Elsa Asenijeff – Dem Allvereinten.      

Aus: Neuer Leipziger Parnass, Elsa Asenijeff [et al.], ohne Verlagsangabe, Leipzig, 1912, S.4f.

Hans Makart - Fuenf Sinne

Hans Makart – Fünf Sinne

Dem Allvereinten.

Einmal komm ich zu dir,
Und geh die Treppen stolz hinauf,
Als hätten alle Türen,
Die zu den Räumen führen,
Mich längst ersehnt.
Und stünden meinem Kommen angelweit . . .
Als wäre der Lakaien goldbetreßte Schar
Nur immer hier mir harrend zum Geleit gegeben
Und trete
Für eine stille Stunde in dein Leben.


Die leeren Worte sag ich nicht,
Mit denen Fremde sich den ersten Gruß verbrämen,
Den großen Stunden fern ist alles Schämen.
Du weißt mich ja – ich kenne deine große Seele.
So leg ich Hand in deine Hände
Für eine karge Stunde.
Und du wirst stehen
In deiner schlanken Kraft,
In der noch Geist
An jedem Muskel mitgeschafft,
Und mich erwarten
Als müßt es längst so sein . . .


Und aus dem Fenster in die Nacht gelehnt,
Ist es,
Als wären wir des Hauses Sinn und Schicksal!
Eng aneinander
Wang an Wange: Einsamkeit an Einsamkeit . . .
Wortlos wissend
Blicken wir pupillenweit
Ins Dunkel – uns allein erhellt.
Und uns entrollt sich,
Wie die Blütenblätter dunkler Riesenblume,
Inhalt, Anbeginn und Sinn
Der rätselhaften Welt.
Weit zittert scheuer Blick hinaus
In stolzem Götter-Schöpfer-Drange,
Ein leises Lächeln, das wir ungesehen uns
An wehen Lippen wissen,
Verklärt zwei Munde.
Geweihte Stunde
Ist um uns: –
Begrüßt vom Glanz der Ewigkeit
Schaun wir hinüber über Raum und Zeit! . .



Elsa Asenijeff – Dem Allvereinten.

Elsa Asenijeff – Dem Allvereinten.