nüchternen, unpoetischen« Heute.

Wenn es da so eine Unsichtbarkeit hinter den Wolken gäbe, die sich den blauen Schleier des Firmamentes vor das Antlitz bindet und herabsieht, dann fände sie gewiss nichts Schöneres, als diesen mächtigen, rotglühäugigen Lindwurm, dessen gigantische Glieder unter dem Erzittern der Erde pustend und brausend durch die Nacht gleiten.

Oder weit ab vom Gewühle, in dem die arbeitsamen Ameislein ihr Geschaffenes aufspeichern, weitab, an den letzten Rändern der Stadt, wo ein grüner Gürtel von Feldern ihre Grenzen umringt – wie reizend ist es da!

Die schlanken Minarets der Fabrik-Schornsteine steigen in die Luft und oben verkündet eine fröhliche Rauchwolke, dass das heilige Opferfeuer der Arbeit brennt, lohend gehalten von vielen tausend Menschen.

Ja, für wen opfern sie denn?

Für nichts! Man opfert immer für nichts, aber eben deshalb ist es so schön.

Ein Glück ist in mir, ein Glück! Ich wüsste nichts, als dies eine Wort, Es ist nämlich so. Mich widerte dieses ewige Herumliebeln der Menschen an. Immer, als ob es nur gar kein anderes Vergnügen auf Erden geben könnte. Ich verstehe vollkommen die Urschauer einer grossen, auslösenden Empfindung, aber die kann nur einmal über die Dauer eines Lebens kommen, nur einem unerfahrenen Herzen, denn ein zweites Mal liebt man nicht mehr, ebenso wie man nur einmal Mädchen ist, eben dann, wenn man im Begriffe steht, Weib zu werden. Man kann unzählige Male verliebt gewesen sein und dann endlich einmal danach die grosse Liebe finden. Aber war sie da – so giebt es nichts mehr – nein! nein! Liebeleien können kommen – Liebe ist einzig. Das sehen wir am deutlichsten an den Werken grosser Künstler. Wie da eine Frauengestalt durch alle Werke geht – in tausend Verwandlungen die Immer-Eine. Vielleicht eine Nie-Genossene, eine Nur – im – Traum – Geliebte! Aber die Einzig-Eine.

Die Männer von heute aber können nicht vor einem Weibskittel vorübergehen, ohne schon ihre Augen zu machen und den Schnurrbart aufzudrehen – widerlich! So besudeln die Menschen selbst alles Hohe, was seltenen Einzigen Edles eigen war. Christus lehrte Entsagung. Nun glaubt jeder Narr, der ein Butterbrot stehen liess, weil er so schon vollen Magen hatte, er hätte entsagt. Nietzsche zeugte den Uebermenschen, der nichts sieht, als sein Ziel und müsste er darüber, sich selbstopfernd, zugrunde gehen – die Menschen machen einen kleinlichen, dummen Egoisten daraus. Das keusche Seelenverhältnis Christus-Magdalena spielt sich heute im Alkoven eines Café chantant ab. Die Menschen besudeln ihr eigenes Geschlecht. Aber ich will heute nicht daran denken. Alles alte Weh sei begraben. Blühen nicht auf den Gräbern die schönsten Blumen? So soll Heiterkeit aus der Dunkelheit begrabenen Schmerzes entspriessen. Heiterkeit, die philosophische Kunst der Müden!

Aber was sprech’ ich denn da? Was philosophiere ich denn? Es ist ja alles nicht wahr – heute nicht wahr. Denn ich bin selig und ruhig und in Frieden mit aller Menschheit. So etwas Wohles ist in mir. Ich schaue hinauf, hinaus, vor mich hin und bin so selig – weiss nichts, denke nichts, fühle nichts: mir ist so weit und wohl!

* * *

Glück! Glück! Du bist noch bei mir. Glück – wie heissest du?

Ich heisse Ruhe.

Fand ich dich endlich!

Nach all’ den Kämpfen und Stürmen der Jugend! Ich weiss nicht, was andere Mädchen leiden – man soll nicht generalisieren – aber ich litt jedenfalls furchtbar. Das ist’s. Ich bin immer zu schwerfällig, ich nehme alles zu ernst. So nahm ich auch die Liebe zu wichtig. Ich meinte, weiss Gott, was für ein Seltenes erst kommen müsse – – – – als Offenbarung des Einzigsten. Es kam aber nicht. Sondern immer waren es junge Männer mit begehrlichen Augen, die am Balle in mein dekolletiertes Kleid sahen. Und meine Wangen glühten, ein fieberndes Sehnen lag in mir. Der Glanz der Augen war gefährlich. Wie sehnte ich diese heissen Lippen, die ich von mir stiess, in bangen Träumen. Es war eine Zeit in meiner Jugend, wo ich die Dirnen beneidete, die küssen dürfen. Allerdings, damals wusste ich noch nichts von all den Brutalitäten. . . .

Krampf, Sehnen, Brand – ist das Jugendglück?

All’ unser Unglück kommt von der Liebe – wenigstens gilt das für uns Frauen. Von Jugend auf lehrt man uns: Liebe ist alles und dazu: entbehre die Liebe – ergo –  –  –  –  –  –  –

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Dann steckt man uns in die Ehe, die mit der Liebe nichts zu thun hat. Wir zappeln wohl ein wenig zwischen den Eisengittern des Gehorsams und der elterlichen Autorität, aber endlich geben wir nach. Und dann lächeln wir als Bräute und fixieren unsere Gedanken auf die erste Schleppe, die sich so schön am Boden hinringelt, damit wir nicht weinen. S’ist ein Elend.

Ich habe mir es fix vorgenommen: Du, geliebt wird nicht. Du bist vernünftig! Noch 3, 4 Jahre, dann kommen die 30iger heran, das ist das gefährliche Frauenalter – allein du bist vernünftig. Warum sollst du nicht zehn, zwölf Jahre früher klug werden als andere Frauen.

Na! da! mir scheint gar, du seufzest – noch immer nicht weise?

Es ist doch schwer – wenn man Weib ist, ohne die grosse Liebe zu finden. Vielleicht war es ohne sie gar kein Leben.

Aber jedenfalls die seltene oder – gar keine. Dazu hab’ ich zuviel Selbstachtung.

Die seltene aber existiert nicht – ergo – – Wenn man sich einem Mann giebt, verwirft man sich immer. Die Seele wird stets ein paar Töne schmutziger.

Basta nun!

Ich suche Ruhe, Alleinsein, Nachdenkenkönnen! All’ das, was man Frauen verwehrt. Ich will einmal ins Klare mit mir, mit dem Leben kommen. Es giebt ja Seligkeiten jenseits der Liebe. Zarte Seelenergüsse. Diese Seltenen, nur den späten, feinen Menschen Begreiflichen will ich mit witternden Empfindungen suchen, und sie dann den armen Enterbten des Glücks – meinen Frauen schenken.

* * *

Wie das schön ist, allein gehen zu können, so versunken in sich! Wie man den armen Frauen selbst die unschuldigste Freude verwehrt. Immer muss so jemand Plappernder neben ihnen herspazieren: ihr Gatte, die Gouvernante oder jemand Verwandter – immer dürfen sie nicht allein sein. Und Alleinsein ist doch am schönsten. In – sich – sein, heiliger Brennpunkt für das ganze Dasein, welches sich im eigenen Innern wiederspiegelt. – Ich gehe und entdecke. – – –

Sammlung! Du Gebenedeite! Kommst du zu mir? Welch’ erlauchte Gäste grüss’ ich, jenseits der Liebe?

Jetzt kann ich gehen, ohne zu wissen, dass ich Menschen begegne. Erst direkt an mich gerichtete Fragen bringen mich der Umgebung zurück. Dann sehe ich, dass mir Männer begegnet waren.

Hahaha! Männer! und ich hatte dieselben nicht bemerkt. Das ist ja ein Ereignis in meinem Frauendasein.

Endlich kann ich also gehen, ohne mich fortwährend zu den anderen in Beziehung zu setzen; nun verstehe ich allein zu bleiben – Individuum zu werden.

Wir Frauen sind Geschöpfe der immerwährenden Kraftvergeudung.

Was Männern gelehrt wird, muss zu uns erst auf den Umweg des Selbstfindens. Aber dafür hat es dann mehr Wert – es ist uns dann ins Blut übergegangen. Wir sind freier darin, können einmal mehr nach rechts oder links tanzen, weil wir Sehende sind und nicht geführte Blinde. Aber Zeit ersparen die Männer nach ihrem Krückensystem.

Ach! dieses neue, stumme Seligkeitsgefühl! Jemehr die Beziehungen zu den Menschen zerreissen, desto empfindsamer sehe ich mich mit der Natur in Verbindung gebracht. Ich entdecke neue Fühler in mir, die sich leise ausbreiten, recken – dem Unbekannten entgegentasten.

Was wissen die Menschen vom Leben? Sie gehen in ihrem selbstgeschaffenen, lärmenden Schmutz dahin und heissen es: das Leben kennen lernen. Stelle dich abseits, still an die Seite, so rauscht das Dasein an dir vorüber, kommt leise und sucht dich. Es rauscht, wie es rauscht! Ich höre es noch im Traum!

* * *

Ach! dieses Weibsdasein. Ich kenne es à fond. Wenn ich früher eine Blume zerpflückte, so geschah es, um die Schönheit des Wuchses zur Geltung zu bringen. Oder, sobald ich bei einem Magazin scheinbar bewundernd stehen blieb, galt es, im Spiegel des Schaufensters mir die Löckchen zurechtzuschieben. Jedes Unternehmen hatte einen anderen, als den scheinbaren Untergrund.

Immer sollte etwas vorgestellt werden, was eigentlich in der Empfindung gar nicht vorhanden war. Ging ich früher als Mädchen in ein Konzert, so geschah es, um in reizendem Kleide von Männern gesehen zu werden. Da konnte man ja auch ein begeistertes Gesicht machen, es war ja sozusagen dort am Platze und – verträumte Augen stehen so gut. Doch war es nicht Mangel an Gefühl, welches mich damals so denken liess! Allein ich hatte ja keine Zeit, mein Sein, mich selbst aufgebend, in den schwindelnden Abgründen der Töne zu verlieren.

Immer blieb ja der Gedankenkrüppel, welcher dachte, mit Gedanken schacherte, geistesgegenwärtig sein musste, mit neuen, verblüffenden Einfällen Reklame machte. Wenn ich einmal ganz allein zu Hause spielend am Klaviere sass, so brausten die Töne wie ein fegender Sturm über das Ueberflüssige meiner Seele. Es dämmerte die Weihe wehmütiger, bleicher Gefühle empor. Dann setzte ich mich in eine stille Ecke und weinte. Aber gleich darauf kam das Denken als alte finishing governess, mahnend: rote Augen? – heute Abend ist Ball, oder: geschwollene Lider? Heute ist jour.

Dann eilte ich zum Waschbecken, plätscherte, tuschelte an den Augen herum, sah mich von allen Lichtgegenden in den Spiegel – und – rote Augen bekam ich nicht – aber die Stimmung war fort.

Und in mir lag ein krankhaftes Sehnen nach Einsamkeit. Nach Ausruhenkönnen jenseits des ewig-hetzenden Reflektierens.

Wie einer, der im harten Frohndienst der Arbeit steht, ersehnte ich Alleinsein und Ruhe.

Aber es durfte nicht sein. Immer war die kalte, nüchterne Berechnung neben mir. Und wenn ich am schönsten, verklärtesten vor den Männern stand, dann war ich gerade am entferntesten von dem, was ich schien. Dann war ich ohne Seele, reines Ausdrucksmittel.

An der starren Klippe des weiblichen Verbergenkönnens scheitert ja überhaupt alle männliche Psychologie. Weiber sind stolz. Wie der indische Philosoph lieber gleichgültig darüber hinweg geht, missverstanden zu sein, als von Profanen entweiht zu werden, so täuscht auch das Weib lieber etwas Ungünstiges vor (im Sinne der Seele), als dass es sein Inneres enthüllt.

Uebrigens ist der Mann nicht tief genug, um eine Seele zu begehren. Ihn besticht einzig der Schein. Eine Dirne, die ihn mit keuschen Augen ansieht, ist auch eine Madonna.

Ach! all das Hässliche der jungen Mädchenseele! Diese Oberfläche des erzwungenen Scheins, hinter der viel Edles, oft ihr selbst unbewusst ruht.

War ich gegen eine alte Frau liebevoll zuvorkommend, so geschah es, um Bewunderung meiner Güte zu erregen. Und zwar gar nicht, wie beim Manne. Der Mann scheint aus Eitelkeit – das Weib aus Klugheit – innerlich ist es ihr ganz egal, ob man sie bewundert.

Auch ist im Weibe ja von Jugend an eine so masslos tiefe Verachtung für denjenigen, der mit den oberflächlichsten Mitteln zu gewinnen ist. Diesem Herabsehen ist ein dumpfer Schmerz gepaart, ein hinsterbendes Flüstern der Seele: was soll aus mir, dem Stiefkind, im Leben werden?

Aber diese innere Stimme wird übertönt vom wilden Halali des Alltagslebens, des Drängens und Einander-Ueberbietens.

Hätschelte ich ein Kind, so war es, weil ich instinktiv fühlte, dass dies die Männer kirre macht. Oder die Art, wie ich ein Hündchen streichelte und krabbelte, die trieb die Hitze in Männerwangen. Kann man sich etwas so Hässliches vorstellen, etwas so kalt Berechnendes, das nur einen Zug um den andern thut, um den König matt zu machen? Und da spricht man von unserem weichen Gemüte! Nicht ein Stückchen Empfinden ist in uns, wenn wir Männer fangen. Nichts, als eine dunkle Sucht und ein bewusster Wille. Und darunter ein wenig Freude, wenn der Mann an uns leidet.

Jetzt lächle ich mit besonnenem Mitleid über dieses Ich-Selbst von Einst.

* * *

Ich sehe die jungen Mädchen voll Wehmut an! Wie sie sich quälen, die Armen!

So war ich auch – einst! So mich selbstopfernd, um anderen zu gefallen. Schrecklich!

Ich, als Weib, die ihre Spitzfindigkeiten, Verstellungen aus der eigenen Natur heraus kennt, leide unter dem Eindrucke all’ dieser geheimen Berechnungen zum Männerfang.

Dies ist ja auch die Ursache, warum Weiber einander immer mit so höhnender Verachtung anblicken. Eine weiss von der anderen, was jede gerade jetzt mit einer keuschen Gebärde, einer scheinbar unbewussten Bewegung oder einem verwehten Blicke will. Ihr ist es klar: jetzt soll jener gefangen werden. Mit diesem Mittel? – Also hat er eine solche Individualität! – mathematisch genau kann das bestimmt werden.

Und der arme Narr glaubt, sein Gretchen oder Rautendelein, seine Marie oder seine Magdalena gefunden zu haben. Er ahnt nicht, dass die eine ihn durchschaut hat und die Figur darstellt, welche ihm als Ideal vorschwebt. Und das Weib, welches eben Zuschauerin ist, spottet über den Mann, der mit so kurzsichtigen Augen für ernst und wichtig nimmt, was eine andere ihm vormimt.

Ach! ach! haben wir denn gar keinen Stolz? Doch! Den, rückhaltlos zu unterwerfen.

Aber um Sklaven zu machen, müssen wir erst Sklaven werden. Trauriges Herrscherlos!

Was für ein verwickeltes Ding doch das Leben des Weibes ist! Alles um den Mann! Der Zweck heiligt auch da die Mittel. Stürzt nur dieser eine Zweck zusammen – was bleibt da im Weibesdasein von heute? – nihil!

O wie ich leide! Auch ich war so. Und nun werfe ich dies ganze Schauerliche, die lange Schmach von mir wie ein schmutziges Gewand. Weit schleudere ich es von mir!!! Meine Seele soll auferstehen in keuscher Nacktheit. Um meine Seele zu retten, mir sie zu retten, will ich alle Zurücksetzung, verletzte Eitelkeit und alles Daseinsmartyrium ertragen.

Seele du, Heilige, Verlassene! Fortan höre ich nur dich!

* * *

Alle Emanzipationsdamen haben Unrecht. Für uns kann es keine langsame Aufbesserung geben, so wie bei einem Auskultanten, dem man nach langen, treuen Diensten den Gehalt aufbessert.

Entweder – oder.

Entweder wir bleiben wie bisher – nichts als die Erreger des Mannes – die Freud und Leid ihm geben. Oder aber – weg mit dem allen und suchen, was wirklich in den Tiefen unserer Natur steckt.

Denn es ist noch etwas in uns, ganz auf ungeschauter Tiefe der Seele ruht es keusch, unentweiht. Ich fühle es deutlich. Nur Wollen! Nur einzig sich diesem Entdeckerziele weihen!

Ach! in unseren Seelen giebt es noch ungeahntere Zonen, als im dunkelsten Afrika und hinter Alaska und um des Nordens nördlichsten Pol.

* * *

Die Mannescivilisation hat uns verdorben. Sie tötet uns, sie macht aus uns nur ein Mittel für den Mann – eine seiner kleinen Zerstreuungen.

* * *

Wie kam es nur, dass ich dies alles in meiner Jugend nicht bemerkt? Konnte ich plötzlich so umstürzen, so etwas ganz Verschiedenes werden?

Wenn ich mich in mein eigenes Innere vergrüble, um zu finden, wo der neue Ton einsetzt, so entdecke ich – nichts Neues.

Wie vermöchte ein Mensch etwas seiner eigenen Grundnatur Verschiedenes zu werden! Niemals! Niemals! In ihm schlummern verschiedene Möglichkeiten. Das ist das Feste seiner Natur. Aber innerhalb dieser Grenzsteine ist der freie Tummelplatz seines Könnens.

Doch äussere Einflüsse wirken mit. Wir strecken, Nahrung suchend, unsere seelischen Fangarme ins Leben. . . Bald überwuchert der eine, wo der zweite verdorren muss, während der Dritte unerwartet emporwächst. Es ist alles so wunderbar im Menschendasein.

Aber das Heimlich-Tragische ist das Weibesleben, wie es der Mann geformt. Denn da ist nichts mehr, wie es die Natur gewollt, sondern der zusammenhanglose Eigensinn des Mannes, in dessen Hand alle öffentliche Macht ist, der sein »So und Nicht-Anders« sprach.

Ich entsinne mich des unerklärlich bangen Gefühls, das mich immer beschlich, wenn ich den Gärtner beobachtete, der mit seiner echt männlichen Verstümmelungswut den Bäumchen ihrer Natur entgegengesetzte Formen geben wollte. So ein Baum, welchem man beständig alle austreibenden Aeste abhaut, die sehnsüchtig heraustreiben, alles auf Kosten eines einzigen, der unnatürlich in die Höhe schiesst – so ein Baum ist das Weib.

* * *

Heute habe ich eine Studentin kennen gelernt Sie hat innerliche Augen und ein strenges, ernstes Gesicht. Aber es ist doch gemacht. Man empfindet, wie sie sich unter all’ diesen masculinums beengt fühlt. Das männliche Fluidum beeinflusst sie, so dass sie nicht wagt, weder rechts, noch links zu schauen.

Sonst sitzt noch eine geschiedene Frau da – bereits seit fünf Jahren. Und erzählt, wie’s mit ihrem Denken abwärts geht. Wir grüssen uns nicht. Ich habe ihr nämlich gesagt: Liebe Frau, ganz ehrlich: entweder machen Sie das Doktorat oder leisten Sie sonst was – oder – bleiben Sie weg – Sie schaden der Frauensache. Da wurde sie bös.

Na! Ich bin gewiss nicht für diese Art der Emanzipation, allein wer studiert, soll’s ordentlich thun oder – lassen. Immer die Ehre seines Geschlechtes im Auge haben. Für Persönliches kann man unempfindlich sein.

Ja, richtig! Noch eine andere lernte ich kennen. Das exotische Frauenzimmer, wie die Studenten sie heissen.

Die Studentinnen können sie nicht leiden. Sie wittern, dass das eine ist, welche nicht von ihrer Emanzipationspartei. Die Exotische jedoch macht sich nichts daraus. Sie hat einen lächelnden Hohn im Gesicht, wenn sie mit einer von ihnen spricht, als möchte sie sagen: Aergere dich nur, Kleine, das schadet dir nichts!

Die Exotische ist grundhässlich, ein Stumpfnäschen, ein farblos bleiches Gesicht, ganz närrische Augenbrauen, die von der Nasenwurzel steil in die Höhe laufen, als wären sie selber erschreckt über das Paradoxe der Gedanken, welche hinter dieser Stirne entstehen. Und dieser traurige Blick der grüngrauen, schmeichelnden Erlöseraugen! Und Wollust und Weh im Zug der vollen Lippen. Die arme Exotische! Die einen lachen sie aus, die anderen beten sie an. Sie aber macht ein so schrecklich gleichgültiges Schattengesicht, als wäre alles versunken und sie allein auf der Welt. Ja, der geht das männliche Fluidum nicht auf die Nerven.

* * *

Ich lernte eben einen jungen Doktor kennen. Er hat ein sehr aktives, helles Gelehrtenantlitz. Mich interessiert ja jetzt nur der Ausdruck am Menschen. Das unbelauschte Darunter- Durch- und Hinüberströmen der Unterempfindungen.

* * *

Er erzählte mir von der Exotischen. Sie soll gescheut sein, originell – am Schluss lächelte er: sagen wir lieber – verrückt! Das passt am besten auf sie.

Leisten wird sie nie etwas. Sie ist talentiert, aber faul. Na – ein Weib! sagte er mit einer Gebärde, in der eben so viel Bewunderung als Missachtung lag.

Ich erfuhr auch, dass sie Hella heisse. Und dass die Männer sie schön fänden. Unglaublich! Männer – o Männer! Sie hat ja allerdings etwas im Gesicht, was interessiert, etwas Perverses, Pathologisches.

Es ist ganz undefinierbar, weil es nicht in den Zügen, sondern in deren Ausdruck liegt.

Der Doktor sagte: Sie, schauen Sie die nur nicht so verächtlich an! Sie ist ein gefährliches Frauenzimmer. Weiss der Teufel, was sie hat! Wissen Sie, dass gemunkelt wird, dass einer ihretwegen in einem Duell starb und ein anderer sich erschoss. Weshalb? Kaum glaublich! Sie hatte ihn so lange hypnotisiert, dass sie friere und wie nur rauchendes Blut ihr warm machen könnte – ganz warm – da drinnen in der Seele, wo es ewig friert, bis der arme Teufel es ernst nahm und sich erschoss.

Ihren Mann halte sie ja auch zum Narren.

Ist sie verheiratet? rief ich erstaunt.

Ja, irgendwo da unten im Süden, von wo sie kommt.

Sie lässt ihn fast das ganze Jahr dort allein sitzen, verzehrt sein ganzes Geld, das er ihr willenlos schickt, während er hungernd und zerfetzt herumgeht und in Fiebern auf ihre lakonischen Briefe wartet: ich brauche noch Geld.

Ja, warum scheidet er sich nicht?

Das ist’s, er kann nicht.

Sie droht ihm oft damit, dann winselt und fleht er, sie möge nur sein bleiben, er wolle alle ihre Bedingungen eingehen.

Das schreckliche Weib! das! rief ich.

(Ich weiss nicht warum, im tiefsten Innern jedoch freute ich mich dennoch, dass einer der Quälgeister, auch so ein Mann, einmal gemartert werde.)

Und sie ist ihm treu, gewährt jedoch auch ihm nichts. Sie hat eine Art zu reizen und dann eisig kühl zu sein . . . .

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Wenn ich nur wüsste, was an Frauen die Anziehung ist. Hella beschäftigt mich als Problem. Alles das, was andere scheinen wollen.

Schön ist sie nicht. Allerdings behaupten es die Männer. Aber es ist nicht wahr. Kokett ist sie auch nicht. Im Gegenteile. Sie geht immer wie eine Somnambule dahin, die man erst ins Dasein zurückrufen muss. Sie scheint gesammelt, im Innern zerwühlt von etwas, das sie nicht gesteht. Als glühte eine innere Welt von Sonnen in ihr. Wie sehr ist sie die Allzufremde!

Ich wandle dahin, wie im Wahnsinn denkend: was steckt hinter all’ diesen Stirnen? Was für Kräfte und Mächte liegen in dieser oder jener Seele? Gehe ich vielleicht achtlos an der stillen Gebärde eines Grossen vorüber, während die brutale Aufdringlichkeit eines Hohlkopfes mich aufschauen macht?

Es zittert in mir das Verlangen, in all’ diese Seelen mich forschend zu verkriechen. Ja! ja! das will ich.

Alle Wissenschaft befriedigt mich nicht. Das Interessanteste des Interessanten ist der Mensch. Aber die Wissenschaft weiss von ihm nichts. Da schwätzt einer in aufdringlicher Plauderhaftigkeit von der Vernunft, steigt dann vom Katheder herab und läuft in Schnee und Regen trotz seiner kranken Brust einem Weibsleib nach, dessen Duft ihm in die Nerven kroch.

Der andere wieder fleischert am Menschenleibe herum, sägt Menschenknochen, als wären sie Holz und legt kleinste Teilchen unter das Mikroskop, dennoch weiss er nichts.

Was wüsste er denn? Dem Uebel, das er nicht kurieren kann, giebt er einen possierlichen Namen. Voilà tout. Menschheit, sei zufrieden damit.

Und geschunden wirst du in den Spitälern. Nicht in allen – o nein! In manchen dominiert Menschenliebe und ernstes Wollen. Aber nicht überall.

Das ist wieder dies Grausige: das Immer-Gleiche in immer neuer Form. Einst thaten es Priester und heute die Aerzte.

Nicht alle Priester. O, es gab auch deren Edelst-Opfernde. Aber einige von ihnen, die Scharlachroten. Die, welche in alter Zeit zum Gottesdienst Menschenopfer verlangten; die, welche im Mittelalter die Inquisition fanden, um ihre Nerven in Wollust zu versetzen.

Heute wäre in keinem Kult mehr die Möglichkeit gegeben, zu martern. Aber immer giebt es Ungesunde, deren Verlangen dies ist. Heutzutage müssen sie, um es straflos thun zu können, Chirurgen werden.

Wenn mich jemand hörte! Gleich würde der schlimme Fehlschluss gethan, ich beschuldigte die Chirurgen, sie seien Schinder.

Die Menschen lieben es ja, Gesagtes falsch zu verstehen.

Aber man braucht nur an einer Klinik die jungen Aerzte zu beobachten. Den freut es, eine Krankheit zu entdecken und ihr beizukommen; jener ist Chirurg, weil es so ziemlich das einträglichste Brot ist, aber einer ist sicher darunter, dessen Augen in Wollust funkeln, wenn ein Patient aufkreischt. – – – 

Wir Kranken von Anfang der Erde an! Wir, wir – was sind wir?

Nur mit Schaudern entsinne ich mich eines auswärtigen Chirurgen, der erzählte, er liesse vor die vor Schmerz brüllenden Patienten Phonographen aufstellen, um Art und Rhythmus des Qualschreies zu studieren. Welche grinsende Wollust trieb sein ganzes Wesen auseinander, als er dies mit luststockendem Wort erzählte!

Und auch den hatte ein Weib geboren!

Wir, wir, denen grellrot und purpurrot nebeneinander quälende Kopfschmerzen verursachen – wir leben noch in einer Zeit von Blut und Mord und Qual. Wir dulden alle diese Greuel ohne ein Wort der Auflehnung.

Ist der Gesichtssinn älter, daher verfeinerter schon, als jener dunkle, innere, örtlich noch nicht fixierte, unbekannte Sinn in uns, der Menschen zu dem Schrecklichen macht, das sie heute noch sind.

* * *

An keiner Fakultät etwas, was den Menschen verstehen lehrte, all’ sein Rätselhaftes, Unberechenbares.

Unberechenbar, weil wir eben keine Psychologen sind. Keine Seher!

Immer redet nur das dumme Gehirn als ewig wiedergebender Phonograph des Einst-Gehörten, darunter aber rauschen und knistern die geheimen Fluida, die so rasch und zart aufeinander folgen, dass unsere Plumpheit sie nicht fixieren kann.

Das will ich. Will! Will!

Schon jetzt bin ich tausendmal empfänglicher als andere. Ich zittere, wo andere noch nichts bemerken. Mir sind Nuancen empfindbar, für die andere keine Sehkraft mehr haben. Gerüche dissonierend, die der übrigen Stumpfheit nicht empfindet. Ich errate Gedanken, ehe sie gesagt sind: ich fühle sie.

Ich wittere Dinge, sehe die Ausstrahlungen der Menschen in dem wechselnden Schiller ihrer Empfindungen – das, das noch unendlich verfeinernd steigern und so hinter den Menschen kommen.

* * *

Und – – –!

Wo ist die Seele?

Es giebt keine; alles ist Leib.

Gut, aber dann: wo steckt der Teil des Leibes, dessen Funktion wir Seele nennen?

Im Gehirn, in den Nerven.

Aber das Gehirn denkt, doch unter dem Denken kreisen tausend magnetische Ströme des Fühlens, Wollens, Begehrens. Anziehung und Abstossung zugleich.

Es ist manchmal etwas, was an dir durch dich geschieht ohne dein Wissen und Wollen.

Etwas, was von wo anders herüberweht.

Kommt dir nicht plötzlich ein Duft vorüber – eine Erinnerung – ein Glanz – ein Gesicht, das du nie gekannt, dennoch aber meinst gesehen zu haben? Das plötzliche Gefühl einer tiefen, schwülen Neigung zu jemand – du weisst nicht, wen – – – –

Rätselhaft!

Frag’ einen Arzt: das war eine Gesichts- oder Gehörshallucination, Pseudohallucination, Vision u. s. w.

Frag’ einen Psychologen. Er wird erfreut über deine Empfindlichkeit deine Gefühle messen. Ist er ja doch ein Vertreter der experimentellen Psychologie. Für ihn giebt es eine Seele. Er wird dir gleich beweisen, welcher Art sie ist.

Schnell den Arm in ein Glasrohr mit einer Messuhr verbunden oder die Zunge heraus, Augen zu – und, jetzt 3 Tropfen Bitteres und dann 3 Tropfen Süsses. So! Derart werden deine grossen, weiten, weltallströmenden Gefühle gemessen. Siehst du, es ist keine Irrung möglich. Der Zeiger hat’s angestrichen – da sind sie: schwarz auf weiss.

O wie ich mich manchmal in banger Wut fluchend zur Erde werfe und stöhnend suche, was es denn sein könne: dies »Wir und die Welt«.

Ein paar armselige Formeln sollten das Leben zusammenfassen können?

Ei, damit werden uns nur die Augen verklebt.

Mich schauert! Dieses Kolossale, Grauenerregende, das Leben! Stets anders! Wie ein schönes Weib, getaucht in immer neuer Gewänder neue Farben – prächtig rätselhaft – verderblich und ewig neu!

Die heutige Wissenschaft geht einen schiefen Weg. Ja, das habe ich sofort gewittert, als ich an die Universität kam.

Der deutlichste Beweis dafür, dass fast alle jene, die in einem Wissenschaftszweige Pfadfinder waren, es ausserhalb ihres Specialfaches wurden! Ein Faktum, das Pädagogen nachdenken machen sollte. Aber wann hätten diese Zeit dazu!

Ich glaube, wir Laien stellen uns falsch zur Wissenschaft. Wir wollen, dass sie das Absolute sei. Das, was uns alle fiebernden Fragen löst und stille macht. In Wirklichkeit aber hat sie wenig selbst gefunden, sondern das Wunderbarste kam ihr durch Zufall oder war das Wissen jedes beobachtenden Menschen. Sind wir stillen Leute des Schauens uns z. B. nicht immer klar gewesen, dass es Fernwirkung gäbe? Die Gelehrten verhielten sich ablehnend dagegen. Nun aber versuchten sie selbst die Suggestion von Mensch zu Mensch. Seither darf sie existieren.

Die Wissenschaft giebt einer oft schon durch Jahrhunderte bekannten Thatsache die offizielle Bestätigung.

Und die Philosophie? Ach! Schopenhauer ist tot, Nietzsche ist tot – und diese beiden, die die Ehrlichkeit des Beobachtens hatten, sind in den Lehrbüchern nur mit kürzester Geringschätzung behandelt.

Sonst giebt es Sociologen – Aesthetiker – Psychologen – aber keine Philosophen.

Es ist auch noch nicht der Moment dazu da – die Naturwissenschaften wollen noch entdecken, doch zeigen sie jedenfalls Neigung zu einem zusammenfassenden Denken.

Und obwohl es gewiss noch ein subtileres Zu-den-Dingen-Kommen giebt, als Denken, so sei auch dieses gepriesen.

* * *


Es stürmt draussen. Ich lag wach. Mir ist angstvoll und trüb. Mein Schicksal fällt wie ein Meer über Klippen in dunkler Nacht.

* * *

Ich habe mich gestern erhitzt. Wie schlimm, dass ich. mir das nicht abgewöhnen kann. Es trübt des Blickes Klarheit.

Wollen die Wissenschaften denn überhaupt den Menschen verstehen lernen, oder ist er eben ihre erste Voraussetzung, von der aus hinausgebaut wird ins Ungekannte?

Was mich sonderlich erschreckt, ist das Formelwesen. Die Mathematik – jener unersättliche Vampyr, der den Specialwissenschaften alles Leben aussaugt, so dass von ihrem Einst-Sein nichts als Rückstand bleibt, wie das versteinerte Skelett einer Formel.

Formel, Formel, F-o-r-m-e-l-n! Auf ihnen werden neue aufgebaut und diese wieder bilden die Basis zu anderen.

Kein Ende abzusehen und der Anfang unerkennbar, unkontrollierbar, tot. Wir vermuten ins Unbekannte voraus und zurück. Das eine Unbekannte nehmen wir als bekannt an, das zweite als auffindbar, voilà tout.

Und die Menschen, deren Amt ist, solches zu thun, zittern nicht? Sie erbeben nicht vor jenen Abgründen des Nichts, in denen Wahnsinn lauern muss? –   –   –    –    –    –     –    –   –

O warum lässt sich meine Jugend nicht vom Glanz meiner Augen und vom Leuchten der frischen Haut ins Leben führen, sondern geht dem bitteren Dämon des Zweifels nach!

*

Will ich es? Hab’ ich irgend einen Ehrgeiz? Nein! nein! Es geschieht mit mir, dass ich grüble. – – – –

* * *

Ich las heute eine Schilderung von Segantinis Heim und Tod. Es wurde mit den einfachsten Worten gesagt. Alles war nur Ausdruck in der Gesamtheit.

Nicht wie die kleinliche Filigranarbeit des Beschreibens schien es, sondern einem Geschehen gleich, reihte es sich ineinander und wurde vor uns: Die niedere Blockhütte in Gletschernähe, unheizbar, und drinnen der Schaffende im Sterben. Doch, als ob der Tod des Lebens kleine Nebensache wäre, lässt jener seinen kranken Leib ans Fenster ziehen und sieht über die Eisspitzen in die Wolken. Drunter ist nur die Erde.

Derweil vollendet der Schmerz in des Künstlers Leib sein ekles Totenamt, jener aber horcht hinaus in das Schweigen der Natur und denkt nicht, was geschieht – schaut nur und nimmt die Augen voll von allem Schönen! . . . . die . . . brechenden . . . . Augen . . . . .

* * *

Die Kunst ist der Allzuspäten Retter. Ohne sie Verderben, Ersticken, Wahnsinn!

* * *

Wäre ich so gewaltig wie jener Tote! Nicht auf seinen Schmerz und Tod achten, weit-sein von sich selbst! Könnte ich das! ich armes, einsames Weib.

Ich bin wieder unter die Menschen gegangen. Dieselben, die ich bespöttle, verachte, belächle, waren mir heute lebensnotwendig.

Als käme ich aus Tod und Eis in den Frohsinn des Frühlings hinein, so wurde es mir! Menschenwarm!

Mit allen sprach ich. Zuerst mit meiner Wirtschafterin. Sie irritiert mich sonst mit ihrem lauten Thüröffnen, dem heftigen Gang und ihrem listigen Dumme-Leute-Gesicht.

Wie sie mir mein frugales Mahl brachte, nur einen Teller und kein Getränk, sprach ich auf sie ein.

Lauter Dinge, die sie absolut nicht verstehen konnte. Sie antwortete wie eine Dame, mit »ja« und »natürlich« und »gewiss« an den unrichtigsten Stellen, zog sich also mit Anstand aus der heiklen Situation.

Nachdem ich mich über Staat, Gesellschaft und Menschenzukunft genug erhitzt hatte, gab ich ihr ein Trinkgeld. Da ging sie dankend hinaus, sagte, ich hätte ganz recht und solle aber schnell wieder heiraten, denn dazu sei man eigentlich da.

Nun begriff ich, warum sich einsame Leute lieber Katzen zu Gefährten nehmen.

* * *

Darauf ging ich aus und begegnete Keilen. Welch ein beschränkter Mensch! Ich hätte mir nie gedacht, dass so etwas Einfältiges existieren könne. Ich weiss wahrhaftig nicht, wer von uns beiden bornierter ist – er oder ich, die ich es nicht für möglich hielt, dass so etwas Dummes existiere. Da sieht man wieder die moderne Plebejerthorheit der allgleichmachenden Bildung durch gleiche Erziehungsmittel. Er hat Nietzsche »ganz gerne«, findet den Zarathustra »sehr hübsch« und Klingers Kassandra »menschlich ansprechender« als die Salome! Die Salome! Ein so nie möglich, nie ersinnbar grosses Kunstwerk! Hahaha! Wagners Musik versteht er nicht, s’ist nicht »sein Genre«! Am liebsten hat er Lortzings Waffenschmied und die lieben Köpfe von Thumann.

Der Elende! Besudelt er nicht alles Hohe, was sein stumpfer Sinn beleidigt? Aber das ist’s! Es giebt ein Freimaurerzeichen einer geistigen Aristokratie: Je mehr die Dinge an uns abgeben, desto mehr sind wir wert.

Sie haben gleichsam die unaufdringlichen Gebärden grosser Menschen, die nur dem empfindlichsten Auge sichtbar werden.

So kann selbst die Gleichheit kommen.

Evoë, Gleichheit als vollkommenste Ungleichheit. Gleiches Brot mit uns – das ist Massengleichheit« Denn der höhere Mensch wird immer der Intensiv-Geniesende und Masslos-Leidende an allen Dingen sein. Der Durchschnittler streift unberührt an allem vorüber.

Nun geh’ ich schon so viele Monate tagaus, tagein ins Museum und stehe vor der Salome und der Kassandra und weiss nicht, was thun vor innerem Glück im Anblick dieser grossen Kunst. Da seh ich, wie mancher vorüberkommt mit dem stummen Tiergesicht des Frohnmenschen und gafft, mit einem Blick, welcher fragt: was ist denn da zu sehen?

Und dann witzelt er mit seinem Begleiter über die nackten Genitalien eines Bacchos nebenan.

Nichts spricht ihm von der Schönheit eines Aktes, noch vom Tragischen, das im Geschlechte liegt.

Selbst das Heiligste wird ihm noch zum Schmutze. Denn verflucht hat ihn sein Gott vom Anfang seiner Tage und sein Auge von ihm abgewandt. Stumpf muss er wandeln unter dem Joche seiner Tierheit bis zum Grabe. Und kein gütiger Gott schenkte ihm die Gabe, zu jauchzen und zu leiden, wie der Edle!

Ach! Du Verstossener, dem alles zum Schmutze wird, kehre in deinen Kot zurück, wohin du gehörst!

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –  –   –

Da war ich letzthin in der Gemäldeausstellung der Malerinnen. Schrecklich! Beiläufig gesagt der Gipfel der Talentlosigkeit. Aber das noch Entsetzlichere waren die Bemerkungen der pomadisierten parfümierten Herren.

Hier war eine andere Kaste Plebejer. Jene, welche durch die Masse ihres Speckansatzes und den englischen Schnitt ihrer Kleider symbolisch ihren Reichtum ausdrücken. Ach! diese Jahresringe des Speckes.

Huh! Mir graut! Es ist doch ein Abstand zwischen verschiedenen Leuten. Es lebe die Distanz!

Gleichwohl, aus welcher Schichte du kommst, trägst du’s in dir, so verwischst du die Zufälligkeit deiner Geburt und wirst das Edle: ein Mensch. – – – –

Der Keilen hält mich für verrückt, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Es giebt Menschen, die einen durch ihren Beifall nur beleidigen könnten. – – –

* * *

Eben hörte ich etwas Amüsantes über Hella. Sie besuchte einen Berliner Schriftsteller. Er thut sehr interessant und seine Frau sehr verführerisch. Hella kam und setzte sich ohne Gruss in die Ecke, mit einem Blicke, der zu sagen schien: »Nun, so spielt mir doch eure Komödie vor!

Danach sprach sie zu seiner Frau: »Kommt es Ihnen nicht erniedrigend vor, so Ihr ganzes Leben darauf zu verwenden, Männer zu fangen? Mit dem Kokettieren zieht man höchstens Hohlköpfe an; das Dümmste und Schlechteste am Männermaterial und weiss der Himmel, alle sind sie nicht viel wert Wissen Sie, das liegt tiefer – die heissen Unterströme, die geheimen Fluida, die von uns aus ohne unser Wissen zum Manne überströmen und denen er verfallen muss. Ja! das ist’s! Wir können dabei an ganz anderes denken oder schlafen oder träumen – das Geheime in uns zieht an oder stösst ab, ohne unser Wissen und Wollen.«

Alles war starr. Einige Herren näherten sich Hella. Sie aber sah niemand. Zerstreut, gefangen an der Angel ihrer eigenen Gedanken ging sie wieder zur Thüre hinaus.

Klingt das nicht wie ein Märchen? Diese Hella ist wirklich verrückt.

Ich lernte Hella persönlich kennen. Die Norwegerin mit dem neutralen Gesicht stellte uns einander vor.

Sie ist wirklich das sonderbarste Frauenzimmer, das ich je kannte und weiss Gott! Frauen untereinander sind ausgesucht langweilig.

Sie sparen ja ihre ganzen Kräfte zum Männerfang. Die Exotische macht den Eindruck masslosesten Stolzes. Ich sah edle Menschen, die sich verbergen, geringer oder anders scheinen wollen, aber für sie existiert absolut niemand. Es ist ihr gleich, ob man gut oder schlecht oder irgendwie über sie denkt. Ihr Sprechen ist ein lautgewordenes Denken. Das Bizarrste sprudelt da in unschuldvollster Gleichgültigkeit hervor.

Wir sprachen über Perebenzky. Die Norwegerin kannte seine Frau und erzählte, dass dieselbe sehr schön sein soll. Dann drückte sie ihr Missfallen an jenen Schriftstellern aus, welche die Liebe in etwas flammenden Farben schildern. Sie verteidigt die geschlechtliche Kühle als Princip, als einzig Wahres und Schönes. Ihr missfällt alles, was unvorbereitet angeweht kommt, wie die Leidenschaft.

Daher schimpft sie auch über Perebenzky und zwar mit ihrer gleichgültigen, farblosen Totenstimme.

Ueber Hellas Züge flackerte es. Perebenzky? Aber ich bitte Sie! Der will das Weib kennen? Hahaha! Niemand kennt es so wenig wie er. Aber er kennt sich, das Männchen. Ja, das kennt er wie kein Zweiter.

Nur seine ewigen Männerinstinkte, die er

sich erfindet, die hatte bisher nur der heilige Joseph, weil er ganz ad acta gestellt wurde.

Die Blüte erster Jungfräulichkeit war ja sozusagen bis ins vorige Jahrhundert ein Vorrecht des Gutsherrn und früher, im Altertum, der Priester.

Und bei den Wilden ist’s noch heute ein abscheuwürdiges Unreinwerden, ein noch unberührtes Weib zu nehmen. Das besorgen dort alte Lüstlinge, die niemand mehr will.

Des Weibes Keuschheit liegt in der Seele. Es kann eine noch Jungfrau sein und schon so besudelt von unreinen Lüsten und Gedanken, dass die letzte Brutalität auch schon bedeutungslos ist. Und eine andere kann Weib sein und im Männerarm gelegen haben und dennoch ist jedes sich Hingeben ein neues, erstes Geraubtwerden, ein erstes Zittern, eine erste Furcht.

Das ist das keusche Weib, dessen Gedanken nicht von Sinnlichkeit zerfressen sind. Welches nicht wie das Männchen, von innerer, ewig gärender Lüsternheit zerfleischt, herumläuft, mit erweichtem Gehirn und den stieren, blöden Augen.

Das keusche Weib, welches, sich selbst ein heiliges Mysterium, nichts von den düsteren, unheilvollen Unterströmen weiss, die das Geschlecht erwachen macht. Deren schimmerweisse Seele gar nicht ahnt, was während der epileptischen Liebeskrämpfe ihren Leib entweihte.

Die Norwegerin wurde böse und sagte, dergleichen Gespräche solle man auch unter Frauen vermeiden.

Die Exotische redete weiter, ohne auch nur zu hören, was die Norwegerin sagte.

Ja, rief sie, mit einem unheimlich brennenden Dunkel um die Augen: Ich hasse jenen Schriftsteller. Niemand auf der Welt, nur ihn. Die Tage und Nächte ging ich herum und dachte, dass ich ihn spielen höre – so schön, o so schön und ich hasste ihn. Ich weiss nicht warum. Wie sollte ich das wissen? Aber mit eigener Hand wollt* ich ihn erdrosseln. O wie!

Ihre ganze Stimme wurde heiser und unterdrückt. Und dann, nach einer kleinen Pause: aber er ist ein tiefer Künstler.

Wir gingen still dahin. Die Norwegerin verabschiedete sich verstimmt. Hella sagte: Sehen Sie, wie die nach allen Richtungen hin künstlich verdorren und vertrocknen muss, um nach einer Richtung hin konstant bleiben zu können? Das ist allerdings auch eine Moral, ja sogar die allergeübteste, weil sie die leichteste ist. Jeder Krüppel kann da noch mit.

* * *


Ich weiss doch nicht recht, was ich thun soll. Unpraktisch bis zur Dummheit. Dieses Quartiersuchen – schrecklich! Von einem Hause ins andere laufen und immer diese blöden, stieren Gesichter. Dieselben stereotypen Antworten – schauerlich! Derselbe dicke, ungelüftete Geruch und die gleiche Geschmacklosigkeit der Einrichtung.

Der Bettelprunk imitierter Seidenplüschmöbel mit fourniertem Nussholzgestell. Die Farben schreien wie ein Patient beim Zahnziehen! Dazu die verschiedenen Angehörigen in schauerlichen Rahmen. Zur »Veredlung’* des Geschmackes Gipsfiguren in schlechten, ungenauen Abdrücken, überpinselt mit Gold oder Kupferstaub, so dass alle eventuellen noch vorhandenen feineren Linien durch diese dicke Kruste ausgefüllt sind. Oder eine Venus in fönte, aus demselben edlen Material wie die Ofengabel und auch eben so künstlerisch.

Dazu der Landesherr in Chromo. Und an den Wänden kriechen die Tapeten hinauf, diese immer gleich herauswachsenden, schauerlichen Ornamentfratzen, welche erbarmungslos an den Wänden emporwiebeln. Entschieden! Tapeten machen mich nervös.

Ich falle immer zerschmettert gleich ins erste Logis und bleibe dort. Menschenscheu bin ich. Das ist wahr. Schon so vollgetrunken von innerer Leuchtkraft, dass mir alle Aussenwelt unerträglich ist.

Ich werde doch zu Dr. Gerhardt gehen. Wo wohnte er nur? Zwei Jahre sah ich ihn nicht. Vielleicht ist er ausgezogen. Aber jedenfalls will ich es versuchen. Er war ein guter Kamerad.

Ja! Das ist das einzige Wort, welches auf ihn passt.

Zur Freundschaft wäre er nichts. Er ist zu positiv, hat keine Zeit zu seelischen Grübeleien.

Aber einen praktischen Rat, ein freundliches Wort schenkt er gern.

* * *

Es kommen Stimmungen über mich. Plötzlich scheint es, als fielen alle Schleier. Als zöge man mir die letzten Möglichkeiten von den Knochen. Ich erwache gefoltert – nichts, nichts mehr da! Ja, das Gefühl des Erwachens im Wachen, dieses plötzliche Hineinfallen ins Sich-Bewusstwerden und darauf die schreckliche Sehnsucht, zu sterben.

* * *

Ich war bei Dr. Gerhardt. Wie merkwürdig! Als ich die Treppen hinaufstieg, schämte ich mich gar nicht. Ich bin sicher, dass ich gezittert hätte, wäre ich zu einem Geliebten gegangen. Er kam gleich heraus und führte mich in sein Studierzimmer. Elend! Elend! Aber doch, wie ich mir’s wünschen würde. Keine Tapeten. Ein ruhiges einförmiges Grau, das den sich verlierenden Blick nicht aufschreckt. Und Bücher, vom Boden aufgestapelt.

Er deutete auf das Mansardenfenster und lachte: ich habe Oberlicht, wie Sie sehen! Dann kam er mit seinem freien, offenen Blick zu mir und schüttelte mir die Hände: Nun, wie geht’s, was machen Sie?

Er erzählte darauf von seiner Studienreise, seinen wisssenschaftlichen Arbeiten. Ich hörte gar nicht zu. Wenn ich nur diesen Seelenzustand wiederzugeben wüsste! Ich sass in der Ecke und sah nach ihm. Nicht seine Worte, noch ein einzelnes an ihm machten mir Eindruck, sondern das Ganze. Die erdrückende Gesamtheit dieser Lebenskraft.

Dieses Aus-Sich-Hinauswollen, dieses Zittern nach der That, dem Kampf, der Gefahr!

All’ dem wir Müden feige und scheu ausweichen.

Plötzlich kam ich mir innerlich grau und fahl vor. Alle meine Illusionen zersanken wie Schatten. War ich nicht auch ein Schatten? Liegt nicht krankhafte Müdigkeit in dem, was ich meine Genesung nenne? Ist meine Gesundheit nicht eine Krankheit? So nebelflackernd wie Geisterschemen ist all’ mein Wünschen, Wollen, Sehnen.

O! Diese kranke Gesundheit von mir. Dort war Kraft. Der strotzte vor Lebensenergien. Gewiss! Für ihn konnte Europa nichts sein.

Was wollte er unter der angefaulten Atmosphäre der grossen Müden?

Ueber den Ocean hinüber. Dort arbeitet man noch aus Lust zur Arbeit! Sehr plebejisch, aber Zeichen von Kraftüberschuss.

Nun, wie steht’s? sagte er. Haben Sie etwas für sich gefunden?

Nein. Ich dachte noch gar nicht daran.

Hja! Sie warten bis zum letzten Augenblick. Kommen Sie mit. Wollen Sie hinüber? Ich habe eine einflussreiche Freundin, die verschafft Ihnen eine Lehr- oder Journalistenstelle. Sie verdienen das Dreifache als hier. Was versauern Sie in dieser Philisterei hier? Nun? Kommen Sie?

Ich wurde still. Mehr verdienen, aber auch mehr arbeiten. Weniger Mensch sein. Nein! Ich bin Europäerin. Mit Wenigstem kann ich mich bescheiden, was äusseren Wohlstand betrifft, aber ohne die tausend Genüsse des Kulturmenschen kann ich nicht leben.

Ein dürftiges Zimmer, ein schlechtes Kleid, schmale Kost werd’ ich, wenn es sein müsste, allenfalls ertragen können, aber ohne die Seligkeiten der Musik und das anschauende Geniessen hoher Kunstwerke würde ich zu Grunde gehen. Was nützt mir der Besitz? Nichts. Ich geniesse etwas Schönes, dem mein glückliches Auge begegnet, ohne dass es mein sei. Ein adeliger Gang, eine feine Gebärde, ein edel geformter Satz sind Dinge für mein stilles Beten. Nein! Ich kann nicht! Meine Seele würde verhungern. Nichts mehr Schönes sehen noch hören – nur Arbeit, Comptoir und dumme Geschäftigkeit und papierene Millionen – nein! nein! Es brächte mich um.

Nun? sagte er nochmals.

Die Minute war entscheidend. Seine Freundin, Posten – Anstellung – Sorglosigkeit dort – vielleicht Not hier – alles wirbelt in mir.

Nun? erscholl es vom neuen.

Nein!

Wie Sie meinen. Aber es ist unsinnig von Ihnen.

Ich stand auf. Wann fahren Sie?

In acht Tagen von Hamburg ab.

Jetzt fiel mir ein, dass ich wegen einer Wohnungsadresse kam: Wissen Sie keine?

Er suchte auf seinem Tisch: Da, vielleicht ist dies was für Sie.

Ja. Sehen Sie wohl. Gut Glück also für’s neue Leben.

Haha! Danke! Will’s wohl meinen. Das Glück macht man sich selbst. Uebrigens sehen wir uns doch wohl noch vorher.

Vielleicht! Wie’s der Zufall giebt.

Sie! Sie! Mit Ihrem Zufall. Wie kann eine junge Person so schlaff reden? Den Zufall macht man sich.

Ich antwortete nicht. Oben hing ganz verstaubt, an 4 Reissnägeln befestigt, »des Simplicius erste Arbeitsstunde«.

Plötzlich war alles Denken ausgeschaltet Meine Sinne hingen mit allen Seelenaugen daran: Dieses süsse, tiefsinnende Antlitz des Simplicius. Wunderbar geheimnisvoll, wie der deutsche Wald. Kein Frohnmenschen- oder Comptoirgesicht. Die edle Tiefe dessen, der Zeit für die Wunder seiner Seele hat.

So was werden Sie drüben entbehren müssen.

Hahaha! Das wohl! Hätte auch keine Zeit dazu. Ich will mich ausleben.

Jetzt musste ich lachen! Wenn Sie sich wie ein Narr arbeitend quälen, heissen Sie das leben? Ich gratuliere. Jedenfalls werden Sie in den Stunden der Abspannung Zeit haben, eine Statue des Präsidenten im Cylinder zu bewundern. Das muss schön sein. Ist der Cylinder aus Marmor oder Bronze? Hehe! Ich gratuliere. Oder war das wo anders über dem Meer? Ich glaube fast.


Und zum ersten Male in meinem Leben wurde mir weich und heimatswarm: Europa, meine Heimat!

* * * * *

Die arme Tante Rosa ist tot. Mindestens zehn Jahre sah ich sie nicht. Denn unsere Familie und die ihre waren im bitteren Missverstehen. Dort das Kaufmännisch-Brutale, bei den Unseren von weiblicher Seite die sensible Affinität alter Adelsgeschlechter. Nur von Ferne entsinne ich mich, dass mir die Tante Rosa heimlich ein klein wenig sympathisch war, denn sie hatte das traurige Gesicht derer, die in ihr eigenes Geschick nicht hineinpassen und sich darin unwohl fühlen.

Aber es kam nie zu einem teilnehmend verstehenden Wort.

Tante Rosa hatte mit vielen alternden Mädchen, denen es versagt blieb, einen Verwalter und Vermehrer ihres Vermögens in Form eines Ehegatten zu finden, die schlimme Angst vor der Not. Immer meinte sie, ihre Gelder seien nicht gut deponiert. Sie wechselte ihre Papiere, verteilte alles auf verschiedene Banken und darbte fast, wenigstens im Verhältnis zu ihrem Einkommen. Niemand wurde klar, wieviel sie hatte. Sie war bescheiden gekleidet, gönnte sich keine Vergnügungen, damit ihr Alter in Ehren ohne Not daherkäme. So hatte sie nach unerfüllten Jugenderwartungen einen freudlosen, fahlen Herbst. Welch ein armes Leben, das nur an einen Winter zu denken hat! Und plötzlich, als ihr gequältes Hirn in der endlosen Reihe der immer gleichen Tage sich zu beruhigen anfing, kam allzufrüh der bittere Tod.

Ich hatte sie jahrelang aus den Augen verloren, und in den neuen Bildern des Lebens war sie meiner Erinnerung entschwunden. Ihr Tod wurde mir nicht mitgeteilt.

Erst durch das Gericht erfuhr ich später davon, dass ich nach einer dann und dann verstorbenen So-und-So als Nichte den rechtmässigen Pflichtteil zu bekommen habe.

Arme Tante! War sie mit dieser lächerlichsten aller gesetzlichen Erstarrungen vertraut?

Hätte sie mich wenigstens enterbt! Oder blieb dieses äusserlich schroffe Mädchengemüt dankbar für jenen ersten verstehenden Blick stummer Teilnahme, der sich in der langen Reihe erlebnisloser Tage zu ihrem einzigen Fünkchen Wärme aufzuhellen schien – – –

Wer weiss es!?

* * *

Da bin ich denn auf die allerunerwartetste Weise ausser aller Sorge. Das heisst, wenn man getragen von den Schicksalen der ganzen Menschheit dahingeht, so bleibt wenig Zeit, in die Kleinigkeiten des eigenen Geschickes zu blicken.

Aber die innere Ruhe kommt. Das Einzig-Werte, aus dem Edles entstehen kann.

Wohlan denn! Werd’ ich nicht, was mein Wollen mir versprach, so muss ich den Dolch rücksichtslosen Hohnes ins eigene Innere senken.

Keinerlei Aeusseres könnte mich mehr entschuldigen.

* * *

Hella und ich waren heute beisammen. Sie sagte: Liebe? Aber ich bitte Sie, Sie wissen es so gut wie ich, wenn irgend etwas eine Fabel ist, so ist es die von der Liebe des Weibes zum Manne. Dazu hätte ja keine inmitten ihrer Berechnungen und Schachzüge Zeit. Sie muss ja aufpassen, wie sie ihn fängt.

Ich bin da allerdings völlig Hellas Meinung, allein um sie zum weiteren Reden anzufeuern, widersprach ich: Was ist’s dann mit den Frauen, die aus unglücklicher Liebe sterben?

O ich bitte Sie, es stirbt keine.

Höchstens aus Schande, Not, Elend, wenn schon die Frucht im Leibe wächst. Von Liebe weiss sie gar nichts.

Fragen Sie eine Frau, wie sie sich die Liebe vorstellt: Liebe ist ein das Weib anbetender Mann.

Das ist noch das vornehmere Genre unter ihnen. Es giebt ein noch Schlimmeres, das denkt: Liebe – die Versorgung des Weibes.

Wir sind nur so verkrüppelt durch männliches Denken, dass wir alles aus seiner Optik zu schauen gewohnt wurden.

Niemand aber will sich selbst wehe thun, am allerwenigsten der Mann. So verbreitet sein eitler Glaube das Märchen vom Weibe, das nur leben will, um Ihn zu lieben!

Nur die wenigsten, allerseltensten, die Spitzen der Frauenwelt kannten die grosse Tragik der Liebe. Ihnen war sie nicht Ehe oder Prostitutionsgeschäft – was nur die verschiedene Form eines Gleichen ist.

Diese haben geliebt. Sie konnten es sich erlauben. Viele sind es nicht: Sappho, Heloise, Sonja Kowalewsky und ein paar Freundinnen grosser Männer.

Haben Sie je geliebt? (Ich bemerkte die dumme Frage, als sie gethan war.)

Sie erfasste sofort die geheime Gedankenreihe, als deren letzter Ausläufer diese Frage kam und lächelte ironisch: nein.

Aber dann, mit einem fast spitzbübischen Ausdruck: Aber es kann noch werden.

Darauf erlosch ihr Antlitz. Etwas grässlich Wehes lag darauf.

Sie reichte mir die Hand und schied. –

Auch an mir frass der Schmerz und leckte mit seinen Flammen an meiner Seele. So ist’s! Der unschuldige Zufall eines Wortes, eines Gedankens, welcher im gelehrten Stelzenschritt daherkommt und noch eine ganze Reihe solcher Gedankenketten nachzieht, bleibt stehen, vernebelt gegen die Wucht, mit welcher, durch ihn heraufbeschworen, ein Arges, Wehes in unserer Seele emporloht. Was ist die Seele!?

* * *

Hella geht fort. Sie ist noch düsterer und verschlossener als sonst. Heute nahm sie von mir Abschied.

Als sie mir ganz stille die Hand reichte, sagte ich: Es thut mir sehr leid, Hella, dass Sie gehen. Zwischen uns wäre doch vielleicht das Ewig-Unmögliche einer Frauenfreundschaft realisierbar geworden.

Vielleicht, sagte sie verträumt! Und dann schalkhaft: Wir sind ja alle beide sozusagen nach derselben Richtung hin verrückt. Nicht wahr, so nennen es ja die Leute.

Dann sass sie wieder still und sann vor sich hin. Ich sah zum Fenster hinaus. Es war eine ganz merkwürdige Stimmung. Jede dachte etwas anderes und dennoch war es ein Hinüber- und Herüberströmen unseres innersten Wesens zu einander. Wir neigten uns seelisch gewiss nie so nahe zu einander als jetzt.

Es fing zu dunkeln an. Meine Augen starrten sehnsüchtig nach dem letzten Licht, das am Himmel starb. Plötzlich wurde es warm. Ich wusste es: Hella stand neben mir.

Ich wandte mich um und starrte in ihre fiebergrossen, tiefen Augen.

Ganz deutlich sah ich das Phosphoreszieren um ihr Haupt. – Bitteres kam mir in den Sinn: Nun werde ich wieder allein sein! – – Aber ich verschwieg es.

Hella sah mich an, sie sog förmlich an meinen Gedanken, so dass ich es schmerzlich empfand. Dann sagte sie mit einem unendlich zarten, keuschen Lächeln: Nein, Irene, Sie irren sich. Sehen Sie nur genau hin, Sie werden nicht allein sein.

Ihr Blick starrte visionär in das Grau der Dämmerung:

»Sehen Sie nur, der Freund kommt zu Ihnen, einer, den Sie noch nicht kannten – sehen Sie nur, schauen Sie hin, es ist unmöglich, dass ich mich irre. Ich irrte mich noch nie

Mich schauderte. Als ich mich nach ihr umsah, war sie verschwunden.   –  –  –  –  –  –

Schrecklich! Der Doktor kam in wahnsinniger Aufregung zu mir! Nun, um des Himmelswillen, was ist geschehen?

Hella hat sich ertränkt. Die starke Hella, dieses einzig ernste Weib!

Ja wie, wo, warum?

Es muss in einem Anfall von Geisteszerrüttung geschehen sein, sonst könnte ich mir nicht erklären, wie bei der eine solche Schwäche möglich gewesen wäre.

Auf momentane Nervenzerrüttung lässt auch schliessen, dass einige Aufzeichnungen ihrer letzten Lebenstage, welche die Erklärung ihrer Irritation geben, nicht vernichtet sind.

Hätten Sie sich das vorstellen können! Hella liebte und zwar seit ganz kurzer Zeit.

Wie?

Ja. Einen hiesigen Künstler.

Welchen nur?

Es giebt ihrer hier soviel.

Kein Name verrät es.

Aber, man könnte darauf schliessen, es wäre einer.

Da! (Er zog einige Blätter hervor.)

(Der Unzarte hatte also schon darin geblättert.)

Ein Bitteres kam mir durch den Sinn. Also auch an Hellas Einsamkeiten musste menschliche Neugierde sich vergreifen!

Der Doktor errötete: Da haben Sie! Behalten Sie sie. Ihr beide wart ja Freundinnen.

Ich nahm mir fest vor, die Blätter sofort ungesehen zu verbrennen.

Aber dann wuchs die Angst nach Aufklärung in mir. Ich hatte das Recht, sie zu kennen, niemand als ich. Vor mir war sie ja verhältnismässig am aufrichtigsten. So offen, als eben so tief verschlossene Naturen, wie die ihre, überhaupt sein können.

Jetzt erinnerte ich mich, dass über den Künstler als Menschen einst in einer Gesellschaft hergezogen wurde.

Man nannte ihn düster, unfreundlich, streitsüchtig, unverlässlich als Freund, ablehnend gegen seine Kollegen, die es »so gut mit ihm meinten.«

Hella sass ganz ruhig da, mit verbissenen Lippen und schwieg. Aber plötzlich schrie sie fast jubelnd auf: Was muss das für ein erhabener, unverstandener Mensch sein, dass »Sie da« so über ihn schimpfen können!

Alles war perplex. Ein Herr sagte: Gnädige, Vorsicht! Vielleicht ändern Sie Ihr Urteil noch. Er ist Weiberfeind.

Hella sah mit wunden Augen auf: Da hat er recht, sehr recht! Glauben Sie, dass ein grosser Mensch jeder Schürze nachlaufen wird, so wie –

Sie, wollte sie sagen, doch unterdrückte sie es.

Mir kam dies damals nicht auffallend vor; ich hielt es für eine ihrer bekannten »Verrücktheiten«. Aber jetzt loht es in der Erinnerung empor, und ich sehe ihren wunden Blick, in dem die Seele nackt lag.

* * *


Aus Hellas Aufzeichnungen.


Ich sah ihn heute. Wie das unerwartet kam! Nächte und Nächte bin ich in Träumen an seinem Haus vorüber gegangen und betete zu seiner Kunst.

Und heute war er da; zufällig!

Einem momentan anwesenden Freunde zu Ehren erschien er. Niemand hatte ihn erwartet, aber alles war stolz, dass er kam.

Ich trat in den Saal und sah ihn gleich, er stand in der gegenüberliegenden Ecke, mit dem Bücken zu mir. Dennoch erkannte ich ihn.

Ich wusste, er sei es, ohne dass ich je ein Bild oder eine Photographie von ihm gesehen hätte. Ich wusste es, ohne zu ahnen, wie er aussah. Nur aus den heftigen Unterströmen des Empfindens glühte es mir zu.

Wenn mich jemand gefragt hätte: Woran erkennen Sie ihn? wäre ich verlegen geworden.

Ich hätte gestammelt: Wie soll ich erkennen, den ich nie sah? Ich fühle ihn, ich fühle ihn bis zum Wahnsinn!

 

* * *

 

Ich fiebere. In allerlei wirren Träumen seh ich ihn, laufe auf und ab, lasse alles fallen, was ich anfasse und dabei ist ein jähes Glück in mir. Ein Glück in Weh getaucht! Ja, so ist’s!

Sollte das der Anfang werden? Sollte das die grosse Liebe sein, die, an der man – Hella! Hella! Deine Vernunft flackert wie eine verlöschende Kerze.

Da spöttle ich und habe dabei fieberrote Augen. O ihr Sterne: Ist dies die grosse Seligkeit??

 

* * *

 

Es ist in mir, wie auf einem Blatte, worauf 4, 5 Schriften übereinander geschrieben sind, alles wird unenträtselbar. Ich kann es nicht entwirren. Und es saust durch die Nacht: Ostwind, brausende Frühlingsfluten und Töne der schönsten Melodien, alles jauchzt mein Herz, alles weint meine Seele. Jetzt sich hinlegen und nie mehr die Augen öffnen! So im Wirrsal des Glückes!! Auf der Höhe des Schönsten.

Denn dann! In der Folge des Geschehens! Bliebe er dann noch der stolze Einsame, oder würde er ein Mann, wie ein anderer. Nein, das könnte ich nicht ertragen. Er muss gross bleiben. Seiner Erhabenheit und ich ein Opfer bringen.

Haha, schöne Redensarten. O ich möchte spötteln über mich, doch bin ich so müde.

Ich habe wohl lange Nächte nicht geschlafen! . . . Weiss ich es?

 

* * *

 

Wie soll das werden? Mein Gott! (Die Verwirrung ist entscheidend, ich fange schon mit den Göttern an.)

Wenn ich zu ihm ginge? Nun kenne ich ihn ja. Das heisst – ein Atelierbesuch, wie die andern. Nein! Nein! Wozu!

O dieses tiefe Elend, dieses Anschwellen zu einem grossen Leidgeschwür, das aus der Seele träufelt.

 

* * *

 

Hat meine Seele es nicht oft sehnend in die Nacht geweint: Irgendetwas, das wie Sturmesläuten durch das Innere tönt, Feuer und Vernichtung kündend, etwas Seltenes, Einziges, was immer es sei!

 

* * *

 

Wenn man so ganz zart entkleidet jedes Begehrens von der Weihe der Grösse eines Menschen träumt, leidenschaftslos wie von der Sterne fernstem Stern und dann – dann er plötzlich glänzend und leuchtend aus dem All’ herabsinkt und ein Mann wird. Ja, ein Mann! Der einzige Mann. So dass aller Stolz wie ein Hemd vom Leibe fällt.

So muss einst in barbarischer Urzeit das Weib ihn empfunden haben – als Sieger! Fürchtend und sehnend, in Zittern und Hass: den Hass dessen, der besiegt werden muss. Und ich dachte früher, wir Weiber seien die Besiegenden. Haha! Weil es keine Männer mehr giebt.

Dieser Fürchterliche, dem ich in Süsse mich neige – nein! ich hasse ihn! den – Einziggeliebten.

 

* * *

 

Ich kann nicht denken. Der Ring, der Ring um den Kopf und etwas, das heiss auf- und abschwimmt bis in die feinsten Kapillargefässe, eine ewige Ebbe und Flut. Und dies Zittern. Den ganzen Tag mit dem Auge nach der Thüre und der Hoffnung nach dem »es wird kommen«.

Dann schwimmt es auf, seine Augen, wie von tiefdunkelstem Bernstein, in den die Sonne fällt, die wunderbare Stirne, das flammende Haar. O!

 

* * *

 

Ich sah ihn. Seine Lippen sind trotzig, ja! Ich glaube. – Wie es um seine Stirne phosphoresziert!

Ich scheine ruhig, doch winde ich mich unter der Qual des Glückes. Aber – –? Was ist Glück? Dass ich liebe? Nein, dies ist tiefstes Leid. Also?

Seligen, erträumten Göttern gleich, in erhobener Ruhe Gleichmass zu fühlen, wäre Glück. Lächelnd den Tag und den Abend, das Gewitter und die Sonne sehen können.

Doch in unsern schwachen Nerven fröstelt die Erkaltung unseres Geschickes. Die Liebe aber ist marternde Fieberqual. Nichts mehr sieht das begehrensblinde Auge dann, als das All, das wir in den Zauber eines, eines Wesens gelegt. – Ich bin müde, ich möchte schlafen, ruhen.

 

* * *

 

Nichts! Soll ich ihm nachrennen, ganz würdelos? Hahaha! Würde, wenn man liebt! Würde, hehe! Ein schönes Wort von einem in der Stunde der Abspannung erfunden. Aber wenn man hungert, wie ich, das ganze Leben! Immer sehnt und denkt, dass es endlich kommen muss. –

 

* * *

 

Ich war bei ihm. Betäubt bin ich. Seine Werke und sein – ach, wie er musiziert! Es geht eine alte Sage über einen Mann, der so süss spielte, dass ein ehrbar Weib alles verliess und lief, gezogen von seinen Tönen, über Berge und Wässer, bis dort, wo er war.

Er! Er! Sein Haar irritiert. Er wirkt wie ein Liebestrank. Man verbrennt daran. O, wo fing ich nur an? Wie seine Augen leuchteten? Er war so bloss vor Erregung, fast wie ich. Ich weiss nicht, was ich sagte. Er sprach bethörend, doch hab ich die Worte vergessen. Sie tauchten in meiner Seele unter und wurden zitternd aufgesogen.

Ich möchte jauchzen, aber ich kann nicht, ich ersticke vor Glück und Weh!

 

* * *

 

Als ich kam, stand mein Kopf, in Kreide skizziert, auf der Staffelei. Seh’ ich so tief melancholisch aus? Wirklich? Als läge ein Verhängnis geheimnisvoll hinter dieser Stirne? O Er! Nein, ich schäme mich. Ich hasse ihn. Nein, ich liebe ihn rasend . . . . Wie lockend ist sein seltnes, leises Wort!

 

* * *

 

Du, du, die Welt wird anders in meinem Gehirne, seit ich dich kenne.

 

* * *

 

Du Einzig-Möglicher du! Ich war verheiratet und noch ein Kind. Mein Leib hatte geboren und ich war noch nicht Weib, du erst hast mich zum Weibe gemacht, denn du gebarst das Geschlecht in mir!

 

* * *

 

Er sass, hinsinnend, am Klavier. Seine Finger träumten leise Melodien zusammen. Die Töne zogen mich heran, sachte, sachte, so dass er meinen Schritt nicht hörte. Da war ich neben ihm und schüttete Blumen über sein versonnenes Haupt. Dann sassen wir und sahen durch die lichtweiten Fensterscheiben in den Abend. Es waren der Worte so wenig und des Glückes so viel.

* * *

 

Ich schrieb ihm heute: sieh, ich verlange nichts von dir, weder will ich die Spinne sein, die dir im Ehenetze lüstern das Blut aussaugt, noch sehne ich’s, dass du von meinen Lockungen deine Freunde begehrlich machst, noch will ich mich an deinen Namen ankrallen, damit ich mit ihm in deine Unsterblichkeit muss – nichts, nichts sehne ich, als einen einzigen stillen Gedanken. Ganz in der Seele Heimlichkeit, die kern fremder Zeuge entheiligt, denke einmal an mich, die Ungekannte. O du Hoher, in dessen Werken ich deine zarte Seele suchte, ahnt dein Ernst die bleichen Zärtlichkeiten, die durch den Frühling zittern? Die das Fieberrot auf des Kindes Wangen legen und das Mädchen bitter süsse Thränen weinen lassen? So wehmütig mild, so keusch ist mein Sehnen nach Dir.

* * *

Als es aber geschrieben war, verbrannte ich schamhaft den Brief. Er erfährt es doch. Die Kraft der Leidenschaft, die Wehmut stiller Zärtlichkeit schwimmen in dem Aether von Geschöpf zu Geschöpf. Mag er nicht daran denken, seine Seele horcht, ohne dass er es selber ahnt.

* * *

Warum giebt es keine süssen Worte mehr – alle sind sie zu schal für deinen Zauber. Das Herz bricht vor Wonne, wenn es dich denkt! Und doch hasse ich dich und . . . möchte . . . winselnd vor dir knieen.

* * *

Der Dämon flüstert: Auch Satan geht heutzutage ins Gotteshaus. Aber du ungläubige Zweiflerin bleibst starr. Sieh, ich führte dich hierher, verführte dich hierher, nun sitzest du in meinem Netze. Glaubst du nun an Unsterblichkeit? Ich sah Schöpfungen und sagte: ja. Glaubst du nun an Gottes Sohn und Vater und heiligen Geist in Einem?

 

Da blickte ich anschauend hinüber: ich weiss.

* * *

 

Dämmerung sank herab, da ging sie, ohne dass er es wusste. Er sass da, wie die Menschen Ewige träumen, unsäglich schön mit dem Leuchten um sein Haupt. Ihre klaffenden Pupillen starrten nach ihm, als könnten diese sich nicht genug weiten, um ihn ganz zu erschauen: »Verrate es! Bist du einer von den Unseren nur? Hat auch dich ein Weib einst in den glücklichen Lenden getragen, indem sie höchste Hoffnungen geträumt, aber noch immer nicht dich! Nein, du weisst dich selber nicht, sonst ständest du erschüttert da und wüsstest nicht, was thun. Aber die Kinder des Lebens lass beten zu dir.«

Sie streute letzte Blumen zu seinen Füssen; aus jedem Kelche duftete süsser Heimlichkeit Gross für ihn. Er aber sann, sah nicht das Kommen der Nacht, noch wie des Tages mildes Aug’ erlosch. Er sah ihr Gehen nicht, während sein schwüles Sehnen von ihr träumte . . . . . .

Die Blumen flüsterten zu ihr: ehe wir welken, gehest noch du . . . .

Draussen lag daß Dunkel. – Sie schritt einsam nach Haus. – –

* * *

Sonderbar! Warum sprach ich von mir, als lag ich meinen eigenen Blicken schon ferne. Als war ich eine Gewesene!

* * *

Mein Mund ist stumm. Aber meine Seele spricht ihn an: meine Seele tanzet vor dir. Meine Seele ist eine lebende Flamme um dich, du Gott und siegender Held zugleich. Ich komme zu dir, Eva, Maria und Salome in Einer.

Sieh, einen hab’ ich getötet und den anderen verführt, aber dich, o Meister, liebe ich. Liebe aber macht fromm und gut. Die langen Jahrtausende hab’ ich gewartet nach dir und gesehnt und getötet, wer in den Weg kam, denn mein Weg war nur für dich, nun aber ist’s Festtag, denn du bist da, und nun kommt mein Ende und mein Tod und das grosse Opfern für dich. Komm, Herr, zu mir, die Braut und Opferlamm zugleich, komm, schenk mir deine flammende Liebe – – – –

Mein Mund ist stumm, aber meine Seele spricht zu ihm.

* * *

Ich werde sterben. Ich, die niemand gekannt. – Wie süss müsste das gewesen sein!

* * *

Warum muss ich sterben! Noch bin ich nicht krank, noch ist es mein Wille nicht. Aber ich weiss, ich werde bald tot sein.

Denn es ist erfüllt: »ein Blitz, ein Jauchzen, ein Verhängnis und Ende«.

* * *

Mir war’s, als sähe ich ein hehres, übermenschlich Weib in fliehender Gebärde dahinschreiten, das Haupt in den Nacken geworfen, die Augen weithinaussehend.

Sie eilt leichtsüchtig dem Tage zu. Hohes, Ewiges, Schönes sticht sie. Und wäre alles Leben Schmutz, sie eilte dahin und fände Schönes. Denn das Heilige ist in ihr und brennt auf ihrem gesegneten Scheitel. Sie singt: Ich bin die Menschheit, die unter der Wucht ihres breiten Schrittes zerstört, zertritt und die doch immer gut ist, denn ihr Fuss will dem Lichte zuschreiten. Und die Seele weiss nicht, was der Fuss gethan. In hehrem Wahnsinn der Dichtung schreite ich einher, Lichtsehnsucht bin ich, Schönheitsverlangen, ich bin die Menschheit.

* * *

 

Jagernaut will Opfer für das Knirschen seiner Wagenräder und war’s nur eine kleine, blasse Blume gleich mir. – –

* * *

Ich rauschte an meiner Sehnsucht seinem Lichte zu. So hoch, so allfern bin ich. Gipfel liegen unter mir. Ich sehe das Leben scharf wie durch Gletscherluft.

Das Nieerkannte ist nun klar: Menschheit, Ziel, Sinn, Werden.

Es fröstelt meinem Fieber kühl entgegen. Alle Schatten schleichen hinweg. Das ist die Sonne, die über die Himmel steigt! – mir ist’s, als wäre ich ihr hellster Strahl tauche an den Dingen hinab: unter allem Schönsten schwindelt der Abgrund. Thöricht, wer heucheln wollte, er sähe ihn nicht. – Sonne! mitten in dein flammendes Herz stürzen und verbrennen! – –

Was singt in mir leise und traut? – »sich gebend geben als Mensch in den höchsten Momenten und dann – Ende«.

* * *

Das Leben schreckt, was einst unser Heiligstes war, soll später unser Alltag werden. Liebe, wie ertrüg’ sie das! Sie geht unter, sonnengleich, aber verfliesst nicht, wie versickernde Quelle im Sand . . . .

* * *

Knieender Gott! Flehender Held! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – du! du!!



II. Teil



Ein Seelengangrän.

 


 

Ein feiner Regen taut vom Himmel.

Wir sitzen zusammen in meiner Wohnung. Niemand spricht. Die Gedanken knüllen zusammen, reissen auseinander wie Nebelfetzen. Da, dort – weiter – nichts passt zu dem Nächsten. Es kommt – verschwindet und wieder ein Neues und so fort. Aber eins liegt drückend wie ein ungethaner Seufzer in uns: Hellas Andenken.

Hier wäre sie sonst her umgewandelt mit ihrem leisen, wiegenden, knochenlosen Schritt.

Zwischen dem Gewirre von Stimmen hätte man hoch und leicht wie Lerchensang ihr weiches Wort gehört.

Entsinnen Sie sich, sprach der Doktor, wie ihre weiten Augen blickten, als könnte sie noch hinter die Wände sehen?

Ich entsinne mich.

Aber Bruno winkte heftig ab und bedeckte sein bleiches Gesicht mit den schmalen, nervösen Händen.

Mechanisch blickten alle auf sie.

Einer sagte: Erinnern Sie sich ihrer Hände? Diese bleichen Zärtlich-Kranken. So fügsam-beweglich, so beseelt, als wären es zwei kleine Lebewesen für sich.

Niemand antwortete. Immer unbehaglicher wurde es allen. Bei jedem neuen Beschreiben schien die Evokation sich zu Deutlicherem zu verdichten.

Ganz stumm war alles.

Einer flüsterte: ist es nicht so still, als ginge Hellas Schritt durch den Raum?

Einige der Kerzen in der Ecke des Zimmers waren herabgebrannt und flackernd, wie mit einem Seufzer, verlöscht. Noch glühte der Docht. Das schwarze Dunkel dahinter aber erschien durch die zitternden Rauchspiralen bewegt wie der Schatten eines Gewandes.

Eine schwere Angst lag in uns. Die Tuberosen dufteten nach Laster und Tod.


Es wurde kalt und so weit, als wäre jedes allein in dem unbekannten Grauen des Alls.

* * *

Die Assistentin kam zu mir. Ein knabenhafter Leib, einstweilen noch fast »de rigueur« für eine Emancipierte. Sie ist klug. Alles Tändelhafte, ob es Spitzen oder flatternde Gedanken seien, verachtet sie.

Die Quintessenz ihrer Lebensbetrachtung: das Weib fängt erst jetzt an, ein Mannzuwerden.

Alles, was noch hinter diesem Stadium liegt, wird verhöhnt.

Ich aber sage, das Weib fängt erst jetzt an, Weib zu werden und alle, die so denken, recken sich in die Höhe.

Damit ist uns beiden natürlicherweise nur fortwährender Krieg beschieden.

Es belustigt mich, sie zu durchschauen. Sie denkt ungefähr von mir: »man kann mit ihr die freien Stunden verplaudern, sie ist klug. Aber wenn sie mit ihrem Geschlechtsstolz anfängt, wird sie dumm. Besser, ich setze mich zu meinem Mikroskop u. s. w...« – –

Da kommt sie herein! – so schmal, leicht hinkend, mit dem Ausdruck der Hilflosigkeit um Stirn und Augen, Lippen und Kinn aber voll Trotz und jenem fast rohen Zug in den Linien Von Nase zum Mund, den man so oft bei Leuten findet, die in den Kliniken arbeiten.

Das Haar peinlich gekämmt und frisiert, in kleinbürgerlich kleine Reihen gelegt.

Sie trällert sich eins. Die Wirtschafterin macht hinter ihr Zeichen.

Sie sagt: Sie haben aber eine tolle Trine und trällert weiter. Dann mit unterwürfiger Miene und jener verbindlichen Beugung, welche in der Gesellschaft bei einer Bitte üblich ist: darf ich rauchen?

Darauf zieht sie aus ihrem Etui eine Cigarette hervor und pafft.

Ich bin nicht glücklich darüber. Mein rosa Fussteppich und die violette Wandbespannung und all das zarte Farbewerk verträgt es nicht Die Blumen aber verlieren ihren unnachahmlichen Hauch von Schönheit.

Sie sitzt in einem bequemen Stuhl. Ich lasse Thee servieren und gehe im Zimmer auf und ab. Mein weisses Kleid ohne Mieder, den Zopf auf den Rücken baumelnd. Sie findet das zu »sans gêne«.

Ich spreche. Merkwürdigerweise erhitzte ich mich nie. Es wird mir nur immer traurig zu Mute, wenn sie da ist. Manche Menschen machen Angst, als ob sie das Unglück mit sich herumtrügen. Ein bisschen nervös bin ich.

Sie dagegen ist still wie eine Mumie, so was Totes und nie zu Leben Gekommenes ist in ihr. Nur die Hand, welche die Cigarette hält, bewegt sich. Eine rosige, volle, wunderschöne Knabenhand. Sie ist wie die einzige blühende Blume auf der Erstarrung unfruchtbarem Boden.

Um dieser schönen Finger willen kann ich mit ihr umgehen. Denn sonst –!

Ihre Hand macht mich träumen. Wie kommt auf diesen geschlechtlosen, mageren Leib die lebensvolle Hand? Und ich sehe nach meinen bleichhageren Fingern – wie passen die zur vollen, harten Brust?

Ich glaube immer, nach den Händen darf nicht auf die Leibesbeschaffenheit geschlossen werden. »Sie sind aber der eigentliche Leib der Seele.« Sie drücken auch noch das aus, was wir selbst uns verbergen möchten. Sie hängen nur so am Körper, wie ein Bürger an Kult und Staat und sind ihm doch so fremd, als gehörten sie nicht dazu.

»Hören Sie mal, bitte! Wollen Sie sich nicht setzen?«

Ich lächle und setze mich.

Macht Sie das Gehen nervös?

»Ja, sehr«.

Sehen Sie, ich dagegen muss gehen, wenn ich denke. Schon als Kind konnte ich nicht anders. Man nannte mich damals die kleine Peripatetikerin. Später waren mir Männerfreundschaften überhaupt nur möglich im Gedanken an die langen Spaziergänge im Freien, mit den Augen in Firmamenten und den Gedanken im All!

»Sonderbar! Mir ist jede Bewegung auch nur ansehen Greuel.«

Ich lehne beschämt im Stuhl und rauche nun auch. Alles ist still.

Was sagen unsere Hände? denke ich und habe sie wieder vergessen.

Plötzlich sehe ich hin, so viel rasende Qual liegt nun auf ihrem Gesicht. Hinter den geschlossenen Lidern quillt Nass hervor, aber so kraftlos, als könnte es sich nicht zu einer Thräne zusammenballen.

Die Hände sehen drein wie gestrafte Kinder.

So weh ist mir um sie. Ich weiss es, jetzt ist der einzige Moment, wo unsere Seelenbahnen aneinander vorüber müssen. Werden sie sich treffen?

Jetzt ein Wort, eine warme Bewegung meiner Hand und die Brücke ist da.

Aber mein Mund bleibt stumm. Und die Finger schlüpfen zu einer Faust zusammen, als verkröchen sie sich. Meine Seele steht und starrt hinaus, und ihre stirbt drüben und weit und ferner wird es zwischen uns.

Sie hat sich beruhigt. Als ob glühender Schmerz zu Lava geworden wäre, so hart ist nun ihr Gesicht.

Und sie höhnt mich und dann spotten wir über alles, was der Menschheit Edelstes und Gütigstes sein sollte.

Wir haben uns nichts zu sagen. Irgendwo ist ein Punkt im Innern, wo der Hass schaukelt. Er fliegt zu und weg durch die gleichgültige Luft unserer Gefühle.

Sie empfiehlt sich. Beide fühlen wir uns befreit dadurch. Und doch, sie wird wiederkommen und ich werde sie von neuem empfangen.

* * *

Berthold begegnete mir heute. Er hat einen Gang, in dem Unaufrichtigkeit ist. Aber dies mag vielleicht nur mein subjektiver Eindruck sein. Die Frauen sagen, er schritte wie Siegfried selber daher.

Aber er spricht schön. Wie ein Weib. Gewählt, mit Geschmack die Worte nach valeurs geordnet, gleich Nuancen von Blumen. Und er sagt es mit einer Stimme, deren Ton ausdrückt: ich möchte dir gefällig sein. Und da die Welt einmal vielartig ist, weiss er von allem zu reden, aber mit so vorüberstreifenden Worten, dass eine Frauenseele davon nicht verletzt wird.

Kürzlich lernte ich ihn kennen. Etwas plötzlich allerdings.

Fast bin ich froh darüber, denn die Leute sprechen hier ein fürchterliches Deutsch. Seit die Nachtigallen »nutschen«, sind sie mir für immer verleidet.

* * *

Ein Geheimnis teilte ich Berthold mit. Dass ich an Fernwirkung glaube. Wir verabredeten, Versuche zu machen. Ich werde zu ihm kommen, das heisst nicht mein körperliches Ich, sondern das Astrale an mir.

Ein Brief, so abgeschickt, dass er ihn erst erreichen kann, wenn wir uns bereits sahen, ein unter gleichen Umständen von ihm an mich gesandter können uns dann vor j jeder Selbsttäuschung schützen und Gewissheit verschaffen.

Berthold war sehr bleich. Es war schon 9 Uhr abends, als wir uns trafen. Denn er ist bis spät im Bureau. Er sah mich scheu an, als fürchtete er, verlacht zu werden. Es kämpfte in ihm, ob er reden oder schweigen solle.

Endlich flüsterte er: Sie haben heute Ihr erstes Experiment gemacht. Sie waren im schwarzen Kleid, verhüllt von einem dunklen Tuch und Sie befahlen mir, Ihnen meine Seele zu geben!

Ich war erschreckt.

Von der Seele wünschte ich nichts, aber ich fixierte mich, meine Gedanken zu Ihnen zu versetzen.

»Waren Sie im schwarzen Kleide, als Sie es dachten?«

Ja.

Und wieder schwiegen wir. Uns war kindisch und ängstlich zugleich.

Die Sterne standen tief und die Luft wurde feucht. Da trennten wir uns. Ich aber ging noch lange nachsinnend durch das Monddämmern.

* * *

Ganz allein des Nachts im Rosenthal gewesen. Ach, warum kommt der Mensch nur wenn er allein ist, zu den Pforten des Glückes? Man fürchtet Einsamkeit und sehnt Glück – eins schliesst aber das andere ein. – – –

Der Mond war nebelverhüllt. Eine goldene Wolke zeigte den Ort, hinter welchem er schwebte. Es war so nebelig, dass man nicht vier Schritte weit sah, überall hingen an den dürren Aesten spinnewebendünne Nebellaken. Von der goldenen Wolke oben ging ein greller Lichtkegel bis zur Erde. Dort stand ich und sprach den Mond an mit dem Liede von Giraud vom trunkenen Poeten, der sich am Mondlicht berauscht hatte.

Was ich sprach, waren nur nachgefühlte Worte, aber was ich empfand, war wahnsinnigste Seligkeit, mir war, als wüchse ich mit meinem Glück bis in den Himmel hinein. Ich und der Mond, sonst nichts allumher. Wonnen sind in mir, für die es keine Worte giebt.

Ach, wie das beglückt, befreit!

* * *

Es giebt Träume, die ein jeder gehabt. So, dass man fliege.

Und es ist süss, sich erheben mit Mühe und Anstrengung, aber doch! endlich, immer höher und höher . . .!

oder:

Etwas Grauenhaftes:

Du willst fliehen, hinaus in die Freiheit, aber sieh, da steht ein Thor vor dir. Du bückst dich, strengst dich an, aber dein Wunsch wird zu heftigem Antrieb – hindurch und du bist frei!

Aber ein neues Thor und wieder ein neues und immer wieder eins wie im Leben. Immer durch ein Thor und immer nicht das letzte!


Intermezzo.


Ich leide unsäglich. Kaum weiss ich, was es ist. Die Brust ist zusammengepresst zum grossen Schrei, der Befreiung brächte, aber sie bringt ihn nicht heraus.

Heute waren wir (ich und Berthold) des Nachts an dem Wehr. Ich gehe lieber allein, doch bat er so, da musste ich nachgeben. Ich bin so passiv, nicht imstande, mich zur Thatkraft einer Abweisung aufzuschwingen. Jetzt geht er oft mit. Abends, wenn ich ins Rosenthat eintrete, finde ich ihn dort, dann schreitet er nebenher. Spürt er, wie der Aerger mir bis an die Gehirndecke wirbelt oder ist er stumpf und weiss es nicht?!

Nun lass’ ich ihn neben mir laufen wie ein Hündchen. Ich aber spreche mit der Nacht, die ich liebe, mit dem Dunkel, das mystisch und barmherzig ist, mit den Welten, die kreisen und leuchten. Und mit dem grossen Kummer meines kleinen Menschenherzens.

Als wir zum Wehr kamen, setzten wir uns auf die Bank. Ich zog aus meinem Pelz die Blumen hervor. Wie sie dufteten – gefährlich! In der Hitze des Kleides hatten sie sich entfaltet und gossen nun ihren heissen Atem in mein Gesicht.

Die Nacht war schwül.

Neben mir sass Berthold. Ich hörte sein Blut in wirrem, zackigem Ruck durch den Körper strömen. Um seine Augen leuchtete es heiss, eine ganze Atmosphäre von Begehren lagerte darum.

Ich sprach, doch kann ich mich nimmer entsinnen, was!?

Es war gut und schwül – so unbestimmt, wie es dem Kinde in der Wärme des Mutterleibes sein muss. Ich sass, von weiten, undefinierbaren Gefühlen geschaukelt da, die kamen und verströmten in Fernen, die mein Wissen nicht ahnt.

Da goss sich die Notzucht seines Blickes in meinen Leib – Himmel! Wie! Als ob ein Blick nicht schänden könnte! Plötzlich schrillte etwas in meinem Bewusstsein empor: das Männchen!

Jetzt wusste ich es! Nun war alle Unschuld des Miteinandergehens zu Ende.

Wie ein jäher Ausschlag legte sich die Angst in meine Haut – ein ungleich verteiltes, juckendes Schaudern.

Und tropfenweise floss der Hass aus dem Filter meiner Seele in die Augen.

Er aber sah nicht mehr. Sein Wille schwoll, er stand auf, umschlang mich und riss mich an seine Brust.

Da steilte sich ein wahnsinniger Tierschrei aus meiner Kehle empor. Wie es durch die Nacht gellte! Ich selbst erzitterte vor diesem wilden, anklagenden Schrei.

Und ich biss – ja, – ich glaube, in diese Hände, die starr und hart wie Eisen sich um meinen Leib pressten. Wie ich mich wand! In der Ueberkraft der Wut riss ich mich los – er aber sank in Krämpfen zu Boden.

Es dauerte lange, bis er sich erholt hatte. Am Boden lagen die Blumen zertreten, mein Dolch daneben – mein Hut.

Plötzlich kam eine brutale Wut über mich: das also hatte er von mir gedacht? Das? Hehe! Warte mal, du Ekel, warte!

Mir wurde rot in der Seele: Ich lief auf ihn zu und trat stampfend mit meinen Absätzen auf seine Brust, bis ich müde wurde. Er aber stöhnte, nicht wissend, was mit ihm geschah.

Meine Wut war lahm geworden. Nun sass ich und grübelte nach. Aber ich konnte nicht. Meine Gedanken bröckelten auseinander – hielten nicht, wie zu lose gekneteter Teig. Nichts!

Plötzlich sehe ich die ganze Scene schmerzlich bis zum Nochmalsdurchleben. Jetzt weiss ich, dass ich geschrieen hatte: »Du ewiger Gott, du siehst, dass ich es nicht will!«

Merkwürdig! Woher das? Ich glaube doch an nichts. Dennoch war in diesem Momente etwas in mir, das tief glaubte, das überzeugt von der Möglichkeit eines ausserunsbefindlichen Beobachters schien, das ihn wünschte, diesen Seelenlosen!

Aber ich meinte nicht Gott, ich glaubte mehr – das ganze All, das unendliche Dasein mit seinen ewigen Kräften sollte mir zu Hilfe kommen. Ich fühlte mich plötzlich, wie eingewachsen in seine Kraft und sicher meines Sieges!

Aber noch etwas war sonderbar. Die nächsten Tage habe ich oft darüber nachgesonnen, ohne Aufschluss zu finden. Bin ich nicht noch jung? Woher dann dieser tiefe, übersatte Widerwille vor allem Geschlechtlichen? Der mir selbst eine Umarmung, einen Kuss unmöglich macht?

Gut! ich liebe Berthold nicht, ja ich könnte ihn nie lieben, weil er unschöne Hände hat. Es ist das thöricht. Allein, was hilft alle Vernunft? Sie kann nichts an Gefühlen ändern. Ich liebe einmal die sehnigen, schlanken, gebrechlichen Hände. Und wären es die eines Mörders, ich müsste sie – – – Unsinn! Wieder so eine Hinterhausgeburt der Seele, die nie ans Licht des Bewusstseins kommen sollte! . . . Gleich sie unterdrücken, gleich sie umbringen, gleich ihr die Kehle zusammendrücken.

Hehe! Morde also aus Moral! Gedankenmorde. Ich sage es ja, wir kommen aus unserer Tiernatur nicht heraus. Wir wälzen nur neue Namen auf unsere alte, menschenalte Schuld!

Berthold hat dicke Plebejerhände . und wenn er noch so rührend spricht, so sehe ich den Hohn dieser Hände und glaube nicht daran. Seine Seele muss auch irgendwo so dicke Schwielen haben – entschieden!

Aber dennoch! Ein Zurückweisen, ein Sich-Wehren würde begreiflich gewesen sein. Allein dieser widerliche Ekel, der mir in den Mund stieg!

Ich bin sehr unglücklich. Ich leide.

Oft sah ich, wie heisse Blicke mir zuflogen und ich fühlte die brennende Flut des Begehrens um mein Auge. Eine Bewegung, der edle Rhythmus des männlichen Ganges, der Zauber einer Stimme, etwas Stillendes in der Heimlichkeit einer Gebärde gebaren in mir die Sehnsucht nach Liebe. Dann sass sie in mir und machte alle Knochen weich und weitete meine Seele, die in Aether verflog. Irgend ein Tonfall, ein Satz, eine Reihe grosser Gedanken oder harmonischer Worte Hess sie kommen – leise, leicht, zaghaft, wie Nebelschleier, herbsttagsmüde. Und dann gebar sie die grosse Schwüle in mir, so dass ich mich sehnte nach dem, der mir so Holdes gab. Aber sobald er dann der meiner Gunst Bewusste wurde, stiess mich etwas von ihm ab.

Ich entsinne mich einer Umarmung von einst! Ach! Leicht! Leicht! Der Geliebte stand hinter mir – nur unsere Seelen hatten sich das Tiefe, Mystische gestanden, für das es kein Wort giebt! Diese weite Seligkeit, die eins ist mit dem ganzen All!

Und heimlich, plötzlich glitt seine Hand an meinem Leib herab – er berührte meinen Körper nicht. Damals empfand ich ein Glück, ein Ueberströmen zu ihm, wie nie. Es war, als hätte sich das ganze Geheimnis des Daseins in eine grosse Seligkeit aufgelöst Es war, als gäbe es kein Ich und du, sondern eins und alles. Mein Leben hätte ich für eine zweite solche Umarmung gegeben! Aber sie kam nicht mehr.

Menschen sind roh. Sie beschmutzen das Schönste, Herrlichste, die Seele. Sie knicken sie, die ein Feld der duftendsten Blumen ist, indem sie mit den wilden Sturzbächen der Sinnlichkeit verheerend über diese Schönheit stürzen.

Ja! ich wurde sein Weib. Aber seine heissesten Küsse, die mich betäubten, dass mein Leib eine zuckende Flamme wurde, waren nichts gegen die Seligkeit jener Umarmung.

Und immer gab ich mich mit heimlichem Widerwillen in der Seele, der wilden Brunst des Leibes gehorchend und dachte nur an sie, die nie wiederkehren kann.

Ja, ich hatte ihn nicht mehr lieb, obwohl ich ihm es in den leidenschaftlichsten Worten sagte, um mich selbst damit täuschend zu betäuben. Mein Gefallen jedoch sass nur ganz oben an der Oberfläche, wie ein Kinderzahn, den man beim leisesten Anrühren schon entfernen kann.

Drunter aber lag wie das Unheil das dumpfe, verzweifelnde Rücksehnen nach dieser einen Umarmung, um deretwillen ich alles andere gewährte und verzieh. Dennoch konnte sie nie zurückkommen. Nichts fliesst zurück, was einmal gewesen. Wehe!

Wer weiss, vielleicht war auch in seiner Seele dort der Ekel angekommen, wo die sogenannte Liebe einsetzte. Vielleicht wollten wir nur in den Krämpfen der Lust das jähe Weh der Seele übertäuben.

Das Leben ist elend! In diesem wilden jauchzenden Halleluja des Fleisches zitterte die bittere Anklage an des Daseins rohes Müssen.

Es ist nicht zu ändern. Ich habe einen Widerwillen gegen die Sinnlichkeit. Dennoch bin ich ein leidenschaftliches Weib.

Ich sehne Liebe. Ich träume von ihr, aber wenn sie kommt, schreckt sie mich. Ein Ton, ein Duft giessen mir Wollust in den Leib, dass ich glaube, ich müsse vergehen vor Liebe, aber ein Kuss, eine Umarmung machen mich wach. Ich sinke aus dem sinnlichen Taumel ins Bewusstsein zurück – dann ekelt mich davor.

Wie unerträglich ich leide! Mein ganzer Körper ist eine grosse Liebesirritation. Töne, Düfte, Gebärden, Stimmen, alles wirkt wie Liebeszauber auf mich, alles lockt, lockt – ich sehe dann die Liebe so schön, verklärt, so in fernen Weiten, wo aller kleine Schmutz nicht mehr erschaubar, sondern nur das urdaseinlich Grosse, Heilige daran.

Mein ganzes Innere zittert nach Liebe – aber wenn sie kommt, in Form des lüsternen, unpoetischen Männchens, dann sinkt das Gefühl in sich zusammen. Schmerzlich, bitter klagt dann meine Seele das Lied ewig unbefriedigter Sehnsucht.

Manchmal werfe ich mich wie wahnsinnig im Bette herum. Schlaflos starren meine Augen ins Dunkel, sehen die ausströmenden Fluida derer, die an mich denken.

Dann kriecht plötzlich ein Ton zu mir, der zu einer schmerzlich-schönen Melodie wird. Oder ein Duft weht vorüber und ich werde mir urplötzlich bewusst, dass ich lebe.

Wie weiss ich es erst jetzt? Dass ich jung sei. Dass das Leben so kurz ist.

Und meine Jugend beginnt sich zu regen. Wie hinter einer fliehenden Wolke taucht es am Firmament meiner Gedanken auf: Liebe! Jetzt weiss ich es! Nun steht es wie die Gewissheit in meinem Innern: Liebe!

Und dann beginnt ohne mein Wollen etwas Heimliches in meinem eigenen Leib, dessen Gebieter ich mich nennen will, seinen geheimnisvollen Weg. Das Blut kreist anders, es zuckt in Krämpfen durch die Adern und etwas strömt in die Brüste, bis sie schmerzhaft und starr werden.

Ich stöhne auf im dunklen Ringen meiner Natur, ich sehne – sehne – nein! Es ist widerlich zu sagen: dem Nächstbesten müsste ich mich jetzt hinwerfen! Ich denke daran, ich zittere im Gedanken an die Wollustschauer. Denkend gebär ich ihrer neue. Ich kleide mich an und eile hinab. Und dennoch sind es nur unbestimmte Empfindungen, ohne Gedanken an Brutales. Ich muss an die Luft. Aber es wird nicht besser. Der scharfe Wind peitscht mir Lust in den Leib. Ich laufe wie ein brünstiges Reh.

Ein Vogel lockt durch die Nacht. Schrecklich! Der leibhaftige Satan. . . . .

Da begegne ich ihm. Berthold. Meine wirren Augen erkennen ihn nicht. Erst seine Stimme ist mir erinnerlich.

Er hatte mich gesucht, er hatte gewusst, dass ich kommen müsse, er habe es gefühlt, deshalb sei er da.

Seine Stimme bebt. Es ist der Tonfall der Brunst. Und die Weissglut seines Blickes – Brunst. Und der abgehackte, kurzstössige Atem – Brunst.

Mich-Besitzen-Wollen! Mich-Schänden-Wollen! Brr! Ekelhaft! – Im Nu bin ich kalt. Es ist, als hätte ich mich stark überessen – ein Gefühl tiefen Ekels.

Ich laufe davon und lasse ihn allein, sonst müsste ich ihn anspucken.

Für heute bin ich gerettet. Ich lache, es ist ja klar, ich selbst will nicht Liebe. Weshalb bilde ich mir ein, mich danach zu sehnen? Weshalb? Wozu dann die wilden Krämpfe, in denen ich mich winselnd zu Boden werfe und schluchzend stöhne.

Ich will nicht.


– Nein! Nein! Ich will! Aber – ich kann nicht! Der Ekel! huh! Der bringt mich noch um.

* * *

Was ist denn die Seele? Dieses Schauerlichgrausige, das in uns webt! Anziehend und abstossend, launenhaft, gut und dämonisch, heilig und lüstern! Ach! Des Gesegneten, der den Schleier von diesem Mysterium höbe. Wer vermag es?

Wo ist der Seligste der Seligen? Der Erlöser des Individuums, das sich in Qualen windet, wie keine Hölle sie je ersann!

Seele! Was ist das? Ein unbekanntes Wort für ein undefinierbares Mysterium. Haben wir nun eine Seele?

Nein! Nein! Tausend genügen kaum. Da kommt die Qual des Daseins über uns und zertritt die Seele. – Ist sie tot?

Haha! Was glaubst du!

Aus der alten Wunde wachsen zwei neue hervor und reisst des Schicksals Roheit sie weg, so spriessen vier andere empor und so fort – fort – immer neue Leidmöglichkeiten, immer neue Schmerzgelüste und der Gequälteste hat ihrer am meisten.

Und jede weiss von der anderen nichts. Jede streckt ihre tastenden Fangarme nach einer der tausend Seiten des Lebens. In einem anderen Prisma bricht sich die Farbe jeder. So leben sie, einander feind, am gleichen Mutterstamm, zehrend von ihm, ungleichartig ihrer Qual! Dies aber nennt der arme Mensch seine Harmonie.

Hahaha! Harmonie zwischen Leib und Seele. So heisst doch wohl das bekannte, männerersonnene Schlagwort. Himmel! Ist doch so ein Mann etwas Dummes. Da geht er herum, der Erbe jahrtausendelanger Büffelei und spricht mit wichtiger Miene nach, was vor so und so viel Hundert Jahren einmal einer Unsinniges sagte. Vielleicht hat jenen damals sein Magen gedrückt oder enthielt ihm sein Weib der Liebe, darum rettete er sich seufzend in die Harmonie! Diese ledigliche Magenfrage eines seit Jahrhunderten Toten wird aber zum wichtigen perpetuum mobile im Gehirne des gehirntauben fin-de-siècle Menschen. Kaum eine Nase passt zu einer Stirne oder zur Form der Lippe und der Farbe der Augen. Wie soll denn da das unendlich Feinere, Heilere, die Seele harmonisch sein!

* * *

In meinem Innern wogt alles chaotisch durcheinander. Nein! Alles, was ich anfangs schrieb, ist Lüge. Glück, Ruhe, Harmonie – alles weggeblasen. Es war das nur ein feiner Staub, der sich auf die ätzende Seelenwunde legte, dass sie einen Augenblick nicht überfloss. Aber nun kommt es doppelt stark – oh!

Wenn ich nur einmal Ich würde! Hm! Das heisst eine, die sich selbst gefunden hat, die mit sich klar ist.

Um mich sehe ich lauter selbstzufriedene, abgeklärte Menschen – nur in mir tobt und brodelt stets etwas Gefährliches am Seelengrund, das der nächste Zufall ans Licht bringen kann.

Himmel! Satan! Gott! 26 Jahre warte ich nun auf dieses Gleichmass – oder sagen wir – um wahr zu sein – mindestens 14 Jahre. Aber es will nicht kommen. Wird es denn nie werden?

Diese krüppelhafte Selbstverstümmelungswut, welche wir modernen Gehirnmenschen Selbstbeobachtung nennen, verfolgte mich von Jugend an. Wenn mich damals jemand lobte, so fragte ich mich: verdienst du es?

Nein! Nicht aus Demut klang dies – denn ungefähr halte ich Demut für einen blossen Auswuchs des Blödsinnes, aber aus Aerger, dass ich nicht so sein konnte, wie ich, ohne meinen Willen, schien.

Einmal wurde ich zu gut, ein andermal zu schlecht beurteilt, was beiläufig gesagt nicht sehr vorteilhaft auf meine Erziehung einwirkte. Denn ich bekam eine verachtende Gleichgültigkeit gegen die Urteile meiner Erzieher. Somit konnte der Ehrgeiz, dieses wichtige Drillungsmittel, bei mir nicht fruchten.

Und jetzt! Sind mir nicht die Urteile der anderen gleich? Ich kann mich sogar nicht enthalten, sie zu verachten. Wenn ich mit Kollegen spazieren gehe, über die ernstesten Fragen der Menschheit sprechend, welche Angst und Nachdenken über die Züge der Betrachtenden legen, so meinen die mich Kennenden, ich wäre doch ein freies Frauenzimmer. Ich bin darüber entrüstet im Namen meines Geschlechtes. Hatte man an ihm so schlimme Erfahrungen gemacht? Und gehe ich weit hinaus vor die Stadt, wo die naive Lieblichkeit der Felder lächelt, um der müden Erschlaffung meines Trübsinnes emporzuhelfen, so soll ich zu einem rendez-vous gegangen sein! Haha! Wer ist der Verbreiter solcher Vermutungen? Frauen vielleicht? Ei nein! Die Männlein sind es, die Männlein! Berufsarbeit und Stricken strengt scheinbar Gehirne wenig an.

Das ist’s! Um geachtet zu werden, braucht man keineswegs ein grosser Charakter zu sein. Im Gegenteil, gar keiner. Man kann abseits von jeder sittlichen Geradheit sein – sobald man die Tagessitte nachahmt, nimmt jeder den Hut vor einem ab.

Aber das geringste Herausstreben aus diesem Netze äusserlicher Banalitäten, so ist man in Verachtung.

Was mich dann allein staunen macht, ist das Vorhandensein von Menschen, denen noch an solcher Pseudobewunderung liegt.

Ich bin so glücklich, die ganze Stadt zu chokieren. Denn ich spreche, mit wem ich will; sage meine Ansicht offen, gehe spazieren, zu welchen Stunden es mir beliebt. Und das schnellbereitete, konzentrierte Gericht, das mein Mahl bildet – (o warum muss man auch essen) fügt sich fast schamhaft in irgend eine Pause der Tagesarbeit.

* * *

Ach! Diese ganze lange Strasse des Lebens bis zum Heute! Keine Nacht brachte Ruhe und kein Morgen Erquickung. Immer stand ich mit der müden, blassen Stirne auf, in welche der Schmerz zwei vorzeitige Falten gegraben hatte.

Kommt es noch nicht? Auch heute noch nicht? Nein! Keine Abklärung! Was soll denn dann da Gigantisches werden, das so langen Gärungsprozesses bedarf?

Ja! Auch das könnte es sein. Zwei Möglichkeiten – entweder das Uebergewaltige, welches langer Reife bedarf oder – etwas ganz Schändliches: eine kleine Kette ewiger Zersetzungsprozesse, die, da jeder gesunde Stoff fehlt,  immer  von  neuem zerfallen und wieder


zerfallen und so fort – ein Seelengangrän. . . . .

Ja! Das! Wahrscheinlich das!

* * *

Wäre ich doch frei! Wie lange muss ich an meiner Kette zerren? Allüberall das Netz der Alltagsgebräuche und Gedanken, in die wir versponnen sind. Und nie die wahre Natur, welche sich ans Licht ringen kann! Herrenmoral und sociales Elend, aristokratisches Denken und Massenaufruhr, Staatsrecht, Wissenschaft, Glaube – alles liess seine Spur, alles färbte ab und war ebensowenig waschecht als unser Gehirn. Und nichts, was das Wahre ist, d. h. was wir glauben können, denn jeder Beweis ist ja auch nur ein Glaube, ein Wahn.

So zittern unsere Gedanken im All herum gleich sturmverwehten Herbstblättern: keine Kraft mehr, uns irgendwo anzuklammern.

Wir haben das Greisenantlitz der Zu-Spätgeborenen. Auf unsern müden Schultern ruhen die Erfahrungslasten von Generationen. In einer heimlich stillen Minute weiss unser Wachtraum nur zu geniessen, was das Leben noch nicht uns gegeben.

Wir jauchzen in Liebeswüten, ehe unser Leib an einem andern geruht, wir verzehren in allzufrühen Gedanken unsere Seele an Küssen, die unsere Wollust träumt, so dass wir arm und erschöpft sind an dem Tage, wo die Lebenswärme eines andern Wesens das unsere streift. Alles Elend von Anfang der Zeiten haben wir gefühlt, ehe es als Erlebtes über uns kam, alles Glück hat in uns gejauchzt, so dass wir sein Geschenk »an uns« mit fragenden abwehrenden Augen ansehen: es ist uns zu fahlbleich.

Wir armen Reichen! Wir reichen Armen!

* * *

Wenn ich nur nicht immer so masslos traurig wäre. Ganz närrisch! Und dazu lache ich, dass man alle 32 Zähne sieht.

Es ist doch zu merkwürdig. Warum bemühe ich mich, lustig zu erscheinen, wenn mir so weh zu Mute ist?

Wäre das Eitelkeit? Ach nein! Mir ist ja alles so gleichgültig. Also warum?

Da sitze ich nun zum ersten Male in meinem Leben in der Loge eines Varieté. Eine Bekannte und deren Gemahl, beide aus München kommend, redeten mir zu. Ich sträubte mich auch gar nicht. Sondern ging ganz gerne: vielleicht dachte ich, werde ich dort finden, was an meinem Innern als ewige Frage zehrt.

Auf der Bühne sangen ein paar ganz junge Backfische in kurzen fliegenden Kleidern, während sie dazu mit eckigen Bewegungen ihre Spinnenbeinchen hoben. Die Gesichter waren wunderschön. Alle hatten sie die gleichen, blonden Locken in der gleichen Nuance, Dichte und Länge, alle die gleiche Fülle des Busens, von der gleichen Firma bezogen. Nur die Spinnenbeinchen waren echt.

Nach der Nummer kam eine von ihnen mit einem Kavalier in die Nachbarloge. Jetzt sah ich erst, dass sie verblüht und sehr faniert war. Dazu war ihr Gesicht mit einer dicken weissen Schicht überzogen und auf den Lippen schwamm rotes Fett. Von allen Seiten trafen sie die verliebtesten Blicke. So, dachte ich, das ist unsere vielgerühmte Kultur. Diese brutalhässliche Art, sich zu schminken, die sich in grellsten Farbenkontrasten bewegt, fällt diesen Männern gar nicht unangenehm auf. Das ist also die Fleischesliebe? Aber wo ist denn das Fleisch dazu? Oben eine Puderquaste um ein rotes Fettkügelchen und unter dem Trikot ein rhachitisches Drahtgestell!

Dann kam eine Sängerin. Der Hauptcoup ihrer Couplets war eine Bewegung, bei welcher man ihre schönen Beine sah. Neben mir hörte ich: die wattiert sich, sie bezieht ihre Wattons bei . . . .

Ich war wütend: die herrlichen Beine! Solche Enttäuschung, solcher Schwindel.

Aber schliesslich ist man auch für den schönen Schein dankbar.

Ich sah im Saale umher. Alles lachte. Alles schien animiert. Einige kleine Grisetten verschwanden mit ein paar Glatzköpfen und alle lachten, witzelten, tuschelten.

Also giebt es doch noch Freude? Freude? Nein! Aber Lustbarkeit, man ist heiterer denn je, aber froh???

Ich sah einige Leute, deren chronique intime (wenn nicht scandaleuse) ich kannte. Da war ein Kaufmann, der am Bankerott stand und Graf E., den man enterbt hatte, so dass er schleunigst nach einer reichen Erbin ausblicken musste. Dort war der Millionär X., der seine Frau zu allen Aerzten, in alle Bäder schickte, um ein legitimes Kind zu haben und so fort. Alle aber waren wie toll. Alle zeigten die Zähne. Nur in den Augen lag die grosse Leere.

Plötzlich entsann ich mich, dass ich den Leichnam einer armen Frau sah, die in der Gosse erfroren war. Ihre Brauen waren künstlich dunkel gemacht und Wangen und Lippen grell rot mit jener Brutalität im Ton, die das Lampenlicht mildert, der Tag aber noch härter macht.

Die bemalten Lippen zeigten noch ein freches, liederliches Lächeln und doch lächelte sie nur mehr dem Tode zu. Sie verkaufte ihren elenden Leib gegen armes Geld und lachte, während der Magen vor Hunger knurrte. Da lachte sie nun ihr letztes Lachen, welches zu einer scheusslichen Fratze verzerrt war.

Alles, alles Lüge bis in den Tod! Die roten Wangen wie die guten Gedanken, das Lachen mit dem stillen Jammer in der Brust, des Busens Wölbung wie das Mitleid edler Gefühle, wie Wahrheit, Erkenntnis, Glauben, Zweck, Ziel – Glück – Ehre – Ruhm – alles Lüge! Nur die Spinnenbeinchen sind echt zum grossen danse macabre.

Ich entsann mich eines Mannes, eines Sehr-Einsamen, Tief-Vergrübelten, dessen Lachen mir stets wehe that. Man glaubte immer, jemand in namenlosem Schmerz aufschluchzen zu hören.

Dieser Lachkrampf, hinter dem sich das Weinen verbirgt, das ist unser Frohsinn von heute. Seht einmal diese leeren Augen an, in denen nichts mehr schlummert, kein Wollen, kein Sehnen mehr, kein Glaube und keine Hoffnung – tot – öd – leer –

Und hört lachen – schrill, kantig oder öd, wie ein Ton über weiten Gewässern, den niemand aufhalten will, bis er sich verliert, an sich selbst stirbt –

Alles schreit, lacht, um die innere Oede zu übertäuben.

Und die Spinnebeinchen sind das tiefste Symbol unserer Zeit der knöchernen Gelehrsamkeit, über die ein paar Fetzchen Schöngeisterei und Anstand gezogen sind. Symbol der schlecht ernährten Körper, der schütteren Haare und Gedanken, der Verpestung und Verseuchung alles Gesunden.

Wir haben pestkranke Seelen. Werden wir wenigstens der Dünger zu einem neuen Frühling sein?

Die kleinen Grisetten lachen und meinen, man sähe ihre Toilettengeheimnisse nicht! Und dieser üble Wohlthäter und jener schlimme Menschenfreund glauben an die Unsichtbarkeit ihrer Seelen.

Und die Regierungen thun, als hätten sie über Holz zu gebieten und die Herrscher handeln, als gäbe es niemand, der zum Beurteilen da wäre. Und die, welche Macht wollen, stehlen sich reich und am Ehebruch nährt sich die Liebe. Nichts ist rein und heilig. Nur am Schmutz speist sich das Leben.

Hell und kreischend grell wird es unter der Sonne, die spöttelnd mit ihren Krallenfingern hinabzeigt: sehet Menschen, während diese in ihren Verkleidungen den grossen Reigen des Elends und Fluches tanzen: den danse macabre der Gezeichneten.

* * *

Berthold und ich sind versöhnt. Er versteht jetzt, dass ich ihm nie mehr sein kann als seine Schwester. Ich sagte ihm, die Welt . sei voll williger Frauen, warum denn meine Ruhe trüben, die ich rein bleiben muss.

Ein Unendlich-Zartes ist nun zwischen uns. Wir sind Kinder geworden, die scheu und zaghaft vor dem Märchen Leben Fürchtemachen spielen. Wir erzählen uns die schweren Dinge des Staunens, welche weise Leute lachen machen müssten.

Aber wir nehmen sie ernst, all’ diese fürchterlichen Wunder des Daseins!

Und nun haben wir uns kinderlieb. Er sprach mir oft von seiner Mutter und heute brachte er mir ihr Bild. Sie hätte dieselben melancholischen Kinderaugen wie ich, meinte er.

Und dann sagte er, er werde mich froh machen, wie er selbst sei. Da sah ich ihn an. Verspricht er nicht mehr, als er kann? Sein einst frisches Gesicht wird immer bleicher, eine durchleuchtete Blässe glänzt darauf und über seine Wangen stürzen unverhoffte Thränen, ich weiss nicht warum. Ich kann dann nur schweigen und denken: leide, leide, Mensch, es ist dein einziges Los.

Oft aber kommt auch sanfte Fröhlichkeit in uns. Eines Sonnenunterganges Pracht schenkt auch trübsten Herzen selige Lebenswärme.

Dann spielen wir mit den bunten Samtlappen der Wolken und den Frostperlen der Aeste und werfen uns die Sonne zu. Wer sie auffängt, gewinnt. Denn drinnen steht geschrieben, was wir nicht wissen. Aber wir schleuderten sie zu hoch, da blieb sie in den Wolken hangen. Und dann sinkt sie langsam von uns weg, hinüber in ein Feuermeer. Hier aber wird es plötzlich wie auf einem toten Gesicht: feuchtkalt, als stockte der Atem, und die ganze Natur scheint ein stummer Angstblick: aus, aus, aus!

Berthold will mir den Arm reichen, aber ich sage: nein. Jede Berührung mit anderen Menschen ist mir schrecklich. Ich zucke zusammen.

*

Seelenkontakt, das ist das einzigste. »Reich mir die Stütze deines gütigen Gedankens«! So müssten Menschen zu einander sprechen.

Da gehen wir denn fröstelnd dahin.

* * *

Ich habe Berthold so lieb, als wäre er Blut von meinem Blute. Immer stell’ ich mir vor, es sei mein früh verstorbener Bruder. Aber dann wieder denke ich, ich kann auch ohne Geschwister leben. Ganz allein, völlig verlassen. Nur durch die Nacht muss ich gehen können, dann fühle ich mich geschützt.

* * *

Wie ein Mutterchen wache ich über seine Krankheit. Was zehrt an ihm? Was verhüllt er mir?

Eigentlich interessiert es mich nicht. Wir haben so vieles zu enträtseln, also müssen wir selbst uns gleichgültig sein.

Bei windheulender Nacht, wenn die Schatten der Aeste in nie gesehenen Formen an den Wegen dahinkriechen, von Vorahnung, Fernwirkung erzählen, da vergisst man sich-selbst darüber!

All’ das, was die Gebärenden, welche starben, was die Röchelnden am Schlachtfeld empfanden, stöhnt durch diese Sturmnacht. Als ob ihr letzter Totenschrei so stark wäre, dass er sich als tausendfaches Echo an den Klippen des Daseins bräche und über die ganze Erde widerhallt! – – –

Stehen wir fest? Ja, doch! – hier am erdigen Wege. Aber dennoch ist’s, wie wenn alles um uns versänke. Als stünde ich gar nicht da, als wäre ich nur, so ist mir! Eine Angst zittert von aussen in mich über, sie kommt in grossen Wellen aus ungekannten Fernen und nimmt mich rettungslos mit. Dann wieder anders: das ganze All’ ist versunken und nur die Furcht taucht auf – unendlichgross. Was mag alles sein! Das »Draussen ausser mir«, welches keine Wissenschaft weiss und nur das Zittern der Einsamkeit ahnen lässt.

Es ist doch unheimlich hier. Dieser ganz finstere Weg ohne Licht, unter hohen Bäumen, deren Gipfel sich neidvoll schliessen, damit die Erde nicht Sternenlicht sieht. Da und dort Baumstämme mitten im Weg und will man ausweichen, schlammige Gruben. Da lauert vielleicht einer mit dem Messer auf dich. Einer, dem die Gesellschaft nicht Stütze, noch Heim, noch Brot gab. Einer, der nie ein Bett und nie ein liebes Wort gekannt.

Geht es nicht wie ein Atmen über den Weg?

So fragen wir uns, und der verräterische Fuss bleibt oft stutzig stehen.

Unsere Gedanken horchen ängstlich auf, und ihrer andere beschäftigen sich mit dem Leben, während unsere Lippen sich von sonderbaren Fällen erzählen, die den »Denkerichen« unerklärlich und deshalb unexistierbar scheinen würden. Und noch andere Gedanken flüstern sich Kinderliebes, alle rufen durcheinander wie Stimmen in einem Saal voll Leuten.

Obwohl ich Berthold nicht den Arm gebe, fühle ich seine Angst. Auch ich fürchte mich . . . schrecklich! Wir wissen nicht wovor, vor allem Unbekannten ausser uns, denn unser Inneres ist klar und rein. Wir schauen hilfesuchend zu diesem inneren Licht, welches unserer Seele das Draussen noch dunkler empfinden lässt.

Es ist, als fühlte ich Bertholds zuckende Pulse.

Fürchten Sie sich? frage ich leise.

»Nein«, sagt er mit bebender Stimme.

Aber ich ängstige mich, sage ich mit klappernden Zähnen.

»Kehren wir um«.

Nein, nein, nein! Was geht mich meine Furcht an!

»Bitte, kehren wir um«, fleht er nochmals.

Nein, aber Sie fürchten sich auch, ich höre ja ihren Puls.

»Es ist unheimlich«.

Müssen Sie schreien? Bitte schreien Sie nicht auf, sonst werde ich wahnsinnig. (Ich zittere davor.) Und nun fürchte ich mich vor dem Wahnsinnigwerden.

»Ich schreie nicht«, flüstert er ganz leise.

Nun gehen wir unmerklich immer schneller, immer leiser vorwärts. . . . Wir müssten meinen, wir schwebten über den Boden, wenn nicht gerade der Oberleib nach rückwärts gebeugt schiene, im Verhältnis zu den Beinen, die vorschnellen, als peitschte jemand hinterdrein. Und jemehr wir laufen, desto ängstlicher wird uns . . . . fort . . . fort . . . fort . . . . endlich werden die Gipfel schütterer . . . . die Sterne stehen wie sonst und alle, alle Rätsel des Lebens. . . .

* * *

»Und die Liebe?«

Ja, weiss ich’s! Aber lassen Sie mich! was jede Köchin mit jedem Kellner erfreut, wirklich dafür fehlen mir die Fühlen Mich ekelt es an. Ich weiss nicht, was eure Liebe ist, von der ihr Männer zu erzählen habt! Und sie interessiert mich auch nicht. (Ich gähne.) Aber die Erde ist voll des Herrlichsten, das niemand ahnt. Doch die Menschen gehorchen dem Gesetze der Faulheit, auch in Dingen des Gefallens. Was jemand einmal als hübsch dekretierte, finden alle so.

Die plumpe, formlose Rose, an der alle Nasen aller Jahrhunderte sich sattgerochen, ist die schönste der Blumen. Aber die perverse Tuberose, die unkeusche Japanlilie, die individuelle Orchidee, ja die Reseda, die den grünen Augensternen gleicht, in denen die braunen Flecken der Grausamkeit schwimmen – alle die sollten jener zurückstehen? Die kokette Modedame Chrysanthem und die Tulpe, welche nach Honig und Sonne riecht; die rausch gebenden Narzissen, die munteren Jonquillen – sind die nicht viel herrlicher? Oder die kleinen spielhaften Fraisien, alle so reizend-dumm und nett. Die gelten alle nicht. Nur die Rose!

Sehen Sie. Dasselbe ist’s mit der Liebe. Unser ganzes Leben gilt nur unter dem entladenden Genuss grosser Nervenerregungen. »Eure sogenannte Liebe ist eine solche«. Die Rose unter den Nervenerschütterungen, aber es giebt zwischen den Himmeln und über unsere Erde hinweg Nervengenüsse, gegen die der Pomadengeruch der Rose eben nichts ist

Nein, lassen Sie uns nicht darüber sprechen, sonst falle ich in die »Altjungfern- und Emancipations«-weise, die mir selbst schrecklich ist. Fühlen Sie’s doch, alles ist schöner als die Liebe, dieser »Arme-Leutgehirn«-Genuss!

Er war ernst, sein Gesicht hatte Spannfalten, als ginge ein zu heftiger, elektrischer Strom durch seinen Leib.

Sprechen Sie nicht so, bittet er. Dann flieht der poetische Zauber, der nur Ihnen eigen ist.

Lassen Sie doch, sage ich geärgert. So Banales wie Komplimente darf doch zwischen uns nicht sein.

Er schweigt. Es zuckt und zieht in seinem Gesicht. Dann sagt er mit hackender Stimme: »So verurteilen Sie alle, welche lieben! Haben Sie den tragischen Tod Ihrer Freundin vergessen?«

Meine ganze Seele stand still und sah auf. Hella?

Wie können Sie diese schönste Strophe der Menschheitsgeschichte in unsere Gewöhnlichkeit herabziehen.

»Starb sie nicht aus Liebe?«

Hella? Niemals. Machen Sie die düstern Höllenfahrten und Abgrundstürze durch ihr Andenken . . . . Liebe?

Das Unfassbare hat sie gesucht, geliebt, aber die Liebe war ihr wie ein Stein im Wege. Da ihre Himmelsseele auf diesen Stein getaut, so schob sie beide fort. Der vulgäre Genuss hat sie erschreckt. Blumen und Musik und das Leuchten der Augen hatte sie lieb. Sie war eine Schönheitssucherin.

Hatten Sie je ihr Zimmer gesehen? Den einfachen Raum mit einem banalen Schrank. Wissen Sie aber, dass im innern Thürflügel desselben ein Khnopf eingesenkt war? Erst nach ihrem Tode sah es ihre Hausfrau und zeigte es mir. Das ist die Hella, wie sie wirklich war und wie sie niemand begriff.

Berthold schaut vor sich hin – weit hinaus, aber mit engen Pupillen, als fixierte er. »Fast ist es, als sähe ich die Holde vor mir«, flüstert er. »Ich kenne sie seit immer und hab sie doch nie gesehen . . . seien Sie mir gut. Sie führt mich zu Ihnen«.

Nun kommt Hellas letztes Wort wie jähes Licht um mich. Es ist mir, als leuchtete eine Fackel in ein Gesicht, das ich sah, doch erst jetzt erkenne.

Sie Berthold?

»Ich bin, der irrend kam und nun erst weiss wohin: Ihr Freund, Irene!«

Wieder sah er nach mir mit zuckenden Zügen, in denen jeder Muskel spielte, jeder Nerv schmerzbereit blosslag. Aus seinen starren, hypnotisierten Augen liefen Thränen in langen Linien, die aussahen, als wären sie am Leben zu Eis erstarrt.

Da kam Kindermilde in mich und Dank. Meine bittere Herbheit löste sich wie die Flügel des gefrorenen Vögleins in Sonnengüte. Sie flatterte allen schönen Dingen entgegen. Wir lächelten uns an und sahen dann um uns und fanden Schöpferfreuden, indem wir die Dinge in neuen Worten zum Werden erweckten.

Denn was hätten wir Aermsten, wir Menschen anders als Worte!

* * *

Hella! Hella! Die Für-Immer-Tote!?

Entsinnen Sie sich der schönen Buddhisten-Legende von der ewigen Wiederkehr? Dass die Seele, angezogen vom Gleichen, in einen Mutterleib fällt, wo das Kind schlummert, dem nur das Fleischliche von den Eltern kam. Aber die Seele der Mutter zieht eine gleiche an. Eine gute oder schlechte wie die ihre.

Finden Sie das nicht herrlich? Nur des Weibes Leib war dem Mann gegeben, ihre Seele holt aus dem All, aus den Jahrtausenden, was ihresgleichen. Was für ein armes Dingchen wird da der Mann! Der physiologische »agent provocateur« – sonst nichts, nichts!

Das Weib jedoch ist die, welche über die arme Sterblichkeit ihres Leibes hinauswächst in Mächte, Kräfte und allweite Bewusstseins-Sphären. Ihr Nebensächlichstes ist ihr Leib und in weiten Himmeln ist ihr wahrlich Reich.

»Aber Irene, Sie Träumerin, das ist ja nur ein Märchen«.

Ein Märchen? So? Nun dann guten Tag für heute.

Zerstreut bin ich wie das Leben. Nichts sammelt sich. In Einzeldinge löst die Ehrlichkeit alles Zusammengereihte auf. Die Wissenschaft aber lügt, denn sie giebt Gruppen und Gesammeltes.

Am liebsten sind mir noch die Naturwissenschaften. Chemie vor allem. Sie hat etwas Reales und fast Transcendentes zugleich. Sie kann wahr sein hier und dort und noch weit hinaus. Etwas, was wir Wortarmen mysteriös nennen, ist ihr dabei eigen.

Wär ich ein Herrscher, dann hätte ich meine Spielstunden. Ein Gelehrter nach dem andern müsste vortragen, was ich wissen möchte und antworten, was ich nicht begriff und wonach ich fragte.

So schiene mir auch der Unterricht besser. Der Schüler fragt, der Lehrer erklärt. Eine Zwischenfrage des Schülers, darauf die Belehrung des Wissenden, dann gäb es weniger leere Stellen in den Köpfen und nicht jene Schülerunsicherheit, die zum Büffeln zwingt. Aber das ist undurchführbar, weil die Lehrer dann über mehr Wissen verfügen müssten, um sicher zu antworten.

Hinter jedem Zwang steckt etwas Faules, in diesem Falle das Halbwissen der Lehrenden.

Denn sonst könnte alles frei sein.

* * *

Vor mir liegen die Originalphotographien nach Rodin. Leidenschaften in Linien umgesetzt. Linien, die sich in den Raum einfügen, so dass das Ganze wie ein Bild wirkt. Die Gesetze des Malerischen in Skulptur übertragen. Welch ein Eigenkopf – das heisst Genie!

Und dann nehme ich die Diaboliques mit den eaux-forts von Rops.

Was für Herrlichkeiten an Menschengeistern hat die Erde! Müssen die nicht andern Welten als Sterne leuchten?

* * *

Der Menschen Paarungsseligkeit ekelt mich an. Einmal sprechen sie von dem Verlangen nach Aufklärung des Lebens, dann aber ist es ihnen doch gleich, was es wäre.

Wenn nur für ihr Gegirre und Geküsse, ihr Medisieren und Schiefe-Blicke-Werfen Gelegenheit bleibt.

Das Wieso und Woher interessiert sie nicht.

Und doch steht es in den Büchern, dass es das Menschenmachendste im Individuum sei, das Leben ergründen zu wollen. Ebenso wird überall geschrieben, dass die Menschen Geschwister seien.

Warum horchen denn also nicht alle, alle auf und thun und wollen nichts anderes, als wissen, was das Dasein sein könnte! Alle müssten sich die fiebernden Hände reichen auf dem gefahrvollen Weg, wo die Antwort zu finden sei.

Jeder lebt nur für sich. Selbst äusserliche Zwangsverbrüderungen, wie Staaten, Gesellschaften, Vereine, Genossenschaften, sind innerlich faul und anders, als auf dem Papiere geschrieben steht.

Der einzelne denkt an Eigenvorteil. Kleine Zerstreuungen, mediocre Genüsse, mesquine Uebel – das ist der Mensch!

Nichts, wo angst- und zwanglos, nur ein heiliges Wollen zusammenhält.

So gehen sie dahin in der grossen Menagerie der Erde, als eine privilegiertere Kaste von Gänsen, Ochsen, Schweinen.

Und in ihren luciden Momenten träumen sie in Gedanken zusammen, wie ihr äusseres Leben sein sollte.

Doch niemals war es ihren Schilderungen gleich.

Warum betrügt man unsere erste Jugend und sagt, das Leben wäre weiss und schön?

Nichts ist edel und einem guten Menschen bin ich nur in Büchern begegnet.

Wohin flüchten? In die Vergangenheit? Aber das meiste, was erhalten blieb, sind jahrtausendelange wiederholte Hofschranzenkomplimente.

Wohl giebt es einige wertvolle Aufzeichnungen: Altes Testament, Herodot, Plutarch u. s. w.

Da sehen wir überall das Fehlen der Zusammengehörigkeit und das ewige Entgleisen des Individuums.

Die ganze äusserliche Existenz löst sich in verunglückte Einzelerlebnisse auf.

Hass, Mord, Rache, Gemeinheit, das war das Siegende. Giebt es nur einen, einen winzigsten Fall durch die lange Kette der Jahrtausende, wo das Edle siegte?

Nein. . . . . .

Jetzt ist es nicht anders. Der, welcher Menschen tötet (Krieger), ist vom Volke noch immer geehrter, als jener, welcher die Schönheit der Natur in prächtigen Worten verherrlicht.

Elend!

* * *

 

Heute kam ich mit Fräulein P. zusammen. Sie gestand mir, ein Tagebuch zu haben.

Als ich nur freundlich nickte, entgegnete sie pikiert, sie habe gehört, ich schriebe auch Aufzeichnungen.

Nun hätte ich ihr erklären müssen, dass Geständnisse an eine Person doch nicht ein Gegenvertrauen erzwingen. Aber ich war zu faul, es wird so langwierig, mit Menschen zu reden.

Da sagte ich nur ja, worauf sie mir ihres brachte.

Aber es wurde doch interessant. »Heute mit Premierleutnant H. getanzt. Kotillon mit Referendar N. Minchen hatte ein grünes Kleid, ich war in Rosa. Tante Bertha sagte, ich wäre wunderschön.«

Hahahaha!

Wie sollte ich der irgend etwas erklären. Wovor ich zittere, was ich denke, fühle . . . . . unmöglich.

So tranken wir Kaffee und assen Kuchen.

* * *

War einige Tage in der Umgegend Berlins, eine Jugendbekannte besuchen. Sie ist Schriftstellerin. Seit ungefähr 3 Jahren schweigt sie sich aus. Sie ist – jauchzet ihr Himmlischen! glücklich verheiratet.

In der Schule hab ich sie nicht leiden mögen. Eine Sache der Rivalität. Sie wurde immer als Originalgenie hingestellt. Und die häufigen Tadel, welche sie zu hören hatte, waren immer noch von bunten Bändern des Lobes umflattert. »Sie, die das Vorbild aller Klassen sein könnte, sind so faul.«

Oder: »Sie, mit Ihren Talenten, machen solche Dummheiten«.

 

Sie sass gewöhnlich während der Schulzeit da und dichtete. Man that ihr vielleicht Unrecht. Sie gab sich die ehrlichste Mühe, aufmerksam zu sein. Blieb es auch eine Weile. Aber der Vortragende brauchte nur irgend etwas Interessantes zu sagen, so fing ihre enthusiastische Seele den Gedanken auf und konnte nicht fort davon, bis er nicht in Verse umgeklingelt war.

Noch in Erinnerung aller damaligen Kolleginnen blieb aber ein Geschichtsvortrag über Maria Theresia, die, wie die Lehrbücher erzählen, (und sie alle sind vom Manne, dem unobjektivsten aller Geschöpfe geschrieben) gut regierte, »weil sie von vorzüglichen Ratgebern umgeben war.«

Alle sassen still horchend da, denn die Lehrerin war streng. Steht da nicht der kleine Bengel von Dichterin auf, abwechselnd zornrot, dann wieder ganz blass und interpelliert die Lehrerin, warum denn immer von Herrscherinnen gesagt werde, sie hätten gute Berater gehabt, weshalb ihre Regierung segensvoll gewesen sei. Während man von allen Herrschern, auch die nicht gut regierten, sagt, sie wären prächtige Regenten gewesen.

Solche Streiche machte sie. Wir beneideten und bewunderten sie.

Dann kamen später einige Erfolge, die die Presse notierte. Man sah voller Hoffnung auf sie. Plötzlich 3 Jahre Schweigen. Was ist’s denn mit der?

»Verheiratet«.

Ah, so!

Da suche ich sie auf. Vom weiten träume ich sie schon, die Teufelin, wie ich sie zuletzt sah, ungefähr vor 4 Jahren. Balltoilette, wellengleissender Stoff. Gefährlicher als schön, verträumt, blühend, lebensgefällig. Wie wird sie im Nestchen sein?

Ich komme unversehens. Ein kleines Landhäuschen, nicht sehr proper – – ich irre mich doch nicht? Sie war ja sonst ein Reinlichkeitsapostel. Hinauf über die Holztreppe. Richtig, da das Schild. Die Thür ist nur angelehnt. Vor Dieben scheinen sie sich nicht zu fürchten.

Und drinnen knistert es, wie Zeitung in unsicheren Händen. Eine fette Mannesstimme liest eine lustige Zeitungsnotiz, wie einer einen Dieb haschte.

Wie soll ich es denn machen. Klingel ist keine da, ich trete also ein und bin auch dadurch schon mitten in der Wohnung.

Ein Petroleumofen raucht und wärmt wahrscheinlich auch. Am Fenster sitzt an einem reichlich versorgten Frühstückstisch der Leser. Er hat was hübsches Reckenhaftes, wie es bei deutschen Männern oft zu finden ist. Sein Anzug aber ist schmutzig. Gilet und Taillenknopf offen. Er kratzt an einem aufgegangenen Blütchen am Halse herum und liest dabei, indem er sein Gesicht dem Tische an der Wand zukehrt.

Dort fährt eine Feder eilend über das Papier und ein Kopf voll welliger Haare beugt sich darüber. Die schreibt so schnell, während ihre Stimme sagt: ja, mein Lieber.

Nun sieht sie empor: o, diese Augen! Es giebt Blicke, die aussehen wie Auszehrende. So die ihren. Auch zu voll geworden ist sie, ein ungesundes, molles Melancholikerfett.

Du?? – sagte sie.

Ich errötete vor Verlegenheit.

Ihre Seele errät alles, was ich denke.

Aber ihre Gedanken reagieren nicht darauf.

»Erlaube, dass ich dir meinen Gatten vorstelle«.

Er spricht dann ganz liebenswürdig und wenn er sich unbeobachtet glaubt, fährt er schnell mit dem Finger in die Nase.

Sie räumt derweil den Tisch ab, nachdem sie mir auch Kaffee anbot, den ich in Anbetracht der Nachbarnase dankend ablehnte.

Was soll ich sagen? Jedes Wort, das gütig kommen will, scheint mir nicht am Platze.

Endlich: ich habe dich doch nicht gestört? Herr X . . . und du – (ich bringe es nicht zustande, die zwei mit einem vereinenden Ihr anzureden) waren eben beschäftigt.

Nun, mein Gatte las mir etwas Interessantes vor. Und ich – (sie stockte erblassend) – du weisst, wie ich gerne schreibe . . . . Ich habe nur diese Morgenstunde. Sonst nimmt die Wirtschaft, Wege, Kommissionen die ganze Zeit ein.

So!

Der Gatte spricht dann noch in jener belehrenden Weise, die sich wie die absolute Gewissheit giebt: dass Frauen nie etwas leisten werden und wie Sparsamkeit doch die grösste Tugend des Weibes sei. Dabei hat er sich eine Cigarre angesteckt, deren Rauch in die armen, traurigen Augen nebenan steigt.

Bitte, Herr X., ich mache von meinem Gastrecht Gebrauch. Wollen Sie gütigst ein paar Momente das Rauchen lassen? Meine Kehle . . .  u. s. w.

Er legt sie weg, steht nach einer Weile auf, um »die Damen allein zu lassen«.

Nun stehen wir beide uns gegenüber. Aber sie gleitet gleich kraftlos in einen Stuhl.

Wir haben nur Minuten vor uns. Wir können keine Wort machen, wir müssen alles schon wissen.

Kann ich dir helfen?

Aber nein, du irrst, mein Gatte ist ganz gut gestellt. Nur, weisst du, wenn es so wäre, wie wir beide es gewohnt sind, würde er sich nicht behaglich fühlen. Es muss einfach sein. Er hat wohl während des Brautstandes mir zuliebe mehr auf sich gegeben, aber du weisst, Gewohnheiten kommen immer wieder durch.

Aber du! Mein Kind, was kannst du hier für Anregungen sammeln? Du bist noch zu jung, um schon Lebenskenntnis zu haben.

»Berlin ist nahe. Allerdings war ich heuer erst einmal dort. Es ist so ein Opfer für meinen Gatten, ins Theater zu gehen, es interessiert ihn nicht.«

Es kocht in mir; eine weissglühende Wut fliesst in den Ton meiner Worte: Du gehst zu Grunde, warum scheidest du dich nicht! Sieh mal, liegt denn alles an einem Menschen? Tausend Herrlichkeiten trägst du in dir, lass sie entfalten und werden! Geh fort von hier!

Ihre Augen leuchteten erst auf, dann sagt sie: »Ich kann nicht. Sieh mich an. Kein Einzelorgan ist krank, aber der ganze Organismus. Ich bin so müde, du weisst nicht, wie. Die Nächte bin ich schlaflos und träume hinaus und am Tage werde ich so schwach.

Und mir ist, als liefe ich, weit, weit, weit hinaus, dreimal um die Erde herum und noch bin ich nicht zurück.

Kennst du das qualvolle Gefühl, wenn der äussere Leib stille steht und man nur innerlich flieht – immer weiter in sich hinein und zugleich von sich weg. –

Nur der es je gehabt, kennt dies grausigste Empfinden.«

Rette dich doch! Einen Aufschwung! Die Energie einer entscheidenden Minute – alles wird noch gut.

Ihre Augen funkeln wie bewegtes Quecksilber. Ein Menschen-uneigener Metallglanz flimmert darin, das ganze Antlitz bekommt Spannkraft. Die Schlaffheit der Muskeln zieht sich an, die Haut scheint arbeitend sich zu glätten: die Hoffnung hat vorübergeleuchtet.

Sie sagt: »Du hast recht. Nur dies kann mich retten – weg von hier.«

Dann fügt sie entschuldigend hinzu: glaube mir, er ist klug und gut, aber – eben – du verstehst. Wäre ich ein Mann, so fiele es ihm niemals ein, meine Arbeit zu stören – aber so – bedenke, dass er in seiner Jugend nur mediocrestes Weiberzeug um sich gesehen – er kann sich ein geistig arbeitendes Weib eben nicht vorstellen. Bei der geringsten häuslichen Beschäftigung schweigt er, aber sobald ich zu schreiben anfange, glaubt er scheinbar, ich langweile mich und will mich zerstreuen.

Ihr war ein bisschen Rot in die Wangen gekommen. Sie seufzte nur, als müsste sie tief Atem holen, wie nach einem gefahrvollen Weg, den sie nun hinter sich hatte.

Ich bot ihr mein Heim für die ersten Wochen an. Gleich mit mir sollte sie kommen, dass sie nicht am Ende wankelmütig würde.

Ja, sie war einverstanden. Und nun ging sie ins Schlafzimmer, das nur zwei riesige, recht saubere Betten als einzige Möblierung zeigte. Vor einem der Betten blieb sie wie nachsinnend stehen – seines wahrscheinlich!

Darauf meinte sie, sie müsse ihm doch vorher schreiben und . . . dann . . . die Manuskripte, die konnte sie nicht dalassen, die wurden doch gleich mitgenommen, das verstünde ich doch.

Sie wurde immer agiler, heftiger, bewegter, lief im Zimmer umher, als hätte sie neue Beine bekommen.

Plötzlich steht sie mir gegenüber, die verkörperte Resolution: ich gehe doch nicht.

»Essen . . . . seine Tageseinteilung . . . . seine Hemden . . . . . sein Schmerz . . .«

Ich sehe rot.

Sie aber wird immer ruhiger, matter; müde Sanftmut kommt über sie. Dann spricht sie, wie jemand, der überanstrengt ist. Nachher werden die Glieder so schlaff in den Fauteuil versenkt, die Augen fallen in die Höhlen zurück, die Wangen buchten ein: ich kann nicht. Vielleicht lieb ich ihn noch . . . . jedenfalls bin ich müde. Kümmere dich nicht um mich, es ist zu spät.

Unsere Augen werden hart: dann haben wir uns also nichts mehr zu sagen!

. . . . das Mitleid sickert thränengleich in mein Inneres. Meine Augen bitten, beschwören, bedauern.

Da flackert letzter Stolz in ihr empor. Mein Mitgefühl ist verletzt. Sie spricht mit wirrer, rascher Stimme, die Silben überstolpern sich: »Wer erlaubt dir, dich um mich zu kümmern, wer rief dich, wer wünschte dein Eindringen? Ich kann zu Grunde gehen, wenn ich will, verstehst du? Ich bin Verantworter meines Lebens, mein Leben ist mein Sklave . . . . da!«

Aber beruhige dich doch. Missverstehe nicht mein Bitten, du bist allein . . . . . »Wer ist allein! Warum höhnst du? Geh, geh und komm nie wieder. Lasst mich alle, alle, alle.«

Nun schluchzt sie und kreischt und schlägt konvulsivisch mit den Gliedern umher. Dann Thränen, die wie Sickerwasser aus durchhöhltem Stein kommen – nachher ein Schlafzustand. . . .

Ich weiss, wie Seelen verletzlich und nie verzeihend sind.

Ihr Schlummer bettelt: lass mich nicht vor dir die Scham des Erwachens haben.

Leise, leise geh ich zur Thüre hinaus  –  –  –

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –

Vor dem Hausthor kommt mir der Gatte entgegen; er grüsst, bleibt stehen. Seine Augen funkeln nur so, während er spricht. Ich sage etwas Gleichgültiges, dann verabschieden wir uns.

Mein Inneres zittert noch, automatisch gehen die Füsse ihren Weg. Ein Mann kommt mir entgegen: »Schönes Fräulein, so ganz allein?«

Aergerlich beschleunige ich meinen Schritt.

»Darf ich sie begleiten?«

Was unterstehen Sie sich?

»Aber gnädiges Fräulein . . . .« u. s. w. Ich winke einer vorüberfahrenden Droschke und flüchte vor der Zudringlichkeit. Dümmste aller Komödien. Leben von heute. –    –    –    –    –

–    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –

* * *

                          

Bin zu Hause. Kann weder essen, noch arbeiten, noch schlafen. Armes Weib! Wenn ich beobachtend hinausschaue, muss ich sagen: der Typus des Weibes! So methodisch erstickt wurden Frauen seit Jahrtausenden. Das Gehirn wäre gesund gewesen, aber ihr Wille hatte allezeit zu schwache Gelenke. Das war ein Vorteil für den Mann im Wettlauf der Geschlechter, also erhob er den Fehler zur Tugend. Anfangs aus despotischen Tyrannengelüsten, später im Gefühl aufkeimender Zartheit für das Verletzlichere des Weibes, wurde ihre Geschlechtsehre geschützt. Im Laufe der Zeiten aber vergass man die erste Ursache dieser Massnahmen. Nur die Sitte wurde fortvererbt. Da aber ihr Entstehungsgrund vergessen war, fand man ein neues Motiv dieser Gebräuche. Aus Zwang und minderwertigen Rechtes wegen muss das Weib die »Angehörige« und Geschlechtsunfreie sein, sagte man jetzt.

So blieb es dann. Das priesterliche Christentum insbesondere war einer wiederkehrenden besseren Aera des Weibes nachträglich. Der Katholizismus, welcher seine Vertreter unbeweibt wollte, musste es deshalb als teuflisches Geschöpf hinstellen. Der Protestantismus mit seiner ausschliesslichen Mann-Gottverehrung war dem Weib ebensowenig günstig. Andererseits brauchen gerade die Frauen dieses Weite, Unbestimmte, das an den Düften des Weihrauchs in Höhen emporsteigt, die uns noch im Dunkel liegen.

Und Geschicke haben wir nie gelenkt, am wenigsten die unseren. Höchstens durch das Geschlecht wirkten wir: gewaltig, dämonisch, dass die Welt von rechts nach links musste, dass alles toll ging, als gäbe es nur Zufälle, aber niemals Notwendigkeiten. Aber wir dar hinter, die das bewirkten, waren arme, arme Menschen und wussten kaum, was geschah.

* * *

Das ist der ganze Fehlschluss des Weibes, aus dem ihm das Peinliche und Schwere der Jahrtausende erwuchs. Es sagt: mein Leib fühlt sich zum Manne hingezogen, also hat der Mann recht, mit allem, was er äussert und denkt.

* * *

Dr. Gehrhardt schrieb aus Boston – dem Centrum der amerikanischen Intelligenz. Er fühlt sich wohl und grüsst mich von Seiten seiner Freundin, die an demselben Spitale wie ihr Gatte Arzt ist. Ich soll auch hin.

Werde ich antworten? Ich sage mir: jetzt gleich. Dann wird irgend etwas in den Weg kommen, was sonst nicht mal die Kraft hätte, bemerkt zu werden, daraufhin verschiebe ich den Brief auf morgen. Schon im Aufwachen sage ich mir: jetzt gleich! gleich nur waschen, baden, frisieren, manicüren, frühstücken.

Dann setze ich mich hin. Da ein Brief, ein neues Buch   ich blättere – – der Vorsatz wird immer schwächer, wie ein Flämmchen ohne Oel – – – da! – – – später – – – – morgen – – – irgendwann . . .

* * *

Aus der Vorlesung Ostwalds über Naturphilosophie : wir sind berechtigt, die finale oder Zweckfrage eines Lebewesens zu stellen, sie ist anders als die kausale oder Mittelfrage.

* * *

Gearbeitet. Menschen beobachtet. Man täusche sich nicht; der Deutsche des allgemeinen Masses ist durchaus real gesinnt. Ideale sind ihm unverständliche Verrücktheiten. Die zweiköpfige Hydra – Kirche – Staat – aber herrscht über seine Sittlichkeit. Boshafte behaupten sogar, sie täusche ihm eine auf, so wie ein bisschen gefärbter Kalk über ein bisschen Holz die stützende Standhaftigkeit einer Marmorsäule darstellen soll.

Daher liegt die Idealität des Durchschnittsdeutschen auf dem Gebiete der Moralität? – nein! aber des moralischen »Wünschens«. (Siehe die Schrecken der »beliebt gewordenen« Litteratur.)

* * *

Baron W., den ich oft in Gesellschaft traf, kam heute zu mir. Ich war erstaunt. Was wollte er? Er hatte ein finsteres, verheissendes Gesicht. Er fragte, ob ich es ihm gestatte, mein Verteidiger zu sein . . . .

Wie? Was?

. . . . indem er Berthold zum Duell fordere:

Weshalb?

. . . . weil Berthold über mich Ehrenrühriges gesagt hätte.

Ich lausche empor. Es ist meinem Innern, als ob ein Kind etwas völlig Unsinniges plauschen würde. Man lässt es reden, weil es eine Freude daran hat.

»Sie sind gar nicht einmal entrüstet?«

Ich muss doch erst wissen, warum. Wirklich, Sie werden falsch gehört haben, oder die Personen verwechselt. Berthold soll ja allerdings ein Männlein sein, das von Frauen leicht in Wallungen gebracht wird, aber eben deshalb war er mir so angenehm. Diese vielen Ableitungen nach anderswo sicherten mir den Freund, den Bruder. – Gewiss, Sie werden meinen Namen mit irgend einer seiner Don-Juaniaden verwechseln.

»Gnädigste, Sie sind wie ein Kind . . . . . Sie kennen die Männer nicht.« (Ich fühle mich über diese Bemerkung tief gekränkt, glaub’ ich doch immer alle und alles zu kennen.)

»Darf ich brutal sprechen: das Weib ist ein Wild. Eine schöne Frau findet ohne ihr Wissen viele Jäger, die hinter ihr her sind. Unser Mannesstolz will Sieger sein – verstehen Sie?«

Eigentlich nicht!! Was soll das mit Berthold, mit dem Berthold, wie ich ihn kenne und schätze. Den der bleichen Gefühle, der gesuchten Worte, der schöngeordneten Sätze – alle seine Briefe, Bitten, Worte sind in Weiss getaucht.

»Und Sie haben dieser Komödie geglaubt?«

Ich sitze erstarrt da.

(Schon wieder zweifelt er an meiner Menschenkenntnis.)

»Haben Sie sich nicht vorstellen können, dass ein solcher Weiberjäger Sie förmlich auf sein offizielles Programm setzt? Da Sie für alles Neurasthenische sind, – (ich wehre ab) – so sprach er eben Ihren Seelenjargon, um Sie zu gewinnen.«

Aber er hat ja nichts erreicht!

»Tant pis pour vous . . . da musste eben seine Phantasie aushelfen«. . . .

Pfui! Aber was soll er gesagt haben, sprechen Sie doch, rufe ich gereizt.

»Das ist es. Hätte er klipp und klar (schrecklich, welche Worte er gebraucht!!) gesagt: das und das geschah, dann würden Sie ihn klagen haben können. Aber dazu ist er zu klug, er spricht einesteils voll Bewunderung von Ihnen, dann flicht er so ein, Sie seien leidenschaftlich... Wissen Sie, mit keinem bestimmten Wort, nur so, dass die anderen es vermuten müssen. . . .«

Aber woher soll er das wissen? »Nun, eben weil ich und viele Sie kennen, so bitte ich Sie, lassen Sie mich mit dem Kerl duellieren.«

Damit die Leute dann wieder sagen, ich hätte Sie zum . . . . (ich breche ab.)

Der Baron: »Aber Gnädigste, Sie wissen doch, nicht ein Wort, nicht einen Handkuss hab’ ich mir erlaubt.«

Das nützt auch nichts, sage ich niedergeschlagen, Sie sehen, wie es mit Berthold ging. Wissen Sie, duellieren dürfen Sie sich nicht, aber ich danke Ihnen innig, dass Sie so aufrichtig waren, mir mitzuteilen, wie meine Freundschaft missbraucht wird.

Entschuldigen Sie mich jetzt. Ich gehe sofort zum Rechtsanwalt. Sein Recht muss man wahren. Ist es möglich, so klage ich.

Im Wagen zerzupfe ich meine Blumen. Es wird so licht und fern in mir. Ich schimpfe mich dummes Kind und werde dennoch wieder stolz. Wieviel schlimmer wäre der umgekehrte Fall gewesen, dass er mich gelobt hätte, während ich tadelnswert gewesen wäre!

So bin ich rein! Streb ich nicht dem Wege der Weisheit zu? Was gelten falsche Urteile vor dem Innern, das sich rein weiss. – –

Klagen werd’ ich, der andern wegen. Damit nicht neue solche Fälle sich ereignen können.

* * *

In den Arbeitssälen bei meinem Rechtsanwalt. Schmutzig, düster, hagere Menschen mit eingefallenen Augen und Backenknochen, auf denen die Haut wie abgenütztes Pergament liegt. Hastig gehen die Federn. Alles schweigt. . . . Ich frage diese Leute zwischen den Wimpern hervor: wo ist das Glück? Wo ist das Glück? Aber ihre Seelen antworten nicht darauf, verstehen das Wort nicht mehr.

Die Wände scheinen zu weichen – weit – weiter, und ich sehe endlose Reihen solcher Menschen über die ganze Erde hinüber, frohnend, um den Hunger zu stillen, irgend welchen Hunger! Alle krümmen sich unter dem Joch der Mühe, nicht mehr aufstöhnend, denn das Joch der Arbeit zermalmt die Seelen.

* * *

Der Rechtsanwalt nimmt meinen Fall zu wenig ernst. Er sagt: »Was wird alles geredet! Lassen Sie es sein! Uebersiedeln Sie in eine andere Stadt.«

Was fällt denn Ihnen ein? Weshalb? Ich habe keinerlei Grund dazu.

Darauf meint er, ich soll schauen, die direkten Zeugen zu finden, dann wollen wir klagen. Ich bin ein bisschen niedergeschlagen. Es ist schwer, hier allein zu sein.

* * *

Nun fragte ich herum. Die Leute sind feig. Alle stritten ab, etwas mich Verletzendes vernommen zu haben, sobald sie von einer eventuellen Klage hörten.

Der eine sagte: er wollte Sie heiraten, weiter weiss ich nichts. Ich biss die Zähne vor Wut zusammen.

Eine Dame erinnerte mich daran, mir gesagt zu haben, wie unsympathisch er ihr sei. Vor ihr habe er allerdings nur in Dithyramben von mir gesprochen – aber – fügte sie mit liebenswürdiger Ehrlichkeit hinzu – er weiss genau, dass ich Ihnen alles erzählen würde.

Jemand anderer wieder meinte, es könne schon so gewesen sein, dass es seiner Eitelkeit geschmeichelt hätte, in seinen Zuhörer solche Vermutungen zu erwecken. Jedenfalls las er Ihre Briefe im Gasthaus vor.

Meine armen, unschuldigen Briefe! Im Bierdampf, im Leichengestank, vor Menschen, von denen alle einen Beruf, aber kaum einer eine Seele hat! Wozu diese naiven Dinge der Blumen- und Mond Verliebtheit und Vestalinnenkeuschheit vor Gehirnen prostituieren, für die das Weib nur Zucht- und Entlastungsobjekt ist!

Da sitze ich und werde rot, purpurn vor  Scham, weil ich nicht gethan, was Männer vom Weibe erwarten. Wie eine Mondsüchtige steh ich vor ihnen mit meinen blassen Blumentrunkenheiten und schäme mich dessen, was mir lieb ist. Komme mir vor, wie eine Abnormität der Natur, als müss’ ich mich entschuldigen vor ihnen.

* * *

Heute habe ich wie ein braver Bürger gelebt. Im Gasthaus soupiert, Zeitungen gelesen und bin dann verdauend heimgegangen. Von oben lugte wohl der Mond auf meinen Weg, aber ich that, als sähe ich ihn nicht.

* * *

Der Rechtsanwalt sagte, auf diese vagen Behauptungen hin wäre es unmöglich, zu klagen. Aber er sei überzeugt, dass Berthold so geredet habe. Er zog nun über ihn her. Was nützte mir das, ich hätte klagen wollen – weiter nichts. Was für ein Hässliches die Menschen sind! Da ist wohl auch das, was Berthold Abscheuliches über die Frau seines Chefs andeutete, nur schlimme Erfindung. Nie mehr glaub’ ich anderem als den eigenen Augen!

* * *

Ein Monat kein Wort, nicht die geringste Aufzeichnung. Ich ging in unwürdiger Wut umher und wollte ihn mit der Hundepeitsche ins Gesicht schlagen, wo ich ihn auch träfe. Aber er war nirgends zu finden. Avisiert oder Zufall?

Jetzt komme ich zu mir zurück. Keinen guten Gedanken hatte ich über ihn. Wer ist aber dabei zu beschuldigen? Ich. Oh du stolze allerschlechteste Menschenkennerin, die Menschen träumt und der dupe des Lebens wird! Lache dich aus, du Schlaue, welche ein Dummchen ist!

Auch sonst, diese Fehlschlüsse! Welcher Zusammenhang sollte zwischen ästhetischer Feinfühligkeit, Wortgefühl und Charakter sein!

Da hast du dich, du Allzugescheite. Stell dich vor den Spiegel deines Gewissens und sage, dass deine Klugheit dir diesmal nicht gerade Ehre machte.

Wie konnte ich so als ein Bestimmtes annehmen, dass diese Veranlagung des gewählten Ausdruckes einer inneren Charakteranlage entspräche!

* * *

Ein paar Studentinnen und Studenten sind bei mir gewesen. Es ist nichts Gedankenvolles geredet worden. Man war eben so erbärmlich, als man in Gesellschaft ist, nur wissenschaftlicher. Einmal sollte doch jemand ein Werk schreiben, welches die Seltenheit der Gedankengeburten konstatiert. Unter einer Million Menschen sind sicher immer nur ein paar, welche je einen, wenn auch nur mediocren, Eigengedanken fanden. Die übrigen hatten unbewusst auswendig gelernt. Das beste Gedächtnis wird am meisten gelobt. Ist einer aber gar der Interpret des Gemerkten, dann wird er sicher berühmt.

Eine meiner grössten Qualen erlebe ich immer in Gesellschaft. Man ist aufgelegt, kampflustig, echauffiert sich. Man gehört zum Kreis der Intellektuellen. Es wird heftig diskutiert. Was, wenn ich fragen darf? Einer sprach in Eigenworten Nietzsche 7. Band, Seite so und soviel. Worauf der Gegenpolemiker in seinen Ausdrücken Schopenhauer 3. Band Seite so und soviel antwortete. Dabei diese bedeutsamen Blicke und entdeckenden Handbewegungen der unbewussten Schauspieler. Jeder hat das gegencitierte Werk auch gelesen, weiss deshalb sowohl, was ihm erwidert wird, als auch, was er zu entgegnen hat. Beide Gegner sind von sich eingenommen und finden sich sehr geistvoll. Es dürfen allerdings auch andere Erinnerungen sein: Nietzsche-Wagner, Flechsig-Wundt, sogar Hartmann gegen Schopenhauer!!!

Die Interpreten sind schon gefährlicher, die geben ungerne nach, finden gewöhnlich, nur derjenige habe recht, welcher alle ihre Fehlschlüsse bejaht.

Ein Eigengedanke platzt da wie eine Bombe hinein. Weh dem, der ihn ihnen hinwarf. Er wird geistig gelyncht.

Ja, wer da lachen könnte! Denn das ist trotz allem noch die geistige Elite. Dann kommt die lange Mehrheit der anderen, die alles missverstanden haben und vernichten wollen. Fliegengehirne mit Büffelprätentionen. . . .

* * *

Einer blieb zurück, der unartige Mensch! Ich war noch heiss vom Reden. Er sprach: »Wie können Sie als Intellektuelle sagen, das Weib verstünde nichts von der Wissenschaft! Bemerken Sie nicht, welch’ ein Widerspruch darin liegt? Ist es nicht dennoch gewagt, wo so viele Studentinnen glänzend den Doktor gemacht haben?«

Tatatata! Auf Doktor studieren und kochen ist eins wie das andere erlernbar. Gut kochen ist auch nicht leicht.

Was wollen Sie damit sagen? Nun, dass die Weibesstellung sich social verschoben hat, innerlich aber gleich blieb.

»Und Sie behaupten, Weiber verstünden von der Wissenschaft nichts?«

Hm! – Der Papagei spricht auch wunderschön.

»Aber Gnädigste!« (Er lachte geschmeichelt für sein Geschlecht, als ob im Tadel des einen das Lob des andern läge!)

Uebrigens finde ich dies gar nicht beschämend, einfach etwas, das zu konstatieren wäre. Denn die Wissenschaft ist nicht ewig. Eine der Jahrtausende-Moden – weiter nichts. Unser jüngster Götze, wenn Sie wollen.

(Er sieht mich verblüfft an, sein ganzes Wesen drückt eine Injurie auf mein Gehirn aus.

Was liegt daran, alle sind da gegen mich, aber es muss heraus.)

Er beisst seine Lippen. (Auf Seite wieviel könnte da eine Antwort sein – hm?)

Religion ist auch durch Jahrtausende ein Absolut-Wahres gewesen. Nun ist es die Wissenschaft – einst –

»Nein, niemals hätte ich solche Paradoxe bei Ihnen vermutet, sie streifen ans . . . . Blöde, . . . . verzeihen Sie mir« – – –

(Ich lächle. Schimpf als Antwort ist nie Gegenbeweis, sondern Beweis.)

Er müht sich, zu zeigen, dass wir alles der Wissenschaft verdanken.

So, aber sie leugnet dem Künftigen ebensoviel Bedeutsames ab, als die Religion einst der Wissenschaft bestritt. Und hab’ ich jetzt fünf Jahrtausende unrecht, so würde ich die nachfolgenden recht behalten.

Er lachte Hohn. Draussen sickerte der Abend in bleichen Farben auf die Erde. Schatten an den Wänden frassen das Licht.

Ganz dämmernd war es im Raum, fast finster. Wir sassen versonnen da . . . . Sachte kam es wieder wie leise Helligkeit über die Dinge.

Der Abendhimmel wurde gleich lichtgrauer Seide. Dort ein kleiner, blassweisser Schimmer und dort und ganz weit . . . . ist es nicht auch einer? Ja – noch ein Stern! Sanft, still sind sie plötzlich unserem Auge da . . . . aber sie waren ja auch nie fort. – –

Sein Blick träumt hinaus, ohne zu wissen.

Dann wird es flimmernder in der Luft und ihr Ton tiefer. Allmählich blitzen die Sterne wie Degenspitzen aus dem dunklen Sammt des Himmels.

Was ist oben, was geschieht über diesen Firmamenten, zwischen diesen Welten?

Wissenschaft, Allergeliebteste, betrügerischstes Buhlweib – was versprachst du und was konntest du halten!

Mir laufen schwere Thränen über die Wangen: nie wird es unser sein, was des Geheimen da oben ist. Nie, nie!

Der Student sagt: »Haben die Naturwissenschaften nicht vieles entdeckt. Elektrizität, Magnetismus, optische Gesetze u. s. w.«

Er weiss gar nicht, dass er unmerklich vor der Feier dieses Abendwerdens leise spricht. Seine Allseele ist weit weg von seinem Gehirn, das sich in Oberflächlichkeiten ergiesst.

»Wie stellen Sie sich eigentlich dieses Künftige vor?«

Kann ich es wissen? Wir werden Seelenaugen haben!

Er kichert leise. – Wie es niedere Tierarten giebt, denen das Licht nicht durch ein bestimmtes Organ, sondern nur durch ein unbestimmtes Allgemeinempfinden der Haut inne wird, so gleichen wir ihnen in dem Ocean des Lebens.

Wir haben erst vage Gefühle von dem, das Spätere wissen, schauen werden.

Die Gelehrsamkeit von einst wird ihnen dann wie eine kleine tändelnde Chineserei erscheinen. Die Geschichte von Bakterien, die Unendlichkeit spielten.

Der Student ist empört. Er möchte Galle erbrechen. Aber er muss beweisen, beweisen, was unbeweisbar ist.

Draussen lockt das Kommen der Nacht. Das Licht der Gestirne glänzt edelsteinengleich. Dort ist der Abendstern. Dies platte Dingchen, kaum grösser als ein Monocle, soll eine Welt sein. Alle diese durch kleine Zwischenräume getrennten Leuchtkörper Welten! von denen man nichts weiss, aber so schön erzählen kann. O süsses Märchen vom Dasein. Einstweilen hat ein Luftschiffer praktisch gefunden, dass es gar nicht so hoch über uns Strömungen giebt, von denen keine Buschweisheit bisher ahnte.   –     –     –     –     –     –     –     –     –

–   –     –    –    –    –    –    –    –    –    –     –

Zarte Fledermäuse flattern in ihren dunklen Mänteln durch den Abend und bilden gegen das Schwarzblau des Himmels kleine graue Schatten. Die Bäume stehen feierlich still wie Betende. Menschenherz, wenn du jetzt wissen könntest! Diese Sterne, diese Welten, zu denen unser Schmerz emporsieht.

– – – – Hella! Hella! Kluge Du . . .

Ich träume . . . habe vergessen, dass noch jemand anwesend ist.

Der Student sagt wieder: »Die Wissenschaft ist alles. Wozu lebten wir sonst, als um zu erforschen, weshalb wir da sind!!«

Mein Lachen kreischt schrill auf, während die Thränen ihren bitteren Weg über die Wangen nehmen.

Wie er mir vordociert, was schrittweise die Jahrtausende, welche die Geschichte kennt, geschah, erinnere ich ihn an die Civilisation der Aegypter, deren geduldige, schrittweise Art ohne Elan und einschneidenden Eigengeist unserem Heute am ähnlichsten ist, ferner an die versumpfte Versickerung der von ihresgleichen hochgehaltenen chinesischen Gelehrsamkeit.

Dabei sind das nur kleine Vermutungen über kurze Zeitspannen von ein paar Jahrtausenden.

Er höhnt: »Sie mit Ihren kurzen Zeitspannen haben wohl über Ewigkeiten zu verfügen?«

Ich nehme ihn an der Hand und ziehe ihn zum Fenster, mache die Flügel auf. Der Tageslärm ist verstummt. Nur die Nacht hat ihr dumpfes Brausen, als rollten die fernen Sternwelten über die Stahlkuppel des Himmels. Der Mond scheint mit skeptischer Unsicherheit auf die Dinge. Was ist’s, das das Herz höher schlagen macht und unsere Blicke in betender Sehnsucht sehen lässt, was wir nicht schauen!

Mein Mund will dem Studenten erwidern, aber weiss das Nebensächliche des Wortes nicht mehr. Mein Arm langt hinauf in die kühle Nacht, meine Hand zeigt ihm Dinge, die ich selbst nicht kenne. Nun schweigt auch er erschüttert. Wie hypnotisiert blicken wir hinauf, voll heiligem Beben. Das Innere weitet sich, schneller schlägt das Leben in unseren Adern. Rührung feuchtet auch seine Augen. O du, die wir Natur nennen! Du Wunder und unser Alles! – – – – –   

Ich mache Licht und winke ihm Gehen.

Dann lösche ich aus und blicke noch lange sinnend in die Himmel.

 

* * *

 

Nachricht von der Schriftstellerin. Infolge einer Lungenentzündung gestorben. War sie nicht schon tot?

Am Krankenlager hatte sie ihren herrlichen Stolz von einst wiedergefunden. Ihr Mann durfte nicht zu ihr. Sie wollte allein sterben.

Ferner die Verwandten von Hellas Liebe kennen gelernt. Sie sind ja auch bei einem der üblichen Kaffeekränzchen. Die Armen! Ins Gesicht spricht man ihnen zärtlichst, aber hinter dem Rücken lacht man sie aus und freut sich ihrer Selbstgefälligkeit, die sie an alle Schmeicheleien glauben lässt. Geistige Ansprüche darf man allerdings keine an sie stellen. Ihr Horizont ist nicht höher als die Küchendecke. Europa kann zu Grunde gehen, wenn nur das Leipziger Allerlei nicht anbrennt! Wozu kommt man nicht aus Langweile, wenn die Faulheit häusliche Tändelei einem ernsten Beruf vorzieht!

Hella, du Vorahnend-Weise! Du Allerklügste und Sternenherrliche! Nur einen Tod starbst du in sieghaft-eigenem Wollen, aber hättest du die gesehen, die die Seinen sind, würdest du in Schaudern tausendmal gestorben sein. Du, die ohne Pose, ganz instinktiv alles liebtest, was Kultur war. Deren empfindliche Nerven Leute nach ihrem Geruchunterschied. Wie hätten jene langgetragenen Kleider, denen durch die Zeit ein leichter Schweissgeruch innewohnt, dir wehe gethan, wie würden diese ungepflegten Hände dich verletzt haben! Diese Reden ohne Grazie, ohne Sinn, wie bitter wären sie dir geworden! Erschreckt hättest du dich nach dem Freund umgesehen und dein Blick würde ihn angeklagt haben für das, wofür er nicht kann.

Und wenn du erst vernehmen würdest, was sie für ihn gethan zu haben meinen, (haha! liegt darin nicht schon ihre läppische, traurigstimmende Eitelkeit, –) wäre dein Herz über diese Vermessenheit nicht jäh vor Gram gebrochen? Warum kann nicht alles schön und harmonisch sein?

Was muss auch seine subtile Grösse erdulden, wenn die zu ihm sprechen, die seinem Blut die Nächsten und seinem Geist die Fremdesten sind! Wie muss die stumme Scham sich trauernd in seinem Innern verbergen über das, was seine Tiefe bitter empfindet, aber stolz niemand gesteht. . . . .

* * *

Berthold schickte mir ein Gedicht. Ich antworte nicht darauf und werfe es ins Feuer. Hella hatte recht. Das war der mir nötige Freund, an dessen Unwürdigkeit ich frei werden musste. Dank sei ihm also.

* * *

Ich löse mich los von Mensch und Mann und komme näher zu Dingen, für deren Tiefe es keine Worte mehr giebt. Das Geschlecht ist abgestorben in mir. Wie eine allzureife Frucht fiel es herab, teilte sich und aus dem einen Toten wuchsen tausend andere Blumen des Daseingeniessens.

* * *

Die Leipziger Landschaft ist schön. Sie wirkt in der Erinnerung wie die sanften Augen eines deutschen Mädchens.

Aber viel Herrlicheres verspricht sie: ihr von heute, ihr seid noch gar nicht die, die ich will! Erst eine misslungene Ernte seid ihr meinem Mutterboden. Fremde ihr, die auf ihm Entsprossenen. Kleine Ameisen der Emsigkeit und Arbeit. Noch hat niemand Zeit für diese Luft voll Schönheit, für das sanfte Blaugrau des Himmels, in dem ein blasses Rosa fliesst. Niemand schaut, wie die Sonne hier eigen sinkt: stahlblauer Himmel mit aprikosenfarbenen Wolken. Oder Vorsonnenuntergang: alle Fenster tief opalgrün.

Am Boden liegt der Nebel, so dass die Fussgänger auf Wolken schwebend erscheinen. Dem Himmel so nahe, als wären die zarten Farbentöne mit den Händen zu erreichen.

Niemand bemerkt es. Niemand hat Zeit, bei seiner Seele zu sein. Alles arbeitet und spart. Die Freude ist hier noch keine edle Kunst geworden.


Ihr Männer, arbeitet nur. Ihr Frauen darbt, spart denn. Ihr seid die Saat zur Glorie einer künftigen Zeit.

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Ich-selbst liebe diese langen Weiten der Wege den Dörfern zu, wo das Auge in Fernen träumen kann und das Herz stille wird. Alle Baumgipfel kenne ich. An jedem hatte mein Gram schon seine Thränenlaken aufgehängt.

. . . . so allein! Warum heissen sie mich stark, energisch, selbständig? Ich gehe so verlassen dahin und bin ein armes, dummes Kind. Weiss nicht, was dies grosse, schwere Leben ist und fürchte mich davor.

Mir ist’s, als bettelten meine Augen alle Menschen an, als hätt’ ich tausend flehende Hände emporgestreckt nach einem rettenden Arm. Jemand achten, vertrauen können! Bei dem jeder Gedanke des Hinterhaltes schwindet und dann das müde Haupt in den bergenden Schoss legen, damit man die Thränen nicht sieht. Doch, wo gäb es Freundschaft?

Liebe vielleicht?

Manchmal sehe ich durch ihre kleinen Fenster und möchte so gerne glücklich sein auf ihre Weise. Aber ich könnte nicht. Hätt’ ich auch alles, was das Lächeln auf ihre Lippen legt, es wäre nicht dasselbe. Denn ich bliebe die andere und genösse nichts daran. So beneide ich sie um etwas, weil ich es niemals als Genuss verstehen würde, während ihr Glück derweil längst stockfleckig geworden ist.

Modermenschen ihr!

Und niemand und nichts für mich . . . . Eins allein könnte mich nicht beglücken. Ein Vampyr an Seligkeitsverlangen bin ich!

Liebe und Lieblosigkeit, Güte und Hass, Einsamkeit und Zweisamkeit, Blumen, Himmel, Firmamente, Künste – an alles die saugenden Lippen meines Verlangens legen! Nicht immer dies selbe eine »Ich« sein müssen. Millionen Existenzen durchleben – O! – das!

 

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Ich bin ein Mensch! Alles Herrliche ist mir also verwehrt. Ein kleines, lächerliches, ewig ersetzbares und ewig wiedergeborenes Konglomerat von Vorurteilen – haha! – ein lebender Mensch!

Was hab ich Schönes von mir, als dies stille Vorfeiern des Todes, sein wartendes Geniessen.

Dann löst sich der Leib. Die stockende Lähmung, die unser Leben ist, kommt in neuen Fluss: wir nennen es Tod! Die Substanzen verändern und trennen sich – sie sind das Werden von neuem, das wieder weiter sich teilt und wieder weiter wird – so komme ich in tausend neue Existenzen, ich, die ich verflucht war, an eine gefesselt zu sein! Weiteren Daseinsformen bin ich Grundstoff: Blume, Tier oder Mineral, Wolken und Sterne zugleich.

Meine Wiederkunft! mein Ausbreiten, mein Freiwerden – meine Unsterblichkeit!

 

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