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Hans Bethge – Der gelbe Kater

Novellen

Hans Bethge, Der gelbe Kater, Novellen, Buchausstattung von Leo Prochownik, Schuster & Loeffler Verlag, Berlin, 1902
Nachkorrigiert von brucewelch. Wir bedanken uns.


MEINEM FREUNDE FRITZ METTE

Dir, lieber Fritz, gehört dies bunte Buch, in dem das Leben gleich einem Spiel erscheint. Auch uns ist das Leben ein Spiel, durch das wir heute mit lachenden Augen, morgen mit Ernst und dann mit einer dunkeln Sehnsucht schreiten. Wir lieben das Leben, da es die Schönheit birgt, die Freiheit, die Liebe und das Glück. Wir wandern mit tausend beweglichen Wünschen und erkennen in der Ferne den Tod. Aber am Saum unserer Wege blühen zahllose duftende Rosen. Wir pflücken sie mit zärtlichen Händen, flechten sie in die Locken schöner Mädchen und wandern weiter. Wir lieben den Mai, die Sonne und die Sterne am Himmel, das grosse Meer, die Fülle der Erde und unsere goldene Jugend. Lass uns jung bleiben und behalte mich lieb. Hans.




DER GELBE KATER

Es war im Sommer, auf einer Fahrt von Marseille nach Veracruz. An Bord befand sich unter den zumeist französischen Passagiren auch ein baumlanger Engländer, der durch sein merkwürdiges Benehmen schnell die Aufmerksamkeit der Mitreisenden erregte. Er sprach mit niemand, ass schweigend bei Tisch, rauchte schweigend seine Shagpfeife, grüsste niemand, kurz tat, als ob ausser ihm überhaupt kein Mensch auf dem Schiff existire. Wenn er einmal einem Kellner oder dem Stewart einen Auftrag erteilte, bediente er sich der englischen Sprache. Er schien wie die meisten seiner Landsleute keine andere zu verstehen.

Nun aber weiter. Dieser Engländer hatte ein Tier mit an Bord gebracht, das von seiner knochigen Person unzertrennlich schien. Es war ein Kater: mittelgross, elegant gebaut und mit einem schönen glänzenden Fell von gelber Farbe, beinahe wie Safran. Nur die äusserste Schwanzspitze zeigte einen schwarzen Tupfen, als sei sie einmal in Tinte getaucht gewesen. Der Kater war lautlos und flegmatisch wie sein Herr. Wo der Lange auftauchte, tauchte auch der Kater auf. Die beiden schienen miteinander verwachsen zu sein. Das Benehmen des Langen zu dem Tier war wechselnd. Meist zwar zeigte er sich gleichgültig ihm gegenüber wie allem Lebenden ausser ihm. Er tat als merke er es garnicht, dass das gelbe Fell zu seinen Füssen herumstrich und sich an ihn schmiegte. Er würdigte es kaum eines Blickes, lockte es nicht an sich und kümmerte sich überhaupt nicht darum. Dies war das Gewöhnliche. Aber er konnte zu Zeiten auch anders sein. Er konnte dem Tier Blicke des Hasses zuwerfen, deren Grund ganz unersichtlich war, denn die Katze war immer nur Demut und Ergebenheit. Zuweilen wies er das gelbe Wesen und seine Liebkosungen durch ein barsches Wort von sich. Er murrte sogar brutale Schimpfworte vor sich hin und konnte das Tier geradezu misshandeln. Ich habe gesehen, wie er die Katze eines Abends mit dem Fuss in die Weiche trat, so dass sie taumelnd zur Seite flog. Sie stiess einen Jammerlaut aus, kam aber gleich darauf schnurrend, mit demütigen Augen, zu ihrem Herrn zurück. Und dann das Gegensätzliche: Es gab Stunden, wo der sonderbare Mensch das Tier liebkoste wie ein verwöhntes Kind, wo er es hätschelte, zu sich auf den Schoss oder in den Arm nahm, es anlachte, streichelte, kitzelte, ihm die verliebtesten Kosenamen gab, kurz, sich zu ihm betrug, wie man es sonst höchstens einem geliebten Menschen gegenüber tut.

Ich muss gestehen, der Engländer und sein Kater waren mir unheimlich. Was bedeutete das mit den beiden? Ich dachte nach, besprach mich mit mehreren Reisegefährten, deren Bekanntschaft ich gemacht hatte, aber wir konnten auf nichts kommen, was uns das seltsame Verhältnis zwischen dem fast stummen Menschen und seinem gelben Begleiter erklärlich gemacht hätte. Im Grunde war es ja sehr amüsant, etwas so Ungewöhnliches an Bord zu haben, man hatte etwas zu beobachten, etwas, wovon man plaudern konnte, etwas, was die Zeit vertrieb – und das ist schliesslich, wenn man während einer längeren Seereise auf den engen Bereich eines Schiffes angewiesen ist, die Hauptsache. Ich machte mir nun in der Tat einen Zeitvertreib daraus, die zwei zu beobachten. Ich hätte zu gern Näheres gewusst. Ein Versuch, mit dem Engländer in eine Unterhaltung zu kommen, scheiterte. Ich sprach ihn eines Tages auf englisch an, er tat ganz verblüfft, musterte mich von oben bis unten, als ob ich ihm eine Beleidigung gesagt hätte, entgegnete nichts, fasste lässig grüssend an seine karrirte Reisemütze, ohne sie zu lüften, und verabschiedete sich. Der Kater schlich hinterher.

Ich blickte dem Paar kopfschüttelnd nach. Auf diese Weise war also nichts herauszubekommen. Ich musste mich auf die Beobachtung allein beschränken, und die, so sagte ich mir im voraus, würde wohl schwerlich irgend etwas enthüllen.

Der Engländer stand sehr früh auf und legte sich in der Regel ziemlich spät zu Bett. Der Kater schlief mit in seiner Kajüte. Nach dem Mittagessen pflegte das sonderbare Paar einen gemeinsamen kurzen Schlummer auf Deck zu halten. Der Engländer streckte sich dann auf einen der langen, mit Segeltuch bespannten Stühle aus, der Kater hockte sich auf seinen Schoss, schloss zugleich mit seinem Herrn die Augen, und der Schlaf senkte sich auf die zwei Unzertrennlichen. So schien es wenigstens. Ich kam aber bald dahinter, dass es mit dem Schlaf des Katers nicht weit her sei. Ich ging allemal, wenn ich meinte, die zwei befanden sich in den Gefilden ihrer tiefsten Träume, langsam promenirend an ihnen vorbei, und allemal sah ich, dass, wenn ich dem Paar am nächsten war, der Kater seine leuchtenden Augen ein wenig öffnete und mich mit den Pupillen, soweit es anging, verfolgte, während sonst sein Körper ohne Bewegung blieb. Der Engländer hingegen schlief wirklich, schnarchte sogar ein wenig, und in der Regel lief ihm aus den Mundwinkeln etwas Speichel herab. Ich musste denken, dass dieses Bild wie die Karikatur von einem verwunschenen Ritter sei, der von einem tückischen Ungetüm bewacht würde.

Der Engländer mied, wie ich schon sagte, durchaus die Gesellschaft der anderen Passagire und suchte sich während seines Aufenthalts auf Deck immer die Stellen aus, wo andere Leute fast nicht hinkamen, meist ganz vorn am Bug oder auf Heck. Da stützte er sich mit den Ellenbogen auf die Rampe des Schiffes, paffte aus seiner kurzen Pfeife und starrte hinab auf das schäumende Wasser oder geradeaus in die Ferne. Der Kater sass still neben ihm auf der Kante des Geländers und starrte dahin, wohin sein Herr starrte. Näherte sich irgend ein Mensch dem Ort, wo die beiden hockten, so fing das Tier leise zu miauen an, und der Engländer wandte den Kopf. Ich hatte auf diese Weise schon öfter dem Kater Veranlassung gegeben, seine Denunziantenstimme zu erheben und dem Langen seinen Kopf zu wenden. Er sah mich dann immer mit gelangweilten Augen ein Moment an, drehte sich wieder um, streichelte den Kater und schmauchte weiter seinen Shag.

Als ich einmal an der Kajüte des Engländers vorbeiging, hörte ich von drinnen einen ganz jämmerlichen Lärm. Der Lange erging sich mit erregter Stimme in den grässlichsten Flüchen, irgend etwas musste ihn in Wut versetzt haben, und nun maltraitirte er die Katze auf eine offenbar infame Weise, denn das Tier heulte und flennte in allen Tonarten, fast menschlich, wie ein gefoltertes Kind, dass es zum Erbarmen war. Die Scene wollte kein Ende nehmen, es erfolgten immer neue Fluchworte, Püffe auf das Fell, die deutlich zu unterscheiden waren, und Jammerlaute aus der Kehle des Katers. Endlich konnte ich es nicht mehr mit anhören und pochte mit kurzem Entschluss laut an die Kajütentür, obgleich mich das Ganze ja eigentlich gar nichts anging. Sofort nach meinem Pochen hörte der Lärm auf, und eine Totenstille trat ein. Ich erwartete, dass sich die Tür nun öffnen und das wutgerötete Gesicht des Engländers erscheinen würde, um mich anzubrüllen und sich ein derartiges unverschämtes Eingreifen in fremde Angelegenheiten zu verbitten. Ich überlegte schon, was ich dem Burschen dann entgegnen wollte. Aber es erfolgte leider nichts, die Tür blieb geschlossen, und die vollkommene Stille dahinter dauerte fort. Geärgert wandte ich mich nach dem Deck hinauf.

Dies war an einem Vormittag. Am Mittag desselben Tages erschien der Engländer wie sonst bei Tisch, in seinem Wesen unverändert, tranig und flegmatisch, ohne dass die geringste Spur von einer Erregung an ihm zu erkennen gewesen wäre. Nach dem Essen schlief er wieder mit seiner Katze auf dem Segeltuchstuhl und schien mir im Verlauf des Nachmittags besonders zärtlich zu dem Tier zu sein. Er grinste es öfter an, paffte ihm einmal neckend den Rauch seiner Pfeife ins Gesicht, kraute ihm das Fell, und das Vieh knurrte.

Der Abend, der diesem Tage folgte, war ein wundervoller Sommerabend. Der Mond schien, es war eine laue, windstille Luft, und das Meer dehnte sich regungslos, wie ein weites, beglänztes Haideland. Ich begab mich nach dem Abendessen wieder auf Deck und verblieb dort noch, als sich die anderen Passagire schon längst in ihre Kajüten zurückgezogen hatten. Der Abend war zu schön, ich konnte mich von dem besternten Himmel und dem schimmernden Meere nicht trennen. Ich rauchte eine Virginia, lehnte an dem weissgestrichenen Bord-Geländer und sah hinaus. Das Stuckern der Maschine und das leise, seidene Rauschen des Wassers unten an der Flanke des Schiffes waren die einzigen Geräusche, die vernehmbar waren. Mitunter allerdings auch ein dumpfes Wort des Steuermanns im Sprachrohr oder ein eigentümliches Knarren, das vermutlich von einem Mast herkam. Aus dem klobigen Schornstein zerflatterte einiger Rauch. Die französische Trikolore am Heck des Schiffes, in deren Nähe ich stand, hing müde herab. Das Schiff bewegte sich schnell und ohne das mindeste Schwanken.

Auf einmal hörte ich links neben mir ein leises Miauen. Ich erschrak erst, sah hin und bemerkte, dass der gelbe Kater auf dem Geländer mir langsam entgegenschlich. Sein grosser Körper bildete eine deutliche Silhouette an dem nächtlichen Himmel, und seine Augen funkelten gespensterhaft, in einem grünlichen Feuer. Ich rührte mich nicht von der Stelle und nahm es mit klopfendem Herzen wahr, dass das Vieh mir näher und näher rückte. Endlich sass es dicht neben meinem linken Ellenbogen, glotzte mich mit seinen schillernden Augen an, machte einen Buckel und fauchte. Ich blieb, wo ich stand. Nur aus Trotz. Warum hätte ich auch vor einer Katze Reissaus nehmen sollen? Da erhob das Tier die Tatze und krallte mich, ohne dass ich es hindern konnte, mit einem schnellen Griff ins Gesicht. Das war denn doch zuviel. Die Galle ging mir über und es wurde mir geradezu eine Lust, diesem gelben Vieh meinen Hass und meine Verachtung zu zeigen. Ich stiess mit der Faust nach ihm, aber es war, als ob ich gegen einen Stein stiess, denn der Kater rührte sich nicht. Das ärgerte mich noch mehr, und ich stiess nun heftiger zu. Der Kater miaute, liess nicht ab, mich anzufunkeln, und schien von den Schlägen nicht im mindesten berührt zu sein. Ich wurde wütend und schleuderte dem Beast meine brennende Cigarre ins Gesicht. Es schüttelte sie ab und blieb hocken. Nun nahm ich einen der kleinen Klappstühle, wie sie auf Deck herumzustehen pflegen, und schlug damit auf das Tier los, aber mit aller Wucht. Es blieb sitzen, miaute und ertrug die Schläge in Gleichmut. Endlich hieb ich so rasend auf die Katze ein, dass jedes andere Tier dadurch zu Mussbrei geworden wäre: an diesem Kater prallte Alles ab, er blieb unbewegt an der gleichen Stelle auf dem Geländer sitzen, und es war, als ob ich auf Stein oder Eisen schlüge. Mir stand schon der Schweiss im Gesicht vor Aufregung, und ich prügelte immer wieder von neuem, mit Aufbietung aller Kräfte, auf die Kreatur ein. Ich fühlte, dass ich schon das eine Stuhlbein an dem Kater zerschlagen hatte, da packte ein eiserner Griff vom Rücken her meinen Arm, so dass ich vom Prügeln ablassen musste, und da ich mich erstaunt umwandte, stand der Engländer vor mir. Er war völlig ruhig und sagte, ohne jeden besonderen Ausdruck im Gesicht:

»Herr, ich verstehe nicht, warum Sie dieses Tier so schlagen.«

Er sprach es in einem so gleichgültigen Ton, als ob er gesagt hätte:

»Guten Abend, wie geht es Ihnen? Sie sehen recht blass aus.«

Ich war durch sein Erscheinen und sein Flegma so perplex, dass ich kein Wort über die Lippen brachte. Ich stand da wie ein begossener Pudel oder wie ein Kind, das man bei einem Bubenstreich ertappt hat, und sah zu, wie der Engländer den Kater auf den Arm nahm und ohne zu grüssen davonging.

Ich wischte mir den Schweiss vom Gesicht, wusste nicht, was ich denken sollte und taumelte in meine Kajüte hinab, wo ich die Nacht ohne Schlaf zubrachte. Am folgenden Morgen erhob ich mich müde, mit zerschlagenen Gliedern, und in der festen Absicht, heute den Engländer zur Rede zu stellen. Ich fühlte mich unglücklich und hatte kaum Mut für den beginnenden Tag. Als ich die Kajütentür öffnete, um meine Stiefel hereinzunehmen, huschte ein gelbes Fell durch die Türspalte zu mir herein. Ich schloss die Tür schnell und sah mich um. Der Kater hatte sich auf den Rand des Bettes geschwungen, sass dort genau in der Weise wie am Abend vorher auf dem Schiffsgeländer, mit einem Buckel und erhobenem Schwanze, und fauchte mich an. »Warte, Kanaille,« dachte ich, »jetzt habe ich dich«. Ohne den Blick von ihm abzulassen, öffnete ich den Kasten des Waschtisches, nahm einen geladenen Revolver daraus hervor und zielte. Der Kater sah Alles mit an, ohne dass es ihn im geringsten irritirte. Ich drückte ab, ein Knall, das Tier überschlug sich und fiel, in den Kopf getroffen, unter einigen Zuckungen auf die Dielen nieder. Dann streckte es sich und war tot. Die Kajüte war mit Qualm angefüllt, es war eine Luft zum ersticken. Ich öffnete deshalb das kleine runde Fenster, damit der Qualm einen Abzug fände. Ich blickte hinaus, das grüne Wasser glitt wogend an dem Fenster vorüber. Da – fast wäre ich umgefallen, ich musste mich an der Wand festklammern, mein Auge hatte etwas Entsetzliches gesehen. Allmächtiger Gott, was sollte das heissen. Vor mir in dem Wasser hatte ich das Gesicht des Engländers vorbeitreiben sehen, blass, mit stieren, aufgerissenen Augen, die mich anglotzten als wollten sie mich töten. Es war keine Täuschung, ich hatte es wirklich gesehen. Als ich mich einigermassen gefasst hatte, stürzte ich zitternd hinauf auf Deck. Ich fand dort Alles in Aufregung.

»Der Engländer hat sich über Bord gestürzt!« hiess es. Es schwammen schon Rettungsgürtel auf dem Wasser, das Schiff stoppte, und man liess ein Boot hinab. Der Körper tauchte zuweilen in dem Kielwasser empor, einmal war das weisse Gesicht zu sehen, einmal ragte ein Bein auf, starr wie ein Windmühlenflügel, so dass es beinahe komisch aussah. Die Rettungsversuche erwiesen sich als vergebens. Die Leiche tauchte endgültig unter und kam nicht wieder zum Vorschein. Nachdem die Rettungsgürtel wieder aufgelesen waren und das Boot in die Höhe gezogen worden war, setzten wir die Fahrt fort.

Am Abend dieses Tages, in der Dunkelheit, warf ich den Leichnam des Katers in das Meer, seinem Herrn nach. Eine Weile sah ich ihn noch schwimmen auf dem funkelnden Wasser. Dann war er fort. Ohne Kater und ohne Engländer stampften wir weiter, in der Richtung nach Veracruz.

 Das verzerrte Gesicht des Engländers sehe ich mitunter des Nachts im Traum. Man sagt mir dann am nächsten Morgen, dass ich im Schlaf laut geschrieen hätte.



MARTINA

Es war auf Westerland-Sylt, der letzte Tag vor meiner Abreise. Ich schritt noch einmal den Strand entlang und sah dem schaumgekrönten Wasser zu. Es war besonders wild heute. Die Wellen der Brandung gingen gelb von aufgewühltem Sande. Die Sonne stand an einem wolkenlosen Himmel. Es war sinkender Nachmittag.

Ich schritt südwärts, der Halbinsel Hörnum zu. Die buntbeflaggten Burgbauten des Neutralstrandes lagen schon hinter mir; es wurde immer menschenstiller. Die Badekabinen des Damenstrandes folgten, dann war ich fast ganz einsam. Nur ein paar Kinder mit nackten Füssen wateten noch vor mir durch das flache Wasser der heranschiessenden Wellen und retirirten jubelnd, wenn ein grösserer Wogenschwall auf sie eindrang. Und dann einige klagende Möwen in der Luft; und eine Schar pfeilgeschwinder Seeschwalben, die elegantesten Flieger, die ich kenne.

Meine Schritte knirschten auf bunten Muschelschalen, die das Meer ausgespieen hatte. Hin und wieder bückte ich mich, um eine besonders schöne aufzunehmen und in die Tasche zu stecken, oder um irgend ein Seegewächs zu betrachten, das gerade zu meinen Füssen lag. An einer der Buhnen suchte ich nach einem Seestern, konnte aber keinen entdecken. Als ich von dem Bollwerk auf den Strand zurücksprang, sah ich ein Ende vor mir etwas am Fuss der Dünen liegen. Es war ohne Bewegung und schien ein Mensch zu sein, der dort der Ruhe pflegte. Langsam kam ich näher. Ich bemerkte bald, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Es war eine weibliche Gestalt, die auf einem Plaid ausgestreckt lag.


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Ich stand neben ihr. Da lag sie, schlank, bleich, verlockend. Sie hatte den einen Arm unter das blauschwarze Haar gelegt und die Augen, aus denen ein Paar auffallend starke Wimpernkämme hervorstachen, geschlossen.

Es war eine Jüdin. Das zeigte einmal das krause, prachtvolle Haar, dann überhaupt der Typus des Gesichts. Nur die Nase war gar nicht jüdisch. Sie war zierlich, von griechischer Art, süss zum küssen. Der Mund von einer ausgesprochenen Sinnlichkeit, aber es war eine seltsam keusche Sinnlichkeit: er war von dem zarten Rot der Koralle und schien noch nie die Lippen eines Mannes besessen zu haben.

Ihr Leib war schlank, ich sagte es schon. Die Brust sehr schmal, aber von köstlicher Form. Das Fleisch des Armes, den sie unter dem Kopfe hielt, und dessen Spitzenbekleidung bis zum Ellenbogen hinaufgerutscht war, glänzte milchweiss und hatte einen Ton wie Atlas. Ein paar lichtblaue Adern durchliefen ihn und erhöhten noch seine Blässe.

Sie trug eine dunkelblaue Robe, den Rock schmuck- und faltenlos, den Hals bis oben hinauf bedeckt. An ihren Füssen sassen braune Strandschuhe, mehr Stiefel als Schuhe, am Fuss ein Ende emporgeschnürt. Über ihnen bis zum Saum des Kleides war noch ein Rand der schwarzseidenen Strümpfe zu sehen.

Neben ihr lag ein grosser, roter Schlapphut von Rembrandtform. Die eine Hand (auch hier dies weiche, blasse, an Atlas erinnernde Fleisch) lag, nach der Seite hin ausgestreckt, im Sande, mit den Knöcheln nach oben, während sich die Finger ein wenig in den Sand gegraben hatten.

Ich kann dies Alles noch so eingehend beschreiben, denn ich hatte Zeit, sie aufs genaueste zu betrachten, und das reizvolle Bild ist mir fest in der Erinnerung geblieben. Ich stand, da ich langsam, von dem lautlosen Sande begünstigt, dicht an sie herangeschlichen war, ich weiss nicht wie lange neben ihr, berauscht, hingerissen.


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Ich rührte mich nicht. Ja, ich bestrebte mich, den Atem leiser gehen zu lassen. Aber plötzlich, während sie sonst ganz reglos blieb, taten sich ihre Augen auf. Sie richteten sich voll auf mich, sehr gross, doch ohne Verwunderung, schwarz und kühl. Sie machten mich irre an dem Geschöpf, dem sie gehörten. Sie passten nicht in dieses Gesicht. Geschlossen, mit den langen Wimpern – wundervoll. Aber in dieser ruhigen, weltlichen Offenheit – nein. Es waren schöne Augen, zweifellos. Aber sie waren leichtfertig, voll Überlegenheit, und es lag eine Welt voll Erfahrungen darin. Sie kamen mir vor wie ein paar unliebe Flecken in diesen guten Zügen und liessen einen Zweifel in mir erwachen an der Reinheit, von der das unverändert schöne Mündchen sprach.

»Nun?« fragte das Mädchen gedehnt, indem sie ihre Lage beibehielt.

Auch ihre Stimme war schön. Aber sie passte zu den Augen. Als sie sprach, liess sie durch die Finger der seitwärts gestreckten Hand langsame Sandkörnchen rinnen.

»Ich kam hier vorüber und sah Sie, mein Fräulein. Da betrachtete ich Sie. Durfte ich das nicht?«

»Ich kann es Ihnen nicht verbieten. Aber ich finde es nicht nett.«

»Verzeihen Sie. Doch ich muss gestehen: fände ich Sie noch einmal so – wahrhaftig, ich täte es wieder.«

Nach einer kleinen Pause sprach sie mit verändertem Ton:

»Aber jetzt muss ich Sie erst einmal begrüssen.«

Sie reichte mir die Hand, die eben noch mit dem Sande gespielt hatte. Ich bückte mich, nahm sie und führte sie an den Mund. Dann sagte ich:

»Ich heisse –«

»Pst!« fiel sie ein, »bitte nicht. Es ist so nebensächlich, und ich liebe es gar nicht. Höchstens den Rufnamen. Aber auch das ist überflüssig.«

»Willi.«

»Willi? Ah – sehen Sie; hübsch. Ich mag den Namen gerne. Er klingt so – wie soll ich sagen? Ja: offenherzig. Er erinnert . . . an die Kindheit . . . an die Heimat . . . «

»Und der Ihrige?«

»Es ist wirklich nicht nötig.«

»Ich bitte Sie darum.«

Sie sah mich einen Augenblick blinzelnd von der Seite an. Dann legte sie beide Hände übereinander auf die Stelle ihrer Brust, wo sich das Herz befindet, sah schmachtend zum Himmel auf und hauchte mit übertriebenem Pathos:

»Martina!«

Ich hätte diese reizende Komik gar nicht bei ihr vermutet. Sie bestrickte mich damit. Ich fühlte schon, wie es in mir zu brodeln begann. Die Leidenschaft, die rote, verzehrende Flamme. O dieses berückende Geschöpf! Ich fing an Alles um mich her zu vergessen. Und sonderbar – auch ihre Augen nahmen mich jetzt gefangen. Ich sah nichts mehr an ihnen von dem, was mich vorhin daran erschreckt hatte. Sie waren schön, bildschön. Wie hatte ich nur erst so filisterhaft filosofiren können. Und dann der Mund, dieser weiche, runde Mund.

»Ich will jetzt aufstehen« sagte sie. »Wir wollen ein wenig gehen.«

Und dann:

»Helfen Sie mir.«

Ich gab ihr die Hände, und sie richtete sich auf. Sie war fast so gross wie ich. Ich nahm ihr Plaid zusammen, das noch von ihrem Körper warm war, und warf es über die Schulter. Dann reichte ich ihr den Hut, den sie mit einer langen Nadel im Haar befestigte.

»Dort hinunter« sagte sie, indem sie nach Süden zeigte, also dem Bade und den Menschen abgekehrt.

Ich bot ihr den Arm. Sie legte den ihrigen ohne Zögern hinein. Dann gingen wir: in einem sonderbaren Schweigen, unter dem sich unsere Empfindungen verbargen wie die Glut unter der Asche. Wenn wir zuweilen Einiges sprachen, galten unsere Worte den silbernen Möwen, die sich über uns tummelten und schrieen. Wir lockten sie und streckten die Hände nach ihnen aus, indem wir mit den Fingern schnalzten. Es war ein übertriebenes Interesse, das wir an ihnen nahmen, und das bald ein Ende finden musste; ich war mir dessen auch wohl bewusst; und während ich noch daran dachte, spürte ich plötzlich mit zwiefacher Gefühlsstärke den fremden, blutwarmen Arm in dem meinigen. Und wieder wallte es in mir auf. Ich sah die törichten Möwen nicht mehr und fühlte ein scharfes Prickeln auf der Haut, dort, wo der Arm lag, dessen alabasterne Weisse mich so entzückt hatte. Es schoss mir verwirrend durch den Sinn, und ich begann diesen Arm zu pressen; heftiger, immer heftiger. Erst schien sie es nicht zu bemerken. Dann wurde sie ganz still. Aber sie liess mir den Arm. Ich spürte keine Regung in ihm. Und ich presste ihn schliesslich so stark, dass es ihr Schmerzen verursachen musste.

»Sie tun mir weh« sagte sie nun, und ich bemerkte, dass sie ein wenig fröstelte.

»Es wird kühl,« entgegnete ich »der Abend kommt. Soll ich Ihnen das Tuch umlegen?«

Sie nickte und benutzte die Gelegenheit, den Arm schnell aus dem meinigen fortzuziehen.

Ich nahm das Plaid, faltete es, trat hinter sie und legte es ihr um die schmalen Schultern. Aber da ich es ihr umgetan hatte, liessen es meine Arme, die sie dabei umfasst hatten, noch nicht los. Ich legte sie eng um ihren Leib und bog diesen sanft hintüber, so dass ihr Kopf mit dem reichen Haar an meine Schulter zu liegen kam. Und nun drückte ich den Mund auf diese blassroten, leis geöffneten Lippen und trank mir eine goldene Seligkeit, indem ich fühlte wie sie unter dem Kuss erschauerte.

Ich weiss nicht, wie lange mein Mund sie so besass und wieder und wieder küsste, während sie mit geschlossenen Augen, ganz wieder so wie ich sie zuerst gesehen hatte, an meiner Brust lag, ohne sich zu rühren, mit matten Gliedern, in Ergebenheit, fast in Demut, oder wie in einem schönen Traum.

Da wir so aneinander ruhten, ging die Sonne sterben. Als sie hinab war, kam wieder Leben in das Mädchen an meiner Brust. Sie machte sich hastig los, zog das Tuch fester um die Schultern und sagte, ohne mich anzusehen:

»Wir wollen ein Ende machen. Kommen Sie, es ist unerträglich einsam hier. Ich sehne mich nach Menschen. Kommen Sie.«

Ich wusste nicht, was ich entgegnen sollte. Wundersames Wesen. Was wohl in dieser jungen Brust vorgehen mochte?

Sie eilte, nachdem sie meinen Arm kopfschüttelnd abgewiesen hatte, nach Norden zu, mit Schritten, dass ich ihr kaum zu folgen vermochte.

»Wir wollen doch langsamer gehen,« warf ich einmal ein »wir sind doch keine Verfolgten.«

»Kommen Sie,« flüsterte sie wieder fast unhörbar, »ich muss unter Menschen. Ich komme um so.«

Sie flog weiter. Ich, in der seltsamsten Stimmung, die ich je empfunden habe, hinter ihr, immer die weiche, elastische Gestalt vor Augen, das scharfe Profil und das schwarze, starke Haar, das sich im Wind bewegte.

Als der an Menschen noch immer reiche Strand von Westerland vor uns lag, wurden ihre Schritte langsamer. Als wir uns dann unter die ersten Leute mischten, machte sie Halt.

»Ich bin wieder ruhig« sagte sie, mehr für sich als für mich. Dann, lauter, indem sie mir die entblösste Hand unter dem Tuch hervorgab (und wieder entzückte mich der untere Teil des unvergleichlichen Armes):

»Wir wollen uns nun trennen. Haben Sie Dank. Und denken Sie nicht mehr an mich. Vergessen Sie mich, – hören Sie?«

Sie blickte mich nicht an, indem sie dies sagte. Ihre Augen irrten heimatlos an mir vorüber, in die Ferne, über das Meer hinaus, in ein weites Land, dahin, wo die Sonne gestorben war und jetzt ein schwefelgelber Glanz am Himmel stand. Ich zog die Hand noch einmal an meine Lippen. Auch den Arm küsste ich, unbekümmert der Menschen, die um uns waren.

Dann hatte sie mir den Arm entzogen. Sie wandte sich und schritt eine der Treppen zu den Dünen hinauf, langsam, Stufe für Stufe, indem ihre Hand sich müde auf das Geländer stützte. Sie sah sich nicht um. Ich stand und blickte ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann begab ich mich zu Bekannten. –

An diesem Abend war ich der Letzte, der den Strand verliess. Der Mond stand schon lange, fast gefüllt, hinter mir über der Haide, die Lichter in den Strandhallen waren ausgelöscht und keine menschliche Stimme mehr zu vernehmen. Ich aber sass immer noch auf meinem Schemel, sah auf die silbergrüne Flut hinaus und lauschte den geheimnisvollen Klängen des Wassers, das durch die Nacht ging, steigend und fallend, raunend und verklingend – unaufhaltsam – unaufhaltsam – –


o


Ich verschob meine Abreise.

Am nächsten Tage, gegen Mittag, begab ich mich, während der Wind aus dem Pavillon der Kurkapelle abgerissene Klänge der Tannhäuser­ouverture durch die Luft verwehte, zum Strand, in der Hoffnung, dem jüdischen Mädchen wieder zu begegnen.

Nach längerem Suchen sah ich sie über ein Buch geneigt in einem Strandkorb sitzen. Sie trug die Toilette von gestern, nur einen andern Hut. Das Plaid lag neben ihr. Ich näherte mich ihr, ohne dass sie es merkte.

»Guten Morgen« sagte ich dann, als ich vor ihr stand.

Sie blickte überrascht auf, nachdem sie ihre rechte Hand auf die Stelle des Buches gelegt hatte, wo sie soeben las.

»Guten Morgen« entgegnete sie. »Ah – Sie sind es? Ich habe es mir gedacht, dass Sie wiederkommen würden; natürlich.« (Da lachte sie.) Aber ich frage Sie: »Was wollen Sie von mir? Haben Sie an gestern nicht genug? Und übrigens: Heut Abend kommt mein Baron. Ich bitte Sie inständig, mich in Zukunft nicht mehr zu kennen; um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wissen Sie.«

Ich stand verdutzt. Da machte sie eine flinke, sehr ungeduldige Handbewegung:

»Gehen Sie doch.«

Es lag ein Klang in ihrer Stimme, der heraufkommenden Groll verkündete.

Nun war ich gefasst und stiess, wie sie zuvor, ein stilles Lachen aus. Dann ging ich. Über mir machten zwei Möwen einen zänkischen Lärm. Die eine suchte der andern einen Brotbrocken abzujagen. Diese Wut. Ich sah den Tieren, deren glänzend weisses Gefieder entzückend gegen den hellblauen Himmel abstach, eine Weile zu. Dann schritt ich weiter, hart am Wasser entlang, und liess mir die Schuhe von dem Schaum der zerfliessenden Wellen netzen.

 Am folgenden Morgen reiste ich ab.



ZERBROCHEN

Spätherbstnachmittag. Der Himmel wolkenverhangen, in einziges, trostloses Grau. Die alten Platanen in der Strasse gaben ihre letzten, eingeschrumpften Blätter den Windstössen hin, die durch ihre Äste fuhren. Auf dem Pflaster standen Wasserlachen, in die mitunter eins der schmutzigen Blätter hineintrieb. Es war hässlich und füllte mit Trauer.

An diesem Tage war er zu ihr gegangen, ein paar Rosen in der Hand, und hatte ihr gesagt, dass er sie lieb habe.

Dann hatte er ihr die Geschichte seines törichten Lebens erzählt.

Sie sollte Alles wissen. Er durfte kein Geheimnis vor ihr haben; denn sie sollte nun sein Dasein und sein Streben in neue Bahnen leiten. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie die Macht dazu habe. Er fühlte sich auch selbst noch stark genug, um an ihrer Hand zurückzulenken. Nur ihre sichere, liebevolle Hand, die hatte er not dazu.

Er sass, während er ihr Alles erzählte, vor ihr am Fenster. Sie hörte schweigend zu. Als er zu Ende war, glitt er vor ihr nieder und drückte seinen schmerzenden Kopf in ihren Schoss. Sie beugte sich hinab und legte ihre Hände auf sein Haar. Da wurde ihm, als ob ein goldener Morgen auf ihn niedertaue.

Es war ganz still in dem Zimmer. Nur die Uhr an der Wand ging leise, und aus der Freiheit draussen liess sich zuweilen das verhaltene Sausen des Windes hören, der durch die Strassen griff und sich in den dürren Ästen der Bäume fing.

Endlich stand er auf, und auch sie erhob sich. Sie schritten nach dem altmodischen Sofa hinüber, das die Mitte der einen Wand einnahm und liessen sich auf ihm nieder.

Sie legte die Rosen, die er ihr gebracht hatte, vor sich auf den Tisch. Nun sassen sie eng beieinander. Jeder hatte den einen Arm um den Leib des Andern geschlungen. Sie hatten die Augen halb geschlossen, ganz dem Gefühl des Glückes hingegeben. So träumten sie und sprachen von tausend Dingen ihrer goldenen Zukunft, von dem Lande der Erfüllung, dem sie auf weissem Kahn entgegenfuhren.

Da schlug die Uhr die vierte Stunde.

»Es ist vier Uhr« sagte Lena. »Wir müssen uns trennen, Liebster.«

Er widerstrebte.

»Ich darf nicht, Liebster. Die Probe beginnt. In wenigen Minuten muss ich dort sein.«

So standen sie auf. Sie holte ein wollenes Jäckchen aus dem Schrank, und er half ihr hinein. Dann trat sie vor den Spiegel und setzte den Hut auf. Als die Nadel, die ihn im Haar befestigte, hineingeschoben war, kam der Schleier.

»Nicht den Schleier« sagte er. »Ich sehe Dich dann nicht, wie Du bist. Was brauchst Du einen Schleier? Du hast nicht nötig, Dein Gesicht zu verhüllen.«

Aber Lena sagte, zu diesem Hut müsse man einen Schleier tragen. So fügte er sich und band ihr den Knoten am Hinterkopf, wobei seine seligen Hände den Reichtum ihres Haares streiften.

Nun ergriff sie einen Schirm und das blaugebundene Buch, in dem die Rolle stand. Er nahm Mütze und Handschuhe. Darauf gingen sie.

Als sie schon im Korridor waren, lief sie noch einmal zurück.

»Deine Rosen« sagte sie.

Sie sprang zum Tisch und steckte sich die Blüten vor die Brust.

Darauf schritten sie langsam die nassen Strassen entlang. Lena, indem sie mit leis emporgehobenem Kleide die zahlreichen Pfützen zu vermeiden suchte. Manchmal veranlasste sie ein Windstoss, die Hand an den Hut zu legen. Das Theater war nicht weit. Der Eingang für die Schauspieler und Schauspielerinnen lag auf der Rückseite, nach einer Gasse zu, und es führte eine kleine Treppe hinan. Die Häuser, welche die andere Seite der Gasse bildeten, waren baufällig und eng. Hier wohnten die Maschinisten und Coulissenschieber und das andere niedere Personal mit ihren Familien.

An der Treppe sagten sich die beiden Lebewohl. Lena zögerte noch und warf einen schnellen Blick die Gasse entlang. Zu gleicher Zeit schämte sie sich dieser Bedenklichkeit. Sie zog den Schleier empor und gab ihm ihren Mund.

Dann eilte sie die Treppe empor. Er sah ihr nach, bis sie hinter der Tür verschwunden war. Dann zog er die Uhr und überlegte, was er beginnen solle. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Anfang der Fechtübungen. Er beschloss hinzugehen. Vielleicht war es das letzte Mal.

Zuvor konnte er noch einen Spazirgang unternehmen. Er hatte das Bedürfnis, im Freien zu bleiben, so unwirtlich es auch war. Und allein. Damit er immer nur an seine Seligkeit denken konnte.

Er schritt langsam am Theater entlang, aus dessen unteren Räumen die Maschinen stampften. Die Gasse senkte sich und führte auf eine platzartige Erweiterung, in deren Mitte sich Anlagen befanden. Im Sommer gab es hier Beete in blühenden Farben und Kinderscharen, die am Wege spielten. Jetzt war es kahl und leer. Die empfindlicheren Pflanzen waren mit Strohhüllen umgeben, die der Regen aufgeweicht hatte. Die Rosen hatte man umgelegt und ihre Kronen eingegraben. Die Kieswege waren von totem Laub verweht, über das der Wind hinfuhr.

Der Student ging an dem verlassenen Platze vorbei und bog, nachdem er eine belebtere Strasse passirt hatte, von neuem in ein enges Gassenviertel ein. Am Ende führte eine kleine Brücke über einen Arm des Stromes, an dem die Stadt gelegen war. Nun befand er sich ausserhalb der Mauern. Es war eine parkähnliche Anlage, die sich in ziemlicher Ausdehnung an dem Wasser entlang zog.

Er war jetzt der einzige hier. Er konnte das Gelände weit übersehen, denn die Bäume waren kahl. Er ging gemächlich, den Kopf geneigt, überdachte noch einmal Alles, was er tat und wollte, und war zufrieden mit sich.

Nun war er an den eigentlichen Fluss gekommen, der breit, in flachen Ufern, vor ihm lag. Das Wasser war lehmig und zwängte sich unheimlich lautlos vorüber. Auf der andern Seite stand ein Fährhaus. Dahinter dehnten sich Wiesen, soweit man sehen konnte.

Sein Auge glitt stromaufwärts. Ein schwerfälliger Lastkahn schlich heran. Der Student unterschied eine singende Stimme. War es möglich? An diesem Tage sang wer? Es war ein junges Weib, das am Steuer stand und es lenkte. Der Student blieb stehen und sah den Kahn näher gleiten. Er war mit Quadersteinen beladen, das Wasser ging ihm bis dicht zum Bord. Aus dem Ofenrohr der Kabine, auf deren Bedachung die Frau stand, zog eine feine Rauchwolke, die schnell in der Luft zerstob.

Das Weib hatte den Wanderer am Ufer bemerkt und sah zu ihm hinüber. Er zog die Mütze und schwenkte sie. Sie erwiderte den Gruss mit der Hand, ohne sich im Singen stören zu lassen. So zog das Fahrzeug langsam vorüber. Der Student blickte ihm noch lange nach. Als er die singende Stimme nicht mehr unterscheiden konnte, wandte er sich wieder zum Gehen und begab sich nach der Stadt zurück.


o


Er erreichte das alte Gebäude, in dem die Fechtsäle lagen, als die Übungen schon begonnen hatten. Er schritt die breite Eichentreppe hinan, durchquerte einen Korridor, aus dessen Türen das Klappern der Rappire und die dumpfen Puffe auf die Bandagen klangen, und öffnete dann die Tür zu dem letzten Saal, in dem seine Freunde um diese Zeit zu schlagen pflegten.

Man war vollzählig beisammen und stand fechtend in kleinen Gruppen beieinander. Man liess sich durch den Eintritt des Verspäteten nicht stören. Aber es schien diesem, dass die Gesichter, die sich auf ihn richteten, ein Staunen ausdrückten. Es begrüsste ihn auch niemand. Er wusste nicht, was er davon denken sollte. Was war denn vorgefallen?

Er wollte zu einem herantreten und fragen, was dies Benehmen zu bedeuten habe, da kam schon der auf ihn zu, mit dem er am meisten befreundet war.

»Was ist denn geschehen?«

»Du weisst es noch nicht?«

»Nein; was –«

»Heut Mittag – – hast Du die Zeitung nicht gelesen?«

»Die Zeitung? Was ist es mit der Zeitung? Ich habe sie nicht gelesen.«

Jener wurde betreten und schwieg. Es war ihm zu grässlich, es dem Freunde mitzuteilen.

»Mensch, rede!«

»Lieber Junge – siehst Du – – Dein Vater – man muss Dich wieder verklatscht haben – – Deine dummen Schulden – und – er – er hat wohl die Geduld verloren – er hat – eine Anzeige – in die Zeitung, weisst Du – – er – – er warnt vor Dir – – –«

Der Andre sagte kein Wort. Vor seinen Augen brannte es. Dazu ein Gefühl, als habe man ihn mit einem Beil vor den Kopf geschlagen. Er meinte, dass jetzt ein Blutsturz kommen müsse. Aber es wurde nur ein Schwindel, der vorüberging.

Er stand mit weitgeöffneten Augen, in denen aller Glanz vergangen war, und fühlte sich elend wie ein krankes Kind. Es war in ihm etwas entzweigegangen, etwas, das nicht mehr gesunden konnte.

Er sah durch das Fenster, das ihm gegenüber war, in die Äste einer Kastanie. Im Sommer hatte er hier oft hinausgelehnt und mit seiner Waffe übermütig in das volle Laub geschlagen. Jetzt waren die Fenster verschlossen und das Laub verdorrt und in die Welt verweht.

Nach einer Weile spürte er, wie ihn jemand am Arm ergriff. Es war sein Freund.

»Komm zu Dir, Junge. Es ist ja entsetzlich – aber um Gottes Willen nicht verzweifeln, Du musst Dich zu fassen suchen.«

»Ich bin ja ganz ruhig. Ich muss es doch tragen, natürlich. Übrigens entschuldigt bitte, dass ich Eure Mütze noch auf dem Kopf habe; aber ich ahnte ja nichts. Leb wohl.«

»Ich werde Dich begleiten.«

»Nein, bitte nicht. Bleib.«

»Doch, ich komme mit Dir.«

Er wollte sich schon wenden, um die Bandagen abzutun und sich anzukleiden. Aber der Andre hielt ihn fest.

»Lass das, ich bitte Dich, es ist ja lächerlich.«

»Versprichst Du mir, dass Du vernünftig sein willst?«

»Liebster Freund –«

»Ich war heut Nachmittag in Deiner Wohnung, aber ich fand Dich nicht zu Haus.«

»Ja, ich war – – ich machte einen Besuch.«

Auf einen Augenblick sah er Lena vor sich. Aber nur wie einen Blitz. Dann war wieder Alles grau.

Sie drückten sich die Hände; die des Einen war müde und kühl. Als der Andere in seine Augen sah, graute ihm. Sie waren wie ein Trümmerfeld; und trocken, wie verdorrt.

»Es zerreisst ihn« dachte er.

Jener schritt langsam die Treppe hinab. Es war dämmerig hier, fast dunkel. Das tat ihm wohl. Der Kopf brannte ihm zum zerspringen. Es drang heute auch zu viel auf ihn ein.

Unten vor der Haustür machte er halt; er wagte nicht zu öffnen und hinauszutreten, denn dort draussen gab es Menschen, die ihn ansehen würden.

Er starrte reglos auf das dicke, verrostete Eisenschloss vor sich und hätte noch lange so gestanden, wäre die Tür nicht plötzlich von aussen geöffnet worden. Mehrere Studenten traten herein. Er schrak zusammen. Jene schritten an ihm vorüber die Treppe hinan. Er vermied es, sie anzusehen; sie wussten ja auch schon jedenfalls.

Er benutzte nun die geöffnete Tür, um hinauszutreten. Jetzt war er unter Menschen. Er bog in die erste Seitenstrasse ein, wo es stiller war, und ging schnell, das Auge zur Erde geneigt. Wohin, wusste er nicht. Irgendwohin, wo er nachdenken konnte. Aber nicht nach Haus, nicht in ein enges Zimmer. Übrigens würde da jetzt auf dem Tisch das Zeitungsblatt liegen. Und er wollte das nicht sehen! Nicht das! Es hätte ihn verrückt gemacht!

Aber wohin?

Zu Lena?

Er hielt ein. Zu Lena. Würde er das überhaupt jemals wieder –? Nein. Das war ja nun auch vorbei.

Es wurde menschenstiller um ihn her. Zwischen die Häuser begannen leere Räume zu treten, die immer zahlreicher wurden. Die Häuser selbst waren hohe, zierlose Mietskasernen; er befand sich hier in dem neuesten Viertel der Stadt.

Bald war er dann überhaupt ausserhalb der Menschen. Die Strasse lief in eine Chaussee aus, die mit Pappeln bestanden war. An den Seiten zogen sich in gewissen Abständen Haufen kleiner Steine entlang, dazu bestimmt, dereinst schlechte Wegstellen auszufüllen. An einem davon sass ein alter Mann mit einer blauen Gazebrille und klopfte grössere Stücke entzwei. Eine vom Regen durchnässte Strohwand diente ihm als Schutz gegen den Wind.

Der Student bog vorher in einen lehmigen Feldweg ab, der tiefe Wagenfurchen trug. Die Äcker ringsumher waren kahl; die meisten trugen schon die Frucht für das kommende Jahr in sich; nur wenige, die brach lagen, waren von Unkrautstauden überwuchert.

Der Himmel war noch immer niedrig wie schon den ganzen Tag, und die Wolken zogen unablässig, wie wehende Trauerschleier.

Der Student sank zuweilen tief in den Boden ein, ohne dass er es bemerkte. Er war jetzt allein, und das war ihm genug, alles Andere gleich.

Von Zeit zu Zeit, wenn die brausende Angst ihn fasste, lief ein heisser Strom durch seinen Leib, der ihm den Schweiss aus den Poren trieb. Er hätte sich jetzt züchtigen mögen. Seine Vergangenheit trat ihm gleich einer marternden Fratze vor die Seele, die ihm keinen Augenblick Ruhe liess.

Er gelangte, indess der Abend zu dunkeln begann, an einen Holzsteg, der über einen Graben führte. Dieser war breit und wasserreich, von verkrüppelten Weiden eingefasst. Er machte auf dem Steg halt und sah in das Wasser hinab; es schlich schwer, schmutzig, geräuschlos, eine bleierne Masse, und welke Blätter und Zweige trieben darauf.

Der Graben war tief genug, dass ein Mensch darin ertrinken konnte. Der Student gab sich mit Wollust dem Gedanken hin, dass es jetzt in seine Hand gegeben war, schnell aller Qual ein Ende zu machen. Er erinnerte sich, dass man immer sagte, das Ertrinken sei der Tod, der die schönsten Empfindungen gäbe. Freilich in diesem Pfuhl – es musste doch hässlich sein.

Plötzlich lächelte er. Es war ja gar nicht möglich, dass er hier ertrank. Er war ja Schwimmer, er konnte ja gar nicht untergehen.

Wenn er aber ein paar Stricke gehabt hätte und jemanden, der sie ihm anlegte. Einen um die Füsse und einen um die Hände. Ja, dann wäre es möglich gewesen.

Er schritt über den Steg fort. Die Dunkelheit nahm zu. Er dachte nicht daran, umzukehren. Nur immer weiter in die gute Einsamkeit.

Jetzt zeichnete sich ein Eisenbahnwall vor ihm ab. Als er ihn erkannte, schoss ihm ein neuer vernichtender Gedanke durch den Kopf: Wenn jetzt ein Zug käme . . . 

Er kletterte die kleine Anhöhe hinan und stand nun dicht vor dem Schienenstrang. Neben ihm summte eine Telegrafenstange. Er sah nach beiden Richtungen hinunter. Erst bemerkte er nichts. Dann sah er nach der Stadt zu zwei feurige Augen, die wuchsen und näher kamen.

Er war in Aufruhr. Alles pochte und glühte in ihm, und alle Eindrücke begannen sich langsam zu verwischen.

Das war die Erlösung, was da kam. Nur ein einziger Schritt – wenn er den Mut hatte. Denn es war ein Mut.

Der Zug wurde grösser und grösser. Der Student vernahm schon das ruckweise Hämmern in den Schienen. Seine Erregung steigerte sich bis ins Grenzenlose. Er fühlte sich schwach zum umfallen, und die Kniee brannten ihm.

Sein Auge war starr auf die glühenden Lampen gerichtet, doch sah er sie eigentlich nicht. Er sah nur ein kreisendes Etwas, ein Zeitungsblatt, das ihm die Augen verbrannte, Freunde, die sich von ihm wegwandten, und Lenas Augen, und Alles schwamm und wogte durcheinander.

Nun war der Zug ganz nahe. Er verursachte einen markerschütternden Lärm. In einiger Entfernung klang die Warnungspfeife. Er unterschied sie noch klar. Noch einmal umwirrten ihn all die Bilder, die Zeitung, das hässliche Gesicht seiner Vergangenheit, die Augen der Lena und wieder die Zeitung mit dem quälenden Schandfleck. Zuletzt noch einmal Lenas winkende Augen, die ihn zaudern machten . . . 

Und dann tat er's doch, und die Maschine zermalmte ihn.



DER DUFT

». . . ist das nicht merkwürdig?«

»Mir ist noch viel Merkwürdigeres passirt, liebster Freund. Höre zu:

Ich hatte eines Sommers vorübergehend in einem kleinen mitteldeutschen Dorfe zu tun. Die Angelegenheit war nach einigen Stunden wider Erwarten gut erledigt. Ich sass des Abends allein auf meinem Zimmer im Gasthaus und las eine Zeitung. Es war unerträglich schwül in dem Zimmer, denn es lag unmittelbar unter dem Dach, und wir lebten in den Hundstagen. Ich hielt es endlich nicht mehr aus und beschloss, einen Spazirgang ins Freie zu machen. Die Nacht war dunkel, kein Mond, kein Stern. Ich tastete mich die Dorfstrasse entlang und gelangte auf eine Chaussee, die durch die Äcker führte. Die Pappeln an beiden Seiten konnte ich noch deutlich unterscheiden, aber auch nicht mehr, alles Andere war schwarz wie Kohle. Es war kühler hier draussen, jedoch ganz windstill. Auch sonst regte sich nichts. Nur einen Hund hörte ich ein paarmal hinter mir im Dorf anschlagen und mit den Ketten rasseln.

Plötzlich musste ich stehen bleiben. Was war das? Ein Duft drang auf mich ein, – oder war es etwas Anderes? Nein, es war ein Duft, es war nicht anders möglich, – aber welch ein Duft! So etwas hatte ich noch nicht verspürt. Ich bin bei Nacht durch Gärten voll Jasmin und Rosen gewandert und habe mich an der Blütenfülle Andalusiens berauscht. Aber was bedeutete das Alles gegen dies?

Ich kann es nicht schildern. Ich glaubte steigenden Orgelklang zu hören und sah blendende Verzückungen vom Himmel niedertaumeln. Ich schmeckte alle Süssigkeiten aller höchsten Wonnen und empfand ein Unendliches, das ich nicht fassen konnte, und sank in die Kniee.

Ich weiss nicht, wie lange ich so in Betäubung lag. Endlich erhob ich mich und schlich, innen voll Jubel und Licht, äusserlich ermattet, in mein Zimmer zurück. Ich schlief die Nacht so tief wie ich selten im Leben geschlafen habe. Der Hausknecht hatte am folgenden Morgen grosse Mühe mich zu ermuntern. Als ich mich dann erhoben hatte, schritt ich schnurstracks zum Bahnhof und fuhr ab. Ich vermied es, auch nur einen Blick in jene Gegend zu werfen, wo ich das Wunder erfahren hatte. Ich wollte nicht wissen, was es war. Ja, ich hatte beinahe Furcht davor.«

»Das war sehr töricht. Ich hätte ihm unbedingt nachgespürt.«

»Nein, es ist besser so. Denn ich weiss genau, dass es ein Nichts gewesen wäre. Oder etwas sehr Hässliches. Ein Misthaufen vielleicht.«

»Aber ich bitte Dich. Es ist doch nicht ausgeschlossen, ja es ist sogar wahrscheinlich, dass es etwas ungemein Kostbares war. Ein seltener Baum vielleicht oder eine seltene Blume.«

»Nein, nein, nein, guter Freund. So etwas giebt's dort nicht. Dort giebt's nur Misthaufen, ich versichere Dich.«


o o o




VORFRÜHLING

Die Fenster zum Atelier standen geöffnet. Es drang herein wie Verkündigung, wie ein beglückendes Versprechen. Die schrägen Strahlen der Sonne, fast silbern, scheu, von einem Himmel, der weissblau war und sich am Horizont in ein mattes Grau verlief. Die Luft ging frisch, etwas feucht, es hatte die verflossene Nacht geregnet. Die Gardinen bewegten sich sachte wehend hin und her.

Das Atelier lag im obersten Stock, nach einem Platze hinaus, der das Plateau eines Hügels bildete und mit Kastanien bestanden war. Man konnte von hier oben den grössten Teil der Stadt überblicken, über die Häuser hin, aus denen da und dort die Türme der Kirchen oder Kuppeln öffentlicher Gebäude ragten, über die Fabrikschornsteine fort, bis ins Feld. Nicht immer freilich. Oft lagerten Dunstwolken über dem Häusermeer, die die schwere Luft nicht emportragen konnte; oft drückten Nebel darauf, verschoben und verwirrten Alles; oft liess es der Qualm der Fabrikessen nicht zu. Aber wenn es klar war, war es ein ergreifendes Bild, geschaffen für ein empfindendes Auge, wert, sich hinein zu versenken. Von doppeltem Wert aber für einen Künstler. Wer hier wohnte, stand wie ein Herrscher über den Andern und durfte mit ungebundenem Blick auf sie hinuntersehen. Er war dem Treiben entrückt und dennoch mitten zwischen ihm. Er hatte über sich und in der Ferne die Freiheiten der Natur, die sein erregtes Blut sänftigten, zu seinen Füssen den ewigen, erbarmungslosen Fleiss, der ihn selber zu neuer Betätigung trieb, wenn seine Schaffenslust zu erlahmen begann. Der Lärm der Menschen drang nur verworren herauf. Dieser neue Stadtteil war noch wenig belebt. Man fühlte sich den ziehenden Wolken näher als dem Treiben der Erde.


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Er stand vor der Staffelei, in die Arbeit vertieft. Das Bild war klein und erst im Entstehen begriffen. Der Eintritt in einen Wald um die Jahreszeit, die jetzt die Tiefen der Welt durchbrauste. Vorfrühling. Neben der Leinwand waren eine Fotografie und eine Anzahl Farbenskizzen, die er im Freien aufgenommen hatte, an die Staffelei geheftet. Es war Alles nach Wunsch gelungen, das Bild versprach etwas Ausserordentliches zu werden. Er war zufrieden mit sich wie selten und betete, dass sein Interesse nicht erlahmen möge. Er war noch nie so vollkommen in einer Stimmung aufgegangen.

Die ersten, erwachenden Färbungen, die sich herauskämpfenden Knospen der Blätter und Blüten, das Ringen nach dem Werden, die erste, ursprüngliche Kraft der Erde – das war das Erhabenste im Wechsel der Natur. Es zu gestalten freilich unendlich schwer. Die ganze Zeit wie ein süsses Ahnen, – das Bild musste diese Empfindung auszulösen wissen. Ein Treiben, Verlangen nach der Blüte, – die Vorstellung der Blüte selbst durfte nicht dabei erweckt werden. So musste es in der Luft ziehen, durch die eben die neu gewordene Sonne mit wärmendem Hauch sich zu zwingen suchte; so musste es aus dem Boden steigen, ein schwellender Erdgeruch, mit den Spitzen der jungen Gräser und Kräuter zugleich; so musste es in dem Bache fliessen, dessen Wasser übergetreten waren und die Wiesen mit strotzendem Leben tränkten.


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Er trat ein paar Schritte von dem Bilde fort und betrachtete es. Darauf legte er Pinsel und Palette aus der Hand und setzte sich auf den Schemel, der neben der Staffelei stand. Er breitete die eine Hand vor die Stirn und schloss die Augen. Er hatte Kopfweh, lange, leise Stiche. Nach einer Weile erhob er sich wieder und betrachtete noch einmal eingehend das Bild. Endlich drehte er es um, damit es ihn, wenn er sich von neuem daran machte, möglichst fremd ansähe und seine Schwächen um so schneller offenbare. Er trat an das Fenster und sog die starke Luft ein. Es war ein Balsam, kräftigend, köstlich. Wie musste es jetzt fern, einige Stunden weit, auf den Feldern und Wiesen sein. Er öffnete die Glastür des Balkons, der sich etliche Schritte neben dem Fenster befand, und trat hinaus. An den Pfosten gelehnt, blickte er über die verschlungene Stadt hinab.

Es war silbern klar. Der Himmel dehnte sich wolkenlos, wie ein sonntägliches Tuch. Hier und da blitzten goldene Spitzen in der Sonne auf. Der Rauch der Schornsteine zerflatterte schnell. Ganz hinten im Freien das gewundene Band des Flusses, die Felder, ein scheinbar endloser Wald zur Rechten, mehrere kleine Gehölze. Und über Allem die tief aufkeimende Frühlingsmacht, die die Verzagten mit neuem Hoffen, die Kranken mit Erquickung stählte, den Gesunden und Glücklichen erhöhte Schaffensziele gab.


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Indem er das Bild mit ruhigem Auge in sich hineintrank, kam ihm die Lust, sich ins Freie zu retten. Sein Kopfweh hatte nachgelassen; draussen, hoffte er, würde es in kurzer Zeit ganz verschwinden. Er warf, auf das Eisengeländer des Balkons gestützt, noch einen Blick auf den breiten Platz unten, dessen Bäume die dicken Knospenknollen mit jedem Tage goldiger emporschickten. Jetzt machte er einen unwillkürlichen Ruck mit dem Oberkörper. Er sah etwas. Unten ging ein Mädchen über den Platz. Er hatte in letzter Zeit schon oft bemerkt, wie sie vorüberschritt und emporsah. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, da sie verschleiert ging. Dass sie sehr jung war, verriet die Art, wie sie sich bewegte. Er war schon einmal ihretwegen die Treppen hinabgeeilt, aber vergebens, denn als er unten ankam, war sie verschwunden. Er trat nun schnell in das Atelier zurück, griff nach Stock und Hut und steckte ein Skizzenbuch ein. Dann sprang er hinunter. Vor der Tür sah er sich um. Das Mädchen war fort.


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Er kam in Strassen, wo das Leben in höchsten Wellen schlug. Hier konnte ein Bewusstsein der gegenwärtigen Werdezeit nicht gedeihen, und das war begreiflich. Ein schmälster Streifen Himmel zog sich zwischen den Dachrampen hin, die Luft war verdorben und beklemmend. Hier hatten die Menschen nicht Musse, sich dem Gedanken an die hereinbrechende Gnade hinzugeben. Arbeit, Arbeit, Arbeit: eine Stunde wie die andere. Das füllte ihre Tage aus und ihre Empfindungen. Es war unendlich traurig. Der Maler bedauerte im Stillen die Tausende, die um ihn her hasteten und es mussten. Er war doch glücklich, wahrhaft glücklich! Er kam sich wie ein König vor. Aber wie ein König ohne Macht, der Keinem helfen kann. Mit jedem Schritt, den er tat, trieb es ihn sehnsüchtiger hinaus. Er nahm einen Wagen, damit er das Gewirr schneller hinter sich habe.


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Erst wurde die Gegend menschenstiller, dann kam eine Reihe rasselnder Fabriken, endlich fingen die Felder an. Auf einer Chaussee ging es weiter. Rechts und links lagen hellgrüne Saaten, hier stärker, dort schwächer entwickelt, und dazwischen unbestellte, braun-schwarze Erdstreifen. Die Flanken des Weges waren mit Ebereschen bepflanzt, deren Knospen noch kaum, kaum sichtbar waren. Die Felder waren von Gräben durchschnitten, an deren Rändern Erlengebüsche wuchsen. Diese zeigten sich noch ganz durchsichtig, doch lag auf ihren Ästen schon ein braungrüner Schimmer und liess die drängende Arbeit des jugendlichen Saftes ahnen, der in ihren Adern trieb.

Der Maler liess das Auge nach allen Seiten wandern, während die Sonne ihm ihre Strahlen ins Antlitz warf und ein laukühler Wind ihm entgegenfuhr. Er hätte am liebsten laut gejubelt. Die armen Menschen hinter ihm. Er sah sich nicht um.

Jetzt tauchte ein Dorf auf, teilweise mit villenartigen Häusern, die sich Leute aus der Stadt hatten erbauen lassen. Hundegebell und das Gackern von Hühnern liess sich hören. Dicht vor dem Ort verliess er die Droschke und schickte sie in die Stadt zurück. Er selbst schlug einen Seitenweg ein, der in den Wald führte.


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Während er hier ging, musste er wieder an das Mädchen denken. Dass sie den Platz seinetwegen so häufig passirte, war klar; sonst hätte sie nicht immer zum Atelier hinaufgesehen. Er hatte keine Ahnung, wer sie sein konnte. Sein Wunsch, sie kennen zu lernen, wuchs mehr und mehr.

Ja, er wollte sie kennen lernen. Und wäre es nur, um ihr eine Freude zu bereiten, denn sie sehnte sich offenbar auch danach. Nur verliess sie immer im letzten Augenblick der Mut.

Oder war das vielleicht nur ein Schlich, um sich begehrenswerter zu machen?

Er wurde unwillig über diesen Gedanken. Möglich war es ja, freilich, er konnte es nicht wissen. Aber er mochte nicht daran glauben. Der Gedanke nahm ihm eine schöne Zukunft fort, die er immer verlockender zu empfinden begann.

Wenn er nur einmal ihr Gesicht sehen könnte. Dann würde er sofort wissen, mit wem er es zu tun hatte.


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Er hatte, während er so nachdachte, vor sich auf den lehmigen Weg geblickt. Nun schrak er zusammen und hob den Kopf, als plötzlich eine Schar Feldtauben ein Ende neben ihm mit knatterndem Flügelschlag in die Höhe ging. Sie flogen den Bäumen zu und verschwanden über ihnen. Er selbst hatte den Wald auch bald erreicht.

Es waren Buchen von verschiedenem Alter, mit zahlreichem Untergehölz. Am Rande standen ein paar Kiefernkrüppel. Er trat ein und folgte einem schmaleren Pfad, der rechts ablenkte. Unten lag noch das vermoderte Laub vom verflossenen Jahre. Auch an den jungen Eichen, die vereinzelt herumstanden, hingen noch die braunen, zusammengeschrumpften Blätter. Mitunter löste sich eines und schwebte schwankend zur Erde, um dort zu vergehen und dem Boden, der es hervorgebracht hatte, neue Nahrung zu geben. Dann ein neues Gebären, ein neues Vergehen, ein ewiger Kreislauf.

Nach einer Weile öffnete sich eine Lichtung. Es war wunderbar zu sehen, wie hier das Gras und die Moose, die am Rande eines schmalen Wasserstreifens standen, schon eine ungleich kräftigere Färbung angenommen hatten als unter den Ästen der Bäume, wo noch das Grau vor dem Grün überwog. Die Sonne schien voll über den Raum. Millionen von Tautropfen, die über die Halme hin zerstreut lagen, glänzten wie lachende Sterne. Die Fläche des kleinen Wassers glitzerte in zahllosen Wellchen.

Der Maler machte halt und sah sich nach einem Fleck um, wo er sich niederlassen konnte. Er entdeckte einen Baumstumpf unmittelbar am Waldrand. Hier setzte er sich und tat die Augen weit auf und fühlte die sieghaften Regungen um sich her, die sich ihm selbst mitteilten und ihn selig machten.

Die gegenüberliegende Seite der Wiese begrenzte eine junge Birkenschonung. Etwas Zarteres war nicht zu denken. Die kindlichen Stämme mit der weissen Haut strebten aus dem Boden hervor wie geheime Liebeswünsche dieser keuschen Natur. Auf den biegsamen, dünnen Zweigen, schön wie Kinderarme, lag ein gelblicher, wundersam verschleierter Glanz, wie der Anfang einer nahenden Erfüllung.

Das war überwältigend. Was bedeutet, so fragte er sich, gegen diese Entstehungssüssigkeit all der lohende Reichtum des Sommers und der bunte Verfall im Herbst? Zwar auch jene Zeiten vermögen in die Tiefen zu dringen, – aber nur in die schmerzlichen der Sehnsucht, nie in die lachenden der Kraft. Sie versprechen nichts mehr für die Zukunft, wenigstens keine freudige Entwickelung mehr, höchstens noch einen Nutzen. Der ist fruchtbar, aber er schliesst zugleich die grausamste Zerstörung in sich.

Hier hingegen war Verheissung, Jugend.

Was aber ist süsser: der Wunsch oder die Gewährung, die Morgenröte oder der Tag, die gläserne Quelle oder der getrübte Fluss, ein Kinderauge oder ein Mannesauge, der Gedanke oder die Tat, das Empfangen oder das Gebären?

Und so geht es durch die ganze Welt.


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Diese verschlossene Au mit den jungfräulichen Birken war ein Gemälde. Er griff nach dem Skizzenbuch, liess aber gleich wieder ab, denn er erinnerte sich, dass er keine Farben bei sich habe; ohne die war es unmöglich. So gab er sich ganz dem Schauen hin. Aber die Schaffenslust, die in ihm aufging, war unbezwingbar. Er sehnte sich danach, jetzt vor seinem Bilde zu stehen. Jeder Strich wäre ihm gelungen! Warum war er auch von Hause fortgegangen? Warum hatte er nicht wenigstens Farben zu sich gesteckt? O die Zeit, die er hier vertrödelte! Er schalt sich und bereute seinen Ausflug, wurde unruhig und stand auf. Er musste sofort nach Haus an die Arbeit. Noch einmal umfing er den schönen, stillen Raum mit den Blicken, dann ging er. Einmal hörte er zur Seite tiefer im Gehölz ein Knacken. Er sah hin und bemerkte zwei junge, entfliehende Rehe. Dann kam er wieder aufs Feld und an dem Dorfe vorbei auf die Landstrasse. Vor ihm lag die graue, scheinbar endlose Stadt. Da er sie betrachtete, wurde ihm, als ob seine ganze Arbeitsfreude wieder verschwand. Aber er schritt rüstig zu. Je näher er kam, desto schwerer wurde die Luft, es war ganz auffallend. Ein paar stuckernde Bauernwagen fuhren an ihm vorüber. Er beneidete die Insassen, die dem Licht entgegenfuhren. Jetzt kamen die ersten Gebäude. Jetzt war er wieder mitten in dem Gelärm und Gehast.


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Er sprang auf eine Pferdebahn und trat in den Wagen. Da erschrak er: ihm schräg gegenüber sass eine alte Dame und neben ihr das Mädchen. Sie trug wieder das graue Kleid, auch den Schleier. Als er sie ansah, fühlte er, wie ihre Lippen sich aufeinanderpressten.

Er starrte unablässig zu ihr hinüber. Sie war noch sehr jung, achtzehn etwa, und von einer seltsamen Schönheit, die wohl nicht jeden fesseln konnte. Echt germanisches, flachsblondes Haar, das Gesicht von südlicher Sinnlichkeit, besonders der Mund. Die Augen wieder gut deutsch himmelblau. Das ganze Ding noch in drängender Entwickelung. Ein Versprechen, aber ein wundervolles, süsses. Gerade wie die Welt vor den Toren, in der er sich eben gebadet hatte.

Wenn ihre Blicke sich trafen, war es jedem von ihnen, als ob in ihrem Innern etwas stocke. Als die Pferdebahn hielt, erhob sich die alte Dame und schritt hinaus. Das Mädchen, jedenfalls ihre Gesellschafterin, folgte ihr. Auch der Maler stand auf, um den Wagen zu verlassen. Zwischen der Tür raunte er ihr zu:

»Seien Sie heut Abend um acht vor meinem Hause.«

Dann sprang er nach ihr ab und blieb an einem Schaufenster stehen. Als die beiden Frauen ein Ende entfernt waren, folgte er ihnen langsam, beglückt, voll lachender Träume, während sein Auge die junge Königsgestalt vor sich mit Entzücken verschlang.


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Zuhaus machte er sich sofort an das Bild. War seine Lust beim Eintritt in die Stadt schon fast wieder gewichen, so hatte sie ihm die Begegnung mit dem Mädchen von neuem zurückgeben. Er korrigirte fast gar nicht. Es wurde ihm spielend leicht. Und dabei empfand er, dass ihm unter der Hand etwas Ausserordentliches gelang.

Erst gegen Abend, als das Licht nachliess, legte er die Palette beiseite. Er fühlte sich sehr ermattet. Da er das Mittagessen versäumt hatte, ging er hinunter in irgend ein Restaurant und liess sich etwas Warmes geben. Dann suchte er einen Freund auf, plauderte mit ihm und sah voll Unruhe fortwährend nach der Uhr. Endlich verabschiedete er sich. Er lief noch schnell durch einige Strassen und stand ein Viertel vor acht in grösster Erregung auf dem Platz zu Füssen seiner Wohnung.

Auch die letzte Viertelstunde verstrich. Es schlug acht von den Türmen.


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Sie war pünktlich. Trotzdem überraschte es ihn, als er sie kommen sah. Wieder wurde beiden, sobald sie sich anblickten, als ob in ihnen etwas stille stände. Als sie sich die Hände gaben, behielten sie sie eine Weile ineinander, ohne es zu wollen, wie unter einem Zwang. Dann gingen sie nebeneinander langsam fort, einem öffentlichen Parke zu.

Es war ihnen gequält zu Sinne. Sie fingen an von den alltäglichen Dingen zu sprechen und blieben schliesslich dabei; sie wagten nicht auf sich selbst und ihre Gefühle zu kommen. Sie mühten sich ab, das Gespräch aufrecht zu erhalten; es hielt sehr schwer. Bald sehnten sie sich beide, dem verfehlten Beginnen ein möglichst schnelles Ende zu machen. Dabei aber spürten sie doch, dass sie im Grunde ganz nahe verwandt waren, dass der Eine dem Andern die grössten Wonnen bescheren könne.

So aber war es eine Qual.

Jeder erwartete von dem Andern, dass er mit flinker Hand den Zaun niederreisse, der zwischen ihnen stand. Aber Keiner wagte es, da Keiner das zu ergreifen wagte, was jenseits davon lag, obwohl er es brennend begehrte.

Nachdem sie so eine Weile in schmerzender Stimmung gegangen waren, bat sie umzukehren, da man sie zu Haus vermissen würde. Der Rückweg war das gleiche, noch stiller vielleicht. Auf dem Platz vor seiner Wohnung gab sie ihm zu verstehen, dass er sie verlassen möge, damit sie nicht von den Leuten der Gegend, in der sie wohnte, zusammen gesehen würden.

Nun dachte er plötzlich an die Öde, die eintreten musste, wenn sie gegangen sein würde. Sein Verhalten erschien ihm auf einmal in dem richtigen Licht, läppisch, kinderhaft. Wie konnte er von ihr verlangen, dass sie sich ihm offenbare, wenn er sich selbst wie ein Tölpel benahm! Im letzten Moment fragte er noch, wann sie sich wieder treffen könnten.

Ihre Augen sahen teilnahmlos an ihm vorbei.

»Morgen um die gleiche Zeit« sagte sie.

Dann reichten sie sich wieder die Hände. Diesmal wand sie die ihrige schnell aus seiner los, als täte es ihr weh, wenn er sie länger behielte.

Darauf gingen sie nach Hause. Jeder mit schalem Herzen, verdrossen über sich selbst und über den Andern.


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Am folgenden Tage war es ihm unmöglich, einen Pinsel anzurühren. Er war abgespannt, denn er hatte die Nacht fast nicht geschlafen. Der bleierne Himmel, der sich über die Welt gespannt hatte, machte ihn müde und traurig. Der Gang mit dem Mädchen erschien ihm jetzt wie ein Traumbild der verflossenen Nacht. Er konnte sich kaum erklären, dass er sich so benommen habe, wie er es wirklich getan hatte, und doch fühlte er, dass es genau wieder so kommen würde, wenn sie von neuem zusammen wären.

Aber bei dem Gedanken sprang er auf.

Nein! War er denn ein Schulbube? War er feige?

Heute Abend sollte es anders werden!

Heute Abend . . . o wenn es doch erst wieder Abend wäre!

Die Stunden schlichen. Er wurde immer ungeduldiger. Hundertmal trat er vor das Bild hin, um anzufangen; hundertmal gab er es wieder auf. Er konnte sich nicht entschliessen, überhaupt irgend etwas zu beginnen. Er lief durch das Atelier, die Treppen hinab und durch die Stadt, dann wieder nach Haus und von neuem durch das Zimmer, und Alles zweck- und planlos. Dabei hatte er Kopfweh, dass es kaum zu ertragen war. Und dann fragte er sich wieder: Ja, was willst Du denn eigentlich? Was hast Du denn vor? Was quälst Du Dich denn?

In den ersten Nachmittagstunden kam der Postbote und brachte ihm ein kleines Couvert mit unbekannter Handschrift. Er setzte sich auf den Divan und öffnete es. Auf dem Kärtchen stand:

»Kommen Sie nicht heute Abend. Wir gehören nicht zusammen. Um mit Lügen anzufangen, sind wir doch beide zu ehrlich.«

Er legte das kleine Schreiben neben sich. Es war, als ob es ihm eine grosse Stille brächte. Er stand langsam auf, ergriff den Hut und ging mit festen Schritten zur Tür. Da wandte er sich noch einmal um und sah das Bild an.

Er kam zurück, nahm es mit leisem Kopfschütteln, das wie stumme Verzweiflung war, von dem Gestell und lehnte es zu den andern, unvollendeten, an die Wand.

Hierauf ging er hinab und ohne Ziel durch irgendwelche Strassen. Er kam in das Quartier der Eleganz. Die Häuser hatten hier breite Vorgärten. Vor einem blieb er erstaunt stehen. Er sah mit grossen, scheuen Augen durch das Eisengitter auf einen leuchtenden Fleck. Es war eine lila Crocusblüte, die dort am Rande eines Beetes stand.

Es fröstelte ihn. Er war tief erschrocken.

»Ah – es giebt schon Blüten?!« dachte er.

Und dann mit grossem Zagen:

»O wehe, wehe, nun ist die gute Zeit vorbei.«

Seine Augen wurden trübe. Er schlich weiter durch die Menschen hin, aber er hörte und sah sie nicht.


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TOREROS

Es war zu der Zeit, als Rafael Guerra-Guerrita der am meisten gefeierte Espada1 in Spanien war. Man sagte, dass der junge Andrea Salvadór, der sich Morenito nannte, berufen sei, dereinst den Ruhm des Guerrita zu überkommen. Aber man fügte sogleich hinzu: wenn er nicht über kurz oder lang in der Corrida2 stürbe. Denn dass dies der Fall sei, stand bei den Beurteilungsfähigen fest. Er war in seinem Gebahren während des Spieles mit der Muleta3 gerade das Gegenteil von Guerrita. Dieser gemessen, ruhig, vornehm und vorsichtig zugleich. Freilich von einer Vorsicht, die sich vom Unbefangenen nicht als eine solche erkennen liess. Er hatte vielleicht von allen Matadores4, die Spanien je besessen, den schärfsten Blick für die Launen des Tieres, das er vor sich hatte. Es bedurfte nur einiger Sekunden für ihn, um untrüglich zu erkennen, welche Haltung er dem betreffenden Stier gegenüber zu beobachten hatte. Ob er ihn bis zur Verzweiflung reizen durfte oder nicht. Ob er ihn zum Narren haben durfte oder nicht. Ob er ihm, nachdem er ihm bis aufs Blut zugesetzt, wie einem guten Kinde die Stirn streicheln durfte (und das Volk jauchzte laut auf!) oder nicht. Endlich: ob er ihn descabelliren5 durfte oder nicht.

Morenito war anders. Er gab sich keine grosse Mühe, den Stier auf seine Launen hin zu prüfen. Er nahm sie alle ziemlich auf die gleiche Art, die störrigen und die sanften, die dummen und die verschlagenen. Er handhabte die Muleta mit Leidenschaft und mit einer Kühnheit, die beispiellos war. Er hatte alles, nur nicht die Ruhe, wie sie sich ein Guerrita immer bewahrte. Ein dummer oder träger Stier konnte ihn empören, dass er hätte weinen mögen. Er liebte die feurigen, blinddraufloshetzenden. Die verschmitzten mochte er nicht, und die kleinen Verwundungen, die er hier und dort davongetragen, hatte er der letzteren Art zu verdanken.

Seine Bedeutung lag in der übermütigen Handhabung der Muleta, die ihm nicht selten zum Teufel ging. Er liess sie nur selten, wie die übrigen Matadores und auch Guerrita, zur Rechten oder Linken spielen, so dass der Stier, wenn er auf sie los fuhr, ins Leere rannte – denn ehe er sie erreichte, war sie schon flugs in die Höhe geworfen. Nein: er liess sie meist in ausgestreckten Händen vor seinem eigenen Körper flattern. Rannte der Stier sie an, so senkte er sie schnell zur Erde und zog sie laufend nach sich, so dass das Tier mit den Hörnern den Boden aufwühlte. Oder er schwenkte sie hoch in die Luft, so dass sich der Stier auf die Hinterbeine erhob. Oder endlich, er liess sie zur Seite schnellen, um das schäumende Tier auf diese Weise zu prellen. Diese Art zu kämpfen war eine Tollkühnheit, auf die er stolz war, die sich aber notwendigerweise einmal rächen musste.

Der bei weitem beste Banderillero6 in der Cuadrilla7 des Morenito war der feurige José de Vargas. Er hatte sich dann und wann auch als Espada erprobt, aber er war noch zu jung und hatte daher noch nicht die nötige Erfahrung, um sich ganz auf die Tätigkeit eines Matador zu beschränken. Einigemale war er als Sobresaliente8 in Funktion getreten, als dem Morenito kleine Malheurs passirt waren. Er konnte in der Handhabung der Muleta die Schule des Morenito nicht verleugnen. An der Geschmeidigkeit dieses fehlte ihm freilich noch viel.


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Andrea Salvadór sass mit dem befreundeten Espada Mateo Riguera vor einer Bodega des sevillanischen Barrio9 Triana. Es war Abend, auf dem geräuschlos fliessenden Guadalquivir lagen der Mond und die Sterne. Die Palmen am Ufer standen stumm und ohne Bewegung. Kein Lüftchen regte sich durch ihre königlichen Wedel, über die aus der Ferne die schlanke, jungfräuliche Giralda10 sah. Die wuchernden Rosen hier und da, Empereur du Maroc, waren voll purpurner Blüten und verschütteten einen Duft, so schwer, dass man meinte, ihn greifen zu können. Von einem der Lastkähne im Strom, die Gemüse und Früchte aus dem tieferen Andalusien brachten, kam ein Liebeslied. Drüben, am anderen Gestade, waren ein paar Guitarren zu hören, zu denen das Volk mit scharrendem Schritt die Seguidilla tanzte.

Andrea Salvadór und Mateo Riguera tranken Manzanilla von Lebrija und rauchten cubanische Cigarillos. Sie lauschten eine Weile wortlos dem Liebesgesang von dem Flusse her, indem sie Rauchringel vor sich in die laue Luft bliesen, vor denen die Mosquitos entflohen. Plötzlich sagte Mateo, und es war, als ob er mitten aus einem Gedankengang auffuhr:

»Andrea, ich hatte die Absicht, Dir gestern Abend einen Rat zu geben, aber es fand sich keine Gelegenheit, wo wir allein waren. Ich will den heutigen Tag nicht hingehen lassen, ohne nachzuholen, was ich gestern versäumt habe. Gieb einmal Acht auf Dein Weib.«

»Was sagst Du?«

»Ich sage: Gieb einmal Acht auf Dein Weib.«

»Was meinst Du damit?«

»Ich meine damit, dass es einen Burschen giebt, der Jose de Vargas heisst, und Dein Weib Pepita ist jung und schön, und heiss ist sie auch, denn sie stammt aus Encija.«

»Willst Du damit sagen –«

»Nichts will ich damit sagen, mein Morenito, nichts. Weder von José noch von Deinem Weibe will ich etwas sagen. Nur ein helles Auge zu haben bitte ich Dich, ehe es zu spät ist. Sonst nichts, sonst nichts.«

»José ist mein Freund, und mein Weib ist mir treu, wie an dem Tage, als ich sie zu meiner Braut machte, beim heiligen Juan.«

»Mag es so sein. Ich wünsche nichts Anderes. Ich werde glücklich sein, wenn ich einsehen werde, dass mich meine Augen betrogen haben. Ich habe auch nichts behauptet, weder von Deinem Weibe noch von José, denn ich kann nichts behaupten, weil ich nichts weiss. Aber ich bin Dein Freund, und es ist mein Wunsch, Dir sonnenlose Tage zu ersparen.«

Morenito reichte seinem Freunde Mateo die Hand über den Tisch und sprach:

»Ich danke Dir. Ich werde tun, um was Du mich gebeten hast. Und wenn ich erkennen werde, dass Deine Befürchtung begründet war – –«

Er runzelte die Stirn, und um seinen hübschen Mund legte sich eine Falte. Aber ganz rasch verschwand sie wieder, und ein zufriedenes Lächeln zog über seine gebräunten, überaus sympathischen Züge, die etwas Klassisches hatten.

»Aber sie ist nicht begründet, mein Mateo. Ich weiss es.«

»José de Vargas ist ein Bube, Du kennst ihn nicht. Sein Gewissen ist eine Grube, die stinkt. Verzeih, er ist Dein Freund, aber ich mag ihn nicht. Er läuft zu viel den Weibern nach und schwatzt zu viel von den Weibern.«

»Er ist ein leichter Geselle, das weiss ich auch. Aber ein Geselle mit einem glücklichen Lachen, dem man nicht bös sein kann. Hast Du schon einmal in seine Augen geblickt?«

»Ich glaube, es sind seine Augen, die den Frauen den Kopf verwirren.«

»Das kann ich begreifen. Aber wenn Du sagst, dass er mein Weib –«

»Dass er Dein Weib liebt, kannst Du ihm nicht verbieten.«

»Nein. Mein Weib kann lieben, wer will. Je mehr sie lieben, desto stolzer werde ich sein.«

»Aber Du kannst Deinem Weibe verbieten, dem José de Vargas länger und heisser die Hand zu drücken, als den Andern.«

»!«

»Meine Augen sind gesund, und ich weiss, dass Deine es nicht weniger sind. Darum nimmt es mich Wunder, dass sie noch nicht gesehen haben, was den meinigen nicht verborgen geblieben ist.«

»Mateo, Du hast mir den Abend vergällt. Komm, lass uns gehen.«

»Es ist besser, dass ich Dir diesen Abend vergälle, als dass Dir José de Vargas Dein Leben vergällt. Komm.«


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Sie gingen. Dort, wo die Calle11 Paraiso auf die Calle Febo stösst, trennten sie sich, ohne bis dahin noch ein Wort gewechselt zu haben. Mateo folgte den Klängen einiger Guitarren und Mandolinen, um noch ein Glas Valdepeñas zu trinken. Morenito schritt langsam heimwärts, den Blick geneigt, in Gedanken, die nicht goldig waren.

Er fand sein Weib daheim, auf dem Balkon, mit einer ihrer Freundinnen zusammen, beim Plaudern. Er setzte sich zu den Frauen und war wie immer. Nur zuweilen liess er das Auge länger als sonst auf seinem Weibe ruhen und dachte:

»Was gäbe ich darum, wenn ich jetzt wüsste, was hinter dieser Stirn vorgeht.«

Und indem er mit kühlen Augen diese bräunlich blasse Stirn betrachtete, auf die sich ein paar feine, schwarze Locken aus dem Reichtum des Haares niederneigten, kam es ihm in den Sinn, wie schön und wie begehrlich diese Stirne sei. Und dieses ganze Antlitz, dieses königliche. Diese tiefen, andalusischen Mandelaugen mit dem verschleierten Glanz. Diese weichen Wangen, die an überreife Pfirsiche gemahnten. Diese stillen, stolzen Lippen, die so viel heimliche Gluten verbargen.

Pepita war ruhig, gemessen, empfindsam, nach ihrer Art.

»Nein,« dachte er »dieses Kleinod betrügt mich nicht. Törichter Mateo.«

Er begann im Stillen zu seinem Weibe eine leidenschaftlichere Liebe zu empfinden, als er sonst pflegte. Er begann sich glücklich zu preisen über diesen Besitz. Er nannte sich undankbar, dass er nicht stets im Stillen jauchzte über seinen Reichtum. Und nannte sich schlecht, dass er den Worten des Mateo Riguera hatte Gehör schenken können.

Aber dann auf einmal waren die schlimmen Gedanken wieder da. Wenn er nun doch recht hätte, der Freund. Mutter Gottes, wenn er nun doch recht hätte . . . 

Morenitos Augen fingen wieder an kalt zu sehen und ohne Leidenschaft, suchten zu ergründen, was in Pepita vorging, und folgten jeder Bewegung ihres schlanken Leibes mit Argwohn, mit fühlbaren Schmerzen.

Aber er konnte und konnte nichts ergründen als nur ihre Schönheit. So taumelte er aus einer Stimmung in die andere, schalt sich jetzt einen Narren und mahnte sich jetzt, auf der Hut zu sein, zitterte jetzt und hätte jetzt jubeln mögen, und es sah wüst in ihm aus.

Nach einer Weile stieg der Mond über den Häusern der Gasse auf. Pepita sah empor und sprach:

»Welcher Glanz. Welche Reinheit.«

»Ja, welche Reinheit« wiederholte Morenito mit Nachdruck, und seine Augen bohrten sich wieder in die ihrigen, um irgend etwas zu entdecken. Aber Pepitas Antlitz blieb nach oben gewandt und rührte sich nicht. Und Morenito musste wieder denken:

»Wie schön sie ist. Wie der Mond in ihren grossen Augen blinkt. Wie ihre grossen Augen glänzen.«

Dann ging die Freundin, und Morenito und sein Weib legten sich nieder. Es war dem jungen Espada, als hätten sich ihm an diesem Abend die Reize seines wundervollen Weibes noch einmal von neuem und erst völlig enthüllt. Es war ihm, als ob er sich noch einmal zur Brautnacht anzuschicken habe. Er liebkoste die schlanke Pepita, wie er seit langem nicht mehr getan. Sie lächelte glücklich, umfing ihn und gab ihm das Feuer ihrer roten Lippen. Er schlief in ihren Armen ein, an sie geklammert, als habe er Furcht, sie zu verlieren. Pepita fühlte des Nachts, dass ihr Gatte schwere Träume habe. Er zuckte mehrmals wild zusammen, mit allen Gliedern, ein paar Mal stöhnte er laut. Aber dann kam wieder der bleierne Schlaf in seinen Körper. Pepita wachte bis zum Morgen, ohne sich zu rühren, und sann und sann, was an dem begrabenen Tage geschehen sei.


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Am nächsten Morgen erwachte Morenito verstört, ohne vom Schlaf erquickt zu sein. Sogleich stand vor seinem Gedächtnis der warnende Mateo wieder, und es war ihm, als schlügen ihm jene teuflischen Worte von neuem an das Ohr.

Pepita fragte ihren Gatten, ob er im Laufe des vorigen Tages einen Verdruss gehabt hätte oder ob er sich körperlich unwohl fühle.

»Es ist nichts,« sagte Morenito, indem er sie mit sonderbaren Augen ansah, »der Kopf schmerzt mich ein wenig, ich weiss nicht, woher es kommt. Ich werde einen Gang vor die Stadt machen, zum Landhause meines Bruders. In der frischen Luft werde ich die gute Stimmung wieder bekommen.«

Er verliess das Haus und wanderte durch die Strassen. Er suchte sich zur Ruhe zu zwingen, aber es gelang ihm schlecht. Er hielt es nirgends aus. Er kehrte in dieser und in jener Bodega ein, aber es war, als sei plötzlich eine Kraft vorhanden, die ihn unbarmherzig immer wieder auf und weiter trieb, die ihn zu keinem geordneten Gedanken kommen liess und Alles in ihm reizte, unbarmherzig, und ihm jede gefestigte Stimmung nahm.

Als er gegen Mittag in einem stillen, beinahe leeren Café sass und in einem dunkeln Winkel vor sich hin brütete, schoss ihm plötzlich ein heisser Gedanke durch den Kopf, indem er sich zugleich einen Narren schalt, dass er nicht schon längst darauf gekommen sei.

»Ich will zu José de Vargas gehen« dachte er. »Es ist lange her, dass ich nicht bei ihm war.«

Und nun nahm er sich vor, aufs allergenaueste die Mienen seines Banderillero zu studiren, in dem Augenblick, wo dieser ihn, den Morenito, in sein Zimmer treten sehen würde. Er malte sich aus, wie sehr überrascht José sein würde, wenn er plötzlich den Besuch seines Espada empfing. Aber Morenito wollte mehr erkennen als die blosse Überraschung, die ja natürlich war, denn Morenito war seit seiner Vermählung nur vereinzelte Male in die Wohnung des Jose gekommen. Er wollte mehr erkennen: einen erschreckten Blick oder einen Zug des Misstrauens um den Mund oder ein verlegenes Wort oder irgend etwas Anderes, das seinem schwarzen Argwohn einen Anhalt geben konnte.

Seine Pulse klopften laut, als er das Haus des José de Vargas betrat. Er versuchte vergebens, seine Erregung zu bemeistern, die so gross war, dass er in Augenblicken meinte, die Gegenstände um sich her verdoppelt zu sehen.

Das Mädchen, das ihm öffnete, bedeutete ihm auf seine Frage nach der Anwesenheit des José, dass dieser ausgegangen sei; doch forderte sie den Morenito auf, näher zu treten, da ihr Herr in kurzer Zeit zurückkehren müsse.

Morenito begab sich in das Wohnzimmer des José, suchte es schnell mit einigen Blicken in seinen Einzelheiten zu umfassen und liess sich auf einen der strohgeflochtenen Stühle nieder. Am Fusse eines Tischchens, das daneben stand, lag ein feines, weisses Tuch aus Batist. Als er es bemerkte, biss er die Lippen ineinander, und sein Gesicht wurde noch um einen Schatten bleicher. Er nahm das Tuch auf und steckte es ein. Dann erhob er sich und sagte dem dienenden Mädchen, dass er doch nicht die Zeit hätte, auf die Rückkehr ihres Herrn zu warten. Er trug ihr einen Gruss an diesen auf und verliess das Haus, aschfahl, aber ruhig, ohne dass ihn mehr die Qualen des Zweifels plagten.


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Dies war an einem Mittwoch geschehen. Für den Sonntag war ein Stiergefecht der drei jungen Espadas Mateo Riguera, Bocanegra und Morenito in der Plaza de toros12 von Sevilla angezeigt. Während der paar Tage bis zum Sonntag lag Morenito viel in den Kirchen herum, mied die Gesellschaft seiner Bekannten, war aber in seinem Wesen ruhig und schlief des Nachts. Hierüber konnte Pepita, die nicht abliess, ihn mit Anspannung all ihrer Nerven zu beobachten, nicht ins Klare kommen. Jener sonderbare Anflug leidenschaftlich gesteigerten Empfindens, der in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch über ihn gekommen war, wiederholte sich nicht. Er war kalt zu Pepita und wich ihren Blicken aus. Aber er sagte ihr nichts, was sie hätte verletzen können, und nie kam ein Wort über seine Lippen, das sie über sein Mitwissen ihrer Schuld hätte aufklären können. So bestand eine Schwüle zwischen den beiden Eheleuten, die sich jederzeit in einem Gewitter zu entladen drohte. Sie litten beide Qualen unter dieser aufreibenden Stimmung und empfanden es beide, dass ein solches Leben auf längere Zeit nicht auszuhalten sei.

So kam der Sonntag heran. Gegen Mittag schmückte sich Morenito mit der funkelnden Tracht des Espada. Sonst pflegte ihm sein Weib hierbei behilflich zu sein. Diesmal lehnte er ihre Hilfe ab. Er schloss sich in sein Zimmer ein und bekleidete sich mit langsamen, sorglichen Bewegungen, die fast feierlich waren. Er berührte jedes der glänzenden Stücke, die er sich antat, in einer Weise, wie man sonst nur geliebte Wesen zu berühren pflegt, und als er in vollem Schmucke dastand, eine schöne, stolze Gestalt, die Wangen ein wenig von einer fieberigen Erregung gerötet, griff er nach seinem Toledoschwert und zog es aus der Lederscheide. Er fuhr mit dem Finger über die glänzende Fläche hin, bog sie ein wenig und musste lächeln.

Pepita hatte an diesem Sonntag ein Gefühl, das ihr gesteigerte Angst verursachte. Sie wusste nicht, was es war, oder vielmehr, sie wollte sich absichtlich keine Rechenschaft darüber geben, denn sie musste sich sagen, dass es nichts anderes sein konnte, als das Bewusstsein ihrer Schuld. Dieses selbe dämmerige Gefühl sagte ihr auch, dass an diesem Tage etwas geschehen werde, aber sie ahnte nicht, was. Sie ging wie im Traume umher, mit verschleierten Augen, und tat sich rote Rosen ins Haar. Hin und wieder spürte sie einen Stich, der ihr durchs Gehirn ging und hatte Minuten, wo sie sich still hätte niedersetzen und weinen mögen. Das ruhelose Grübeln in den vergangenen Tagen und Nächten und das schwüle Vorgefühl eines unabänderlich kommenden Etwas, das sie als etwas Furchtbares ahnte, hatte sie mürbe gemacht. Sie sehnte sich danach, dass diesen folternden Stunden ein Ende werde, und sei es auch etwas Grausames, das dieses Ende brächte.

Die beiden Gatten setzten sich nieder zum Mittagsmahl. Pepita in einem weinroten Seidenkleide, das sie für die Corrida angetan hatte, und mit reichem Goldschmuck an Armen und Händen. Es ging wieder still zu während des Mahles, wie schon an den vorhergehenden Tagen. Endlich brach Morenito das Schweigen. In langsamem, ehernem Tone sagte er, indem er sein Weib mit kühlen Augen mass:

»José de Vargas wird heute Nachmittag mit der Garrocha springen.13«

»José de Vargas?«

»Ja. Was fragst Du so gleichgültig? Ich dächte, es muss von Interesse für Dich sein.«

»Was soll das heissen?«

»Ich frage nur. Ist er nicht Dein Freund?«

»Das weisst Du so gut wie ich. Er ist unser beider Freund.«

»O ja, er ist mein Freund, mein Herzensfreund ist er, mein Brüderchen, mein Engel, o ja!«

Darauf lachte er und schlug mit der geballten Hand auf den Tisch. Das war das erste Mal, dass seine innere Gärung überschäumte.

Pepita hob den schmerzenden Kopf aus der Hand, in die sie ihn gestützt hatte, sah ihren Gemahl erstaunt an und sprach sehr ruhig, fast traurig, so dass er ihre Verschlagenheit im Stillen bewundern musste:

»Ich verstehe Dich nicht.«

Morenito ging nicht weiter darauf ein und bat:

»Pepita, geh mir ein Glas kaltes Wasser holen. Es brennt mir in der Kehle.«

Pepita erhob sich und schritt hinaus. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, als Morenito ein kleines Pulver aus der Brust nahm und es in den Wein Pepitas schüttete. Diese kehrte zurück und reichte ihrem Gatten das begehrte Glas Wasser. Morenito ergriff es und sprach:

»Wir wollen auf eine fröhliche Corrida trinken. Nimm Deinen Wein.« Er trank das Wasser und sie den Wein. Dann stand er auf und sprach:

»Der Teufel weiss es, mir ist seit einigen Tagen die Lust an den Mahlzeiten verloren gegangen. Ich bitte Dich, das Essen allein zu beenden. Um vier Uhr werde ich kommen, um Dich für die Corrida abzuholen. Halte Dich dann bereit.«

Er setzte sich die schwarz-plüschene Toreromütze auf und schritt hinab auf die Gasse. Er trat nebenan in eine Taberna und liess sich in ein leeres Zimmer führen. Hier schrieb er allerhand auf einzelne Zettel, bis gegen vier. Dann faltete er Alles zusammen und versiegelte es, erhob sich und begab sich zurück in sein Haus.

»Wo ist Pepita?« fragte er das Mädchen in der Küche, da er sein Weib in dem Wohnraum nicht fand.

»Die Frau liegt auf ihrem Bett, sie fühlt sich unwohl« entgegnete das Mädchen.

Morenito trat in das Schlafgemach. Da lag sie, blass und schön wie ein Engel, mit müde flackernden Augen. Dieses glänzend weisse Gesicht gab mit dem nächtlichen, rosengeschmückten Haar, das es umrahmte, und dem rotseidenen Kleide zusammen ein Farbenbild, das von einer märchenhaften Wehmut war.

»Welch eine Schönheit« musste Morenito denken. Aber dieses Gefühl verliess ihn schnell.

»Fühlst Du Dich krank?« fragte er.

»Ich weiss nicht, was es ist. Es glüht in meinem Kopfe, als wolle es mir die Stirn zersprengen.«

»Hast Du einen Wunsch, Pepita? Willst Du, dass ich Dir etwas zur Linderung bringe?«

»Tränke ein Tuch mit kaltem Wasser und lege es mir auf die Stirn.«

Morenito ging hinaus und kam in Kürze mit einem feuchten Tüchlein zurück. Er legte es ihr auf die pochende Stirn und sprach:

»Es ist eins Deiner Tüchlein aus Batist. Ich habe es gestern in der Wohnung des José de Vargas gefunden und wünsche, dass es Dir Linderung bringe.«

Sie zuckte zusammen wie ein geschlagenes Kind. Ihre Augen warfen einen gereizten Blick auf ihn, dann schlossen sie sich. Sie wandte den schmerzenden Kopf zur Seite, von Morenito ab, drückte das Gesicht in die Kissen und fing zu weinen an.

Morenito verliess das Zimmer, ohne noch ein Wort an sie zu richten, mit eisig verhärteter Brust. Er wusste, dass er sie nun nicht wiedersehen werde.


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Die Corrida nahm einen Verlauf, der das Publikum begeisterte. Mateo Riguera tötete seinen ersten Stier mit dem ersten Stich, was ihm die Oreja14 eintrug. Den zweiten, einen von der schlimmsten Sorte, einen störrigen, hämischen, wusste er mit grossem Geschick zu behandeln und entging einem nichtswürdigen Angriff dadurch, dass er auf den Kopf des Tieres und über den Rücken weg zur Erde sprang. – Bocanegra hatte einen seiner besten Tage und zeichnete sich besonders durch einige gewagte, wohlgelingende Spiele mit der Capa aus. – José de Vargas sprang mehrmals mit der Garrocha und setzte ein paar Banderillas im Knieen. – Morenito war heute noch kecker als sonst. Er zeigte sich, wie man es bei ihm gewohnt war, als der interessanteste Capeador und setzte gleichfalls einige Banderillas, was er seit langem nicht mehr getan. Überhaupt war er tätiger in der Plaza als je. Seinen ersten Stier hatte er recibiendo15 getötet, aber nicht glücklich, denn er hatte ihm eine Schlagader durchstochen, so dass er verblutete. Nun harrte der zweite auf ihn, dessen Tod zugleich den Schluss der Corrida zu bedeuten hatte.

Morenito liess sich das Schwert reichen und warf einen Blick über die brausende Menschenmenge. Dann durchmass sein Auge die Arena, auf der die sinkende Sonne lag, und blieb ein Moment an dem gedrungenen Stiere hängen, der drüben, blutend, mit Banderillas bespickt und geneigten Hauptes, stand, ohne sich zu rühren. Nun trat der Espada vor die Loge des Präsidenten, verbeugte sich, grüsste mit erhobenem Schwert hinauf und rief lachend:

»Ich weihe dieses Vieh der Treue unserer süssen andalusischen Frauen!«

Er winkte dem José, der eine rote Capa nahm, und schritt mit ihm in die Mitte des Kreises. Hier hob er mit flinker Bewegung das Schwert und rannte es seinem Banderillero in die Brust. Dieser sank um, lautlos, mit gebrochenen Augen. Das Volk tobte. Morenito warf das Schwert weit von sich, dann reizte er mit der Muleta den Stier. Der rannte auf ihn zu, mit hervorgequollenen Augen. Morenito rührte sich nicht. Der Stier bohrte seine Hörner durch den Leib des Matadors und schleuderte ihn hoch in die Luft. Noch einmal spiesste er ihn auf, dann liess er ihn liegen, eine bleierne, leblose Masse.

Das Volk schrie, kreischte, pfiff. Mateo Riguera, der bleich wie der Tod an der Barrera16 gelehnt stand, biss die Lippen aufeinander, dass das Blut rann. Dann liess er sich ein Schwert reichen, trat in die Arena, stellte sich neben die Leiche Morenitos, und äusserlich kalt, gelassen, aber innen brausend, erstach er mit der sichersten Estocada,17 die er in seinem Leben je getan, den brüllenden Stier, an dessen Hörnern noch das Blut des Freundes hing. Das Tier senkte das Haupt und brach dumpf zusammen, ohne dass die Puntilla18 nötig war. Da hatte das Volk die Leichen der beiden Anderen auf einen Augenblick vergessen, jauchzte dem jungen Espada zu und liess einen Hagel von Fächern, Cigarillos, Hüten, Mantillas, Puros und Weinschläuchen auf ihn niederprasseln, aber Mateo dankte nicht.

Die Corrida war zu Ende. Das Volk zerstreute sich. Es war ein Leben in den Strassen, als ob Sevilla in Flammen stände. Man fragte, man gab Antwort, mit blassen Lippen, man vermutete, ahnte, und das Entsetzen drang in alle Ecken.

Die Körper der beiden Toreros hatte man unterdessen in die Krankenkammer geschafft, die neben der Plaza de toros liegt. Die Ärzte konnten nichts Anderes tun als feststellen, dass hier zwei Herzen ausgeschlagen hatten. Man legte die Leichen in schwarze Korbbahren, um sie in die Häuser zu schaffen, die den Lebenden als Wohnungen gedient hatten. Mateo Riguera setzte sich in einen Wagen und fuhr voraus, der Wohnung Morenitos zu, um das Weib des Toten vorzubereiten. Die Hände Mateos zitterten, und seine Augen lagen in tiefen Schatten. Das hatte er nicht gemeint, dass es zu diesem Ende kommen sollte.

In der Wohnung Morenitos war Alles still, wie ausgestorben. Mateo suchte nach dem Mädchen in der Küche, sie war nicht zu finden. Zuletzt öffnete der Espada die Tür in das Schlafgemach. Er blieb auf der Schwelle stehen und hielt sich mit der einen Hand am Pfosten fest. Auf dem Bett lag Pepita, blass und still. Die Blumen waren noch in ihrem Haar, aber einige Blätter hatten sich gelöst und waren über die Kissen und das Kleid aus weinroter Seide hinabgefallen.

Mateo trat näher. Er nannte Pepitas Namen. Sie hörte nicht. Nun berührte er die eine ihrer Hände. Es schauderte ihn. Sie fing schon an, kühl zu werden. Er suchte nach einer Wunde, vermochte aber keine zu finden. Sie konnte nur an Gift gestorben sein.

Mateo Riguera schlug das Kreuz über dem Angesicht der Toten, dann vor dem eigenen. Er stand in Ergriffenheit, halb betäubt von alle dem, was dieser Tag gebracht hatte. Seine Augen ruhten noch lange auf den engelsschönen Zügen vor ihm, in die sich der Schmerz nur allzu tief hineingegraben hatte. Dann trat er an das Fenster, öffnete es und liess die Luft der blühenden Dämmerung ein.



DER GRAUE JENS

Nordwestlich von der grösseren Hallig Pellworm liegt die kleine Hallig Hooge. Wir sassen an einem nebeligen Septembernachmittag in dem Hause des Fischers Claas Brodersen, der der bejahrteste Mann auf Hooge und zugleich Vorstand der Insel ist, beim Grog. Das graue, von Regen und stürmischen Fluten verwaschene Haus Claas Brodersens liegt auf einer breiten Werft, die das gleiche ehrwürdige Alter wie das Gebäude hat, und macht aus einiger Entfernung, wenn der Nebel geht, mit seinem spitzen Giebel, über dem sich zwei weit hervorspringende heidnische Pferdeköpfe kreuzen, den Eindruck einer verwetterten Burg aus längst gelebten Zeiten. Ich war am vorhergehenden Tage über Pellworm her von Sylt heruntergekommen, um mit Claas während etwa einer Woche auf Enten und Seehunde zu jagen. Der alte Tim Nickelsen in Munkmarsch auf Sylt, weit herum als einer der besten Seehundsjäger bekannt, hatte mich an seinen gleichalterigen Freund und einstigen Schiffsgenossen auf Hooge empfohlen, und so befand ich mich, in herzlicher Weise aufgenommen, gleich seit der ersten Stunde auf Hooge wie ein vertrauter Freund in dem gastlichen Hause des Claas.

Wir hatten weder gestern noch heute an einen Jagdausflug denken können, denn der Nebel, in dem ich schon von Pellworm herübergekommen war, hatte sich noch nicht zerstreut, und Claas meinte, es sei auch gar nicht zu sagen, wie lange er uns noch einhüllen und zur Untätigkeit verurteilen werde. Wir konnten durch die niedrigen Fenster, die aus endlosen kleinen, grünlichen Scheiben zusammengesetzt und von schneeweissen Gardinentüchern eingerahmt waren, nicht allzu weit in die Ferne blicken. Man erkannte nichts klar, und die Dimensionen waren verschoben. Ich sah die kahle Werft hinab, dann auf ein kurzes Stück graues Haideland, über das jetzt dichtere, jetzt leichtere Schleier trieben, und wo einige Schafe angepflöckt waren und regungslos, mit geneigten Schädeln, stumpf- oder tiefsinnig (wer weiss das) dastanden, als schliefen sie schon so in Verzauberung seit tausend Jahren oder mehr. Dann hinter der Haide kam die seltsam zerfressene und zerbröckelte Küste, die in ihren Einzelrissen nur noch schlecht zu unterscheiden war, und darauf das düstere, bleiige Meer, aus dem sich die undurchdringliche, ewig wogende und sich verschiebende, bald weiter nach vorn, bald weiter rückwärts tretende Nebelwand zum Himmel erhob. Wind ging fast gar nicht, aber es war empfindlich kalt draussen. In Claasens Stube brannte der alte Delfter Kachelofen, von dessen weissem Grunde sich unzählige blaue Holländer Windmühlen in etwas verschwommenen Konturen abhoben, und für die innere Wärme sorgte der Grog aus altem Rum, der dampfend vor uns auf dem blank gescheuerten Eschentisch stand. Ausser Claas und mir befand sich noch die greise Gemahlin des Fischers im Zimmer, ein kleines, zusammengeschnurrtes Frauchen mit blassblauen Friesenaugen. Sie sass vor dem Ofen und besserte an einem Netz herum, und an ihre Füsse schmiegte sich eine graue Tigerkatze, die hin und wieder ein behagliches Schnurren hören liess. Sonst war an Geräuschen nur noch das eintönige Ticktacken der riesigen Wanduhr im Zimmer, deren breites, kostbares Gehäuse von den Dielen bis zur Decke emporreichte, mit sehr schönen Messingbeschlägen und Schnitzereien versehen, ein wirkliches Kunstwerk in ihrer altertümlichen Art.

Wir redeten wenig, denn wir befanden uns in einem Friesenhause. Das Neue, das ich von der Welt, die draussen liegt, erzählte, fand wenig Verständnis und wenig Interesse. Die beiden Alten hörten ihm schweigend zu, ohne zu wissen, was sie darauf zu antworten hatten, denn diese fernen Dinge hatten sie nie oder doch nur selten und flüchtig bewegt, so dass sie nicht gut imstande waren, eine Stellung zu ihnen einzunehmen.

Wenn wir aber aufs Wetter zu sprechen kamen, was in dieser Lage das nächste war und in jeder halben Stunde mindestens einmal geschah, so sagten sie das Ihrige, und ich durfte sicher sein, mich auf ihre wenig tröstlichen Worte verlassen zu können. Sie erzählten gelegentlich von anderen Wettern, von Stürmen und furchtbaren Fluten, die sie in ihrem langen Leben erfahren hatten, und wussten davon vieles Anziehende und Tieftraurige zu berichten.

So schlich der Nachmittag hin, düster und in einem einzigen, schweren, grauen Ton. Das schlammige Meeresbecken, das bis vor einigen Stunden in tiefer Ebbe gelegen hatte, so dass das Wasser ganz verschwunden und nach Westen hinausgetreten war, füllte sich allmählich wieder mit der schmutzigen, grau schäumenden Flut, die, ohne dass man es merkte, von Minute zu Minute kraftvoll stieg und langsam, aber unerbittlich einen Brocken nach dem andern von der wunden Küste der Insel in sich hineinfrass und so allmählich Jahrhunderte oder Jahrtausende hindurch ein langsames, aber überaus sicheres Zerstörungswerk vollendete. Die dumpfen Klänge der draussen an die Küste schlagenden Wasser wurden lauter und nachdrücklicher. Aber der Nebel, der sich drohend emportürmte, wich und wankte nicht.

Claas Brodersen rauchte aus einer kurzen Tonpfeife und hatte zu gleicher Zeit ein Stück Priem in der Backe. Wir hatten uns wieder einmal eine geraume Zeit ausgeschwiegen, als Claas, indem er die Pfeife ausklopfte und sich eben anschickte, sie aus dem rotbraunen Tabaksbeutel von Juchtenleder aufs neue zu füllen, fragte:

»Seid Ihr gestern das erste Mal auf Pellworm gewesen, Herr?«

»Ja,« entgegnete ich »ich habe es freilich schon früher einige Male liegen sehen, wenn ich von Husum durch die Inseln nach Amrum oder Föhr hinausfuhr, aber genauer konnte ich doch immer nur den Kirchturm und die Mühlen unterscheiden. Wie man mir sagt, ist es ein reiches Stück Land.«

»Es giebt manchen reichen Mann dort, – o ja. Aber auch manchen, den wir auf Hooge nicht haben möchten.«

Und nach einer Weile, da wir wieder geschwiegen hatten:

»Wie lange habt Ihr gestern gebraucht herüber?«

»Wenn ich nicht irre, sind es gerade zwei Stunden gewesen.«

»Das ist nicht viel bei dem Wetter. Das kleine Boot von dem Kröger ist man spack.«

»Sie bringen mich auf etwas, Claas,« sagte ich »was ich wohl schon früher hätte fragen sollen. Da ich nun an unsere trübe Fahrt zurückdenke, sehe ich auch wieder das Sonderbare, das in unserem Boote sass. Wir hatten einen Mann am Steuer, der war stumm wie ein Fisch.«

»Wenn Ihr zu ihm sprächet, so antwortete er Euch nicht, sondern lächelte bloss wie ein Kind.«

»Ich habe nie etwas zu ihm gesprochen, ich weiss nicht warum. Wohl weil er so wenig wirklich war und mir, ohne dass ich es selber wusste und weiter darüber nachdachte, nur wie ein Traum erschien, der da hinten am Steuer hockte. Auch der Andere, der das Segel regirte, sprach nichts zu ihm, freilich mit mir nicht viel mehr.«

»Der Junge am Segel war der Sohn des Kröger und heisst Knut.«

Da liess sich die alte Mutter am Ofen vernehmen und piepte:

»Der Lange am Steuer war der graue Jens.«

»Was ist es mit ihm?« fragte ich.

»Das will ich Euch sagen,« sprach Claas »das heisst, das Wenige, das wir selber von ihm wissen. Das Viele, das wir nicht wissen und das in ihm wohnt, ohne dass es von den Menschen gedeutet werden kann, werdet Ihr so wenig wie wir jemals erfahren.

Der Jens stammt nicht von Hooge. Er ist auf Südfall, das im Südosten von Pellworm liegt, geboren und ist das einzige Kind seiner Eltern, die Grosses mit ihm vorhatten, denn sie waren durch eine Erbschaft reich geworden und wollten nun weit nach oben hinaus. Noch ehe das Kind geboren war, sagt man, schmiedeten sie schon die Pläne seines Lebens und zeichneten sich die Wege vor, die sie ihn führen wollten. Er sollte ein Studirter werden, ein Pfarrer, der später von Pellworm aus wie ein kleiner König über die Seelen der Halligleute regiren sollte, und dann sollte es heissen, dass die Eltern dieses hohen Mannes auf Südfall sässen, Ole Bradelup und sein Weib Mauke, und wenn sie nach Pellworm hinüber zum Kirchgang kämen, so würde man sich heimlich in die Seiten stossen und flüstern:

›Seht, diese haben ihn als ihren Sohn.‹

Es ist anders gekommen, Herr. Das Kind wurde geboren, aber es war ein hageres Wesen, das wollte nicht schreien lernen. Es hatte müde, wässerige Augen, in denen es ewig wie eine Klage lag, und das Körperchen war verhutzelt und krumm. Die zarten, blassen Fingerchen waren still und wollten nach nichts zu greifen sich bequemen, selbst wenn es goldene und silberne Bänder waren, die man ihnen vorhielt. Kaum dass das Wurm die Brust der Mutter nahm und manchmal lächelte, wenn es die Sonnenstrahlen kitzelten; aber selbst dieses Lächeln war ein so sonderbares, verquiemtes, dass es eigentlich kaum als ein richtiges Lächeln gelten konnte.

Die Eltern merkten bald, dass sie ihre Träume und Hoffnungen zu Grabe tragen mussten. Das war kein zukünftiger Studirter, den ihnen der Himmel da geschenkt hatte, sondern bloss ein müdes, unglückliches Geschöpf, das lieber nicht geboren worden wäre. Sie hofften auf einen zukünftigen Segen, aber der blieb aus. So mussten sie sich mit dieser trüben Gabe des Himmels begnügen und schütteten alle ihre Liebe auf sie aus. Das Kind wurde gepflegt und besorgt, wie man es sonst bloss Fürstenkindern tut. Aber es war umsonst. Es lernte nicht ›Vater‹ und nicht ›Mutter‹ sprechen, denn der Himmel hatte es mit Stummheit geschlagen. Seine Eltern sprachen ihm die ersten, süssen Kinderworte mit unermüdlicher Geduld immer wieder vor, aber hier erwies sich die grösste Liebe und Sorgfalt ohne Nutzen.

Als das Kind Jens zu einem Knaben herangewachsen war, begann es allmählich eine Vorliebe für alle die Dinge und Einrichtungen zu bezeigen, die zu dem Meere in einer Beziehung stehen. Es konnte stundenlang auf der Werfte des väterlichen Hauses oder an dem Rande von Südfall sitzen und den Bewegungen der Segel zuschauen, die sich draussen auf dem Watt schaukelten. Und als es das erste Mal mit seinem Vater zum Dorschfang auf das Meer hinausfuhr, wurden seine Augen so gross und glänzend, wie man es bis dahin niemals bei ihm gesehen hatte, und seine Hände griffen in das Segel, als wollten sie es regiren. Wenn Sturmnächte kamen und die Fenster an dem alten Hallighause zu zittern begannen und draussen die Wasser heulten, als nahe sich eine Brut ausgehungerter Wölfe, dann stieg der Knabe leise aus seinem Bettchen heraus, trat im Hemd an das Fenster und lugte gespannt hinaus in die Verwüstung, über die das fahle Mondlicht floss, und es war, als ob er in ein Wunder sähe, das ihn bannte. Wenn sein Vater dann aufwachte und den Burschen am Fenster stehen sah, wie er vor Kälte zitterte, und wenn der Vater nun aufstand, zu ihm hintrat und ihn rüttelte, um ihn in das Bett zurückzujagen, so bemerkte er, dass der Knabe im tiefsten Schlafe dort am Fenster stand. Jens war ein Nachtwandler geworden. Aber er wandelte nur bei Nacht, wenn es galt, das Meer zu sehen oder zu beobachten, wie der Mond durch die Nebel brach oder wie der Sturm zur Ebbezeit über den bleichen Schlamm hinfuhr.

Jens lernte in jüngeren Jahren und in kürzerer Zeit als die anderen Burschen auf den Halligen ein Netz auslegen, die Segel setzen, rudern und das Steuer führen, und machte sich nützlich, wo er auch immer die Hand anlegte. Aber damit war sein Ehrgeiz nicht zufrieden. Er verfiel auf andere Dinge, an welche die Halligbewohner sonst ihr Lebtag nicht zu denken pflegen. Als ihm eines Tages ein Stück Rohr in die Hände kam, modelte er es sich kunstvoll zu einer Flöte um, und da den Stimmwerkzeugen seines armen Körpers keine Töne verliehen waren, wusste er sich nun vermittelst dieses Instrumentes Klänge und Lieder vorzuzaubern, wie sie bis dahin kein anderer Mensch auf der Hallig so schön hatte erzeugen können. Bei Tage lag er in den Booten herum oder strickte Netze oder ging den Enten und Rottgänsen nach, und wenn der Abend kam und die Sonne wie ein grosser Blutfleck hinter den Inseln niedertroff und die Winde sich mässigten, setzte er sich auf die Werft vor die Haustür oder auch auf den Haidehügel, der auf Südfall liegt und den sie das Königspull heissen, und indem seine blassen Augen weit über die Watten hinausgriffen nach Westen zu, wo das Rot der versinkenden Sonne war, hob er zu dudeln an, sehnsüchtig und in zarten Akkorden, wie sie sonst nicht über unsere Inseln ziehen, und die blöden Schafe auf dem Haidefleck lauschten mit schiefen Köpfen nach ihm hin, oder eine weisse Möwe oder ein Binsenhuhn flog neugierig um ihn her, und im Hause standen sein Vater und seine Mutter und fragten einander heimlich, ob das Glück sei, was ihr bleiches Kind da in den Abend bliese oder ob es ein Wünschen sei nach lichteren Tagen.

Jens war ein folgsamer Bursche, er zeigte guten Willen zu allen Dingen und liebte nichts mehr als die Einsamkeit. Wenn er sich mit seinen Gedanken und Gefühlen, die Keiner zu ergründen vermochte, allein befand, war er am zufriedensten. Er fuhr am liebsten allein in seinem Boote auf das Meer hinaus, suchte allein an abgelegenen Plätzen die Krabben und Austern auf dem Schlammbecken des Watts, und seine Flöte hat man ihn bis zum heutigen Tage nur an vereinzelten Abenden in Gesellschaft anderer Menschen spielen hören. Auch sagt man, dass er sie besser spiele, wenn er sich allein wisse. Aber das ist wohl Täuschung. Es macht wohl nur, weil man sie dann aus der Ferne hört, wo sie durch die schwere Luft hindurch um vieles verlorener und trauriger klingt.

Das, was den Namen des grauen Jens seit langem über die meisten der Inseln hin verbreitet hat, ist aber nicht so sehr sein Flötenspiel oder sein Nachtwandeln oder Segelsetzen oder Rudern, sondern das ist sein Laufen über den Schlick. Auch hierin hatte er sich schon als Junge eine Fertigkeit anzueignen gewusst, dass er alle andern Halligburschen darin übertraf. Ihr wisst, Herr, dass, wenn wir tiefe Ebbe haben und das Wasser aus dem Watt bis auf vereinzelte Rillen und Prielen in die hohe See hinausgetreten ist, man über den Schlick hinweg zu Fuss von einer Insel zur andern gelangen kann. Aber es ist kein gefahrloses Tun und will kaltes Blut haben, denn der Schlick ist nichts weiter als eine grosse Tücke. Es verlangt nicht nur eine gute Kenntnis des Watts und seiner Bänke und Tiefen, sondern auch behende Füsse und eine ausdauernde Kraft. Und dann eine geschickte Verwendung der knapp bemessenen Zeit, denn die Flut kommt mit unabänderlicher Pünktlichkeit, und wen ihre Wasser einmal umspülen, der darf getrost sein letztes Vaterunser beten und darf sich ruhig hinstellen und zusehen, wie sein Grab mit nassen Zungen zu ihm hinaufleckt.

Und dann der Nebel, Herr. Er ist auf unseren Watten das, was Ihr in Eueren Wäldern im Binnenlande die Irrwische heisst. Wir haben hier helle Tage, an denen wir durch die silberige Luft hindurchschauen wie durch Kristall und wo wir meinen, die Sparren an den Mühlenflügeln auf Pellworm zählen zu können. Und plötzlich, sowie die Sonne unversehens durch einen seit Wochen verhangenen Himmel schiesst, ist er da. Es ist eine grenzenlose Wand, die sich bis zum Himmel emporreckt und durch die Klarheit schiebt, langsam, unheimlich, Alles begrabend, eine würgende Faust. Er giebt den Dingen ein anderes Wesen und den Tönen einen anderen Klang; er verwirrt die Richtungen des Himmels und narrt alle menschlichen Sinne und Gefühle. Wehe dem Läufer durch den Schlick, der eines Tages in eine Nebelwand hineingerät und in den trügerischen Schleiern, die sich nässend um ihn schlingen, die Richtung seines Weges und die Fassung seiner Seele verliert. Es sind nicht wenige Halligkinder, Herr, die im Nebel begraben liegen. Das Schreien ist ohne Nutzen, denn die Stimme trägt nicht weit. Nun irren sie, hierhin und dahin, aber ist die Richtung einmal verloren gegangen, so findet sie sich auch so leicht nicht wieder. Und nun laufen sie, mit aufgerissenen Augen, und sehen am Ende, dass ihre Sinne sie wieder und wieder betrogen haben, und dann meinen sie in der Ferne etwas wie eine aufstrebende Werft zu erkennen und eilen mit klopfender Hoffnung darauf zu und müssen erfahren, dass es nur dichtere Nebelschichten sind, und dann kommt die Verzweiflung, sie ballen die Faust und recken sie in den Nebel und möchten den Nebel ermorden, und sie schreien von neuem, wie die Tiere, bis ihre Kehlen heiser sind, und der Schweiss tritt ihnen aus, und ihre Zähne knirschen, und sie können nicht mehr.

Und dann, auf einmal, hören sie ein Rauschen. Erst leise und aus der Ferne, ein sanftes, liebliches Plätschern, das die Prielen und Gräben im Schlick langsam zum Schwellen bringt. Bald aber lauter und brausender, und plötzlich spült es um ihre Füsse herum, feucht und kalt, greift höher und höher, ein graues, ekelhaftes Gewässer, und sie können sich nicht mehr vorwärts und rückwärts regen, es schwillt und wogt um sie her und sprudelt: das ist die Flut, Herr, und das Ende.

Nur Einer ist hier herum unter den Schlickläufern, der auch den Nebel in seinen verschlagensten Spielen nicht scheut, das ist der graue Jens. Stumm, ohne dass seine Brust lauter schlüge, mit dem stumpfen Blick wie immer und mit sicheren Füssen schreitet er hindurch, und es berührt ihn nicht anders, als ob er durch die goldensten Strahlen der Sonne schritte. Es weiss sich Keiner zu erinnern, dass er einmal in die Irre gegangen sei oder dass seine Wege einmal längere Zeit erfordert hätten als sonst. Wir haben keinen besseren Schlickläufer als ihn, und es hat auf den Halligen niemals einen besseren gegeben.

Aber ich muss Euch noch erzählen, wie er hierher zu uns nach Hooge kam. Seine Mutter hatte eine Schwester, die hier verheiratet war an den Balduin Kröger, meinen Freund, dem das Boot zu eigen ist, auf dem Ihr gestern herübergekommen seid, und dessen Sohn Knut Ihr von der Fahrt her schon kennt. Den Balduin werdet Ihr auch kennen lernen, er ist nur wenige Jahre jünger als ich, und ich bin als junger Mensch mit ihm und dem Tim Nickelsen in Munkmarsch auf Sylt drei Jahre lang auf einem Ostindienfahrer stallirt gewesen. Die Frau des Balduin also, die nun tot ist, war eine Schwester von der Mutter des grauen Jens. Als dieser, da er das Alter hatte, auf Pellworm die erste Kommunion genommen hatte, kam er mit seinem Vater und seiner Mutter herüber, um den Verwandten einen Besuch zu machen. Seitdem ist er bei uns geblieben. Er gab den Wunsch zu verstehen, als es auf dem väterlichen Segler wieder nach Südfall zurückgehen sollte, noch eine Zeitlang in dem Hause seines Oheims verbleiben zu dürfen, um erst nach einigen Wochen nach Südfall zurückzukommen. Seine Eltern erfüllten ihm diesen Wunsch gern, zumal ihn auch sein Oheim, der den stillen Burschen und sein bescheidenes Wesen lieb gewonnen hatte, lebhaft befürwortete. Was den Jens an Hooge festhielt, hat er selbst nicht zu verstehen gegeben. Die Leute erzählen, und das wird wohl das richtige sein, dass es die schmale Tochter des Balduin Kröger gewesen sei. Die war ein armes, junges Ding, von grosser Schönheit, aber bleich wie das Licht des Mondes und mit Augen, die stammten aus einer anderen Welt. Sie hustete von den ersten Tagen ihrer Kindheit an, und ihre Ärmchen blieben so schwach, dass sie nie ein Ruder von der Werfte nieder an das Wasser tragen konnten, und auf ihren schönen Händen waren alle die blauen Adern unter der Haut deutlich zu erkennen. Zwischen ihr und Jens spann sich eine Freundschaft an, und von Seiten des armen Jens mag es wohl Tieferes gewesen sein. Der eine Kranke fühlte sich zu dem andern hingezogen, und während Jens bisher immer danach gestrebt hatte, dem Tage ein paar einsame Stunden abzugewinnen, trachtete er von nun an danach, die Einsamkeit mit dem weissen Mädchen zu teilen. Man konnte beobachten, wie er zuweilen an ihren kranken Augen hing mit einem Blick, so wie sonst nur die Kinder an den Augen ihrer Mutter hängen, wenn diese ein Märchen erzählt. Er fuhr sie, wenn es Sonne gab, mit hutsamen Rudern auf das glänzende Wasser hinaus, aber nur bei schweigendem Winde, denn das aufgeregte Meer konnte sie nicht ertragen. Und des Abends, an freundlichen Tagen, wanderten sie zusammen über die Haide nach der Westspitze hin, und er blies die Flöte, und sie hörte ihm zu, und in ihren Augen spiegelte sich die Röte des Sonnenuntergangs.

Das ging so drei Jahre hindurch, dann starb das Mädchen und Jens war wieder allein. Er schlug es ab, in das heimatliche Haus nach Südfall zurückzukehren. Er wollte da sein, wo die Gefährtin seiner drei glücklichsten Jahre ihren Hügel hatte, und verblieb deshalb weiter in dem Hause seines Oheims bis auf den heutigen Tag. Er wurde, nachdem die Tote in die Erde gelassen worden war, noch stumpfer und sonderbarer als zuvor. Die Einsamkeit wurde ihm immer mehr der beste Freund, und das Nachtwandeln, das sich schon seit geraumer Zeit ganz verloren zu haben schien, hob wieder an. Eines Nachts, als der Vollmond glänzte und ein rasender Westwind über die Insel stob, hörte man ein unausgesetztes Klappern und Krachen. Als man nachsah, fand man, dass es die Tür des Hauses war, die jemand geöffnet hatte, ohne sie wieder zu schliessen. Als man hinaustrat auf die Werft, sah man unten den Stummen mit flatterndem Haar langsam über die Haide schreiten, ein Ruder unter dem Arm, als wolle er zu den Booten hinab und eins besteigen, um in die Nacht zu fahren. Man führte den Schlafenden zurück, der erst erwachte, als es die Werft hinaufging, und dann, als er sah, wo er sich befand, die Anderen mit verwunderten Augen ansah, als wollte er sagen: »Was tut Ihr denn mit mir?« Als man ihn darauf mit liebevollen Händen in sein Zimmer zurückgeführt hatte, was er sich willig gefallen liess, warf er sich über das Bett und fing bitterlich zu weinen an.

Andere wollen ihn bei Nacht an der Küste haben stehen sehen, regungslos, wie eine Säule, den Blick auf das Meer hinausgerichtet, umflossen von dem bleichen Mondglanz und dem Licht der Sterne. Auch auf dem Grabe von Krögers Tochter soll er des Nachts gesessen haben und im Schlafe die Flöte gespielt haben, so süss wie nie, und das Nachtgevögel soll um ihn her geschwiegen haben und soll auf den weissen Leichenstein herabgekommen sein und gelauscht haben auf die sagenhaften Klänge. Wer weiss, wie viel wahr ist von all diesem Geschwätz, aber dass nicht Alles aus der Luft genommen ist, dafür sprechen die mannigfachen, rätselhaften Dinge, die von getreuen Zeugen verbürgt sind.

Das Zimmer, das dem grauen Jens als Schlafgemach dient, sieht aus wie ein Museum. Er hat sich künstliche Schifflein aller Gattungen und viele andere Dinge mit grosser Geschicklichkeit anzufertigen gewusst, die hängen nun schwebend an Bindfäden von den Balken seines Gemaches hinab. Dann hat er sich Bretter an den Wänden befestigt, die tausend merkwürdigen Gegenständen als Stapelplatz dienen. Bei seinen Wanderungen über den Schlick hat er gar manches auf dem Meeresbecken gefunden, das sein Interesse in Anspruch nahm und das er darum aufhob und mit nach Hause schleppte: Schädel von im Wasser verreckten Geschöpfen, versteintes Seegetier, wie Igel und Seesterne, seltenen Tang und tausend verrostete und wertlose Sachen, die man einst von den Schiffen herab in das Wasser geworfen hat. Er hütet diese kuriose Sammlung mit grosser Sorge, und immer wieder von Zeit zu Zeit fügt er ihr neue merkwürdige Exemplare hinzu. Zweimal in der Woche läuft er nach Pellworm hinüber, um die Zeitungen und Briefe zu holen. Auch heute ist er wieder hinüber gewesen, denn der Nebel kann ihn nicht schrecken, und er wird nachher in unserem Hause mit vorsprechen, um uns das Husumer Kreisblatt zu bringen.«

»Du hast den Kater vergessen, Claas.« klang es da von dem Ofen her.

»Ja, Frau, der Kater, Du hast Recht. Das sind nun vielleicht schon zehn Jahre her, dass er ihn eines Tages von Pellworm mit herüberbrachte, ein schwarzes, schleichendes Vieh, und Keiner weiss, wo er ihn aufgetrieben hat. Es ist ein Angorakater, so gross wie ein junges Schaf, und wenn er faucht und den Buckel krümmt, so ist es, als wolle die Hölle aus seinen Augen fahren. Er begleitet den grauen Jens auf Schritt und Tritt und schmeichelt um seine Füsse herum, nur auf den Schlick kann er nicht mit hinaus. Des Nachts schläft er im Bette des Langen auf dessen Füssen, und er frisst nur das Futter, das er aus den Händen seines Herrn erhält. Es ist wohl nicht anders, als dass der Jens ihm einmal etwas sehr Gutes angetan hat, wie soll man sonst diese übertriebene Liebe einer Katze zu einem Menschen erklären? Das Vieh folgt seinem Herrn auch in das Boot hinein und kauert sich still zu seinen Füssen hin, und wenn Spritzwasser in das Fahrzeug schlagen, so lässt es sie ruhig über sich ergehen und schüttelt nur das Fell ein wenig, aber es zeigt keine Angst, als wisse es genau, dass ihm nichts geschehen könne, wenn es zu Füssen seines Herrn sei. Es sollte mich Wunder nehmen, wenn Ihr das Tier nicht gestern auch in dem Fahrzeug mit Euch geführt habt.«

»Ja, ich erinnere mich, es lag am Steuerkasten. Aber ich achtete nicht darauf, ich wusste nicht, dass der Mann am Steuer sein Herr sei und dass es so eng mit ihm verbunden wäre.«

»Ihr könnt Euch denken, Herr, dass die Leute seiner Zeit auch von dem Tiere manches Merkwürdige zu reden angefangen haben. Sie sagen, dass dem Jens nichts Schlimmes zustossen könne, wenn die Katze mit ihm auf dem Wasser sei, und sie wollen wissen, dass die Augen des Tieres nicht wie die Augen einer anderen Katze seien, sondern etwas Menschliches in sich hätten. Auch sagen sie, dass das Tier zuweilen Töne ausstosse, wie es die Katzen sonst nicht tun, und dass es an den nächtlichen Wanderungen seines Herrn teilzunehmen pflege. Aber ich mag nichts glauben von dem Geschwätz. Das Tier ist wohl nur eine gewöhnliche Angorakatze.«

Claas Brodersen griff nach seinem Glase, trank es aus, tat ein paar lange Züge aus der Tonpfeife und wollte sich dann anschicken, noch Mehreres zu erzählen, als er durch einen merkwürdig ängstlichen Klang vom Ofen her daran verhindert wurde. Wir sahen zu gleicher Zeit nach der alten Frau hinüber und mussten in demselben Augenblick etwas Anderes bemerken, worauf das alte Mütterchen schweigend und mit erschreckten Augen hindeutete. Dicht bei der Zimmertür, die auf den Pesel führte, stand der graue Jens. Auch Claas und ich erschraken heftig, denn es schien rätselhaft, wie der Stumme so lautlos zu uns hereingekommen war. Wir hatten die Tür nicht gehen hören und weder Schritte vernommen noch einen Luftzug durch die Tür verspürt. Jens sah entsetzlich aus. Sein Gesicht war erdfahl, und seine Augen sprühten krankhaft aus schwarzen Höhlen. Er schien mehr ein Schatten als ein Lebender, seine Glieder waren erschlafft, nur aus der Brust keuchte es wild hervor, er rang nach einem Schrei oder einem Wort, ohne es finden zu können.

Claas war der erste von uns, der sich fasste und sprach:

»Was willst Du, Jens?«

Der Stumme erhob die Arme mit verzweifelten Gebärden und wies durch das Fenster hinaus. Wir richteten den Blick dorthin und sahen in den Nebel hinab. Da sprang Claas empor, dass die Gläser auf dem Tische klirrten.

»Es ist Einer im Wasser!« rief er, und damit war er auch schon zur Türe hinaus.

Ich hatte unterdessen auch durch den Nebel hindurch bemerkt, wie nicht weit von der Küste im Wasser etwas mit den Gliedern um sich schlug. Ich folgte Claas, der schon über die Haide hinflog, den Booten zu. Wir machten das erste beste frei, sprangen hinein und trieben unter den riesigen Ruderstössen des Claas hinaus. Aber wo war der ertrinkende Mensch hingekommen? Seine Kräfte mussten schon vergangen sein, es war nichts mehr von ihm und seinen Bewegungen zu bemerken, er war wohl schon für immer in die schmutzigen Wasser untergetaucht. Da trat plötzlich dicht neben unserm Boot sein Körper wieder aus der Flut hervor. Claas beugte sich weit über Bord und griff nach dem emporragenden Steiss des Unglücklichen. So zog er ihn herauf. Zwei lange, triefende Beine, ein hagerer Oberkörper wurden sichtbar, und dann lag er gekrümmt und regungslos in unserem Boot. Ein Schauder ergriff mich, und Claas blickte mich mit einer stummen Frage an. Es war der Körper des grauen Jens, den wir aus dem Wasser gezogen hatten. Wir lenkten schnell nach der Küste von Hooge zurück und trugen den Körper des Ertrunkenen über die Haide fort dem Hause Claas Brodersens zu, da es das nächste war. Auf halbem Wege gesellte sich mit blitzenden Augen aus dem Nebel heraus der Angorakater zu uns und miaute zum Herzzerbrechen. Er sprang an dem Körper seines Herrn empor, aber die Augen dieses sahen ihn nicht mehr. Im Hause des Claas legten wir den grauen Jens auf ein Bett und entblössten ihm die Brust, um auf das Herz zu hören. Es war Alles still. Da lag er nun, ein toter, blöder Mann, den sich einst zwei alte, nun längst gestorbene Leute als den zukünftigen König über die Seelen der Halligbewohner geträumt hatten.

Wir machten Versuche, ihn wieder zu beleben; legten ihn auf den Rücken und auf die Brust; klopften ihn und rieben ihm die Haut wund. Es blieb Alles vergebens. Er war maustot.



DER SCHLANGENRING

Ich bin Nervenarzt. Es war während der Zeit meiner Sprechstunden, am Vormittag. Ich hatte eben einen harmlosen Kranken mit den tröstlichsten Versicherungen entlassen und öffnete die Tür zum Vorzimmer, um den nächsten Patienten eintreten zu lassen. Indem ich den Blick durch den Warteraum gleiten liess, fühlte ich vom Fenster her zwei Augen auf mir ruhen. Es sass dort ein Mädchen oder eine junge Frau, ganz in Schwarz gekleidet, mit einem schwarzen, grosskrämpigen Hut auf dem Haar. Dieses Haar legte sich eng um das bleiche Gesicht, wie ein Trauerflor, und liess in seiner Üppigkeit das schmale, ungewöhnliche Haupt noch um so merkwürdiger erscheinen. Die glänzenden Augen ruhten still, mit einem tiefen Ausdruck des Schmerzes auf mir. Ich hatte ähnliche Augen schon bei anderen Kranken gesehen, aber niemals waren sie mir so weltentrückt, so überirdisch erschienen. Es war, als ob sich über diesen Augen die Wimpern niemals schliessen könnten. Als müssten sie immer mit diesem ruhelosen und von grossen Leiden erzählenden Ausdruck in die glücklichen Augen der Andern sehen.

Dieses Gesicht am Fenster hatte mich ergriffen. Nicht zum mindesten vielleicht, weil es in seiner Krankheit zugleich so schön war. Ich hatte es noch lebhaft in Gedanken vor mir, als ich bereits das Wartezimmer hinter mir geschlossen und mich der Untersuchung eines neuen Kranken zugewendet hatte. Als dieser entlassen war und ich das Vorzimmer von neuem öffnete, ging mein Auge instinktiv wieder nach dem Fenster hinüber. Sie hob den Kopf eben von einem Buche auf, in dem sie geblättert hatte, und wieder lag der sonderbar brennende Glanz der Augen auf mir, und das weisse, fast milchweisse Fleisch der hageren Wangen leuchtete in dem Sonnenlicht, das durch die Scheiben auf sie hereinfiel, zum Erschrecken. Um ihren Mund glaubte ich diesmal, da sie bemerkte, dass ich sie musterte, einen lächelnden, aber keineswegs angenehm lächelnden Zug fliegen zu sehen, und auch ihre auf dem Tisch liegenden, von den Handschuhen entblössten Hände konnte ich diesmal erkennen: lange, geisterhaft dünne Hände, die ganz von der Farbe der Wangen waren. Sie waren längst nicht so fesselnd wie die Augen, in denen es wie eine fremde Welt lag, in denen Mächte zu wohnen schienen, die den andern Sterblichen ewig fremd und für gesunde Seelen verwirrend sind. Ich spürte, dass diese Augen einen Eindruck auf mich ausübten, wie es bisher noch keine andern Augen vermocht hatten. Einen Eindruck, gegen den ich mich innerlich sträubte, ohne dass es mir doch zu gelingen schien, ihn zu meistern.

Als ich dann wieder die Zimmertür öffnete, war sie verschwunden. Warum hatte sie sich entfernt? War ihr die Wartezeit zu lang geworden? Oder hatte sie sich noch im letzten Augenblick vor der Konsultation, von deren Resultat, wie ihr der eigene Zustand wohl sagen musste, sie nichts Gutes erwarten konnte, gescheut? Wer weiss, – jedenfalls war sie verschwunden und kehrte nicht zurück. Ich ging nach Schluss der Sprechstunden zu dem Fensterplatz hinüber, um zu sehen, in welchem Buche sie geblättert hatte. Es war einer der gleichgiltigen Fliegenden-Blätter-Kalender, die auf den Tischchen des Zimmers herumlagen. Dies konnte mir nichts weiter sagen.

Die Augen des bleichen Mädchens verliessen mich nicht mehr. Beim Essen und nachher, als ich über einer Arbeit sass, immer wieder tauchten sie vor mir auf, in tiefen Höhlen, flackernd und mit einem Ausdruck des Schmerzes, der kein gewöhnlicher Schmerz sein konnte. Es kam mir erst nach und nach recht zum Bewusstsein, welches übertriebene Interesse ich an diesem Mädchen oder besser: an den Augen dieses Mädchens nahm. Wenn ich daran dachte, dass ich, nur um nachzusehen, in welchem Buche sie geblättert hatte, zu ihrem Platze im Wartezimmer hinübergegangen war, so musste ich mir gestehen, dass mir eine so unerklärbare Teilnahme an der Person eines fremden Kranken in meiner Praxis noch nicht zugestossen war.

Bei Beginn der Dämmerung verliess ich die Wohnung und unternahm einen Spazirgang in einem unmittelbar an die Stadt stossenden Lustgarten. Ich dachte immer wieder an die grossen Augen zurück. Als ich, da man bereits in den an den Lustgarten grenzenden Strassen die Laternen anzündete, nach einigen Minuten einsamer Ruhe auf einer an einem kleinen Teiche idyllisch gelegenen Bank, wo eine Nachtigall schlug, mich anschickte, in die Stadt zurückzukehren, bemerkte ich ein Ende vor mir eine Frauengestalt. Indem ich sie wahrnahm, fühlte ich die Vorstellung der rätselhaften Augen vom Vormittag wieder besonders lebhaft in mir werden. Ich glaubte sie von rechts und links aus allen Büschen heraus auf mich gerichtet zu sehen. Der grosskrämpige Hut da vorn konnte nur der Hut des blassen Mädchens vom Fenster sein. Ich fühlte, wie ich erregter wurde, und beschleunigte meine Schritte. Da, noch ziemlich weit von mir entfernt, bog sie in einen Seitenweg ein, der direkt in die Stadt führte. Als ich an die Biegung des Weges kam, war nichts mehr von ihr zu entdecken. Weiter zu suchen war unnütz in der Dunkelheit. Ich verlangsamte deshalb die Schritte wieder und schlenderte den gleichen Weg dahin, den sie gegangen war. Meine Stimmung war ärgerlich und zerfahren. Ich schalt mich einen Narren, dass ich mich von einem Paar völlig fremder, kranker Augen in so einfältiger Weise befangen liess, und nahm mir ernstlich vor, nunmehr nicht weiter an jenes Geschöpf zu denken. Aber schon indem ich den Vorsatz fasste, fühlte ich dunkel, dass es bei dem blossen Vorsatz sein Bewenden haben werde.

In die lärmende, von tausend und aber tausend Lichtern, geschäftig hastenden Menschen und lärmenden Fahrzeugen erfüllte Stadt zurückgekehrt, suchte ich einen Freund auf und plauderte mit ihm, wobei ich es mit Absicht vermied, ihm von dem blassen Mädchen und ihren Augen zu erzählen. Wir begaben uns darauf zusammen in ein Restaurant, assen ein wenig und entschlossen uns dann, zusammen die Oper zu besuchen, wo man an diesem Abend Carmen gab.

Wir sassen im Parterre nebeneinander. Die Musik der Oper und die vorzügliche Darstellung nahmen mich ganz gefangen, so dass meine Gedanken gelöst und meine Empfindungen völlig auf die schwellenden Töne und die Vorgänge auf der Bühne konzentrirt waren. Da, mitten während des ersten Aktes, als in der Cigarettenfabrik sich gerade das plötzliche Kreischen der sevillanischen Mädchen erhebt, weil Carmen die eine von ihnen mit dem Dolche gestochen hat, – da plötzlich schwand meine Teilnahme an der Oper auf einen Schlag gänzlich dahin, ich hörte und sah nichts mehr, wurde unruhig und rutschte nervös auf dem Plüschsessel hin und her. Der Ursache dieser Unruhe wurde ich mir nicht gleich bewusst, aber bald sagte mir ein unbestimmtes Gefühl, dass die Ursache von irgend einem Vorgang oder einem Gegenstand in meinem Rücken herkommen müsse. Es war mir nämlich, als sei an meinem Hinterkopf irgend etwas geschehen, als zwicke man ihn mit sehr feinen Nadeln, oder als wirke ein elektrischer Strom auf ihn ein. Unwillkürlich drehte ich mich, als ich der Unruhe nicht mehr Herr werden konnte, um, und indem ich heftig erschrak, wusste ich nun den Grund meines Zustandes sofort. Aus einer der Logen im ersten Rang sahen die grossen Augen auf mich herab: zwei glänzende Sterne, von jenem merkwürdigen fosforischen Glanz, wie ihn die Augen der Katzen zur Nachtzeit haben.

Ich wurde innen heiss. Jene Augen und das totenbleiche Gesicht, dem sie gehörten, schienen mich nicht mehr verlassen zu wollen. Mein Interesse an dem Schauspiel war geschwunden. An dem immer stärker werdenden unangenehmen Gefühl am Hinterkopf merkte ich genau, dass die Augen unablässig auf mich gerichtet waren. Ich konnte mich eines wachsenden Gefühls der Angst nicht erwehren, und da dieses schliesslich ins Unerträgliche stieg und ich meine Nerven nicht mehr beschwichtigen konnte, so erhob ich mich endlich und begab mich hinaus.

Mein Freund folgte mir auf dem Fusse. Er merkte wohl, dass ich mich unwohl fühle. Draussen im Foyer fragte er:

»Was ist Dir? Du siehst schlecht aus.«

»Ich weiss nicht. Ich fühlte mich schon den ganzen Tag nicht besonders. Kopfweh und momentan etwas Schwindel, jedenfalls ist es bedeutungslos. Es wird das Beste sein, ich gehe nach Haus und ruhe mich. Lass Dich bitte in dem Vergnügen nicht stören und bleib.«

Mein Freund brachte mich noch hinaus in eine Droschke, und während ich dann durch die hellen Strassen langsam meiner Wohnung zufuhr, begab er sich in das Theater zurück.

Ich hatte in der Tat Kopfweh bekommen. Ich lehnte mich in das Polster der Droschke zurück und stellte mir den bleichen Kopf wieder vor, wie er in dem dunkeln Raum des Theaters aus der Loge so starr auf mich herabsah. Diese brennenden Augen werden mich noch verrückt machen, dachte ich. Wie ich sie schon gefühlt hatte und wie sie schon auf mich eingewirkt hatten, ehe sie mir noch zu Gesicht gekommen waren! Was wollten diese Augen eigentlich von mir? Warum sahen sie immer mich gerade an, mich allein unter den vielen, und immer nur mich? Ich hatte dieses Mädchen früher niemals gesehen, und nun mit einem Male lebte es in all meinen Fibern, als wolle es mir die Freude am Leben morden, und ihre Augen hefteten sich an mich, als wollten sie mir etwas Schlimmes tun, das Gewissen zermalmen oder mit den Schatten der Zukunft drohen oder was weiss ich.

Erster Leser: Wann wird der Mensch aufhören, von den kranken Augen dieser Frau zu fabeln? Wann kommt der Schlangenring?

Zweiter Leser: Warten wir das Ende dieser Torheiten ab.

Als ich in meiner Wohnung ankam, begab ich mich in das Arbeitszimmer, zündete Licht an, legte Hut und Mantel ab und trat vor den Schreibtisch. Auf diesem stand ein kleines Kästchen, das ich nicht kannte und von mir nicht dorthin gestellt worden war. Ich öffnete, und es fiel mir zu meiner Verwunderung ein ganz fremder, goldener Ring daraus entgegen.

Erster und zweiter Leser: Ah – Ah – – –

Er hatte die Form einer zusammengeringelten Schlange, und dort, wo sich die Augen der Schlange befanden, sassen zwei kleine, rotfunkelnde Steine. Sobald mir der Ring in die Hände fiel, mischte sich in sein Bild die Vorstellung der dämonischen Augen aus dem unbekannten Frauengesicht. Wie kam dieser Ring auf meinen Schreibtisch? Ich rief die Wirtschafterin, hielt ihr das Kästchen entgegen und fragte sie, wer dies gebracht hätte. Niemand, entgegnete sie, sie kenne das Kästchen nicht. Ich fragte sie, ob irgend ein Besuch dagewesen sei. Nein, erwiderte sie, es sei niemand dagewesen. Darauf sagte ich ihr, dass sie mich belöge, denn ich hätte dieses Kästchen auf meinem Schreibtisch vorgefunden, und es müsse doch von irgend jemand dorthin gelegt worden sein, denn ich selbst kenne es durchaus nicht, und zu der Zeit, als ich die Wohnung verlassen hätte, habe es sich auf dem Schreibtisch noch keinesfalls befunden. Ich nähme deshalb an, dass sie mir etwas verberge und habe die Vermutung, dass sie selbst es dort im Auftrage irgend eines Andern niedergelegt habe, dem sie auf sein Verlangen, und jedenfalls durch klingende Münze belohnt, Schweigen gelobt habe. Auf diese Worte hin fing die Person zu weinen an und versicherte mich unter Ausdrücken der Verzweiflung, dass sie von alle dem, was ich da sage, nichts wisse, dass sie das Kästchen nie in ihrem Leben gesehen habe, dass mein Zimmer während des Nachmittags von niemand betreten worden sei, kurz, dass sie unschuldig wäre.

Gut also. Ich hiess sie mit mürrischen Worten gehen und befand mich wieder mit dem unerklärlichen Schlangenring allein. Ich zog ihn mechanisch auf den Finger und zog ihn wieder ab. Ich betrachtete ihn genau, legte ihn nieder, liess ihn dann wieder durch die Hände gehen und steckte ihn endlich in das Kästchen zurück. Ich schritt in dem Zimmer auf und ab, dachte an tausend Dinge, sah die grossen Augen wieder glühen, hörte den Schrei der Carmen in der Cigarettenfabrik wieder, fühlte von neuem den Schmerz am Hinterkopf, und schliesslich verwirrte sich Alles. Da die Kopfschmerzen bald unerträglich wurden, entkleidete ich mich und begab mich zu Bett. Aber die Ruhe wollte nicht kommen. Der Ring marterte mich, und sobald ich ihn im Geiste vor mir sah, sah ich auch wieder die unseligen Augen leuchten und sah das leichenblasse Gesicht in dem dunkeln Theaterraum, und dann trat plötzlich die Vorstellung ein, dass dort, wo am Kopf der goldenen Schlange die beiden Rubine sassen, eigentlich die Augen des unbekannten Mädchens sitzen müssten, und plötzlich sassen sie in meinen Fantasieen auch wirklich da und stierten mich unheilvoll an, und die Schlange fing an sich abzurollen und kroch mir langsam entgegen, streckte die zweiteilige Zunge heraus und begann sich fest um meine Glieder zu legen, während die Augen mich verzehren wollten . . . 

Unter diesen abscheulichen Vorstellungen schlief ich endlich ein. Doch damit verschwanden die Bilder nicht. Sie traten erbarmungslos mit in meine Träume hinüber, liessen nicht ab mich zu quälen und wurden immer grässlicher. Das Bild der Augen in dem bleichen Gesicht hatte sich endlich so fest mit dem Bilde der goldenen Schlange verbunden, dass sie nur noch mit dieser zusammen in die Vorstellung traten. Ich konnte und konnte mich nicht frei machen. Sie umschwirrten mich in aufregender Weise die ganze Nacht hindurch. Und als ich am folgenden Morgen erwachte, übermüdet, mit schmerzendem Kopf und schweren Gliedern, war das Erste, dass ich wieder nach dem Schreibtisch hinüberschaute, wo das nichtswürdige Kästchen stand, vor dem mich fast eine Furcht zu ergreifen begann, denn die Schlange war ja darin, die goldene, geringelte Schlange mit den brennenden, menschlichen Augen im Kopf . . . 

Als ich mich erhoben hatte, öffnete ich das Kästchen in Erwartung und überzeugte mich, dass die Schlange rote Rubine im Kopfe trug und nicht die Augen des weissen Mädchens mit dem schwarzen Haar. Ich überlegte, was ich mit dem Ring beginnen sollte, der nicht der meinige war. Sollte ich ihn behalten? Keinesfalls. Ich fühlte ja, dass er meine Gedanken unheilvoll beschäftigte und in quälende Bahnen lenkte, so oft ich an ihn dachte oder ihn vor mir sah. Ich musste mich davon befreien, auf welche Weise es auch sei.

Ich hatte die Vermutung, dass das Mädchen während der Sprechstunden an diesem Tage vielleicht wiederkommen würde. Aber sie erschien nicht. Ich musste bei der Ausübung meines Berufes alle Kräfte aufs äusserste zusammennehmen, denn ich war wie zerschlagen und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Einige Bekannte fragten mich, was mir fehle, da ich bleich und angegriffen aussähe. Ich musste antworten, dass es ein leichtes Unwohlsein wäre, infolge von Erkältung.

Die Nachmittagsdämmerung an jenem Tage war schrecklich. Ich sass vor dem Schreibtisch, den Schlangenring neben mir, und dachte noch einmal unter peinlicher Zergliederung der Dinge über alle Einzelheiten nach, die mir geschehen waren. Besonders liess mich der Gedanke nicht los: Auf welche Weise ist der Ring in mein Zimmer gekommen? Meine Wohnung befand sich im Erdgeschoss, und die Fenster (es war Frühling) standen meist geöffnet. Die einzige Möglichkeit war also, dass man ihn durch das Fenster hineingeschmuggelt hatte. Wie war die betreffende Person aber in den von einem hohen Eisengitter eingefassten Vorgarten gekommen und überhaupt: welchen Zweck hatte sie mit diesem Geschenk verbunden? Hierauf war eine auch nur einigermassen befriedigende Antwort nicht zu finden.

Ich spürte während des fruchtlosen Nachdenkens über diese Dinge wieder die ekelhaftesten Fantome um mich her. Ich stellte mir vor, wie eine Schlange sich durch das Eisengitter des Vorgartens drängte, sich zu dem Fenster emporwand und in mein Zimmer hineinkroch. Ich sah das Mädchen in Schwarz im Garten stehen, den unangenehm lächelnden Zug um die Lippen, und nun langte ihre blasse, dünne Hand durch die Gardinen und legte eine kleine Schlange vor mich auf den Tisch. Ich sah die grossen Schmerzensaugen aus allen Winkeln der Dämmerung heraus auf mich gerichtet, und mitunter war mir ganz deutlich, als ob der Ring neben mir auf dem Tisch langsam sich in Leben umzuwandeln beginne, als ob er schimmere, in den Farben eines lebenden Gewürms, und dann diese blitzenden Augen aus rotem Stein, die doch in Wirklichkeit sicher ganz andere Augen als steinerne Augen waren . . . 

Ich hielt diese Pein nicht mehr aus. Ich fühlte, dass ich ernstlich krank werden müsste, wenn ich diese verstörenden Einbildungen noch länger auf mich einwirken liesse. Ich raffte deshalb den Rest meiner Energie zusammen, stand kurz entschlossen auf, nahm das Kästchen mitsamt dem Ring zu mir und begab mich ins Freie. Ich durchschritt einige Strassen und kam an den schmalen, aber tiefen Kanal, der die Stadt durchschneidet. Auf der zierlichen Brücke von St. Michael machte ich Halt. Ich beugte mich ein wenig über das Geländer und warf das Kästchen samt dem Schlangenring in das schmutzige Wasser, wo es unterging. Als ich wieder aufschaute, sah ich drüben im Schein einer soeben angezündeten Laterne das Mädchen in Schwarz vorüberschreiten. Ihre Augen schauten zu mir herüber, um ihren Mund fuhr ein höhnisches Lächeln, das zugleich wie ein mitleidiges Bedauern war, ihre Schritte waren schleppend und müde, und das Bleich ihrer Wangen schien noch kränker als zuvor. In einem der nächsten Häuser verschwand sie.

Es verdross mich aufs höchste, dass sie es mit angesehen hatte, wie ich den Ring in den Kanal geworfen; denn sie hatte es ohne Zweifel mit angesehen. Es schien ganz unvermeidlich, dass meine Spuren sie nach sich zogen oder dass ich mich, ohne es zu wissen, an ihre Spuren heftete. Wann, wann sollte dies ein Ende nehmen?!

Ich schlenderte durch die Strassen der Stadt, suchte mich durch das Betrachten der Schaufenster zu zerstreuen, machte einige Besuche bei Kranken und Bekannten und kaufte hier und da etwas ein, nur um auf andere Gedanken zu kommen. Aber es gelang mir noch immer nicht. Ich dachte bei mir: Wenn mein Zustand in der folgenden Nacht der gleiche sein wird wie in der vergangenen, so werde ich morgen das Bett nicht verlassen können, und der Himmel weiss, was geschehen wird.

Unter diesen trüben Betrachtungen wandte ich mich endlich wieder nach Haus. Ich schritt wieder an dem Kanal entlang, auf dessen schmutzigem Wasser die Lichtreflexe der Laternen flackerten. Dort vorn wölbte sich auch von dem einen zum andern Ufer die Brücke von St. Michael, auf der ich heute schon gestanden hatte. Nicht weit davon staute sich ein Zusammenlauf von Menschen. Was war vorgefallen? Als ich mich dem dunkeln Knäuel näherte, hörte ich einzelne aufgeregte Stimmen:

»Ein Arzt! Ist kein Arzt da? Ruft schnell nach einem Arzt!«

Ich drängte mich durch die Menschen hindurch, indem ich mich als einen Arzt zu erkennen gab.

»Was giebt es?« fragte ich.

Da sah ich es schon vor mir. Es war der Körper des blassen Mädchens mit den Rätselaugen. Sie lag mit schlaffen Gliedern auf dem Pflaster, triefend von dem kotigen Wasser des Kanals. Die Augen waren zur Hälfte geschlossen und schienen das Friedlose ihres Blickes verloren zu haben. Das schöne, schwarze Haar klebte wirr an den Wangen und auf der Stirne, deren Blässe nun die Blässe des Todes war. Ich beugte mich nieder und fühlte nach den Pulsen. Es war Alles vorbei. Als ich die linke Hand ergriff, sah ich an dem Mittelfinger einen goldenen Ring von der Form einer Schlange, deren Augen zwei funkelnde Rubine waren.

»Sie hat sich von der Brücke hinabgestürzt« sagten die Leute »Wir haben es nicht mehr verhindern können. Ehe wir sie herausfischen konnten, ist sie wohl schon ertrunken.«

»Ja« sagte ich »Sie ist tot.«

Es ging eine Bewegung durch die Menschen. Einige entfernten sich, andere strömten herzu. Wir sahen nach, ob sie irgend welche Papiere bei sich hatte, die auf ihren Namen oder ihre Wohnung deuten konnten, doch es war nichts zu finden. Ich schickte zwei Männer in die Hilfsstation des Quartiers, um eine Bahre zu holen. In dieser wurde die Tote der öffentlichen Leichenhalle zugeführt.

In der darauffolgenden Nacht schlief ich ohne Traum, befreit von allen Fantomen und Fantasieen. Der Bann jener unseligen Vorstellungen, die von den grossen Augen und dem Ring ausgingen, ist von mir gewichen. Ich habe beide nicht wieder gesehen.

Erster Leser: Es ist empörend, dass man es wagen darf, uns mit einer solchen Geschichte zu langweilen. Der Verfasser ist ein Narr.

Zweiter Leser: Bei Gott, das ist er.



CARMEN

An einem klaren Wintermorgen, es war Mitte Januar fuhr ich in den Bahnhof von Sevilla ein. Ich kam von Granáda her und hatte im Zuge während der verflossenen Nacht weidlich gefroren, denn so sonnig im Winter die andalusischen Tage zu sein pflegen, so rauh und unangenehm sind zumeist die Nächte. Als ich durch die Strassen Sevillas schlenderte, fielen mir an den Ecken mancher Häuser Plakate auf, die für den Abend eine Vorstellung der Oper Carmen von Bizet im Teatro San Fernando ankündigten. Es stand sogleich bei mir fest, dass ich hingehen würde. Wo ich auch immer Gelegenheit habe, diese Oper zu hören, pflege ich sie nicht vorübergehen zu lassen. Nun sollte ich sie gar in Sevilla selbst zu hören bekommen, der Stadt, wo einst die verführerischen Augen der entzückendsten Gitana19 alle Männerherzen entflammten, wo Escamillo in den Corridas die feurigsten Stiere seinem braunen Liebchen weihte (denn das hat er sicher getan), wo der arme José zum Deserteur geworden und über den dunkeln Locken der Zigeunerin die blonde Micaela vergessen.

Ich begab mich in das Hôtel de Roma, um mich für die nächsten Tage anzumelden. Das Zimmer, das man mir anwies, lag nach einem Garten hinaus, wo goldgelbe Orangen in den Zweigen hingen und auf den Beeten vereinzelte Blumen blühten. In der Mitte des Gartens befand sich ein Springbrunnen, und nicht weit davon stand eine weisse Marmorbank mit hoher Rückenlehne, über der sich die dichten, von roten Blüten durchsetzten Zweige eines Gardenienbaumes drängten. Einige andere Marmorbilder, figürliche Darstellungen, standen hier und dort unter dem Laub herum. Es war ein echter spanischer Garten und in seiner Einsamkeit ein richtiger ›jardin abandonát‹, wie er dem Pinsel des Catalanen Santiago Rusiñol so gerne zum Vorwurf dient. Nur der Blütenreichtum des Sommers fehlte. Und der winterliche Himmel entbehrte des leuchtenden Blaus. Und der Springbrunnen ging nicht, denn die Luft war nicht heiss, so dass sie keiner Kühlung durch das zerstäubende Wasser bedurfte.

Als ich nach Einnahme des Frühstücks das Hôtel wieder verliess, begegnete ich in der Tür des Hauses einer schönen Frau.

Das ist nun nichts Sonderbares in Sevilla. Aber diese – mochte es sein, weil sie so unvermutet in der Haustür neben mir stand; mochte es sein, dass irgend etwas Ungewöhnliches in ihrer Erscheinung war, das ich freilich nicht sogleich definiren konnte –: sie überraschte mich aufs höchste. Sie war eine Andalusierin, das war unverkennbar. Die grossen Mandelaugen, die mich, da ich sie grüsste, mit ihrem Stolz einen Augenblick streiften, und die vollen, halbmondförmigen Brauen darüber verrieten es. Überhaupt der Typus dieses blassen, ovalen Gesichts, von einer so weichen Form, wie sie nur dort unten gedeiht; und das nächtliche Haar, dessen Wellen sich so leise über die Schläfen und Ohren legten. Sie trug eine schwarze Mantilla aus Seide über dem Haar. Hinter dem einen Ohr steckte eine rote Nelke. Sonst war sie schwarz gekleidet, ganz ohne jede anderen Farben. Sie trat in das Haus ein. Ich blieb auf der Schwelle stehen und blickte ihr nach. Sie schritt die Treppe empor, ohne sich umzusehen. Wie stolz ihr Gang war. Und ihre Haltung: wie namenlos stolz. Und diese Blässe der wunderbar weichen Wangen. Dieser Blick, dessen Tiefe nicht zu ermessen war. Die Nelke hinter dem Ohr. O ja, sie war eine Andalusierin.

Ich ging durch die Strassen dahin, mischte mich beschaulich in das Leben und freute mich meiner glücklichen Tage. In der Calle de las Sierpes20 kaufte ich einem Zigeunerkind, einem kleinen lumpigen Bettelwesen, das von Triana21 herübergekommen war, eine Kamelienblüte ab und tat sie ins Knopfloch. Dann wandte ich meine Schritte der königlichen Tabaksfabrik zu, jenem alten Prachtgebäude, wo die sevillanischen Mädchen mit unglaublicher Geschwindigkeit den ganzen Tag hindurch nichts weiter tun als Cigarillos in ihren braunen Fingern formen, indessen sie Lieder singen, vor denen Du nicht erröten darfst; jenem Prachtgebäude, über dessen Eingang sich in Stein gehauen ein Engel mit einer Posaune befindet; die Posaune aber wird dröhnen, dass ganz Sevilla es hören wird, sobald die erste keusche Sevillanerin unter den Flügeln des Engels durch die Pforte der Fabrik hinschreitet.

Die braunen Katzen in den Arbeitssälen der Fabrik kicherten und schwatzten, stiessen sich mit den Armen an und lachten mir so lästerlich ins Gesicht, dass ich mir wie ein verlorenes Kind vorkam. Eine – braun, üppig, mit Lippen wie Blut, und neben ihr stand eine Kinderwiege – löste mit flinken Fingern eine rote Rose aus ihrem Haar und schleuderte sie mir lachend ins Antlitz, wobei ihre Zähne gleich silbernen Sternen glänzten. Ich nahm die Kamelie aus dem Knopfloch und warf sie dem Mädchen entgegen. Sie fing sie auf und steckte sie dorthin, woher sie die Rose genommen hatte. Dann warf ich ihr noch einen weissen spanischen Silberduro22 zu, der ihr sicherlich mehr behagte als die wertlose Blüte.

Als ich die Fabrik verlassen hatte, war die Mittagsstunde nahe. Ich flanirte von neuem tatlos durch die Strassen und trat endlich in das Café America ein, um noch irgend etwas vor Tisch zu trinken. Das Café war nicht sehr besucht. Als ich das Auge durch den Raum schweifen liess, gewahrte ich an einem der Tischchen die schöne Frau aus der Haustür meines Hôtels. Sie war in Gesellschaft zweier Herren, deren grosskrempige Hüte und glattrasirte Gesichter verrieten, dass sie Toreros waren. Man sprach nicht viel an dem Tische drüben. Die Toreros rauchten Cigaretten und tranken Manzanilla.23 Sie hatte ein Glas Café vor sich.

Ich fragte den Kellner, ob er mir sagen könne, wer die Dame sei, die mit der schwarzen Mantilla und der Nelke hinter dem Ohr, in Begleitung der Toreros.

»Das ist Doña Balbina Domingo, Herr,« sagte er »die Primadonna im Teatro San Fernando. Heut Abend wird sie die Carmen singen.«

»Ist sie aus Sevilla?«

»Aus Cádix, Herr. Eine Gaëtana. Sehen Sie die Brauen über den Augen. Die haben die Mädchen nur dort.«

»Ich bin ihr im Hôtel de Roma begegnet. Wohnt sie da?«

»Ja, Herr.«

Während ich mit dem Kellner sprach, hatten sich die drei an dem Tischchen drüben erhoben und schritten nun dem Ausgang zu. Voran die Balbina, ohne nach rechts oder links zu schauen, in der Haltung einer Königin. Dann die beiden Burschen mit ihren kurzen Jäckchen und schmalen, roten Schlipsen, die unvermeidliche Cigarette im Mund. Da sie hinter ihr hinausschritten, konnte ich auch die Torero- Zöpfchen unter dem Rande ihrer Hüte erkennen.

Auch ich verliess das Café, begab mich auf mein Zimmer in dem nahe gelegenen Hôtel und dachte an Doña Balbina. Ich trat an das Fenster und blickte auf den stillen Garten hinab, wo die Sonne auf den Blüten der Gardenien und der weissen Bank aus Marmor lag. Dann sah ich wieder die Balbina im Café an dem Marmortisch sitzen, in Gesellschaft der Toreros.

Man läutete unten zu Tisch. Ich machte Toilette und begab mich hinunter. Man sass im Speisezimmer bereits an einem länglichen Tisch beisammen, während die Vorspeisen herumgereicht wurden. Es waren vielleicht zwölf bis fünfzehn Personen an der Tafel, die mit vielen duftenden Blumen verziert war, mit Nelken, Geranien, Rosen und anderen. Nahe dem einen Ende des Tisches, dicht beim Fenster, sass die Balbina. Ihre Toilette war die gleiche wie kurz zuvor im Café. Auch die Nelke steckte noch hinter dem Ohr. Nur die Mantilla fehlte. Das schwarze, reiche Haar war in einem Tuff über der Stirn emporgesteckt, wie es Sitte in Andalusien ist.

Der Wirt des Hauses führte mich an den Tisch, nannte der Tischgesellschaft vorstellend meinen Namen und wies mir den Platz gegenüber der Balbina an. Da sass ich nun vor ihr. Sie war gerade im Gespräch mit ihrem Nachbar begriffen, einem dicken Valencianer, der, wie ich bald heraushörte, Reisender für eine Azulejos-Fabrik war. Er machte ihr überschwengliche Komplimente und beteuerte, dass er vor Ungeduld vergehe, am Abend in der Oper ihre Arie:


Die Liebe von Zigeunern stammt,
Sie fragt nach Rechten nicht, Gesetz noch Macht –


zu hören, und nachdem er den Anfang der Melodie ein wenig pathetisch vor sich hingesummt hatte, verschlang er begeistert eine gesottene Artischoke. Die Balbina lächelte dazu und versprach ihm mit einer reizenden Handbewegung, während jenes Liedes nur an ihn zu denken und es in einer Weise zu singen, dass ihm das Herz still stehen solle. Da warf er ihr (indem er schon wieder an einem Stück Seehecht kaute) seine verliebtesten Blicke zu, und Alles lachte.

Auf der andern Seite neben ihr sass ein junger Franzose, Gelehrter, Archäologe von Beruf, der erst vor einigen Tagen angekommen war, um in den Ruinen des nahen Italika ungekannte Schätze zu heben, und mit der spanischen Sprache nur schwer zu Rande kam. Wenn man aber von der Balbina und ihren Opernrollen sprach (das ganze Tischgespräch drehte sich eigentlich nur um sie), so verfehlte er nicht, ein entzücktes ›maravilloso‹ oder ›sin comparacion‹ zu stammeln. Falls er den Mut fand, sich zu einer längeren, zusammenhängenden Rede aufzuschwingen, so wurde er immer sehr schnell rot, stolperte über seine eigenen Worte, vor deren Kühnheit er selbst erschrak, und zog sich dann mit einigen französischen Höflichkeitsformeln, die ihm besser von den Lippen gingen, von der Balbina aber durchaus nicht verstanden wurden, in die Gefilde der Schweigsamkeit zurück. – Sonst waren noch ein paar sevillanische Kaufleute, Junggesellen, zugegen. Zwei völlig vertrocknete Engländerinnen, den Bädeker neben sich auf dem Tisch und keines Wortes Spanisch mächtig. Ferner ein Deutscher, Angestellter an der sevillanischen Strassenbahn. Und endlich ein sehr schneidiger Catalane, der für eine Barceloneser Industriefirma Strumpfwirkmaschinen verkaufte. Sein ständiges Fluchwort war ›punyeta sagrada‹ (kein Volk flucht so entsetzlich wie die Catalanen), und er wandte es in doppelter und dreifacher Verstärkung an, wenn es galt, seiner Bewunderung für die Balbina Ausdruck zu geben.

Diese beteiligte sich an der Unterhaltung nur wenig. Sie beschränkte sich im Allgemeinen darauf, hin und wieder ein Scherzwort hinzuwerfen, das die Andern auffingen, als ob es eine goldene Gabe sei, berichtigte oder billigte, meist nur durch ein Kopfnicken oder einen Blick, eine musikalische Meinung, die man äusserte, und beschränkte sich im Übrigen darauf, in Ruhe und mit Anmut ihre Mahlzeit zu verzehren. Ich wurde in die allgemeine Unterhaltung bald mit hineingezogen, an die Balbina jedoch hatte ich nur wenige Worte zu richten Gelegenheit.

Gegen Ende der Mahlzeit äusserte der Catalane, als man gerade wieder von der am Abend bevorstehenden Aufführung der Carmen sprach:

»Wir werden heute Abend in gefährliche Gluten schauen. Verbrennen Sie nicht, Balbina, uns zur Liebe, verbrennen Sie nicht. Die Frau, in deren Kleidern Sie heute Abend stecken werden, ist eine Frau wie eine lodernde Flamme.«

»Nein,« wagte ich einzuwenden »diese Carmen ist eine Frau mit einer Seele wie Eis.«

Der Catalane war erstaunt und schwieg. Auch die Andern hörten meine Meinung mit Verwunderung, ohne sogleich etwas zu entgegnen. Die Balbina richtete ihre Augen auf mich und sagte langsam:

»Sie haben Recht, Herr. Diese Carmen ist eine Frau mit einer Seele wie Eis. So werden Sie sie auch sehen heute Abend. Machen Sie sich gar nicht auf Flammen gefasst, meine Herren. Sie werden frieren.«

»Es freut mich, dass Sie meine Meinung teilen« sagte ich »Ich weiss nun, dass ich heute Abend einige Stunden des Genusses verleben werde.«

Sie schüttelte den Kopf, mit einem lieblichen Lächeln. »Sie werden vielleicht recht enttäuscht sein« entgegnete sie »Seien Sie versichert, ich bin gar nicht das, was man eine gute Sängerin heisst. Sie haben sicher in Ihrem Vaterland viel bessere gehört. Aber die Carmen – ja, ich glaube doch, dass die Carmen eine Rolle ist, die ich spielen darf –«

»Ohne Flammen, Balbina? Nein, nein, nein, sagen Sie das nicht. Sie werden das auch nicht tun. Wie könnten Sie eine Carmen ohne Flammen spielen?«

»Niemals.« meldete sich der Widerspruch von anderer Seite her »Balbina, Sie wollen ein Mädchen aus Cádix sein?«

»Ich bin ein Mädchen aus Cádix, und ich weiss, wie ich die Carmen zu spielen habe.«

»Sie wollen experimentiren.«

»Ich will Ihnen nur das Leben geben.«

»Eine Carmen ohne Gluten? O Balbina!«

»Ich habe nicht behauptet, dass die Carmen eine Frau ohne Gluten sei. Aber diese Gluten führen ihr Leben unter einer Kruste von Eis. Sie brennen viel zu tief innen, als dass sie so leicht an das Tageslicht könnten. Das Eis ist erbarmungslos.«

Ich nickte zustimmend.

»Und daran stirbt sie, an diesem Eis« sagte ich.

Die Balbina schien erstaunt.

»Ja, daran stirbt sie« wiederholte sie in schleppendem Ton.

Die Mahlzeit war zu Ende. Die Engländerinnen und einer der jungen sevillanischen Kaufleute hatten sich schon vor einer Weile erhoben und verabschiedet. Nun stand auch die Balbina auf und sprach, über die Tafel hin nickend, einige freundliche Adios.

Wie erstaunt war ich, als sie sich dann zu mir wandte, mir die Hand reichte und fragte:

»Werden Sie heut Abend in das Theater kommen?«

Ich ergriff ihre matte Hand und drückte sie.

»Ja« erwiderte ich »Ich muss doch sehen, wie die Carmen an ihrem eisigen Herzen stirbt.«

Als sie hinaus war, bildete wieder nur sie das Thema der Unterhaltung.

»Welch eine merkwürdige Frau« sagte der Catalane »Man wird nicht klug aus ihr.«

»Haben Sie gefühlt, mit welchem Ernst sie von dem eisigen Herzen der Carmen sprach?«

Der Valencianer, der nicht abliess von den Früchten zu essen, wandte sich an mich:

»Sie sind ein Glückspilz. Wem von uns hat sie jemals die Hand gereicht?«

»Es bereitete ihr offenbar Freude, dass unsere Ansicht über das Wesen der Carmen die gleiche war« sagte ich.

»Welch eine vertrackte Ansicht« schüttelte der Catalane den Kopf.

Der Valencianer pfiff:


Die Liebe von Zigeunern stammt,
Sie fragt nach Rechten nicht, Gesetz noch Macht –


»Ich bin begierig, wie sie das singen wird heut Abend.«

»Kalt wie Eis« lachte der Catalane.

Damit standen auch wir Letzten von der Tafel auf und gingen auseinander.

Ich begab mich in den Garten, in dem noch immer die winterliche Sonne lag. In der einen Ecke des Gartens, unter einer jetzt freilich unbelaubten Glorieta,24 sah ich die beiden eingeschnurrten Engländerinnen sitzen. Sie hatten sich den Kaffee dort serviren lassen. Ich promenirte eine Weile auf den hellen Kieswegen des Gartens umher, betrachtete diese und jene Blüte und dachte dabei an eine weiche Hand und an die Linien zweier Augenbrauen, wie sie nur die Mädchen aus Cádix haben.

Dann setzte ich mich auf die hochlehnige Marmorbank, die nahe dem Springbrunnen stand, und liess mich von den sich weit über mich hinneigenden Zweigen des Gardenienbusches beschatten. Wie schön die roten Blüten über mir in dem dunkelgrünen Laubwerk leuchteten«. Und wie der lichtblaue Himmel hier und da durch die Zweige hindurchschien. Es war eine Vereinigung von Farbentönen, die mich in ihrer Kraft und kontrastirenden Üppigkeit entzückte. Ich gab mich diesem schönen Bild eine Weile hin, dann begannen sich allmählich die Farben zu vermischen, und ich fing wieder an von den weichen Händen und tiefen Augen der Balbina zu träumen. Ich dachte, wie hold es sei, wenn sie jetzt neben mir sässe. Wenn ich ihr sagen könnte, wie schön sie sei, wie märchenhaft schön, und wie sie mich glücklich gemacht hätte durch die Gabe ihrer Hand. Wenn ich ihr sagen könnte, wie ich sie liebe, wie ich sie geliebt hätte seit dem ersten Augenblick, da ich sie gesehen, und wenn ich dann ihre Hände nehmen könnte, diese weichen, wundermatten Hände, die sie mir lächelnd lassen würde, und wenn sie sich dann glücklich zu mir neigen würde und ich würde den Arm um ihr Leibchen legen, aber in der Nacht müsste es sein und die Sterne glänzen . . . . .

Die Träume waren einfältig, und schliesslich lachte ich darüber. Ich hatte schon die Augen geschlossen, da ich sehr müde war, und war nahe daran, in die wirklichen Träume des Schlafes hinüber zu dämmern. Da hörte ich auf dem Kies knirschende Schritte sich nähern, so dass ich emporfuhr. Die beiden Engländerinnen schritten steif an mir vorüber. Ich grüsste und sie senkten dankend ihre fleischlosen Häupter. Darauf stand ich auf, pflückte eine Gardenie aus den Zweigen über mir und begab mich in das Hôtelgebäude zurück. Ich liess mir den Kaffee auf mein Zimmer bringen und erledigte einige Briefschaften. Dann streckte ich mich auf das Sofa hin, um ein wenig zu ruhen. Ich meinte ein paar Stunden schlafen zu können, aber es wollte nicht gehen. Es stiegen allerlei durcheinanderfliessende Vorstellungen herauf, die einander jagten und mich keinen Schlaf finden liessen. Ich sah die schöne Balbina bei Tisch mir gegenüber sitzen, sah mich auf der Marmorbank im Garten, die leuchtenden Gardenienblüten und den blauen Himmel über mir, meinte die Hand der Balbina in der meinigen zu fühlen und hörte dazwischen den Catalanen mit heiserer Stimme singen:


Die Liebe von Zigeunern stammt,
Sie fragt nach Rechten nicht, Gesetz noch Macht –


Als ich mich nach einigen Stunden erhob, fühlte ich mich müder als zuvor, ärgerte mich über meine nervösen Gedanken und beschloss einen Spazirgang ins Freie zu machen, den Guadalquivir entlang. Ich ging also die Calle de Alfonso XII hinunter und bog dann rechts in die enge Calle de San Vicente ein. Als ich dort einmal den Blick die Gebäude hinauf richtete, blieb mein Auge verwundert an einem Balkon hängen, der einem der nächsten Häuser gehörte. Auf dem Balkon stand an der Seite eines bildhübschen jungen Menschen Doña Balbina. Sie schauten beide die Strasse hinab und plauderten. Sie hatte jetzt eine grauseidene Taille an und ein rotes Tuch um den Hals. Zwischen den Lippen hielt sie eine weisse Rosenblüte, die Nelke hinter dem Ohr war verschwunden. Als ich ziemlich unterhalb des Balkons angelangt war, grüsste ich hinauf. Sie nickte und liess die Rosenblüte niederfallen. War es Absicht oder war es Zufall? Die Rose lag zu meinen Füssen. Ich nahm sie auf und behielt sie in der Hand. Im Weitergehen grüsste ich dankend zur Balbina empor. Sie nickte wieder, ernst und bleich. Der junge Mensch war von ihrer Seite verschwunden. Am Ende der Strasse wandte ich mich nochmals um. Nun war auch sie in die Zimmer des Hauses eingetreten.

Eine weisse, duftende Rose in der Hand, schlenderte ich weiter. Wenn ich den Duft der Blüte einsog, dachte ich daran, dass dieser selbe Duft soeben noch die Freude der Balbina gewesen war. Ich fing wieder an nachzusinnen über sie. Wie kam sie auf diesen Balkon der Calle de San Vicente, und wer war der junge Mensch neben ihr gewesen? Dann traten mir wieder die zwei Toreros in den Sinn, mit denen sie am Vormittag im Café America gewesen war. Welche Beziehungen bestanden zwischen ihr und diesen Männern?

Meine Gedankenläufe verirrten sich. Nein: ein gewöhnlicher Mensch war diese Balbina nicht. Aber was, was war sie? War sie glücklich, war sie es nicht? Ich kam zu keiner Gewissheit. Nur dass sie schön sei, betörend schön, und blass und schlank und dass sie zarte, leise Hände habe, und dass ich sie liebe, das wusste ich.

Ich erging mich am Ufer des Guadalquivir, sah am Hafen den Schiffern zu, hörte auf ihre vereinzelten Lieder, und steuerte endlich, als die Sonne ihrem Untergang nahe war, der schlanken Giralda25 zu, um die Aussicht von der Höhe des Turmes zu geniessen. Oben befand ich mich zu meiner Freude allein. Die Sonne war gerade im Begriff, hinter dem Horizont hinabzutauchen, und nun breitete sich ein Bild zu meinen Füssen aus, so reich und schön und wunderbar, dass es schien, aus einem alten Märchen genommen zu sein. Die weite Stadt, deren Leben eintönig rauschend zu mir empordrang, lag eingehüllt in einen rotgoldigen Duft, und hier und da blitzten die Türme der Kirchen in den versinkenden Strahlen auf. Einzelne Rufe hoben sich klarer aus dem Getöse ab, und irgendwo in der Nähe wurde getanzt, denn der Takt klatschender Hände und das Geklapper der Kastagnetten war deutlich zu vernehmen. Am Hafen ragten die Masten und Segel, rosig beschienen, in die abendliche Luft, und weiter nach Westen zu, ausserhalb der Stadt, brachen sich die Lichter der sinkenden Sonne im Guadalquivir, so dass es aussah, als wandere dort ein Strom flüssigen Goldes durch die andalusischen Felder dem Meere zu. Im Norden breiteten sich die Hügel, die der Sierra de Aracena vorgelagert sind, aus, mit hellen Dörfern und lachenden Gärten geschmückt. Einzelne Ventas26 lagen verstreut durch das ganze Land, und weit hinter einem goldig blauen Hügel troff die blutende Sonne zu Grabe, langsam, eine mächtige Kugel. Je tiefer sie sank, desto stiller wurde das Rot der Strahlen, die durch die Landschaft flogen, und als sie endlich ganz hinabgeglitten war und nur noch ihr Abglanz am Horizonte stand, fingen auf den Türmen Sevillas die Abendglocken zu klingen an, erst hier, dann da, dann allenthalben. Bald darauf brach die Dämmerung herein, die Töne der Farben mischten sich und wurden trübe, und ein kühler Wind machte sich auf, der die Nacht ankündete. Mein Auge umfing noch einmal das schöne Bild, die Stadt und die Felder und die Gärten, bis zu dem fern dunkelnden Gebirge hin, dann schritt ich wieder hinunter zur Stadt, wo man eben die Lichter anzuzünden im Begriffe war. Denn ist die Sonne in jenen Gebieten einmal hinab, so ist auch die Dunkelheit schnell hereingebrochen. Die sachten Übergänge, die dem Norden zu eigen sind, giebt es dort nicht. Dem Winter folgt der Sommer schnell auf den Füssen, und dem Tage die Nacht. Frühling und Dämmerung sind bald zerronnen, und auch die Menschen sind so: aus den schlummernden Kindern blühen schnell die wissenden Männer und Frauen heraus, und es fehlt der liebliche Frühling in ihren Tagen.

Der Hausmann des Hôtels hatte mir ein Billet für eine Prosceniumsloge im Teatro San Fernando besorgt. Der Beginn der Vorstellung war für 9 Uhr angesagt. Als ich die im Parterre gelegene Loge zu dieser Stunde betrat, lag das Theater noch ziemlich leer, nur auf den oberen Rängen war Leben. Auch die Musiker stellten sich erst allmählich ein, begannen ihre Instrumente zu stimmen und die Noten aufzuschlagen. Es war halb zehn vorüber, als der Kapellmeister erschien. Man zischte Ruhe, die Ouverture begann, dann öffnete sich die Scene, und das Spiel nahm seinen Anfang. Ich verlangte nach dem Augenblick, wo Carmen erscheinen musste. Endlich kündete die Musik sie an. Sie kam über eine Brücke aus dem Hintergrund daher, ruhig, in stolzer Haltung, eine Nelke im Mund.

Ihre Stimme war nicht gross, aber glockenrein. Am besten gelangen ihr die tiefen Töne. Für die Höhe war sie nicht sehr geschaffen, da klang die Stimme zuweilen eckig. Das Lied »Draussen am Wall von Sevilla« sang sie verführerisch, halb träumend und melancholisch, beinahe wie ein Kind. Als sie mit »Die Liebe von Zigeunern stammt« die sevillanischen Männer zu verwirren suchte, musste ich denken, dass jetzt irgendwo in einer der Logen ein dicker Valencianer die Ohren spitze und summend das Haupt zum Takt bewege. Ganz aussergewöhnlich brachte die Balbina den Satz:


Lasst sehn, was für mich übrig blieb?
Carreau – Pique – der Tod!


zum Vortrag, müde, leidenschaftslos, mit grossen Augen und in einem Tremolo, das schon die grauen Schatten der Zukunft ahnen liess.

Ihr Spiel war so, wie es aus ihren kurzen Äusserungen bei Tisch zu erwarten war. Sie bewahrte immer etwas Königliches in ihrer Haltung, und ihre Bewegungen waren gemessen, ja kalt. Sie liess sich nie zu einem übereilten Ausbruch der Leidenschaft hinreissen, nur ein nervöses Auftreten der kleinen weissbeschuhten Füsse oder ein krampfhaftes Ballen der Hände liess mitunter ihre Erregung erkennen. Ihre Kleider waren einfach und hoben noch die Schlankheit ihrer Figur. In dem unordentlichen Haar hatte sie einige rote Blüten. Als im dritten Akt, in der Gebirgsscene, der unglückliche José, für den sie nichts mehr empfindet, vor ihr niederkniet und sie in den heiligsten Tönen seiner Liebe um Gnade anfleht, drehte sie sich langsam, langsam ein Cigarettchen in ihren weissen Fingern und setzte es in Brand.

Die Wiedergabe der Todesfurcht im letzten Akt war wohl der Gipfelpunkt ihrer Leistung. Das Publikum war begeistert und überhäufte sie mit Beifall. Es war zu bemerken, dass sie am Schluss völlig erschöpft war. Ihr Lächeln, als sie dem Publikum, das sie immer wieder vor die Rampe rief, dankte, war müde, ihre Lippen fahl und die Augen glanzlos. Einmal nickte sie in meine Loge hinüber, aber wie abwesend. Dann senkte sich der Vorhang zum letztenmal. Das Publikum drängte hinaus. Das Spiel war zu Ende.

Ich ging langsam meines Weges durch die Nacht. Die Lieder der Balbina wollten mir nicht aus dem Ohr, und die Bewegungen ihres Körpers tauchten immer wieder vor mir auf. Es war noch lebhaft in den Strassen Sevillas. Aus den Bodegas kamen Guitarrenklänge und ab und zu das Kastagnettengeklapper und Händeklatschen zu einem Tanz. Der Mond schien, aber er fand nur selten die engen Gassen hinab. Ich ging gemächlich dem Hôtel zu, begab mich sofort auf mein Zimmer, zündete eine Lampe an und machte es mir bequem. Ich legte mich auf den Divan und dachte an die Vorstellung im Teatro San Fernando zurück. Scene für Scene zog wieder an mir vorüber, und ich suchte mir jede Bewegung, jeden Blick der Balbina von neuem vorzustellen. So blieb ich grübelnd und rückerinnernd bis tief in die Nacht hinein. Endlich konnte ich den Luftzug, der von dem etwas geöffneten Fenster herkam, nicht mehr ertragen. Ich erhob mich, wankte, schon halb im Traum, hinüber und schloss das Fenster. Dabei warf ich einen Blick in den Garten hinab, wo das Mondlicht in den Zweigen und auf den Wegen lag. Der Springbrunnen ging, und die hellen Tropfen des Wassers fielen glitzernd in das steinerne Becken zurück. Es kam mir vor, als sässe jemand auf der Marmorbank, die in märchenhaftem Glanz dalag. Aber ich achtete nicht weiter darauf, ich hatte nicht mehr die Energie, meine erschlafften Gedanken zu sammeln. Eine bleierne Müdigkeit lastete auf mir. Ich hatte während der Fahrt von Granáda her in der vergangenen Nacht kein Auge geschlossen, nun verlangte die Natur ihr Recht. Mir war noch, als hörte ich, da ich das Fenster schloss, die Türme der Stadt eine Morgenstunde anschlagen, doch kam es mir nicht mehr zum Bewusstsein, welche. Ich tappte mich nach dem Divan zurück, sank auf ihn nieder, und nicht lange, so schlief ich.

Es war kein erquickender Schlaf. Das Bild der Balbina trat mit in ihn hinüber, und bald begann sich ein Traumgesicht zu gestalten, so lebhaft und klar, dass ich noch heute behaupten möchte, es wäre Wahrheit gewesen. Zum mindesten habe ich niemals einen so klaren Traum gehabt, und keiner ist mir so in allen Einzelheiten im Gedächtnis geblieben. Mir ist noch heute, als höre ich die Worte der Balbina in jener Nacht und fühle ihr Herz an meinem schlagen. Und oft frage ich mich: war es auch wirklich nur ein Traum?

Wir sassen beide im Garten auf der Marmorbank, es war eine Nacht voll Blüten und Sternen. Die Balbina hatte das Kleid der Carmen an, so wie sie es im letzten Akt getragen hatte, aus weisser Seide, und weisse Schuhchen an den zierlichen Füssen und über dem nächtlichen Haar eine weisse Mantilla. Ich hatte ihr eine Fülle von Gardenien aus den Zweigen über uns gepflückt und ihr an die Brust gesteckt, wo sie die Mantilla zusammen hielten. Ich sehe noch das Blutrot der Gardenien auf der weissen Seide und die grünen Blätter dazu. Der Mond kam über die Mauer des Gartens und stieg langsam in die Wedel einer Palme empor. Die Sterne funkelten und die Fontaine vor uns schoss silberne Perlen in dem bleichen Licht, und Düfte schwebten ringsum, so schwer, dass sie die Sinne verwirren wollten. Ich hatte den Arm um die junge Brust der Balbina gelegt, und ihre Wange lehnte an meiner. Wir sassen schweigend, lauschten wie im Traum der lieblichen Stille der Nacht und sahen dem Spiel des plätschernden Wassers zu. Die Augen der Balbina schimmerten süss gleich den Sternen, die an dem südlichen Himmel standen.

Als ich am Morgen erwachte, war es heller Tag. Der Kopf war mir benommen, die Glieder wie zerschlagen. Die nächtliche Lage auf dem Divan war gerade keine bequeme gewesen. Ich begab mich deshalb noch nachträglich zu Bett und blieb bis Mittag liegen. An Schlaf war freilich nicht zu denken, das Traumbild der vergangenen Nacht liess mich nicht los. Es war mir immer, als müsste es Wahrheit gewesen sein und schien mir unfassbar, dass ich auf dem Divan erwacht war und nicht im Garten auf der Marmorbank unter den Blüten des Gardenienbaumes.

Als man zum Mittagessen läutete, erhob ich mich und ging hinab. Da ich in den Speisesaal trat, schweifte mein Auge zuerst nach dem Platz der Balbina hinüber. Er war leer. Die Unterhaltung bei Tisch schien aussergewöhnlich lebhaft zu sein. Ich nahm wieder dort Platz, wo ich am Tage zuvor gesessen hatte.

»Nun,« fragte ich »wo ist denn unsere Carmen heute?«

Man sah mich erstaunt an.

»Aber verehrter Freund –«

»Er weiss es noch nicht.«

»Was ist denn geschehen?« fragte ich.

»Lösen Sie uns das Rätsel, wenn Sie können. Die Balbina ist tot.«

»Die Balbina ist tot?!«

»Man hat sie heute Morgen im Garten gefunden, auf der Marmorbank neben dem Springbrunnen, wissen Sie. Sie hatte noch das Kostüm der Carmen von gestern Abend an, in weisser Seide, und eine weisse Mantilla über dem Haar. Auf der Brust trug sie einen Strauss roter Gardenien. Und der Springbrunnen ging.«

»Der Arzt meint, der Schlag habe sie gerührt.«

»Sie war immer ein Rätsel, gerade wie ihr Tod.«

Der Valencianer, indem er ein Huhn zerlegte, wiegte seinen dicken Schädel hin und her und fing zu summen, an:


Die Liebe von Zigeunern stammt,
Sie fragt nach Rechten nicht, Gesetz noch Macht – etc. etc.



DER SARG

Im Frühling des Jahres 1900 gab es in Barcelona, wie nicht selten in dieser leicht beweglichen Stadt, geräuschvolle politische Unruhen. Sie entwickelten sich diesmal soweit, dass der Ausbruch einer Revolution bevorzustehen schien. Die Regirung hatte dem schwer belasteten spanischen Volke neue Abgaben vorgeschrieben, um die Kontribution für den unglücklichen Krieg mit Amerika aufzubringen, aber das Volk weigerte sich, diese Steuern zu bezahlen. Barcelona machte in jenen Tagen einen unheimlichen Eindruck. Es war, als ob die schwer geladenen Wolken eines Gewitters über dem Orte lasteten. Alle Läden waren verrammelt, die Tramways hatten ihren Verkehr eingestellt, und allerhand murrendes Gesindel trieb sich in Horden durch die verödeten Strassen. Frauen und Kinder sah man fast nicht. Die Guardia civil, das ist die königliche Gendarmerie, eine sehr tüchtige und stattliche Waffe, vor der das Volk seinen Respekt noch immer bewahrt hat, durchritt (auf Kolossen von Pferden) in kleinen Trupps die einzelnen Stadtteile. Die Schutzmannschaft, mit Revolvern bewaffnet, zeigte sich in bedeutender Verstärkung. Die Geheimpolizei schwärmte überall herum. Die Gefängnisse und die Festung der Stadt, der auf einem Felsen tronende, trotzige Montjuich, waren überfüllt von Arretirten. Und im Rathause auf der Plaza de San Jaime waren die bleichen Räte der Stadt um ihren Alcalde versammelt und dachten mit Zittern an die Drohungen des aufs äusserste gereizten Volkes.

Ich hatte zu jener Zeit gerade eine neue Wohnung in Barcelona bezogen, auf dem Paséo de San Juan, einer breiten, mit Platanen bepflanzten Promenade. Unten in dem Hause befand sich ein Magazin. Über der Eingangstür stand mit grossen Lettern das Wort: ATAUDES. Auf deutsch: SÄRGE.

Es war ein Sargmagazin. Wenn man durch die Glastür des Eingangs, die in diesen letzten Tagen freilich verrammelt war, hineinblickte, sah man nichts als Särge. Sie ruhten auf Gestellen an den Wänden, sie standen auf dem Erdboden herum, sie füllten alle Ecken. Es waren Särge in allen Grössen, allen Formen, allen Farben. Es waren Särge für jeden Geschmack. Es gab kurze und lange, schmale und breite. Es gab Särge mit lackirtem, gebeiztem und polirtem Holz und Särge mit Tuch bespannt, wie es die Spanier besonders lieben, mit weissem oder mit schwarzem Tuch. Es gab Särge für Erwachsene und solche für jüngere Leute. Und dann gab es auch ganz allerliebste kleine Särglein für schnellverstorbene oder totgeborene Kinder.

Das Sargmagazin gehörte meinem Mietswirt, Herrn Enrique Sanchez, und es war ein junges Mädchen darin beschäftigt, das die roh aus der Schreinerei kommenden Totenhäuschen mit Tuch, Perlenschmuck und anderem Zierrat zu beschlagen hatte. Es war ein schlankes Kind mit feinem Haar, und sie hiess Conchita, wie mir Herr Sanchez sagte. Wenn ich durch die Hausflur ging, versäumte ich nie, einen Blick durch die meist geöffnete Tür, die von der Flur in das Magazin führte, zu werfen, um die schöne Conchita über ihre Arbeit geneigt zu sehen. Sie hatte ein Profil, das war wie das Bild eines blassen, trauernden Engels. Conchita und ich grüssten uns, wenn wir uns zuweilen auf der Treppe des Hauses begegneten oder wenn sie mich an der Tür ihrer Werkstätte vorübergehen sah, denn sie wusste, dass ich bei Herrn Sanchez wohnte. Worte hatten wir bisher nicht miteinander gewechselt. Eines Nachmittags nun, bei beginnender Dämmerung, während draussen tiefer aus der Stadt her der Lärm der Tumulte herüberdrang, trat ich in das Sargmagazin ein, um nachzusehen, ob Herr Sanchez, mit dem ich zu sprechen hatte, in der Werkstatt oder in dem dahinter liegenden kleineren Arbeitszimmer anwesend sei.

Herr Sanchez sei ausgegangen, bedeutete mir Conchita, die gerade wieder einen Sarg mit schwarzer Borde beschlug und gebückt auf einem niedrigen Holzschemel sass. Während sie sprach, richtete sie ihr bleiches Gesicht empor, und ihre Augen sahen mich an. Wie schön war dieses Mädchen. Sie trug ein aschfarbenes Kleid und eine weisse Azalienblüte auf der Brust. Ihr seidenes Haar war so voll Glanz in der Dämmerung, dass man glauben konnte, es hätten sich einige Silberstrahlen des Mondes in der vergangenen Nacht hineingestohlen und nicht den Weg zurückgefunden. Das Mädchen war zart wie eine Blüte des Frühlings und lieblich wie ein guter Traum.

Sie bückte sich wieder auf ihre Arbeit hinab, eine Weile sah ich ihr schweigend zu, dann kamen wir in ein Gespräch, und ich liess mich auf einen der Särge nieder, von denen sie ganz umgeben war. Conchita war keine Catalanin, das war an ihrer Sprache schnell zu erkennen. Sie sprach weich und süss wie die schmalen Mädchen aus Valladolid, um deren Lippen es immer wie eine lächelnde Sehnsucht liegt. Ich fragte Conchita im Laufe des Gesprächs, woher sie stamme, und sie erwiderte, dass sie aus Saldaña sei, im Altkastilischen, nahe der Grenze von León.

Wovon wir sonst sprachen – ich weiss es nicht mehr. Ich sagte ihr nicht, dass sie schön sei, obwohl es mich dazu drängte. Einmal fragte ich, ob sie nicht Angst habe vor den Unruhen in der Stadt. »Doch« entgegnete sie »Ich habe eine grosse Angst davor.«

Sie sah nur selten von ihrer Arbeit auf. Ihre zarten Hände liessen nicht ab, sich geschäftig zu bewegen. An dem kleinen Finger der linken Hand sah ich in dem vergehenden Licht ein goldenes Ringlein blitzen. Einiges seidene Haar fiel ihr in die Stirn, während sie sich niederbeugte. Wenn sie sprach, so geschah es langsam und leise. Ihre Stimme erschien mir ganz wie eine liebliche Musik in der Dämmerung. Ich hätte mich am liebsten schweigend zurücklehnen und die Augen schliessen mögen und hätte Conchita bitten mögen, nur immer so leise und heimliche Worte in die Dämmerung zu sprechen, damit ich ihrem Klange lauschen könnte. So hold sprach das Mädchen.

Als ich ihr dann von meiner Heimat erzählte und sie, indem sie dabei nicht aufhörte, die schwarze Borde mit vielen kleinen Nägeln oben um die Öffnung des Sarges zu klopfen, mir andächtig lauschte, bemerkte ich auf einmal, wie sie in sich zusammenschrak und hörte sie zugleich einen leichten Schrei ausstossen. Sie richtete den Kopf empor, und ich erkannte, dass sie totenblass geworden war.

»Was ist Ihnen?« fragte ich.

Sie antwortete nicht und führte die zitternde linke Hand an den Mund, um einen roten Blutstropfen von dem Finger fortzutrinken. Mit der rechten deutete sie schweigend in den Sarg. Ich beugte mich vor und sah, dass ein Blutstropfen in den Sarg hinabgefallen war. Conchita hatte sich bei dem Hämmern eine Wunde in den Finger geschlagen, und das Blut war herausgesprungen.

Sie sah mit ängstlichen Augen in den Sarg, wo der kleine rote Fleck leuchtend auf dem hellen Holze lag.

»Haben Sie sich sehr wehe getan?« fragte ich.

Sie schien es nicht zu hören und schwieg, als ob sie weit ab mit ihrem Fühlen und Denken sei.

»Das ist kein gutes Zeichen« meinte sie dann »Es soll ein Teil von mir in diesem Sarge ruhen. Das Blut zieht das Andere nach.«

»Aber Conchita,« sagte ich und versuchte zu lachen »was sprechen Sie da! Es ist sehr unrecht, solche Gedanken zu haben.«

Sie schüttelte das Haupt.

»Nein« sagte sie »Ich weiss es bestimmt, das Blut zieht das Andere nach.«

Da sah ich die Azalienblüte so weiss auf ihrem Brüstchen glänzen, dass mich ein schneller, glücklicher Gedanke anflog. Ich knickte die Blüte mit eiligen Fingern ab und warf sie in den Sarg.

»So,« sprach ich »nun hat der Sarg sein Opfer.«

Ein Lächeln huschte über die Blässe ihres Gesichts.

»Das wird wohl kaum das rechte sein,« sagte sie »das ist ja nur eine Blume, die welkt auch so.«

»Aber wäre das Blut nicht gesprungen, so wäre sie an Ihrer Brust gewelkt und nicht in dem finstern Sarge. Das ist doch ein Unterschied.«

»Ich wünschte es auch, dass sich der Sarg mit der Blüte zufrieden gäbe,« meinte Conchita »aber ich glaube es nicht.«

»Das wäre ja ein grausamer Sarg« entgegnete ich in einem absichtlich leichten Ton und erhob mich, um mich zum Gehen anzuschicken.

Ich reichte ihr die Hand, und sie legte die ihrige hinein. Sie war kühl und zerbrechlich und zitterte noch immer.

»Ich will jetzt in die Stadt,« sagte ich »um zu sehen, was es Neues giebt. Da, hören Sie – war das nicht ein Schuss? Bitten Sie Herrn Sanchez, dass er Sie heut Abend nach Hause begleitet. Gehen Sie nicht allein über die Strasse. Auf Wiedersehen, Conchita.«


o


Ich schritt in die Stadt hinein. Die dämmerigen Strassen des Aussenviertels waren fast menschenleer, als seien sie ausgestorben. Die überall fest verschlossenen Läden gaben der Stadt das Aussehen einer Totenstadt. Nur Männer begegneten mir, vereinzelt oder in kleinen Gesellschaften, die dann erregt diskutirten. Als ich auf den schönen, breiten Paséo de Gracia kam, befand ich mich plötzlich mitten in dem lebhaftesten Treiben. Aufgeregte Menschenmengen standen beisammen, andere bewegten sich hastig hierhin und dahin. Hier fiel ein kühnes Wort, das nach Freiheit verlangte, dort ein Gelächter des Hohns, dort stimmte man die ›Segadors‹ an, die Hymne der Catalanen. Die Schutzmannschaft zerstreute hin und wieder eine Horde, aber die Leute schlossen sich immer wieder zusammen. An einzelnen Punkten entstanden kleine Handgemenge zwischen dem Publikum und den herumhorchenden Geheimpolizisten, die es gewagt hatten, jemanden für ein unbedachtes Wort mit dem Handprügel zu strafen. Steine flogen in die Fenster der benachbarten reichen Häuser. Der ganze Paséo war mit Glassplittern der aus den Gaslaternen herausgeschlagenen Scheiben bedeckt. Von mehreren Balkons herab wurden Reden gehalten, die einen wurden bejubelt, die anderen niedergeschrieen. Manche erregte Scene ereignete sich. Die Polizei richtete wenig aus.

Allmählich wandte ich mich in die Richtung nach der Universität hinüber. Hier schien es besonders wüst herzugehen. Auf dem Platz vor dem Universitätsgebäude drängten sich Scharen von Murrenden. Die Studenten, die in Spanien immer die Ersten sind, wenn es gilt, politisch zu demonstriren, hatten die Holzbänke aus den Hörsälen herausgeschafft und eine Barrikade gebaut. Immer noch neue Bänke schleppten sie herbei, lärmend, mit erregten Gesichtern, und türmten sie übereinander. Nun trat ein schlanker Bursche auf die Barrikade und schwang in emporgereckter Hand die rot und gelb gestreifte catalanische Fahne. Es war ein bildhübscher Geselle und blutjung, mit schwarzen Locken und einem ersten Flaum über den Lippen. Er hatte einen grosskrempigen Hut malerisch auf den Kopf zurückgestülpt. So stand er da, leuchtenden Auges, und rief mit lauter Stimme, von seinen Genossen im Chor begleitet: Nieder die Monarchie! Es lebe Catalonien! Es lebe die Freiheit!

Einige Mannschaften der Guardia civil kamen gegen die Barrikade vorgeritten, indem sie die Menschenmenge mit ihren Pferden zerteilten. Der Jüngling auf der Höhe feuerte, die Fahne schwingend, eine Pistole gegen die heranreitende Staatsgewalt ab. Da sprengte einer aus der Guardia flink bis an die Barrikade vor, zog den Säbel, erhob sich im Sattel und liess die Klinge mit Wucht auf die Schulter des Burschen niedersausen, so dass sie tief in die Brust eindrang. Der Student brach zusammen, die Fahne versank in die Tiefe. Das Volk, kreischend wie eine gequälte Katze, fiel über die Guardia civil her und suchte ihr die Waffen zu entreissen. Noch einige Schüsse fielen. Alles fluchte, heulte, mit dem Ausdruck des Entsetzens und der Verzweiflung in den Mienen, und reckte die Fäuste auf. Ich wandte mich von diesem Bilde des Schreckens ab und schritt langsam, an der Plaza de Cataluña vorüber, die ruhigere Rambla hinunter. Hier befinden sich sonst die Blumenstände, wo die catalanischen Mädchen die Blüten verkaufen, die vor den Toren Barcelonas wachsen. Ich hätte gern eine frische Azalienblüte für Conchita erstanden, aber es war heute vergebens, dass ich nach Blumen auf der Rambla suchte. Wo sonst die Rosen und Nelken waren, hockten heute dunkle Männerhaufen, flammten zornige Augen und erhitzten sich republikanische Gemüter.

So schlenderte ich bis zum Hafen hinab, nahm dort ein Boot und liess mich aufs Meer hinausrudern, um dem Getriebe der Menschen auf eine Weile entrückt zu sein. Es war ein wunderstiller Abend und wehte kaum ein Luftzug über das sanfte Wasser. Ich streckte mich rücklings über den Steuerkasten, und während wir so, kaum merklich, durch die kühle Dunkelheit fuhren, sah ich am Himmel die ersten Sterne sich mit Funkeln um die silberne Sichel des Mondes scharen. Wie war das schön. Ich zwang mich, nicht mehr an das wirre Leben in der Stadt zu denken und fühlte bald nur noch den Abend und den milden Glanz der Gestirne und dass ich einsam war.

Dann ging es wieder an das Land zurück. An dem hübschen Stadtpark vorüber, in dessen Mimosenbäumen allerhand Gevögel lärmte, schritt ich meiner Wohnung zu. Wie schade, dass ich keine Blume für Conchita hatte. Unten in der Flur von Herrn Sanchez' Haus sah ich die alte Portiersfrau mit bewegter Miene tatlos vor der Tür stehen, die in Conchitas Werkstatt führte. Es musste hier irgend etwas nicht in Ordnung sein.

»Was ist vorgefallen?« fragte ich die Frau.

Die Alte legte die Hand vor den Mund, zum Zeichen, dass ich schweigen solle. Dann winkte sie mir und öffnete sachte die Tür, die in das Magazin führte. Da sass Conchita im Schein einer Gasflamme und weinte. Sie hatte sich mit dem Oberkörper über einen Sarg geworfen und hielt ihn mit den Armen umklammert. Das flackernde Gaslicht spielte in ihrem Haar. Zuweilen erschütterte ein Schluchzen ihren jungen Körper. Sie hörte und sah nichts um sich her, ganz ihrem Schmerze hingegeben. Es war ein Bild zum Erbarmen.

Die Portiersfrau legte die Tür wieder behutsam ins Schloss.

»Warum weint sie?« fragte ich nun.

»Um den Sarg« antwortete die Alte.

»Um den Sarg?«

»Er wird ihrem Liebsten eine Ruhestatt sein. Sie haben ihren Liebsten erschlagen.«

Nun wusste ich Alles. Während ich in einem dumpfen Empfinden die Treppe hinaufstieg, sah ich in Gedanken wieder den schönen Studenten auf der Barrikade stehen, wie er mit blitzendem Auge die Fahne seiner Heimat schwang. Armer Bursche, arme, bleiche Conchita.

Oben in meinem Zimmer öffnete ich das Fenster und trat auf den Balkon hinaus. Auch von hier war die Sichel des Mondes zu sehen und auch ein silberner Strich des Meeres, das in der Ferne blinkte. Aus der Tiefe der Stadt drang das Lärmen der erregten Menschen noch immer herüber. Mitunter trug die Luft einzelne brausende Takte der unheimlichen Segadors herbei. Und dann, ohne Ende, die Rufe:

Visca Catalunya! . . . Es lebe die Republik! . . . Es lebe die Freiheit! . . . Es lebe die Freiheit! . . . Es . . . lebe . . . die . . . Frei . . . heit . . .!



GELEGENTLICH EINES TODES

Ich bin, ach, Privatdozent für deutsche Geschichte an der Universität X. Ein befreundeter Gelehrter teilte mir mit, dass auf dem alten Grafenschlosse L . . . in der Altmark noch wertvolle Manuskripte aus dem XVI. Jahrhundert verborgen liegen müssten. Diese Vermutung war, da ich für jene Zeit ein besonderes Interesse hegte, für mich von Wichtigkeit. Zuweilen musste ich so lebhaft an die in L . . . schlummernden Schätze, die meiner Fantasie bald zu richtigen Goldbergen wurden, denken, dass es mich trieb, schnell einen Zug zu nehmen, nach L . . . zu fahren und an die Hebung der Reichtümer zu gehen. Eines Tages wurde dieser Wunsch so lebhaft, dass ich mich entschloss, seine Erfüllung nicht länger hinauszuschieben. Ich richtete also an den Grafen Bernhard von Y. in L . . . eine Anfrage, dahin gehend, ob er mir erlauben wolle, in der Bibliothek seines Schlosses einige Tage zu arbeiten. Ich erhielt umgehend ein mit dem Siegel des Grafen versehenes Schreiben, in dem mir kurz mitgeteilt wurde, Graf Bernhard sei zwar zur Zeit schwer erkrankt, es sei mir jedoch gern erlaubt, die Schlossbibliothek zu Arbeitszwecken zu benutzen. Ich könne mich zu einer mir beliebigen Zeit im Schlosse einfinden, man würde mir die Bücherei alsdann öffnen. Das Schreiben war von dem Schlossverwalter unterzeichnet.

Ich war über diese Mitteilung erfreut, und des Abends an unserem Stammtisch erzählte ich geheimnisvoll, dass ich auf einige Tage unserem Universitätsstädtchen den Rücken kehren würde, um in den Mauern eines alten Ritterschlosses romantische Abenteuer zu erleben. Als ich dann deutlicher wurde, von dem Zweck meiner Reise sprach und den Namen des märkischen Ortes nannte, kam eine freudige Überraschung in das Gesicht unseres lieben S., eines geschätzten Arztes, der sich trotz seiner grauen Haare noch mit Überzeugung zur Jugend zählte. Er schob die Brille hoch, sah mich mit seinen kurzsichtigen Augen an und sprach:

»Nach L . . . wollen Sie? Nach L . . . in der Altmark? Ja, besser kann es ja gar nicht passen! Sie müssen wissen, dieses L . . . ist ein Nest, ein richtiges Sandnest, und Sie würden dort umkommen vor langer Weile, wenn ich Ihnen morgen nicht ein Schreiben mitgäbe, das Sie in L . . . meinem alten Jugendfreunde Peter E. unter herzlichen Grüssen von mir einzuhändigen haben. E. ist im gleichen Alter mit mir, verheiratet, und Sie werden die liebenswürdigste Familie kennen lernen, wo Sie die in L . . . sonst grauenhaft langweiligen Abende zubringen können. Das heisst wenn Sie es nicht vorziehen, sich dem Schullehrer vorstellen zu lassen und mit ihm in der Kneipe Skat zu spielen.«

»Ich werde das nicht vorziehen« sagte ich.

»Gut also. Gehen Sie zu E's. Ich wünschte, ich dürfte mit Ihnen fahren und mit meinem Peter wieder einmal die alten Jugenderinnerungen auffrischen, die uns so goldig sind. Wir sind Kameraden vom Gymnasium her und haben die Klassen miteinander durchgemacht. Auch auf der Universität waren wir die ersten anatomischen Semester zusammen. Er sattelte dann um und wurde Kaufmann. Doch haben wir unsere alten Beziehungen immer lebendig erhalten. Das letzte Mal war er vor einem Jahre mit seinem ältesten Jungen bei mir. Er hat nun schon seit Jahrzehnten sein Geschäft in L . . . , von wo aus er die andern Nester der Provinz mit Kaffee und Zucker versorgt. Eigentlich ist es schade um ihn. Er hatte das Zeug in sich, ein tüchtiger Arzt zu werden.«

So Freund S. Diese merkwürdig glückliche Fügung der Umstände kam mir natürlich sehr gelegen. Am nächsten Abend erhielt ich, wie versprochen, den an die Familie E. in L . . . gerichteten Brief. Den Morgen darauf dampfte ich schon nach der Altmark ab.

In L . . . angekommen, tat ich zunächst einen Gang durch das Städtchen. Es war ein stiller, altertümlicher Ort, die Häuser standen noch grossenteils mit den Giebeln nach der Strasse zu, und in gewissen, beträchtlichen Abständen hingen an dicken, von der einen Häuserflanke zur andern hinübergespannten Leinen unförmige Öllaternen. Am Ende des Ortes ragte das Schloss auf. Es lag am Ufer eines kleinen Flusses und zwar so, dass man von der Stadt her nur auf einer breiten Steinbrücke hinübergelangen konnte. Das Schloss war ein trotziger Bau aus stark gedunkeltem Sandstein, an einzelnen Stellen von Epheu umrankt, und lag in seiner Verwahrlosung so malerisch an dem trüben Wasser da, wie man sich ein altes Schloss in der Mark nur irgend vorstellen kann. Hinter dem Bau dehnte sich ein weitläufiger Park mit riesigen alten Bäumen aus, und ein flüchtiger Blick in diese Einsamkeit verriet, dass auch hier eine pflegende Hand nur selten oder niemals waltete. Ich überschritt die Brücke und trat durch das geöffnete Portal des Gebäudes ein. Damit befand ich mich in einer kühlen, gewölbten Halle, in die eine ganze Anzahl hoher Flügeltüren mündete. Zwischen den einzelnen Türen hatten Ritterrüstungen Aufstellung gefunden. Ein Diener trat an mich heran und fragte nach meinen Wünschen. Ich bedeutete ihm, dass es mir lieb wäre, wenn ich den Schlossverwalter sprechen könnte. Der Diener bat mich, einen Augenblick zu warten, verschwand durch eine der zahlreichen Türen, kehrte kurz darauf zurück und forderte mich auf, näher zu treten. Durch einige einfach ausgestattete Räume wurde ich in das Zimmer des Schlossverwalters geführt. Ein älterer Mann von ruhigem Wesen trat mir entgegen. Ich nannte meinen Namen, dankte für die Erlaubnis, die Bibliothek des Schlosses benutzen zu dürfen, und erkundigte mich nach dem Befinden des Grafen. Ein bedenkliches Wiegen des Kopfes war die Antwort und deutete an, dass es nicht gut stehen müsse. Darauf fragte ich, ob ich mich am nächsten Morgen zu einem ersten Besuch der Bibliothek einstellen dürfe und erhielt zur Antwort, dass mir der Besuch jener Räume zu jeder Stunde gestattet sei. Dann verabschiedete ich mich. Als ich wieder die kurze Brücke passirte, brach schon die Dämmerung herein, und die Mauern des Schlosses und ihre stillen Fenster spiegelten sich wie ein altes Träumen der Vergangenheit in dem träge rinnenden Flusse. In dem Park drüben klangen die Wipfel merkwürdig raunend zusammen und führten Gespräche, die kein Lebender deuten kann. Sonst war kein Laut in diesem einsamen gräflichen Besitztum zu vernehmen. Einst mochte es anders gewesen sein. Als die Zinnen auf dem Turme noch golden waren und bunte Fahnen wehten und blinkende Karossen mit stampfenden Pferden vor dem Portale standen . . . 

Ich liess mich nach der Wohnung des Herrn E. weisen und befand mich bald vor einem stattlichen, zweistöckigen Bürgerhause, das in seiner vornehmen Ruhe ein Zeuge der Wohlhabenheit seines Besitzers war. Ich fand Herrn E., einen rüstigen Fünfziger von behaglichstem Äusseren, zu Haus und überreichte ihm den Brief seines Freundes. Als er ihn geöffnet und gelesen hatte, gab er mir beide Hände, hiess mich in seinem Hause willkommen, bat mich, mit dem Wenigen vorlieb zu nehmen, was er mir in L . . . bieten könne, und fragte endlich, wo ich mein Reisegepäck deponirt habe. Als ich ihm sagte, dass es sich im Gasthof befände, erbat er sich die Erlaubnis, es in sein Haus überführen zu dürfen, da ich bei ihm und nicht im Gasthof Wohnung zu nehmen hätte. Man würde mir das gleiche Zimmer anweisen, in dem auch unser gemeinsamer Freund S. zu wohnen pflege, wenn er sich einmal nach L . . . verirre, was leider viel zu selten geschähe.

Ein Sträuben gegen so viel Liebenswürdigkeit war nutzlos, und ich hatte mich, was mir nicht schwer fiel, zu fügen. Herr E. schickte jemanden nach dem Gepäck aus und benachrichtigte seine Frau, die er für den Augenblick entschuldigte, von meiner Ankunft. Dann liessen wir uns in seinem dunkelnden Arbeitszimmer in Gesellschaft der vortrefflichsten Havanas nieder und plauderten. Zunächst natürlich von unserem Freunde S., dann von der Universität, von den Verhältnissen des Städtchens L . . . , und endlich kamen wir auch auf meine Handschriftensuche und somit auf das graue gräfliche Schloss zu sprechen. Ich fragte, was das mit dem Grafen Bernhard sei, wie es um die gräfliche Familie stehe und welche Verhältnisse überhaupt auf dem Schlosse walteten. Denn es schiene mir, dass dort Alles dem Verfall entgegen ginge.

Herr E. nickte, stiess ein paar Rauchwolken vor sich in die gemütliche Dunkelheit und sagte dann:

»Das ist ein böses Thema, auf das wir da kommen. Unser armes Schloss – es sieht schlimm aus da, schon seit langer Zeit. Nun, es wird ja wohl bald Alles ein Ende haben.«

»Ein Ende?«

»Der Graf macht es nicht mehr lange. Er ist der Letzte seines Stammes. Mit ihm erlischt die Familie, und das Schloss fällt an das Reich zurück.«

»Was ist er für ein Mensch?«

»Er ist einer von den Schlimmsten. Es hat niemals eine freundliche Beziehung zwischen ihm und der Stadt bestanden. Wir haben mit dem Schlosse nichts zu tun. Wenn es aber einmal Dinge zwischen den beiden Teilen zu ordnen gegeben hat, so waren sie unerquicklicher Art. Er ist ein Mann, mit dem man die kleinen Kinder schreckt.

Jahrelang war unser Schloss nichts weiter als eine Sündenburg, mit Hallo und Hussa, mit Frauen aus aller Herren Ländern, in einem ewigen, wüsten Taumel. Dann ist er lange Jahre fort gewesen, nur um hin und wieder auf kurze Tage in sein Haus zurückzukommen, und hat sein Vermögen allmählich in Ostende und Nizza verspielt. Nach und nach ist seine Gesundheit in die Brüche gegangen, und nun haben wir ihn wieder hier, um ihn bei Gelegenheit in die Grube zu senken. Sein Licht flackert bloss noch, bei dem geringsten Luftzug muss es erlöschen. Er ist vereinsamt und verbittert. Er hat keine Seele um sich, die ihn liebt, sondern nur kalte Diener, die ihn fürchten. Er hat nichts, an das er glaubt, und nichts, das ihn tröstet. Er ist ein unglücklicher Mensch, und bei seinem Tode wird manchem das Herz leichter schlagen, aber es wird sich kein Auge mit Tränen füllen.«

Herr E. machte eine kleine Pause; dann fuhr er fort:

»Ich bin übrigens einmal in nähere Beziehungen zu seinem Leben getreten, zwar nicht zu ihm persönlich, aber doch zu zwei armen Geschöpfen, denen er das Dasein vergällt hat. Es gab hier in unserem Ort ein wunderhübsches Mädchen, die schöne Gustel wurde sie geheissen und war armer Eltern Kind. Graf Bernhard, dem ihre Schönheit nicht verborgen blieb, wusste es einzurichten, dass sie eines Tages als Dienerin auf das Schloss kam. Es dauerte nicht lange, da hatte er sie verführt; und wieder nicht lange, da hatte er sie, da er ihrer satt und müde war, vor die Tür auf die Strasse gewiesen. Das Mädchen hatte ein Kind zu erwarten, und da das väterliche Haus der Ärmsten verschlossen blieb, musste sie gehen, sich ein Zimmerchen zu mieten, um ihrer Stunde entgegenzuharren. Aber auch die andern Leute des Ortes riegelten die Türen vor dem Mädchen zu, als ob sie etwas Unreines wäre. So wanderte sie von Haus zu Haus und fand kein gastliches Dach. Meine Frau und ich ärgerten uns über die Blödheit der Menschen, und da wir gerade ein paar Zimmer in unserem Hause, drüben auf der andern Seite der Hausflur, gut entbehren konnten, gaben wir sie ihr. Sie ist uns dankbar dafür gewesen bis an ihren frühen Tod, denn sie war im Grunde ein gutes Geschöpf. Die sittlichen Leute haben erst die Köpfe geschüttelt und viel geredet über unser unverständliches Tun. Nachher sind sie still geworden. Meine Frau wusste es einzurichten, dass die kränkliche Gustel allerlei Handarbeit zugewiesen bekam, Nähereien und Stickereien, die ihr über die Not des Lebens einigermassen hinweghalfen.

Dann wurde das Kind geboren. Liebetraut nannte sie den Jungen. Es war ein unseliges Wurm, wie ihm nur eine so verkümmerte Mutter das Leben schenken kann. Es hatte blöde Augen, und der Körper war missgestalten. Aber es blieb am Leben und wuchs heran, und als es ein kleiner Geselle von vier, fünf Jahren war, gab man ihm ein Paar Krücklein unter die Arme, an denen es sich mühsam hinweghalf. Die andern Kinder mochten nichts wissen von der hässlichen Gestalt, sie hatten eine instinktive Angst davor. So war das Kind zumeist darauf angewiesen, sich mit sich allein zu beschäftigen, wenn sich nicht gerade seine Mutter mit ihm abgab. Auch an unserem Tiras, einem alten Neufundländer, der nun auch tot ist, hatte es einen treuen Kameraden und Beschützer. Der Hund liess sich Alles von dem Kleinen gefallen, und wenn sie sich beide zusammen auf der Strasse zeigten, so wagte es kein vordreister Junge, den kleinen Krückenmann zu schmähen, was sonst nicht selten geschah. Eines Tages, es war mitten in der Sommerhitze, ich werde es nie vergessen, unternahmen die beiden Freunde, Tiras und der humpelnde Liebetraut, wie sie es schon öfter getan hatten, einen weiteren Spazirgang vor die Tore der Stadt, dem Flusse zu. Draussen auf der Chaussee kam ihnen ein Reiter entgegen. Es war Graf Bernhard. Das Pferd des Grafen, so heisst es, scheute. Er vermochte es nicht zu zügeln und nicht zu verhindern, dass das Tier dem blassen Kinde, das nicht so schnell ausweichen konnte, einen Schlag mit dem Huf versetzte. Andere wollen es besser wissen und erzählen sich mit leiser Stimme, Graf Bernhard habe wohl gewusst, was er getan, und habe nur die günstige Gelegenheit benutzt, der kleinen Missgeburt, die ja sein leiblicher Sohn war, den Weg aus dem Leben zu erleichtern. Wie dem auch sei: der kleine Mann lag da, bewusstlos, mit blutendem Schädel, und die beiden Krücken lagen neben ihm. Tiras soll nach dem Geschehenen schäumend an dem Reiter emporgesprungen sein und ihm das Kleid zerfetzt haben, doch ohne ihn ernstlich zu verletzen. Der Hund hinkte und verkroch sich, als er in das Haus zurückkam. Sie konnte nicht reden, die arme Kreatur, aber es werden wohl die Peitschenhiebe des Grafen gewesen sein, in denen seine Schmerzen ihre Ursach hatten.

Der blutende Liebetraut wurde seiner klagenden Mutter bewusstlos ins Haus getragen. Der Arzt kam und schüttelte den Kopf. Er verband den Kleinen, man brachte ihn ins Bett, und dort hat er noch drei Wochen etwa gelegen, von seiner zarten Mutter gepflegt und behütet. Dann tat er schweigend die müden Augen zu und rührte sich nicht mehr. Die Gustel warf sich über ihn hin und klagte laut. Das Kind war das Einzige auf der Welt gewesen, was sie liebte, und an das sie ihre Liebe ungeschmäht verschenken durfte. Ich hörte sie weinen, ging hinein zu ihr und fand sie so, in tiefer Verzweiflung, über dem Bette liegend. Es war rührend zu sehen, mit welchen überschwänglichen Liebesworten sie den kleinen, hässlichen Balg, der ihr doch nur ein Schmerz gewesen war, überschüttete. Sie wollte ihn kaum hergeben, als man kam, ihn in die Grube zu legen. Und als sie dann allein war, wandelte sie im Hause herum wie ein lebloser Schatten, sie ist nie wieder ganz gesund geworden und hat das Haus nur noch verlassen, um sich zuweilen draussen im Garten zu ergehen. Sie siechte langsam hin, es gab keine Rettung für sie und war nutzlos, wenn man ihr hin und wieder Zerstreuungen zu verschaffen suchte, um sie dem Leben wieder näher zu bringen. Es war noch nicht ein Jahr seit dem Tode des Kindes verstrichen, da schafften wir auch sie hinaus und gruben sie zur Seite des kleinen Liebetraut ein. –

Morgen werde ich Ihnen ein Bild der schönen Gustel zeigen, aus der ersten Zeit, da sie bei uns wohnte, und Sie werden mit Staunen sehen, wieviel Lieblichkeit in diesen bleichen Zügen war. Mein Junge, der Student, der ein halber Maler ist, hat sie abkonterfeit, und ich finde, es ist ihm gut gelungen. Das Bild ist drüben in der Hausflur. Ich würde Sie sogleich hinüberführen, damit Sie es sähen, wenn es nicht so hoch hinge und deshalb für eine Betrachtung bei Tage geeigneter wäre.«

Wir wandten unser Gespräch anderen Dingen zu. Herr E. erzählte von seinem Sohn, dem Studenten, mit dem er mich nicht bekannt zu machen bedauerte, da der Junge die Ferien gerade dazu benutze, eine Reise nach dem Süden zu machen. Dafür lernte ich dann bald die beiden andern Kinder Herrn E.'s kennen, die sich hinter dem Hausmädchen, das uns die Lampe brachte, ins Zimmer stahlen, ein etwa zwölfjähriges, niedliches Fräuleinchen mit Namen Gertrud und einen Jungen, Fritz, von neun Jahren, der in Kürze in Pension gebracht werden sollte, um ein Gymnasium zu besuchen. Bald darauf trat auch Frau E. zu uns ein, eine liebenswürdige Dame mit noch fast mädchenhaften Zügen, deren sicherem und vornehmem Auftreten man die Erziehung der Grossstadt anmerkte. Sie lud uns zum Abendessen ein, und wir begaben uns kurz darauf gemeinsam in das Esszimmer hinüber. Der kleine angehende Sextaner hatte sich bereits vertraulich an meinen Arm gehängt, und bald sassen wir behaglich um den runden Familientisch beisammen, auf dem die Theeterrine summte, liessen es uns schmecken und plauderten in fröhlicher Stimmung, wobei das Thema vom Schlosse ausser Berührung blieb.

Nach Tisch blieb man noch gemütlich bei einer Tasse Thee versammelt. Ich musste allerlei Schnurren für die Kinder erzählen, und die Zeit verging uns, ohne dass wir es merkten. So kam die Stunde heran, wo die Kinder sich zu Bett begeben mussten. Sie verabschiedeten sich, das Hausmädchen brachte die blonde Gertrud in ihr Zimmer, und der pausbackige Fritz schritt mit einem Leuchter in die Hausflur hinaus, um sich in sein drüben gelegenes Schlafgemach zu verfügen. Einige Augenblicke blieben wir Erwachsenen allein, dann öffnete sich die zur Hausflur führende Tür, und der kleine Fritz stand totenbleich, zitternd und ohne ein Wort sprechen zu können, vor uns in dem Türrahmen. Frau E. schrie auf, als sie den Knaben so sah, stürzte an die Tür und schlang ihr Kind in die Arme. Auch Herr E. hatte sich erhoben und war aufs höchste bestürzt. Der Knabe wurde ins Licht an den Tisch geführt, die Eltern liebkosten ihn, betrachteten ihn mit sorgenvollen Augen und fragten, was geschehen sei. Fritzchen hatte zu weinen angefangen und konnte noch immer nicht sprechen. Endlich rang es sich von seinen Lippen los:

»In – meinem – Bett – – es – liegt – Einer – in – meinem – Bett –«

Damit schüttelte sich das Kind, und der Schrecken, den es erlebt hatte, schien von neuem vor das Geschöpfchen hinzutreten.

Wir sahen uns überrascht an. Was war das, was das Kind da stammelte? Sollte es durch eine Einbildung in einen solchen Zustand der Angst versetzt sein? Der Vater fragte Fritzchen begütigend:

»In Deinem Bett, Kind? Du hast dich sicher getäuscht. Das Licht hat geflackert, und Du hast nicht klar gesehen.«

»Nein, nein, Papa – es liegt darin – es ist – der kleine – Liebetraut –«

Der Vater zündete schweigend eine andere Lampe an und ging, um nachzusehen. Ich folgte ihm. Als wir in die Hausflur traten, gab es dicht vor uns erst einen dröhnenden Schlag, dann ein Geklirr, wie von zersplitterndem Glas. Als wir näher hinschauten, was es sei, fanden wir, dass das Bild der schönen Gustel von der Wand gefallen war. Wir schritten daran vorüber in das Schlafzimmer des Kindes. In dem Bett lag niemand. Die Kissen waren unberührt. Wir blickten in alle Ecken und Winkel, es war nichts zu finden.

»Es ist eigentümlich« sagte Herr E. »In diesem Bettchen ist der kleine Liebetraut gestorben.«

Dann begaben wir uns in die Essstube zurück. In der Flur mussten wir wieder an dem herabgefallenen Bilde vorbei, ein paar Glassplitter knirschten unter unseren Sohlen. Herr E. nahm das Bild mit in die Stube und lehnte es dort an die Wand. Der kleine Fritz war unterdessen auf dem Schoss seiner Mutter ein wenig ruhiger geworden.

»Es ist nichts da« sagte Herr E. mit einem Lächeln »Mein Fritzchen hat mit offenen Augen einen Traum gesehen. Nicht wahr, mein Junge?«

Damit küsste er das Kind. Fritzchen aber schüttelte den Kopf.

»Ich habe es gesehen« sagte es, wobei es auch blieb.

Die Mutter nahm den eingeschüchterten Knaben mit in das Schlafgemach der Eltern und brachte ihn dort zu Bett. Herr E. und ich begaben uns in das Arbeitszimmer und liessen uns dort in lebhafter Diskussion über das Geschehene nieder. Vor uns auf einem Stuhl lehnte das Bild der schönen Gustel mit den grossen Schmerzensaugen. Nach einer Weile hörten wir draussen dicht vor dem Hause den Nachtwächter die Stunde rufen. Kurz darauf klopfte es an den Fensterladen. Herr E. erhob sich, trat an das Fenster, öffnete es und fragte:

»Wer ist da?«

»Ich bin's. Der Krischan.« ertönte es draussen.

»Es ist der Nachtwächter« erklärte mir Herr E. Dann öffnete er eine Luke in dem Holzladen. Von draussen kam es:

»Wissen Sie schon das Neueste, Herr?«

»Was ist denn los, Krischan?«

»Unser Jraf is dot.«

»Der Graf?«

»Ja. Der Deuwel hat ihn jeholt. In seiner letzten Stunde hat er bloss noch von seiner toten Liebsten fantasirt, von der schönen Justel, die hier bei Ihnen jewohnt hat, und von dem kleinen Liebetraut. Jott sei ihren Seelen jnädig. Gun Nacht, Herr.«

»Gun Nacht, Krischan.«



HOHER BESUCH

Es ist gewiss nicht angenehm, wenn Einem der Tod im Traum erscheint. Ich meine, der persönliche Tod, der Greis mit der Hippe, das Skelett oder der Jüngling mit der Fackel oder wie sich Seine Majestät sonst Verkappen mag. Unheimlich aber ist es (und ich wünsche Dir nicht, dass es Dir je geschieht), wenn Einem der Tod im wahrhaftigen Leben begegnet, d. h. wenn er vor Dich hintritt, mit Dir spricht, scherzt vielleicht, wie ein alter Vertrauter, dann wieder verschwindet und Dir als Andenken einen lila Schlafrock und eine baskische Mütze zurücklässt.

Eines Abends im Sommer sass ich bei geöffneter Balkontür in meinem Zimmer am Schreibtisch und las. Es war schon spät, draussen regte sich nichts, höchstens einmal das ferne Kläffen eines Hundes oder ein leises Wehen in den Blättern der südlichen Palmen. Der Mond lag über der Welt und der Schimmer der Sterne. Da klopfte es an die Zimmertür, merkwürdig hart, schwer und langsam. Mechanisch sagte ich ›Herein‹. Die Tür tat sich auf, und in die Stube trat rauschend der Tod.

Er sah eigentümlich aus. Er trug einen langen Rock aus blasslila Seide, der mit erbsengelber Seide gefüttert war. Auf dem Kopfe hatte er eine dunkelblaue baskische Mütze, an den Händen graue Glacéhandschuhe. Ein grauseidenes Tuch schlang sich malerisch um seinen Hals, und in der rechten Hand hielt er ein funkelndes Florett. Er war hoch, stattlich, aber grässlich knochig. Es verbreitete sich eine Kühle im Zimmer, sobald er eingetreten war.

»Guten Abend« sagte er lässig, indem er sich an den Türpfosten lehnte »Was machst Du?«

Ich war so überrascht, dass ich nicht antworten konnte.

»Sei doch nicht so erschreckt« sagte er freundlich und liess das Florett spielend hin und her pendeln. »Ich tu Dir nichts. Es ist sonderbar, welche Angst Ihr noch immer vor mir habt. Es hat sich so manches geändert auf der Erde im Laufe der Zeiten, aber hierin seid Ihr immer dieselben geblieben. Ihr seid doch recht blöde, trotz Eurer Weisheit.«

»Das Leben ist Alles, was wir haben« wagte ich nun zu sprechen »Und Du nimmst es uns.«

»Das Leben ist gar nichts, und Euch will es Alles erscheinen. Das Leben? Du lieber Gott. Was will denn das Leben heissen? Ein Muss. Ein Traum. Ein Hinrieseln und Verpuffen von Gefühlen. Ein Spuk. Eigentlich ein Garnichts. Ihr solltet nicht daran denken, dass Ihr es habt. Nehmt es hin, da Ihr einmal dazu bestimmt seid, und fasst es auf als einen flüchtigen Duft, durch den Ihr schreitet. Dem Einen ist er süss, dem Andern herbe. Aber es ist nur ein Duft und bedeutungslos.«

»Was aber kommt danach? Das ist es, was uns die Ruhe nimmt.«

»Ihr seid Narren.«

»Wieso?«

»Ihr liebt es, Euch Märchen zu ersinnen für die Zukunft. Märchen für die kommenden Tage Eures Lebens und Märchen darüber hinaus für das, was Ihr die Ewigkeit heisst. Und das Schlimmste ist: Ihr glaubt an diese Märchen. Gerade wie die Kinder an die Geschichten glauben, die ihnen die Mutter erzählt. In die Vergangenheit legt Ihr keine Märchen hinein. Warum nicht? Weil Ihr die Vergangenheit erfahren habt und wisst, dass sie märchenlos ist. Die Zukunft wird auch einmal Vergangenheit sein und märchenlos wie sie.«

»Wo willst Du hinaus?«

»Du bist schon gewesen, als Du noch nicht geboren warst. Warst Du glücklich damals?«

»Das weiss ich nicht.«

»Du bist ein Kameel.«

»Erlaub mal.«

»Wenn Du nicht weisst, ob Du glücklich warst oder nicht, so bist Du ein Kameel. Sage mir: bist Du glücklich, wenn Du schläfst? Ich meine, wenn Du fest schläfst, traumlos, tief?«

»Ja, dann bin ich sehr glücklich. D. h. ich weiss es nicht in den Momenten. Ich werde mir erst später, wenn ich wieder wach bin, bewusst, dass jener Zustand ein sehr glücklicher war.«

»Aha, bravo, jetzt kommen wir den Dingen schon näher. Ihr Menschen (und Du bist wie die Andern) meint, dass Ihr nur dann ganz glücklich seid, wenn ihr von Eurem Glücke wisst. Das Glück, das Ihr bewusstlos geniesst, rechnet Ihr kaum. Und doch ist es das tiefste, das reinste, das eigentliche. Es ist das grosse Glück, das Ihr genossen habt, als Ihr noch nicht geboren waret. Damals wäret Ihr selig. Ihr werdet es wieder sein. Freut Euch darauf.«

Der Tod nahm eine frische Rose aus einem Glas, das auf einem Tischchen neben der Türe stand. Indem er sie zum Gesicht führte, um daran zu riechen, welkte sie, und ihre Blätter flatterten zu Boden.

Da ich schwieg, fuhr der Tod fort:

»Ihr glaubt nicht, wie komisch Ihr seid, wenn Ihr Euch selbst so wichtig nehmt. Ihr meint, dass Ihr der Ewigkeit würdig seid, Ihr haltet Euch für das Höchste und Grösste der Welt. Wisst Ihr, was Ihr zu bedeuten habt? Pass auf. Die Welt, in der Ihr lebt, ist so gross, dass Euer Verstand nicht ausreicht, diese Grösse zu denken. Sie ist voll von Sonnen, um die sich zahllose andere Sterne bewegen. Eine von jenen Sonnen ist die, von der Ihr Leben und Licht erhaltet. Und eins der endlosen Gestirne, die sich um jene Sonne drehen, ist Eure Erde. Es macht für die Welt nichts aus, ob Ihr auf dieser Erde wandert oder nicht. Es würde sich im Weltraum Alles genau so regeln, auch Eure Erde würde genau so kreisen, wenn Ihr sie nicht bewohntet. Aber Ihr seid einmal da (weshalb, darf ich nicht sagen) und habt Euer Leben zu tragen. Es ist ein lumpiges Leben, und wenn Ihr klug seid, haltet Ihr es nicht für wert, um darüber zu tüfteln. Lebt, liebt und sterbt, es ist Alles gleich. Die Sterne kreisen weiter. Was liest Du da?«

»Einen Filosofen.«

»Pfui, Du bist abgeschmackt. Die Filosofen sind die einfältigsten unter den Denkern, denn sie verleiden sich und den Andern das Leben mit Gewalt. Sie sind die unangenehmste Gattung unter Euch. Lass sie in Ruhe. Lies lieber einen Dichter, die mag ich gerne.«

Er richtete sich auf, knöpfte seinen Rock zu und wollte sich offenbar zum Gehen anschicken. Jetzt erst bemerkte ich, dass ihm am linken Arm eine goldene Krone hing.

»Warum schmückst Du Dich nicht mit der Krone?« fragte ich.

»Später« entgegnete er »Ich setze sie nur auf, wenn ich dienstlich komme. Dann habe ich auch den Purpur an. Bei privaten Besuchen bediene ich mich einer behaglicheren Kleidung.«

»Willst Du schon gehen?«

»Ich muss, meine Pflichten rufen mich. Leb wohl und sei weise.«

Und dann, mit einem Lächeln:

»Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen« sagte ich.

Er schritt an mir vorüber, der Balkontür zu, eine eisige Kühle wehte mich an. Er trat auf den Balkon hinaus und war schnell in der Mondnacht verschwunden.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  – –  –

Was war das gewesen? Holla! Habe ich geträumt, habe ich fantasirt, habe ich Fieber, oder was? Ich springe auf und laufe durchs Zimmer, es pocht und brennt in mir. Hier, hier hatte er gestanden, hier an dem Türpfosten. Es war sicher keine Täuschung, wir haben uns ja so klar unterhalten, ich höre seine Stimme noch – und da . . . da liegen auch noch die welken Rosenblätter auf den Dielen. Ich trete auf den Balkon hinaus, von wo er verschwunden ist. Über dem Geländer des Balkons hängt im Mondlicht der lilaseidene Rock, und die baskische Mütze liegt darauf. Erst wage ich die Sachen nicht zu berühren, dann greife ich herzhaft zu und trage sie ins Zimmer. Ich setze die Mütze auf und ziehe den Rock an, beides passt mir vortrefflich. Ich nehme ein Florett von der Wand, lehne mich an den Türpfosten und stelle mir vor, dass ich jetzt Seine Majestät sei. Ich nehme eine Rose aus dem Glas und rieche daran, aber die Blätter fallen nicht zu Boden.

Seit jenem Abend trage ich den lila Rock als Schlafrock und die baskische Mütze als Hausmütze. Kenner sagen mir, dass die baskische Mütze echt und die Seide des Schlafrocks das vorzüglichste Fabrikat sei, das man sich denken könne.




1 Espada: der Torero, der dem Stier den Todesstoss zu geben hat.

2 Corrida: Stiergefecht.

3 Muleta: das rote Tuch des Espada.

4 Matador: Espada.

5 descabelliren: den Stier durch einen Schwertstich in das Gehirn töten.

6 Banderillo: Torero, der dem Stier die Banderillas (»Fähnchen«) beizubringen hat. Das sind Dolche, deren lange Hefte mit buntem Papier umwickelt sind.

7 Eine Cuadrilla besteht aus einem Espada, dem Führer der Cuadrilla; mehreren Capeadores, d. h. Toreros, die den Stier mit der bunten Capa (»Mantel«) zu reizen haben; den Banderilleros; und endlich den Toreros zu Pferde: Picadores

8 Sobresaliente: ein Torero, der den Espada, wenn dieser verwundet wird, zu ersetzen hat.

9 Barrio: Stadtviertel.

10 Der Glockenturm der Kathedrale.

11 Calle: Strasse.

12 Plaza de toros: Stierzirkus.

13 D. h. mit Hilfe einer Lanze über Kopf und Rücken des Stieres springen.

14 Oreja: Ohr. Dem Espada wird für eine besonders geschickte Tötung ein Ohr des Stieres überreicht, zum Zeichen, dass ihm der Stier zu eigen gehört.

15 recibiendo: den Angriff des Stieres erwartend. Ein besonderes Wagnis. Gemeinhin greift der Torero an.

16 Barrera: die Barrière, die das Publikum von der Arena trennt.

17 Estocada: Todesstich.

18 Puntilla: Dolchstich in das Gehirn.

19 Gitana: Zigeunerin.

20 Die Hauptverkehrsstrasse Sevillas.

21 Triana: Eine Vorstadt Sevillas, in der zumeist Zigeuner wohnen.

22 Silberduro: Silbertaler.

23 Ein berauschender andalusischer Wein.

24 Glorieta: Laube.

25 Der Turm der Kathedrale.

26 Bodegas ausserhalb der Stadt.