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Elsa Asenijeff – Die Schwestern

Novelle

Elsa Asenijeff, Die Schwestern, Magazin-Verlag Jacques Hegner, Berlin und Leipzig, 1905


Nun wollten die Einander-Entfernten, von einer wundersamen Sehnsucht getrieben, einmal wieder körperlich nahe zu sein, zu bestimmter Zeit an gleichem Orte zusammentreffen.

Der Vater zwar, früh erschöpft vom schweren Ringen geistiger Arbeit, lag schon längst in dieser rätselhaften Erde, bei deren Anblick die einen beseligende Hoffnungen zukünftiger Welten träumen, die andern jedoch mit verbissenem Trotz mutlos werden.

Aber die Mutter lebte noch und konnte ihrer Töchter Schicksal verfolgen, die, begleitet von ihren Gatten und Kindern, nun auch körperlich in dem Kreis ihrer liebenden Güte erscheinen sollten.

Denn der Worte erstarrte Pracht ersetzt niemals das Glänzen liebender Augen. Und ein kalt Papier, in zitternden Fingern gehalten, ist nicht so warm als der zärtliche Druck beredter Hände.

So ward der Badeort als Stelle des Wiedersehens ausgewählt.

Die mittlere der Schwestern traf zuerst mit ihrem Gemahl ein. Sie war eine schöne, blasse Frau mit unwahrscheinlich großen Augen, deren Dunkel, bald braun, bald stahlblau schillernd, die Farbe jenes erstarrten Harzes hatte, das Menschenhand aus verschwiegenen Meeren zu holen weiß. Bogumilas schmächtige Gestalt zeigte die zärtliche Verfeinerung körperlich leidender Menschen, deren subtilste physische Erschütterungsnuancen sich einer teilnahmsvollen Nachbarseele einprägen dürfen.

Bogumila und Hellmuth hatten nur ein Töchterchen, blond wie sein Vater und großäugig gleich der Mutter. Schon lag in diesem heranwachsenden Mädchen die behutsame Stille, die der Umgang mit nicht völlig Gesunden erzeugt. Denn auch Hellmuth litt an einer jener Neurosen, die gleichsam eine vom Schicksal geforderte Rückzahlung für das Kraftvergeuden langer Geschlechtsreihen sind.

Diese Müde und ein innerer Hang zur Abkehr vom Leben trieb die beiden aus der Großstadt, der sie entstammten, in eine kleine österreichische Provinz. Die Donau zog dort vorbei und brachte ein wenig Bewegung in die Monotonie alter Giebel, die seit Jahrhunderten auf die immer gleichen Gassen sahen. Türen mit blinkenden Klopfern, glatt poliert durch Generationen von scheuernden Händen, versahen noch immer ihren Dienst. Alte wunderliche Fensterkreuze wechselten mit Fenstern aus gebauchtem Glas, dem Stolz einstiger Bewohner. Die Häuschen waren alle hübsch geweißt, und nur die alten, schmalen Steinreliefs mit dem ewigen Puttenmotiv zeigten den Geschmack einer vergangenen Mode. Da und dort hing noch eine alte, schmiedeeiserne Laterne, oder ein kunstvoll gearbeitetes Gitter erinnerte Urenkel an das Leben Einstiger. Davon wusste dann das ganze Städtchen die Geschichte. Das hat damals der von jenem errichten lassen, und nun sind sie und ihre Enkel schon längst tot und verdorben. Und in dem Hause von einst, das noch immer dauert, gehen Fremde auf und ab, die sich drinnen heimisch fühlen, obwohl sie die Bäume ihres Gartens nicht wachsen sahen.

Das ganze Städtchen glich einer alten Chronik. Kein Fabrikschlot, dieses Minaret des Okzidents, erinnerte an das Hasten des Heute. Da, wo Schlingrosen an Balkonen länger lebten als ganze Geschlechter, bekam das Dasein einen andern Sinn. Der Mensch wurde mehr Individuum, als es ein Großstädter ist, der als Arbeitsgleicher mit vielen rastlos vorwärts hastet.

Hier erwuchs jeder, auch der Geringste, an des Lebens Unbeugsamkeit zum tragischen Helden. An langen Tagen und noch längeren Abenden erzählten die Bewohner nach gemächlich vollendeter Arbeit bei blassem Lampenlicht von den Geschehnissen ihrer Bürger. Und in der Kette der Jahre blieben auch die Glücklichsten nicht ganz verschont.

So schien es den Kleinstädtern, als wäre jegliches Streben lächerlich, denn des Menschen Bestimmung geht andere Wege als sein glückbettelndes Wollen. Und wir können nichts als Stille halten, wenn des Geschickes schwere Wolken kommen, und nirgends ist ein Unterschlupf und Entgehen.

Der Großstädter schien ihnen ein eitler Tropf, da er sich vermessen will, sein eigen Schicksal zu sein, und der sich für sein Freud und Leid allein verantwortlich macht. Sein Vorwärtswollen kam ihnen fast lächerlich vor. Denn alle Arbeit war doch zu nichts, und am Ausgange auch des größten Erfolges saß der Tod. So huschelten sie sich zusammen wie vom Gewitter erschreckte Vögel und warteten.

In diesem Städtchen wohnte Bogumila mit Gemahl und Kind. Erst wurden die fremden Großstädter, die ein stattliches Haus erwarben, als Eindringlinge angesehen. Aber da Hellmuth, obwohl jung, keinerlei Amt annahm, sondern nach wie vor in behaglicher Vornehmheit mit seiner Familie weiterlebte, vergaß man sie wieder.

So verfloß ihr Leben in gleichförmiger Eintönigkeit. Briefe und Bücher blieben so ziemlich die liebsterwarteten Gäste des Hauses.

Oft nach Tische zogen sie sich nach Bogumilas Zimmer, das nach der Straße ging, zurück. Hellmuth brachte dann ein Buch und las mit seiner leisen Stimme vor. Alter Tradition gemäß, machten sie, auch wenn sie ganz allein zu Tische waren, Toilette. Bogumila saß in hochgeschlossenem Brokatkleide, das durch den Schnitt der Provinzschneiderin wie eine mittelalterliche Gewandung wirkte, still an ihres blassen, blonden, helläugigen Gemahls Seite. Sie sah in eine Weite, die man nicht erblickte. Die beiden wirkten in ihrer zarten Kränklichkeit wie Figuren aus einem verblichenen Gobelin. Nur ihr schüchternes Töchterchen, das abseits von den beiden am Fenster stand, die sehnsüchtige Stirn gegen die Scheiben gelehnt, glich einem Verlangen nach den lebensheißen Gefährdungen der Außenwelt. Die Kleine sah hinab auf die breite Gasse mit dem buckligen Pflaster, an dessen Seiten die kleingesteinten, schmalen Trottoire hinzogen, die jede Hauslänge weit ein anderes Muster zeigten. Sie hörte nie zu, was gelesen wurde, sondern blickte angestrengt hinab, als müsse sich endlich, endlich da unten etwas Außerordentliches ereignen.

Da sollte sie es erfahren: sie fuhren zu Großmama! Und es wurde ein Fiebern, eine Unruhe, die ihrer Jugend wie Befreiung von unbekannter Last schien.

Damit sie ungestört bleiben konnten, wurde ein ganzes Coupé gemietet. Sie waren viel zu früh auf der Bahn und fragten den ausläutenden Schaffner immer wieder, ob dies schon ihr Zug sei. Das Stubenmädchen musste noch zweimal zurück, Vergessenes zu bringen, und endlich saßen sie, müde geworden, im Zug.

Am nächsten Morgen umarmte Bogumila ihr Mutterchen. Lang, lang sahen sie sich an, prüften stumm ihr Aussehen, lächelten, während ihnen Tränen schamhaft in die Augen stiegen.

 

* * *

 

Nun standen sie wieder alle am Bahnhof, Leonie zu erwarten. Die war ja stets aller Liebling gewesen. Eine sanfte Güte des Gemütes, die so wahrhaftig teilnehmend an den Geschicken anderer sein wollte, machte sie jenen, die sie kannten, teuer. Es schien, als hätte man in ihrer lieben Seele den geheimen Platz für seligste und schmerzlichste Erinnerungen gefunden. Da ihre Briefe immer soviel des Teilnahmsvollen an andern enthielten, kam sie eigentlich wenig dazu, von sich selbst zu berichten, oder es war nur in kargen Worten am Schlusse des Briefes freudiger oder schmerzbewegender Eigenerlebnisse Erwähnung getan. Ein süßes Zartgefühl des Herzens ließ sie dadurch beweisen, daß sie an Offenheit gern zurückgab, was sie bekam, und nur in überreicher Bereitschaft mitfühlend den Geschicken ihrer Lieben folgte.

So hatte sie die Ihren durch verwöhnende Zärtlichkeit dazu gebracht, nur lässig hinzuhorchen, was sie selbst betraf. Man las wohl, daß sie in der Garnisonstadt, in der sie mit ihrem strebsamen Gatten lebte, gesellschaftlich stark verpflichtet war, daß sie viele Gäste sah und oft in Gesellschaft ging. Auch hatten alle mit Erschütterung von dem einzigen Unglück ihres Lebens vernommen: bei einer Auslandsreise stürzte die Bonne mit der kleinen Anny am Arm aus der schlechtverschlossenen Wagentür des Expresszuges. Erschreckte Hände griffen nach dem Notsignal, und Männer mussten die Mutter halten, die in erster Verzweiflung dem Kinde nachspringen wollte. Als der Zug halten konnte und man die lange Strecke zurückgestürzt war, fand man die Bonne mit gebrochenem Genick tot. Und unter ihrem breiten Leib, der schützen sollte, mit zersprengter Schädeldecke, aus dem das Gehirn in den Sand hing, ein kleines, wimmerndes Ding.

Da, als die Mutter wieder beim Kinde war, kehrte ihre denkende Besinnung zurück, die sie schnell handeln lehrte, wo Sekunden über Sein oder Vergehen entscheiden konnten. Alle sahen ein Verröchelndes vor sich, sie aber bekam einen wilden Lebenswillen, den ihre Seele der Verlöschenden einbließ. Merkwürdig: sie, die ewig gelenkte, an Mitfühlen reiche, zu jedem Handeln jedoch unfähige, begann plötzlich, herrschend zu gebieten. Die Helfer, Träger, Ärzte unterwarfen sich dieser scheinbaren Ruhe, die aus der Todesangst um Geliebtes wuchs. Dem Chirurgen, der zweifelnd den Kopf schüttelte, flößte sie Mut ein, stand überall dabei, war trotz Wärterin nicht zu bewegen, vom Krankenbette ihres Kindes zu weichen, bange Wochen lang. Daß es nie mehr ein normaler Mensch werden konnte, wusste sie. Aber nur leben, leben sollte es. Atmete es noch, so würde sie auf ein Wunder hoffen, – ihr Leben lang.

Und der Mutter Wille stand über dem Geschick. Das kleine Mädchen, mit der Aluminiumplatte an der oberen Schädeldecke, lebte. Nach Jahren konnten die blonden Löckchen so zusammengekämmt werden, daß man von der schlimmen Stelle nichts sah. Doch verkürzte sich und lahmte der eine Fuß seit der Operation, und das Sprachvermögen fehlte. Aber man sah, daß es alles verstand und sich oft rührend mühte, durch Lallen das klar auszudrücken, was es scheinbar richtig auffasste. Dann glitt die Mutter an ihrer Seite nieder und wehklagte: sie weiß alles, seht sie an, nur sagen kann sie es nicht! Leonie wurde seit den Tagen ihres kranken Kindes allen Müttern als herrlichstes Vorbild hingestellt. Aber, wie reicher Mannigfaltigkeit voll die menschliche Natur ist, so daß es fast unmöglich wird, ein Individuum völlig, nicht nur nach einer Seite seines Wesen zu erfassen, zeigte sich auch bei ihr. Leonie, der vor ihrem Töchterchen zwei Kinder gestorben waren, so daß nur ihr Erstgeborener, ein Sohn, noch lebte, hatte keineswegs mit Lust ihre Kleinen erwartet. Sie wollte so lange als möglich die Gesellschaften mitmachen, suchte das durch unten enge und darüber faltig fallende Gewänder zu verbergen. Da sie als Mädchen schwächlich und stark bleichsüchtig war, fürchtete sie auch allzu große Erschöpfung. Während die vor ihrer Verheiratung blühende Bogumila seit ihrer Ehe und einzigen Schwangerschaft kränkelte, geschah das Wunderliche, daß die kränkliche, scheinbar zur Schwindsucht neigende Leonie ein prächtig blühendes Weib wurde. Die Küsse und Umarmungen ihres kraftvollen Gatten hatten die Unbewusst-Sinnliche zu der ganzen Freude des gesunden Leibes, in dem sich auch die Seele frei und leicht fühlt, erwachen lassen. Sie wollte nun nachholen, was ihre in der Krankenstube verbrachte Mädchenzeit versäumte. Tanz und Gesang und vornehme Geselligkeit füllten die Abende, und es erfreute die Güte des Gatten, wenn er die, die er sein wusste, umworben und bewundert sah. So lebte sie bis zu dem Unglücksfall in seliger Heiterkeit, als wollte sie das Glück eines Lebens in die paar Jahre ihrer jungen Ehe zusammendrängen. Sie war Weib, Geliebte des Gatten, bis zu jener bittersten Stunde.

Gegen ihre Mädchenzeit hin schloß sie ihre Augen; sie hatte mit der Undankbarkeit der Glücklichen längst vergessen, daß sie bei einem Besuch ihrer ältesten Schwester, die damals noch nicht geschieden war, einem Manne begegnete, den ihre melancholische Kränklichkeit bezauberte, da er selbst leis und still war, als ahne er schon die Fittiche künftigen Leides über seinem Geschick. Ein heißes, wehmütig süßes Hingezogensein beseelte die beiden. Und ein Zittern verriet ihnen, was die Lippen bestätigten.

Sein überquellend Empfinden offenbarte sich schnell den Seinen. Er gestand, diese zärtlichblasse Mädchenblume müsse sein Weib werden. Aber es scheint, als wolle es allzu oft das Schicksal, daß der Leib, dessen Schmerzen einem Menschen das Leben gab, diesem neuen Leben leidvoll werde. So auch hier. Seine Mutter widersetzte sich förmlich. Schließlich lag ja auch ein vernünftiger Grund in Leonies damaliger Kränklichkeit. Der junge Arzt, voll großer Pläne, die ihm noch teurer und erringenswerter im Gedanken an sein Mädchen wurden, hatte noch ein Jahr an einer ausländischen Klinik sich zu betätigen. Dann wollte er, seiner Familie entgegen, die Liebste dennoch heimführen. Aber ihr blasses Blut war keiner großen Willensimpulse fähig. Sich entgegensetzen, kämpfen, warten, das konnte sie nicht. Er vermochte es nicht, ihr Wort zu erlangen; nur daß er wiederkommen dürfe, erlaubte sie. So ging er, nachdem ihre zitternden Hände sich einten und ihre Blicke lange ineinander hielten.

Kurz darauf geschah etwas Unerwartetes. Leonies Mutter, die zu jener Zeit schon Witwe war und sich im Stillen gar sehr sorgte, ob ihr drittes Töchterlein auch in eines Gatten Schutz kommen werde, bekam plötzlich den Besuch eines jungen Menschen, der noch zu Lebzeiten ihres Gatten gar oft an den Festen ihres Hauses teilgenommen hatte. Es war ein kraftvoller, schöner Mann mit großen, rehbraunen Augen, über denen goldblonde Wimpern wie brennende Sonnenstrahlen leuchteten. Eine breite, freie Stirne, das Antlitz von gesunder Blässe, robuste, gutgetragene Schultern zeichneten ihn aus. Er genoß die Gunst aller jungen Mädchen, denn man heimelte sich zu, er sei ein gar schlimmer Don Juan. Etwas Sensuelles im Blick seiner Augen schien dies zu bestätigen. Da er noch dazu die Ehrlichkeit hatte, entgegen anderen jungen Herren (die gern ein Wörtlein über Liebe und Ehe einfließen ließen, um gehätschelt zu werden) ganz offen zu sagen, er denke gar nicht, sich so jung zu binden, sondern wolle erst sein Leben herzhaft genießen, so ward er allen Müttern verhasst, denn sie fanden, er nähme nur einem Würdigeren den Platz weg. In den Gesprächen der Familie wurde er, jedenfalls aus Behutsamkeit gegen die Plauderhaftigkeit der Dienerschaft, mit seinem Vornamen Wladi erwähnt.

Nun kam er zu Leonies Mutter, deren ältere Töchter er verheiratet wusste, und bat um der Jüngsten Hand. Er sagte ehrlich, daß er ein paar schlimme Liebeshändel mit leichtfertigen Mädchen gehabt habe und fühle, daß es so nicht weitergehen dürfe, wenn seine Arbeit nicht leiden solle. Leidenschaft empfinde er nicht für Leonie, doch jederlei allzu trunkenes Gefühl sei ihm nun verhasst. Er sehne sich, seinem Empfinden einen Schwerpunkt zu geben in den Armen einer sanften, edlen Frau, die Frieden und Ruhe über ihn brächte. Da hätte ihm, obwohl immer in anderem Land, stets das Bild der lieblichen Leonie vorgeschwebt. Er habe sich nicht zu helfen gewusst. Obwohl er sie nicht mit jenem inneren Sturm, den Dichter »Leidenschaft« nennen, verehrte, so empfand er doch warme Sympathie für sie und wünschte keine andere als Mutter seiner künftigen Kinder. Er erzählte auch Leonies Mama, wie sehr diese sein Kamerad bei jenen nun schon fernen Familienabenden war. Die anderen Mädchen, die sich schon als Weiber fühlten, obwohl sie noch Halbkinder waren, berührten ihn damals fade; nur mit Leonie allein, die noch ganz Kind blieb, trotz der langen Kleider, konnte er plaudern, wie und was er wollte.

Nachher wusste er auf gar schickliche Weise anzuflechten, daß er trotz seiner Jugend-sünden von schlimmen Krankheiten bewahrt geblieben sei. Obwohl die Mutter diese Versicherung gar freimütig fand, so sagte sie sich anderseits als kluge Frau, daß er sie einer schlimmen ehrenwörtlichen Frage enthob, die ihr, da der Vater tot, niemand hätte abnehmen können. Dennoch zögerte sie zuzusagen, da sie von der stillen Neigung ihrer Tochter wusste. Anderseits wollte sie seiner schönen Ehrlichkeit nicht zurückstehen und gestand ihm, daß er ihr als Mutter ganz wohl gefalle, wie sie sich auch als erfahrene Frau gar nicht verhehle, daß es für ein gutes Zusammenleben in der Ehe manchmal günstig sei, wenn des Mannes wilde Neugierde abgebraust sei, damit nicht später die Tollheit in ihn fahre. Aber ihr Mädchen hätte nun auch ihren kleinen Roman. Und obwohl sie gar streng, noch nach alter Weise, über ihr Kind wache, und das Geküsse und Gekose der Verlobten nicht erlaubt habe, ja sie niemals einander allein überließ, so habe sie es doch nicht verhindern können, daß die zwei Seelen wie Falter über hohe Gartenmauern zueinander flogen. –

Wladi sann einen Moment still nach, lachte dann mit seinem gesunden Lachen auf und meinte, dies wäre freilich nicht das die Eitelkeit Schmeichelndste, was ein Werber zu hören bekommen könne, aber so fühle er sich weniger gedrückt, da es ja doch nicht Leidenschaft, sondern warme Sympathie sei, die ihm Leonie zur Gattin ersehen lasse. Und obwohl er mehr der Sinnenfreude des Daseins zugekehrt sei, so habe seine Seele, wie jede, einen kleinen Winkel Poesie. Dann tue ihm jedes Mädchen leid, das nicht irgend einen Traum in ihr späteres Leben mitnähme. So aber hätte er sich nichts vorzuwerfen, und wenn Leonie nur wolle, so möchte er bald Hochzeit feiern.

Die Mutter versprach, ihr Bestes bei Leonie zu sagen, und auch deren Schwestern für den zukünftigen Schwager einzunehmen. Bis dahin musste er schauen, sich selbst bei Leonie durchzusetzen, und da gestand er, daß ein langer Brief an sie bereits unterwegs sei. Wie die Mutter und der Werber so gegenseitig im Plaudern und Gestehen waren, äußerte jene ihr Erstaunen, daß er Leonie immer bevorzugt hätte. Wir Eltern, meinte sie, sind trotz unserer Einbildungen immer die schlechtesten Psychologen. Sehen sie, Vater und ich, wir dachten immer, sie hätten ein kleines Faible für unsere Älteste, die Sophie, gehabt. Aber so ist es noch besser, denn das müsse sie ihm nun auch sagen, Sophie sei recht aus der Art geschlagen. Trotzdem sie den wohlwollendsten Gatten habe, sei sie immer darauf und daran, sich zu scheiden. Eine Tollheit nach der andern habe sie begonnen. Ihre Flitterwochen habe sie größtenteils bei einer jungen Freundin zugebracht, deren geliebter Gatte jählings starb. Nachher hätte sie sich in Bücher vergraben, und als sie guter Hoffnung war, plötzlich mit fast ungesunder Schwärmerei dies Kind erwartet.

Als der Knabe kam, habe sie, entgegen den gesellschaftlichen Pflichten, die die hohe Stellung ihres Gatten bedingte, sich von allem Außenleben zurückgezogen, ihr Kind selbst gesäugt, und wie der Arzt meinte, vor Sorgsamkeit zu Tod gepflegt. Nachher war sie darüber lange in schlimme Nervenzustände verfallen. Auf die Worte anderer Mütter, zu trachten, schnell wieder ein Kindchen zu bekommen und damit den Verlust zu verschmerzen, habe sie erwidert, sie sei kein Tier, das die Brut anzieht. Dieses Kind habe sie geliebt, nun sei es tot, ein anderes würde sie hassen.

So hatte sie es ihrem Sonderlichen, leidenschaftlichen Wesen zuzuschreiben, wenn sich bald jede Herzlichkeit von ihr zurückzog, und sie immer einsamer wurde. Doch schien sie es, vertieft in sich selbst, kaum zu bemerken.

Leonies Mutter, die vor Wladi ihre Sorgen ausgeschüttet hatte, sah sein verändertes Wesen und dachte, ob sie durch ihre Mitteilung nicht zu weit gegangen sei und einen Werber abgeschreckt hätte.

Er sah versonnen und bleich aus und hatte die Lippen stumm aufeinander gepresst.

Fast ängstlich fragte sie: Hat sie Sophies Leben verletzt?

Er wurde rot, stammelte etwas, das sie nicht verstand, und verabschiedete sich unter Wiederholung seiner Bitte.

 

* * *

 

Nun entspann sich Wladis wegen ein gar seltsamer Briefwechsel zwischen den Familiengliedern. Leonies Mutter schrieb an Sophie, sie möge doch ihre Schwester, die noch bei ihr weilte, recht ausführlich fragen, ob sie jenen zu heiraten wünsche. Sie, die Mutter, könne zu keiner Heirat zwingen und keine Verantwortung übernehmen, denn es sei der bitterste Schmerz ihres Lebens, daß sie ihrerseits, mit bester Absicht, Sophie zur Ehe zwang. Ihr schweigendes Glücklos-Sein bräche ihr das Herz. In gleichem Sinne schrieb sie an Bogumila, die einst aus Liebe heiratete und trotz ihres Leidens mit ihrem auch kränklichen Gatten in glücklichster Harmonie lebte.

Bogumilas Brief traf unverwandt ein und widerriet der Mutter, Leonie zuzureden. Sie sähe doch, wie triste Sophiens stolze Seele sei. Zum größten Erstaunen aller wurde aber Sophie die eifrigste Befürworterin dieser Ehe. Sie meinte, wenn einmal die Familie jenes andern Mannes so böse wäre, dann sei überhaupt in ihren Herzen keine Güte, weder für das Glück des Ihren noch für die Fremde. Solche lieben dann immer Qual zu bereiten, und je mehr Liebe sie in dem jungen paar fänden, desto wilder würden sie die Stacheln des Leides in ihre Herzen senken, bis Beiden das Leben eine düstere Qual ist, und sie einander nicht mehr anblicken können, ohne des Leides zu gedenken. Danach sprach sie viel zu Wladis gunsten. Er sei kräftig und gesund (dies traf die Mutter bitter, denn Sophies Gemahl war immer ein bischen siech gewesen). Dann sagte sie, Wladi sei der einzige Mann von den ihre Familienfeste besuchenden gewesen, der ohne Hinterlist war und stets gewusst habe, was er wolle. An seiner Seite wird eine Seele nicht verhungern und verdorren, schloß sie.

Als im Durchblicken der traurigen Geschicke ihrer Sophie die Mutter immer wankender wurde, ob sie Leonie dem Wladi zur Gefährtin geben solle, hatte Sophie gesagt, wenn ihrs nicht wagt – wohlan! ich nehme die Verantwortung auf mich.

* * *

Nun waren Leonie und Wladi schon lange glückliche Gatten. Ihre Ehe hatte das Merkwürdige, mit den Jahren heißer, immer feuriger und glutvoller zu werden. Sie haben ihre Nach-Leidenschaft, wie Sophie es nannte.

Diese war lange Zeit weder mit Mutter noch Geschwistern zusammengekommen, und kaum zwei-, dreimal trafen Nachrichten von ihr ein, die so in ihrer kargen Banalität die Familie in absoluter Ungewissheit ließen.

Das letzte Mal, als sie sich sahen, war damals, als sie ihren zweiten Jungen unter dem Herzen trug. In diesem Zustande drang sie auf Scheidung, lief zurück ins Elternhaus und glaubte so, das noch ungeborene Kind für sich zu retten. Da man neue Zustände für ihre Nerven fürchtete, erklärte man sich – mit Ausnahme ihres Gatten – der sie ebensosehr liebte, als er ihr unsympathisch war, einverstanden damit. Ihre Mutter und Wladi, der sich dazu erbot, reisten mit ihr, um ihr beizustehen.

Es war das erstemal seit ihrer Mädchenzeit, daß sie ihren Schwager wiedersah, denn bei der Trauung ihrer Schwester ließ sie ihr Gatte, der nicht abkommen konnte, nicht zugegen sein.

Sie sagten sich nicht Besonderes, nur das Allernötigste. Wladi meinte nur zu seiner Schwiegermama, daß Sophie entschieden als Frau bedeutend schöner geworden sei. Breithüftig, wie sie war, hatte das Kind Platz, gut verborgen zu bleiben, so daß man ihren Zustand, der bei den männlich gebauten, schmalhüftigen Frauen so ekelerregend hervortritt, gar nicht bemerkte. Ihr Auge war frisch, ein Zug der Befreiung lag auf ihrem Gesichte. Wladi war einmal zufällig allein mit ihr. Beiden schien es, als wären sie sich seit den ledigen Jahren etwas zu sagen schuldig geblieben. Aber ihre ehrlichen Seelen fanden kein Wort. Wladi nahm Sophiens Hand, senkte seine Lippen darauf, sie kaum so leise streifend, als Libellenflügel die Blätter einer Lilie. Zuerst war sie stumm, dann drückte sie mit jener ihr eigenen Leidenschaftlichkeit seine Hände, bis er es als Schmerz empfand, und rief ihm leise zu: Wladi, sei du wenigstens etwas! Ich will es! Höre zu, lebe deiner Begabung, werde groß aus dir selbst! Unsere ganze Familie hat nur dich. Sie machte eine verächtliche Bewegung, mit der sie scheinbar die beiden anderen Gatten abtun wollte.

Da lag nun schleiergleich um seine Wimpern jener resignierte, weiche Zug. Er sagte nichts, nachher flüsterte er: Leonie würde sich dabei unglücklich fühlen, sie liebt das lachende Leben voll Rausch und Freude; wenn ich arbeite, schmollt sie wie ein krankes Kätzchen. Ja du, Sophie, du wärst anders.

Die Mutter kam. Sie sprachen nicht mehr miteinander.

Sophie ward geschieden, und Wladis Heimkehr wurde so innig gefeiert, daß sich neun Monate später ein kleiner Knabe einstellte.

 

* * *

 

Am langen Pensionstisch des Kurorts sitzt Sophie, um sie herum freundlich angeregte Menschen, lächelnde Kindergesichter, kleine lebensvoll unruhige Körperchen. Rufe wie: Tante sieh mal, Mama höre! ertönen. Sie ist ganz bewegt. Das ist also ihre Familie – so groß, so reich, ein weitwurzelnder Baum, dem sie auch eine Blüte gegeben. Jetzt zum erstenmale bemerkt sie deren lebenstief wurzelnde Kraft. Sie findet das wunderschön, gar nicht einfältig, sondern von einer Gewalt, die das von jedem Schicksalssturm aushebbare Einzelindividuum gar nicht erreichen könnte. Oft fasst sie ihren Knaben an der Hand und ist Stolz, daß die Mutterschaft ihr zuteil wurde, viel stolzer als auf all ihre Erkenntnisse und Talente. Der Knabe jauchzt in einemfort: seht, nun hab ich auch eine Mama! Wenn sie zu den anderen spricht – denn sie haben sich alle wunderlich viel zu erzählen, so schreit er laut: Mama, Mama, damit es alle hören sollen. Sie neigt sich dann zu liebendsanftem Verweis gegen ihn und mahnt: Wladi! Und dann blickt unten am Tisch Leonies Gatte auf und glaubt, sie riefe ihn. Nachher gibt es leises Lachen und Scherzen, und die Schwestern fragen, wie denn Sophie auf den Gedanken gekommen sei, ihren Sohn Wladi zu nennen, wo doch niemand in ihres geschiedenen Gatten Familie so hieß. Eben darum, sagt sie kleinlaut und wird still, denn damit steigt wieder die ganze Unannehmlichkeit ihrer Scheidung in der Erinnerung empor.

Der Kampf um das Kind, dieser tiefste Jammer aller sich trennenden Gatten, war hier um intensiver gewesen, als beide eigentlich nicht genügend erschwerende Scheidungsgründe vorzubringen hatten, so daß, einer beiderseitigen Einigung gemäß, das Kind in seinen jungen Jahren zu Sophies Mutter, einer Frau voll herrlicher Seeleneigenschaften, gegeben wurde. Als Sophiens Gatte starb, ward das Kind wieder ihr allein, und sie konnte sich eines inneren Jubels darüber nicht enthalten. Darum war sie eigentlich hierher gereist. Der nun Fünfjährige sollte jetzt mit ihr gehen. Sie wollte seine Erziehung leiten und sich nicht mehr von ihm trennen. Bange sah die Großmama diese Stunde kommen, wo sie das Kind, in dem sie eine zweite Jugend erlebte, hergeben musste. Aber sie unterdrückte den Schmerz und schwieg darüber.

Während alle miteinander sprachen, konnte Sophie nicht umhin, ihre Beobachtungen zu machen. Es fiel ihr auf, wie sehr das veränderte Milieu, in dem sie gelebt hatten, sich so deutlich in jeder von ihnen ausprägte, daß ein Fremdhinzukommender, trotz Familienähnlichkeit, sie sicher nicht für Schwestern gehalten hätte. Bogumila sah ein wenig kleinstädtisch in ihrer Kleidung aus und hatte die sorgsam verlegenen Bewegungen Solcher, die nicht oft mit großen Menschenmassen in Berührung kommen. Aber es lag wieder solch eine innere Sicherheit über allem, was sie leise und schüchtern sagte, daß man sah, wie alles, was sie sprach, innerlich erlebt und empfunden sei. Ein langes Aussprechen in einsamen, wohldurchwärmten Räumen mit dem geistig regsamen Gatten hatte das wohl gezeitigt.

Gänzlich verändert war Leonie. Blühend, von jener schönen Runde, die Ausdruck kraftvoller Gesundheit ist, im Lächeln ein klein wenig Malice, wie sie der bekommt, der in feinen Salons nur verbergend andeuten darf, was ihm missfällt, so widerlegte sie völlig das blasse Jugendbild, das alle von ihr im Gedächtnis hatten. Sie trug sich mit vornehmer Eleganz, nach der neuesten Mode, wechselte innerhalb eines Tages die für die feine Dame übliche Anzahl Toiletten. Schleppen schienen für sie extra geschaffen, um die Eleganz ihrer Bewegung zu zeigen, und die kleinen Trippelschuhchen waren sicherlich an mollige Teppiche gewöhnt. Sie hatte den leichten, liebenswürdigen Charme der Frauen, die keine sonderlichen Sorgen kennen, von ihren Männern geliebt werden und in der Gesellschaft zu glänzen haben. Da sie fast ausschließlich mit Offiziersfamilien verkehrte, so sprach sie mit jenem gequetschten, etwas schnarrenden Tonfall, der merkwürdigerweise deutschem, österreichischem, wie französischem Militär gleicherweise typisch ist. Auch hatte sie jene kurze, muntere, rasche Art, die Dinge aufzufassen, wie man sie oft an Offiziersfrauen bemerkt. Da sie nicht so günstig gestellt war als ihre beiden anderen Schwestern, so musste man an ihr die Kunst bewundern, mit verhältnismäßig Wenigem fein und vornehm zu repräsentieren. Das ist ja sonst das besondere Talent der Offiziersfrau, die keineswegs, wie oft in anderen Ständen geglaubt wird, immer Schulden macht oder über die Verhältnisse lebt. Sie weiß es sich nur besser einzurichten, hat mehr Geschmack und wird auch, wenn sie einmal nicht sonderlich vermögend ist, häusliche Nachhilfe nicht scheuen. Nur prunken wird sie damit nicht, sondern vor Fremden sich als Dame zeigen. Leonie gab das Bild der Freude, das auch durch die arme kleine verkrüppelte Anny nicht ganz getrübt werden konnte. Sie war ein Parvenü des Glücks. In der freudenarmen Jugend hatte sie nie geglaubt, daß es soviel Glück gäbe, und dies alles, alles ihr gehören werde. Doch benahm sie sich gegen das kleine, kranke Mädchen so, als wäre sie unschuldig-schuldig an ihm, als hätte das Schicksal in diesem Unfall ihr das Leid geschickt, um ihr das übrige Glück belassen zu können. Auch erwehrte sie sich eines stillen Vorwurfes nicht, den Unfall mitverschuldet zu haben, da man sie vor jener unglückseligen Reise bat, das Kind lieber bei der Familie zu lassen. Sie jedoch wollte sich nicht davon trennen, und das Verhängnisvolle geschah. Nun war Anny ihr Liebling, ihr Alles. Ihren ungefähr in Wladis Alter stehenden Sohn Heini sah sie fast hart an, als den Gesunden, der ihr stets das Leid der Kleinen von neuem vor Augen führte.

Sophie, die eine ihr unerklärliche Abneigung gegen alles Kranke und Sieche zeigte, konnte eine zitternde Abscheu vor Anny nur schlecht unterdrücken, was der gekränkten Mutter die Tränen in die Augen trieb. Leonie versicherte, man könne überhaupt, wenn sie ruhig dasäße, die Krankheit der Kleinen nicht bemerken. Das stimmte, denn sie hatte ein kleines, blasses, goldumrahmtes Leidensgesichtchen. Nur die heftige Art, mit der sie in wildem, halbblöden Trotz, nach den Speisen verlangte, zeigte, wie das trübe Bild sich in der Zukunft noch verdüstern werde. Als das Unglück damals geschah, hatte Sophie an ihre Schwester geschrieben und sie gebeten, um des armen Kindes wegen Kraft zu haben und nicht sonderlich seinen Tod zu empfinden. Das verzieh Leonie nicht. –

Auch die Schwestern betrachteten Sophie mit mancherlei Gedanken. Sie hatte sich von der Familie getrennt, war »Hirngespinsten« nachgelaufen und nicht zu bewegen, sich wieder zu verheiraten. Seht, das taugt nicht für meine Natur, hatte sie gesagt. Das spricht aber deswegen weder gegen die Ehe noch gegen mich. Lasst mich; ich bin anders und muß daher auch anders leben. Sophie hatte so ein trauriges Gesicht bekommen. Verklärten Schmerz nannte es Leonies Gatte. Die Hast, die oft plötzlich bei sie Interessierendem in ihre Bewegungen kam, war längst dahin. Sie sah sie nur erstaunt an ihrem Knaben wieder. Solange hatte sie gebraucht, sie sich abzugewöhnen, da wuchs sie schon in einem anderen Leib wieder heran. Der Knabe war anfangs ganz entzückt über Mama, sprang wild in ihren Schoß. Er verlangte, wenn sie dem kleinen Volk Kuchen austeilte, die größten Stücke für sich. Als sie das aber nicht verstand und darauf bestand, daß allen gleich gegeben werde, sah er sie erstaunt an, und sie wurde ihm fremd. Seine rege Kindesphantasie hatte sich Mama anders vorgestellt, nicht schöner, denn er fand sie wunderschön – aber gütiger. Er sah sie oft hinträumend vor dem Einschlafen, wenn die Großmutter sich über sein Bett beugte und von ihr erzählte, und dann gab sie ihm die größten Kuchen, und er durfte immer spielen und bekam nie eine Strafe, wenn er die größeren Buben, die vor dem kleinen Wicht Angst hatten, schlug. Und sie war so schön und küsste so weich. Er setzte sich jetzt auf Mamas Schoß und küsste sie. Das war so fröhlich und gut, aber sonst war Mama anders, als er sie sich gedacht hatte, so ernst. War er trotzig, gefiel es ihr nicht. Wenn er zornig wurde, dann zeigte sie ihm den sanften kleinen Heini. Der ließ sich jedes Spielzeug von seiner kranken Schwester nehmen. Jedes Bonbon, jede Blume, und diese liebte er besonders, musste er weggeben, wenn es Anny wollte. Einstmals hatte er eine schöne Lilie bekommen, und nun stand er da, den Kopf sanft über die Blume gebogen, während sein Gesicht so inniges Entzücken ausdrückte, daß sein kleiner Knabenmund sicher noch keine Worte dafür gewusst hätte. Das Krüppelchen zappelte danach. Die Bonne und Leonie wollten Heini bewegen, ihr die Blüte zu geben. Heini stand plötzlich mit gefurchter Stirne da, die Arme über die Blume gekreuzt. Er wusste, was ihm lange Freude bereitete, sollte schnell zerrissen werden. Gib ihr die Blüte, sagte die Mutter drohend, und danach: sie ist krank.

Heini senkte tief den Kopf, so daß die langen blonden Wimpern wie Sonnenstrahlen über die Wangen fielen, entgegnete kein Wort und gab stumm, mit einem Zittern in der Hand, die Blüte an Anny, die sie mit läppischer Hand verdarb. Es lag so tiefe Resignation in diesem Knabenkopf, ein Schmerz, der der Frühreife, nicht der Schwäche entsprang.

Sophie empörte der Vorgang. Ihr Gerechtigkeitsgefühl, das in den einsamen Jahren des Sinnens sich bei ihr viel kräftiger entwickelte als das Mitleid, litt unter dem Vorgang, der die Menschheits-Untaugliche auf Kosten des Gesunden bevorzugte und diesem jede Freude nahm.

Ironisch sagte sie zu Leonie: ganz richtig, meine Schwester, das erziehliche Leben bezweckt nichts weiter, als Ungerechtigkeit ertragen zu lernen. Leonie, gerne gebietend, aber keinem Widerstand gewachsen, hatte Tränen im Auge.

Die Verwirrung wurde noch größer, als der heftige Wladi auf die Kranke zusprang, ihr, ohne zu betteln, den Blumenrest aus den Händen riß und rief: mein ist sie! In seinem Gehirn hatte sich der Vorgang so abgespielt, als handle es sich darum, wer am kräftigsten sei. An der Blume lag ihm nichts, ebensowenig als er für Märchen was übrig hatte.

Die Schwestern wechselten Worte; Bogumila mischte sich ein, bis plötzlich der kleine Heini zu Tante Sophie, die im Sofa saß, ging, die Arme um ihren Nacken schlang und leite flüsterte: meine Mutter!

Sophie war tief bewegt und wusste sich keine Rechenschaft davon zu geben. Man schickte die Kinder als die unfreiwilligen Friedensstörer fort, und erzählend sollte die Einigkeit wieder hergestellt werden.

Du willst mir wohl auch noch das Herz meines Knaben rauben, sagte Leonie in halbwehmütigem Ton. Ich will nichts, entgegnete Sophie und versank in Sinnen. Aber, fuhr sie wie erwachend fort, du bist die glücklichere, dein Bub hat den edleren Charakter.

Ach geh, meinte Leonie, er ist zu weich, und dieser Fünfkäsehoch tut immer, als wär er der größte Denker. – Nimm sein Herz mir nicht weg.

Er gleicht sehr dir, aber auch deinem Gatten.

Leonie lächelte und sprach: Höre mal, zum Zeichen, daß ich dir gar nicht grolle, will ich dir etwas mitteilen. Als ich Wladi heiratete, und wir uns in warmer Freundschaft, die ich nie zu bereuen hatte, Konfidenzen machten, gestand er mir, daß du das einzige Weib gewesen seist, das er geliebt hätte. Aber, und dabei machte er just so ein Gesicht wie vorhin Heini, als er seine Lilie weggeben musste, er hätte es nie gewagt, um dich zu werben, denn dich hätte er so hoch über anderen Frauen empfunden, zu hoch für die Wirklichkeit.

Was schreibst du denn da, Sophie? Auf dem Journale stand: ungestilltes Sehnen gleicht dem er Sternepracht. Träume sind des Lebens reichste Lüste.

Leonie bog sich über diese Worte, und die warme, genießende Gesundheit ihres Leibes fand nichts daran.

Du bist noch immer die Alte, Unverständliche, Sophie.

Wladi hatte dich einst als Mädchen in einem Konzert überrascht, wo du, während die anderen Mädchen dem berühmten Geiger die Kur machten, verzückt ins Musikzimmer schlichst und auf die Geige einen Kuß drücktest. Nie hat er dirs gesagt. Er hatte geweint, als er es sah.

Sophie hörte erbleichend zu, ihr rundes Gesicht wurde fahl und durchscheinend und leuchtend wie Mondenschein. Sie stand auf und sagte: wollen wir nicht nach den Kindern sehen?

Als sie in die oberen Räume kam, lehnte Heini neben seinem Vater, legte seine kleinen Händchen auf dessen Knie und erzählte, was er geträumt habe: »Vati, und dann kam ein Engel mit langen Flügeln, und dann hatte er so langes Haar wie Tante Sophie, und dann war es Tante Sophie, aber sie sagte: Ich bin ja deine Mama.«

Weiter, erzähl weiter, Heini!

Sophie wollte fortschleichen oder sprechen; zum erstenmale in ihrem Leben blieb sie ratlos ihrem Selbst gegenüber, wusste nicht, was tun. Es war ihrer Schwester glücklicher Gatte, und dort stand sein Kind. Und sie wollte nichts, nichts, aber sie war so unendlich glücklich und wahnsinnig elend zugleich. Leonies Glück kam ihr arm vor wie alle Wirklichkeit; es schien ihr, als ahne sie Herrliches, und als könne eine Menschensekunde die ewige Seligkeit bergen. Bogumila trat nun auch hinzu, und indem sie mit feinem Takt der Szene ein Ende bereiten wollte, sagte sie: welch artiger Knabe, schon ist sein Traum dem Märchen zugewandt.

Das Sinnbild aber ist unser menschliches Mittel, das Unfassbare anzudeuten.

Sophie, die darauf antworten wollte, war von jähem Schwindel erfasst und stürzte zusammen. Wladi und Bogumila befreiten sie von allen beengenden Kleidern, und so lag der schöne Leib der Bewusstlosen suchenden Blicken nur wenig verhüllt da. Wladi entsann sich ihrer, wie er sie als Mädchen im Ballkleid sah, mit den mänadenhaften Bewegungen und dem berückenden Bachantinnenleib und dabei mit Augen, in denen der Traum lag und eine grauenvolle Tiefe, als stiege man leibhaftig zu den Müttern hinab. Sie hatte eigentlich mehr Grauen als Liebe erweckt. Wenige verstanden das sonderliche Mädchen, dessen Leib wie ein Lockruf schien, während seine Seele scheu erzittern machte.

Es war ihm nun, als sei seine ganze heißblütige Treue nur ein Betrug an seiner Gattin gewesen, ja, als hätte er auch in seiner wilden Junggesellenzeit niemand begehrt und besessen als sie. Als hätte er in anderen Leibern die Form gesucht, ihrer habhaft zu werden, denn sie zog an und stieß zugleich ab. Die halbe Nacht wandelte er mit klopfenden Schläfen dahin, und zum erstenmal während ihrer Ehe lag die Gattin harrend und allein.       

Der nächste Tag war so leichter Luft, so hell und froh, daß allen das Gestern wie trübverzogener Kummer schien. Die Musik spielte frohe Tanzweisen im Kurpark, parfümerierte Damen gingen lächelnd umher, alle Kinderwagen wurden mit den kleinen Plauderpüppchen ausgefahren, die Vögel zwitscherten, die Sonne schien, – alles musste ein böser Traum gewesen sein.

Die beiden Männer beschlossen, den Tag einen Ausflug zu machen, die Kinder sollten bei Großmama bleiben. Die drei Geschwister wollten einmal sehen, ob über das Vertrauensband des Blutes hinaus ein gütiges Verstehen in Einanderferngewesenen möglich sei. Alle brachten bestes Wollen dazu und warteten, was in diesen Möglichkeiten für sie lag.

Leonie begann mit Ratschlägen an Sophie, die sie zwar in geistigen Dingen überlegen, aber dem Alltag so wenig gewachsen fühlte. Sophie hörte die liebgemeinten Worte mit freundlicher Gelassenheit. Es war ihr traut, die ihr sehr geliebte Schwester in freundlicher Bemühung um sich zu sehen. Aber bald hörten beide nicht mehr auf die sanften Tonwellen einanderzuströmender Stimmung, sondern verfielen in Meinungsverschiedenheiten, die aus den jeweiligen Lebensgewohnheiten der einzelnen erwuchsen.

Man fragte sich, worin denn die innere Notwendigkeit des eigenartigen Lebens der Ältesten bestand. Noch als Frau besuchte sie die Universität, war in Erkenntnisdingen von einer krankhaften Forschungssucht. Ihre Schwestern meinten, daß sie, da die Ehe sie nicht lockte, wohl ruhmsüchtig sei.

Doch das war Irrung. Geringschätzend überhörte sie den Ton, der zu sicherm Applaus führt, und blieb dem treu, was sie in Selbstbestimmung und innerer Wertung als das beste erkannte.

 

* * *

 

Leonie lud endlich die Schwester ein, einige Wochen in der Garnisonstadt bei ihnen zu verbringen.

Sophie gab es zu, und gerührten Herzens wollte sie versuchen, eine Bresche zu brechen zwischen dem Schweigen der Seele und dem Wort. Aber es gelang nicht. Sie liebte Leonie sonderlich und gestand es ihr, immer betonend, daß dem kleinen Heini Unrecht geschehe. So kamen sie auf die Erziehung ihrer Kinder zu sprechen. Sophie fand das Leben innerhalb der Gesellschaft heutzutage unsinnig. Das Leben, sagte sie, ist ein Austausch der natürlichen Talente gegen soziale Pflichten geworden. Es ist also ein Zugrunderichten des einzelnen. Der beste Erzieher ist der, der dem Kinde sein eigenstes zu erhalten weiß.

So scherzte in bald anmutiger, bald ernster Rede das Gespräch hin und her. – –   

Sachte veränderte sich die Farbe des Himmels, die Sonne verschwand hinter dunklen Tannen, eine Wolke, gleich einer Blutlache rot, verschwamm an den Gipfeln ferner Bäume. Die Luft wurde grau und kalt. Die drei Frauen bemerkten es kaum. Sie saßen in der Glasveranda zwischen topfgehegten Palmen.

Wladi war zurückgekehrt, um die Damen auf den seltsamen Sonnenuntergang aufmerksam zu machen. In der lichten Dämmerung, die scheinbar noch ein stilles Selbstleuchten hatte, sah er das anmutige Bild der drei Frauen. Seine Leonie, faul und molligsüß auf ein Kissen gekauert, lehnte sich an Bogumila, die steif und schlank im hohen Lehnstuhl saß, aufmerksam lauschend. Sophie stand gegen das Fenster, als wäre das Schauspiel draußen noch viel zu kleinlich gegen die furchtbaren Geschehnisse ihres Innern.

Er hörte ihre leisen, warmen, leidenschaftlich erregten Worte. Sie war gegen Leonie gewandt, der sie scheinbar auf Frühergesagtes erwiderte:

»Hat deine Seele in letzter Nacktheit jegliches Geheimnis enthüllt? Bist du stillgestanden, wenn tausend Rätsel einer Antwort harrten? Ist dein Blut fahl geworden wie der Gram grauer Tage, um alles, was das Dasein zu wissen nie und nimmer erlaubt? O sonst hast du nie gelebt, eine Todtgeborene bist du sonst!«

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

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Hurrah, hurrah! abend Mama! Tantchen! Die Kinder stürmten herein. Sophie begann auf und abzugehen, als hätten sich ihre noch ungesagten Worte in Schritte verwandelt. Die Kinder zwitscherten, schwatzten, was sie des Tages besonders beschäftigt hatte.

Wladi machte sich am meisten bemerkbar. Er hatte am See das Dampfschiff Signal gegeben: 500 Menschen haben auf mich gehört, Mama, 500 auf einmal!  – – – – – – – – – –

Sophie bat Leonie: nimm Wladi, gib mir den Heini. Ich verstehe ihn besser als mein eigen Blut.

Wie kann man seine Kinder tauschen, entsetzte sich Leonie!

O Liebe, erwiderte Sophie, betrachte nicht oberflächlich diesen ernsten Wunsch. Es ist mehr als Sympathie, das in diesen wenigen Tagen dein Kind zu mir zog und Wladi, den du bewundert, und dessen angeborene Härte sich gegen jede äußere Ungerechtigkeit entschädigen wird, deinem Herzen nahe brachte.

Sieh, so etwas Rührend-Heiliges, einen Menschen zu formen, ist ernster als selbst das Muttergefühl. Du bist gegen Heini ungerecht, dessen zartentfaltete Natur dir widerstrebt, da du selbst seines Wesens bist. Ich aber sehe alles, was ich aus meinem Starren, wilden Charakter herausbringen wollte, ohne es zu können, in ihm. Ich glaube, als meine Lenden zur Mutterschaft gesegnet waren, da formte meine Sehnsucht eine Seele wie die Deine. Aber ach. Aber ach! ich gebar den Starrsinn wieder, der ich selber bin, den kleinen Wladi. Wie Mühlsteine würden wir uns später aneinander reiben.

Wir Älteren dürfen keinen Egoismus haben, nicht einmal diesen heiligsten. Wir sind ja nur die Mittel, durch die neues Leben seinen Zweck erreichen soll. Weißt du nicht, das Reich des Kindes kommt! Ich fühle, daß ich Heinis Natur besser werde fördern können; sein stilles Verstehen der Dinge erfüllt mich mit Verehrung für ihn. Erst nach einem Leben voll hartem Anprallen und Halbzerschellen habe ich gelernt, was dies kleine Gemüt schon weiß. Ihr aber, beide weich und warm, braucht einen festen Ring um euer Dasein, das wird Wladi sein. Bei euch wird er herrschen können. Und dies, glaubt mir, ist seine Lust. Die Wesensart eines Kindes aber fördern, heißt: es glücklich machen.

Leonie verstand das Wahre jener Worte, aber ihr Blut fühlte, daß sie eher Heini unglücklich sehen, als ihn weggeben könnte.

Sophie aber fuhr fort: sieh, ist das nicht der große, wahre Sinn der Familie, die der Egoismus unserer Zeit viel zu enge nimmt? Sind wir, du und ich, nicht die Wurzelgleichen, aus einer Mutter Schoß? Hab ich dir nicht geboren, was deine Sehnsucht war: die Kraft, den Machtrausch des sich ins Leben Stellenden. Und gebarst du nicht diesen mir? O Schwester, o Zweig des gleichen Baumes!

Leonie sagte weinend: glaubst du, daß mein Gatte dies je zugeben würde? Und heftig werdend fügte sie hinzu: ich fühle es, mein Gemahl und du, ihr –

Sophie unterbrach sie rasch: entweihe nichts, entwürdige dich nicht. Diese Erde hätte keine Seligkeit für die zwei, die du meinst.

Unterschiebe keine falschen Wünsche. Kennst du denn mich, die du geliebt, nicht? Weißt du nicht, daß ich eine bin, die nichts fraglos tun kann?

Ein Gehirnungeheuer bist du! rief die erregte Leonie. Nie geb ich das Kind her. Kraft meiner ausgestandenen Schmerzen ist es mein!

Und was würden die Leute dazu sagen?

 

* * *

 

Draußen bewegt sichs. Ists Stille, ists Lärm? Es kommt – die Treppe, die Bangigkeit – die Zimmer entlang.

Öffne die Türe. – Nein, laß sie zu.

Es ist noch Zeit.

Schon ist alles zu spät.

Was reden wir? Was geschieht? Bogumilas Tochter stürzt herein. Tante, Tante, wir können nichts dafür.

O mein Gott, was ists? Wo ist Heini?

Tante, der große, böse Hund! Tante, wir können nicht dafür. Auf die kleine, kranke Anny ist er gestürzt.

O Gott, wo ist Heini?

Tante, Tante, die Bonne lief davon und ich und Wladi.

Wo ist Heini, um der Barmherzigkeit willen ?

Tante, Wladi hat es ihm gesagt, lauf fort, er beißt.

O mein Gott, lasst ihn herein.

Tante! – wir können nicht dafür, er hat sich auf den großen Hund gestürzt, und Anny ist gerettet. Tante!

O Gott, o Gott, du vermagst das! Heini, da bringen sie ihn, widerlich Blut, Heini, mein Bub, ich hab dich geboren, Heini, lebe! Heini – o die Gurgel – o ich geb dich nicht her – o Gott, tot!

Sophie stand währenddessen wie ein Felsen dabei. Aufgerichtet schrie sie mitleidslos der Unglücklichen zu: Königin der Konvention! Das Schicksal hat gerichtet!

Und ihre Hand wie eine Klammer in die Schulter ihres Knaben einprankend, schritt sie finster hinaus, dem Leben zu.