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Anna Katherina Green – Engel und Teufel

Kriminalroman

Anna Katherina Green, Engel und Teufel, Autorisierte Bearbeitung von Dr. Berthold A. Baer Verlag Rheinische Union, Bonn, 1905


1. Teil.
Die purpurrote Orchidee.


I.
Ein Mord.

Der Tanz war vorüber. Die Gäste des großen Hauses auf dem Hügel hatten sich schon entfernt; nur die Musiker waren noch da. Als diese durch die weite Türe ins Freie traten, dämmerte im Osten der neue Tag.

»Seht nur«, rief einer der Musiker, ein magerer, aufgeschossener junger Mann mit blassen Zügen und großen, ausdrucksvollen Augen, »dort wirds schon Tag. Das war eine vergnügte Nacht für Sutherlandtown«.

»Fast zu vergnügt«, murmelte ein anderer.

Kaum hatte er beendet, als ein junger Mann schnell aus dem Hause lief und an den Musikern vorbei eilte. Der Sprecher trat zur Seite.

»Wer war das?« rief er.

Inzwischen war der junge Mann aus dem Tore gelaufen und in dem Wald, auf der andern Seite der Straße, verschwunden.

»Mr. Frederick!« riefen alle, wie aus einem Munde.

»Der scheints ja höllisch eilig zu haben!«

»Mir hat er fast die Zehen abgetreten«.

»Habt Ihr gehört, was er im Vorbeilaufen sagte?«

»Nein. Was wars?«

»Ich hab wohl was gehört, habs aber nicht verstanden«.

»Ich glaube, er hat auch nicht zu Dir gesprochen – nebenbei bemerkt: zu mir auch nicht. Doch ich hab Ohren: ich kann fast hören, wenn Ihr mit den Augenlidern winkt. Er sagte: »Gott sei Dank, daß diese Schreckensnacht vorüber ist!« Denkt Euch, solch herrlicher Ball, ein so prächtiges Mahl und das nennt er »Schreckensnacht« und dankt Gott, daß sie vorüber ist. Ich glaubte immer, er wäre gerade einer von denen, denen es nie toll genug hergehen könnte«.

»Das dachte ich auch«.

»Ich auch«.

Die fünf Musiker steckten die Köpfe zusammen.

»Wahrscheinlich hat er mit seinem Schatz Streit  gehabt«, bemerkte der eine.

»Das wundert mich nicht«, sagte ein anderer. »Ich glaube überhaupt nicht, daß die beide mal heiraten«.

»Wär auch ne Schande, wenn sie's täten«, rief der magere junge Mann, der zuerst gesprochen.

Da der junge Mann, über den die Musiker sprachen der Sohn des Hauses war, aus dem sie eben gekommen dämpften sie ihre Stimmen. Doch das Interesse war erregt und flüsternd sprachen sie weiter.

»Ich habe ihn bemerkt«, sagte ein anderer, der bis jetzt still zugehört hatte, »als er mit Miß Page zum ersten Tanz antrat und auch, als er in der letzten Quadrille ihr gegenüber tanzte und ich kann Euch sagen: es war ein großer Unterschied in seinem Benehmen gegen Miß Page in seinem ersten und dem letzten Tanz! Man hätte kaum glauben sollen, daß er derselbe Mann war. Junge Leute, wie Mr. Frederick, lassen sich nicht durch schöne Grübchen allein fangen; die wollen auch Baargeld haben«.

»Oder wenigstens ein Mädchen aus feiner Familie. Sie hat keines von beiden. Aber wie schön sie ist! Ich kenne manche reiche und vornehme junge Leute, die froh wären, sie zu nehmen, wie sie ist«.

»Schön!« rief der magere Musiker und rümpfte die Nase, »ich möchte wissen, wo sie schön ist? Im Gegenteil ich finde, sie hat ein sehr alltägliches Gesicht«.

»Oho!« riefen die andern, protestierend und der Violinspieler fügte hinzu: »Weshalb reißen sich dann alle jungen Leute um sie?«

»Sie hat keinen einzigen regelmäßigen Zug im Gesicht«.

»Was hat das mit dem Eindruck zu tun, den ihre Person macht?«

»Ich kann sie nicht leiden«.

Ein Gelächter folgte diesen Worten.

»Das wird sie wohl ungeheuer grämen, Sweetwater. Der junge Mr. Sutherland kann sie umso besser leiden und daran ist ihr jedenfalls mehr gelegen. Und ich behaupte, er wird sie auch heiraten! Er kann gar nicht anders. Sie ist imstande, den Teufel zu behexen, daß er sie heirate, wenn sie es sich in den Kopf setzte, ihn zum Mann zu haben«.

»Der würde jedenfalls besser zu ihr passen«, brummte Sweetwater. »Was indes Mr. Frederick betrifft . . . . .«

»Ssssst! Es kommt jemand aus dem Haus . . . . das ist sie!«

Alle schauten nach der Haustüre, unter der eine graziöse, weiß gekleidete Figur erschienen war, die nach der Stelle schaute, wo die Musiker standen. Hinter ihr brannten noch die Lichter in der Halle und scharf hob sich ihre reizende Gestalt von dem hellen Hintergrunde ab.

»Wer ist dort?« fragte sie in flüsterndem Tone.

Die Frage blieb unbeantwortet, denn im selben Augenblicke wurden eilige Schritte vernehmbar und laute, unverständliche Rufe drangen herauf zum Hügel. Immer näher kamen die Schreier. Die Musiker gingen zurück, dem Hause zu, einer derselben sogar bis zur Türe, wo noch immer die weiße Gestalt stand.

»Mord! Mord!« klang es nun deutlich in aller Ohren.

Kaum hatte die junge Dame dies gehört, als sie schnell die Türe schloß und sich zurückzog, zum großen Erstaunen des Musikers, der wußte, daß sie die neugierigste junge Dame im ganzen Städtchen war.

»Mord! Mord!«

Ein schrecklicher und in diesem gottesfürchtigen Städtchen nie zuvor gehörter Schrei.

Immer mehr Menschen kamen den Hügel herauf.

»Mrs. Webb ist ermordet worden! Mit einem Messer! Erstochen! Wo ist Mr. Sutherland?«

Mrs. Webb!

Als die Musiker den Namen dieser allseitig geliebten und verehrten Frau hörten, fuhren sie zusammen! Unmöglich! Mrs. Webb! Unglaublich!

Sie gingen zum Hause zurück und riefen nach Mr. Sutherland.

»Es kann nicht sein! Nicht Mrs. Webb! Wer wäre so verrucht oder herzlos, sie zu ermorden?!«

»Das weiß Gott allein«, rief eine Stimme von der Straße her. »Aber daß sie tot ist, haben wir gesehen«.

»Dann hats der alte Mann getan«, rief einer. »Ich hab schon immer gesagt, daß er eines Tages seinen besten Freund umbringt. Ein Mensch, wie der, gehört ins Narrenhaus und nicht . . . . . . . .«

Das Uebrige verlor sich in unverständlichem Gemurmel. Eine Hand hatte sich dem Sprecher auf den Mund gelegt, in demselben Augenblicke, als Mr. Sutherland auf der Veranda erschien.

Der dort stand, war ein schöner Mann, mit ausdrucksvollen Zügen, aus denen Freundlichkeit und Würde gleich mächtig sprachen. Kein Mann in weitem Umkreise – ich hätte fast gesagt: keine Frau – ward mehr geliebt und mehr geachtet, als er. Nur auf Einen vermochte er keinen Einfluß auszuüben – was jedermann weit und breit wußte – auf seinen einzigen Sohn Frederick.

Schmerz und Bestürzung lagen auf des Mannes Zügen.

»Was schreit Ihr da?« fragte er. »Agatha Webb? Ist Agatha Webb etwas zugestoßen?«

»Sie ward ermordet!« riefen mehrere Stimmen zugleich. »Wir kommen eben von ihrem Haus. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Man sagt, ihr Mann habe es getan«.

»Nein, nein!« sagte Mr. Sutherland, mehr zu sich selbst als zu den Umstehenden. »Philemon Webb mag sich vielleicht selbst umbringen, aber nicht Agatha. Es war ihr Geld . . . . . . . .«

Er richtete sich auf und rief den Erregten zu:

»Wartet! Ich gehe mit Euch! Wo ist Frederick?« fragte er die Diener, die ihn umstanden.

Niemand wußte es.

»Bringt ihn hierher. Er soll mit mir in die Stadt gehen«.

»Er ist dort drüben im Wald«, rief eine Stimme von der Straße her.

»Im Wald?« wiederholte der Vater, aufs höchste erstaunt.

»Jawohl. Wir haben ihn hingehen sehen. Sollen wir ihn rufen?«

»Nein, danke. Ich kann schon ohne ihn fertig werden«. Dann ergriff er seinen Hut und wollte eben gehen, als sich eine Hand auf seinen Arm legte und eine wohlbekannte Stimme ihm zuflüsterte:

»Darf ich mitgehen? Ich werde Ihnen nicht beschwerlich fallen«.

Es war die junge Dame, die wir vorhin beobachtet hatten.

Der alte Mann zog die Stirne in Falten und antwortete ernst:

»Eine Mordstätte ist kein Platz für junge Damen«.

Die so Angeredete blieb unbewegt.

»Ich denke, ich gehe doch«, sagte sie. »Ich kann mich ganz unbemerkt unter die Leute mischen«.

Er antwortete nicht mehr. Miß Page war zwar eine Angestellte in seinem Hause und ward für ihre Leistungen bezahlt, doch seit langem versuchte niemand, ihr zu widersprechen. Sie hatte seit ihrem ersten Erscheinen unter der Türe das weiße Ballkleid mit einem einfachen, dunkleren vertauscht und schloß sich so dem alten Herrn an, der wortlos der Menge folgte.

Nach und nach verließen auch die Dienstboten das Haus, als letzter Jerry, der die Lichter ausblies und, nachdem er die Fronttüre geschlossen, sich den Neugierigen anschloß. Den Nebeneingang aber hatte er offen stehen lassen und durch diesen trat, sobald die Tritte der Fortgehenden in der Ferne verhallt waren, ein bleicher junger Mann: es war Sweetwater, der Musiker, der die Schönheit Miß Pages in Frage gestellt hatte.


II.
Im Dunkel der Nacht.

Sutherlandtown ist eine kleine Hafenstadt, die aus nur einer Hauptstraße und, davon abzweigend, vielen Nebenstraßen besteht. Die Hauptstraße zieht sich geradeswegs vom Hügel bis zur Werft. Oben, an der Ecke der »Hillside Lane« steht das Webb-Haus, dessen Vordereingang nach der Hauptstraße zu liegt. Das Haus war leicht zu finden; war es doch das einzige, in dem noch Licht brannte, ganz abgesehen von den Gruppen aufgeregter Menschen, die es umstanden.

Als Mr. Sutherland ankam, grüßte ihn ein beifälliges Gemurmel. Die Menge trat zur Seite und gab den Eingang des Hauses frei. Eben wollte er eintreten, als ihn jemand am Arme zupfte und sagte:

»Schauen Sie in die Höhe!«

Er tat so und sah den leblosen Körper einer Frau halb aus dem Fenster des zweiten Stockes hängen.

»Wer ist das?« rief er. »Das ist nicht Agatha Webb!«

»Nein, das ist Batsy, die Köchin. Sie ist auch tot. Wir ließen sie so liegen, wie wir sie fanden, bis der Untersuchungsrichter hier ist«.

»Das ist schrecklich!« murmelte Mr. Sutherland.

Wie er so sprach, fühlte er sich wieder am Arm berührt. Er schaute sich um und bemerkte die Gestalt einer jungen Dame. Ehe er sie indes anreden konnte, war sie schon zwischen der Menge verschwunden. Es war Miß Page.

»Der Körper, der aus dem Fenster hängt, zog zuerst die Aufmerksamkeit auf das Haus«, sagte ein Mann, der am Haupteingang des Hauses stand und die Menge zurückhielt. »Die Frauen der Matrosen, die heute früh ausfuhren, bemerkten, als sie von der Werft zurückkamen, die Tote und schlugen Alarm. Hätten die sie nicht bemerkt, wüßten wir vielleicht jetzt noch nicht, was passiert ist«.

»Aber Mrs. Webb?«

»Treten Sie ein und sehen Sie selbst«.

Hinter einem Holzzaune, umgeben von einem Gärtchen, lag das kleine Haus, in dem sich das schrecklichste Drama abgespielt, das Sutherlandtown je gesehen. In diesem Holzzaune befand sich ein Tor, durch das nunmehr Mr. Sutherland schritt, begleitet von Miß Page, die sich ihm unbemerkt angeschlossen. Ein Gartenweg, auf beiden Seiten von Flieder umsäumt, führte zu der, jetzt offen stehenden Türe des kleinen Hauses, aus der ihm Amos Fenton, der Polizist des Städtchens, entgegen trat.

»Ah, Mr. Sutherland«, sagte er, »ein trauriger Fall, ein sehr trauriger Fall. Doch – wer ist die junge Dame bei Ihnen?«

»Das ist Miß Page«, entgegnete Mr. Sutherland, sich umschauend und die Stirne in Falten ziehend, »die Nichte meiner Haushälterin. Sie wollte absolut mitkommen. Neugierde natürlich. Gegen meinen Willen«.

»Miß Page muß unten bleiben. Wir gestatten Niemanden Zutritt – außer Ihnen natürlich«, setzte er respektvoll hinzu, eingedenk der Tatsache, daß in Sutherlandtown nichts ohne Mr. Sutherland unternommen wurde.

Miß Page, die schön erschien wie die Morgensonne und frisch wie das junge Gras im Gärtchen, warf dem alten Polizisten bittende Blicke zu, die diesen veranlaßten, sein stachliges Kinn zu streichen; doch seinen Befehl änderte er nicht.

Als sie bemerkte, daß er sich nicht erweichen ließ, trat sie, liebenswürdig lächelnd, zur Seite, hinter Büsche, die sie den übrigen Neugierigen verbarg.

Mr. Sutherland trat ins Haus.

Er kam in einen schmalen Gang, aus dessen linker Seite eine offene Tür zu sehen war, während hinten eine Treppe nach oben führte. Unter der erwähnten offenen Türe stand ein Mann, der den Angekommenen höflich grüßte. Mr. Sutherland ging still an ihm vorüber und trat in das nächste Zimmer, woselbst an einem, mit Speisen bedeckten Tische, Philemon Webb saß, der Herr des Hauses.

Erstaunt, seinen alten Freund in diesem Zimmer und in solch auffallender Stellung zu finden, wollte er diesen eben ansprechen, als Mr. Fenton dazwischen trat.

»Einen Augenblick, bitte! Betrachten Sie den armen Philemon erst näher, ehe Sie ihn stören. Als wir vor etwa einer halben Stunde ins Haus traten, fanden wir ihn ganz in derselben Stellung und, aus begreiflichen Gründen, ließen ihn unbelästigt. Beobachten Sie ihn genau, Mr. Sutherland; er wird es nicht merken«.

»Was fehlt ihm? Weshalb lehnt er sich so gegen den Tisch? Ist er auch verwundet?«

»Nein. Sehen Sie seine Augen an«.

Mr. Sutherland beugte sich nieder, bog die langen, weißen Locken zurück und rief erregt:

»Die Augen sind geschlossen! Er ist doch nicht tot?«

»Nein, er schläft«.

»Schläft?«

»Ja. Er schlief, als wir herein kamen und schläft noch. Die Nachbarn wollten ihn aufwecken, doch gab ich das nicht zu. Sein Gehirn würde den plötzlichen Schreck nicht aushalten«.

»Nein, nein! . . . . . . Armer Philemon! Daß er schlafen kann, während sie . . . . . . Doch was sollen diese Flaschen hier bedeuten und der gedeckte Tisch, in einem Zimmer, in dem sie sonst nie zu essen pflegten?«

»Das wissen wir nicht. Wie Sie sehen, wurden die Speisen hier nicht berührt. Er trank ein Glas Portwein, das war alles. In den andern Gläsern war kein Wein«.

»Stühle für drei und nur einer besetzt«, murmelte Mr. Sutherland. »Sonderbar! Sollte er Gäste erwartet haben?«

»Es scheint so. Ich wußte nicht, daß seine Frau dies erlaubt. Sie war immer zu gut gegen ihn und ich fürchte, sie hat diese Güte mit ihrem Leben bezahlt«.

»Unsinn! Er hat sie nicht getötet! Hätte er sie nicht geradezu abgöttisch verehrt – was er tatsächlich tat – so hätte er doch, selbst in seinen dunkelsten Augenblicken, nie Hand an sie gelegt!«

»Ich traue keinem Geisteskranken«, entgegnete der andere. »Sie haben noch nicht alles gesehen, was merkwürdig ist in diesem Zimmer«.

Mrs. Sutherland blickte schnell umher. Außer dem Tisch und was darauf stand, konnte er nichts auffallendes bemerken. Er schaute daher wieder auf Philemon Webb.

»Ich sehe nichts – außer dem armen Schläfer hier«.

»Betrachten Sie seinen Aermel«.

Schnell beugte sich Mr. Sutherland nieder. Der Arm des alten Mannes lag auf dem Tische; am Aermel der blauen Jacke konnte man deutliche Flecken sehen, die zwar von Rotwein herstammen konnten, die aber in Wirklichkeit – Blut waren.

Als Mr. Sutherland diese Gewißheit erlangt, erblaßte er und schaute fragend auf den Mann neben ihm, der ihn aufmerksam betrachtete.

»Schlimm!« sagte er. »Noch andere Blutspuren hier unten?«

»Nein, dies sind die einzigen«.

»O, Philemon!« entfuhr es Mr. Sutherland schmerzlich. Dann betrachtete er wieder seinen alten Freund und setzte langsam hinzu:

»Er befand sich offenbar in dem Zimmer, in dem seine Frau getötet ward, doch glaube ich nicht, daß er weiß, was dort geschah, sonst würde er hier nicht so ruhig schlafen. Lassen Sie uns nach oben gehen!«

Fenton nickte seinem Untergebenen zu, aufzupassen und wandte sich sodann zur Treppe, wohin ihm Mr. Sutherland folgte. Sie gingen direkt durch den oberen Gang nach dem großen Vorderzimmer, das der Schauplatz des Dramas war. Ein einfacher Teppich bedeckte den Fußboden, alte, anspruchlose Möbel standen an den Wänden.

Auf einem altmodischen Sopha lag die tote Herrin des Hauses. Obwohl sie einen gewaltsamen Tod gefunden, ging von ihrer Gestalt und ihren Zügen – beide von seltenem Ebenmaß – eine solche Ruhe aus, daß Mr. Sutherland, der an ihre vornehme Erscheinung und ihre majestätische Würde gewohnt war, erstaunt ausrief:

»Ermordet?! Sie?! Sie irren, mein Herr! Sehen Sie ihr Gesicht an!«

Doch da fiel sein Blick auf das Blut, das an ihrem Kleide klebte und er fragte schauernd:

»Wo ward sie getroffen? Wo ist die Waffe?«

»Sie ward offenbar getroffen, während sie an diesem Tische stand oder saß«, entgegnete Fenton und deutete auf zwei oder drei Tropfen Blut, die auf der polierten Tischplatte zu sehen waren. »Die Waffe konnten wir nicht finden, doch zeigt die Wunde, daß es ein dreischneidiger Dolch gewesen sein muß«.

»Ein dreischneidiger Dolch?«

»Jawohl«.

»Ich wußte nicht, daß ein solcher sich in der Stadt befand. Philemon kann unmöglich einen solchen Dolch gehabt haben«.

»Scheinbar nicht; doch man kann nie sicher sein. Solch alte Häuser, wie dieses, enthalten oft die merkwürdigsten Artikel«.

»Ich glaube kaum, daß je ein solcher Dolch in diesem Hause war«, erklärte Mr. Sutherland. »Wo fanden Sie Mrs. Webb, als Sie ins Haus kamen?«

»An derselben Stelle, wo Sie sie jetzt sehen. Es ward nichts im Zimmer berührt oder von der Stelle bewegt«.

»Sie fanden sie hier, auf diesem Sopha, in derselben Lage, wie ich sie jetzt sehe?«

»Gewiß«.

»Das ist kaum glaublich! Sehen Sie, wie sie daliegt: die Hände gefaltet, die Augen geschlossen, gerade als ob sie zur Beerdigung getragen werden sollte . . . . Nur liebende Hände können dies getan haben! Was hat dies zu bedeuten?«

»Das deutet auf Philemon, klar und deutlich«.

Mr. Sutherland erschauerte, doch er sagte nichts. Er war starr, diesen Beweisen des Werkes eines Geistesschwachen gegenüber. Philemon Webb schien stets so harmlos, vollkommen harmlos, obwohl sein Geist sich seit zehn Jahren immer mehr umnachtete.

»Aber«, fuhr Mr. Sutherland plötzlich auf, »es ist noch ein anderes Opfer im Hause! Ich sah die alte Batsy aus dem Fenster hängen, tot!«

»Ja, sie ist im nächsten Zimmer. Es ist aber keine Wunde an Batsy zu finden«.

»Wie ward sie dann getötet?«

»Das müssen uns die Doktoren sagen«.

Mr. Sutherland ging mit Fenton in das kleine, anstoßende Zimmer und sah auf den ersten Blick die leblose Gestalt der alten Batsy aus dem Fenster hängen, wie er sie schon von der Straße aus bemerkt hatte. Daß sie tot war, unterlag keinem Zweifel. Doch, wie Fenton gesagt hatte, es war keine Wunde an ihr zu finden, keine Blutspur, nichts, das auf die Art und Weise ihres Todes hätte hinweisen können.

»Das ist schrecklich!« jammerte Mr. Sutherland, »das schrecklichste, was ich je gesehen! Helfen Sie mir, den Leichnam hereinzubringen. Sie lag lange genug zur Schau der Neugierigen aus dem Fenster.«

Es befand sich ein Bett in diesem Zimmer – in der Tat war es Mrs. Webbs Schlafzimmer – und auf dieses legten sie die Tote. Als ihr Gesicht zu sehen war, schauten sich die beiden Männer erstaunt an: der Ausdruck von Schreck und Angst, den sie hier sahen, stand in auffallendem Gegensatz zu der Ruhe und Majestät, die auf den Zügen der toten Herrin lagen!


III.
Die leere Schublade.

Als die beiden Männer in das erste Zimmer zurücktraten, waren sie nicht wenig erstaunt, Miß Page zu sehen, die unter der Türe stand. Sie starrte die Tote an und schien die beiden Männer nicht zu bemerken.

»Wie kommen Sie hierher? Wer hat Sie, entgegen meinem ausdrücklichen Befehl, eintreten lassen?« fragte Fenton, ärgerlich und erregt.

Sie ließ ihre Kapuze vom Kopfe fallen und sah den Frager lächelnd an, mit demselben gewinnenden Lächeln, mit dem sie versucht hatte, ihn vor dem Hause ihren Wünschen gefügig zu machen. Damals hatte er widerstanden, doch dem abermaligen Versuch konnte er nicht standhalten.

»Ich bestand darauf, eingelassen zu werden«, sagte sie. »Machen Sie den Männern draußen keinen Vorwurf; sie wollten einer Dame gegenüber keine Gewalt anwenden«.

Ihre Stimme war nicht wohlklingend und sie wußte das; sie schlug daher den Ton an, der ihre Worte zu Herzen trug und sie siegte auch über den alten, wetterharten Amos Fenton.

»Na, na«, murmelte er, »das ist schlimme Neugierde, die Sie hierher führte. Legen Sie die besser ab; ehrenwerte Personen mißverstehen dergleichen sehr leicht«.

»Danke«, entgegnete sie mit schelmischem Lächeln, das Falten auf Mr. Sutherlands Stirne brachte. Er schaute von ihr nach der Toten und sagte in vorwurfsvollem Tone:

»Ich verstehe Sie nicht, Miß Page. Wenn dieser Anblick Ihrer Koketterie keinen Zwang auferlegen kann, dann weiß ich nicht, was überhaupt diese in Schranken zu halten vermag! Was Ihre Neugierde betrifft, so ist selbige ebenso unpassend als unweiblich. Verlassen Sie dies Haus sofort, Miß Page! Und sollten Sie in den paar Stunden, die noch bis zum Frühstück dahingehen, Zeit finden, Ihre Koffer zu packen, würden Sie mich noch besonders verpflichten«.

»Schicken Sie mich nicht fort, ich bitte Sie!«

Es war dies ein Schrei aus innerstem Herzen, den sie jedenfalls gleich bedauerte, denn sie versuchte sofort diesen unvorsichtigen Selbstverrat durch Beugen ihres schönen Kopfes und durch Zurücktreten zu verwischen. Weder Mr. Sutherland noch Amos Fenton schien das eine oder das andere bemerkt zu haben; hatten sie doch ihre Aufmerksamkeit wichtigeren Sachen zugewandt.

»Ihrer Kleidung nach zu urteilen«, sagte Mr. Sutherland, der die Tote wieder eingehend betrachtete, »scheint meine unglückliche Freundin vor dem Schlafengehen ermordet worden zu sein. Wenn Philemon – –«

»Entschuldigen Sie, meine Herren«, rief da der junge Mann, der in der Halle zurückgelassen worden war, »die junge Dame horcht, was Sie sagen. Sie steht noch oben auf der Treppe«.

»So ist es! So ist es!« rief Fenton, dessen Galanterie bei der Zurechtweisung von seiten seines Kameraden verschwunden war. »Ich will ihr aber zeigen . . . .«

Als er zur Türe gekommen, war die junge Dame verschwunden und nur ein feines Parfüm erinnerte daran, daß sie kurz zuvor hier gestanden.

»Eine merkwürdige Person«, murmelte der Polizist beim Zurückgehen. Er kehrte indes sofort wieder um, da er in der unteren Halle Stimmen hörte.

»Der alte Mann ist wach!« rief eine Stimme hinauf. Sofort stiegen Fenton und Mr. Sutherland die Treppe hinab.

Miß Page stand unter der Türe des Zimmers, in dem Philemon Webb saß. Als die beiden Männer näher kamen, machte sie eine halb ironische, halb abbittende Verbeugung und verließ das Haus.

Wie von einem Bann erlöst, atmeten die beiden Männer auf und besonders Mr. Sutherland war durch das Fortgehen der jungen Dame sichtbar erleichtert.

»Ich wünschte, der Doktor wäre hier«, sagte Fenton. »Ich sandte unsern besten Reiter nach ihm, doch er ist irgendwo da draußen am Portchester Weg und es kann eine Stunde dauern, ehe er kommt«.

»Philemon!« rief Mr. Sutherland, indem er die Hand seinem alten Freund auf die Schulter legte, »Philemon! Wo sind Deine Gäste? Du hast bis zum Morgen auf sie gewartet!«

Philemon schaute erstaunt auf die beiden Gedecke neben ihm und sagte, indem er mit dem Kopfe schüttelte: »James und John werden stolz – oder sie habens vergessen, sie habens vergessen«.

James und John. Er meinte wohl die Zabels. Es gibt aber so viele Leute in der Stadt, die diese Vornamen tragen.

Wieder frug Mr. Sutherland:

»Philemon, wo ist Deine Frau? Ich sehe, es ist hier nicht für sie gedeckt«.

»Agatha ist nicht wohl, Agatha ist ärgerlich. Sie kümmert sich nicht um einen alten, kranken Mann, wie ich«.

»Agatha ist tot und Du weißt es!« schrie der Polizist unüberlegter Weise. »Wer hat sie ermordet? Sag, wer hat sie ermordet?«

Der plötzliche Schreck nahm dem Kranken den letzten Rest von klarer Besinnung. Mit dem gurgelnden Lachen, das Geistesschwachen eigen ist, erwiderte er:

»Die Mieze-Katze, es war die Mieze-Katze. Wer ist ermordet? Ich bin nicht ermordet. Laßt uns nach Jericho gehen«.

Mr. Sutherland nahm ihn unter dem Arm und geleitete ihn nach oben. Vielleicht würde der Anblick seiner toten Gattin ihn zur Besinnung bringen. Doch er schaute sie an, mit demselben starren Blick des Nichterkennens, mit dem er alles andere betrachtete.

»Ich kann dies Kaliko-Kleid nicht leiden«, sagte er nach einer Weile. »Sie kann erfordern, sich in Seide zu kleiden, doch sie will nicht. Agatha, wirst Du zu meinem Begräbnis dein Seidenkleid anziehen?«

Erschüttert, zog Mr. Sutherland den alten Mann hinweg und übergab ihn der Obhut eines Polizisten.

Fentons Neugierde war erregt worden. Er nahm Mr. Sutherland bei Seite und flüsterte:

»Was wollte der alte Mann damit sagen: sie kann erfordern, sich in Seide zu kleiden? Sind die Leute etwa nicht so arm, als sie scheinen?«

Ehe Mr. Sutherland antwortete, schloß er die Türe.

»Sie sind reich«, erklärte er sodann dem erstaunten Frager, »das heißt, sie waren reich; vielleicht wurden sie beraubt. Wenn dem so ist, dann war es sicher nicht Philemon, der sie tötete. Wie ich hörte, bewahrte Agatha ihr Geld in einem altmodischen Wandschrank auf – wie etwa dieser hier«, setzte er hinzu, auf eine Doppeltüre in der Wand über dem Kaminfeuer zeigend.

Fenton, der einen Schlüssel im Schloß bemerkte, ging sofort hin und öffnete die Türen. Erst sah er nichts, als einige Reihen Bücher. Als er diese jedoch herabgenommen, bemerkte er dahinter zwei Schubladen.

»Sind sie verschlossen?« fragte Mr. Sutherland.

»Eine ist, die andere nicht«.

»Oeffnen Sie die unverschlossene«.

Fenton tat so.

»Sie ist leer«, sagte er.

Mr. Sutherland warf wiederum einen Blick nach der Toten. Die ebenmäßigen Züge, die seelische Ruhe, die auf ihnen lag, berührten ihn sonderbar.

»Ich weiß nicht, ward sie das Opfer ihres geistesschwachen Gatten oder eines ruchlosen Räubers. Sehen Sie doch, ob Sie den Schlüssel zu der andern Schublade finden können«.

»Ich will's versuchen«.

»Vielleicht fangen Sie mit Suchen am besten bei der Toten an; der Schlüssel sollte sich in ihrer Tasche finden, wenn kein Dieb ihn weggenommen hat«.

»Er ist nicht in der Tasche«.

»Vielleicht hängt er an einer Schnur an ihrem Halse?«

»Nein. Da hängt wohl ein Medaillon, aber kein Schlüssel. Ein prachtvolles Medaillon, Mr. Sutherland, mit einer goldenen Haarlocke eines Kindes darin – – –«

Wir können das später betrachten; jetzt wollen wir erst den Schlüssel suchen«.

»Herr des Himmels!«

»Was ist's?«

»Sie hat den Schlüssel in der Hand – in der Hand, auf der sie liegt!«

»Ah! Das ist wichtig, Fenton!«

»Sehr wichtig!«

»Bleiben Sie hier, Fenton. Lassen Sie keinen Menschen diesen Schlüssel wegnehmen, bis der Untersuchungsrichter hier war und dies selbst gesehen!«

»Ich werde hier bleiben«.

»Inzwischen will ich diese Bücher wieder an ihren Platz stellen«.

Er war kaum damit fertig, als eine andere Person im Hause erschien: Pastor Crane.


IV.
Die volle Schublade.

Der Neuangekommene hatte wichtiges zu erzählen. Zu früher Morgenstunde, vom Krankenbette eines seiner Pfarrkinder kommend, war er an diesem Hause vorübergegangen. Als er eben die Türe passierte, lief ein Mann in höchster Erregung aus dem Hause; in der Hand hielt er etwas glänzendes und obgleich er ihn – den Pastor – fast umgerannt, blieb er doch nicht stehen, sich zu enschuldigen, sondern eilte mit unsicheren Schritten dahin. Daraus schloß der Pastor, daß der Fremde alt war. Außerdem sah er auch die Spitzen eines weißen langen Vollbartes über die Schultern flattern; das Gesicht konnte er nicht sehen.

Philemons Gesicht ist glatt rasiert.

Um genauere Zeitangabe gefragt, sagte der Pastor, daß es ungefähr um Mitternacht gewesen sein muß, denn halb ein Uhr befand er sich wieder in seinem Hause.

»Haben Sie im Vorübergehen nach den Fenstern gesehen?« fragte Fenton.

»Ich erinnere mich, daß beide beleuchtet waren«.

»Waren die Jalusien herabgelassen?«

»Ich glaube nicht, sonst wäre mir das aufgefallen«.

»Wie waren die Jalusien, als Sie heute Morgen ins Haus kamen?« fragte Mr. Sutherland den Polizisten.

»Genau so, wie Sie sie jetzt sehen; es ward nichts im Hause berührt. Beide Jalusien waren herabgelassen, die eine über ein offenes Fenster«.

»Diese Begegnung mit dem Unbekannten ist von größter Wichtigkeit, Herr Pastor«.

»Ich wünsche, ich hätte sein Gesicht gesehen«.

»Was mag wohl der glitzernde Gegenstand gewesen sein, den Sie in seiner Hand sahen?«

»Ich möchte keine Meinung darüber äußern; ich sah den Mann nur eine flüchtige Sekunde«.

»Kann es ein Messer oder ein altmodischer Dolch gewesen sein?«

»Möglich«.

»Arme, arme Agatha! Daß gerade sie, die das Geld so verachtete, das Opfer eines habgierigen Mörders werden mußte! Ein glückloses Leben und ein glückloses Ende . . . . Fenton, ich werde mein Leben lang um Agatha Webb trauern«.

»Und doch scheint es, als ob sie endlich Ruhe gefunden habe«, sagte der Pastor. »Ich sah sie im Leben nie so seelisch zufrieden«. Dann, Mr. Sutherland bei Seite ziehend, fragte er: »Was sagten Sie eben von Geld? Hat sie wirklich, entgegen allem Anschein, über ein größeres Vermögen verfügt? Ich frage deshalb, weil sie, trotz ihrer einfachen Kleidung und ihrer einfachen Lebensweise, stets mehr für die Kirche gab, als irgend einer ihrer Nachbarn. Außerdem bekam ich von Zeit zu Zeit anonym größere Beträge zugesandt, stets für arme, kranke Kinder bestimmt, die . . . . .«

»Ja, ja, die kamen von ihr, ohne Zweifel von ihr. Sie waren nicht arm, obwohl ich nie wußte, wie reich sie war, bis in letzter Zeit. Sie zogen offenbar vor, einfach zu leben und da sie keine Kinder am Leben haben – –«

»Man sagte mir, sie begruben sechs«.

»So sagen die Leute von Portchester. Jedenfalls hatten sie kein Verlangen nach weltlichen Genüssen und gaben sich auch nie solchen hin«.

»Philemon hat wohl seit Jahren nach nichts mehr verlangt?«

»O, er lebt gerne gut und hatte auch immer, was sein Herz verlangte. Agatha schlug ihm nie etwas ab«.

»Weshalb denken Sie, daß Geld die Ursache ihres gewaltsamen Todes gewesen?«

»Sie hatte eine größere Summe im Hause und es gibt viele hier herum, die das wußten«.

»Ist das Geld nicht mehr im Hause?«

»Das werden wir später erfahren«.

In diesem Augenblicke kam der Untersuchungsrichter an. Er war ein Mann von wenig Worten und noch weniger Fühlen. Um so mehr überraschten seine ersten Worte:

»Wer ist die junge Dame, die da draußen steht, die einzige Frauensperson unter den Neugierigen?«

Mr. Sutherland ging schnell ans Fenster, bog die Jalusie zur Seite und erwiderte dann:

»Das ist Miß Page, die Nichte meiner Haushälterin. Sie folgte mir hierher und wir konnten sie kaum aus dem Zimmer hier bringen, wohin sie mir, entgegen meinem ausdrücklichen Wunsche, gefolgt war. Ich begreife nicht, was sie an dem Mord interessieren kann«.

»Sehen Sie nur, wie sie dasteht!« rief Fenton. »Sie scheint noch verrückter als Philemon zu sein«.

Ihr Benehmen gab vielleicht Veranlassung zu dieser Bemerkung. Inmitten des kleinen Gartens, von der erregten Menge durch den hohen Bretterzaun getrennt, stand sie, hoch aufgerichtet, unbeweglich, gespannt horchend. Ihre Kapuze hatte sie wieder über den Kopf gezogen und so glich sie eher einer grauen Statue, als einem lebenden, atmenden Wesen. Ihr Blick, den Beobachtern zu gerichtet, machte diese erschauern.

»Ein merkwürdiges Mädchen«, sagte der Pastor.

»Und eine, die ich weder in Schutz nehme, noch begreife«, setzte Mr. Sutherland hinzu. »Ich zeigte ihr soeben meinen Unmut über ihr Eindringen, indem ich sie aus meinen Diensten entließ«.

Der Untersuchungsrichter warf ihm einen schnellen Blick zu, öffnete den Mund zum Sprechen, schien seine Absicht jedoch sofort zu ändern und wandte sich der Toten zu.

»Wir haben eine traurige Pflicht vor uns«, sagte er.

Die Untersuchung, die er nunmehr vornahm, brachte zwei Tatsachen zu Tage. Erstens: daß alle Türen des Hauses unverschlossen gewesen und zweitens: daß der Polizist mit den Ersten ins Haus getreten und so versichern konnte, daß, außer Batsy's Entfernung vom Fenster nach dem Bette, nichts im Hause berührt worden war. Als er dann die Tote besichtigte, fand er den Schlüssel in ihrer Hand.

»Wozu gehört dieser Schlüssel?« fragte er.

Man zeigte ihm die Schubladen im Wandschrank.

»Die eine ist leer«, sagte Mr. Sutherland. »Wenn die andere ebenfalls leer ist, dann liegt ein Raubmord vor. Der Schlüssel, den sie in der Hand hält, sollte beide Schubladen öffnen«.

»Dann wollen wir sofort nachsehen. Es ist von höchster Wichtigkeit, zu wissen, ob nur ein Mord vorliegt oder ein Raubmord«.

Darauf nahm er den Schlüssel aus der Toten Hand und gab ihn Fenton, der sofort die Schublade aufschloß und sie, mit ihrem ganzen Inhalt, auf den Tisch stellte.

»Hier drin ist kein Geld«, sagte er.

»Aber Papiere, die so gut sind, als Geld«, bemerkte der Richter. »Sehen Sie hier: Hypothekenbriefe und viele gute Staatspapiere. Es scheint, sie war reicher, als Jemand von uns wußte«.

Mr. Sutherland schaute mit enttäuschter Miene in die nun leere Schublade.

»Wie ich fürchtete«, sagte er. »Man hat sie ihres Baargeldes beraubt. Es befand sich dies zweifellos in der andern Schublade«.

»Wie kann sie dann den Schlüssel in der Hand halten?«

»Das ist eines der Geheimnisse dieses Falles. Dieser Mord ist nicht so einfach; es dünkt mir vielmehr, als ob wir viele Ueberraschungen zu gewärtigen hätten«.

»So zum Beispiel: Batsys Tod«.

»O ja, Batsy! Ich vergaß ganz, daß sie auch tot aufgefunden ward«.

»Und ohne jede Wunde, Herr Richter«.

»Sie war herzkrank; der Schreck hat sie wohl getötet«.

»Ihr Gesichtsausdruck scheint diese Annahme zu bestätigen«.

»Lassen Sie mal sehen. So scheint es in der Tat! Es muß jedoch eine Sektion vorgenommen werden, dies zu bestätigen«.

»Ehe wir weiter gehen, möchte ich erklären, wieso ich weiß, daß Agatha Baargeld im Hause hatte«, sagte Mr. Sutherland, als sie ins andere Zimmer zurück gingen. »Vorgestern, als ich mit meiner Familie zu Tische saß, kam Judy, die alte Klatschbase, ins Zimmer. Wäre Mrs. Sutherland am Leben, hätte sie es nicht gewagt, zur Essenszeit einzudringen; doch so, da Niemand die Honneurs des Hauses vertritt, kam sie einfach ins Zimmer gelaufen und kramte ihre Neuigkeiten aus. Sie kam eben von Mrs. Webb. Mrs. Webb habe Geld, viel Geld im Hause; sie habe es gesehen; sie sei, wie gewöhnlich, ohne anzuklopfen ins Haus gegangen; da sie Agatha oben hörte, ging sie hinauf; die Türe stand offen und sie schaute hinein; Agatha ging eben durchs Zimmer, Papiergeld in der Hand, viel Geld; sie legte die Scheine in eine Schublade hinter den Büchern im Wandschrank und sagte: »Eintausend Dollars! Das ist zuviel Geld, im Hause zu behalten«; sie – Judy – sei derselben Meinung; sie habe Angst bekommen und sei geräuschlos davon gerannt, den Nachbarn zu erzählen, was sie gehört und gesehen. Glücklicherweise war ich der Erste, den sie an jenem Morgen traf, doch bin ich überzeugt, daß sie, trotz meiner ausdrücklichen Verwarnung, ihre Neuigkeit noch bei mindestens einem halben Dutzend Anderer ausgekramt hat«.

»War die junge Dame dort unten zugegen, als Judy dies erzählte?« fragte der Untersuchungsrichter.

Mr. Sutherland sann nach. »Vielleicht – ich erinnere mich nicht mehr genau . . . Frederick saß mit mir am Tische, während meine Haushälterin den Kaffee eingoß. Ich glaube kaum, daß Miß Page zugegen war; sie steht nicht so früh auf – sie ist in letzter Zeit ziemlich »vornehm« geworden«.

»Sollte es möglich sein, daß er so blind ist und nicht sieht, daß sein Sohn Frederick dieses Mädchen heiraten will?« flüsterte Pastor Crane dem Polizisten ins Ohr.

Dieser zog als Antwort die Schultern in die Höhe. Mr. Sutherland war ein Mann, freundlich gegen Jedermann, aber desto unergründlicher.


V.
Eine Spur im Grase.

Als der Untersuchungsrichter, gefolgt von Mr. Sutherland, aus der Türe trat, bot sich den beiden ein merkwürdiger Anblick dar. Miß Page stand noch immer unbeweglich auf derselben Stelle und schaute die Kommenden unverwandt an. Als sie in ihrer Nähe waren, zog sie die rechte Hand aus dem Umhange hervor, deutete auf das Gras zu ihren Füßen und sagte ruhig:

»Sehen Sie dies?«

Die beiden Männer beeilten ihre Schritte, beugten sich nieder und betrachteten angelegentlich die bezeichnete Stelle.

»Was sehen Sie da?« fragte Mr. Sutherland, der ohne Gläser in der Nähe nicht mehr gut sehen konnte.

»Blut«, entgegnete der Richter, einen Grashalm abpflückend und ihn genau betrachtend.

»Blut!« wiederholte Miß Page, mit einem so bezeichnenden Blick, daß Mr. Sutherland sie verwirrt anschaute, eine Empfindung, die er sich nicht erklären konnte.

»Wie konnten Sie diese kaum sichtbaren Flecken bemerken?« fragte der Richter.

»Kaum sichtbar? Es ist das einzige, was ich in dem ganzen Garten sehe!« Und mit einer Verbeugung, die nicht ohne Spott war, ging sie dem Tore zu.

»Ein unbegreifliches Mädchen«, sagte der Untersuchungsrichter. »Aber sie hat recht, was diese Flecken anbetrifft. Abel«, rief er den Mann an, der an der Türe stand, »bringen Sie eine leere Kiste oder ein Faß und decken Sie diese Stelle hier zu. Ich will nicht, daß Jemand das Gras hier zertritt«.

Abel ging, den Auftrag auszuführen und kam eben an das Tor, als Miß Page dies zu öffnen im Begriffe war.

»Wollen Sie mir, bitte, helfen«, sagte sie. »Ich kann nicht durch diese Menschenmenge kommen«.

»Nicht?« rief eine Stimme von außen. »Gehen Sie heraus, während ich hineingehe und Sie finden einen Weg offen«.

Da sie die Stimme des Sprechers nicht erkannte, zögerte sie; doch da das Tor sich eben bewegte, preßte sie gegen dasselbe und stand im nächsten Augenblicke dem Eintretenden gegenüber.

»Ah, Sie sind es«, murmelte der, sie durchdringend anschauend.

»Ich kenne Sie nicht!« entgegnete sie naserümpfend und schlüpfte aus dem Tore, ehe er Zeit zum Erwidern fand. Er schnalzte mit den Fingern der rechten Hand und winkte lächelnd Abel zu, der erstaunt diesem Zwiegespräch zugehört hatte.

»Schmiegsam, wie 'ne Weide, he?« sagte der Angekommene. »Nun, ich habe schon oft Pfeifen aus Weiden geschnitten und –. Wie kommst Du zu dem?« brach er plötzlich ab und deutete auf eine seltene Blume, die halbwelk aus Abels Knopfloch hing.

»Das? Oh, ich hab sie im Haus gefunden; sie lag auf dem Boden, fast unter Batsy's Röcken. Merkwürdige Blume, was? Wunder, woher sie sie hatte«.

Der Andere ward sofort äußerst erregt. Seine grünen Augen leuchteten sonderbar.

»War das, ehe die junge Hexe, die Du eben hinausgelassen, ins Haus kam?« fragte er.

»Oh ja, ehe überhaupt Jemand auf den Hügel kam. Was soll die junge Dame mit einer Blume zu tun haben, die Batsy fallen ließ?«

»Sie? Nichts. Nur möchte ich Dir raten – und Du weißt, ich habe Dir noch immer gut geraten – nimm das Ding aus Deinem Knopfloch. Stecke die Blume in ein Kuvert und bewahre sie gut auf und wenn sie Dir nicht eines Tages abverlangt wird, um eine wichtige Rolle zu spielen, dann darfst Du mich einen Esel heißen und vergessen, daß wir Spielkameraden gewesen«.

Abel lächelte, nahm aber die Blume aus dem Knopfloch und schickte sich an, das Gras zu bedecken, wie Dr. Talbot ihm aufgetragen.

Der Andere stellte sich ans Tor, dem der Untersuchungsrichter und Mr. Sutherland sich eben näherten und machte Miene, sie anzureden. Es war der Musiker, den wir Mr. Sutherlands Haus betreten sahen, als der letzte der Diener es verlassen hatte.

»Dr. Talbot«, redete er den Untersuchungsrichter an, der nun vor ihm stand. »Sie haben oft versprochen, mir zu erlauben, meine Fähigkeit als Detektiv zu beweisen, sobald sich einmal Gelegenheit hierzu böte. Denken Sie nicht, daß die Zeit hierzu nunmehr gekommen?«

»Ah, Sweetwater! Ich glaube, der Fall ist zu verwickelt für den ersten Versuch eines unerfahrenen Mannes. Ich muß jedenfalls einen Experten von Boston kommen lassen. Ein ander Mal, Sweetwater, wenn die Komplikationen nicht so ernster Natur sind«.

Der junge Mann erblaßte und wandte sich zum Gehen.

»Darf ich wenigstens hier herum bleiben?« fragte er, mit bittender Gebärde.

»Gewiß. Fenton findet schon Arbeit für Sie – und für sechs andere«, setzte er hinzu. »Gehen Sie ins Haus und sagen Sie ihm, ich hätte Sie geschickt«.

»Besten Dank«, rief Sweetwater und sein betrübtes Gesicht klärte sich auf. »Jetzt werde ich zuerst ausfindig machen, wie die Blume ins Haus gekommen«, murmelte er.


VI.
»Frühstück ist serviert, meine Herrn!«

Mr. Sutherland kehrte nach Hause zurück. Als er die weite Vorhalle betrat, stand er vor seinem Sohne Frederick.

»Vater«, stammelte der junge Mann »kann ich einige Worte mit Dir sprechen?«

Mr. Sutherland, überrascht über seines Sohnes Erregtheit, nickte zustimmend und folgte dem Vorangehenden in ein kleines Zimmer, das noch den Blumenschmuck der gestrigen Festlichkeit trug.

»Ich will Abbitte leisten«, begann Frederick, »oder vielmehr, ich will Deine Verzeihung erbitten. Seit Jahren handelte ich Deinen Wünschen entgegen, verursachte der Mutter Herzeleid und Dir solchen Gram, daß Du oft wünschtest, ich wäre nie geboren«.

Er hatte das Wort »Mutter« merkwürdig betont und sprach in der Tat aus innerstem Herzen. Mr. Sutherland hörte ihm erstaunt zu. Sprach dies der Junge, an dem er längst verzweifelt?

»Ich« – fuhr Frederick fort »ich will mich ändern. Ich will versuchen, Dir soviel Ehre zu machen, als ich Dir Schande gebracht. Es mag im Anfang vielleicht nicht Alles so leicht gehen, doch ich will meine ganze Kraft daran setzen und wenn Du mir Deine Hand reichen willst . . . . . . .«

Im Augenblick hatte der alte Mann seine Arme um den jungen geschlungen.

»Frederick«, rief er unter Tränen, »mein Frederick!«

»Beschäme mich nicht zu sehr«, murmelte dieser, totenblaß und wunderbar gefaßt. »Es gibt keine Entschuldigung für meine Vergangenheit und ich bange um meine Zukunft – daß mir die Kraft vielleicht fehlt, meine guten Vorsätze auszuführen. Doch das Bewußtsein, daß Du diese Vorsätze kennst und Deine ungeteilte Liebe sollen genügen, mich stark zu erhalten und ich müßte in der Tat die elendeste Kreatur sein, würde ich Dich zum zweiten Male enttäuschen«.

Er hielt inne, entwand sich seines Vaters Armen und, aus dem Fenster gegen Himmel schauend, fuhr er fort:

»Ich schwöre, daß ich mich künftig so betragen werde, als sei sie noch am Leben und würde über mich wachen!«

Mr. Sutherland schaute ihn erstaunt an. Er hatte Frederick schon in jeder Stimmung gesehen, aber noch nie so ernst, so gefaßt und so entschlossen.

»Ja«, fuhr der junge Mann fort, unverwandt die Augen in die Ferne gerichtet, »ich schwöre, daß ich künftig nichts tun werde, das ihr Andenken entehren könnte! Mein Denken und mein Handeln sollen so sein, als ob ihre Augen mich noch sehen, als ob sie noch Schmerz empfinden könne über mein Fehlen und Freude über meine Erfolge«.

Ein Bild Mrs. Sutherlands, gemalt, als Frederick kaum zehn Jahre alt war, hing nicht weit von dem Sprechenden. Er schaute nicht dahin, aber Mr. Sutherland schaute hin, mit einem Blicke, als ob er sonnige Strahlen aus den Augen scheinen zu sehen erwartete.

»Sie hat Dich sehr lieb gehabt«, sagte er dann langsam und ernst. »Wir beide hatten Dich lieber, als Du je geahnt, Frederick«.

»Ich glaube es«, entgegnete dieser, den Augen des Vaters begegnend. »Und um Dir zu zeigen, daß ich künftig Deinen Worten folgen will, habe ich beschlossen, Dir zu Liebe meinem innigsten Herzenswunsch zu entsagen. Vater – –«, er zögerte, doch nur einen Augenblick; dann fuhr er mit fester Stimme fort – »ich glaube bemerkt zu haben, daß es Dir nicht angenehm wäre, Miß Page als Tochter zu sehen . . . . . . . .«

»Ob ich wünsche, daß die Nichte meiner Haushälterin den Platz in diesem Hause einnehme, den einst Marietta Sutherland inne hatte? Frederick, ich hatte immer eine zu hohe Meinung von Dir, um zu glauben, daß Du dich soweit vergessen würdest, selbst als ich sah, daß Du dich von ihren Reizen beeinflussen ließest«.

»Du hattest mich zu hoch eingeschätzt, Vater. Es war in der Tat meine Absicht, sie zu heiraten! Ich habe es indes aufgegeben, für mich allein zu leben und sie könnte mir nie helfen, für Andere zu leben! Vater, Amabel Page darf nicht in diesem Hause bleiben, soll Friede zwischen Dir und mir sein!«

»Ich gab ihr bereits zu verstehen, daß ihre Anwesenheit in diesem Hause nicht länger mehr wünschenswert ist«, entgegnete der alte Mann. »Sie fährt zehn Uhr fünfundvierzig. Ihr Betragen heute Morgen in Mrs. Webbs Hause – die, wie Du vielleicht noch nicht weißt, in der letzten Nacht schmählich ermordet wurde – war derart, daß es zu unliebsamen Bemerkungen Anlaß gab und ihr Verbleiben in einer guten Familie unmöglich machte«.

Frederick erblaßte. Etwas in seines Vaters Worten hatte ihn tief erschüttert. Mr. Sutherland glaubte, daß es der Tod der edlen Frau wäre, doch schon aus den ersten Worten seines Sohnes merkte er, daß dessen Gedanken bei Amabel waren, die er unmöglich mit einem Verbrechen in Verbindung bringen konnte.

»Sie war in Mrs. Webbs Hause? Wie ist das möglich? Wer würde eine junge Dame dahin mitnehmen?«

»Sie ging allein, Niemand nahm sie mit. Kein Mensch, ich selbst vermochte sie nicht zurückzuhalten, nachdem sie gehört, daß ein Mord begangen worden war. Sie drang sogar ins Haus! Als sie aus dem Totenzimmer gewiesen wurde, ging sie in den Garten und blieb dort solange stehen, bis sie Gelegenheit hatte, uns eine Blutspur zu zeigen, die uns sonst sicher entgangen wäre.«

»Unmöglich!« Frederick blickte seinen Vater an, als ob Erstaunen oder Schreck ihn starr gemacht hätte. »Amabel hätte das getan? Entweder Du scherzest oder ich träume – – was Gott geben möge . . . . . . .!«

Der Vater, der solch tiefes Gefühl in seinem Sohne nie vermutet hätte, schaute ihn erstaunt an. Doch sofort ging dies Erstaunen in Schreck über, als er ihn wanken und gegen die Wand fallen sah.

»Du bist krank, Frederick, Du bist wirklich krank. Laß mich Mrs. Harcourt rufen. Aber nein, die kann ich nicht rufen, sie ist ja die Tante des Mädchens – – –«

Frederick richtete sich gewaltsam auf.

»Rufe Niemanden, bitte«, sagte er. »Es wird mich noch manchen Schmerz kosten, sie aus meinem Herzen zu reißen – doch ich werde zuletzt siegen – ich will siegen! Was ihr Interesse an Mrs. Webbs Tod betrifft«, – wie leise er sprach und wie seine Stimme zitterte – »so mögen die Beiden besser befreundet gewesen sein, als wir wissen; eine andere Erklärung für ihr Betragen kann ich nicht finden. Bewunderung für Mrs. Webb und der Schrecken – – – – – –«

»Frühstück ist serviert, meine Herren!« rief eine durchdringende Stimme hinter ihnen. Amabel Page stand lächelnd unter der Türe.


VII.
»Heirate mich!«

»Ich möchte einen Augenblick mit Dir sprechen!«

Amabel hielt Frederick am Arm, als er eben im Begriffe war, seinem Vater zu folgen, der das Zimmer bereits verlassen.

»Ich fahre heute nach Springfield«, fuhr sie fort, ihn ins Zimmer ziehend und die Türe langsam schließend. »Es wohnt dort eine Tante von mir, im Arlington House. Wann werde ich das Vergnügen haben, Dich dort begrüßen zu können?«

»Nie!« Es lag ebenso viel Bedauern als Festigkeit in seiner Stimme. »So schwer es mir ankommt, Amabel, muß ich Dir doch sagen, daß wir, nach Deinem Weggange von hier, uns Fremde sein müssen. Freundschaft zwischen uns wäre Heuchelei und eine engere Verbindung ist nunmehr eine Unmöglichkeit«.

Es kostet ihn große Ueberwindung, ihr das zu sagen und er erwartete – ich muß sagen: hoffte aus tiefstem Herzen – sie erbleichen zu sehen, vielleicht gar zusammenbrechen. Doch sie schaute ihm einen Augenblick fest in die Augen, schob dann ihre kleine zarte Hand in seinen Arm, bis sie seine Hand erreichte, drückte diese liebend fest und zog ihn tiefer ins Zimmer. Er war machtlos. Sie hatte nie so schön, so faszinierend ausgesehen. Statt niedergedrückt zu sein, vernichtet, lächelte sie ihm zu, mit einem Lächeln, das gefährlicher war, als Tränen, denn es zeigte Bewunderung und tiefe, leidenschaftliche Liebe.

»Ich küsse Deine Hand, wie die Spanier sagen«.

Dabei beugte sie sich nieder, gerade tief genug, um ihn zwei neckische Grübchen und einen weißen Nacken sehen zu lassen.

Er wußte nicht, was er aus ihrem Benehmen machen sollte. Er glaubte, all ihre Launen zu kennen und stand nun überrascht vor diesem Rätsel von Weiblichkeit.

»Ich würdige die Ehre«, entgegnete er, »ohne zu wissen, durch was ich sie verdient habe«.

Sie schaute ihn immer noch mit demselben Ausdruck von Bewunderung an.

»Ich dachte nicht, daß ich Dir so gut sein könnte«, sagte sie. »Wenn Du Dich nicht vorsiehst, werde ich Dich eines Tages wirklich lieb haben!«

»Ah!« rief er und seine Züge zogen sich schmerzhaft zusammen, »demnach ist Deine Liebe nur eine Möglichkeit. Sehr gut, Amabel, lasse sie so bleiben; das wird Dir manchen Schmerz ersparen. Ich, der ich nicht so klug war, wie Du . . . . . .«

»Frederick!« Sie war ihm so nahe gekommen, daß er nicht die Kraft hatte, zu beenden. Sie wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu, ihre großen, sprechenden Augen und sagte langsam, Wort für Wort: »Frederick – hast Du mich wirklich so lieb?«

Er war ärgerlich – vielleicht weil er seine Vorsätze wanken fühlte.

»Du weißt es!« schrie er und trat zurück. Dann, mit plötzlich ausbrechender Leidenschaft, fast bittend, fuhr er fort: »Führe mich nicht in Versuchung, Amabel! Ich habe genug zu leiden, auch ohne daß ich meinem erst gefaßten Grundsatz untreu werde!«

»Ah!« rief sie, ihn mit allen Künsten der Koketterie an sich lockend, »Deine Gefühle haben sich bereits in einen Grundsatz verwandelt! Ich bin so vieler Liebe gar nicht wert, Frederick«.

Er verstand sie weniger denn je. Er fühlte nur, daß, gegenüber so viel Reizen, er nicht Stand zu halten vermochte und wandte sich ab.

Sie sah diese Bewegung, wußte, daß sie gesiegt und stieß ein kurzes Lachen aus, ein Lachen, faszinierend, wie ein stürzender Bach, wie fallende Perlen.

»Du kommst nach Springfield«, sagte sie dann, bei Seite gehend, um ihn zur Türe gehen zu lassen, »und recht bald!«

»Amabel«, zischte er, mit heiserer Stimme, »sag mir das Eine: liebst Du mich?« Seine Hände öffneten und schlossen sich nervös. »Du hast es mir oft gesagt, doch stets im Spaß, im Spott. Nun sagtest Du, Du könntest mich eines Tages lieben – und diesmal schien es Dir ernst gewesen zu sein! Wo liegt die Wahrheit? Sag mir's ohne Ausflüchte, ohne Koketterie, denn es ist mir – –«

Er verstummte. Ein unverständliches Gurgeln – ein konvulsivisches Zucken all seiner Gesichtsmuskeln – er stand dem Fenster gegenüber, durch das er vor wenigen Minuten geschaut, als er einen heiligen, feierlichen Eid geschworen!

»Nein, nein!« fuhr er auf, »sage nichts! Wenn Du auch schwörst, Du liebst mich nicht – ich glaube es nicht! Und sagtest Du, Du liebst mich, dann wäre es umso schlimmer, denn ich sage Dir wieder, es muß aus zwischen uns sein, alles aus! Ein heiliges Versprechen, das ich meinem – – –«

»Nun? Warum vollendest Du nicht? Wird es Dir so schwer, mit mir zu sprechen, daß Du keine Worte findest?«

»Ich habe meinem Vater versprochen, Dich nie zu heiraten. Er hat Gründe dies zu wünschen und da ich ihm Alles danke – – –«

Er stockte. Sie schaute ihn durchdringend an, immer noch das spöttische Lächeln auf den Lippen.

»Sprich die Wahrheit«, flüsterte sie. »Ich weiß ja, wie weit Du Deines Vaters Wünsche berücksichtigst! Du glaubst, nach dem, was in letzter Nacht geschah, dürftest Du mich nicht heiraten. Frederick, ich liebe Dich dieser rücksichtsvollen Schonung halber. Doch dies soll Dein Gewissen nicht drücken. Ich vergebe Dir viel mehr, als Du ahnst und wenn Du mich wirklich lieb hast – – –«

»Halt ein! Daß wir uns auch recht verstehen!« Er war totenbleich geworden und schaute sie voll Angst an. »Was soll diese Anspielung auf letzte Nacht? Ich erinnere mich nicht, daß in unserem Gespräch . . . . . .«

»Ich meinte nicht unser Gespräch«.

»Oder bei den Tänzen . . . . . . . .«

»Frederick, ein Tanz ist ein unschuldiges Vergnügen«.

»Unschuldig«, wiederholte er und ward noch bleicher, als er die Bedeutung ihrer Worte verstand, »unschuldig?«

»Ich schlich Dir nach, als Du in die Stadt gingst«, flüsterte sie, näher kommend und ihm ins Ohr zischend; »doch was ich dort sah, soll mich nicht daran hindern, Dir zu folgen, wenn Du sagst: komm mit mir, Amabel, von nun an soll unser Leben eins sein!«

»Mein Gott!«

Das war Alles, was er sagen konnte. Doch diese beiden Worte brachten eine weite Kluft zwischen ihm und ihr. Während auf ihren Lippen noch immer ein Lächeln lag – nicht mehr jenes faszinierende, packende, nein ein tückisches, teuflisches – zeigte sich auf seinen Zügen, nachdem die erste Bestürzung erst vorüber war, ein Ernst, ein Entschluß, wie er ihn nie im Leben besessen.

»Ich weiß nicht, was Du gesehen hast«, sagte er und schob sie langsam aber fest zurück, »doch was es auch gewesen sein mag: es wird nichts ändern in dem Verhältnis zwischen Dir und mir!«

Ihre Stimme, die vorhin flüsternd gewesen, war jetzt kaum vernehmbar.

»Ich blieb nicht an der Türe stehen, durch die Du eintratst – – ich folgte Dir ins Haus! Es dauerte lange, ehe Du wieder heraus kamst – – – doch vorher ward die Jalousie eines gewissen Fensters bei Seite geschoben und – – – –«

»Sssst!« zischte er leidenschaftlich und preßte seine Hand auf ihren Mund, »kein Wort mehr davon oder ich vergesse, daß Du ein Weib bist und daß ich Dich je geliebt!«

In ihren Augen blitzte es auf, wie Siegesflammen. Er sah dies, ließ seine Hand fallen und schaute sie an – zum ersten Male mit sehenden Augen, nicht mit liebenden . . . . . . .

»Ich war die einzige Person, die sich in der Nähe befand«, fuhr sie fort. »Du hast also von niemanden etwas zu fürchten – – –«

»Fürchten?«

Das Echo warf das Wort zurück – sie brauchte es nicht zu wiederholen. Sie sah ihn an – sie merkte, wie er erschauerte – wie er all seiner Kraft bedurfte, sich aufrecht zu halten – sie sah seinen Blick, den kalten, eisigen – sie wußte, daß seine Liebe tot war – – da wechselte sie die Farbe – das Lächeln verschwand von ihren Lippen – ihre Pulse flogen und in wilder Leidenschaft schrie sie auf:

»Heirate mich oder ich zeige Dich an, als den Mörder von Agatha Webb!«


VIII.
Ein Teufel.

Nachdem Frederick Sutherland sich von seiner ersten Ueberraschung erholt, fragte er bitter: »Was erwartest Du von einer Verbindung mit mir, der Du den letzten Rest von weiblicher Würde opfern willst?«

Diese Frage hatte sie am wenigsten erwartet. Wild fuhr sie auf:

»Was ich erwarte? Frage die Hyäne, weshalb sie frei sein will! Was ich erwarte? Wie kannst Du ein armes Mädchen, wie ich es war und bin, fragen? Ich bin geboren in einer kleinen, engen Stube, mit dem Ehrgeiz und der Leidenschaft einer Königin! Ich will die Tochter des reichen Mr. Sutherland werden, die – ob willig oder unwillig – Zutritt zu den ersten Familien in Boston hat! Ich will hinauf auf die höchste Stufe der gesellschaftlichen Macht – ich kann! – ich will!«

»Und dafür – – –«

»Und dafür« unterbrach sie ihn, will ich das Blut übersehen, das an Deinen Händen klebt. Ich bin überzeugt, Du wirst die gestrige Tat nicht wiederholen und ich bin bereit, Dein Geheimnis durchs ganze Leben mit Dir zu tragen. Wenn Du mich gut behandelst, werde ich Dir die Last leicht machen«.

Da stieg ihm das Blut in den Kopf – er richtete sich auf – warf den Kopf zurück – wie schön er war, wenn erst das bessere Selbst in ihm erwachte! – und

»Weib!« schrie er, »sie haben recht: Du bist ein Teufel!«

Sie lächelte, als ob sie das Gesagte als Kompliment betrachtete.

»Ein Teufel, der sich auf Männer versteht«, antwortete sie, sarkastisch lächelnd, mit sprühenden Augen. »Du wirst nicht gar lange zum Ueberlegen brauchen – vielleicht eine Woche . . . . . . .«

»Nicht eine Sekunde! Ein Entschluß wird mir um so leichter, als ich Dich nun gesehen, wie Du wirklich bist! Du wirst nie eine Last als meine Gattin mit mir tragen!«

»Schade«, flüsterte sie, »ich hätte Dir so gerne unnötige Aufregungen erspart . . . . Eine Woche ist ja nicht lange – – –. Ich halte Dich fest, Frederick! Heute über eine Woche, pünktlich um zwölf Uhr – – –«

Zum Aeußersten getrieben, in höchster Wut ergriff er ihren Arm und schüttelte sie wild. Ein Schrecken erfaßte ihn, den er nicht bemeistern konnte, so sehr er sich auch zu bezwingen suchte.

»Ist das Dein Ernst?« schrie er.

»Mein bitterer Ernst! Weißt Du, wo ich eben herkomme? Von den Büschen, bei denen wir oft gesessen. Ein hohler Baum, den wir beide nur zu gut kennen, birgt ein Paket, das über eintausend Dollars enthält . . . . . Frederick, ich halte Dein Leben in meinen Händen!«

Kraftlos fiel seine Hand hernieder. Er gab es auf, dem Eindruck widerstehen zu wollen, den ihre Worte auf ihn machten. Er sank in einen Stuhl, preßte die Hände vors Gesicht und senkte langsam den Kopf.

Ein triumphierendes Lächeln flog über ihre Züge.

»Wenn Du nach Springfield kommen willst, ehe die Woche vorüber ist«, sagte sie, »umso besser. Je eher ich Dich habe, desto lieber; nur länger als eine Woche darf es nicht dauern, keine Stunde länger! Und nun, wenn Du mich gütigst entschuldigen willst, werde ich gehen und meine Koffer packen«.

Er schauerte; ihre Stimme zerfleischte ihm Ohr und Herz, doch er bewegte sich nicht.

»Du brauchst während dieser Woche keine Angst zu haben«, fuhr sie fort; »nicht mit glühenden Zangen können sie mir die Wahrheit entreißen, solange ich noch einen Schimmer von Hoffnung sehe, daß Du tun wirst, was ich verlange«.

Er saß immer noch unbewegt.

»Frederick!«

War sie es, die so viel Liebe in das eine Wort legte? Wohnen Teufel und Engel in einer Brust?

»Frederick, ich will Dir nur noch ein Wort sagen, ein letztes Wort: bis zu dieser Stunde ließ ich Deine Aufmerksamkeiten willig über mich ergehen – sagen wir, ich nahm sie an, denn ich fand Dich stets lieb und nett und gestattete Dir gerne die Herrschaft über mein Herz. Doch jetzt ist es Liebe, was ich fühle, wahnsinnige Liebe und Liebe ist bei mir kein Spiel, nein, eine heiße, tiefe Leidenschaft – hörst Du? eine Leidenschaft, die dem Manne, der sie geweckt, das Leben zum Himmel oder zur Hölle machen kann!«

Und mit einem Blicke, in dem sich Liebe mit Haß stritten, beugte sie sich nieder und drückte einen brennenden Kuß auf seine kalte Stirne. Dann ging sie.

– – – so glaubte er. Doch als er nach einigen Minuten seelischer Qualen sich erhob und das Zimmer verließ, fand er, daß sie in der Halle von zwei oder drei Männern angehalten worden war, die soeben ins Haus getreten.

»Sind Sie Miß Page?« fragten sie.

»Ja, ich bin Miß Page – Amabel Page. Wenn sie mich sprechen wollen, machen Sie es, bitte kurz. Ich habe nicht viel Zeit, da ich in einer Stunde die Stadt verlasse«.

»Eben deshalb sind wir hier«, erklärte ein schlanker, bleicher junger Mann. »Dr. Talbot läßt Ihnen sagen, daß Sie sich für die Untersuchung über die Todesursache von Agatha Webb als Zeugin bereit zu halten haben und vor Beendigung der Verhandlungen die Stadt nicht verlassen dürfen«.

»Ich als Zeugin?« rief sie mit wohlgespieltem Erstaunen, indem sie ihre großen braunen Augen weit öffnete, »was habe ich dabei zu tun?«

»Sie machten die Herren auf eine Spur im Grase aufmerksam und – – den Wünschen des Untersuchungsrichters muß eben Folge geleistet werden, Miß Page. Wenn Sie dennoch versuchen sollten, die Stadt zu verlassen, setzen Sie sich der Gefahr aus, verhaftet zu werden.«

»Da bleibe ich lieber hier«, sagte sie lächelnd, und Frederick anschauend, setzte sie hinzu: »denn ich möchte nicht gern arretiert werden. Mr. Sutherland«, sprach sie den alten Mann an, der eben unter der Türe des Speisesaals erschien, »ich bin leider gezwungen, Ihre Gastfreundschaft noch einige Tage länger in Anspruch nehmen zu müssen. Diese Herrn hier sagten mir soeben, daß das unschuldige Interesse, das ich heute früh gezeigt, indem ich sie auf eine Blutspur in Mrs. Webbs Garten aufmerksam machte, jemandes Neugierde erregt habe und der Untersuchungsrichter mich als Zeugin wünscht«.

»Des Richters Wünsche sind in solchem Falle Befehl«, entgegnete Mr. Sutherland, näher tretend.

Zu seinem Sohne sprach er nicht. Der Blick aber, den er ihm zuwarf, wurde von den Anwesenden nicht so schnell vergessen.


IX.
Ein Engel.

An diesem Tage sprach man in Sutherlandtown über nichts anderes, als über Agatha Webb.

Ihr Leben war kein sonniges gewesen. Sie und Philemon kamen vor etwa zwanzig Jahren von Portchester, um dem traurigen Andenken zu entfliehen, das sie mit jenem Platze verband. In dem Kirchhofe zu Portchester standen sechs kleine Hügel, darunter der Beiden Kinder lagen. Trotz dieser erdrückenden Verluste – wie deutlich sie in der armen Eltern Zügen zu sehen waren! – beteiligten sie sich eifrig am öffentlichen Leben des kleinen Städtchens und zählten zu den hervorragendsten Bürgern, bis Philemons Gesundheit zusammenbrach und Agatha sich ihm allein widmete.

Nur Gutes ward über Agatha Webb gesprochen, vom Portchester Green bis zu der Werft in Sutherlandtown.

Bei Pastor Brainerd hörte man Agathas Bescheidenheit und Einfachheit loben – seltene Tugenden unter Frauen eines Seeplatzes.

»Für eine Frau von solcher Schönheit« sagte der Pastor, »und ich glaube, ich darf ruhig behaupten, daß keine Frau edlere Züge hatte, zeigte sie eine merkwürdige Einfachheit in ihrer Kleidung. Kaliko zu Hause und Kaliko in der Kirche; und doch sah sie in diesen einfachen, dunkeln Kleidern vornehmer aus, als Mrs. Webster in Seide oder Mr. Parsons in ihrem Tausend-Dollars-Seehund-Pelz«.

»Ich meine«, warf die älteste Tochter ein, »sie hätte sich wohl etwas feiner kleiden können, statt mit ihrer Armut zu brüsten. Wenn einer wirklich zu arm ist, sich bessere Kleider zu kaufen – gut; man sagt aber, sie besäßen mehr Geld, als jemand in der Stadt. Wer das viele Geld wohl erben wird?«

»Philemon natürlich. Er hat es auch jedenfalls verdienen helfen«.

»Ist es wahr, daß er seit ihrem Tode ganz den Verstand verloren hat?« fragte ein Nachbar, der zu Besuch da war.

»So sagt man. Ich glaube, die Witwe Jones hat ihn zu sich genommen«.

»Glaubst Du«, fragte eine andere Tochter, »daß er Schuld an ihrem Tode hat? Einige sagen, er hätte sie ermordet, während andere erklären, es sei ein Fremder gewesen, ein alter Mann mit einem langen Barte«.

»Darüber wollen wir nicht sprechen«, unterbrach sie der Vater. »Die Zeit wird es lehren, wer uns die gutherzigste und edelste Frau in diesem Teil des Landes raubte«.

»Wird die Zeit auch lehren, wer Batsy tötete?« fragte die Jüngste. »Mir tut sie herzlich leid. Sie war immer so freundlich, wenn sie mich sah«.

»Batsy war eine gute Seele«, sagte die Mutter. »Ich erinnere mich noch wie heute: als sie damals mit dem Wrack des schwedischen Schiffes eingebracht wurde, stritt Agatha und ich, wer sie haben sollte. Ich hatte nicht die Geduld, sie die englischen Namen aller Töpfe und Pfannen zu lehren und so überließ ich sie Agatha und bin froh, daß ich es tat; ich konnte ihr Geschwätz nie verstehen«.

»Ich verstand sie ausgezeichnet«, warf die Jüngste ein. »Sie gebrauchte schwedische Ausdrücke nur dann, wenn sie erregt war und ich regte sie nie auf«.

»Ob sie wohl auch den Boden unter Deinen Füßen angebetet hätte, wie sie es bei Agatha tat?« fragte der Pastor seine Frau mit schelmischem Augenblinzeln.

»Dafür bin ich auch nicht die gutherzigste und edelste Frau in diesem Teile des Landes«, entgegnete diese und klapperte mit den Stricknadeln.


* * *


In Mr. Spragues Haus, auf der andern Seite des Weges, erzählte der Amtmann Fischer alte Geschichten aus Portchesters frühen Tagen.

»Ich kannte Agatha, als sie noch ein junges Mädchen war«, sagte er. »Sie war die gebildetste und liebenswürdigste aller jungen Damen zwischen der Küste und Springfield. Damals kleidete sie sich nicht in Kaliko. Sie trug die besten Kleider, die ihr Vater kaufen konnte und der alte Jakob hatte Geld genug, sie herauszuputzen, wie keine andere der Stadt. Wie wir jungen Leute sie verehrten und wie weit wir gingen, um ein Lächeln von ihr zu erhaschen! Zwei von uns, John und James Zabel, sind ihrethalben noch heute ledig. Ich war nicht so mutig; ich heiratete und . . . . . . .«

Etwas, das man ebensogut als Lachen, wie als Seufzen aufnehmen konnte, vollendete den Satz.

»Wieso trug Philemon den Preis davon? Durch seine Schönheit?«

»Vielleicht – vielleicht wars Glück. Sein Mut wars nicht, das kann ich getrost behaupten. James Zabel hatte Mut und er hatte auch die besten Chancen; dann aber kam etwas vor – ich weiß heute noch nicht, was es war, doch soll es sehr ernster Natur gewesen sein – und das Verhältnis wurde abgebrochen. Später heiratete sie Philemon. Du siehst, ich kam gar nicht in Frage, trotzdem ich drei Jahre lang an nichts dachte, als an Agatha. Ich bewunderte ihren Geist; der war noch gewinnender, als ihre Schönheit und die war gewiß einnehmend. Sie regierte uns mit eiserner Faust und doch beteten wir sie alle an. Ich war überrascht, sie in den letzten Jahren so bescheiden zu sehen. Ich hätte nie geglaubt, daß sie sich mit einem Backsteinhaus begnügen könnte und mit einem Manne, der halb verrückt ist. Und doch hat kein Mensch sie je klagen hören. Die Art, wie sie ihr Unglück trug, machte sie noch verehrungswerter als damals die Schönheit, die alle jungen Leute von Portchester zu ihren Füßen brachte«.

»Vielleicht war es der Verlust ihrer Kinder, der sie solch einfachem Leben zuführte. Eine Mutter kann nicht sechs Kindern nacheinander die Augen schließen, ohne des Lebens Ernst in sich aufzunehmen«.

»Gewiß, sie und Philemon hatten viel Unglück. Aber, wie gesagt, sie war das schönste Mädchen weit und breit. So schöne sieht man heute gar nicht mehr«.


* * *


In einem kleinen Häuschen am Hügel nährte eine Mutter ihr Kind, während sie von Agatha Webb sprach. »Ich werde im Leben die Nacht nicht vergessen, in der mein erstes Kind krank ward«, erzählte sie. »Ich war eben erst vom Bett aufgestanden und hatte damals auch keine näheren Nachbarn, als jetzt; ich war ganz allein am Hügel – Alec war auf See. Ich war damals noch zu jung, um etwas von Kinderkrankheiten zu verstehen, doch empfand ich, daß ich Hilfe haben müßte, ehe es Morgen ward, sonst würde mein Kind sterben. Ich konnte kaum durchs Zimmer gehen, doch ich schlang mein Kopftuch um, nahm mein Kindchen in die Arme und öffnete die Türe. Klatschender Regen schlug mir ins Gesicht. Draußen fegte ein Sturm – und ich hatte es nicht bemerkt; die Sorgen um mein Kind nahmen mich ganz gefangen. Ich konnte unmöglich durch den Regen gehen. Ich war so schwach, ich sank in die Knie und war völlig durchnäßt, ehe ich mich aufraffen und ins Zimmer zurück wanken konnte. Das Kind fing an zu jammern – mir wards dunkel vor den Augen – da hörte ich eine starke, wohlklingende Stimme draußen rufen: »Kann ich im Hause hier bleiben, bis sich der Sturm gelegt hat? Ich kann in der Dunkelheit meinen Weg nicht finden«.

Ich blickte auf und sah unter der Türe eine Frau stehen, die mich mit Engelsaugen anschaute. Ich kannte sie damals noch nicht, doch war ihr Gesicht ein solches, das Trost selbst dem bedrängtesten Herzen bringen mußte. Ich hielt ihr mein Kind entgegen und schrie: »Mein Kind stirbt! Ich wollte zum Doktor laufen, doch meine Knie tragen mich nicht. Helfen Sie mir! Sie sind selbst Mutter und ich –«

»Ich mußte ohnmächtig geworden sein. Als ich er wachte, lag ich am warmen Ofen und als ich die Augen aufschlug, sah ich ihr engelgleiches Gesicht über mich gebeugt. Sie war so bleich, wie das Linnen, das ich um meines Kindes Hals gebunden und ihr Busen hob und senkte sich schnell – wars aus Schreck oder Mitleid, dachte ich.

»Ich wünschte, Sie hätten eine Andere, die Ihnen helfen könnte«, sagte sie. »Kinder sterben in meinen Armen und welken an meiner Brust. Ich darf Ihr Kind nicht anrühren, so gerne ich auch möchte! Doch zeigen Sie mir sein Gesicht; vielleicht kann ich Ihnen sagen, was Sie tun sollen«.

»Ich zeigte ihr des Kindes Gesicht. Sie beugte sich über das Kleine, zitternd, bleich, so zitternd und so bleich, wie ich selbst«.

»Das Kind ist sehr krank«, sagte sie; »doch wenn Sie tun wollen, was ich Ihnen sage, können Sie es vielleicht retten«.

»Dann gab sie mir Anweisungen, was ich tun sollte und half mir, soviel sie konnte. Doch sie legte keinen Finger an das Kind, obwohl – ich konnte es deutlich merken – sie ihr Herzblut darum gegeben hätte, es gesunden zu sehen. Und es ward gesund! Nach etwa einer Stunde schlief es ruhig und friedlich und die schreckliche Sorge war von meinem Herzen genommen – und von dem ihren. Als der Sturm aufhörte und sie gehen konnte, küßte sie mich; doch der Blick, mit dem sie mich anschaute, sprach inniger, als Küsse . . . . Der liebe Gott hat sicher das Gute vergessen, das sie an mir getan, als er sie so schrecklich morden ließ«.


* * *


Bei Pastor Crane sprach man von dem Ausdruck seelischer Ruhe, der auf der Toten Zügen lag.

»Ich kannte sie seit dreißig Jahren«, erklärte der Pastor, »und sah nie zuvor solch vollkommenen Frieden auf ihren Zügen. Es ist dies erstaunlich, wenn man die näheren Umstände in Betracht zieht. Glauben Sie, daß sie des Lebens Kampf so überdrüssig gewesen sein kann, daß sie den Tod als Erlösung betrachtete, selbst einen gewaltsamen Tod?«

Ein junger Rechtsanwalt, der gerade von New York angekommen war, antwortete: »Ich sah die Frau nie, von der Sie reden und weiß auch über die näheren Umstände ihres Todes nur das, was ich von Ihnen hörte. Doch aus den sich so auffallend widersprechenden Tatsachen: ihr Ausdruck und der gewaltsame Tod, schließe ich, daß etwas mehr hinter dem Verbrechen steckt, als bis jetzt gefunden wurde«.

»Mehr? Es liegt ein ganz einfacher Raubmord vor. Natürlich weiß man noch nicht, wer der Mörder ist, doch man kennt unzweifelhaft das Motiv und das war: ihr Geld. Das ist vollkommen klar!«

»Wollen Sie eine Wette eingehen, daß dies nicht alles ist?«

»Sie vergessen den Rock, den ich trage«, entgegnete der Pastor.

»Das ist wahr«, sagte der andere lächelnd. »Ich wollte auch nur damit andeuten, wie stark meine Ueberzeugung ist, daß es sich hier um mehr handelt, als um ein einfaches Verbrechen«.


* * *


In Portchester saßen zwei Frauen zusammen. »Agatha war bei mir zum Tee«, erzählte die eine, »als ihre Schwester Sairey gerannt kam, mit der Nachricht, ihr Kind sei krank. Das war Agathas erstes Kind, weißt Du«.

»Gewiß, war ich doch dabei, als das Kind geboren ward«, entgegnete die andere. »Ich sah nie solche Freude, als da ihr der Doktor sagte, das Kind lebe. Ich weiß eigentlich nicht, weshalb sie erwartete, daß das Kind tot wäre, doch sie dachte so und ihre Freude war umso größer, als sie es leben sah«.

»Nun, lange hat sie nicht Freude dran gehabt. Der arme Junge starb bald. Doch ich wollte ja von dem Abend erzählen, als sie zuerst hörte, der Junge sei krank. Philemon hatte gerade einen guten Witz erzählt und wir alle lachten. Da trat Sairey herein. Ich sehe Agatha noch. »Mein Baby!« schrie sie und sprang auf, noch ehe ihre Schwester ein Wort gesprochen hatte, »mein Baby ist krank!« Und obwohl die Schwester ihr sagte, der Junge krächze nur etwas, sei aber nicht krank, warf sie Philemon einen Blick zu, unter dem dieser ebenso erblaßte, als Agatha beim Eintreten ihrer Schwester. Eine Woche darauf starb das Kindchen und nie kehrte der alte Frohsinn, das alte Glück wieder bei ihnen ein. Ein zweites Kind kam – und starb; ein drittes, viertes und so fort, bis sechs kleine, unschuldige Kinder neben einander begraben lagen«.

»Ich weiß es; und es war traurig genug, wo sie doch Beide Kinder so herzlich gern haben. Ja, des Herrn Wege sind dunkel. Jetzt ist auch sie dahin gegangen, und Philemon –«

»Wird ihr auch bald folgen«, vollendete die andere. »Der kann nicht ohne Agatha leben«.


* * *


Der alte Totengräber von Sutherlandtown, der eben die sechs kleinen Gräber im Kirchhof zu Portchester gesehen hatte, wohin er gesandt worden war, um eine Stelle für die arme Mutter auszusuchen, sprach mit seiner Frau über das Gesehene.

»Ich habe fast mein ganzes Leben in Kirchhöfen verbracht«, sagte er; als ich aber die sechs kleinen Hügel sah und die Grabschriften darüber las, traten mir doch die Tränen in die Augen. Denke Dir nur, auf dem ersten kleinen Stein standen diese Worte:


Stephen
Sohn von Philemon und Agatha Webb,
starb im Alter von sechs Wochen.
* * *
Gott sei mir Sünder gnädig!


Was soll das nun bedeuten? Hast Du im Leben so eine Grabschrift gesehen?«

»Nein«, entgegnete die alte Frau. »Vielleicht war sie eine von den Calvinisten, die glauben, Kinder, die nicht getauft sind, kommen nicht in den Himmel«.

»Ihre Kinder waren aber getauft, einige sogar, ehe sie selbst noch außer Bett war, sagte man mir. »Gott sei mir Sünder gnädig«. Ist das eine Grabschrift für ein kleines, unschuldiges Wesen? Merkwürdig, höchst merkwürdig«.

»Was stand über dem Grab des Kindes, das der Blitz in ihren Armen erschlug?«

» . . . Und er war nicht für diese Welt und Gott nahm ihn zu sich«.


* * *


Farmer Waite hatte nur Weniges zu sagen:

»Sie kam zu mir, als Sissy die Blattern hatte. Sie war die einzige Person, die sich zu mir ins Haus getraute. Mehr als das: als Sissy gesund geworden und ich den Doktor zahlen wollte, sagte der mir, die Rechnung wäre schon beglichen. Damals wußte ich nicht, wer soviel Liebe für seine Nebenmenschen und soviel Geld besaß; heute weiß ich es«.


* * *


Viele edle Taten der letzten zwanzig Jahre, deren Urheber man bis heute nicht gekannt, kamen an diesem Tage ans Licht. Unter anderm die Erziehung eines gewissen jungen Mannes, der heute Pastor ist. Auch Herzensangelegenheiten spielten eine Rolle. Ein junges Mädchen, das äußerst feinfühlend war und ihre Eltern mehr fürchtete, als liebte, war einem jungen Manne verlobt worden, den sie nicht leiden mochte. Obwohl Jedermann ihr Elend sah, wagte es doch Niemand, für sie ein Wort zu den Eltern zu sprechen. Da hörte Agatha die Geschichte. Sie riet dem Mädchen – obwohl es kaum vierzehn Tage vor der Hochzeit war – den jungen Mann aufzugeben und als diese ihr erklärte, es fehle ihr hierzu der Mut, sprach Agatha selbst mit dem jungen Mann. Die Hochzeit fand nicht statt, der junge Mann verließ die Stadt . . . des Mädchens Dankbarkeit aber kannte keine Grenzen.

Man erzählte sich zahllose Geschichten von ihrem Mut, mit dem sie für die Schwachen eintrat und für alle, auf deren Seite das Recht war. Die Frauen sprachen von ihrem Takt, ihrem Mitgefühl und der liebenden Sorgfalt, mit der sie Verirrte auf den rechten Weg zurückwies.


* * *


Mr. Halliday und Mr. Sutherland sprachen über Agatha Webbs geistige Fähigkeiten. Sie besaß solch ausgeprägten Charakter und solch einfaches Wesen, daß Wenige den edlen Geist berücksichtigten, der all ihrem Tun zu Grunde lag. Die beiden Herren indes wußten diesen Geist voll zu würdigen und es war im Verlauf deren Gespräch, daß eine Stimme Frederick, der still zugehört hatte, also anredete:

»Du scheinst die einzige Person in der ganzen Stadt zu sein, die nichts über Agatha Webb zu sagen weiß. Hast Du nie mit ihr gesprochen? Es wäre doch kaum denkbar, daß Du Aug in Aug ihr gegenüber gestanden und nichts von ihrem Einfluß zu sagen wüßtest«.

Es war Agnes Halliday, welche so gesprochen. Sie war mit ihrem Vater herüber gekommen, um mit Mr. Sutherland zu plaudern. Sie war eine von Fredericks Spielkameradinnen gewesen, doch eine, der er sich nie angeschlossen und die ihn nicht leiden konnte. Er wußte dies ebenso gut, als jeder Andere in der Stadt und wandte er sich ihr daher nur zögernd zu, als er antwortete:

»Ich erinnere mich nur einer einzigen Begegnung . . .«

Er stockte; sein Blick wanderte aus dem Fenster in den Garten, wo Amabel stand und Blumen pflückte. Sie hatte jedenfalls Miß Hallidays Bemerkung gehört und warf Frederick einen bezeichnenden Blick zu.

»Ich erinnere mich nur einer einzigen Begegnung mit Mrs. Webb«, wiederholte dieser, indem er sich gewaltsam faßte, »von der ich erzählen kann. Vor vielen Jahren, als ich noch ein Junge war, spielte ich mit andern Knaben auf der Wiese. Wir hatten Streit über einen Ball bekommen, ich war ärgerlich und fluchte gottsträflich. Plötzlich sah ich Mrs. Webb vor mir stehen. Sie trug ein einfaches Kleid, wie gewöhnlich und einen Korb am Arme. Doch ihr Gesicht strahlte solche Hoheit aus, daß ich nicht wußte, sollte ich meinen Kopf in den Falten ihres Kleides bergen oder meiner ersten Eingebung folgen und davon laufen. Sie bemerkte meine Scham und, mich am Kinn fassend, hob sie meinen Kopf zu sich empor und sagte: »Kleiner Junge, ich habe schon sechs Kinder begraben, alle jünger als Du, und lebe nun mit meinem Manne ganz mutterseelen allein. Wie oft, wie oft habe ich gewünscht, daß nur eins der lieben Kleinen am Leben wäre. Doch hätte mich der liebe Gott vor die Wahl gestellt, sie jung und unschuldig sterben zu sehen oder, aufgewachsen, sie so fluchen zu hören, wie Du es eben getan, ich hätte Gott gebeten, sie von mir zu nehmen – – wie er es getan. Du hast eine Mutter! Breche ihr nicht das Herz, indem Du den Namen Gottes mißbrauchst, den sie verehrt . . . .« Dann küßte sie mich auf die Stirne und – so merkwürdig es auch scheinen mag – soviel Torheiten, soviel Unrecht ich auch seither begangen, von jenem Tage an bis zu dieser Stunde kam kein Fluch mehr über meine Lippen – – – und ich danke dem Schöpfer dafür«.

Es lag soviel Wahrheit, soviel tiefes, ehrliches Empfinden in seiner Stimme, daß ihn alle erstaunt ansahen; hatte doch niemand solches Fühlen in ihm erwartet. Selbst Miß Halliday vergaß ihre üblichen Spöttereien und so herrschte tiefe, ernste Stille – – – – die plötzlich durch ein schrilles, spöttisches Lachen unterbrochen ward . . . . .

Es kam von Amabel, die draußen im Garten sich einen Strauß frischer Blumen gepflückt hatte.


X.
Detektiv Knapp kommt an.

In einem kleinen Zimmer des Gerichtshofes saßen inzwischen drei Männer zusammen: Dr. Talbot, Mr. Fenton und ein Rechtsanwalt Namens Harvey. Es war der letztere, der sprach und von Mrs. Webb erzählte.

Harvey war bekannt als ein überaus tüchtiger Anwalt, von tadellosem Rufe. Wenn er sprach, sprach er gut, doch zog er es meist vor, zuzuhören. Er wußte Geheimnisse zu bewahren, wie kein anderer. Er war dreimal verheiratet gewesen; böse Zungen behaupteten, daß er so das Schweigen gelernt habe. Um seinen Tisch saßen noch heute dreizehn Kinder.

»Vor etwa fünfzehn Jahren«, erzählte Harvey, »kam Philemon zu mir und übergab mir eine Summe Geldes, die er für seine Frau angelegt wissen wollte. Er hatte das Geld bei einer kleinen Spekulation verdient und wollte es für seine Frau anlegen, ohne daß diese oder die Nachbarn etwas davon erführen. Ich fertigte die nötigen Papiere aus, die er voll Freude unterzeichnete und legte das Geld nach reiflicher Ueberlegung in einem Unternehmen in Boston an, das mir gut erschien. Es war dies der beste Zug, den ich je im Leben machte. Nach einem Jahre hatte sich das Kapital verdoppelt und nach fünf Jahren war es – mit den Zinsen – so angelaufen, daß wir – Philemon und ich – beschlossen, ihr zu sagen, wie reich sie sei und ihre Dispositionen zu erwarten, was mit dem Gelde geschehen sollte. Ich hoffte, sie würde nun ihre Lebensweise ändern, die mir nicht im Einklang schien mit ihrem Einkommen und ihren geistigen Fähigkeiten; es ward mir indes bald klar, daß ich Agatha falsch beurteilte. Als sie hörte, wie reich sie war, schaute sie uns erst erschrocken an; dann warf sie sich in Philemons Arme und weinte bitterlich, während der arme Mensch so verwirrt dastand, als habe er ihr Nachricht von einem großen Verlust statt von einem großen Gewinn gebracht. Sie dachte wohl an ihre toten Kinder und was sie nun für dieselben tun könnte, wären dieselben am Leben. Doch sie sprach nicht davon. Nachdem die erste Erregung vorüber, sagte sie zu Philemon: »Du wolltest mich glücklich machen, Philemon, und Du sollst Dich nicht getäuscht haben. Wir wollen das Geld benutzen, den Armen der Stadt zu helfen«. Er sah auf ihr einfaches kardinalfarbenes Kalikokleid und sagte bescheiden: »Denkst Du nicht, wir sollten uns nun etwas besser kleiden und daß Du vielleicht ein seidenes Band an Deinem schönen Hals tragen könntest?« Sie antwortete nicht, sondern schaute ihn nur an, mit einem Blicke, aus dem ihre ganze Seele sprach. »Agatha hat recht«, sagte daraufhin Philemon zu mir, »wir brauchen keinen Luxus. Ich kann wirklich nicht begreifen, wie ich so was sagen konnte«. Das war vor zehn Jahren und ihr Vermögen wuchs immer mehr an. Ich wußte damals nicht – und weiß es heute noch nicht – weshalb sie ihr Glück so geheim gehalten wissen wollte. Doch da es ihr ausdrücklicher Wunsch war, habe ich denselben natürlich respektiert. Das Geld, das offenbar die indirekte Ursache ihres Todes gewesen, waren die Zinsen, die ich ihr vorgestern überbracht hatte. Es waren eintausend Dollars in nagelneuen Scheinen, teils fünf, teils zehn, auch einige Zwanzig-Dollars-Scheine dabei und ich darf wohl behaupten, daß kein anderes neues Geld in solchem Betrage in der Stadt war«.

»Zeigen Sie allen Geschäftsleuten der Stadt an, genau aufzupassen, wer mit neuem Gelde bezahlt«, sagte Dr. Talbot zu Fenton. »Neue zehn oder zwanzig Dollars-Noten zirkulieren hier nicht jeden Tag. Was nun ihr Testament betrifft, hast Du das auch aufgesetzt, Harvey?«

Nein, ich wußte nicht einmal, daß sie ein solches gemacht hatte. Ich machte sie oft auf eine solche Notwendigkeit aufmerksam, doch hat sie es immer zu verschieben gewußt. Nun, scheint es, hat sie doch ein Testament gemacht und zwar in Boston. Sie dachte vermutlich, sie könnte ihrem alten Freunde nicht zu viele Geheimnisse anvertrauen«.

»Dann weißt Du nicht, wem sie ihr Geld hinterlassen?«

»So wenig als Du«.

Der Eintritt eines jungen Mannes, einen Zwicker auf der Nase, unterbrach das Gespräch.

Sofort standen alle erwartungsvoll auf.

»Nun? fragte Dr. Talbot.

»Nichts Neues«, erwiderte der Angekommene. Die ältere Frau starb an Blutverlust, infolge einer Wunde, die ihr vermittelst eines kleinen, dreischneidigen Dolches beigebracht worden war, während die jüngere an Apoplexie starb, veranlaßt durch plötzlichen großen Schrecken.«

»Gut. Ich freue mich, daß meine Annahme sich als richtig erwiesen. Blutverlust? Was? Demnach war der Tod kein plötzlicher?«

»Nein«.

»Sonderbar!« sagten die beiden andern. »Sie lebte und rief doch nicht um Hilfe!«

»Wahrscheinlich hat niemand sie gehört«, warf der Arzt ein, der aus einer andern Stadt war.

»Oder wenn jemand sie hörte, so war dies nur Philemon«, bemerkte der Polizist. »Jedenfalls veranlaßte ihn etwas, nach oben zu gehen«.

»Ich bin noch nicht so fest überzeugt, daß Philemon nicht der Mörder ist«, sagte der Untersuchungsrichter, trotzdem das Geld nirgendwo im Hause gefunden ward. Wie anders läßt sich sonst seine Ruhe erklären, mit der er die Nachricht ihres Todes anhörte? Hätte ein Fremder sie getötet, Agatha Webb hätte sich sicher gewehrt. Man merkt im Zimmer aber nichts von einem Kampfe«.

»Sie hätte sich jedenfalls auch gegen Philemon gewehrt, hätte sie die Kraft und die Möglichkeit besessen. Mir scheint, sie ward im Schlaf überfallen«.

»Ah. Und nicht am Tische stehend? Wie kamen dann die Blutstropfen dahin?«

»Vielleicht von den Fingern des Mörders«.

»Philemons Hände waren nicht blutig«.

»Nein, er wischte sie an seinem Aermel ab«.

»Wenn er es war, der den Dolch gegen sie zückte, wo ist der Dolch? Er müßte doch irgendwo im Hause gefunden werden«.

»Vielleicht hat er ihn im Garten vergraben. Geisteskranke kommen oft auf merkwürdig verschlagene Gedanken«.

»Wenn Sie den Dolch innerhalb des Zaunes finden können, will ich Ihnen recht geben. Einstweilen glaube ich nicht an Ihre Theorie. Meine Ansicht vielmehr ist – –«

»Würden Sie die Güte haben, mit Ihrer Ansicht zurückzuhalten, bis ich die meinige formuliert habe«, unterbrach den Sprecher eine Stimme von außen. Alle wandten sich um. Unter der Türe stand ein Mann mit glattgestrichenen schwarzen Haaren und ausdruckslosen Zügen. Hinter ihm kam Abel, Schirm und Reisetasche in der Hand.

»Der Detektiv von Boston«, rief Abel.

Dr. Talbot begrüßte ihn.

»Knapp ist mein Name«, begann der Detektiv. »Ich habe bereits mein Abendessen eingenommen und bin bereit, meine Arbeit sofort zu beginnen. Ich habe die Zeitungen gelesen und bin über alles orientiert, was bis jetzt offiziell bekannt ist. Ich möchte nur noch die Tatsachen wissen, die seither festgestellt wurden – Tatsachen, verstehen Sie, keine Theorien. Ich lasse mich nie durch anderer Leute Theorien beeinflussen«.

Dr. Talbot, dem die Art und Weise dieses Mannes, seine Wichtigtuerei und Selbstüberhebung nicht zusagte, wies ihn an Mrs. Fenton, der ihm alles mitteilte, was er und seine Leute bisher festgestellt hatten. Als er geendet, nahm Mr. Knapp seinen Hut und wandte sich der Türe zu.

»Ich werde zuerst nach dem Hause gehen und sehen, was ich selbst feststellen kann. Darf ich bitten, allein gehen zu dürfen?« setzte er hinzu, als er Fenton sich erheben sah. »Abel kann ja sehen, daß mir der Zutritt gestattet wird«.

»Zeigen Sie mir Ihre Ausweis-Papiere«, sagte der Untersuchungsrichter. Dies geschah. »Die scheinen in Ordnung zu sein und ich nehme an, Sie sind ein Mann, der sein Geschäft versteht. Sie können allein gehen, wenn Sie es vorziehen, bringen Sie aber Ihre Folgerungen, die Sie aus Ihrer Untersuchung ziehen, hierher, damit wir sie eventuell – – korrigieren können«.

»Gewiß werde ich zurückkommen«, entgegnete Knapp ruhig. Dann ging er, einen nichts weniger als guten Eindruck hinterlassend.

»Ich begreife Carson nicht«, rief der Anwalt, »daß er uns solchen Menschen herschickt! Konnte er nicht merken, daß der Fall eines Mannes von ungewöhnlicher Tüchtigkeit und Urteilskraft bedarf?«

»Oh, der Mann ist vielleicht sehr tüchtig; er hat nur solch unangenehmes Wesen. Ich kann derartige Fischnaturen nicht leiden. Wer ist das?« unterbrach er sich plötzlich, als er ein Klopfen an der Türe hörte. »Ah, Loton! Was will der hier?«

Der Ankömmling fuhr bei Dr. Talbots Stimme merklich zusammen. Er war schwächlich, nervös und aufs äußerte erregt.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung«, begann er, »daß ich mir die Freiheit nehme, hierher zu kommen. Ich unterbreche eine Gesellschaft nicht gerne, doch ich habe Ihnen etwas zu sagen, das vielleicht wichtig für Sie ist, obwohl es nicht sehr bedeutend ist . . . . .«

»Betrifft es den Mord?« fragte der Untersuchungsrichter, wobei er seine Stimme dämpfte; er kannte Loton und wußte, daß er ihn freundlich behandeln müsse, sollte er nicht gänzlich verschüchtert werden.

»Den Mord? Bewahre mich der Himmel! Ich würde nie wagen, etwas über den Mord zu sagen! Es betrifft das Geld, welches – – das heißt, es betrifft Geld im allgemeinen. Es ist – es ist etwas merkwürdig und – – die Sache ging mir schon den ganzen Tag im Kopf herum – – soll ichs Ihnen erzählen, meine Herren? Es passierte gestern Abend, das heißt, spät in der Nacht, so spät, daß ich schon lange im Bette lag und bereits vier Stunden schnarchte, wie »meine Frau sagt – – –«

»Was für Geld? Neues Geld? Nagelneue Banknoten?« fragte Fenton erregt.

Loton, der an der Straße, die nach dem Hügel führt, ein kleines Spezereigeschäft hat, trippelte nervös von einem Fuße auf den andern und fuhr dann fort:

»Es war neues Geld – ich dachte gleich so, als ich es im Dunkeln anfaßte – nagelneues Geld, meine Herren und zwar eine – –. Doch das merkwürdigste kommt noch: ich hatte fest geschlafen und träumte von meiner Sally, als sie selber mich aufweckte und sagte, es klopfte Jemand an der Türe. »Geh hinaus«, flüsterte Sally und sieh, was der Mann will«. Ich war zwar ärgerlich über diese Störung – ich träumte so schön von Sally – aber Pflicht ist Pflicht und so ging ich hinab – – es war stockfinster.

»Draußen klopfte es immer noch.

»Was ist los?« schrie ich. »Wer ist draußen und was wollen Sie?«

»Machen Sie auf!« rief eine schwache zitternde Stimme, »ich will etwas zu Essen kaufen! Um Gottes Willen, machen Sie auf!«

»Die Stimme klang so kläglich – – und ich öffnete die Türe.

»Sie müssen recht hungrig sein«, begann ich, doch er ließ mich nicht ausreden.

»Brot!« keuchte er atemlos, wie ein Mann, der weit und schnell gelaufen ist, »geben Sie mir was zu Essen, einerlei, was es ist! Schnell, nur schnell! Hier ist Geld!« Dabei schob er mir eine Note in die Hand, die so steif war, daß sie knitterte. »Schnell, um Gottes Willen, schnell! Das Geld zahlt für alles! Ich komme am Morgen und hole mir, was ich herauszubekommen habe«.

»Wer sind Sie?« rief ich. »Sind Sie der blinde Willy? Oder – – –«

»Brot – Brot!« war seine einzige Antwort.

»Ich konnte dies Wimmern nach Brot nicht länger mit anhören, griff im Dunkeln nach einem Laib und gab ihm denselben.

»Da!« rief ich. »Jetzt sagen Sie mir, wer Sie sind, oder wie Sie heißen«.

»Er murmelte etwas Unverständliches – es mag wohl ein Dank gewesen sein – ging aus der Türe und lief schnell dem Hügel zu«.

»Und das Geld? Wie ists mit dem Geld?« fragte der Untersuchungsrichter. »Kam er am Morgen für sein Geld?«

»Nein. Ich legte das Geld in der Nacht in den Zahltisch; ich dachte, es wäre eine Dollar-Note. Als ich aber heute Morgen nachschaute, wars ein Zwanziger, ja, meine Herren, ein nagelneuer Zwanziger!«

Der Untersuchungsrichter und der Polizist sahen sich erstaunt an.

»Wo ist das Geld? Haben Sie es mitgebracht?« fragte der erstere.

»Ich habe. Ich will niemanden Unrecht tun – doch als ich hörte, daß Mrs. Webb – Gott hab sie selig – letzte Nacht um Geldes Willen ermordet worden war, brannte mir die Note wie Feuer in der Tasche. Hier ist sie. Ich wollte, ich hätte die Türe nicht geöffnet und den alten Mann stehen lassen, bis es Morgen war«.

Es war wirklich eine nagelneue Note, die Dr. Talbot entgegen nahm.

»Weshalb nennen Sie den Kunden alt?« fragte Fenton. »Ich dachte, es war so dunkel, daß Sie ihn nicht sehen konnten?«

»Nein, ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Trotzdem bin ich sicher, daß er alt war – es kann gar nicht anders möglich sein«.

»Das wird sich finden. Ist das alles, was Sie uns sagen können?«

Das war alles und so ward Loton entlassen.

Etwa eine Stunde später kehrte Detektiv Knapp zurück.

»Nun?« fragte der Untersuchungsrichter, als jener die Türe hinter sich geschlossen hatte, was ist Ihre Ansicht über den Fall?«

»Einfacher Raubmord durch einen Mann mit einem langen weißen Bart«.


XI.
Der Mann mit dem Bart.

Es wohnten nur wenige Männer in der Stadt, die lange weiße Bärte trugen. Es ward eine Liste derselben angefertigt und dem Untersuchungsrichter unterbreitet, der sie lächelnd durchlas.

»Kein einziger von diesen würde ein Unrecht begehen, viel weniger ein Verbrechen«, sagte er. »Sie müssen wo anders nach dem Mörder Agatha Webbs suchen, nicht in unserer Stadt«.

»Möglich«, entgegnete Knapp, »indes sagen Sie mir gefälligst erst, wer diese Leute hier sind. Wer ist Edward Hope?«

»Ein Uhrmacher; tadelloser Charakter«.

»Und Sylvester Chubb?« –

»Ein Farmer, der von früh Morgens bis Sonnenuntergang auf seiner Farm arbeitet, um Mutter, Frau und sieben Kinder zu versorgen und von Abends bis elf Uhr des Nachts Holzarbeiten schnitzt, die er in Boston verkauft«.

;»John Barker, Thomas Elder, Timothy Sinn?«

»Alle brave Leute; ich bürge für jeden einzelnen von diesen«.

»Und John Zabel, James Zabel?«

»Beide unantastbar. Waren einst berühmte Schiffsbauer, bis der Wechsel von Holz zu Eisen sie aus dem Geschäft brachte. War wirklich Schade, denn sie waren Experten in ihrem Fach. Apropos, Fenton, man sieht die Beiden weder in der Kirche, noch an der Werft mehr«.

»Nein; sie bleiben am liebsten zu Hause und allein; werden alt, wie wir«.

»Brave Jungens, einst. Wir müssen sie einmal aufsuchen, Fenton. Ich kann nicht sehen, wenn alte Freunde sich so ganz zurückziehen. Doch zum Geschäft zurück zu kommen: Sie können ruhig weiter gehen, Knapp«.

Knapp indes hatte das Zimmer verlassen.

Er ging die Straße hinab, bis zu einem gewissen Hause und zog dort die Klingel.

»Sind Sie Pastor Crane« fragte er den Mann, der die Türe öffnete, »der Herr, der gestern Nacht gegen einen Mann rannte, welcher aus Mrs. Webbs Haus kam?«

»Ich bin Pastor Crane«', antwortete der überrascht, »und rannte gegen einen Mann allerdings«.

»Gut – mein Name ist Knapp. Ich bin der Detektiv, der von Boston hierhergesandt ward, den Fall zu untersuchen und ich glaube, Sie können mir dabei mehr behilflich sein als irgend ein anderer in Sutherlandtown. Wer war der Mann, gegen den Sie rannten? Sie kennen ihn, wenn Sie auch vorsichtig genug waren, seinen Namen nicht zu nennen«.

»Sie irren. Ich kenne ihn nicht. Er trug einen langen Bart und lief wie ein Mann, der nicht mehr jung ist. Weiter kann ich . . . . .«

»Entschuldigen Sie, bitte, Herr Pastor. Ich verstehe mich etwas auf Physiognomien. Wenn Sie nicht zum mindesten jemanden in Verdacht hätten, würden Sie nicht so verlegen dastehen. War es einer der beiden Herren, deren Namen Sie hier sehen?«

Pastor Crane schaute das Papier an, das ihm jener einhändigte und erblaßte.

»Sie haben mich«, sagte er. »Sie müssen ein ungemein scharfsichtiger Mensch sein«.

Der Detektiv lächelte und steckte die Karte in die Tasche zurück. Die beiden Namen, die er darauf geschrieben, waren die von John und James Zabel.

»Sie sagten noch nicht, welcher von Beiden es war«, bemerkte Knapp ruhig.

»Nein«, entgegnete der Pastor, »weil ich selbst noch nicht darüber nachgedacht habe. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich nicht einen unverzeihlichen Fehler beging, anzunehmen, daß es einer der beiden gewesen. Ein schneller Blick kann gar leicht täuschen und die Zabels sind beide Männer von tadellosem Ruf – –«

»Gewiß. Sie haben sich geirrt, Herr Pastor, zweifellos geirrt. Ich muß schon selbst ausfindig machen, wer es gewesen. Machen Sie sich weiter keine Gedanken darüber«.

Darauf verbeugte er sich unmerklich und ging schnell die Straße hinab, direkt in das Spezereigeschäft des Herrn Loton.

Hier hatte er es nicht so leicht. Sally Loton stand mit ihrem Gatten hinter dem Ladentische. Die beiden hatten offenbar soeben über das gesprochen, was Knapp gerne wissen wollte. Auch merkte er sofort, daß die kleine Frau viel weniger zum Plaudern aufgelegt war, als der Mann. Er wandte sich daher der ersteren zu, von den ältesten und bewährtesten Waffen dem schönen Geschlechte gegenüber Gebrauch machend: der Schmeichelei.

»Meine liebe Frau«, begann er, »Ihre Herzensgüte kann man ihnen von der Stirne lesen. Ihr Mann hat Ihnen soeben einen Namen anvertraut, den Sie, aus Nächstenliebe und um keinen Irrtum zu begehen, nicht nennen wollen. Das nenne ich wahres Christentum in der Tat! Doch Ihre Herzensgüte sollte dem Rade der Gerechtigkeit nicht in die Speichen greifen. Wenn Sie uns wenigstens sagen wollten, wem der Mann gleich sah, könnten wir die richtige Spur allein finden«.

»Er sah keinem gleich, den ich kenne«, sagte Loton. »Es war übrigens viel zu dunkel, um sein Gesicht erkennen zu können«.

»Aber seine Stimme – man erkennt oft Leute an ihrer Stimme«.

»Seine Stimme war mir ganz unbekannt.«

Knapp lächelte und schaute noch immer die kleine Frau an.

»Er hat Sie aber an Jemanden erinnert, den Sie kennen. Dazu müssen Sie einen Grund haben! Kein Mensch denkt an einen guten Nachbarn von tadellosem Ruf in Verbindung mit einem Manne, der um Mitternacht Brot kauft und dafür mit einer Zwanzig-Dollars-Note bezahlt, – kein Mensch, sage ich, denkt an einen solchen Mann ohne triftigen Grund!«

»Der Mann trug einen langen Bart; dieser streifte meine Hand, als ich ihm das Brot gab – – –«

»Gut; das ist wenigstens ein Punkt«.

»– – und so dachte ich an die Leute hier, welche auch lange Bärte tragen – –«

»Wie zum Beispiel . . . . . . .«

Während Knapp dies sagte, nahm er die Karte, die er mit so großem Erfolge bei Pastor Crane benutzt hatte und hielt sie der neugierigen Frau unter die Augen. Das überraschte Gesicht derselben sagte ihm, was er wissen wollte.

»Wer sagte Ihnen, daß es einer der Beiden war?« fragte sie.

»Sie!« entgegnete er und steckte die Karte lächelnd in die Tasche.

»Hast Du je so was gehört, Samuel?« rief sie. »Hab ich ein Wort gesprochen?«

Der Detektiv indes war längst aus dem Laden verschwunden.


XII.
Wattles kommt.

Die Familie Halliday wohnte zwar nur wenige Häuser von Sutherlands entfernt, indes bot Frederick anstandshalber seine Begleitung an, als Miß Halliday sich zum Heimgehen anschickte. Sie nahm diese errötend an – ein Umstand, der Frederick zum Nachdenken veranlaßte, sodaß er ganz der Anwesenheit Amabels vergaß, bis sie dieser im Garten gegenüberstanden.

»Ein schöner Abend«, bemerkte Amabel mit ihrer unsympathischen, scharfen Stimme.

»Sehr«, entgegnete Miß Halliday kurz.

Zum ersten Male verglich Frederick die beiden Mädchen mit einander. Hatten ihn früher die faszinierenden Augen Amabels so eingenommen, daß er für keine Andere Aug und Ohr hatte, so fiel ihm nunmehr die ruhige Schönheit und Reinheit auf, die von Miß Hallidays Zügen ausging und unwillkürlich zog er sie hastig weiter, um sie aus dem Bereiche Amabels zu bringen.

Amabel hatte diese Bewegung bemerkt und lächelte geringschätzig: Agnes Halliday fürchtete sie nicht als Rivalin!

Die Beiden schritten wortlos dahin; er, in stiller Verwunderung, wie sehr sich ein Mann durch eine Leidenschaft verblenden lassen kann, sie in Gedanken, die die alte Spottlust nicht aufkommen ließen. So kamen sie am Hallidayschen Hause an, ohne sich auch nur ein einziges Mal angeschaut zu haben.

Miß Halliday öffnete die eiserne Türe des Gitters und stand nun Frederick gegenüber.

»Agnes«, begann Frederick, »was würdest Du von einem Menschen denken, der, nachdem er sein ganzes Leben lang nichts als dumme Streiche verübte, plötzlich den Entschluß faßt, von nun an unter allen Umständen das Rechte zu tun und ein ordentlicher Mensch zu werden, ganz gleichgiltig, welche Hindernisse und Enttäuschungen er zu überwinden hat«.

»Ich würde denken«, erwiderte sie, die Augen zu ihm aufschlagend, »daß er das Edelste unternommen, dessen ein Mann fähig ist und auch – das Schwerste. Ein solcher Mann hätte meine volle Sympathie, Frederick«.

»Hätte er?« fragte er bitter; er dachte an Amabel und ihr teuflisches Lachen, als sie von seinem Entschlusse hörte. »Dies war das erste freundliche Wort, das Du mir je gegeben, Agnes – vielleicht das erste, das ich je verdiente«, setzte er leise hinzu.

Dann hob er zum Abschied den Hut und ging schnell von dannen.

Agnes blieb stehen – blieb solange stehen, daß es fast neun Uhr war, als sie ins Haus trat.

»Was ist Dir, Agnes?« rief die Mutter, als sie das bleiche Gesicht der Eintretenden sah.

Was ihr war? Sie wußte es selbst nicht – wollte es nicht wissen – sie wollte sich nicht einmal selbst fragen –.

Inzwischen war Frederick den Büschen zugegangen, die seinem Hause gegenüber standen. Der Mond schien voll auf einen hohlen Baumstamm zwischen den dichten Büschen. Dahin ging Frederick, unbeachtet von den beiden Mädchen, deren Gedanken in diesem Augenblicke bei ihm weilten.

Frederick beugte sich nieder, griff in die Höhlung – fuhr plötzlich zurück, suchte wieder und wieder, in nervöser, fieberhafter Aufregung – durchsuchte die Zweige und Büsche, hier, dort – bis er sich gestehen mußte: was er suchte, war nicht da!

Erdrückt von dieser Erkenntnis, zitternd vor den möglichen Folgen, stand er auf. Kalter Angstschweiß floß ihm von der Stirne.

»Sie war hier!« schrie er, »sie hat es genommen!« Und sich zum ersten Male der Verschlagenheit und Kraft seiner Gegnerin ganz bewußt, vergaß er seine neuen Entschlüsse und das Versprechen, das er einst Agatha Webb gegeben und fluchte und verwünschte sich selbst und das Mädchen, das dies getan und Gott und die Menschen – bis er zufällig das ruhige Mondlicht sah und den Himmel und die Sterne . . . . Da schämte er sich.

Langsam, mit gesenktem Kopfe ging er dem Hause zu, das ihm um so verhaßter war, da es das Weib barg, das ihm den Untergang geschworen.

Jetzt erst verstand er sie, ihre Kraft und ihre Verschlagenheit und er dankte Gott, daß sie nicht in der Nähe war, sonst hätte er sie zermalmt.

Als er dem Hause zuging, bemerkte er Licht in seines Vaters Studierzimmer. Er stockte und schaute nach dem beleuchteten Fenster – da kam Ruhe und Festigkeit über ihn und eben wollte er ins Haus treten, als er Jemanden keuchend und rufend den Hügel heraufkommen sah.

»Du!« schrie Frederick, als der Andere vor ihm stand und machte eine Gebärde, als ob er ihn niederstrecken wollte, »Du!«

»Ich hätte einen andern Willkomm erwartet«, entgegnete der Andere, spöttisch lächelnd, »habe ich Dir doch eine Reise nach Boston erspart. Weshalb also so ärgerlich? Du hast das Geld, ich bin deß sicher. . . .«

»Ssssst! »Wir können hier nicht reden«, flüsterte Frederick. »Komm in den Garten oder besser dort in die Büsche«.

»Ich gehe mit Dir in keine Büsche, mein Freund«, sagte der Andere höhnisch, »nicht nach dem, was gestern Nacht hier passierte. Doch ich will leise reden, ich will Dir keine Unannehmlichkeiten bereiten, besonders nicht, wenn Du das Geld hast«.

»Was willst Du damit sagen, Wattles: »nicht nach dem, was gestern Nacht hier passierte«? Wagst Du etwa, mich mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen, welches – – – –«

»Ta, ta, ta«, unterbrach ihn Wattles, »laß uns keine Zeit verlieren mit Wortklaubereien. Es liegt mir nichts daran, was gestern Nacht passierte, noch wer den Streich verübte; das ist nicht meine Sache. Was ich will, ist Geld, und zwar schnell. Wenn ichs nicht nötig brauchte, wäre ich nicht extra von Boston hierher gekommen, sondern wäre zu Hause geblieben und hätte eine Fünfziger von einem Farmer gemacht, den Lewis gestern Nacht von Canada mit brachte«.

»Ich schwöre Dir, Wattles – – – –«

»Unsinn«, unterbrach ihn der Andere, »nur keine theatralischen Possen mit mir! Geld will ich sehen! Neunhundertfünfundfünfzig sind es, doch da wir Freunde sind, will ich die fünf streichen. Nun aber schnell, ich will mit dem Elfuhr-Zug wieder zurück«.

»Ich bring Dir das Geld morgen, Wattles, oder übermorgen. – – Ich kann es Dir heute nicht geben, ich kann wirklich nicht, aber – – – – Halt, wohin willst Du gehen?«

»Zu Deinem Vater. Ich will ihm sagen, daß sein Sohn mir Geld schuldet und daß er dies Geld auf eine Weise erhielt, die ihn wegen Fälschung ins Gefängnis bringen kann; ich will ihm sagen, daß er in Boston Geschichten erfahren kann, die das fernere Verbleiben Frederick Sutherlands unter dem väterlichen Dache fürderhin unmöglich macht; daß sein Sohn viel schlechter ist, als er denkt, nein, ein ganz gewöhnlicher Gauner, den nur meine Freundschaft bis jetzt vor dem Gefängnis bewahrte. Wird das nicht eine schöne Geschichte werden, he?«

»Wattles – mein Gott – nur eine Minute, Wattles! Ich habe jetzt kein Geld – ich hatte es heute Morgen – hatte es auf ehrliche Weise bekommen – es ist mir aber gestohlen worden und – – –«

»Auch werde ich ihm sagen«, fuhr der Andere fort, als ob Frederick gar nicht gesprochen hätte, »daß Du in Boston fünfhundert Dollars auf eine Karte verloren hast, aber nicht einen Cent in der Tasche, um damit zu zahlen; um Skandal zu vermeiden, bürgte ich für Dich, unter der Bedingung, daß mir das Geld innerhalb zehn Tagen zurückbezahlt würde; daß Du gleich weiterspieltest und noch vierhundert und einige Dollars mehr verlorst, sodaß Deine Schuld neunhundertfünfundfünfzig Dollars betrug; daß die zehn Tage vorbei gingen, Du das Geld aber nicht zurückgezahlt hast; daß ich Dich drängte, weil ich selbst Geld brauchte und Du darauf schwurst, mich in fünf Tagen zu bezahlen; daß Du von Boston hierher kamst, das Geld zu holen; daß Du heute Vormittag ein Telegramm gesandt hast, Du hättest das Geld und würdest es morgen bringen – und will es dann dem alten Manne überlassen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht denkt er dann selbst, daß – – – – Ah, Du möchtest wohl!«

Frederick hatte in toller Wut den Andern an der Kehle gepackt, um ihm die Worte im Halse zu ersticken, die er aussprechen wollte. Doch der Kampf dauerte nur kurze Zeit. In einer Minute standen sich die Gegner keuchend gegenüber.

»Wattles«, sagte Frederick, beschämt den Kopf hängen lassend, »ich bitte Dich um Verzeihung. Du mußt mich aber nicht zum Aeußersten treiben mit Deinen versteckten Anspielungen . . . . . . . . Ich habe das Geld jetzt nicht, doch ich will versuchen, es zu bekommen. Warte hier.«

»Zehn Minuten, Sutherland, nicht länger! Der Mond scheint ziemlich hell und ich kann meine Uhr deutlich sehen. Um dreiviertel zehn Uhr bist Du hier mit dem Geld oder ich verlange es von Deinem Vater persönlich.«

Frederick eilte fort und stand in der nächsten Minute an der Türe seines Vaters Studierzimmer.


XIII.
Wattles geht.

Mr. Sutherland war gerade mit dem Durchsehen von Gerichtsakten beschäftigt, als Frederick eintrat.

»Vater«, begann dieser, ohne Umschweife, »ich brauche sehr nötig und sofort neunhundertfünfundfünfzig Dollars. Ich brauche sie so nötig, daß ich Dich bitte, mir sofort einen Check in dieser Höhe auszuschreiben, obwohl ich weiß und mir völlig bewußt bin, daß Du mir mit vollem Rechte diese Bitte abschlagen kannst, denn ich habe die Grenzen Deiner Güte und Langmut schon viel zu weit überschritten. Ich kann Dir nicht sagen, wofür ich das Geld brauche; das gehört meiner Vergangenheit an, deren Folgen ich noch zu tragen habe. Ich kann Dir indes versichern, daß Du nichts verlieren wirst durch diesen materiellen Beweis Deines Vertrauens in mich, da ich bald in der Lage sein werde, alle meine Schulden zu zahlen, unter denen diese in erster Reihe stehen soll«.

Der alte Mann schaute den Sprecher überrascht an und spielte nervös mit den Akten in seinen Händen.

»Du sagst, Du wirst bald in der Lage sein, mir das Geld zurückzuzahlen? Was meinst Du damit?«

Frederick erblaßte.

»Ich will arbeiten«, murmelte er, »will einen Mann aus mir machen und das so bald als möglich«.

Mr. Sutherland schaute ihn durchdringend an.

»Und dazu brauchst Du das Geld?«

Frederick nickte stumm; er war unfähig, zu sprechen. Sein Blick war auf die Uhr gefallen, die an der Wand hing und er sah, daß fünf kostbare Minuten vergangen waren.

»Ich werde Dir das Geld geben«, sagte der Vater und zog sein Checkbuch aus der Tasche; doch er öffnete es nicht, er schaute Frederick noch immer an.

»Ich will das Geld mit dem nächsten Zuge fortschicken«, murmelte Frederick, und der Zug geht bald . . .«

»Weshalb vertraust Du mir nicht, Frederick?« fragte der Vater.

Frederick antwortete nicht. Die Zeiger der Uhr gingen stetig vorwärts.

»Ich werde Dir das Geld geben, doch möchte ich wissen, wofür es ist«.

»Ich kann Dir es nicht sagen«, seufzte der junge Mann.

»Hat etwa Miß Page – – –«

Frederick trat einen Schritt vor und legte seine Hand auf des Vaters Arm.

»Das Geld ist nicht für sie; es kommt in andere Hände – – – –«

Mr. Sutherland atmete erleichtert auf. Er tauchte die Feder in die Tinte – – Fredericks Gesicht ward totenbleich . . . . er hörte Schritte an der Haustüre – –

»Neunhundertfünfzig?« fragte der Vater.

»Neunhundertfünfzig«, antwortete der Sohn.

Der Richter schaute seinen Sohn noch einmal an, dann unterschrieb er den Check und reichte ihn Frederick.

»Vater«, rief er, den Check ergreifend, »ich habe mein ganzes Leben vor mir, Dir dankbar zu sein. Ich sehe Dich wieder, ehe es Mitternacht ist.«

Dann eilte er hinaus, die Treppe hinab und kam eben an der Haustüre an, als diese aufging und Wattles hereintrat.

»Ah«, rief dieser, als er den Check sah, »ich habe Geld erwartet, kein Papier«.

»Der Check ist so gut wie Geld«, flüsterte Frederick, Wattles aus dem Hause ziehend, »er trägt meines Vaters Unterschrift«.

»Deines Vaters Unterschrift?«

»Ja«.

Wattles schaute den Check an, dann schüttelte er den Kopf.

»Ist sie so gut nachgemacht, wie auf dem Check, den Du Brady aufhängen wolltest?«

Frederick knirschte mit den Zähnen. Einen Augenblick schien es, als ob er sich nicht beherrschen könne – dann sagte er ruhig:

»Du hast ein Recht, mir zu mißtrauen. Was ich aber einmal getan, tue ich nie wieder! Ich hoffe, ich bleibe am Leben, um zu beweisen, daß ich mich geändert habe . . . . . . Was den Check betrifft: komme mit mir zu meinem Vater und er wird Dir sagen, daß die Unterschrift gut ist«.

Diese Worte blieben nicht ohne Eindruck auf Wattles.

»Da kannst ebenso gut gleich gestehen, daß er gefälscht ist; Dein Vater braucht dies nicht zu bestätigen«.

»Komm' mit!«

»Du willst dies riskieren?«

»Willst Du, bitte, kommen?«

Wattles zog die Schultern in die Höhe.

»Ich habe nichts gegen Dich«, sagte er. »Wenn der Check gut ist, bin ich's zufrieden und es scheint wirklich, als ob er gut wäre. Aber höre, Sutherland: etwas ist mit Dir vorgegangen. Vor einer Woche hättest Du mir eine Kugel durch den Kopf gejagt, wenn ich so zu Dir gesprochen hätte. Ich glaube, ich durchschaue Dich: um den Verdacht eines größeren Verbrechens abzulenken, bist Du willens, ein kleineres auf Dich zu nehmen. Kluger Gedanke, mein Junge, zieht aber nicht bei mir. Wenn der Check nicht gut ist, hat's mit meiner Freundschaft ein Ende. Verstanden? Werde übrigens den Check Morgen einkassieren«.

Und eine bekannte Melodie pfeifend, ging er schnell den Hügel hinab.


XIV.
Die  letzte Versuchung.

Als der Schall der sich entfernenden Schritte verhallt war, ließ Frederick erschöpft den Kopf hängen. Diese letzten vierundzwanzig Stunden hatten zuviel Aufregungen mit sich gebracht und er war beinahe am Ende seiner Kräfte angelangt. Aber noch sollte er keine Ruhe finden.

Zerschmettert von all dem Geschehenen, vor sich nur Elend und Schande – – was blieb ihm zu tun übrig? Hier der Mann, der eben gegangen – dort Amabel . . . Es blieb nur ein einziger Ausweg, wenn auch ein feiger: die Flucht.

Schnell packte er das Nötigste zusammen, schrieb einen Brief, ein letztes Lebewohl an seinen Vater, schlich sich dann leise die Treppe hinunter, aus der Tür, die nach dem Garten führte und die er (wie seltsam!) unverschlossen fand, um durch den Garten und über Felder den Weg nach Portchester einzuschlagen, woselbst er den drei Uhr dreißig Min.-Zug benutzen wollte, nach – – weiß Gott, wohin. Er hatte nur den einen Gedanken: fort, weit fort!

Eben hatte er den Zaun erreicht, der seines Vaters Besitztum von dem des Nachbars trennte und war im Begriff, darüber zu springen, als er ein Mädchen mit erhobener Hand vor sich stehen sah.

Es war Amabel!

Erschreckt – dann erstaunt, dann ärgerlich, voll Wut und Haß fuhr er sie an:

»Was tust Du hier? Weißt Du nicht, daß es ein Uhr ist und mein Vater das Haus um diese Stunde verschlossen haben will?«

»Und Du?« entgegnete sie, »was tust Du hier? Suchst Du etwa Blumen und soll die Handtasche, die Du trägst, gar die Funde Deiner botanischen Exkursion aufnehmen?«

Aufs höchste erregt, warf er die Handtasche zu Boden und faßte Amabel an den Schultern.

»Wo hast Du mein Geld versteckt«, zischte er. »Sag' mir's oder – – –«

»Oder was?« fragte sie, ruhig lächelnd.

»Oder ich bin nicht verantwortlich für das, was ich mit Dir tue! Denkst Du, ich ertrüge alles von Dir, weil Du ein Weib bist? Nein! Ich will das Geld haben, jeden Cent oder ich zeige Dir, wer der Meister ist! Wo hast Du das Geld, Du tückischer Teufel?«

»Ah«, sagte sie, als ob sie seine letzten Worte gar nicht gehört habe und er sie liebkose, statt quäle, »ich dachte nicht, daß Du den Verlust so bald entdecken würdest. Wann warst Du in den Büschen, Frederick? War vielleicht gar Miß Halliday mit Dir?«

Fast hätte er ihr einen Schlag ins Gesicht versetzt – doch er bezwang sich bei Zeiten. Mit brutaler Gewalt konnte er dieser herzlosen Schlange gegenüber nichts ausrichten, das sah er ein. Es bedurfte eines Willens, so stark wie des ihren, und den wollte er ihr zeigen! Er setzte Alles auf eine Karte, während sie nichts zu verlieren hatte, als vielleicht einen trügerischen Traum – denn er war fest entschlossen, sie nicht zu heiraten.

»Ein Mann braucht nicht lange«, sagte er ruhig, »sein Eigentum zu vermissen. Wenn Du das Geld genommen – was Du zugibst – dann hast Du sehr unvorsichtig gehandelt, denn das Geld birgt mehr Gefahr für die Person, die es besitzt, als für die, der Du es genommen. Das wirst Du ausfinden, Amabel, sobald Du von der Waffe Gebrauch machen willst, die Du zu haben glaubst«.

»Tut, tut«, machte sie verächtlich.

»Denkst Du, ich sei ein Kind? Sehe ich aus, wie ein einfältiges Mädchen, Frederick?«

Dabei wandte sie ihm ihr verführerisches Gesicht zu und schaute ihn kokett an. Das helle Mondlicht spiegelte sich in ihren Augen und er bedurfte seiner ganzen Manneskraft, an jenes reine, edle Geschöpf zu denken, bei dem er diesen Abend gestanden, um sich nicht von diesem hier ins Verderben ziehen zu lassen.

Sie sah den Eindruck, den sie auf ihn machte und fuhr fort:

»Oder wie ein Weib, ein Weib, das sich selbst versteht und Dich und alle die geheimen Gefahren des Spiels, das wir beide spielen? Bin ich nur ein Kind, behandle mich doch wie ein Kind! Doch ich bin ein Weib – – –«

»Geh' mir aus dem Wege!« schrie er, seine Handtasche ergreifend. »Weib oder Kind, mir einerlei! Nur das Eine sollst Du wissen: Du kannst mich nicht länger mehr als Spielzeug Deiner Launen benützen.

»Willst Du dich etwa selbst zerstören?« fragte sie lachend, ohne von der Stelle zu weichen. »Du bist dann allerdings auf dem richtigen Wege und brauchst Dich nur etwas zu eilen . . . . . . Bleibe besser hier, in Deines Vaters Haus, selbst wenn Du dort quasi Gefangener bist, wie meine Wenigkeit. Das Resultat wird ein befriedigenderes sein – selbst wenn Du Deine Zukunft mit mir teilen mußt – – –«

»Und was wirst Du tun, wenn ich einen Untergang ohne Dich einer Verdammung mit Dir vorziehe?«

»Was ich tun werde? Ich würde Dr. Talbot gerade genug sagen, um ihm zu verstehen zu geben, daß Deine Anwesenheit als Zeuge ebenso wünschenswert wäre, als die meine. Das Resultat kannst Du Dir ja selbst ausmalen. Doch Du wirst es nicht dahin kommen lassen; Du wirst umkehren und – – –«

»Ich werde nicht umkehren! Ob ich Dir in einer Woche zeige, wer Meister ist, oder heute, ich – – –«

Doch er sprang nicht über den Zaun, wie er beabsichtigt hatte, denn es kamen soeben vier Männer den Hügel herauf und schlugen den Weg nach dem Hause ein, darinnen John und James Zabel wohnten.

»Ich wette meinen Kopf«, hörten sie den einen sagen, »daß wir heute Nacht Hand an den Mörder Agatha Webbs legen! Ein Mann, der so unvorsichtig mit Zwanzig-Dollar-Noten herumwirft, sollte keinen langen weißen Bart tragen«.

Es waren der Untersuchungsrichter, Fenton, Detektiv Knapp und Abel.

Frederick und Amabel schauten sich stumm an; dann wandten sie sich und gingen zusammen dem Hause zu.


XV.
Ein Besuch bei Zabels.

An einer kleinen Seitenstraße, fast im Walde, stand das kleine Häuschen, in dem die Zabels wohnten, seitdem sie sich vom Geschäft zurückgezogen. Obwohl es nicht weit vom Städtchen entfernt war, stand doch kein ander Haus in der Nähe.

Schweigend gingen die vier Männer die Straße entlang; es waren Jahre verflossen, seit sie zuletzt hier gewesen und fast Allen schien der Gang ein unangenehmer, schwerer. Dr. Talbot ging es besonders nahe, seine alten Freunde in dieser Weise aufsuchen zu müssen.

»Meine Herren«, sagte er, plötzlich anhaltend, »daß wir uns auch recht verstehen: wir sind im Begriffe, bei zweien unserer ältesten und geachtetsten Mitbürgern einen Besuch zu machen. Sollte ich es im Laufe der Unterhaltung für notwendig befinden, der Zwanzig-Dollar-Note Erwähnung zu tun, wohl und gut. Wenn nicht, dann haben Sie das meiner Ueberzeugung zuzuschreiben, daß die Brüder nichts mit derselben zu tun haben!«

Zwei der Herren nickten zustimmend; Knapp allein machte keinerlei Zeichen.

»Ich sehe kein Licht am Fenster«, sagte Abel. Was tun wir, wenn sie bereits zu Bett gegangen sind?«

»Wir wecken sie auf«, entgegnete Fenton. »Ich kann nicht von hier fort gehen, ohne mich überzeugt zu haben, daß keins von dem Gelde im Hause ist, das bei Loton abgegeben wurde«.

»Gut«, bemerkte Knapp und ging zur Haustüre, an die er mit seinem Stocke starke Schläge führte. Alles blieb still; nicht einmal die beiden, vom Mondlicht hell beleuchteten Fenster bewegten sich.

»Zabel! John Zabel!« rief Fenton, der um das Haus herumgegangen war, »mach auf und lasse einen alten Freund ein! James! John! Macht nur auf! Braucht Euch nicht erst anzukleiden! Wir haben mit Euch zu sprechen!«

Auch diese Rufe blieben unbeantwortet. Fenton klopfte an die Fenster und Türe und, da seine Anstrengungen erfolglos blieben, kam er wieder nach vorn, zu den Andern.

So vernachlässigt hatten sich die Freunde das Haus nicht vorgestellt! Nicht nur, daß Gras auf Stufen und Fenstergesimsen wuchs, das Kamin war halb zerfallen, die Fensterläden hingen kaum noch an wenigen Schrauben und hinter den düstern Scheiben deckten halbzerrissene Papierjalousien kaum noch die Fenster.

Welch ein Kontrast zwischen dem Jetzt und der Zeit, da die Brüder noch im Mittelpunkte des Lebens standen!

»Was tun wir jetzt?« fragte Fenton den Detektiv, der, sein Ohr an die Tür gelegt, lauschend dastand.

»Wir brechen die Türe ein!« antwortete der kurz. »Oder halt! Auf dem Lande sind die Fenster höchst selten verschlossen. Ich will versuchen, ob ich durch ein Fenster ins Haus kann«.

»Unterlassen Sie das besser«, sagte der Untersuchungsrichter. »Wir wollen erst andere Mittel versuchen, ehe wir so ins Haus brechen«. Dabei ergriff er die Türklinke, um daran zu rütteln, als sie sich drehte und die Türe zu seinem Erstaunen aufging: sie war nicht verschlossen gewesen.

Während der Untersuchungsrichter noch zögerte, trat Knapp schnell ins Haus und direkt in das Zimmer, dessen Türe offen stand. Abel war eben im Begriff, ihm zu folgen, als der Detektiv mit dem Ausdruck des Entsetzens zurückkam.

»Teufelswerk!« murmelte er und bedeutete die Anderen, ihm zu folgen.

Was sie sahen, machte ihnen das Blut erstarren.

Auf dem Boden, nahe des Einganges, beschienen vom hellen Lichte des Mondes, bei dessen Schein man jeden Zug dieses leblosen, gramdurchfurchten Gesichtes sehen konnte, lag der eine Bruder, während der andere an einem Tische inmitten des kahlen Zimmers saß, ein Buch in der Hand, starr, tot.

Knapp, den naturgemäß dieser Anblick am wenigsten erregte, fand zuerst Worte.

»Sie müssen schon längere Zeit tot sein. Sie tragen beide lange Bärte, doch es war zweifellos der am Boden liegende, der Loton das Geld gab. Ah!« rief er, »auf den Tisch deutend, »hier ist das Brot und – – –

Er schwieg. Der Anblick erschütterte selbst ihn: das Brot war an einer Seite angebissen . . . . . .

»Licht! Macht Licht!« schrie Fenton, »dies Mondlicht ist grauenhaft!«

»Kann Hunger die Ursache gewesen sein?« fragte Abel den Detektiv, der eine Laterne aus seiner Tasche zog und sie anzündete.

»Der Herr vergebe uns, wenn dem so ist!« sagte Fenton in einem Tone, der dem Untersuchungsrichter tief zu Herzen ging. »Wer hätte an so etwas denken können, dazu von Leuten, die einst so reich waren! Sind Sie sicher, daß der Eine am Brot nagte? Können es nicht – –«

»Hier haben Menschenzähne genagt«, entgegnete Knapp, das Brot eingehend besichtigend. »Ich muß sagen, daß mir die Sache selbst nahegeht, obwohl so was täglich vorkommt«. Dann legte er das Brot schnell nieder.

Fenton, der inzwischen die andere Seite des Tisches untersucht hatte, murmelte: »Ich bin froh, daß sie tot sind. Sie teilen wenigstens das Schicksal ihres Opfers. Schauen Sie einmal unter das Taschentuch, das neben der Zeitung liegt, Knapp«.

Der Detektiv tat so und sah einen dreischneidigen Dolch, an dem trockenes Blut klebte. Es war zweifellos der Dolch, mit dem Agatha Webb ermordet worden war.


XVI.
Lokales Talent bei der Arbeit.

»Meine Herren«, erklärte Knapp, »wir haben das, was wir suchen, schneller gefunden, als wir hoffen durften. Geben Sie mir noch zehn Minuten Zeit, ich werde Ihnen auch das fehlende Geld herbeischaffen, das jedenfalls irgendwo im Hause verborgen ist«.

»Eine Minute«, unterbrach ihn der Untersuchungsrichter. »Lassen Sie mich erst einmal sehen, was das für ein Buch ist, das John so fest hält. Ei«, rief er, als er in das Buch geschaut hatte, »das ist eine Bibel!«

Während er sie langsam niederlegte, traf er den erstaunten Blick des Detektivs.

»Welch ein Widerspruch zwischen diesem Buche und der Tat, die er – wie wir annehmen – dort unten verbrachte«.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte Knapp. »Nicht der Mann im Stuhle, nein, der auf dem Boden zückte den Dolch. Uebrigens wünschte ich, daß Sie mich das Buch hätten wegnehmen lassen«.

»Sie? Weshalb? Was wäre der Unterschied?«

»Ich hätte beachtet, welche Seite aufgeschlagen war. Man kann nie zu vorsichtig sein, besonders in einem Falle, wie dem vorliegenden«.

Dr. Talbot schaute nachdenklich auf das Buch; er hätte nun selbst gern gewußt, welche Seite sein Freund gelesen hatte.

»Fahren Sie fort«, sagte er zu Knapp; »ich werde Sie unbehindert vorgehen lassen und nachher anhören, was Sie gefunden«.

Der Detektiv begann seine Untersuchung.

»Hier sehe ich einen Blutflecken«, sagte er, »am rechten Bein des Mannes, den Sie James nennen. Dieser verbindet ihn unzweifelhaft mit dem Verbrechen, bei dem von diesem Dolch Gebrauch gemacht wurde. Kein Zeichen von Gewalt an ihm – sie hat sich also nicht gewehrt. Sein Tod ist eine gerechte Strafe Gottes«.

»Oder Vernachlässigung von Mitmenschen«, murmelte Fenton. »Geld ist keines in seinen Taschen zu finden; es muß also irgendwo im Zimmer verborgen sein oder – sehen Sie einmal in der Bibel nach«.

Der Untersuchungsrichter nahm die Bibel auf, durchblätterte sie, schüttelte sie – nichts fiel heraus.

»Das Mobiliar sieht sehr ärmlich aus«, bemerkte Knapp.

»Sehr ärmlich«, stimmte Fenton in bitterem Tone bei.

»Nichts im Wandschrank, als ein altes Porzellanservice, das ziemlich gelitten hat«, fuhr Knapp fort.

Abel fuhr zusammen. Er erinnerte sich plötzlich, daß er vor einigen Wochen sich in Warners Geschäft befand, als James Zabel hereintrat und mit ihnen ein Gespräch begann. Gelegentlich sagte er: »Ich habe noch ein altes Porzellanservice zu Hause, das seiner Zeit mit der »Mayflower« herüber gebracht wurde. John meint zwar, es sei sehr wertvoll, doch ich kann es nicht leiden. Wenn Ihr zufällig Jemanden wißt, der an so was Interesse hat, schickt ihn zu uns hinaus. Ich verkaufe das Service spottbillig«. Niemand antwortete darauf und James ging. Das war das letzte Mal, daß ihn Abel in der Stadt gesehen.

»Das ist zuviel!« schrie er auf, »das ist zuviel! Ich muß wissen, ob sie verhungert sind! Wo ist die Speisekammer?« Und ehe ihn Jemand daran hindern konnte, war er nach der Küche geeilt.

Fenton schaute im Zimmer umher. John und James waren Gemäldeliebhaber und hatten einst das Haus voller wertvoller Bilder. Doch kein einziges war an den Wänden zu sehen, noch befand sich sonst ein Schmuck im Zimmer. Nur ein wertloses Deckchen, aus trockenen Nelken und Perlen gefertigt – sicher ein Geschenk aus der Jugendzeit, von einem Mädchen auf dem Lande gefertigt – lag in der Ecke.

Jetzt verstand Fenton, weshalb die Brüder so oft nach Boston fuhren und immer ohne die Pakete zurückkamen, die sie dahin mitnahmen! Er dachte eben noch darüber nach, wie es möglich sei, daß geachtete, ehrbare Bürger so tief sinken können, ohne daß selbst die nächsten Nachbarn etwas davon wissen, als Abel, aufs höchste erregt, zurückkam.

»Das Traurigste, was ich je gesehen!« rief er. »Die Armen müssen langsam verhungert sein! Da hinten siehts noch ärmlicher aus, wie hier und in der Küche findet eine Maus nicht einmal eine Krume! Der Mehlkasten sieht aus, als ob er tatsächlich ausgeleckt worden wäre – –! Der Anblick ist gräßlich genug, einen Mann krank zu machen!«

Fenton ging zur Türe.

»Die Luft hier erstickt mich!« sagte er. »Ich muß hinaus und Atem schöpfen«.

Eben wollte er zur Türe hinaustreten, als ein Mann vor ihm stand und ihm den Ausweg verwehrte.

»Ah Mr. Fenton! Sind Sie hier? Ich habe Sie überall gesucht«.

Es war Sweetwater, der junge Mann, der den Untersuchungsrichter gebeten hatte, sich mit dem Fall beschäftigen zu dürfen.

»Wie kommen Sie hierher?« fragte Fenton ärgerlich.

»Leute sahen Sie die Straße heraufgehen und das Weitere habe ich selbst erraten«.

»So? Sehr gut! Und was wollen Sie, Sweetwater?«

»Ich habe eine Entdeckung gemacht«, flüsterte der Gefragte erregt. »Ich weiß, Sie nehmen es mir nicht übel, daß ich auf eigene Faust vorging und nicht dem . . . Andern da drinnen folgte. Ich wollte zeigen, was ich selbst tun kann und – – ich habe Erfolg gehabt. Ich weiß, wer Agatha Webb ermordet hat!«

Fenton, dem es leid tat, die Ideale dieses begeisterten jungen Mannes von der Höhe stürzen zu müssen, schüttelte bedauernd den Kopf und sagte:

»Sie kommen zu spät, Sweetwater. Wir selbst haben den Mörder gefunden; da drinnen liegt er, tot«.

Die Dunkelheit verhinderte Fenton, das erstaunte Gesicht des jungen Mannes zu sehen. Doch daß seine Ueberraschung groß war, ging daraus hervor, daß er sich mit der Hand gegen die Wand stützte, als er stammelnd fragte:

»Tot? Er?! Wen meinen Sie mit »er«, Mr. Fenton?«

»Der Mann, in dessen Haus wir uns befinden. Haben Sie etwa einen Andern im Verdacht, der dieses Verbrechen begangen haben sollte?«

Sweetwater entschlüpfte ein Seufzer der Erleichterung.

»Soviel ich weiß, wohnen hier zwei Männer, zwei hochachtbare Männer. Welchen von beiden meinen Sie und weshalb glauben Sie, daß John oder James Zabel der Mörder von Agatha Webb sei?«

»Schauen Sie ins Zimmer«, entgegnete Fenton, den jungen Mann vor sich herschiebend, »und sehen Sie, was in einem christlichen Lande, mitten unter guten Christen passieren kann! Die beiden Männer hier sind tot, Sweetwater, verhungert! Das Brot, das Sie dort sehen, kam zu spät – –. Es ward gekauft mit einer Zwanzig-Dollar-Note, die aus Agatha Webbs Wandschrank genommen worden war!«

Sweetwater schaute sich verwundert um; es schien ihm dies Alles wie ein Traum – der Mann, der hier tot am Tische saß und der Andere, der leblos am Boden lag.

»Tot«, murmelte er, »John und James Zabel tot! Was werden wir weiter erleben? Ist die ganze Stadt des Teufels? . . . . . . Sagten Sie nicht, der gute Mann hier habe Agatha Webb ermordet?« wandte er sich fragend an Fenton. »Ich glaube, ich war zu erregt, um Sie recht zu verstehen«.

Mr. Fenton war gutherzig genug, dem jungen Manne die Gründe auseinanderzusetzen, weshalb diese verhungerten Armen mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht würden. Sweetwater hörte erregt zu, schüttelte ungläubig den Kopf und faßte sich erst, als sein Blick auf den Detektiv fiel, der geschäftig durch das Haus ging.

»Weshalb sollte der Mann einen Mord begehen«, fragte Sweetwater, »wenn er nur hätte zu fragen brauchen und Jedermann ihm das Brot mit tausend Freuden gegeben hätte? Agatha Webb wäre lieber selbst ohne Essen geblieben, als einen armen Wanderburschen hungern zu lassen; wie viel mehr hätte sie getan für zwei ihrer ältesten und besten Freunde?«

»Gewiß. Sie vergessen aber oder haben es nie gewußt, daß die Zabels dazu viel zu stolz waren! James Zabel um Brot betteln? Da begreife ich eher, daß er stahl oder daß er die Augen für immer schloß, die ihn solches tun sahen«.

»Das glauben Sie ja selbst nicht, Mr. Fenton!« sagte Sweetwater fast feierlich und legte seine Hand auf die Brust des Toten. »Wie können Sie auch? Sie müssen nicht vergessen, daß nicht alle Weisheit aus Boston allein kommt«, setzte er, mit den Augen zwinkernd, hinzu. »Wir, hier in Sutherlandtown, haben auch einige Körnchen davon, nur wurden sie noch nicht anerkannt . . . . Sind Sie vollkommen davon überzeugt«, wandte er sich darauf an Knapp, »daß dieser ehrwürdige alte Mann wirklich der Mörder Agatha Webbs war?«

Knapp lächelte, als ob ein Kind ihn etwas gefragt habe. Dennoch antwortete er:

»Sehen Sie den Dolch hier, mit dem die Tat verübt wurde und sehen Sie das Brot, das mit dem Gelde gekauft ward, das Agatha Webb gehörte? Diese werden Ihnen die Antwort geben«.

»Gute Beweise«, sagte Sweetwater, »recht gute Beweise, besonders wenn man bedenkt, daß Mr. Crane einen alten Mann aus dem Hause laufen sah, der etwas Blinkendes in der Hand hielt. Und doch, wenn Sie mir nur einige Minuten Zeit zum Nachdenken geben, werde ich Ihnen zeigen, daß es Dinge gibt, die Sie nicht wissen. Ich kann Ihnen meine Beweise noch nicht geben; erst muß ich überlegen, wie die Zwanzig-Dollar-Note in die Hände dieser Männer gekommen sein kann – – – –«

»Wer ist dieser Mensch?« fragte Knapp.

»Ein Geiger, ein Niemand«, flüsterte Mr. Fenton ihm ins Ohr.

Sweetwater, der dies gehört hatte, richtete sich plötzlich auf. »Jawohl, ich bin ein Musiker«, sagte er »und spiele die Violine da, wo mir dafür bezahlt wird und ich glaube, Sie können sich zu diesem Umstande gratulieren, das heißt, wenn Sie dem Verbrechen, dem Sie nachspüren, auf den Grund kommen wollen. Daß ich aber ein »Niemand« bin, bestreite ich entschieden und ich bin überzeugt, Sie stimmen mir darin bei, noch ehe die Nacht vorüber ist. Geben Sie mir nur Gelegenheit, über die Sache hier nachzudenken und einige Minuten ungehindert durch das Haus gehen zu können«.

»Das ist meine Sache«, entgegnete Knapp. »Ich bin dazu da, das Haus zu durchsuchen und zu ergründen, welche Beweise von Schuld es enthalten mag«.

»Haben Sie Alles bemerkt, was in diesem Zimmer zu finden ist?« fragte Sweetwater ruhig.

Knapp zog die Schultern in die Höhe; er war vollkommen zufrieden mit dem, was er getan.

»Dann geben Sie mir jetzt Gelegenheit dazu. Ich bin nicht der Mann, für den Sie mich halten! Ich spiele allerdings jetzt nur Violine, doch ich habe Lust und Liebe für dieser Art Arbeit und ich schwöre, daß es Tiefen in dieser Mordsache gibt, die Sie noch nicht ergründet haben! Wo sind die neunhundertachtzig Dollars, meine Herren, die an den tausend fehlen, welche von Agatha Webb gestohlen wurden?«

»Die liegen irgendwo hier im Hause vergraben und wir werden sie gar bald finden«, entgegnete Knapp.

»Ausgezeichnet!« spottete Sweetwater. »Dann möchte ich Ihnen doch raten, sobald als möglich Hand daran zu legen. Ich will mich während dessen damit begnügen, das nachzusehen, was Sie bereits durchsucht haben«. Und ohne sich um die Anwesenheit der Andern zu kümmern, begann er das Zimmer zu durchsuchen, mit einer Gründlichkeit, welche die Arbeit des Andern tief in den Schatten stellte.

Knapp preßte ärgerlich die Lippen zusammen, ergriff seinen Hut, verbeugte sich gegen Fenton und sagte:

»Ich sehe, daß die Sympathie der Anwesenden dem lokalen Talent zugewandt ist. Lassen Sie das lokale Talent arbeiten, meine Herren, bis Sie einsehen, daß Sie einen erfahrenen Mann benötigen; dann können Sie nach dem Werft-Hotel schicken, woselbst ich bleiben werde, bis man mich benachrichtigt, daß man meiner Dienste nicht mehr benötigt«.

»Nein, nein«, protestierte Fenton. »Der Enthusiasmus dieses jungen Mannes wird bald verflogen sein. Lassen Sie ihn doch ruhig kramen; das braucht uns nicht zu genieren«.

»Er kramt nicht«, flüsterte Knapp; »er geht so systematisch vor, als wäre er Jahre lang einer der Unsern gewesen«.

»Umso mehr müssen wir sehen, was er vorhat. Bleiben Sie, wenn auch nur, um unsere Neugierde zu befriedigen. Lange lasse ich ihn so nicht wirtschaften«.

Knapp blieb und schaute dem jungen Manne aufmerksam zu.

»Wunderbar«, hörte Fenton ihn murmeln, »er bewegt sich mehr wie ein Aal, statt wie ein Mensch«.

Und es war wirklich des Beobachtens wert, wie Sweetwater in jede Ecke kroch, auf dem Boden suchte und nichts unbeachtet ließ.

»Ha!« rief er plötzlich, mit der Laterne das blasse Gesicht des Toten am Boden beleuchtend, »hier im Bart ist eine Krume von jenem Brot dort. Haben Sie das gesehen, Mr. Knapp?«

Die Frage kam so unerwartet und so scharf, daß Mr. Knapp schon den Mund zu einer Antwort öffnete. Er besann sich jedoch schnell und schwieg.

»Das erledigt, wer von den Beiden das Brot benagte«, fuhr Sweetwater unbeirrt fort. In der nächsten Minute war er bei dem andern Toten.

»Traurig, sehr traurig!« murmelte er. Plötzlich erfaßte er des Toten Weste.

»Sie haben dies natürlich bemerkt«, sagte er, dem Detektiv über die Schulter einen schnellen Blick zuwerfend.

Keine Antwort, wie zuvor.

»Ein ganz neuer Riß«, sagte Sweetwater, »und – jawohl – Blut an den Kanten. Halten Sie doch, bitte, die Laterne, Mr. Fenton; ich muß sehen, wie die Haut darunter ausschaut. Oh, meine Herren, nicht einmal ein Hemd! Der ärmste Schiffsknecht trägt ein Hemd! Eine gestickte Weste und kein Hemd! Traurig, sehr traurig – – –. Ah, nur eine Schramme über dem Herzen – – –, Wie erklären Sie sich das, meine Herren?«

Da Niemand zuvor die Schramme bemerkt hatte, schwiegen alle.

»Soll ich Ihnen sagen, wie ich mir dies erkläre?« fragte Sweetwater, vom Boden aufstehend, den er besichtigt hatte. »Der alte Mann versuchte, sich mit dem Dolch das Leben zu nehmen, an dem schon das Blut von Agatha Webb klebte; er war aber zu schwach dazu. Die Spitze durchbohrte nur die Weste, beschmierte die Stelle, wo sie traf, mit Blut, die Waffe entfiel darauf seiner Hand und fiel auf den Boden an der Stelle, wo diese frische Kerbe gemacht ist, die Sie neben meinem rechten Fuße sehen. Hat Jemand gegen diese einfache Theorie etwas einzuwenden?«

Der Detektiv öffnete wiederum seine Lippen und hätte diesmal vielleicht gesprochen, hätte ihm Sweetwater Gelegenheit gegeben.

»Wo ist der Brief, den der alte Mann geschrieben?« rief Sweetwater. »Sah Jemand von Ihnen ein Papier herumliegen?«

»Er hat nicht geschrieben«, sagte Knapp, »er hat in der alten Bibel gelesen, die Sie dort sehen«.

Sweetwater ergriff das Buch, schaute es durch und legte es wieder nieder.

»Er hat geschrieben«, sagte er dann »und zwar mit diesem Bleistift«. Dabei zeigte er auf ein kurzes Stückchen Bleistift, das auf dem Rande des Stuhles lag, darauf der Tote saß.

»Er hat allerdings einmal geschrieben«, bemerkte Knapp trocken.

»Er schrieb kurz vor der Tat«, beharrte Sweetwater. »Sehen Sie doch die Finger der rechten Hand an; die bewegten sich nicht, seit ihnen der Bleistift entfiel«.

»Nach dem Brief oder was es ist, soll gesucht werden«, sagte Fenton.

Sweetwater nickte und durchsuchte dann jeden Winkel des Zimmers.

»James war der stärkere der Brüder«, begann er wieder, »doch er machte offenbar keinen Selbstmordversuch«.

»Woher wollen Sie wissen, daß John Selbstmord begehen wollte?« fragte Jemand.

»Warum kann der Dolch nicht James Händen entfallen sein, als er den Bruder töten wollte?«

»Weil dann die Kerbe am Boden auf der rechten Seite des Stuhles wäre und nicht auf der linken«, entgegnete der Gefragte. »Außerdem würde James auch besser getroffen haben; hatte er doch später noch Kraft genug, den Dolch aufzuheben und an den Platz zu legen, wo Sie ihn  gefunden«.

»Das ist wahr; wir fanden den Dolch auf dem Tische liegen«, sagte Abel und kratzte sich den Kopf; er fing an, seinen Freund zu bewundern.

»Das ist Alles sehr einfach«, sagte Sweetwater, der Aller Augen in Erstaunen auf sich gerichtet sah. »Solche Sachen kann jedes Kind erklären. Was aber nicht so einfach ist und was ich noch nicht verstehe, ist: wie die Zwanzig-Dollar-Note in die Hände des alten Mannes kam. Er fand sie hier, aber wie – – –«

»Fand sie hier? Woher wissen Sie das?«

»Das, meine Herren, werde ich Ihnen später erklären, wenn ich meine Hand erst auf einen Beweis gelegt, den ich eifrig suche. Sie wissen, diese Arbeit ist neu für mich und ich muß schrittweise vorgehen . . . . Hat vielleicht einer der Herren beim Eintreten einen Geruch von Parfüm bemerkt?«

»Parfüm?« wiederholte Abel, sich verwundert umschauend, »eher Ratten«.

Sweetwater schüttelte den Kopf. Plötzlich leuchteten seine Augen – er ging schnell durchs Zimmer nach dem Fenster, dessen Jalousie halb zerrissen war und schaute diese an.

»Sie müssen mich eine Minute entschuldigen, meine Herren«, sagte er; »ich habe hier nicht gefunden, was ich suche und muß jetzt draußen darnach suchen. Will mir Jemand leuchten?«

»Ich werde«, sagte Knapp gutmütig; er betrachtete das Ganze fast als Scherz.

»Dann kommen Sie mit der Laterne ums Haus herum, direkt unter dieses Fenster«, befahl Sweetwater, als ob er des Andern Sarkasmus gar nicht bemerkt hätte. »Und Sie, meine Herren, bleiben Sie, bitte hier. Ich suche nämlich Fußspuren und je weniger wir selbst machen, desto leichter ist es, die zu finden, die ich suche.«

Mr. Fenton schaute ihn verwundert an: was hat der Mensch nur vor?

Als Sweetwater und Knapp aus dem Zimmer gegangen waren, flüsterte Abel dem Untersuchungsrichter zu:

»Ich glaube, wir hätten den Mann aus Boston nicht gebraucht«.

»Vielleicht – vielleicht nicht. Sweetwater hat noch nichts bewiesen; warten wir ab«. Dann wandte er sich Fenton zu und zeigte ihm ein altes Miniaturporträt, das er bei der ersten Untersuchung an James Brust gefunden. Es war ein wertvolles Bild, auf Elfenbein gemalt und in Gold gefaßt und viele Mahlzeiten wert, nach denen die Zabels so verlangt hatten.

»Agatha Webbs Bild«, erklärte Dr. Talbot, »oder vielmehr Agatha Gilchrists, denn dies Bild war offenbar gemalt, als er und Agatha noch Liebesleute waren«.

»Sie war wirklich eine Schönheit«, sagte Fenton, das Bild betrachtend; »kein Wunder, daß der ganze Kreis sie wie eine Königin verehrte«.

»Es scheint fast, als habe er dies Bild die letzten vierzig Jahre auf seinem Herzen getragen«, fuhr Dr. Talbot fort. »Und da sagt man: Liebe sei vergänglich! Nach diesem Beweis von Anhänglichkeit glaube ich nicht mehr, daß James die Frau getötet hat, der er so aufrichtig zugetan war. Sweetwaters Instinkt war richtiger, als der Knapps«.

»Oder der unsere«.

»Sehen Sie dieses Loch, meine Herren!« unterbrach Abel die Sprechenden und deutete auf eine kleine Oeffnung in der Jalousie, durch die von außen her Licht drang. »Diese Nadelöffnung veranlaßte Sweetwater hinauszugehen und nach Fußspuren zu suchen. Passen Sie auf: jetzt schaut er durch die Oeffnung ins Zimmer hier – er beobachtet uns und das nächste wird sein, daß er uns sagt, daß er nicht die erste Person ist, welche durch diese Oeffnung ins Zimmer schaute!«

Darin hatte Abel Recht.

»Alles in Ordnung, meine Herren«, waren Sweetwaters erste Worte, als er ins Zimmer trat. »Ich habe meinen Beweis gefunden. James Zabel war nicht die einzige Person, die gestern Nacht aus Webbs Hause hierher ging«. Und sich an Knapp wendend, der seine selbstgefällige Miene vollständig verloren hatte, fragte er: »Wenn Sie von dem Betrag, der Agatha Webb gestohlen wurde, zwanzig Dollars im Besitze einer Person fänden und die übrigen neunhundertachtzig im Besitze einer andern: welche von den Beiden würden Sie als den wahrscheinlichen Mörder der guten Frau ansehen?«

»Die, welche den Löwenanteil hält, natürlich«.

»Der Meinung bin ich auch. Dann dürfen Sie aber nicht hier nach dem Mörder suchen, sondern – – –. Doch halt! Erst will ich Sie das Geld sehen lassen. Will jemand von Ihnen mit mir gehen, es zu holen? Wir haben allerdings noch etwa eine viertel Meile den Berg hinauf zu gehen – – –«

»Sie haben das Geld gesehen? Sie wissen, wo das Geld ist?« fragten Dr. Talbot und Fenton wie aus einem Munde.

»Ich kann in zehn Minuten Hand daran legen, meine Herren!«

Auf diese unerwartete und überraschende Erklärung schaute Knapp auf Dr. Talbot, dieser auf Fenton, doch nur der letztere sprach:

»Das ist viel behauptet, Sweetwater! Doch ich bin bereit, Ihren Worten zu glauben. Gehen Sie voran, Sweetwater, ich folge Ihnen!«

Sweetwater schien zusehends zu wachsen.

»Und Dr. Talbot?« fragte er. Dieser lehnte es ab, da seine Pflicht ihn noch an das Haus hier binde. Dagegen schlossen sich Knapp und Abel an und allsogleich traten die vier Männer ihre Wanderung auf den Hügel an. Sweetwater ging voraus. Er ermahnte seine Begleiter, vollkommen still zu sein, welchem Verlangen diese auch nachkamen.

Schweigend gingen sie dahin, bis sie auf die Hauptstraße kamen, worauf Abel erstaunt ausrief:

»Wir gehen ja zu Sutherlands!«

»Nein«, entgegnete Sweetwater, »nur in das Wäldchen gegenüber«.

Fenton blieb stehen.

»Sind Sie sicher?« fragte er. »Haben Sie das Geld gesehen und hier, in diesen Büschen?«

»Ich habe es gesehen und es ist hier, in diesem Gehölz«.

Dann gingen sie weiter, bis sie an einen Baumstumpf kamen, der am Wege lag.

»Halt! Wir sind an Ort und Stelle«.

Knapp brachte die Laterne und leuchtete.

»Was sehen Sie?« fragte Sweetwater.

»Einen alten Stumpf«.

»Und darunter?«

»Ein Loch oder vielmehr den Eingang zu einem solchen«.

»Gut. In diesem Loche befindet sich das Geld. Nehmen Sie es heraus, Fenton«.

Die Festigkeit, mit der Sweetwater sprach, veranlaßte Fenton, niederzuknieen und in die Höhlung zu greifen. Nachdem er indes überall herumgegriffen, zog er die Hand wieder heraus – leer! Sweetwater schaute Fenton entsetzt an:

»Finden Sie es nicht? Sind nicht zwei Rollen Papiergeld darin?«

»Nein«, war die kurze Antwort nach erneutem Suchen. »Es ist nichts hier drinnen. Sie müssen an Halluzinationen leiden, Sweetwater«.

»Das ist unmöglich! Ich sah das Geld! Ich sah es in der Hand der Person, die es hinein steckte! Lassen Sie mich selbst nachsehen! Ich gebe es nicht auf, bis ich alles hier umgedreht habe!  Dann kniete er nieder und steckte die Hand in die Höhle, während Knapp und Fenton ihn aufmerksam beobachteten. (Abel war fortgegangen, nachdem Sweetwater ihm etwas ins Ohr geflüstert hatte.) Die beiden Männer schienen ebenso erregt, als Sweetwater selbst, dessen Gesicht eine Studie von Hoffnung und Enttäuschung war. Plötzlich warf er sich zu Boden und kratzte wie ein Tier in der Höhlung des Baumes.

»Ich kann mich nicht irren! Es muß hier sein! Es liegt einfach tiefer vergraben, als ich dachte! – – – Ah! Was sagte ich? Sehen Sie hier! Und hier!«

Dabei zog er seine Hände heraus und zeigte zwei Rollen nagelneuen Papiergeldes.

»Sie lagen unter einem halben Fuß Erde. Aber selbst wenn sie so tief gelegen hätten, als Großmutter Fullers Brunnen, ich hätte sie heraus gegraben!«

Inzwischen hatte Knapp die eine Rolle gezählt, Fenton die andere und die Summe ergab genau den Betrag, den Sweetwater zu zeigen versprochen: neunhundertundachtzig Dollars.

»Sehr gut, Sweetwater! Sehr gut! rief Fenton.

»Jetzt sagen Sie uns, wer den Schatz hier vergraben hat. Nach diesen Beweisen ist es unnötig, länger zu zögern«.

Sweetwaters Züge verfinsterten sich. Er schaute sich ängstlich um; als ob er fürchte, der Wald könne sein Geheimnis hören und sagte dann ruhig:

»Die Hand, welche das Geld hier vergraben, ist dieselbe, welche auf die Blutspur in Agatha Webbs Haus aufmerksam machte«.

»Sie meinen doch nicht Amabel Page!« schrie Fenton.

»Dieselbe, und ich bin froh, daß Sie den Namen nannten«.


XVII.
Ballschuhe, eine Blume und was Sweetwater daraus folgerte.

Eine halbe Stunde darauf saßen die vier Männer wieder mit Dr. Talbot zusammen in der Küche des Zabelschen Hauses, woselbst Sweetwater mit gerechtem Stolze von seinen Entdeckungen erzählte.

»Meine Herren,« sagte er, »wenn ich eine junge Dame von gutem Ruf und in hochachtbarem Hause eines Verbrechens wie dieses zeihe, so tue ich dies nicht ohne triftige Gründe, wie ich Ihnen bald beweisen werde«.

»Am Abend und zu der Stunde, da Agatha Webb ermordet wurde, spielte ich zusammen mit noch vier andern Musikern bei Mr. Sutherland. Vom Platze, wo ich saß, konnte ich alles sehen, was im Saale vorging und ebenso die Halle, die nach der Gartentüre führt. Während im Salon getanzt ward, schaute ich naturgemäß meist dahin und dabei bemerkte ich, wie Frederick Sutherland und Amabel Page während der ersten Hälfte des Abends jede Gelegenheit suchten, zusammen zu sein und in allen Quadrillen sich gegenüber zu stehen. Oft sprach sie ihn im Vorübergehen an; manches Mal antwortete er, oftmals auch nicht, doch verfehlte er nie, ihr zu zeigen, wie ihre Anwesenheit ihn freute. Trotzdem schien es mir, als ob zu seiner wahren Freude etwas mangle und ich fragte mich, ob er ihr nicht ganz vertraue. Auch das Mädchen schien zu bemerken, daß er ihr nicht jedesmal antwortete und sprach ihn daher weniger oft an; sie ließ ihn aber nicht aus den Augen. So aufmerksam sie ihn aber beobachtete, es war nicht aufmerksamer, als ich dies selbst tat, obwohl ich damals noch keine Ahnung hatte, welche Folgen dies zeitigen würde. Sie trug ein weißes Kleid und weiße Schuhe und war so kokett und verführerisch, wie nur eine Teufelin sein kann. Plötzlich vermißte ich sie! In dieser Minute hatte ich sie noch tanzen sehen – in der nächsten war sie verschwunden! Ich dachte natürlich zuerst, sie sei mit Frederick Sutherland aus dem Saale gegangen; doch er war noch da. Allerdings sah er so bleich aus und schien so geistesabwesend, daß ich gleich dachte, die kleine Hexe habe etwas vor. Aber was?«

»Plötzlich sah ich sie den vorhin erwähnten Gang hinabschleichen, in der Hand einen langen, dünnen Mantel, den sie zusammenrollte und hinter die Tür warf. Darauf kam sie wieder in den Saal, ein Liedchen trillernd und tat so ungezwungen, als sei sie nie fort gewesen. »Aha«, dachte ich, »sie wird den Mantel wohl bald gebrauchen!« Und so war es in der Tat. Wir spielten eben die »Harebell-Mazurka«, als ich sie wieder an der Türe sah. Sie nahm den Mantel, schlug ihn um, warf einen schnellen Blick hinter sich, den – ich bin dessen sicher – außer mir Niemand sah und verschwand dann durch die Türe in den Garten. »Jetzt passe auf, wer ihr nachgeht!« dachte ich. Es folgte ihr indes Niemand. Dies kam mir höchst sonderbar vor und da ich stets für Detektiv-Arbeit eine große Vorliebe hatte, schaute ich auf die große Wanduhr in der Halle, sah, daß es halb zwölf Uhr war und schrieb die Stunde auf meine Noten vor mir, um zu sehen, wie lange die junge Dame sich wohl allein im Garten ergehe. Es vergingen zwei volle Stunden, meine Herren, ehe ich sie wieder sah. Durch welche Türe sie hereingekommen, weiß ich nicht; das Eine aber weiß ich bestimmt, daß sie nicht durch die Gartentüre kam, denn ich hatte diese nicht aus den Augen gelassen. Ungefähr halb zwei Uhr hörte ich ihre Stimme plötzlich auf der Treppe über mir. Sie kam herab, mischte sich unter die Gesellschaft im Saale und tat, als ob sie keine fünf Minuten fort gewesen wäre. Bald darauf sah ich sie wieder mit Frederick tanzen, doch nur für kurze Zeit. Er schien mißstimmt und sie trennten sich, als ich sie noch beobachtete. Nun, meine Herren, wo war Miß Page während dieser zwei Stunden? Ich glaube, ich kann die Frage beantworten«.

»Doch ehe ich dies tue, muß ich Ihnen von einer kleinen Entdeckung berichten, die ich machte, als der Ball noch im Gange war. Miß Page kam die Treppe herab – wie ich bereits sagte – und zwar aus ihrem eigenen Zimmer. Ihr Anzug war noch genau derselbe, mit einer kleinen Aenderung: statt der weißen Tanzschuhe trug sie nun blaue. Dies bewies mir deutlich, daß die ersteren durch den Spaziergang, den sie gemacht, für weiteren Gebrauch – wenigstens an dem Abend – undienlich waren. Dieser an und für sich unbedeutende Vorfall hätte vielleicht keinen bleibenden Eindruck auf mich gemacht, hätte sie nicht gleich darauf in meiner Gegenwart ein, für eine junge und Mrs. Agatha Webb völlig fremde Dame, solch ungewöhnliches Interesse an dem Mord gezeigt, der sich während ihrer Abwesenheit ereignet hatte. Kaum waren daher die Familienmitglieder und Dienstboten aus dem Hause gegangen – die Seitentüre war unverschlossen geblieben – als ich ins Haus ging und Miß Pages Zimmer aufsuchte. Da in den Hallen noch Licht brannte, ward mir das nicht schwer. Wäre mein – wie ich gerne anerkenne – unberechtigtes Eindringen in das Haus ohne Erfolg geblieben, ich hätte stille geschwiegen und niemals darüber gesprochen; so aber machte ich eine Entdeckung von größter Wichtigkeit und ich hoffe daher, daß mir meine Eigenmächtigkeit vergeben wird. Selbstredend suchte ich zuerst nach den weißen Ballschuhen und fand sie auch in einer dunkeln Ecke, hinter einem alten Bilde versteckt. Ich zog sie hervor, nahm sie herunter und untersuchte sie aufs genaueste. Sie waren nicht nur schmutzig, sondern auch zerrissen und abgewetzt – mit anderen Worten: total ruiniert, und da ich annehmen durfte, daß die junge Dame die Schuhe doch wegwerfen würde, steckte ich sie in die Tasche und nahm sie mit nach Hause. Abel hat sie eben hierhergebracht; wenn Sie sie genau untersuchen, werden sie noch anderes daran finden, als Schmutz«.

Dr. Talbot, der den Sprecher immer erstaunter angesehen, nahm die Schuhe aus Abels Händen und unterzog sie einer genauen Prüfung. Sie waren, wie Sweetwater gesagt hatte, nicht nur mit Schmutz bedeckt, sondern auch total zerrissen und zeigten rote Flecken von unzweifelhaftem Charakter.

»Blut!« rief der Untersuchungsrichter aus. »Kein Zweifel: Miß Page befand sich gestern Nacht an einem Platze, woselbst Blut vergossen ward!«

»Ich habe noch einen andern Beweis gegen sie in Händen«, fuhr Sweetwater fort, wobei er die Männer, die ihn vorhin so geringschätzig angesehen, mit sichtbarer Genugtuung betrachtete. »Nachdem ich erst Verdacht geschöpft, daß Miß Page ihre Hände bei dem Morde im Spiele hatte, wenn sie nicht gar selbst die Mörderin war, ging ich schnell nach Mrs. Webbs Hause und kam gerade an, als die junge Dame aus der Gartentüre trat. Sie hatte sich eben auffallend gemacht, indem sie die Herren auf die Blutspuren im Grase aufmerksam machte. Dr. Talbot wird sich wohl noch erinnern, wie sie dabei aussah«.

Dr. Talbot nickte.

»Ich zweifle aber, ob er auch bemerkte, wie Abel aussah – oder vielmehr die halb vertrocknete Blume, die sich dieser ins Knopfloch gesteckt hatte«.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich sie bemerkte!« rief der Untersuchungsrichter, den jungen Mann bewundernd, aus.

»Und doch ist diese Blume von höchster Wichtigkeit in diesem Fall! Abel fand sie, wie er bestätigen wird, auf dem Boden in Mrs. Webbs Hause, fast unter Batsy's Röcken. Kaum bemerkte ich die Blume in seinem Knopfloch, als ich ihm riet, er solle sie herausnehmen und gut aufbewahren. Es war eine seltene Blume, meine Herren, eine Blume, wie man sie nur in Mr. Sutherlands Treibhaus findet! Eine solche Blume sah ich an jenem Abend in Miß Pages Haar. Hast Du die Blume hier, Abel?«

Abel hatte sie und zeigte sie Dr. Talbot und Mr. Fenton. Die Blume war zwar welk und vertrocknet, doch man erkannte eine Orchidee von seltener Schönheit.

»Sie lag neben Batsy«, erklärte Abel. »Ich machte Mr. Fenton darauf aufmerksam, doch legte er der Blume keinen Wert bei«.

»Um so aufmerksamer will ich sie jetzt betrachten«, bemerkte Fenton.

»Man hätte mir die Blume zeigen sollen«, warf Knapp ein.

»Das ist wahr«, entgegnete Sweetwater; »doch erstens war ich anderweitig beschäftigt – ich hatte Miß Page zu beobachten – und zweitens: weshalb hätte ich meinem Konkurrenten die Waffen in die Hände spielen sollen? Ich hatte lange genug auf eine Gelegenheit gewartet, meine Fähigkeit als Detektiv zu beweisen – – . Glücklicherweise verboten sie Miß Page, die Stadt zu verlassen. Ich trieb mich den ganzen Tag in der Nähe von Mr. Sutherlands Haus herum und hatte endlich, beim Hereinbrechen der Nacht, die Genugtuung, die junge Dame nach einem längeren Spaziergange plötzlich in den Büschen gegenüber des Hauses verschwinden zu sehen. Ich folgte behutsam und beobachtete genau, was sie tat. Da sie kurz zuvor Frederick Sutherland mit Miß Halliday die Straße hinabgehen gesehen, glaubte sie sich jedenfalls ungestört; sie ging direkt auf den Baumstamm zu, von dem wir eben kommen und zog daraus zwei Pakete, die knitterten, wie steifes Papier. Ich schlich so nahe heran, als ich konnte. Sie blieb noch längere Zeit in knieender Stellung – ich konnte mir nicht denken, was sie tat – dann stand sie auf, lachte höhnisch, klatschte wiederholt in die Hände – wobei ich bemerkte – daß sie die Pakete nicht mitgenommen – und ging dann schnell dem Hause zu«.

»Kaum sah ich sie das Haus betreten, als ich mich aufmachte, den Untersuchungsrichter zu benachrichtigen. Im Gerichtsgebäude fand ich Sie nicht und da mir ein Mann an Brigthons Ecke sagte, er habe vier Männer nach Zabels Haus gehen sehen, lief ich schnell hierher, um nachzusehen, ob Sie vielleicht einer der vier Männer wären. Den Schreck und die Enttäuschung können Sie sich vorstellen, als Sie mir sagten, Sie hätten den Mörder von Agatha Webb entdeckt! Doch nur einen Augenblick war ich überrascht, denn ich war meiner Sache zu sicher und ich hoffe, Sie Alle stimmen mir nun bei, daß dieser arme Mann unmöglich der Mörder gewesen sein kann, trotzdem die Zwanzig-Dollar-Note in seinem Besitz gefunden ward. Denn – und dies ist mein Haupttrumpf – ich kann beweisen, daß Miß Page während ihrer Abwesenheit nicht nur in Agatha Webbs Haus gewesen, sondern auch in diesem oder zum mindesten unter dem Fenster stand, das ich vorhin untersuchte. Eine Fußspur ist daselbst zu finden, meine Herren, eine äußerst deutliche Spur und wenn Dr. Talbot sich die Mühe nehmen will, diese Spur mit dem Schuh zu vergleichen, den er in der Hand hält, wird er finden, daß sie von dem Fuße herstammt, der diesen Schuh getragen«.

Ehe Dr. Talbot sich erheben konnte, fragte Mr. Fenton, dem das Schicksal der beiden Brüder so sehr zu Herzen gegangen war:

»Wie erklären Sie aber mit Ihrer Annahme die Tatsache, daß James Zabel eine Note ausgab, die von Agatha Webb gestohlen wurde? Halten Sie Miß Page für so freigebig, daß sie ihm das Geld gegeben haben sollte?«

»Und das fragen Sie mich, Mr. Fenton? Wollen Sie wirklich wissen, was ich über die Verbindung zwischen diesen beiden schrecklichen Dramen denke? »

»Gewiß! Sie haben es verdient, gefragt zu werden, Sweetwater«.

»Nun denn: ich glaube, Miß Page versuchte, den Verdacht, die Tat begangen zu haben, auf einen der beiden Brüder abzuwälzen; sie ist berechnend und kaltblütig genug dafür. Außerdem waren ihr die Verhältnisse günstig; soll ich zeigen, wieso?«

Mr. Fenton schaute fragend auf Knapp, welcher stumm nickte; er war selbst begierig, zu erfahren, wie Sweetwater seine Annahme begründe.

»Der alte James Zabel sah seinen Bruder langsam Hungers sterben – Beweis liegt vor. Er selbst war schwach, doch John war noch schwächer. In einem Anfall von Verzweiflung rannte er aus dem Hause, um von Agatha Webb ein Stückchen Brot zu betteln oder – was noch wahrscheinlicher ist – an Philemons jährlichem Geburtstagsschmaus teilzunehmen und so auf unauffällige Weise das zu erhalten, nach dem zu fragen er doch offenbar sich schämte. Doch der Tod hatte vor ihm Einzug in Agatha Webbs Haus gehalten. Diese Erkenntnis machte auf den bereits geistig Geschwächten einen solchen Eindruck, daß er, halb wahnsinnig, für eine halbe Stunde durch die Straßen wanderte, ehe er wieder in seiner Behausung ankam. Woher ich das weiß? Sehr einfach: ich fragte Pastor Crane, ob er sich noch erinnere, was wir spielten, als er vom Hause der kranken Witwe Walker kam und an Sutherlands vorüberging. Da es seine Lieblingsmelodie war, hatte er sie, glücklicherweise, nicht vergessen. Es war ein Walzer, den wir ein Viertel nach zwölf Uhr spielten. Um diese Zeit trat Zabel aus Mrs. Webbs Haus; es war aber zehn Minuten vor ein Uhr, als er an Lotons Türe klopfte! Woher ich das weiß? Auf dieselbe Weise, wie ich ausfand, wann Mr. Crane am Hause vorüber kam. Mrs. Loton lag wachend im Bette und hörte der Musik zu. Sie sagte, wir spielten eben »Money Musk«, als sie klopfen hörte und ihren Gatten weckte. Nun, meine Herren, wir spielten »Money Musk«, ehe wir zum Essen gerufen wurden und da das Essen Punkt ein Uhr serviert ward, stimmt meine Kalkulation wohl ziemlich genau. Es vergingen also fünfunddreißig Minuten zwischen der Begegnung mit Mr. Crane und der Ankunft bei Loton, woselbst Zabel Brot verlangte und die gestohlene Note in Zahlung gab. Fünfunddreißig Minuten! Und er und sein Bruder starben Hungers! Glauben Sie wirklich, daß er das Geld schon hatte, als er Mrs. Webbs Haus verließ? Würde ein Mensch, der seinen Bruder Hungers sterben sieht oder selbst dem Hungertode nahe ist, fünfunddreißig Minuten warten, ehe er von dem Gelde Gebrauch macht, das er – sei es rechtmäßig, sei es unrechtmäßig – im Besitz hat? Nein! Deshalb behaupte ich, daß er das Geld nicht hatte, als er Mr. Crane begegnete; daß er nach Hause stürmte, seinem Bruder das Schreckliche, was er in Agatha Webbs Haus gesehen, mitzuteilen und daß er das Geld dort auf dem Tische fand. Wie aber kam es dahin, werden Sie fragen? Betrachten Sie die Fußspuren: Amabel Page brachte das Geld! Vielleicht sah sie den alten Mann in Agatha Webbs Haus, während sie selbst dort war und beschloß, den Verdacht auf ihn zu lenken. Schnell, wie ein Fuchs, schlich sie nach seinem Hause, bohrte ein Loch in die Jalousie, schaute ins Zimmer, sah John schlafen, trat leise ein, legte die Zwanzig-Dollar-Note und den blutigen Dolch, mit dem sie eben Agatha Webb ermordet, auf den Tisch, schlich ebenso leise hinaus und tanzte zwanzig Minuten später wieder im Saal des Mr. Sutherland«.

»Ausgezeichnet!« rief Abel und schaute die Andern an, als ob er erwartete, daß sie ihm beistimmten. Diese indes saßen schweigend da.

Sweetwater verbarg seine Enttäuschung hinter einer lächelnden Miene und fuhr fort:

»Inzwischen wachte John auf, sah den Dolch und beschloß, sein elendes Dasein zu enden, doch merkte er bald, daß er hierzu zu schwach war. Der Riß in seiner Weste, die Scharte im Fußboden beweisen dies. Wollen Sie indes noch einen weiteren Beweis, so will ich den auch erbringen und zeigen, daß wenigstens diese, meine letzte Annahme, richtig ist . . . . ich meine das Geschriebene, das Sie Alle übersehen haben. Oeffne die Bibel, Abel – schütteln hat keinen Wert – blättere und Du wirst in der Bibel selbst die Zeilen finden, die – wie ich behaupte – der Sterbende mit zitternder Hand schrieb. Hast Du sie gefunden?«

»Nein«, entgegnete Abel. »Ich sehe nichts, weder auf der ersten noch auf der letzten Seite«.

»Sind dies die einzigen leeren Blätter in der Bibel? Sieh nach, wo die Familien-Chronik steht. Hast Du sie gefunden?«

Knapp selbst nahm nun die Bibel in die Hand und fand auch bald kaum lesbare Zeichen, die er zu entziffern versuchte.

»Vergib James«, las Knapp, »wollte Dolch benutzen gefunden – Hand zu schwach – sterbe ohne – traure nicht – – treue Männer – uns nicht entehrt – – Gott segne – –«

»Das ist Alles«, sagte Knapp.

»Die Anstrengung war zuviel für den alten, schwachen Mann«, fuhr Sweetwater fort, dem die gerechte Freude über seinen Sieg aus den Augen leuchtete, »und er sank in Ohnmacht. James kommt zurück, sieht den Dolch, hebt ihn auf, legt ihn auf den Tisch und bemerkt dabei das Geld. Ein Hoffnungsstrahl! Schnell erfaßt er es, eilt zu Loton, kauft einen Laib Brot, den er auf dem Nachhausewege selbst anbeißt, denn sein Hunger ist zu groß, eilt ins Haus zurück – doch zu spät: John ist bereits tot! Schwindel erfaßt ihn, er taumelt, fällt und der Tod erlöst auch ihn von seinem Erdenleid. – – – Haben die Herren nun auf meine Theorien etwas zu erwidern?«

Einen Augenblick schwiegen Alle still. Dann sagte Mr. Knapp mit merkwürdiger Ruhe:

»Alles dies ist sehr genial ausgedacht, nur werden Ihre Theorien durch eine kleine Tatsache, die Sie wohl übersehen haben, über den Haufen geworfen. Haben Sie den Dolch, von dem Sie so oft sprachen, genau untersucht, Mr. Sweetwater?«

»Nicht so genau, als ich gern möchte. Ich bemerke indes, daß die Kanten blutig sind und daß er genau die Form hat, wie der Dolch, der Mrs. Webbs Tod veranlaßte«.

»Sehr richtig. Doch es befindet sich noch etwas anderes Interessantes an dem Dolch. Bringen Sie ihn einmal her, Abel«.

Abel eilte hinaus und brachte gleich darauf das Verlangte. Sweetwater besichtigte den Dolch genau, konnte indes nichts Auffallendes daran finden und schüttelte enttäuscht den Kopf.

»Nehmen Sie ihn mehr aus Licht«, sagte Knapp, »und sehen Sie die kleine Platte am Heft an«.

Sweetwater tat so und erblaßte: er sah zwei kleine, aber deutliche Buchstaben: J. Z.

»Wie kam Amabel Page in den Besitz eines Dolches, der die Initiale der Zabels trägt?« fragte Knapp.

»Glauben Sie, ihre Vorsicht ging soweit, sich von den Brüdern einen Dolch zu verschaffen, ehe sie die Tat beging? Auch scheinen Sie vergessen zu haben, daß Zabel etwas Blinkendes in der Hand trug, als Mr. Crane ihn aus Agatha Webbs Haus treten sah. Was kann dies gewesen sein, wenn nicht dieser Dolch?«

Sweetwater war enttäuschter, als er merken lassen wollte.

»Daß ich diese Frage nicht so einfach beantworten kann«, entgegnete er, »liegt einzig und allein an meiner Unerfahrenheit in solchen Dingen. Ich dachte, ich hätte Alles so klar gelegt, daß ein Einwand unmöglich wäre«.

Knapp schüttelte den Kopf und sagte, höhnisch lächelnd:

»Junge Enthusiasten, wie Sie, sind schnell fertig, großartige Theorien aufzustellen, die von alten, erfahrenen Leuten, wie ich, als Phantasiegebilde betrachtet werden. Es besteht kein Zweifel, daß Miß Page mit dem Morde in Verbindung steht, selbst wenn sie keinen aktiven Anteil daran hatte. Mit diesem Beweis von Zabels Schuld indes in der Hand, möchte ich vorerst nicht empfehlen, Miß Page zu verhaften«.

»Sie sollte jedoch unter Polizeiaufsicht stehen«, bemerkte der Untersuchungsrichter.

»Zweifellos«, stimmte Knapp bei.

Sweetwater schwieg. Erst als er Gelegenheit hatte, mit Dr. Talbot allein zu sprechen, sagte er:

»Trotz des klaren Beweises, von dem Mr. Knapp spricht – die Buchstaben am Dolche und die Möglichkeit, daß der alte Zabel ihn in der Hand trug, als er aus Agatha Webbs Haus trat – bleibe ich dabei, daß dieser alte, schwächliche Mann Agatha Webb nicht getötet hat. Er hätte nicht die Kraft zu einem solchen Unternehmen besessen, selbst wenn seine jahrelange Verehrung für sie ihn nicht von der Tat abgehalten hätte«.

Der Untersuchungsrichter saß nachdenklich.

»Sie haben Recht«, sagte er endlich, »er hatte nicht die Kraft dazu. Sprechen Sie vorläufig nicht weiter über den Fall und warten Sie erst ab, was einige direkte Fragen an Miß Page zu Tage fördern werden«.


XVIII.
Wichtige Fragen.

Frederick hatte eine schlaflose Nacht verbracht und erhob sich früh morgens. Die Worte, die er vor dem Nachhausegehen gehört, klangen ihm noch immer in den Ohren.

Als er die Hintertreppe hinab kam – er wählte diesen Weg, um Amabel nicht zu begegnen – traf er den Kutscher.

»Warst Du schon in der Stadt?« fragte Frederick. »Nein, Herr, aber Lem war da. Das sind ja schreckliche Dinge! Ob Mr. Sutherland es schon weiß?«

»Was für Dinge, Jake? Ich glaube nicht, daß mein Vater sich schon erhoben hat«.

»Es wurden gestern Nacht noch zwei Tote in der Stadt gefunden: die Brüder Zabel! Und die Leute sagen, daß einer von beiden der Mörder Agatha Webbs sei. Der Dolch ist in Zabels Haus gefunden worden und das Geld auch. Was ist Ihnen, Herr? sind Sie krank?«

Nur mit Anspannung aller Kräfte vermochte Frederick sich aufrecht zu erhalten; fast wäre er umgesunken.

»Nein – das heißt, mir ist nicht so recht gut – – diese vielen schrecklichen Ereignisse – – – Woran sind die Zabels gestorben? Sie sind beide tot, sagtest Du?«

»Ja, Herr, und das schrecklichste ist: sie sind verhungert! Das Brot kam zu spät. Die Brüder sehen aus, wie Skelette. Sie hatten sich die letzten fünf Wochen nicht sehen lassen und kein Mensch wußte, wie es um sie bestellt war. Ich kanns wohl verstehen, daß es Sie so aufregt; wir alle sind so erschrocken. Ich habe kaum das Herz, es Mr. Sutherland zu sagen«.

Frederick ging taumelnd davon. Er war nie im Leben dem Zusammenbrechen – geistig und körperlich – so nahe gewesen.

An der Schwelle des Wohnzimmers begegnete er seinem Vater, der äußerst erregt schien, fast noch erregter als in der Nacht, da er den Check unterschrieb.

»Das ist ja eine schreckliche Neuigkeit«, begann Frederick, der sich zuerst gefaßt hatte. Sein Vater ließ ihn indes nicht beenden; er war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und fuhr Frederick erregt an:

»Du sagtest mir gestern, daß zwischen Dir und Miß Page alles aus wäre. Und doch sah ich Dich gestern Nacht zusammen mit ihr ins Haus treten und zwar kurz, nachdem ich Dir das Geld gegeben, um das Du mich gebeten.«

»Das ist wahr und ich kann mir vorstellen, daß dies keinen guten Eindruck auf Dich machte. Ich versichere Dich indes, daß jenes Zusammentreffen völlig gegen meinen Willen geschah und daß mein Verhältnis zu Miß Page durch dasselbe in keiner Weise berührt wurde«.

»Es freut mich, dies zu hören, mein Sohn. Du könntest Dir selbst nichts schlimmeres antun, als zu Deiner alten Lebensweise zurückzukehren«.

»Das weiß ich«.

Darauf fragte Frederick wieder, ob der Vater das Neueste gehört habe und als dieser ihn verständnislos anschaute, sagte Frederick:

»Ich meine die Zabels; sie sind beide tot – verhungert! Wie kann das nur möglich sein?«

Dies war so verschieden von dem, was der alte Mann zu hören erwartete, daß ihn die Nachricht fast erdrückte. Als ihm Frederick mitteilte, daß man den alten Zabel im Verdacht habe, der Mörder Agatha Webbs zu sein, fand er schnell seine Fassung wieder. In den schärfsten Ausdrücken trat er solcher Annahme entgegen und bald überzeugte sich Frederick daß es weit mehr bedürfe, als bloßer Indizienbeweise, um den Vater an die Schuld eines der Brüder glauben zu lassen.

Frederick dem dieses eine große Erleichterung zu sein schien, erwartete nun ein Kreuzfeuer von Fragen, die natürlicherweise einer solchen Mitteilung folgen sollten, als Beider Aufmerksamkeit plötzlich durch herannahende Schritte einer Anzahl Männer in Anspruch genommen ward.

Unter den Ankommenden befand sich auch der Staatsanwalt, Mr. Courtney. Kaum erkannte Mr. Sutherland ihn, als er ihm entgegen eilte und rief:

»Da ist Courtney; der wird alles erklären«.

Gleich darauf betraten vier Männer mit Mr. Sutherland dessen Studierzimmer.

Frederick überlegte eben, ob er den Männern folgen oder warten solle, bis man ihn rufen würde, als er den Druck eines Fingers auf seiner Schulter fühlte. Umschauend, gewahrte er Amabel Page, die auf der Treppe stand und sich zu ihm niederbeugte. Sie war bleich und erregt und obschon die Aufregung der vergangenen Stunden sich deutlich auf ihren Zügen ausprägte, schaute sie ihn doch mit einem Lächeln an, das ihm vor vierundzwanzig Stunden noch verhängnisvoll geworden wäre, das ihn aber jetzt sichtbar abstieß.

Amabel bemerkte diese Bewegung und zog die Stirne in Falten. Doch nur für einen Augenblick; dann sagte sie, gezwungen lachend;

»Ist Dir meine Berührung so unangenehm? Wenn ein einzelner Finger Deine empfindlichen Nerven so zu drücken scheint, wie wirst Du erst das Gewicht meiner ganzen Hand ertragen?«

Der Ton ihrer Stimme machte ihn erschauern und unwillkürlich erhob er seine Hand zur Abwehr. Sie sah auch diese Bewegung, erblaßte, beugte sich tiefer zu ihm nieder und flüsterte, während sie nach der Türe deutete, hinter der die fünf Männer eben verschwunden waren:

»Vielleicht ist dies unsere letzte Gelegenheit, ohne Zeugen zusammen zu sprechen. Ich will Dich deshalb nur das Eine wissen lassen: Du brauchst mir nicht mit Worten zu sagen, daß Du bereit bist, mich zu heiraten; wenn Du in meiner Gegenwart den Ring, den Du trägst, langsam vom Finger ziehst und wieder ansteckst, dann soll mir dies ein Zeichen sein, daß Du Dir den Fall überlegt hast und daß Du mein Schweigen wünschest und – – mich selbst«.

Frederick konnte ein Zusammenzucken nicht vermeiden. Einen Augenblick fühlte er, als ob er nachgeben müsse und so die ganze Qual auf einmal enden. Dann aber übermannte ihn der Abscheu vor diesem Mädchen, er wandte den Kopf, stieß einen dumpfen Schrei aus und rannte durch die Gartentüre, wobei er – gegen seinen Willen – unzählige Male den Ring von seinem Finger zog und wieder ansteckte und mit bitteren Worten gegen einen Einfluß protestierte, dem er unbewußt unterlag.

»Ich werde den Ring nicht tragen!« rief er, als er vor dem Weiher stand, aus dem sein Bild wiederspiegelte. »Ich setzte mich nicht der Gefahr aus, unter ihrem Einflusse, bewußt oder unbewußt, ihr Sklave zu werden! Ich werfe ihn ins Wasser und der Bann ist gebrochen«.

Der Gedanke jedoch, daß das Fehlen des Ringes ihn nicht verhindern würde, die Bewegung, die sie einzig zu sehen wünschte und vor der ihm so bangte, mit den Fingern zu machen, veranlaßte ihn, dieses wertvolle Familienstück nicht zu opfern. Wuterfüllt über die Schwäche, der er sich entziehen konnte, ging er dem Hause zu.

Kaum hatte er die Halle betreten, als ihn ein Gefühl beschlich, als ob er vor einer entscheidenden Krisis stehe. Er hörte deutlich Stimmen in der oberen Halle und als er näher trat, sah er auf der Treppe Amabel stehen, sich mit beiden Händen am Geländer festhaltend. Vor ihr standen die fünf Männer, die jedenfalls eben aus dem Zimmer getreten waren, um mit ihr zu sprechen.

Da sie ihm den Rücken zukehrte, konnte er ihr Gesicht nicht sehen. Aus den Zügen der fünf Männer indes konnte er deutlich erkennen, daß sie in einer teuflischen Laune war, welche den Männern vor ihr etwas zu raten gab.

Als sie seine Schritte hörte, schien eine plötzliche Aenderung in ihr vorzugehen.

»Ich bin bereit, jede Frage, die sie an mich stellen, zu beantworten«, hörte er sie sagen, »aber nicht da drinnen in jenem engen Zimmer; ich würde darin ersticken«.

Frederick sah, wie die fünf Männer sich anschauten und war erstaunt, den unscheinbaren Menschen, den sie Sweetwater nannten, antworten zu hören.

»Gut«, sagte der, »wenn Sie die offenen Hallen nicht scheuen, wir haben nichts dagegen einzuwenden. Nicht wahr, meine Herren?«

Die beiden kleinen Finger, die Frederick zugewandt waren, machten ein merkwürdig klapperndes Geräusch, das einzige, was für einige Minuten hörbar war. Dann fragte Mr. Courtney:

»Wie kamen Sie zu dem Geld, das aus Mrs. Webbs Schublade gestohlen worden war?«

Es war dies eine Frage, die Frederick zusammenfahren ließ, Amabel indes kaum zu berühren schien. Sie wandte lächelnd ihr Antlitz zur Seite, so daß Frederick sie deutlich sehen konnte und erwiderte dann:

»Wäre es nicht besser, Sie begännen mit einer weniger pointierten Frage? Dem Anfange nach zu urteilen, scheint es mir, als ob Sie dächten, ich könnte Ihnen wichtige Aufschlüsse über den Tod Agatha Webbs geben . . . . . . . Fragen Sie mich zuerst darüber – – die andere Frage werde ich später beantworten«.

Diese Kaltblütigkeit machte auf die fünf Männer sehr verschiedenen Eindruck. Mr. Sutherland zog ärgerlich die Stirne in Falten, Dr. Talbot schaute die Sprecherin überrascht an – nur Mr. Courtney schien von ihren Worten gänzlich unberührt.

»Gut«, sagte er. »Es liegt mir wenig daran, was Sie zuerst beantworten. Fast unter den Röcken der Magd Batsy ward eine Blume gefunden, die Sie am Abend des Balles im Haar getragen hatten. Können Sie erklären, wie diese Blume dahin kam oder vielmehr: wollen Sie dies erklären?«

»Sie brauchen nämlich nicht zu antworten, falls Sie nicht wollen«, bemerkte Mr. Sutherland in seinem strengen Gerechtigkeitssinn. »Es wäre indes sehr gut, wenn Sie die Erklärung abgeben würden; Sie könnten so einen Verdacht beseitigen, den Sie jedenfalls nicht auf sich ruhen wissen wollen«.

»Was ich Ihnen auch sage«, begann Amabel nachdrücklich, ist so wahr, als ob ich diese Aussagen unter Eid machte. Ich kann wohl erklären, wie die Blume aus meinem Haar in Mrs. Webbs Haus, aber nicht, wie sie unter Batsys Füße kam. Dies letztere muß Ihnen ein anderer erklären«. Ihr kleiner Finger, der auf dem Geländer lag, deutete auf Frederick, indes konnte dies Niemand bemerken, wenn nicht Frederick selbst. »Ich trug an jenem Abend eine purpurrote Orchidee im Haar und diese kann möglicherweise von Jemanden aufgehoben und in jenes Zimmer getragen worden sein, während sie mir aus dem Haare gefallen war; ich war nämlich ungefähr um dieselbe Zeit in Agatha Webbs Haus, da sie ermordet wurde«.

»Sie waren im Haus?!«

»Ja, aber nur im untern Stock, nicht im oberen. Ich hätte Ihnen dies schon früher sagen können, doch hielt ich es nicht für nötig. Ihre Anwesenheit und Ihre Fragen beweisen mir indes, daß Sie Wert darauf legen, es zu wissen«.

Sie sprach mit Ernst und – es schien fast – mit Aufrichtigkeit. Sweetwater indes trippelte unruhig hin und her: sollte er dies Mädchen wirklich so wenig kennen!

»Wir warten«, bemerkte Dr. Talbot.

Sie wandte ihr Gesicht dem Sprecher zu, wodurch Frederick von ihrem Anblicke befreit ward.

»Ich werde alles so einfach und klar als möglich erzählen, mit dem einzigen Vorschlage, daß Sie mir völligen Glauben schenken – andernfalls begehen Sie einen großen Irrtum . . . . . . Während ich mich am Ballabend vom Tanzen ausruhte, hörte ich zwei junge Leute von den Zabels sprechen. Der Herr lachte über den alten Mann, während die junge Dame eine alte halbvergessene Liebesgeschichte erzählte: weshalb die beiden Brüder Junggesellen geblieben wären. Ich hörte ohne sonderliches Interesse zu, bis ich eine erzürnte Stimme hinter mir fragen hörte: »Sie lachen? Ich wundere mich, ob Sie auch lachten, wenn Sie wüßten, daß diese armen Menschen seit vierzehn Tagen keine ordentliche Mahlzeit genossen?« Ich kannte den Sprecher nicht, seine Worte aber trafen mich mitten ins Herz. Es lebten Menschen unter uns, die seit vierzehn Tagen nichts ordentliches zu Essen hatten! Ich empfand plötzlich das Gefühl, als ob ich selbst an deren Leiden mit Schuld sei und als ich zufällig die Augen erhob und im Nebenzimmer die reich gedeckten Tafeln sah, drückte mich die Schuld noch mehr. Da faßte ich einen Entschluß – allerdings einen sonderbaren, doch ganz meiner Natur entsprechend. Obwohl ich zum nächsten Tanz engagiert war und obwohl ich nur ein duftiges Ballkleid an hatte, beschloß ich dennoch, den armen Menschen sofort etwas zu Essen zu bringen. Ich holte ein Stück Papier, machte ein Paket zurecht und stahl mich aus dem Hause, ohne einem Menschen etwas davon zu sagen. Um nicht gesehen zu werden, ging ich aus der Türe, die nach dem Garten führt, am Ende der Halle dort – – –«

»Gerade als die Musik die »Harebell Mazurka« spielte«, warf Sweetwater ein.

Diese Worte, deren Meinung und Zweck sie nicht gleich zu erfassen vermochte, überraschten sie derart, daß sie vergaß, mit den Fingern auf dem Treppengeländer zu spielen. Sie schaute den Sprecher an, als ob sie ihn mit ihren Blicken durchbohren wollte. Da sie aber als Antwort nur den kalten Haß aus seinen Augen leuchten sah, fuhr sie fort, als habe niemand sie unterbrochen:

»Ich rannte so schnell ich konnte den Hügel hinab; ich dachte nur an mein Vorhaben und nicht an die Dunkelheit. Als ich unten an den Kreuzweg kam, hörte ich vor mir Fußtritte. Ich mäßigte meine Schritte, um die Person, die ich instinktiv als Mann erkannte, nicht zu überholen und folgte ihm, bis wir an einen hohen Zaun kamen. Es war dies Agatha Webbs Haus. Unwillkürlich fiel mir ein, was ich kürzlich gehört hatte: daß sie eine große Summe Geldes im Hause habe und ich beschloß, den Mann zu beobachten. Statt demnach auf meinem Wege zu den Zabels weiter zu gehen, lief ich, so schnell ich konnte, die High Street hinab und kam gerade recht, um den Mann durch die Vordertür in Mrs. Webbs Haus treten zu sehen. Es war zwar etwas spät, Besuche zu machen, doch da ich das Haus durchweg beleuchtet sah, nahm ich an, der Besucher würde erwartet. Nun hätte ich allerdings meinen Weg zu den Zabels fortsetzen sollen, ich tat es aber nicht. Die schleichende Art und Weise, mit welcher der Fremde den Garten betrat, sein Zögern, als er an der Haustüre angekommen, erregte meinen Verdacht, daß er zu keinem guten Zweck hierher gekommen sei und während er vorsichtig ins Haus schlich, trat ich in den Garten und stellte mich in den Schatten des alten Birnbaumes, zur Rechten des Weges. Sagten Sie etwas?«

Die fünf Herren schüttelten verneinend die Köpfe.

»Ich dachte, Sie hätten eine Bemerkung gemacht«, wiederholte sie und schaute die Herren der Reihe nach lächelnd an. Nur nach rückwärts schaute sie nicht, woselbst Frederick, aufmerksam lauschend, in höchster Erregung stand.

»Wir hören zu«, sagte Mr. Courtney. »Fahren Sie fort.

Sie hob ihre linke Hand vom Geländer und schaute mit einem schnellen Blicke nach rückwärts – nach dem kleinen Finger. Dann fuhr sie in kaltem, drohendem Tone fort:

»Es vergingen etwa fünf Minuten – sicher nicht mehr – da machte mich ein durchdringender, schrecklicher Schrei zusammenfahren. Als ich den Blick erhob, bemerkte ich die Gestalt einer Frau, scheinbar leblos aus einem Fenster des zweiten Stockes hängen. Unfähig, mich zu bewegen, hielt ich mich zitternd an dem Baume fest, während zur selben Zeit das Gelächter mehrerer Matrosen an mein Ohr klang, die eben am Haus vorbei nach der Werft gingen. Ich meinte zu ersticken; ich fühlte meine Glieder erstarren und kam erst wieder zu mir, als später – ich kann nicht sagen, um wie viel später – ein neuer Schrecken mich aus diesem Zustande aufrüttelte. Die Frau, die ich eben fast aus dem Fenster fallen sah, war eine Dienstbote; der Schrei indes, den ich jetzt hörte, kam aus dem Munde der Herrin, die zweifellos in diesem Augenblicke überfallen worden war. Ich starrte nach den oberen Fenstern und bemerkte, wie die Jalousie des einen aufgehoben ward und eine Hand etwas aus dem Fenster warf, das unweit von mir niederfiel. Ich suchte das Objekt und fand einen altmodischen Dolch, von dem noch warmes Blut niedertropfte. Aufs höchste entsetzt, warf ich den Dolch nieder und trat wieder zurück in den Schatten des großen Baumes.

Doch ich wollte den Mann sehen, der diese schreckliche Tat begangen und der wohl in diesem Augenblicke den Raub in Sicherheit brachte, um dessentwillen er Menschenblut vergossen. Die nur angelehnte Türe zog mich magnetisch an und ehe ich es selbst wußte, stand ich in der Halle dieses unglückseligen Hauses.«

Die fünf Männer, die bisher lautlos zugehört hatten, ließen nun ihrer Erregtheit freien Lauf und Mr. Sutherland, der wie aus einem schweren Traum erwachte, fragte drängend:

»Demnach können Sie uns sagen, ob Philemon in dem kleinen Zimmer saß, als Sie eintraten?«

Da alle die Wichtigkeit dieser Frage begriffen, hingen aller Augen an ihrem Munde, als sie antwortete:

»Ja. Mr. Webb saß schlafend in einem Stuhle. Er war die einzige Person, die ich gesehen«.

»Ich wußte, daß er das Verbrechen nicht begangen haben konnte«, rief Sutherland mit einem Seufzer der Erleichterung, die auch die übrigen zu empfinden schienen. »Jetzt kann ich das Weitere ruhig anhören. Fahren Sie fort, Miß Page«.

Ehe diese indes fortfuhr, warf sie wiederum den Kopf zurück und warf einen schnellen Blick nach dem Manne, mit dem sie eine geheime Abmachung verband.

»Als ich die Lichter auf dem Tische brennen und den Gatten der Frau, die vielleicht eben dort oben ihren letzten Atemzug aushauchte, ruhig schlafen sah, preßte sich mir die Kehle zusammen, daß ich fast umsank. Ich trat ins Zimmer und wollte den Schläfer wecken, als ich an meinen Fingern Blut bemerkte, das von dem Dolch kam, den ich aufgehoben hatte. Dies gab meinen Gedanken eine andere Richtung und ich wischte meinen Finger an seinem Aermel ab«.

»Schade, daß Sie nicht auch Ihre Schuhe abgewischt haben«, murmelte Sweetwater.

Wieder schaute sie den Sprecher an und wieder erfaßte sie eine unerklärliche Angst vor dem Manne, der ihr einst so unbedeutend und unbeachtenswert geschienen.

»Schuhe?« murmelte sie.

»Haben nicht Ihre Füße ebenfalls das Blut im Grase berührt?«

Sie zögerte mit der Antwort.

»Ich habe erklärt, wie das Blut an meine Hände kam«, sagte sie, nicht Sweetwater anschauend, sondern Mr. Courtney, »und falls sich Blut an meinen Schuhen befand, kann dies ebenfalls erklärt werden«. Dann fuhr sie in ihrer Erzählung weiter. »Kaum hatte ich meine Finger von Blut gereinigt – ich dachte nie daran, daß ein Verdacht auf den alten Mann fallen könnte – als ich Schritte auf der Treppe hörte, die mir sagten, daß der Mörder im Begriffe sei herabzukommen und nun bald an der offenen Türe vorbeigehen würde.

So tapfer ich seither gewesen, ich hatte nicht den Mut, dem Mörder, dessen Hände vielleicht noch von Blut trieften, gegenüber zu treten. Er wäre vielleicht im Stande gewesen, ein zweites Opfer dem ersten hinzuzufügen und ich wollte noch nicht sterben; ich bin noch zu jung, meine Herren, und nicht ohne Aussicht auf künftiges Lebensglück. Ich trat daher zurück und da ich in dem fast leeren Zimmer keinen Platz sah, wo ich mich verbergen konnte, kauerte ich neben den Mann, den Sie Philemon nennen. Eine oder zwei Minuten saß ich in Todesangst. Die Schritte näherten sich der Türe – hielten an – kamen wieder näher – zögerten abermals – wandten sich und verhallten endlich im Gange. Der Mann hatte das Haus verlassen . . . . .

»Einen Augenblick, Miß Page«, unterbrach sie der Untersuchungsrichter. »Sie sahen den Mann! Sie können uns also sagen, wer es gewesen«.

Dieser Einwurf schien sie zu erregen. Das Blut schoß ihr ins Gesicht, sie trat einen Schritt vorwärts und öffnete eben den Mund zum Reden, als sie einen dumpfen, unterdrückten Schrei ausstieß und schnell wieder an das Geländer zurück trat.

Frederick war soeben oben auf der Treppe angekommen.

»Guten Morgen, meine Herren«, sagte er, mit von Erregtheit zitternder Stimme. Die wenigen Worte, die ich soeben aus Miß Pages Munde gehört, veranlaßten mich, in Ihren Kreis zu treten«.

Amabel sah den Herantretenden erst erstaunt an. Dann senkte sie die Augen und schaute bedeutungsvoll auf seine Hände, was ihn so unangenehm zu berühren schien, daß er diese auf dem Rücken barg, ohne indes seine Kaltblütigkeit zu verlieren.

»Ist meine Anwesenheit vielleicht nicht erwünscht?« fragte er, seinen Vater anschauend.

Sweetwater hätte ihm gerne gesagt, es wäre besser für ihn, nicht zu bleiben, doch da die andern Herren nicht opponierten, schwieg auch er still. So blieb Frederick, zur sichtbaren Genugtuung von Miß Page.

»Haben Sie das Gesicht des Mannes gesehen?« nahm Mr. Courtney das Verhör wieder auf.

Ehe sie antwortete, schaute sie lange nach der Richtung, wo Frederick stand.

»Nein«, sagte sie langsam. »Ich wagte nicht, aufzuschauen. Ich kauerte ganz nahe am Boden. Ich hörte nur seine Schritte«.

»Sie setzt sich selbst das Messer an den Hals«, flüsterte Sweetwater, allerdings so leise, daß sie ihn nicht hören konnte. »Es gibt auf der ganzen weiten Welt keine Frau, die unter solchen Umständen nicht aufgeschaut hätte, selbst wenn sie dabei ihr Leben riskieren müßte?«

Knapp schien gleicher Meinung zu sein. Mr. Courtney indes folgte seiner eigenen Eingebung.

»Waren es die Schritte eines alten Mannes?« fragte er.

»Sie waren nicht sehr lebhaft«.

»Und sie sahen nicht das Geringste von des Mannes Gesicht oder Aussehen?«

»Nicht das Geringste«.

»Sie könnten ihn demnach nicht identifizieren«.

»Wenn ich zufällig dieselben Schritte jene Treppe herabkommen hörte, könnte ich diese wohl identifizieren«, entgegnete sie mit süßem Lächeln.

»Sie weiß, sie kann die Schritte des toten Zabel nicht mehr hören«, brummte Knapp.

»So sind wir also der Lösung dieses Mordes um nichts näher, als wir am Anfang waren«, bemerkte der Untersuchungsrichter.

»Ich bin noch nicht zu Ende, meine Herren«, sagte Amabel. »Vielleicht gibt Ihnen das, was ich noch zu sagen habe, einen Anhalt«.

»Gewiß, gewiß – – fahren Sie fort! Sie haben auch noch nicht erklärt, wie sie in den Besitz von Agatha Webbs Geld kamen«.

»Sehr richtig«, erwiderte sie und schaute mit einem schnellen Blick auf Frederick – der letzte, den sie ihm für längere Zeit zuwarf. »Sobald ich es für sicher hielt, rannte ich aus dem Hause, in den Garten. Der Mond, der vorher hinter Wolken verborgen war, ließ nun sein Licht voll auf die Erde scheinen und ich sah, daß die Straße leer war und ich unbesorgt fortgehen konnte. Ehe ich indes ging, schaute ich nach dem Dolch, den ich vorher in der Hand gehabt hatte – – er war verschwunden! Der Fliehende hatte ihn jedenfalls aufgehoben und mitgenommen. Aergerlich, daß ich dieses wichtige Beweisstück nicht behalten hatte, wollte ich eben gehen, als ich das Paket bemerkte, das ich beim ersten Schrei unter den Baum geworfen. Das Papier war geborsten und zwei oder drei belegte Brödchen lagen zertreten umher. Ich nahm die unversehrten auf, rannte die Straße hinab, um das Wenige, das ich noch hatte, den Zabels zu bringen, wo ich es auf die Treppe legen wollte, damit sie es am andern Morgen dorten fänden«.

»Inzwischen war es spät geworden, sehr spät und beeilte ich mich daher, zumal ich an der Werft, woselbst ein Schiff zur Ausfahrt fertig lag, laut lachende Stimmen hörte.

»Ich war in die Nähe des Zabelschen Hauses gekommen und trat eben aus dem Schatten der Bäume, als ich plötzlich zurückprallte: auf der Treppe, die ich leer zu finden erwartete, kauerte ein alter Mann, der sich mühsam erhob und die Türe zu öffnen versuchte. Gleichzeitig hörte ich das Aufschlagen eines metallischen Gegenstandes auf der Steintreppe und – Sie können sich meinen Schrecken denken – bemerkte zu Füßen des alten Mannes einen Dolch, der genau dem ähnlich war, den ich kurz zuvor in Mrs. Webbs Haus in meinen Händen gehalten! Er beugte sich nieder, suchte den Dolch und als er ihn endlich gefunden, verschwand er so schnell hinter der Türe, daß ich mich überrascht fragte, ob er mich bemerkt haben könnte oder nicht.

Ich war so erstaunt, einen alten Mann im Besitze des Dolches zu finden, der ihn so offenbar mit jenem Verbrechen verknüpfte, daß ich ganz vergaß, was mich hierhergeführt und nur von dem einem Wunsche beseelt war: mehr zu sehen und zu hören. Ich schlich mich die Büsche entlang und kam so unter eines der Fenster. Die Jalousie war herabgezogen. Ich wollte sie eben bei Seite schieben, als ich im Zimmer Schritte hörte und meine Hand zurückzog. Die Neugierde indeß besiegte meine Furcht; ich nahm eine Haarnadel vom Kopf, bohrte damit ein kleines Loch in die Jalousie und schaute so in das, vom Mondlicht hell erleuchtete Zimmer. Und was sah ich da?«

Sie schaute auf Frederick, dessen rechte Hand sich langsam nach der linken hinstahl. Kaum bemerkte er jedoch ihren Blick, als er innehielt und bewegungslos dastand.

»Einen alten Mann, der am Tische saß und – –«

Weshalb hielt sie plötzlich inne? Frederick hätte diese Frage vielleicht beantworten können, er, dessen Hand nun schlaff an seiner Seite hing. Doch er machte keinerlei Bewegung und kein Einziger, nicht einmal Sweetwater ahnte, was hinter dem »und« lag und wann der Satz beendet werden würde – – – hatte sie doch selbst den Tag und die Stunde hierfür festgesetzt.

»Es war nicht derselbe alte Mann, den ich auf der Treppe gesehen hatte«, fuhr sie endlich fort. »Während ich ihn beobachtete, ging Jemand an mir vorüber und den Weg zum Hügel hinauf. Ich wandte mich um und folgte dem Schatten, den ich in den Büschen verschwinden sah . . . . . . ich wollte sehen, wie das Abenteuer ende.

Da der Mond schien, konnte ich der Person nicht so nahe auf den Fersen folgen, als ich gerne gewollt hätte, aus Furcht, ich könnte entdeckt werden. Ich mußte deshalb mehr meinen Ohren vertrauen, als meinen Augen und lauschte aufmerksam den Schritten des Vorangehenden. Plötzlich hörte ich diese nicht mehr! Ich eilte näher und bemerkte, daß die Person in den Wald gegangen war. Da ich jeden Weg und Steg darin gut kenne – liegt er doch dem Hause gegenüber, darin ich wohne – fand ich meinen Weg sehr leicht zu einer kleinen Lichtung, welche die Herren ja, wie ich anzunehmen allen Grund habe, inzwischen auch kennen gelernt haben. Ich ging jedoch nicht ganz so weit, denn ich getraute mich nicht, der Person, die offenbar inzwischen ihr Vorhaben beendet hatte, gegenüber zu treten. Und wirklich hörte ich gleich darauf dieselben Tritte auf mich zukommen. Zum zweiten Male kauerte ich nieder und ließ die geheimnisvolle Person an mir vorübergehen. Als er gänzlich außer Seh- und Hörweite war, ging ich schnell nach Hause; es war inzwischen spät geworden und man konnte meine Abwesenheit vom Balle bemerken. Am nächsten Morgen ging ich wieder nach dem Walde, um nach dem Gelde zu suchen, das – wie ich sicher glaubte, – irgendwo vergraben worden war. Ich fand es auch und als der Mann hier, der, obzwar nur ein obskurer Musiker, dennoch glaubte, den Detektiv spielen zu sollen, mich mit dem Gelde in meiner Hand sah, war ich eben damit beschäftigt, den Raub tiefer zu vergraben«.

»Um ihn später selbst benutzen zu können«, warf Sweetwater ein, den Miß Pages Bemerkung geärgert hatte.

Sie warf ihm einen zurückweisenden Blick zu und sagte dann ernst:

»Hätte ich das Geld für mich verwenden wollen, hätte ich nicht riskiert, es an dem Platz zu lassen, wohin der Mörder es gelegt. Nein, mein Motiv war ein anderes und zwar werden Sie es mir nicht glauben, selbst wenn ich Ihnen die Wahrheit sage: ich wollte den Mörder, den ich zu erkennen glaubte, vor den Folgen seiner Tat retten«.

Mr. Courtney, Dr. Talbot und selbst Mr. Sutherland, die natürlich glaubten, sie meine den alten Zabel und die alle selbst ein freundschaftliches Gefühl für den armen unglücklichen Mann hegten, welches selbst der in einen Anfall von Wahnsinn begangene Mord nicht zu erlöschen vermochte, begannen, die junge Dame in anderem Lichte zu betrachten. Sweetwater allein schien nervös und Zweifel an ihren Aussagen zu hegen, während Knapp vollständig ausdruckslos dastand. Frederick glich einer Statue und bewegte weder Hand noch Fuß.

»Ein Verbrechen, das allein die Habsucht zum Motiv hat«, fuhr sie kalt fort, »ist verabscheuungswürdig. Ein Verbrechen dagegen, das einer unbedingten, überwältigenden Notwendigkeit entspringt, kann unter Umständen Sympathie erregen und ich schäme mich nicht, mit diesem leidenden, fast wahnsinnigen Manne Bedauern empfunden zu haben. Ich wollte nicht, daß er für den Augenblick überkommenen Wahnsinns leiden sollte – wie es jedenfalls geschehen wäre, hätte man das von Agatha Webb gestohlene Geld in seinem Besitze gefunden. Ich grub das Geld daher tiefer ein und vertraute der Aufregung, die selbst den stärksten Charakter überkommt, daß er das Geld nicht finden würde, bis die erste Gefahr vorüber wäre«.

»Ha! Großartig! Teuflisch erdacht, he? Klug, fast zu klug!« und Anderes wurde laut.

Nur Sweetwater zeigte deutlich, daß er von dem Gesagten kein Wort glaube und konnte sich nicht enthalten, zu bemerken:

»Wahrheit klingt oft merkwürdiger, als ein Märchen. Ich hätte solche Motive, als sie eben erwähnte, dem Mädchen sicher nicht zugetraut, das ich den Platz verlassen sah, an dem sie eine solch große Summe Geldes vergraben hatte. Wie gierig sie oft zurückschaute! Doch selbst wenn das tiefer graben einzig und allein aus Rücksicht auf den alten Mann geschehen wäre, wie Sie sagen, wissen Sie nicht, daß Sie als Hehlerin ebenso strafbar sind, als der Dieb und Mörder?«

Sie zog die Augenbrauen in die Höhe, warf verächtlich die Lippen auf und entgegnete:

»Sie hassen mich, Mr. Sweetwater! Wünschen Sie, daß ich den Herren sage, weshalb?«

Die Röte, welche das Gesicht des sonst so ruhigen Mannes überflog, überraschte Frederick nicht weniger, als die anderen Herren, die seinen Eifer bis jetzt nur professionellen Gründen zugeschrieben hatten. Konnte dieser unansehnliche junge Mann einst seine Augen zu diesem Mädchen erhoben haben und abgewiesen worden sein? Es war dies wohl anzunehmen, obwohl das Erröten die einzige Antwort war, die Sweetwater auf die Frage gegeben, welch letztere indes ihren Zweck erreicht zu haben schien.

Um über die Verlegenheitspause, die eingetreten war, hinwegzukommen, richtete Mr. Sutherland das Wort an Miß Page.

»Ihr Betragen in dieser Sache war nicht das einer ehrenhaften Person. Weshalb benachrichtigten Sie mich nicht von dem, was Sie gesehen, als Sie in mein Haus zurückkamen?«

»Ich habe soeben erklärt«, entgegnete sie, unberührt von seinen Worten, »daß ich Sympathie für den Verbrecher empfunden«.

»Wir alle sympathisieren mit James Zabel; und dennoch – – – –«

»Ich glaube kein einziges Wort von der ganzen Geschichte«, platzte Sweetwater heraus. »Ein hungriger, schwacher Mann, wie Zabel, konnte niemals seinen Weg in jenen Wald finden! Sie brachten das Geld dahin, Miß Page! Sie sind die – – – –«

»Ssssst!« unterbrach ihn der Untersuchungsrichter. »Nicht zu schnell – einstweilen. Miß Page scheint die Wahrheit zu sprechen, so unglaublich sie auch klingt. Zabel war einst ein wunderbarer Mann und wenn er wirklich den Mord und den Raub begangen haben sollte, so geschah dies nur, nachdem er durch die Leiden seines über alles geliebten Bruders und seine eigenen derart in Verzweiflung gebracht worden war, daß diese ihm ungewöhnliche Kräfte verlieh«.

»Danke«, antwortete sie einfach und zum ersten Male schienen Alle von ihrer Stimme angenehm berührt. Sie bemerkte dies und brachte alle ihre Künste und Koketterie zu Hilfe, als sie fortfuhr:

»Ich gebe zu, es war unklug, meine Sympathie mit meinem Urteil durchgehen zu lassen – doch das ist weibisch. Männer werfen uns dies Gefühl manchmal vor, bis sie selbst in die Lage kommen, solch blinder Hingebung zu bedürfen . . . . . . Es tut mir jetzt allerdings leid, mich dazu haben hinreißen zu lassen, denn ich verlor an Achtung, während er – – – –«

Mit einer leichten Handbewegung schien sie den Gedanken von sich zu weisen.

Dr. Talbot, der sie bis jetzt mißtrauisch betrachtet hatte, schien nunmehr volles Vertrauen in dieses launische, fast kindische Wesen gesetzt zu haben und bewunderte sie fast ob dieser edlen Anwandlung.

Mr. Sutherland hingegen war weder erfreut über ihre Tat noch überzeugt von dem, was sie erzählt hatte. Es gab etwas, was sie nicht erklärt hatte und wenn er im Augenblick auch nicht zu sagen vermochte, was dieses war, so fühlte er doch, daß sein Sohn, dessen Gesicht er oft und scharf beobachtet hatte, sein Empfinden teilte. Er wollte indes jetzt nicht weiter in sie dringen, denn er sah, wie sein Sohn, der dieses Mädchen liebte, litt und er wollte dessen Selbstbeherrschung nicht auf eine zu harte Probe stellen.

Auch Sweetwater hatte wieder völlig Gewalt über sich gewonnen, als Dr. Talbot sagte:

»Nun, meine Herren, wir haben jedenfalls mehr erfahren, als wir beim Herkommen erwarteten. Es bleibt indes noch ein Punkt zu erklären, Miß Page: wie kam es, daß die Orchidee, die Sie im Haare getragen, fast unter Batsys Füßen lag? Sie erklärten doch ausdrücklich, daß Sie nicht nach oben gingen, als Sie in Mr. Webbs Haus waren«.

»Ja, ja«, rief Knapp. »Wie kam die Blume an den Schauplatz des Mordes?«

Sie lächelte.

»Das ist ein Geheimnis, das wir erst lösen müssen«, entgegnete sie nonchalanter Weise.

»Ein Geheimnis, das Sie lösen müssen«, berichtigte der Staatsanwalt. »Alles, was Sie uns bis jetzt zur Verteidigung Ihrer Unschuld mitgeteilt haben, ist völlig wertlos diesem einzigen, greifbaren Indizienbeweis gegenüber«.

Ihr Lächeln verflog schnell.

»Ich weiß das«, sagte sie. Dann wandte sie sich an Sweetwater, der sie aus seinen niedergeschlagenen Augen betrachtete und rief erregt: »Sie, Herr, der Sie sich etwas anmaßten, das Sie ganz und gar nichts angeht, zeigen Sie doch Ihre Schlauheit und finden Sie aus, wer die Blume dahin gebracht! Man kann es ausfinden. Ich habe sie nicht dahin gebracht, das kann ich beschwören vor Gott und den Menschen!«

Sie hatte ihre Hand erhoben und schaute ihn herausfordernd an. So schwer es ihm auch wurde, er mußte sich gestehen, daß sie diesmal die Wahrheit gesprochen. Er schaute auf Knapp, der als Antwort leicht die Schultern in die Höhe zog, drehte sich dann um und stellte sich neben Dr. Talbot.

Amabel ließ ihre Hand sinken.

»Darf ich jetzt gehen?« fragte sie Mr. Courtney. »Ich weiß wirklich nichts mehr zu sagen und ich bin müde«.

»Haben Sie den Mann gesehen, der im Wald an Ihnen vorüber ging? War es derselbe alte Mann, den Sie auf Zabels Treppe sahen?«

Diese direkte Frage machte Frederick erzittern, während sie, den Fragenden ruhig anschauend, ruhig entgegnete:

»Weshalb stellen Sie diese Frage? Besteht vielleicht ein Zweifel, daß es vielleicht derselbe Mann war?«

Welch eine Schauspielerin, dachte Frederick erstaunt. Er hatte sie schon bewundert, als sie ihre Geschichte erzählte und Alles so zu drehen verstand, daß auch nicht der leiseste Verdacht auf ihn fiel, genau wie sie versprochen hatte. Gleichzeitig hatte sie es so einzurichten gewußt, daß sie die ganze Anklage später gegen ihn richten konnte, wobei es ihm fast unmöglich schien, ihr entgegen zu treten. Er erkannte immer mehr, mit welch grimmigem Feind er zu kämpfen hatte und dies raubte ihm fast den Mut.

»Ich dachte nicht, daß Jemand noch zweifeln könnte«, setzte sie in solch überraschtem Tone hinzu, daß Mr. Courtney die Frage fallen ließ und Dr. Talbot sich Sweetwater zuwandte, mit der leisen Frage:

»Wollen wir sie jetzt gehen lassen! Sie sieht wirklich müde aus, das arme Mädchen«.

Die Herausforderung, die sie ihm zugeworfen, machte Sweetwater vorsichtig.

»Ich traue ihren Worten nicht«, entgegnete er, »obwohl ich manches in ihrer Geschichte bestätigen könnte: so zum Beispiel die belegten Brödchen. Sie sagte, sie ließ sie unter dem Baume in Mr. Webbs Garten fallen und dabei wäre das Papier geplatzt. Das ist wahr. Ich bemerkte unter dem Baum so viele Vögel, daß es mir auffiel, obwohl meine Gedanken mit wichtigeren Sachen beschäftigt waren. Ich wunderte mich, was die Vögel so emsig aufpickten. Aber wie stehts mit der Blume, deren Erklärung sie von mir verlangt? Und wie mit dem Geld, das sie vergrub? Kann es etwa anders, als Beihilfe ausgelegt werden? Nein, meine Herren! Ich werde sie nicht aus den Augen lassen, selbst wenn ich einen Haftbefehl gegen sie erwirken müßte, um mein Vorhaben auszuführen«.

»Sie haben Recht«, stimmte der Untersuchungsrichter bei und sich an Miß Page wendend, sagte er: ihr Zeugnis sei zu wichtig, als daß er sie jetzt schon entlassen könne; sie möge sich gefälligst bereit machen, ihn zu begleiten.

Sie machte keine Einwendung. Im Gegenteil; ihr gewohntes Lächeln legte sich auf ihre Züge und sie eilte schnell davon. Doch ehe sie die Türe ihres Zimmers zuzog, wandte sie sich um und erklärte, daß sie bereits Alles gesagt habe, was sie wisse oder was ihr momentan einfalle; wenn sie indessen nachdenke, könnte sie sich vielleicht noch einiger Punkte erinnern, die unter Umständen etwas mehr Licht auf einzelne Momente werfen könnten . . . . .

»Rufen Sie sie!« rief Mr. Courtney. »Sie hält etwas zurück! Wir wollen Alles hören!«

Mr. Sutherland indes, der seinen Sohn beobachtete und bemerkte, daß dieser dem Zusammenbrechen nahe war, schlug vor, die weitere Untersuchung zu verschieben, bis sie allein wären. Der besorgte Vater sah, daß sein Sohn unmöglich länger Zeuge sein könne, wie das Mädchen gedemütigt würde, von dem er sich erst kürzlich losgesagt.


XIX.
Armer Philemon!

Am nächsten Tage begrub man Agatha Webb. Sie sollte in Portchester bestattet werden, zur Seite ihrer sechs Kinder und wie auf Verabredung hatten sich die Bewohner der beiden Städte längs der Straße aufgestellt, durch die der Leichenzug sich bewegte. Es war die letzte Ehre, die man der besten aller Bürgerinnen erweisen konnte.

Vor einem Hause, etwa eine Meile außerhalb Sutherlandtown, hielt der Zug an. Auf ein Zeichen des Pastors nahmen alle ihre Hüte ab – – Schweigen herrschte ringsum, nur das Zwitschern der Vögel klang in die weihevolle Stille: man war vor dem Hause der Witwe Jones angekommen, bei der Philemon seit Agathas Tod wohnte.

Die Fensterladen waren geschlossen.

Im nächsten Augenblicke öffnete sich die Türe und heraus traten ein Mann und eine Frau, die den unglücklichen Philemon am Arme führten. Die Frau schien ihm etwas zu erklären; sie deutete auf den Sarg. Da richtete sich Philemon auf, seine Locken flatterten im Winde, er streckte sehnsuchtsvoll die Arme aus und rief, während ein glückseliges Lächeln über seine Züge flog:

»Agatha!«

Doch wie ein Blitzstrahl durchzuckte ihn die Wahrheit. Er merkte zum ersten Male, daß er auf eine Tote schaute, daß diese Menschenmenge seiner Agatha das letzte Geleit gab und mit einem einzigen herzbrechenden Schrei fiel er in die Arme der ihn Stützenden.

Doch noch ein anderer Schrei hatte die Luft erfüllt!

Von wessen Lippen war er gekommen!

Sweetwater versuchte vergebens, dies Rätsel zu lösen. Niemand konnte ihm Auskunft geben, höchstens vielleicht Mr. Sutherland und den wagte er jetzt nicht anzusprechen.

Der alte Herr, der wie die Andern zu Fuß der Toten folgte, hatte seinen Arm fest auf den seines Sohnes Frederick gelegt. Er fürchtete um seinen Sohn – er wußte selbst nicht wofür – und wollte an seiner Seite sein. Und als die Zeremonie vorüber und Agatha zur letzten Ruhe gebettet war, da hatte er seinen Sohn so lieb gewonnen, wie nie zuvor. Er schaute ihn an, als habe er dies Gesicht nie recht gekannt – – – es ward ihm schwer, sich von dem Sohne zu trennen.

Als daher die Zeit gekommen, nach Hause zu gehen – die meisten hatten den Friedhof bereits verlassen – und er seinen Sohn fragte, ob er mit ihm zusammen nach Hause fahren wolle, war er sehr erstaunt, als ihm dieser entgegnete, daß er einstweilen nicht nach Sutherlandtown zurückzukehren beabsichtige, er habe Geschäfte in Portchester zu erledigen und könne noch nicht bestimmen, wann er heimkehre.

Der Vater, der Frederick nicht mit Fragen bestürmen wollte, antwortete nicht. Kaum war sein Sohn indes die Straße hinabgegangen, als er seinen Wagen nach Hause sandte mit dem Bemerken, daß er geschäftlich in Portchester sich aufzuhalten gezwungen sei und daß er in einer Mietkutsche nach Hause kommen werde, sobald seine Geschäfte erledigt seien. Möglicherweise könnten diese den ganzen Tag in Anspruch nehmen.

Dann ging er in ein kleines Hotel, nahm ein Zimmer, dessen Fenster die Straße übersah, welche Frederick eingeschlagen und wartete dort den ganzen Tag. Doch Frederick kam nicht zurück und von düsteren Ahnungen erfüllt, machte er sich des Abends auf den Weg, um zu Fuß nach Hause zu gehen.

Der Mond war noch hinter Wolken verborgen und die Straße lag in dämmerndem Dunkel.

Langsam, gedankenvoll schritt er dahin.

Der Friedhof, darin sie heute Agatha Webb zur ewigen Ruhe gebettet, lag am Wege. Noch einen letzten Blick wollte er auf die Stätte werfen, darunter die edelste der Frauen lag. Weshalb er dies tun wollte – er wußte es nicht, es zog ihn hin, mit unsichtbaren Banden.

Näher kommend, hörte er Weinen und Schluchzen. Ein Trauernder, dem sein Liebstes genommen, weinte an dessen Grabe.

Um den Armen nicht zu stören, ging er leise weiter, im Schatten der Bäume. Immer näher kam er an das frisch aufgeworfene Grab – da stockt sein Fuß – – seine Zunge klebt am Gaumen – – er wagt kaum zu atmen: über ein frisches Grab hingestreckt lag eine Mannesgestalt, in maßlosem Schmerze – – – –. Mr. Sutherland zog sich leise, unhörbar zurück. Er hatte das Grab erkannt und den Trauernden: das Grab war das von Agatha Webb und der Mann, der darüber lag . . . . . . sein Sohn Frederick.

Als Mr. Sutherland bald darauf wieder im Hotel ankam, sah er bleich und gebrochen aus, so bleich, daß ihn der Besitzer fragte, ob er krank sei. Er entgegnete, er fühle sich zu erschöpft, den Weg zu Fuß zurückzulegen, er habe seine Kräfte überschätzt und bat um einen Wagen, um nach Hause zu fahren.

Die erste halbe Meile saß er stille, in sich gekehrt. Der Mond kam aus den Wolken hervor und überflutete die Straße mit seinem Licht. Solange er dahinfuhr und Niemand in der Nähe war, saß er aufrecht, nach vorn gebeugt, aufmerksam lauschend. Doch kam er an einem Wanderer vorüber, dann legte er sich in die Polster zurück, sodaß ihn Niemand sehen konnte. Dies hatte er wiederholt getan. Plötzlich änderte sich sein ganzes Wesen: er war eben an Frederick vorübergefahren, der mit gesenktem Haupte gen Sutherlandtown ging.

Doch noch eine andere Person hatte er kurz zuvor überholt, einen Mann, der nicht gar weit hinter seinem Sohne herging und dessen Gestalt er gar wohl erkannt hatte. Er drehte sich um, schaute durch das kleine Fenster hinten im Wagen und sah dort Fredericks wankende Gestalt und ganz in seiner Nähe jenen Anderen, dessen Namen auszusprechen er sich fast fürchtete.

Plötzlich faßte er den Kutscher am Arme. Sehen Sie die Türe dort?« rief er, auf ein Haus deutend, an dem sie eben vorüberfuhren. »Etwas Schreckliches muß seit diesem Morgen dort drinnen passiert sein! Das ist ein Trauerflor, der am Türgriff hängt!«

»Ja, das ist ein Trauerflor«, antwortete der Kutscher, sprang vom Wagen und lief der Tür zu. »Philemon muß gestorben sein – der arme Philemon!«

Im Nu war Mr. Sutherland aus dem Wagen.

»Steigen Sie auf und fahren eine halbe Meile die Straße hinab und kehren Sie wieder zurück. Ich muß die Witwe Jones sprechen«.

Der Kutscher stieg ein und fuhr davon, während Mr. Sutherland schnell einen Blick zurückwarf auf den Weg, den er gekommen und dann an Mrs. Jones Türe klopfte.

Der Kutscher hatte recht vermutet: Philemon war gestorben. Der Schreck hatte ihn niedergeworfen und nun war er mit seiner geliebten Agatha vereint.

»Es ist schade, daß sie keinen Erben hinterlassen«, sagte Mrs. Jones. Mr. Sutherland nickte stumm; er schaute ängstlich die Straße hinab, auf der er eben gekommen. Plötzlich trat er hastig ins Haus.

»Wollen Sie mich, bitte, einige Minuten in Ihrem Salon niedersitzen lassen? Ich möchte ein paar Augenblicke allein sein. Dieser Schlag hat mich zu sehr angegriffen«.

Mrs. Jones führte ihn ins Zimmer, machte es ihm bequem und zog sich dann zurück; er wollte ja allein sein, wie er besonders betonte.

Kaum hatte die gute Frau das Zimmer verlassen, als Mr. Sutherland sich aus dem Lehnstuhl erhob, in den sie ihn gebettet, das Licht ausblies und schnell aus Fenster trat, durch das er aufmerksam die Straße überschaute.

Ein Mann kam den Weg entlang, ein junger Mann – Frederick. Mr. Sutherland preßte seine Stirne an das Fenster und starrte auf seinen Sohn, als ob er ihm ins Herz schauen wollte. War es der magnetische Einfluß dieser Blicke, war es etwas Anderes – Frederick schaute um, sah den Trauerflor, fuhr erschrocken auf, kam langsam näher und näher, bis er den Flor berührte, preßte ihn entsetzt zwischen seinen Händen und eilte im nächsten Augenblick die Straße hinab, als sei der Tod hinter ihm.

Mr. Sutherland hatte gesehen, was er im Geheimen fürchtete . . . .

Eine halbe Stunde später kam er zu Hause an. Er hatte Frederick nicht wieder überholt.

Als man ihm sagte, sein Sohn sei wohl vorübergegangen, aber nicht ins Haus getreten, schlug er denselben Weg ein und folgte ihm den Hügel hinauf.

Nach kurzem Wandern kam er an Mr. Hallidays Haus. Im Schatten der mit Geisblatt bedeckten Veranda sah er eine Gestalt, die er erst für Frederick hielt. Doch bald erkannte er den Mann, der seinem Sohne von Portchester gefolgt war. Er trat langsam näher und sagte ruhig:

»Sind Sie das, Sweetwater?«

Der junge Mann fuhr zusammen, schien sehr erregt, faßte sich aber schnell.

»Ja, Mr. Sutherland, ich bin es. Wissen Sie, weshalb ich hier stehe?«

»Ich fürchte, ja. Sie waren in Portchester und haben meinen Sohn dort gesehen – – – –«

»Ich wollte, Sie würden nicht davon reden, Mr. Sutherland«, unterbrach ihn Sweetwater schnell. »Ich bin durch das Gesehene ebenso erregt, als Sie. Ich dachte nie, daß er selbst etwas mit dem Morde zu tun gehabt habe; ich glaubte, das Mädchen, in das er sich unglücklicherweise so verliebt hatte, wäre die alleinige Schuldige. Doch was soll ich denken, nach dem, was ich heute sah? Was soll ich tun? Sie wissen, ich verehre Sie und würde Ihnen unter keinen Umständen Kummer bereiten, aber – aber – – Oh, Mr. Sutherland, helfen Sie mir aus diesem Dilemma! Vielleicht können Sie mir versichern, daß Frederick an jenem Abend den Ball nicht zugleich mit »ihr« verlassen hat – – ich habe ihn vermißt – – ich sah ihn nicht zwischen zwölf und drei, doch vielleicht haben Sie ihn gesehen und – – –«

Seine Stimme versagte; er war ebenso erregt, als Mr. Sutherland, der sich auch erinnerte, den Sohn während jener Stunden nicht im Saale gesehen zu haben. Der alte Mann stand sprachlos. Ein unermeßlicher Abgrund hatte sich vor ihm aufgetan, ein Abgrund, dessen Tiefen und Schrecken nur der Vater verstehen konnte.

Sweetwater, der den Schmerz des alten Mannes deutlich auf seinen Zügen las, stand stumm; endlich brach er in die Worte aus:

»Wäre ich doch lieber tot, als daß ich die Ursache Ihrer Scham und Ihres Kummers sein muß! Sagen Sie mir, was ich tun soll! Wenn Sie wollen, bin ich stumm, blind und – – – –«

Diese Worte gaben Mr. Sutherland seine Ruhe wieder.

»Sie legen dem Gesehenen zuviel Bedeutung bei«, sagte er. »Mein Sohn hat seine Fehler und hat ein wildes Leben geführt. Doch so schlecht ist er nicht, als Sie andeuten möchten. Er hat den Mord nicht begangen! Das wäre unglaublich, ganz unnatürlich von einem, der so aufgebracht wurde, wie er! Aber selbst wenn er so verderbt wäre, um selbst ein Verbrechen zu begehen, so fehlte jedes Motiv zu einem solchen. Wegen jener paar hundert Dollars? Die hätte er einfach von mir haben können – er hat sie sogar bekommen – – aber – – –«

Weshalb brach er plötzlich ab? Erinnerte er sich, unter welch merkwürdigen Umständen Frederick das letzte Geld von ihm erhalten? Es waren außergewöhnliche Umstände und sein Sohn befand sich in außergewöhnlicher Erregtheit! . . . . . Alles dies flog ihm jetzt durch den Sinn und da er sich selbst nicht völlig von seines Sohnes Unschuld überzeugen konnte, versuchte er in seiner Geradheit auch nicht, einen Anderen überzeugen zu wollen.

»Das Mädchen hat ihn ruiniert, Sweetwater«, fuhr er fort.« Er liebt sie, glaubt ihr aber nicht – und wer könnte dies, nach dem, was sie uns gestern sagte? Ich glaube, er hat sie seit jener unglücklichen Nacht im Verdacht und das hat ihm das Herz gebrochen und nicht – nicht – –«

Wieder hielt er inne und wieder faßte er sich schnell.

»Lassen Sie mich allein!« rief er. Alles, was Sie gesehen, habe ich auch bemerkt, nur sind unsere Folgerungen gänzlich verschiedene. Ich werde von nun an über meinen Sohn wachen und Sie können meiner Wachsamkeit vertrauen«.

Sweetwater verbeugte sich.

»Ihr Wunsch ist mir Befehl. Ich habe nicht vergessen, daß ich Ihnen mein Leben danke, wenn Sie sich dessen auch vielleicht nicht mehr erinnern. Es war vor Jahren, draußen am »schwarzen Teich« – erinnern Sie sich jetzt? – ich sank eben zum dritten Male, während meine Mutter hilferufend am Ufer stand; da sprangen Sie ins Wasser und – –. Solche Dinge vergißt man nicht und, wie ich vorhin schon sagte, Sie haben nur zu wünschen – – – –«

Er wandte sich zum Gehen, kehrte indes schnell wieder um und fuhr mit zitternder Stimme fort: »Mr. Sutherland, ich kann schweigen, schweigen wie das Grab. Sowie ich Ihrer Wachsamkeit vertraue, können Sie meiner Diskretion vertrauen. Nur das Eine müssen Sie mir versprechen: warnen Sie Ihren Sohn nicht!«

Mr. Sutherland machte eine unwillige Bewegung und Sweetwater ging, diesmal ohne wiederzukehren.

Mr. Sutherland stand nachdenklich vor Mr. Hallidays Türe. Was hatte Sweetwater damit sagen wollen: »er werde schweigen und mit Niemand über das Gesehene sprechen?« Wenn dem so war, weshalb sollte er selbst – – – –. Doch nein, er hatte eine Pflicht zu erfüllen und da gab es kein Zögern! Mit festem Schritte ging er voran, öffnete die Türe und trat ein. Da Niemand sich in der Halle befand und die Salontüre offen stand, ging er dahin; er bedurfte keiner Anmeldung im Halliday'schen Hause.

Was er hier sah, vergaß er im Leben nimmer!

Agnes, seine kleine Agnes, die er stets lieb gehabt und die er sich immer zur Schwiegertochter gewünscht, saß ihm zugewandt und schaute zu Frederick auf, der vor ihr stand. Er mußte eben zu ihr gesprochen oder ihr etwas gegeben haben, denn sie schaute ihn an, mit Blicken voll Dank und Zuneigung, wie der alte Mann es oft gewünscht, aber nie zu sehen gehofft hatte. Was sollte das bedeuten? Weshalb zeigte sie jetzt Interesse, Zuneigung, ja fast Leidenschaft, jetzt, da er so gesunken, und für ihn, den sie immer verspottet, ja geradezu von sich gewiesen hatte!

Im nächsten Augenblicke erhob sich Agnes und die Beiden standen Mr. Sutherland gegenüber.

»Guten Abend, Agnes«, sagte Mr. Sutherland und versuchte einen leichten Ton anzuschlagen. »Ah, Frederick, finde ich Dich hier?«

Frederick lächelte; er schien erleichtert, fast glücklich.

»Ich wollte eben gehen«, erwiderte er. »Ich hatte Miß Halliday nur etwas zu sagen«.

Früher hatte er immer Agnes zu ihr gesagt.

Mr. Sutherland, der sich noch nicht ganz von dem Eindruck erholt hatte, den Agnes' Aussehen vorhin auf ihn gemacht, sagte darauf:

»Und ich habe Dir etwas zu sagen, Frederick. Erwarte mich draußen auf der Veranda, bitte; ich will nur einige Worte mit meiner kleinen Freundin hier sprechen«.

Agnes legte etwas, das sie in der Hand gehalten, in einen Kasten, der neben ihr auf dem Tische stand und wandte sich dann dem altem Manne zu, errötend und verwirrt.

Mr. Sutherland wartete, bis Frederick das Zimmer verlassen hatte. Dann nahm er Agnes bei Seite, hob ihr Gesicht zu sich empor, sodaß sie seinen traurigen, forschenden Blick sehen mußte und fragte in einem Tone, der scherzhaft klingen sollte, aber so bitter, so schmerzlich bitter klang:

»Weißt Du, wie wenige Tage verflossen sind, daß der unglückliche Junge seine Liebe einem jungen Mädchen gestand, deren Namen ich in Deiner Gegenwart nicht über meine Lippen bringen kann?«

Die Absicht war gut, der Erfolg jedoch erschreckend. Sie trat einen Schritt zurück, ließ ihren Kopf sinken und ein Schmerzenslaut entrang sich ihren Lippen.

Er merkte, daß er einen Irrtum begangen und sagte:

»Nicht doch, Agnes. Ich wußte nicht, daß es Dir so weh tun würde, dies zu hören. Du schienst immer so gleichgiltig, so hart gegen meinen irre geleiteten Sohn, und Du tatest recht daran, denn – denn – –«.

Was konnte er sagen, wie nur einen Teil dessen ausdrücken, was sein gequältes Herz empfand? Er konnte, vermochte es nicht über seine Lippen zu bringen und so endete er in unbeholfenem Stammeln.

Agnes, die ihren väterlichen Freund, der ihr stets das Ideal eines Ehrenmannes gewesen, nie so bewegt gesehen, empfand tiefe Reue, daß sie es gewesen sein sollte, die ihm Schmerz bereitete.

»Glauben Sie«, flüsterte sie, »daß ich einer solchen Warnung bedurfte, ich, die Frederick nie mit den Aufmerksamkeiten beehrte, die er auf die junge Dame häufte, deren Namen auszusprechen Ihnen widerstrebt? Ich glaube, Sie kennen mich nicht, Mr. Sutherland, trotzdem Sie mich auf den Knien geschaukelt und ich Ihren Bart zerzaust, wenn Sie mir nicht volle Aufmerksamkeit schenkten«.

»Es scheint mir auch, als ob ich Dich nicht kenne«, sagte er bitter. »Ich scheine überhaupt Niemanden mehr zu kennen – nicht einmal meinen eigenen Sohn – – – –«

Er hatte erwartet, daß sie zu ihm aufschauen werde, doch sie tat es nicht.

»Würde mein kleines Mädchen mich für sehr neugierig und . . . . unverschämt halten, wenn ich sie fragte, was mein Sohn Frederick ihr sagte, bevor ich ins Zimmer trat?«

Sie schaute ihm jetzt frei ins Gesicht und erwiderte:

»Frederick befindet sich in einer unangenehmen, schwierigen Lage, Mr. Sutherland; er empfand, daß er einen Freund benötigte, auf den er sich verlassen kann und bat mich, ihm dieser Freund zu sein. Außerdem brachte er mir ein Bündel Briefe, die ich für ihn aufbewahren solle. Ich nahm sie an, Mr. Sutherland, und werde sie verwahren, wie er es wünschte und keines Menschen Augen sollen sie sehen, nicht einmal die meinen«.

Ah, weshalb hatte er sie gefragt! Er wollte von diesen Briefen nichts wissen! Er wollte nicht wissen, daß Frederick etwas besaß, das er sich fürchtete, in seinem Besitz zu haben . . . . . .

»Es war Unrecht von meinem Sohne«, sagte er, »Deiner Fürsorge etwas anzuvertrauen, das er sich nicht getraut, in seinem eigenen Hause zu bewahren. Ich glaube, ich sollte diese Briefe sehen, denn wenn mein Sohn sich in Schwierigkeiten befindet, wie Du sagtest, sollte ich, sein Vater, diese kennen«.

»Ich bin dessen nicht so gewiß,« entgegnete sie lächelnd. »Seine Schwierigkeiten sind vielleicht anderer Natur, als Sie denken. Frederick führte ein Leben, das er jetzt tief bedauert. Ich glaube, sein größter Kummer ist der, daß er die Menschen nicht glauben machen kann, daß er sich ändern will«.

»Will er sich ändern?«

Sie errötete.

»Er sagt so, Mr. Sutherland, und ich, für mein Teil, glaube ihm. Bemerken Sie nicht, daß er ganz anders aussieht, als früher?«

Ob er es bemerkt hatte! Doch er hatte es andern Motiven zugeschrieben. Um indes zu sehen, was dieses Mädchen darüber dachte, fragte er:

»Es ist wahr, er ist verändert, gänzlich verändert. Was brachte diese Veränderung? Welchem Einfluß schreibst Du sie zu, Agnes?«

Wie gespannt er auf ihre Antwort wartete! Ob sie wohl ahnte, welche Zweifel ihm seit letzter Nacht die Brust zerrissen? Offenbar nicht.

»Wenn ich zögere, eine Ansicht auszusprechen«, entgegnete sie langsam, »so liegt dies nicht daran, daß ich an Frederick zweifle. Ich glaube vielmehr, daß Miß Page – Sie sehen, ich kann den Namen aussprechen, wenn Sie es auch nicht können – sich seiner so unwert gezeigt hat, daß die Erkenntnis seines Irrtums ihn derart erschütterte, daß seine eigenen Fehler ihm deutlich zum Bewußtsein kamen. Eine andere Erklärung vermag ich nicht zu geben. Sie etwa?«

Diese direkte Frage, obwohl sie von zarten Lippen und unschuldigen Herzens gestellt war, krampfte ihm das Herz zusammen. Er schaute ängstlich nach der Türe und erwiderte dann mit gezwungener Ruhe:

»Wenn Du, die seinem Alter näher steht, als ich und – wie ich hoffe – seinem Empfinden, seiner wahren Gefühle nicht sicher bist, wie sollte ich es sein, sein Vater, der sein Vertrauen nie besessen?«

»Oh«, rief sie und streckte ihm beide Hände entgegen »und solch ein guter Vater! Eines Tages wird er dies ebenso einsehen wie alle Andern es schon einsehen; glauben sie das, Mr. Sutherland, glauben Sie das!«

Und, fast beschämt, daß sie so tiefes Interesse für einen Mann zeige, der zugestandenermaßen eine Andere liebte, schaute sie dem väterlichen Freund errötend in die Augen und setzte ernst hinzu: »Ich vertraue auf sein gutes Herz«.

»Wollte Gott, ich könnte das auch!« entgegnete er und ehe sie sich von dem Eindruck dieser Worte erholen konnte, hatte er das Zimmer verlassen.

Agnes begab sich in ihr Zimmer. Sie schritt aufgeregt hin und her. Sie konnte keinen Schlaf finden; Mr. Sutherlands Worte klangen ihr immer noch in den Ohren.

»Kann es wahr sein?« fragte sie sich. »Bedurfte ich dieser Warnung, ich, die diesen Mann immer haßte und die ich dachte, es sei dieser Haß, der mich seit dem gestrigen Scheiden an nichts Anderes als an ihn denken ließ? Weh mir, wenn dem so wäre?«

Und draußen, die stille Nacht, die blinkenden Sterne und das zitternde Mondlicht flüsterten und raunten:

»Weh Dir, Agnes, wenn dem so wäre!«


XX.
Eine Ueberraschung für Mr. Sutherland.

Schweigend waren Vater und Sohn nach Hause gegangen und saßen sich nun in des Ersteren Arbeitszimmer gegenüber. Vergebens wartete Mr. Sutherland, daß Frederick das unheimliche Schweigen breche und ihm freiwillig das erzähle, was er ihn nicht zu fragen wagte. Doch da dieser beharrlich schwieg, begann Mr. Sutherland, ernst, aus tief gequältem Herzen:

»Was enthalten die Papiere, die Du Agnes Halliday zum Verwahren gegeben? Konnten sie nicht sicherer und diskreter in Deinem eigenen Heim verwahrt werden?«

Frederick fuhr zusammen; er hatte nicht erwartet, daß sein Vater jene Papiere bemerkt habe. Doch er faßte sich schnell und erwiderte:

»Es waren Briefe, alte Briefe, die ich sicherer außer dem Hause aufgehoben glaube, als in ihm. Ich wollte sie nicht zerstören und gab sie daher der vertrauenswürdigsten Person, die ich kenne. Ich hoffe, Du verlangst nicht, diese Briefe zu sehen. Sie sind nicht für Deine Augen berechnet und ich würde eher Deinen Zorn ertragen, als diese Briefe auf irgend eine Art bekannt wissen«.

Er sprach voll Ernst und ohne Furcht.

»Wann waren diese Briefe geschrieben?« fragte der Vater. »In letzter Zeit oder ehe – – –. Du sagst, sie seien alt. Wie alt?«

Frederick atmete erleichtert auf.

»Einige derselben wurden vor Jahren geschrieben, in der Tat die meisten. Sie sind streng persönlicher Natur – – von der Art, wie fast jeder Mann welche besitzt. Ich wollte, ich hätte sie vernichten können! Du läßt sie in Agnes Händen, nicht wahr?«

»Du erstaunst mich!« entgegnete Mr. Sutherland, froh, daß diese Briefe wenigstens nichts mit den Gedanken zu tun hatten, die ihn so erregten. »Ein junges Mädchen, das Du vor einer Woche kaum beachtetest, machst Du zum Hüter von Briefen, die Du selbst dem Vater vorenthältst!«

»Ich weiß es« war Fredericks einzige Antwort.

»Deine Geheimnisse, falls Du solche hast, würdest Du besser Deinem Vater anvertrauen. Du hast keinen besseren Freund – – –«

Er schwieg. Seine Gefühle hatten ihn überkommen. Wie, wenn Frederick wirklich das Verbrechen begangen hätte – – –. Und er sollte sein Mitwisser sein! – – – Lieber wollte er nichts wissen! . . . . . Nervös spielte er mit den Papieren, die auf seinem Schreibtische lagen, nahm ein großes Kuvert zur Hand, öffnete es mechanisch, zog ein Dokument heraus und las es.

»Ich weiß«, sagte Frederick, »daß ich keinen besseren Freund habe. Du warst immer zu gut gegen mich, zu nachsichtig . . . . . Was ist Dir, Vater? Du bist plötzlich so blaß geworden! Bist Du krank? Was steht in dem Dokument?«

Mr. Sutherland richtete sich auf. Er schaute Frederick durchdringend an, tiefer als er dies je getan, nahm das Dokument in die Hand, legte diese auf den Rücken und fragte:

»Als Du neulich Geld von mir borgtest, sprachst Du, wie ein Mann, des es zurückzuzahlen erwartet. Weshalb? Woher hofftest Du Geld zu erhalten, mit dem Du die Schuld abtragen konntest? Antworte Frederick! Jetzt ist die Stunde zur Beichte gekommen!«

Frederick ward so bleich, daß sein Vater mitleidig die Augen senkte.

»Beichten?« fragte Frederick, »was soll ich beichten? Etwa meine Sünden? Deren sind zu viele! Was das Geld betrifft, so hoffte ich, es Dir zurückzuzahlen, wie jeder Sohn hofft, seinem Vater das Geld zurückzuzahlen, das ihm zur Zahlung von Spielschulden geliehen wird. Ich sagte, ich wollte arbeiten. Das erste Geld, das ich verdiente, beabsichtigte ich, Dir zu geben. Ich – – –«

»Nun?« Der Vater hatte das Dokument, das er vorhin gelesen, vor ihm ausgebreitet. »Hast Du etwa dies erwartet? Hast Du nicht gewußt, daß die arme Frau, die so elend ermordet ward, deren Tod die ganze Stadt betrauert, Dich zum Erben einsetzte? Hast Du nicht gewußt, daß nach den Bestimmungen dieses Dokumentes, das ich eben zum ersten Male sehe, ich zum Testamentsvollstrecker und Du zum alleinigen Erben ihres mehr als hunderttausend Dollars betragenden Vermögens ernannt bist?

»Nein!« schrie Frederick, das Dokument anstarrend, mit Blicken, aus denen eher Schrecken als Ueberraschung zu lesen war. »Hat sie das wirklich getan? Weshalb? Ich kannte sie ja kaum«.

»Nein, Du kanntest sie kaum und sie, sie kannte kaum Dich. Frederick, ich würde Dich lieber tot vor mir sehen, als der Erbe des hart erworbenen Vermögens von Philemon und Agatha Webb!«

»Du hast recht, es wäre besser«, murmelte Frederick, der kaum wußte, was er sagte. »Weshalb sollte sie mir ihr Vermögen hinterlassen?« fragte er wieder. »Was war ich ihr, daß sie mir all das Geld geben sollte?«

Des Vaters Finger zitterten, als sie an eine Stelle des Testaments kamen, die näheren Aufschluß zu geben schien. Frederick bemerkte dies nicht; er dachte immer noch über eine Antwort auf des Vaters vorheriger Frage nach.

»Wann wußtest Du um das Testament?« wiederholte Mr. Sutherland. Ich bin gewiß, Du wußtest davon, ehe Du das Geld von mir verlangtest!«

Frederick richtete sich auf und schaute seinem Vater fest in die Augen.

»Nein«, sagte er, »ich wußte nichts von diesem Testament! Es überrascht mich ebenso sehr, als Dich!«

Er log! Mr. Sutherland wußte, daß er log und Frederick empfand, daß sein Vater es wußte. Ein Schatten legte sich zwischen Vater und Sohn, den der Erstere, eingedenk der Worte, die Sweetwater ihm zugeflüstert, nicht zu lüften versuchte.

Nach einigen Minuten, in denen Frederick seinen Vater um Jahre altern sah, sagte Mr. Sutherland kalt:

»Dr. Talbot muß von diesem Testament erfahren. Es ward mir heute von einem Anwalt in Boston zugesandt, der es vor zwei Jahren aufsetzte. Der Untersuchungsrichter hat vielleicht noch nichts davon gehört. Willst Du mich morgen dahin begleiten? Ich will ihm zeigen, daß wir ganz offen mit ihm sind in dieser unglücklichen Affäre.«

»Gewiß begleite ich Dich«, entgegnete Frederick und da er merkte, daß sein Vater weder fähig war, mehr zu sagen, noch etwas weiteres zu hören wünschte, verbeugte er sich, wie gegen einen Fremden und zog sich still zurück. Doch kaum hatte er die Türe geschlossen, da kam ihm des Vaters verändertes Wesen zum Bewußtsein und in Anwallung innigeren Fühlens legte er seine Hand auf die Klinke, um ins Zimmer zurück zu gehen. Er trat indes nicht ein. Am Ende der Halle hielt er nochmals inne und schaute sehnsüchtig nach der Türe, dahinter sein Vater weilte – – – dann ging er nach seinem Zimmer.

Als er die Schwelle überschritt, sagte er halblaut vor sich hin:

»Jetzt kannst Du mich vernichten, Amabel! Ein Wort und ich bin verloren!«



II. Teil.
Der Mann ohne Reputation.


XXI.
Sweetwater überlegt.

Als Sweetwater Mr. Sutherland verlassen, schloß er sich in sein Zimmer ein, mit Gefühlen, die Niemand begreifen, er selbst nicht verstehen konnte. Und doch waren sie nur der natürliche Ausfluß tiefinnersten Empfindens: er liebte Mr. Sutherland, liebte ihn mit jeder Faser seines Herzens! Und dessen Sohn sollte er als Mörder anklagen? Denn daß dieser aktiven Anteil an dem Verbrechen hatte, stand bei ihm nunmehr außer Zweifel. In der Seelenqual, mit der sich Frederick über das frische Grab geworfen, konnte er dessen ganze Schuld so klar lesen, als sei sie mit feurigen Buchstaben am dunkeln Himmel geschrieben. Solche Qualen, unter solchen Umständen und von einem solchen Manne, ließen nur eine Deutung zu: Reue! Und Reue in der Brust eines so gefühllosen und verderbten Menschen über den Tod einer Frau, die ihm weder Freundin noch Verwandte gewesen, ließ nur auf eines schließen: Schuld! Eine andere Deutung gab es nicht. Hätte man ihm eine andere gezeigt, wie gerne hätte er sie ergriffen! Er wollte Frederick unschuldig sehen! Er hätte selbst sein Leben darum gegeben, ihn nicht schuldig finden zu können! Nicht aus Interesse oder Freundschaft für Frederick, sondern weil er Charles Sutherlands Sohn war und der Mittelpunkt alles Hoffens und Glückes dieses edlen Mannes. Doch er fand leider nichts, was ihn beruhigen konnte.

Wenn er Amabels Aussagen Glauben schenkte – etwas, das er gestern nicht getan, das er jetzt aber mußte, sollte er sich nicht selbst täuschen wollen – und die Tatsachen, die er in seiner Rolle als Detektiv ergründete, damit verglich, mußte er sich gestehen, daß beide unbedingt zusammen hingen und Fredericks Schuld bewiesen.

Welches waren seine Gründe gewesen, Amabel eines Verbrechens zu zeihen, an dem sie, wie sie selbst gestand, teilweise Zeugin gewesen?

1. Die unglaubwürdige Erklärung der Motive, weshalb sie um Mitternacht, in Ballkleid und Tanzschuhen, den Saal verlassen und die Straßen durchlief. Eine so gefühllose junge Dame, wie sie, kann wohl das Elend der Zabels als Ausrede vorschützen, aber niemals als Motiv geltend machen.

2. Die gleicherweise unglaubliche Erklärung, weshalb sie von dem beabsichtigten Gange Abstand genommen und einem fremden Manne in ein Haus folgte, an dem sie keinerlei persönliches Interesse hatte und aus dem sie eben einen blutigen Dolch hatte werfen sehen. Selbst die abgehärtetste Dame wäre davor zurückgeschreckt und hätte sich von ihrer Neugierde nie soweit treiben lassen!

3. Die armselige Ausrede, daß sie – nachdem sie soweit gegangen, den Schuldigen zu sehen – bei dessen Herannahen den Kopf nicht gehoben habe, um ihre Neugierde zu stillen.

4. Ihre angebliche Unwissenheit, wie die Orchidee aus ihrem Haar in Batsys Zimmer gekommen.

5. Ihr Versuch, die Schuld an dem Verbrechen auf einen alten schwachen Mann zu wälzen, der offenbar unfähig war, solches zu begehen.

6. Die Unwahrscheinlichkeit, daß dieser alte Mann das Geld nicht hinter seinem eigenen Hause versteckte, sondern den weiten Weg bis zu Sutherlands Haus zurücklegte und es dort verbarg.

7. Die zu durchsichtige Ausrede, sie habe Sympathie mit dem alten Manne empfunden und ihn vor den Folgen seines Verbrechens bewahren wollen, diese Ausrede, die sie als Entschuldigung dafür erbrachte, daß sie selbst das Geld tiefer vergrub. Solches konnte vielleicht ein leidenschaftlichliebendes Weib tun oder eine zu gutherzige Dame, aber nicht sie, bei der nichts ohne persönliches Interesse oder eigensüchtige Absicht geschieht.

8. Die schwache Entschuldigung dafür, daß sie an Zabels Haus ein Loch in die Jalousie gebohrt, um ins Zimmer schauen zu können. Selbst weibliche Neugierde hat ihre Grenzen. Entweder hoffte sie, mehr zu sehen, als ihre Worte andeuteten, oder ihre Handlung war nur der Vorläufer ihres Eintrittes in das Zimmer, in dem die Zwanzig-Dollar-Note zurückgelassen worden war.

Alles dies reihte sich zu einer schweren Kette von Schuldbeweisen. Diesen indes standen wieder andere Tatsachen gegenüber, die an ihrer Schuld zweifeln ließen, selbst ehe es klar geworden, daß sie Frederick – als dem unbekannten Manne – gefolgt war. Und zwar:

a. Hatte sie das Verbrechen begangen, dann war es mit Vorbedacht geschehen und das Verlassen des Balles beabsichtigt gewesen. Die Tatsache jedoch, daß sie in Ballschuhen und Ballkleid ging, widerspricht dem; eine solch kaltblütige und überlegende Natur hätte dies nicht getan.

b. Schuld erweckt Schlauheit, selbst bei den Dümmsten. Sie aber, die verschlagener ist, als viele Männer und die selbst durch stundenlange Kreuz- und Querfragen nicht aus der Fassung zu bringen war, hat diese Ballschuhe an einen Platz gelegt, wo sie selbst bei oberflächlicher Untersuchung leicht gefunden werden konnten. Hätte sie sich schuldig gewußt, sie hätte diese blutbefleckten Ballschuhe zu vernichten versucht und sie nicht hinter ein Bild versteckt und gänzlich daran vergessen.

c. Wäre sie so nachlässig mit einer Blume umgegangen, deren Anwesenheit sie verraten mußte? Eine Frau, die solch Verbrechen plant, hätte diese Blume nicht übersehen! Auf der andern Seite: hätte sie selbst die Blume an jenen Platz gebracht, hätte sie auf Befragen sicher eine Entschuldigung vorzubringen versucht und nicht geantwortet: »Das müssen Sie erklären, meine Herren; ich kann nur versichern, daß ich die Blume nicht in jenes Zimmer brachte«.

d. Hätte sie die Schuld von sich ab und auf James Zabel wälzen wollen, hätte sie den Mann, der das Geld im Wald vergrub, nicht als Schatten bezeichnet, dem sie von weitem folgte, sondern hätte ihn als den alten, schwachen Mann beschrieben, der kurz zuvor in das Zabelsche Haus getreten war. Auf eine Lüge mehr oder weniger wäre es ihr sicher nicht angekommen, hätte sie dadurch ihr Ziel erreichen können.

e. Ihr Benehmen während der Untersuchung war nicht das einer Person, die sich wirklich schuldig fühlt. Sie war allen ein Rätsel gewesen, mit ihren herausfordernden, zweideutigen Erklärungen, die noch mysteriöser und zweifelhafter wurden, als Frederick sich dem Kreise der vier Männer angeschlossen hatte.

Lassen wir nun allen Verdacht bei Seite, als sei sie die wirklich Schuldige, nehmen wir an, Frederick sei der Mörder und sie nur die Hehlerin und sehen wir, wie alle Widersprüche weichen und wie natürlich sich ihr ganzes Benehmen erklärt.

Amabel verließ um Mitternacht den Ball und ging in Ballkleid und Ballschuhen in den Garten. Weshalb? Nicht, um einem Hungrigen Nahrung zu bringen – etwas, das ihrer kalten Natur, ihrem Charakter und ihrem Fühlen so gänzlich ferne lag – sondern um zu sehen, ob ihr Geliebter, dessen Charakter, Schwierigkeiten und bedrängte Lage sie gut kannte, wirklich den Entschluß ausführte, den er gefaßt und nach dem Hause gehe, das – wie das Sutherlandsche – selbst bei Nacht offen stand, um das Geld zu holen, welches sie dorten wußten.

Sie folgte zu jener Stunde und nach solchem Platze nicht einem Fremden, dem sie zufällig begegnete, sondern ihrem Geliebten, dem sie im Garten seines Vaters Haus aufgelauert. Es bedurfte allerdings Mut, dies auszuführen. Doch ihr Schicksal war mit dem seinen zu eng verknüpft und sie wollte den Mann, den sie liebte, vor den Folgen des Verbrechens retten, wenn nicht vor dem Verbrechen selbst. Und was die vielbesprochene Blume betrifft: was war natürlicher, als daß sie im Laufe des Abends die Blume vom Kopfe nahm und sie Frederick ins Knopfloch steckte, von wo sie dann später – vielleicht im Ringen mit Batsy – zu Boden fiel? Und wie natürlich klingt dann ihre Erklärung, sie habe den Kopf nicht erhoben, als der Mann, den sie in Mr. Webbs Haus gehen sah und den sie sehr gut kannte, die Treppe herab kam. Sie wollte ihren Geliebten nicht mit blutbefleckten Händen sehen, fürchtete sich vielleicht, ihm gerade in jenem Augenblicke gegenüber zu treten, denn gar leicht hätte er sie selbst vernichten können – ausgenommen, sie war seine Mithelferin, und daran glaubte Sweetwater nicht.

Auch ihr Gang nach dem Zabelschen Hause, nach einem Geschehnis, das den meisten Frauen die Besinnung geraubt hätte, war jetzt zu verstehen. Sie folgte wiederum ihrem Geliebten. Der Plan, den Verdacht des Mordes auf Agathas alten Freund zu wälzen, ging von Frederick aus und nicht von Amabel. Er ging zuerst nach Zabels Haus, sie folgte nur. Er ließ das Geld dorten. Das war Sweetwater nun alles klar und selbst die Tatsache, daß der Dolch in Zabels Haus gefunden ward, verwirrte ihn nicht mehr. Der Dolch, den der Mörder aus dem Fenster geschleudert, vielleicht weil er um Zabels Besuch wußte, war von Amabel aufgehoben und an eine lichte Stelle im Garten geworfen worden. Dort lag er, als einige Minuten darauf, noch ehe Frederick oder Amabel das Haus verlassen hatten, der alte Mann in einem höchst erregten Zustand den Garten betrat. Er und sein Bruder waren dem Verhungern nahe, hatten vielleicht tagelang nichts zu essen gehabt. Er war zu stolz, für sich selbst etwas zu verlangen und zu loyal gegen seinen Bruder, um ihn einer festlichen Mahlzeit wegen zu verlassen, die in Agathas Haus für beide bereitet worden war. Erst in später Stunde, als sein eigener Hunger ihn trieb oder vielleicht die Hoffnung, des Bruders Leben zu retten, machte er sich nach dem Hause auf, das ihm stets in gastfreundlichster Weise offen gestanden. Er fand Licht im Hause, hielt dies zu seinem Willkomm erleuchtet und ging, unkundig der grausen Tat, die eben dort begangen worden war, durchs Tor. Halbwegs im Garten hält er an. »Was wird Agatha denken?« fragt er sich. Verzweifelt schlägt er die Hände vors Gesicht und läßt beschämt den Kopf sinken. Da sieht er den Dolch, seinen Dolch. Er denkt nicht darüber nach, wie er dahin gekommen, er sieht in ihm nur einen Ausweg aus diesem elenden Jammertal, hält den Tod für ehrenvoller, als solch ein Leben und stürzt davon, wobei er fast Pastor Crane umrannte, der eben am Tore vorüber ging.

Kurze Zeit darauf findet Amabel ihn auf der Treppe seines Hauses; er hatte versucht, ins Haus zu gehen, doch erschöpft von dem langen Wege und der Aufregung der letzten Stunde, sank er ermattet nieder. Während sie dasteht, hat er sich etwas erholt und erhebt sich. Sie sieht mit Entsetzen den Dolch, den sie selbst kurz zuvor in der Hand gehalten und fürchtend, daß der alte Mann und ihr Geliebter dort im Hause aufeinanderstoßen könnten, geht sie eiligst ums Haus herum, bohrt eine Oeffnung in die Jalousie und schaut ins Zimmer. Was hatte sie dort zu sehen erwartet? Frederick, Angesicht zu Angesicht mit dem verzweifelten alten Manne! Doch statt dessen sieht sie einen andern alten Mann, an einem Tische sitzend und – – –

Amabel hatte inne gehalten, als sie an dieses »und« gekommen war. Damals hatte Sweetwater die Stockung nicht verstanden; doch jetzt begriff er alles! Jetzt wußte er, daß, wenn sie die Wahrheit hätte sagen wollen, anstatt den Verbrecher durch falsche Insinuationen zu schützen, sie hätte fortfahren müssen: »– – und  Frederick Sutherland über ihn gebeugt«. Denn daß Frederick zu jener Zeit im Zimmer war, stand bei Sweetwater fest. Ob sie ferner die beiden Männer zusammentreffen gesehen oder ob Frederick, durch ein Geräusch veranlaßt, unbemerkt das Haus verlassen, ist von nebensächlicher Bedeutung. Von Wichtigkeit ist die Tatsache, daß er das Haus verließ und daß Amabel, die wohl wußte, daß dieser Mann Frederick war, die Untersuchungs-Kommission glauben machen wollte, es wäre der alte Zabel gewesen, der das Geld vergraben. Wenn Sweetwater indes eifriger nachdachte, mußte er sich gestehen, daß sie das eigentlich nicht behauptet habe und daß immerhin die Annahme offen blieb, es sei Frederick gewesen, dem sie folgte und nicht ein alter Mann, der dem Grabe näher war, als dem Leben.

Nun war auch Amabels Aussage erklärlich, weshalb sie das Geld tiefer vergraben habe. Sie wollte ihren Geliebten nicht nur vor dem sofortigen Gebrauch des Geldes bewahren, sondern hoffte auch, diese große Summe einst mit ihm zu teilen.

Es war jetzt auch ganz natürlich, daß sie nicht überrascht oder gar erschreckt schien, als der Ruf »Mörder« durch die stille Nacht klang; ebenso natürlich war es, daß eine junge Dame, die so herzlos jedem Zuge dieses teuflischen Verbrechens folgte, die Stätte des Verbrechens wiederum betrat und, in der Absicht, die Schuld auf den Eigentümer des Dolches zu wälzen, auf die Stelle aufmerksam machte, wohin der Dolch gefallen war. Jetzt verstand er auch ihr Benehmen vor dem Untersuchungsrichter. Aus all ihren bizarren und oft unglaublichen Erklärungen konnte man doch einen roten Faden entdecken, der der Wahrheit sehr nahe kam; nur wollte sie eben den Mann schützen, den sie mit einem einzigen Worte vernichten konnte. Sie spielte mit einem Leben, das sie liebte, aber nicht tief und aufrichtig genug, um ihrem Spiel die Würze einer ihm, Sweetwater, unverständlichen Schadenfreude zu rauben.

Wie wohl Sweetwater folgerte!

Und Frederick? Gab es etwas in seinem Vorleben, das der Annahme, er habe den Mord begangen, widersprechen könnte? Im Gegenteil! Obwohl Sweetwater wenig von Fredericks Verirrungen wußte, die ihn zum Auswurf der Familie machten, das Wenige, das er tatsächlich wußte, war genug, ihm klar zu machen, wie wenig es bedurfte, um die Brücke von maßloser Verschwendung zum Verbrechen zu betreten, wenn Geldschwierigkeiten drängten. Befand sich Frederick in solchen Schwierigkeiten? Sweetwater konnte dies nicht glauben. Und Fredericks Benehmen? War es das eines Ehrenmannes, der über den Verdacht entsetzt ist, unter dem das Mädchen, das er liebt, leidet? Hatte er, Sweetwater, nicht selbst Tatsachen bemerkt, die eine solche Annahme nicht zulassen? Der Schrei, zum Beispiel, mit dem er aus dem Ballsaal in den Wald gegenüber seines Hauses stürzte: »Gott sei Dank, daß diese Schreckensnacht vorüber ist!« Merkwürdige Worte im Munde dieses jungen Mannes, zu solcher Zeit und an solcher Stätte, wenn er nicht schon damals gewußt hätte, was im Dunkel dieser schrecklichen Nacht geschehen! Aber er wußte es! Dieser Schrei war Sweetwater gleich aufgefallen und noch mehr jetzt, da ihm alles so klar geworden und nachdem er den jungen Mann in qualvoller Reue über das Grab der edlen Frau weinen gesehen.

Manche mögen diesen Kummer vielleicht als Beweis dafür ansehen, daß er nur für den wahren Mörder weinte, den er liebte. Sweetwater indes war überzeugt, daß ein Egoist wie Frederick Sutherland nicht derart tief für eine andere empfinden könne und daß diese Reue einer näheren Erklärung bedurfte, selbst wenn diese Erklärung der Mord war, den er begangen.

Soweit war Sweetwater mit seinem Ueberlegen gekommen, als er Frederick in Mr. Hallidays Haus verschwinden sah und Mr. Sutherland auf ihn zukam.

Bei der kurzen Unterhaltung, die er mit dem Letzteren hatte, sah er zu seinem großen Schrecken seine eigenen Zweifel aus den Zügen des alten Mannes widerspiegeln.

Er eilte entsetzt nach Hause – – – – der Kampf seines eigenen Lebens hatte begonnen.


XXII.
Sweetwater handelt.

Sweetwater hatte Mr. Sutherland versprochen, daß er mit Niemanden über den Verdacht sprechen werde, den er gegen dessen Sohn hege. Er wußte indes, daß, wollte er dies Versprechen halten, er nicht in Sutherlandtown bleiben dürfe und nicht unter den Augen Mr. Courtneys, des scharfsichtigen und tüchtigen Staatsanwaltes. Sweetwater war zu jung und zu ehrlich, und hatte sich in der Angelegenheit bereits zu sehr betätigt, um sich auf einmal auffallender Weise zurückzuziehen oder gar Falschheit zu heucheln. Es schien ihm in der Tat fast unmöglich, den Namen Fredericks erwähnt zu hören, ohne erröten zu müssen und so die ganze Schande an den Tag zu bringen, die fürderhin an dem Namen Sutherland haften würde.

Was sollte er also tun? Wie den Folgen entgehen, denen er sich nicht gewachsen sah? Diese Fragen mußten noch in heutiger Nacht entschieden werden. Aber wie?

Sweetwaters Dankbarkeit war so groß als sein Ehrgeiz. Da ihm Mutter Natur jene äußeren Gaben versagt, die einen Mann zum Freund, ein Mädchen zum Geliebten ziehen – eine Tatsache, die ihm längst bekannt, aber erst neulich durch eine rauhe Zurückweisung wieder so recht zum Empfinden gebracht worden war – so wollte er etwas Bedeutendes leisten, das ihn in den Augen der Menschen beneidenswert erscheinen ließ. Er, der gute Musiker, wollte der beste Detektiv werden! Daß aber sein erster Versuch schon derart einschlagen würde, daß ein weiteres Vordringen seiner Dankbarkeit den Todesstoß versetzte, hätte er sich selbst nie träumen lassen. Und nun stand er vor dem schwierigsten Problem seines bisher so ruhigen Lebens: das Aufgeben all seiner Hoffnungen oder die schnödeste Undankbarkeit gegen den, dem er sein Leben verdankte.

Wenn wir ihn in seine stille Hütte begleiten, von der er in den zweiundzwanzig Jahren seines Lebens kaum mehr als zwölf Meilen entfernt war, werden wir den inneren Zwiespalt dieses ehrgeizigen, ehrliebenden Jungen besser verstehen.

Es war ein weißes, unbemaltes Häuschen, oben auf einem Felsen, darin er und seine Mutter wohnten, unter sich und über sich nichts, als Wasser und Himmel.

Die Wellen schienen seine Leiden zu verstehen, denn sie sangen heute so schwermütig, so traurig, wie es Sweetwater schien.

»Ich bin es, Muttchen«, rief er in seiner gewohnten Stimme – wie er glaubte – als er die Türe des kleinen Hauses aufstieß. Doch der feine Instinkt der Mutter fühlte ein leises Zittern in der Stimme und besorgt klang es ihm entgegen:

»Ist etwas vorgefallen?«

Die Frage ließ ihn zusammenzucken. Er faßte sich indes schnell und seine Stimme zur Modulation zwingend, entgegnete er:

»Nichts, Muttchen. Geh nur schlafen. Ich bin müde, das ist alles«.

Als er sich überzeugt hatte, daß die Mutter schlief, ging er in die Küche, steckte die Lampe an und setzte sich nieder. Draußen schlug es eben Mitternacht.

Da lagen sie alle vor ihm, die Zeugen seiner glücklichen Jugend. Jedes Stück im Zimmer kannte er, jeder Nagel schien ihm zuzunicken. Selbst der alte Hut seines Vaters hing dort an dem Pfosten, genau so, wie er ihn aufgehängt, an jenem ereignisvollen Morgen, da er sich fiebernd hinlegte, um nie wieder aufzustehen. Und gleich daneben hing die Schürze der Mutter, die Schürze, die sie trug, als sie ihm das Abendessen brachte und die sie wieder tragen wird, wenn sie ihm das Frühstück bereitet.

Er konnte sie nicht länger ansehen, diese Schürze; wollte er doch fort von hier gehen und die Mutter allein lassen . . . . . . .

Es hielt ihn nicht mehr auf dem Platze; er sprang auf und setzte sich wo andershin. Doch da sah er der Mutter Nähkasten, darinnen eine für ihn bestimmte Arbeit lag; da sah er den Tisch, gedeckt für zwei und neben der Mutter Teller die Brille, die ihn daran erinnerte, wie alt die Mutter war, wie schwach und wie sehr sie seiner gerade jetzt bedurfte. Und wieder sprang er auf und suchte eine andere Ecke: da hing seine Violine, seine beste und treueste Freundin, die er auch zurücklassen mußte, sollte er . . . .

Die Eindrücke überwältigen ihn fast. Er stand auf, verließ die Küche und ging nach oben.

Kein Schlaf.

Er schloß die Türe – etwas, das er im Leben nie getan – nahm einen Anzug aus dem Kasten, legte ihn aufs Bett und öffnete dann die Sparbüchse, um das Ersparte mitzunehmen. Doch er ließ das Geld unberührt; nur einige kleine Silberstücke nahm er und steckte sie in die Tasche des Anzuges, den er ausgewählt. Dann nahm er die Bibel, welche ihm die Mutter einst gegeben und wollte sie eben in die andere Tasche des Anzuges stecken, als er sich eines anderen besann, die Bibel zurücklegte und von der Schürze in der Küche eine kleine Ecke abriß, die er dann sorgfältig hinter den Uhrdeckel legte, als wäre es das Bildnis eines geliebten Mädchens. Darauf entkleidete er sich und ging zu Bette.

Mrs. Sweetwater sagte später, daß Caleb nie so viel gesprochen und so wenig gegessen habe, als wie am nächsten Morgen. Die Pläne, die er entworfen, um den Mörder Mrs. Webbs zu entlarven! Diese wichtigen Geschäfte, die er zu erledigen habe! Soviele Leute zu besuchen! Es ward ihr ganz schwindelig, wenn sie dachte, welch hervorragende Rolle ihr Sohn jetzt spielte. Und als er dann der lächelnden Frau »Guten Morgen, Muttchen«, zugerufen und die Türe geschlossen hatte, da brach ihm fast das Herz. Wann würde er dies Zimmer wiedersehen und wann die Mutter, die geliebte Mutter?

Er ging geradeswegs zur Stadt.

An der Werft herrschte reges Leben; ein Segelschiff machte sich zur Ausfahrt nach Brasilien bereit. Er stockte einige Minuten, schaute das große Schiffe sinnend an und ging dann weiter, dem Gebäude zu, woselbst er Dr. Talbot und Mr. Knapp zu finden erwartete. Er wollte erfahren, ob bereits ein Verdacht auf Frederick gefallen; war dies der Fall, dann brauchte er nicht zu reisen und all seine Pläne fielen zusammen. Nur um Frederick vor einem solchen Verdacht zu schützen, war er willens, alle Bande, die ihn an die Heimat knüpften, zu lösen und nur die Aussicht auf volles Gelingen konnte ihn veranlassen, ein solches Opfer zu bringen.

»Nun, Sweetwater, was Neues?« begrüßte ihn der Untersuchungsrichter.

Sweetwater, der unter den forschenden Augen Dr. Talbots seine volle Selbstbeherrschung bewahrte, wandte sich an Mr. Knapp mit der Gegenfrage:

»Wissen Sie was Neues?«

Knapp, der vielleicht nicht geantwortet hätte, selbst wenn er etwas gewußt hätte, lächelte überlegen und erging sich in einigen allgemeinen Phrasen, die Sweetwater ärgerlich machten. Er hielt sich indes zurück und sagte zu Dr. Talbot in geheimnisvollem Tone:

»Ich glaube, ich kann Ihnen bald etwas sagen, was der Angelegenheit eine ganz bestimmte Wendung geben dürfte. Morgen spätestens weiß ich, ob ich Recht habe oder nicht. Doch, ob Recht oder Unrecht, jedenfalls habe ich einen wichtigen Zeugen entdeckt und zwar in gänzlich unerwartetem Lager«.

Sweetwater kannte keinen solchen Zeugen; es war dies nur ein Vorwand, seine Absicht um so sicherer ausführen zu können und Beide glauben zu lassen, sein Interesse in der Angelegenheit sei ein ungeschwächtes, sodaß sein plötzliches Verschwinden nicht als feige Flucht aufgefaßt werden konnte. Es sollte aussehen, als wäre er ein Opfer des Zufalles. Dies war auch der Grund, weshalb er nichts von zu Hause mitnahm, das ihn im geringsten hätte verraten können.

»Ha! Wirklich!« rief Dr. Talbot mit wachsendem Interesse. »Darf ich fragen – – –«

»Bitte sehr«, unterbrach ihn Sweetwater mit einem bezeichnenden Seitenblick auf Knapp, »mich vorerst nichts zu fragen. Heute Nachmittag vielleicht, nachdem ich ein Interview mit – – –. Was ist das? Ziehen die jetzt schon die Segel der »Hesper« auf?« rief er, sich unterbrechend, als er vom Fenster aus das Schiff in Bewegung sah. »Auf dem Schiff befindet sich ein Mann, den ich sprechen muß! Entschuldigen Sie – – oh, Mr. Sutherland!«

Sweetwater trat verwirrt zurück. Mr. Sutherland war eben in Begleitung Fredericks ins Zimmer getreten.


XXIII.
Ein verdächtiges Paar.

»Bitte um Entschuldigung«, stammelte Sweetwater, zur Seite tretend.

Er schien seine Absicht, das Zimmer zu verlassen, gänzlich vergessen zu haben. Der Eintritt der beiden Männer zu solch ungewohnter Stunde, war für ihn viel zu wichtig, als daß er fort gehen sollte. Hatte zwischen den Beiden eine Unterredung stattgefunden und Mr. Sutherlands Ehrlichkeit gesiegt und war er nun gekommen, um Frederick seinem Schicksal zu überliefern?

Inzwischen hatte sich Dr. Talbot erhoben und Mr. Sutherland herzlich begrüßt, wodurch es Sweetwater klar ward, daß trotz Mr. Knapps schweigender Andeutung, noch kein Verdacht auf den unglücklichen Frederick gefallen war. Dann wartete Dr. Talbot, was Mr. Sutherland zu sagen habe, denn es war zweifellos, daß er gekommen war, um etwas Neues zu bringen. Sweetwater wartete gleichfalls, jedoch mit anderen Gefühlen. Er bemerkte mit Schrecken, wie der alte Mann sich in den letzten zwölf Stunden verändert hatte; auch entging seinen scharfen Blicken die eisige Kälte nicht, die zwischen Vater und Sohn lag und die es den Beiden fast unmöglich machte, in der alten vertraulichen Weise zusammen zu verkehren. Knapp, der sie nur oberflächlich kannte, fiel dies nicht auf; doch Dr. Talbot schien es zu bemerken, wie sein fragender Blick ausdrückte, mit dem er die Beiden betrachtete.

Endlich begann Mr. Sutherland.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie so frühzeitig störe«, sagte er, mit einem leisen Zittern in seiner Stimme, das Sweetwater erbleichen machte. »Aus bestimmten Gründen möchte ich gerne wissen, möchten wir gerne wissen, ob Sie bei Ihren Untersuchungen über die Art und Weise, wie Agatha Webb zu ihrem Tode kam, eine Kopie ihres Testaments gefunden haben?«

»Nein«.

Dr. Talbots Interesse war sofort erregt, ebenso Mr. Knapps, während Sweetwater sich tiefer in die Ecke drückte, um seine bleichen Züge nicht sehen zu lassen.

»Wir haben nichts gefunden. Wir wissen nicht einmal, ob sie ein Testament hinterlassen hat«.

»Ich frage deshalb«, fuhr Mr. Sutherland fort, indem er einen schnellen Blick auf Frederick warf, der – wie es Sweetwater schien – äußerst gefaßt dem Kommenden entgegen sah, »weil ich nicht nur Mitteilung eines solchen erhielt, sondern sogar zum Vollstrecker dieses, ihres letzten Willens eingesetzt wurde. Ich erhielt dies Testament gestern in einem Briefe aus Boston. Der Inhalt überraschte mich – – Frederick, bringe mir einen Stuhl, bitte. Diese Schrecknisse – wir alle leiden ja mehr oder weniger unter dem Unglück, das unsere Stadt befallen – lassen mich meine Jahre fühlen . . . . . . .«

Sweetwater atmete auf. Diese letzten Worte sagten ihm deutlich, daß Mr. Sutherland seine Befürchtungen nicht wahr machen würde.

Frederick konnte seine Aufregung kaum verbergen. Er brachte den verlangten Stuhl und wollte sich eben zurückziehen, als Mr. Sutherland ihm durch eine Handbewegung zu verstehen gab, das Papier, das er mitgebracht, dem Untersuchungsrichter zu übergeben.

»Wie ich bereits sagte«, begann Mr. Sutherland wieder, während Dr. Talbot und Mr. Knapp die Köpfe zusammensteckten, um zu sehen, was das Testament enthalte, »der Inhalt dieses Dokumentes überraschte mich aufs höchste. Ebenso erstaunt war mein Sohn, von dem man nicht einmal sagen kann, daß er ein Freund oder besonders guter Bekannter Agatha Webbs gewesen sei«.

»Ich habe nur zweimal mit ihr gesprochen«, sagte Frederick mit gezwungener Gleichgiltigkeit, die so deutlich die innere Erregung bemäntelte, daß Sweetwater um den Erfolg besorgt war. Frederick der Erbe von Agatha Webbs Vermögen! Frederick, von dem sein Vater erst in der vorigen Nacht erklärt hatte, es gäben für diesen keine Gründe, den Tod der guten Frau zu wünschen! War es die Entdeckung, daß solche Gründe tatsächlich bestanden, was diesen Mann in den letzten zwölf Stunden so altern ließ? Sweetwater wagte nicht, ihn nochmals anzuschauen; sein eigenes Gesicht hätte vielleicht mehr verraten, als er gewünscht hätte. Er sah mit Spannung auf Dr. Talbot, der Frederick mit größerem Interesse betrachtete, als er bisher getan und dann in die Worte ausbrach:

»Ein schönes Vermögen! Ein sehr schönes Vermögen!« Und sich zu Mr. Sutherland wendend, fragte er in seinem natürlichsten Tone: »Wäre es indiskret, zu fragen, was unsere liebe Freundin Agatha mit dem Passus meint, der sich auf Ihre selige Frau bezieht?« Er deutete mit dem Finger auf den betreffenden Passus und las:

»Aus Dankbarkeit für Dienste, die Marietta Sutherland, Gattin des Charles Sutherland, mir in früheren Jahren geleistet, hinterlasse ich Frederick, dem einzigen Kinde ihrer Liebe, all mein Eigentum, bewegliches und unbewegliches, das ich zur Zeit meines Todes besitzen werde« – – »Aus Dankbarkeit für geleistete Dienste! Dies müssen sehr wichtige Dienste gewesen sein«, setzte Dr. Talbot hinzu.

Mr. Sutherlands Züge zeigten deutlich seine Zweifel und seine Unwissenheit über diesen Punkt.

»Ich erinnere mich nicht, daß meine Frau je besonderer Dienste erwähnte, die sie Agatha Webb geleistet. Sie waren immer befreundet, doch nie intim zusammen. Indes zweifle ich nicht, daß Agatha ihre besonderen Gründe hatte, als sie diese Worte niederschrieb; Mrs. Sutherland war eine Frau, die oft im Geheimen Gutes tat«.

Trotz allen Respekts vor dem Sprechenden, schien Dr. Talbot von dieser Erklärung nicht ganz befriedigt. Er schaute auf Frederick und drehte die Akten nervös in seinen Händen.

»Vielleicht können Sie uns Aufschluß geben über die Gründe dieser Hinterlassenschaft – dieser großen Hinterlassenschaft«, betonte er.

Frederick, der diese direkte Aufforderung nicht unbeachtet lassen konnte, richtete sich auf und erwiderte mit einem Ernst, der allen auffiel:

»Mein bisheriges Leben spricht so gegen mich, daß ich mich nicht wundere, daß Sie überrascht sind über das mir von Mrs. Webb hinterlassene Vermögen. Vielleicht wußte sie nicht, in welch – wohlverdientem – schlechten Rufe ich stehe oder aber, und das entspräche eher ihrem Charakter, glaubte sie, daß das Bewußtsein, meine Unabhängigkeit einer so unglücklichen und so edlen Frau zu verdanken, mich zum Manne mache«.

Er sprach wirklich mit einer Männlichkeit, die alle überraschte. Mr. Sutherland schien ein Stein vom Herzen zu fallen, als Frederick beendet hatte; Mr. Knapps Gesicht war vollkommen ruhig und gleichgiltig, während Dr. Talbot, der fest an Amabels Schuld glaubte, mit etwas wie Bedauern auf den Sprecher schaute.

»Ich fürchte«, sagte er, »daß andere nicht so unkundig des großen Vermögens waren, das Ihnen zufiel, als Sie selbst gewesen«, Worte die Frederick das Blut in den Kopf trieben. Er antwortete jedoch nicht und so wäre eine unangenehme Pause eingetreten, wäre Sweetwater nicht plötzlich aus dem Zimmer gestürzt, mit dem Rufe:

»Dort ist er! Ich habe ihn eben gesehen! Er ging aufs Schiff! Warten Sie auf mich, Dr. Talbot! Ich bin in fünfzehn Minuten wieder hier und mit einem Zeugen, wie Sie – – – –«

Da schlug die Türe ins Schloß und machte das Weitere unverständlich. So endete eine Unterredung, die den beiden Sutherlands fast unerträglich erschienen. Doch niemand, nicht einmal der alte Herr selbst, ahnte, welch unermeßlichen Dienst ihm Sweetwater eben geleistet. Er war jedoch äußerst erregt und wie ein Blitz fuhren ihm Sweetwaters Worte durch den Sinn, welche dieser ihm an Mr. Hallidays Tor zugerufen. Fürchtend, daß er sich verrate, fragte er mit sichtbarer Bestürzung:

»Was ist los? Was ist plötzlich in den Jungen gefahren?«

»Oh«, entgegnete Dr. Talbot, »er hat das Schiff dort schon eine Stunde beobachtet. Er ist hinter einem Manne her, den er eben aufs Schiff gehen sah. Er sagt, dies wäre ein neuer und wichtiger Zeuge. Vielleicht hat er recht. Sweetwater ist ein äußerst tüchtiger Mensch! Wollen Sie Beweis dafür, dann warten Sie, bis er zurückkommt. Ich bin sicher, er hat uns dann etwas zu sagen«.

Inzwischen hatten sich alle ans Fenster gedrängt. Frederick, der seine Züge vorsichtig vor dem Vater verbarg, beugte sich über die Fensterlehne und verfolgte ängstlich den Dahineilenden, der direkt der Werft zulief, während Knapp sich auf seine Schultern lehnte und auf die Matrosen deutete, welche eben die Anker lichteten.

»Er kommt zu spät! Sie lassen ihn nicht mehr an Bord! Welch ein Narr, hier herum zu hängen, bis er seinen Mann sieht, statt an die Werft zu gehen und ihn abzufassen! Das kommt davon, wenn man sich auf einen Bauernjungen verläßt. Diese Auch-Detektive wissen alle nichts! Sehen Sie! Der Steuermann weist ihn zurück! 's ist alles Essig, wenn er keinen Haftbefehl hat! Hat er einen Haftbefehl, Dr. Talbot?«

»Nein; er hat keinen verlangt. Er sagte mir nicht einmal, hinter wem er her ist. Kann es vielleicht einer der beiden Passagiere sein, die dort am Vorderdeck stehen?«

Das war wohl möglich, denn selbst aus der Ferne sahen die Beiden, welche sich so abseits von den Matrosen und den übrigen Passagieren hielten, sehr verdächtig aus.

»Der Eine schaut sehr ängstlich auf Sweetwater, der ungeduldig hin- und herspringt. Sehen Sie nur, er gebärdet sich wie ein Affe und – – Teufel auch! Sie lassen ihn an Bord!«

Mr. Sutherland, der sich müde gegen den Fensterposten gelehnt und Sweetwater ängstlich verfolgt hatte, ging nun auf die andere Seite und schaute verstohlen auf Frederick. War sein Sohn ebenso interessiert an Sweetwater, wie er selbst? Wußte er, wen jener suchte und ahnte er die fürchterlichen Möglichkeiten, welche – – – Doch Fredericks Züge gaben ihm keinen Aufschluß.

»Er klettert, wie ein Eichhörnchen«, rief Dr. Talbot begeistert. »Sehen Sie nur, jetzt ist er auf Deck und ich wette, er ist unten in den Kabinen, ehe Sie »Jack Robinson« sagen können! Sie sagten ihm wohl, er solle sich eilen. Kapitän Dunlap ist nicht der Mann, der fünf Minuten wartet, wenn einmal die Anker gelichtet sind«.

»Die beiden Männer haben sich hinter einen Mast oder sonstwohin gedrückt«, rief Knapp. »Das sind die Beiden, die er sucht! Aber was können die mit dem Mord zu tun haben? Haben Sie die je vorher in der Stadt gesehen, Dr. Talbot?«

»Nicht, daß ich mich erinnere. Sie sehen wie Ausländer aus, wie Süd-Amerikaner«.

»Da gehen sie auch hin und Sweetwater kann sie nicht zurückhalten. Er hat selbst kaum Zeit, das Schiff zu verlassen. Da fällt das Seil! Haben sie Sweetwater vergessen? Sie ziehen die Brücke auf – – –«

»Nein der Kapitän läßt sie halten. Ich kann sogar seine Stimme hören, Sie nicht? Sweetwater kann nichts mehr ausrichten; er muß jetzt das Schiff verlassen und das schnell! Was ist jetzt wieder los?«

»Nichts. Sie gehen eben herum, ihn zu suchen. Der Fuchs ist unten in den Kabinen und lacht sich wohl ins Fäustchen, wie er das Schiff aufhält, während er seinen Mann sucht«.

»Wenn er einem jener beiden Männer eine Falle stellt, fängt er ihn nicht so bald; diese beiden sind Schlangen und – – – . Die Ma­trosen kommen zurück und schütteln die Köpfe. Ich kann den Kapitän beinahe fluchen hören – – –«

»Dabei ein solch feiner Wind zur Ausfahrt. Sweetwater, mein Junge, Du bist zweifellos ein Genie! Wenn Dein Zeuge nichts wert ist, dann sollst Du diesen Streich nicht so bald vergessen!«

»Es scheint, als ob sie lossegeln, ohne ihm Zeit zu geben, ans Land zu kommen«, sagte Frederick mit leiser Stimme, die seinem Vater höchst gezwungen vorkam.

»So ist es!« rief Knapp. »Hier gehen die Segel auf! Der Steuermann dreht das Rad und – – – Dr. Talbot, wollen Sie Ihren schlauen Amateur-Detektiv und seinen wichtigen Zeugen so entschlüpfen lassen?«

»Was kann ich machen?« entgegnete dieser, selbst überrascht von dem Geschehenen. »Ich kann von hier aus nicht rufen und außerdem würden sie auch nicht auf mich hören. Das Schiff ist bereits unterwegs. Wir müssen eben warten, bis der Lootse zurück kommt, der jedenfalls Sweetwater mitbringt«.

Mr. Sutherland ging vom Fenster zur Türe, wie im Traum. Frederick, der ihn gehen sah, wollte ihm folgen; er besann sich indes anders, wandte sich zum ersten Male an Knapp und sagte ruhig:

»Eine sehr aufregende Geschichte, ohne Zweifel. Ich glaube indes, daß Ihr Urteil über diesen Sweetwater richtig ist: er möchte gerne von sich reden machen. Ich glaube nicht, daß er einen Zeugen an Bord suchte und wenn er es tat, so war dies ein solcher, der nur in seiner Einbildung besteht. Sie werden ihn kleinlaut zurückkommen sehen, mit einer schwulstigen Ausrede von verwechselter Identität oder dergleichen«.

»Ich denke, ich kann von jetzt ab die Angelegenheit als ausschließlich in meinen Händen liegend betrachten«, entgegnete Knapp mit einem Achselzucken, das Sweetwater so völlig aus seiner Berechnung entließ, als sei er nie gewesen. Dann entfernte er sich, während Frederick sich höflich gegen Dr. Talbot verbeugend, zu diesem sagte:

»Falls Sie mich als Zeugen wünschen, Dr. Talbot, um bei der Untersuchung über das Testament auszusagen, verfügen Sie über mich. Meine Aussage kann allerdings in den einen Satz zusammengefaßt werden: »Ich habe diese Erbschaft nicht erwartet und kann keine Erklärung darüber geben, weshalb mir das Geld hinterlassen ward«. Durch diese Hinterlassenschaft indes fühle ich mich solidarisch mit Mrs. Webb und werde mit großem Interesse dem Verhör folgen, das Sie, wie ich höre, morgen beginnen. Falls es einen Schuldigen gibt, werde ich der Gerechtigkeit nicht im Wege stehen«.

Während Dr. Talbots Gesicht noch immer die Verlegenheit sehen ließ, welche dieser letzte Satz in ihm erregt hatte – dachte er doch noch immer an Amabel als die Schuldige – reichte Frederick seinem Vater den Arm und verließ mit ihm das Zimmer.

Sie sprachen kein Wort; jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Erst als die See frei vor Ihnen lag und sie weit draußen am Horizont das stolze, nach Brasilien segelnde Schiff sahen, sagte Mr. Sutherland, mit einem bezeichnenden Blick nach dem Segler:

»Der junge Mann, welcher so unerwartet davonfuhr, wird nicht mit dem Lootsen zurückkommen!«

War der Seufzer, der Frederick entschlüpfte und der seine einzige Antwort bildete, ein Ausdruck der Erleichterung? Fast schien es so.


XXIV.
Im Schatten des Mastes.

Mr. Sutherland hatte recht: Sweetwater kehrte nicht mit dem Lootsen zurück. Wie der letztere behauptete, befand sich Sweetwater überhaupt nicht an Bord des Schiffes, obwohl niemand ihn das Schiff verlassen gesehen hatte. Doch das Schiff war von unten bis oben durchsucht worden und man nahm an Bord allgemein an, daß Sweetwater das Land erreicht habe, ehe das Schiff unter Segel ging. Der Lootse war sehr überrascht, als er hörte, dies sei nicht der Fall und gleicherweise waren es Sweetwaters Freunde, mit Ausnahme eines gewissen alten Mannes und des Detektiven Knapp, der hochmütig erklärte:

»Sweetwater ist ein Windbeutel. Er dachte, er könne einen Detektiv von Beruf ersetzen und als er merkte, daß man ihn durchschaute, drückte er sich langsam um die Ecke. Passen Sie auf, man wird aus Brasilien von ihm hören«.

Diese Ansicht fand allgemein Glauben und innerhalb weniger Stunden war Sweetwater vollständig vergessen, ausgenommen bei seiner Mutter, deren Herz voller Sorgen war, und Mr. Sutherland, dessen Dankbarkeit keine Grenzen kannte.

Wo war indes Sweetwater, daß er weder an Land noch an Bord des Schiffes gefunden werden konnte?

Von Jugend her gewohnt, auf den Schiffen im Hafen herum zu klettern, kannte er gerade die Hesper so gut, als das Haus seiner Mutter. Um so überraschter waren die Matrosen, als sie später – der Lootse hatte längst das Schiff verlassen – den jungen Mann im Frachtraum unter einer Kiste fanden, die halb über ihm lag. Er war bewußtlos oder schien wenigstens so und zeigte, nach oben gebracht, alle Anzeichen innerer Verletzung.

Doch seine Augen glänzten und er schien äußerst ruhig für einen Mann, der so unerwartet und mit kaum einigen Dollars in der Tasche einem fremden, fernen Lande zugeführt wird und der wohl gar arbeiten muß, sich die tägliche Kost zu verdienen. Sogar dem Kapitän fiel dies auf und er schaute den jungen Mann verdächtig an. Dieser indes fand sich schnell in seine neue Rolle, zeigte solche Enttäuschung und Entmutigung, solche Sehnsucht nach Hause und Bedauern über sein Verhängnis, daß der alte Seemann bald seinen Verdacht vergaß, ihm eine Hängematte gab und ihm Essen reichen ließ. Gleichzeitig ließ er ihm sagen, daß er Hand anlegen müsse, sobald seine Gesundheit dies erlaube und daß er dann dieselbe Behandlung erfahre, wie andere Ueberläufer und blinde Passagiere.

Dies konnte vielleicht andere schrecken, aber nicht Sweetwater. Er hatte selbst das kaum erwartet, als er all seine Ersparnisse zu Hause ließ und nur mit wenigem Geld in der Tasche seinen Vorsatz ausführte. Er hatte aus Liebe und Dankbarkeit für Mr. Sutherland es unternommen, Frederick von einem gefährlichen Zeugen zu befreien und er fühlte sich stark genug, seinen Vorsatz auszuführen, ja mehr als das, er war glücklich, seine Sache so gut gemacht zu haben.

Dann dachte er an seine Mutter. Wie würde sie seine Abwesenheit ertragen? Würde sie nicht um ihn besorgt sein und wie lange würde es wohl dauern, ehe er ihr ein Lebenszeichen zukommen lassen konnte? Sollte er sein Vorhaben ganz ausführen und Mr. Sutherland von wirklichem Nutzen sein wollen, so mußte er mindestens so lange verborgen bleiben, bis die öffentliche Meinung über den Fall Webb sich beruhigt und man seine Beteiligung daran vergessen habe. Darüber konnten vielleicht Jahre hingehen! Und seine Mutter – – – – –

An sich selbst dachte er nicht.

Bei Sonnenuntergang ging er auf Deck. Es war ein ruhiger Abend. Die Wellen brachen sich in langen Zügen; von Süden her blies ein sanfter Wind, während sich im Westen ein Unwetter anzusammeln schien. Die frische Luft stärkte ihn und machte seine Brust sich heben. Er suchte eine einsame Stelle und setzte sich nieder, seinen Gedanken nachzuhängen.

War er wirklich so unbedeutend, daß seine Mitbürger ihn so bald vergessen sollten? Würden sie, trotz seines wohlangelegten Planes, seine Flucht ahnen und seine Rückkehr verlangen? Oder durfte er entweichen, wie der weiße Schaum auf dem Kamme der Wellen? Er hatte gesagt, er würde einen Zeugen bringen! Würden sie seinen Worten Glauben schenken und einen Detektiv nachschicken, oder würden sie seine Aussage als das ansehen, was sie in Wirklichkeit nur war und ihre Untersuchung fortsetzen, froh, eines aufdringlichen Helfers ledig zu sein?

Dann wanderten seine Gedanken zu Amabel und ihrer offenen Verachtung für ihn, zu Frederick, der nie wissen würde, welches Opfer er für ihn gebracht und was dies Opfer ihn kostete, der nun ein neues Leben beginnen könne, frei und ledig von allem Verdacht.

Es ward dunkler und dunkler. Sweetwater ließ seinen Kopf auf das Geländer sinken, an das er sich lehnte und bald glich er nur einem unbeweglichen Schatten im Kreise anderer Schatten, die ihn deckten.

Plötzlich richtete er sich auf; zwei Männer näherten sich ihm, von denen der eine nur Spanisch sprach, der andere Englisch. Das letztere konnte Sweetwater wohl verstehen, doch nicht das erstere. Indes war diese halbe Unterhaltung interessant genug, um ihn aufmerksam lauschen zu lassen. Der englisch Sprechende begann zuerst:

»Soll es heute Nacht sein?«

Die Antwort kam in Spanisch.

»Er ist hier«, sagte die englische Stimme; ich sah ihn deutlich am zweiten Mast vorüber gehen«.

Wieder spanisch, dann englisch.

»Du kannst, wenn Du willst. Mir ists aber nicht geheuer, solange er an Bord ist. Bist Du sicher, es ist der Mann, der uns auflauert?«

Eine Flut von spanischen Worten, von denen Sweetwater nichts verstand, dann wieder die englische Stimme, langsam und zischend:

»Gut! Die R. F. A. sollte aber für solche Arbeit einen hohen Preis zahlen – – –«

Hastiges Flüstern und die Stimme fuhr fort:

»Das genügt! Ich schicke ein Dutzend Männer für den halben Betrag zum Meeresgrund! Was ist das? Dort paßt uns Einer auf! Wenn er uns gehört hätte – – –«

Sweetwater sah zwei verzweifelte Gesellen auf sich zukommen. Er wollte rufen, doch seine Stimme versagte. Im nächsten Augenblicke durchsauste er die Luft und flog in weitem Bogen hinab in die kalte See.

Die beiden Männer hatten ihn über Bord geworfen.


XXV.
In höchster Not.

Sweetwaters einziger Gedanke, als er untersank, war: »Jetzt braucht Mr. Sutherland nichts mehr zu fürchten«. Doch kaum hatte ihn das Wasser wieder an die Oberfläche gebracht, als der Wunsch zu leben sich in ihm regte. Er holte mit seinen Armen aus und erfaßte eine Planke, die vor ihm schwamm. Ein Freudeschrei entfuhr seiner Brust, der aber im Brausen der Wellen und im Zischen des herannahenden Sturmes unterging.

Woher kam diese Planke? Hatten die Elenden bereits Reue empfunden und ihm diese Hilfe angedeihen lassen? Hatte ein Zufall sie ihm zugeführt, um ihn langsam einem Tode näher zu bringen, einem Tode, so schrecklich, so fürchterlich – – – –. Sollte er nie wieder das liebe Gesicht der Mutter sehen, nie wieder – – –.

Die kalte Nacht und die wogenden Wellen machten ihn erschauern und der Schrecken verwandelte seinen Atem zu hohlem Gurgeln. Er klammerte sich fest an die Planke und dachte der Geschichten, die er gelesen und gehört, wie Schiffbrüchige tagelang bis zum Wahnsinn auf der See herumgetrieben wurden, um zuletzt, vielleicht angesichts der nahen Rettung, elendig unterzugehen.

Zähneklappernd hielt er fest. Er wollte leben! Jetzt, da er dem Tode so nahe war, empfand er, welchen Reiz die Erde hatte und wie er arbeiten könne, um sich an Gottes schöner Welt zu freuen, dem blauen Himmel und der grünen Erde.

Wo war dieser blaue Himmel jetzt? Nicht jene schwarzen Wolken, dieses schreckliche Gewölke, das in wuchtigen Massen dahinflog, Dämonen gleich und ihn zu erdrücken drohte, während unten die Hölle zu tosen schien. Die Wogen spielten mit der leichten Planke und warfen sie umher, wie eine Wasserperle. Und ringsum stürmende Mitternacht! Doch er hielt, hielt fest!

Plötzlich erhellten Blitze die Nacht. Das Meer schien in Feuer getaucht. Er konnte sehen! Wenn auch nur flammenden Himmel und schäumendes Wasser, er konnte sehen und Licht bringt Hoffnung und Hoffnung kehrte bei ihm ein. Hatten nicht Andere Schwereres erlitten und sie lebten, um es zu berichten? Konnte er selbst nicht auch leben? Er brauchte nur zu wollen und Wille und Mut besaß er. Wie hätte er sonst Haus und Heim verlassen, besäße er nicht Willen und Mut? Konnte er nur bis Tagesanbruch festhalten, dann würde auch Hilfe kommen. Er war ins Wasser geworfen worden, als er kaum zwanzig Stunden unterwegs war; er mußte also in der Nähe des Kap Cod umhertreiben und zwar in direkter Linie zwischen New-York und Boston. Nässer als er war, konnte er nicht werden und die Planke kann nicht untergehen. Treibt der Sturm sie weiter, kommt sie nur näher ans Land. Nur festhalten! Wenn er nur halten kann! Und das wird er, selbst im halb bewußtlosen Zustande, in den er ab und zu verfiel. Doch wäre es nicht besser für Mr. Sutherland, wenn das Chaos ihn verschlänge und hinabtrüge in ein nasses Grab? Manchmal dachte er so und dann verlor er fast seinen Halt. Doch nur ein mal hätte er beinahe wirklich losgelassen und das war, als er glaubte, er hörte Lachen. Lachen inmitten des Ozeans! Inmitten des Sturmes ein Lachen! Gab es wirklich Dämone? Ja, aber nur in seiner Einbildung. Er sah ein bestrickendes Medusenhaupt und hörte aus dessen Munde ein Lachen – – – nur Amabel konnte so lachen, so falsch, so teuflisch, so triumphierend! Amabel, die vielleicht im Traum jetzt über ihn lacht und die sicher lachen würde, wenn sie wüßte, wie elend er war und welch Unglück sein gutes Herz über ihn gebracht hatte. Amabel! Der Gedanke an sie machte die Nacht dunkler, das Meer dräuender und die Zukunft weniger rosig. Und doch hielt er an der Planke, ihr zum Trotze, weil sie ihn haßte und weil er sie haßte, fast so tief, als er M. Sutherland liebte.

Das war sein letzter Gedanke für viele Stunden. Als der Morgen anbrach, hing er fast bewußtlos an der Planke. Er wußte, er mußte festhalten – weiter aber auch nichts.


XXVI.
Ein Paket.

»Ein Mann! Holt ihn ein! Laßt einen armen Menschen nicht so herumtreiben«.

Der Sprecher war ein alter, rauher Seefahrer, dessen Mannschaft eben den schwersten Sturm des Jahres hinter sich hatte. Er deutete auf unsern Freund Sweetwater, dessen Kopf noch über der Planke sichtbar war, an die er sich krampfhaft klammerte. Gleich darauf langten ein halbes Dutzend Hände nach dem Bewußtlosen und zogen ihn an Bord, das noch deutliche Spuren des nächtlichen Unwetters zeigte.

»Der Ausbund der Häßlichkeit«, rief einer der Matrosen, dem Geretteten ins Gesicht schauend. »Den hat sicher das Meer ausgespuckt; hätten wir ihn in der See gelassen, hätte er die Teufelsfische vergiftet«.

Obwohl die Andern laut lachten, arbeiteten sie doch mächtig an dem Bewußtlosen. Als dieser nach einer Weile zu sich kam, warmes Blut durch die Adern rollen fühlte, statt der nächtlichen Finsterniß den grauen Morgenhimmel und statt des Wassers festen Grund sah, da schaute er dankbar auf den Kreis der wetterfesten Matrosen, die ihn umstanden.

»Genug«, rief einer aus, »er ist raus. Alle Hand an Deck! Wenn der Wind anhält, sind wir in zwei Tagen in New Bedford. Nordwest!« rief er dem Manne am Steuer zu. »In achtundvierzig Stunden sind wir daheim bei Muttern«.

New Bedford! Das war das einzige Wort, das Sweetwater hörte. War er nicht weiter von Sutherlandtown entfernt, als das? Die Vorsehung wollte offenbar nicht, daß er entkam. Oder sollte sein Mut erprobt werden? Ein Mann, so unbedeutend, wie er, konnte selbst an einem kleinen Ort, wie New Bedford, übersehen werden. Und wenn er sich nicht zu erkennen gab, konnte er sogar ruhig in einem Städtchen ganz in der Nähe Sutherlandtowns wohnen, ohne fürchten zu müssen, als Zeuge gegen Frederick aufgerufen zu werden. Konnte er aber unentdeckt bleiben? Jedenfalls wollte er es versuchen.

»Wie heißt Du?« schrie ihm einer der Matrosen ins Ohr. »Jonathan Briggs«, murmelte Sweetwater. »Im Sturm gestern Nacht ward ich über Bord gespült«.

»Von welchem Schiff?«

»Proserpine«. Er nannte den ersten Namen, der ihm einfiel.

»Oh, ich dachte, es wäre vielleicht die Hesper gewesen; sie ist gestern Nacht hier herum gescheitert«.

»Gescheitert? Die Hesper?« Das Blut schoß ihm jetzt durch die Adern.

»Ja, wir haben eben die Namensplanke aufgefischt, kurz ehe wir Dich landeten«.

Gescheitert! Das Schiff, aus dem er so unmenschlich ins Meer geworfen worden war, gescheitert! Und vielleicht kein Mann gerettet! Das war Gottes Hand, die ihn geschützt!

»Es war die Hesper, auf der ich gesegelt bin. Mein Kopf ist noch nicht recht klar – – – meine erste Reise machte ich auf der Proserpine. Gott sei Dank für die Welle, die mich über Bord trug!«

Er schien unzusammenhängend zu reden und ließen die Matrosen ihn daher eine Weile allein. Als sie zurückkamen, hatte er sich eine Geschichte zurechtgelegt, die er ihnen erzählte.

Bald war Land gesichtet und da ihr ungesetzliches Geschäft, das sie in diese Gewässer führte, ihnen nicht erlaubte, Sweetwater länger mit sich zu führen, so beschlossen die Matrosen, ihn ans Land zu setzen. Sie bedauerten nur, daß er so wenig Geld bei sich hatte, nahmen seinen nassen Anzug, bekleideten ihn dafür mit alten Lappen und ließen ihn dann allein.

So erkannte ihn sicher Niemand; so konnte er wirklich Jonathan Briggs vorstellen. Wer war überhaupt Jonathan Briggs? Und wie sollte er seinen Lebensunterhalt verdienen?

Am Abend des zweiten Tages ließen sie ihn auf dem Wege zu ihrem geheimen Landungsplatz im Vorüberfahren aufs Dock springen.

Als er dastand und wieder festes Land unter sich fühlte, atmete er tief auf. Hier war er nun, allein in der Welt, ohne Freund, ohne Heim, ohne Geld. Sollte er sich nach rechts wenden oder zur Linken, zur Stadt gehen oder sein Glück in einer der rauchigen Musikhallen versuchen, die er vor sich sah? Seine Aussichten auf eine gute Mahlzeit waren sehr schlimme, falls er nicht eines seiner drei Talente in Anwendung bringen konnte, und dazu brauchte er entweder eine Violine zum Spielen, eine Hobelbank zum Arbeiten oder einen Auftrag, Detektiv-Arbeit zu verrichten. Das letztere verwarf er sofort: würde es ihn doch mit der Polizei in Berührung bringen, etwas, das er unter allen Umständen vermeiden wollte. Er mußte also als Geiger oder Schreiner sich etwas verdienen und das war ihm schwer in seinem gegenwärtigen Zustand und Anzug. Diese Schwierigkeiten schreckten ihn aber nicht. Aus Liebe zu einem guten Manne hatte er es übernommen, seine Identität zu verlieren; das war ihm gelungen und nun sollte er hadern, daß er deswegen ein oder zwei Tage hungern mußte? Nein! Amabel mag über ihn lachen, während er mitten im Meere mit den Fluten kämpft. Ob sie aber auch jetzt lachen würde? Kaum! Sie gehörte zu denen, die oft selbst hungern, wenn sie alt sind und solche Gedanken machen sie vielleicht empfindsam für ihre Mitmenschen . . .

Vor einem kleinen Mädchen, das auf einer verfallenen Treppe saß, hielt er an; er wollte sehen, was unschuldige Kinderaugen in solchem Aufzuge von ihm denken. Nichts Schlimmes, wie es schien; lachte sie ihn doch an und ging nur zur Seite, um ihn vorübergehen zu lassen, da der Steg für Beide zu eng war.

Etwas beruhigt ging er weiter und schaute hierhin und dorthin, ob er nicht Arbeit finden könnte.

Plötzlich hielt er an. Eine Marktfrau hatte einen Wortwechsel mit einem Austernhändler bekommen, wobei ihr Stand umgeworfen worden war und ihre Waaren weithin am Boden rollten. Sweetwater richtete den Stand auf, las die Waaren auf und erhielt als Dank zwei Äpfel und einen roten Häring, den er zu Hause keinem Hunde zugeworfen hätte. Doch er war hungrig und nie im Leben hatte ihm ein Mahl so gut gemundet, als diese beiden Aepfel und der rote Häring. Frisch gestärkt ging er weiter; jetzt konnte er arbeiten und sich ein Nachtlager verdienen.

Als er durch eine enge Straße ging, blies der Wind ihm einen Schleier in die Hände und als er aufschaute, bemerkte er eine Dame, welche heftig gestikulierte und in die Ferne deutete.

»Laufen Sie dem Manne dort nach«, rief sie, »dem Manne mit dem langen schwarzen Rock, der eben die Straße dort hinaufgeht! Sagen Sie ihm, das Telegramm sei eben gekommen. Laufen Sie! Schnell, ehe er um die Ecke biegt! Er wird Sie bezahlen! Laufen Sie!«

Froh, Aussicht auf einen kleinen Verdienst zu haben, rannte Sweetwater die Straße hinab, dem bezeichneten Manne nach.

»Eine Dame dort unten sagte mir, ich solle Sie rufen und Ihnen sagen, das Telegramm sei eben angekommen. Sie sagte mir auch«, setzte er hinzu, als er bemerkte, wie der Fremde hastig davon laufen wollte, ohne ihn für seinen Gang zu entschädigen, »daß Sie mich für das Laufen bezahlen würden. Ich bin tüchtig gelaufen und – brauche das Geld«.

In Gedanken versunken, griff der Fremde in die Tasche, zog ein Geldstück heraus und gab es Sweetwater; dann ging er eilig davon. Die Nachricht war offenbar wichtig. Erstaunt starrte Sweetwater das Geld an. Der Mann hatte ihm ein Fünf-Dollar-Goldstück gegeben, statt eines Nickels, den er erwartet hatte! So nötig er das Geld auch brauchte, so wollte er doch eines Anderen Irrtum nicht ausbeuten. Er lief dem Manne daher schnell nach und holte ihn eben ein, als er die Haustüre öffnen wollte.

»Entschuldigen Sie, Sie müssen sich geirrt haben. Sie gaben mir fünf Dollar statt eines Fünf-Cent-Stückes. Hier ist das Geld«.

Der Mann, der nicht aussah, als ob Mitleid eine seiner Tugenden wäre, schaute auf das Geld in der offenen Hand, dann auf das Gesicht, das so dürftig ausschaute, als ob ihm das Geld sehr nötig wäre und sagte dann, ohne das Geldstück zurückzunehmen:

»Du bist ein ehrlicher Kerl. Willst Du das Geld verdienen?«

»Ob ich will!« entgegnete Sweetwater, wobei ein Lächeln sein Gesicht verklärte.

Der Fremde schaute ihn einen Augenblick durchdringend an und sagte dann:

»Komm mit!«

Sie gingen ins Haus, stiegen eine oder zwei Treppen empor und hielten vor einer Türe, die angelehnt stand.

»Warte hier, bis ich Dich rufe«, sagte der Fremde. Ich will nur mit der Dame hier drinnen sprechen.

Sweetwater wartete, wobei nichts seinen scharfen Blicken entging. Der Herr, der die Türe weit offen stehen ließ, trat zu der jungen Dame – offenbar dieselbe, welche ihm vorhin zugerufen – und sprach eindringlich mit ihr. Sie hielt ein Telegramm in der Hand, das sie ihm zeigte. Sie flüsterten und schauten wiederholt nach Sweetwater hin. Endlich ging sie ins Nebenzimmer und brachte ein kleines Paket, das sie dem Fremden einhändigte; wieder Flüstern und bezeichnende Blicke, dann kam der Mann auf Sweetwater zu und legte das Paket in seine Hände.

»Dies Paket bringst Du ins Rathaus«, sagte er. »Im zweiten Zimmer rechts, gleich wenn Du eintrittst, siehst Du einen Tisch, von Stühlen umgeben, die um diese Stunde leer sein werden. Am Kopfe dieses Tisches steht ein Armstuhl. Auf den Platz vor dem Armstuhl legst Du dies Paket. Wohl verstanden: direkt vor den Armstuhl auf den Tisch und nicht zu weit von der Kante entfernt. Dann verläßt Du das Zimmer. Sollte Dich jemand sehen, so sagst Du, Du hättest Papiere für Mr. Gifford gebracht. Besorge das richtig und die fünf Dollars sollen Dein sein und Dank dazu«.

Sweetwater zögerte. Es war etwas in dem Benehmen der Beiden, das ihm nicht gefiel.

»Zögern Sie nicht so lange«, rief die Dame ungeduldig und schaute auf die Uhr.

»Mr. Gifford wartet auf die Papiere«.

Sweetwater drückte mit den Fingern auf das Paket; es fühlte sich nicht an wie Papiere.

»Willst Du's besorgen oder nicht?« fragte der Mann.

Sweetwater schaute ihn an und lächelte.

»Gute Bezahlung für solch leichte Arbeit«, sagte er, das Paket hin und her drehend.

»Dafür soll sie sofort ausgeführt werden und genau, nach Instruktion«, entgegnete der Mann. »Ich zahle für Deine Zuverlässigkeit. Gehe jetzt«.

Sweetwater wandte sich zum Gehen. Vielleicht wars doch recht und das Geld ehrlich verdient. Beim Betreten der Treppe stolperte er; die Stiefel paßten ihm nicht.

»Sind Sie vorsichtig!« schrie die Dame erschreckt, während der Mann eiligst ins Zimmer sprang. Wenn Sie das Paket fallen lassen, beschädigen Sie dessen Inhalt! Tragen Sie es vorsichtig!«

So, so! Und eben sagten sie, das Paket enthalte Papiere!

Sweetwater eilte die Treppe hinab, auf die Straße. Das Rathaus konnte er leicht finden – doch seine Aufgabe war nicht so leicht zu lösen. Konnte er das Geld verdienen, ohne das Paket, wie aufgetragen, abzuliefern? Oder konnte er es abliefern, ohne Risiko für den Empfänger und doch auch dem Auftraggeber gerecht werden, dessen Geld er redlich verdienen wollte?

Die erste Frage beantwortete sein Gewissen sofort mit Nein. Die zweite ließ sich nicht so leicht abmachen, denn es drängte sich ihm eine andere Frage auf: weshalb dachte er, daß der Auftrag ein außergewöhnlicher wäre?

Dies war leicht zu beantworten:

1. Die Bezahlung war zu hoch im Verhältnis zu der leichten Arbeit – wenn das Hinstellen des Paketes auf Mr. Giffords Platz und in einer bestimmten Lage wirklich nicht von besonderer Wichtigkeit war.

2. Die Dame, obwohl einfach gekleidet, sah mehr einer Abenteuerin ähnlich, als einer achtbaren Frau und auch der Mann machte auf den ersten Blick den Eindruck eines Menschen, dessen Gesellschaft man nicht sucht.

3. Sie schienen nicht regelmäßige Bewohner des Hauses oder der Zimmer zu sein, darinnen sie standen. Kein Koffer da, keine Kleider, nichts im Zimmer, das von Frauenhänden zeugt, selbst zum kurzen Aufenthalt; nichts als das notwendigste Möbel. Sie wohnten also offenbar nur vorübergehend dort und vielleicht schon im Begriff, Haus und Stadt zu verlassen. War dem so, dann würden sie ihm folgen, deß war er sicher. Er selbst hatte oft schon Leute »beschattet« und er empfand, daß er unter Aufsicht stand! Er mußte also weitergehen und tat so, so gut seine Unkenntnis der Lokalitäten es ihm gestattete. Er wollte sein Geld verdienen – aber ohne Jemanden zu schädigen. Und er glaubte, einen Ausweg gefunden zu haben!

Am Eingange des Rathauses hielt er an. Ein Polizist stand unter der Türe. Es wäre sehr einfach gewesen, die Aufmerksamkeit dieses Mannes auf das Paket zu lenken; doch das würde ihn mit der Polizei in Berührung bringen, etwas, das er unter allen Umständen vermeiden wollte. Dieser Plan war also unausführbar. Er mischte sich unter die Menschen in der Halle, fand die bezeichnete Türe und das Zimmer und sah, daß es, wie erwartet, leer war. Er trat ein, legte das Paket genau wie vorgeschrieben auf Mr. Giffords Platz, schaute sich hastig um und da er Niemanden in der Nähe sah, ergriff er einen daliegenden Bleistift und schrieb mit großen deutlichen Buchstaben auf das Paket: Verdächtig! War das Paket wirklich gefährlich, diente das Wort Mr. Gifford als Warnung; war es nicht, so konnte der Empfänger es als einen Witz betrachten und der Sender gleicherweise. So hatte er sein Geld redlich verdient, den Auftrag pünktlich ausgeführt und den Empfänger gewarnt.

Dann zog er sich hastig zurück.

Wieder war die Halle mit Menschen angefüllt. Doch nur zwei erregten seine Aufmerksamkeit: der eine groß, mit klugen Augen, der eben das Zimmer betrat, aus dem er eben gekommen, der andere klein, mit Zügen, die er seit seiner frühesten Jugend kannte. Mr. Stone von Sutherlandtown war keine fünf Schritte von ihm entfernt und der Postmeister kannte ihn ebenso gut, als er den Postmeister!

Schnell eilte er den Gang hinunter, dem hinteren Ausgange zu. Er schaute sich noch einmal um – Gott sei Dank, er war nicht erkannt worden – und rannte eben aus dem Tore, als er fast einen Mann umstieß, der draußen an eine Säule lehnte.

»Halloh!« rief der Mann, worauf Sweetwater stille stand.


XXVII.
Ein Stückchen Papier und drei Worte.

»Was machen Sie hier? Weshalb werfen Sie einen Menschen beinahe um? Sind Sie betrunken?«

Sweetwater richtete sich auf, machte eine linkische Verbeugung und stammelte verlegen:

»Entschuldigen Sie – ich bin in Eile – ich bin ein Botengänger –«

Der andere, der es nicht sehr eilig hatte, schien Sweetwater etwas zurückhalten zu wollen. Er war seinem Blick begegnet, der offenbar Eindruck auf ihn gemacht hatte.

»Ein Botengänger, was? Haben wohl jetzt einen Gang zu besorgen?«

Sweetwater, der gerne aus dem Bereich von Mr. Stone kommen wollte, zuckte verneinend die Schultern und versuchte, an dem Fremden vorbei zu gehen.

»Wissen Sie«, sagte der, »daß mir Ihre Augen gefallen? Eine Schönheit sind Sie gerade nicht, doch Sie sehen aus, wie ein Mann, der hält, was er verspricht«

Sweetwater konnte seinen Stolz nicht verbergen. Er war stets ein Ehrenmann gewesen, nur hatte man es nie so offen anerkannt.

»Ich habe soeben fünf Dollars erhalten für einen Auftrag, den ich nach der Instruktion ausführte«, erklärte Sweetwater, den Fremden offen anschauend. »Sehen Sie, und es ist ehrlich verdient«.

Der Fremde schaute fast enttäuscht auf das Geld und sagte dann leichthin:

»So, so, dann herrscht ja für eine zeitlang Flut und Sie brauchen keine weitere Arbeit«.

»Was das betrifft, entgegnete Sweetwater, langsam die Straße hinab gehend, »bin ich immer zu haben. Fünf Dollars halten nicht ewig und ich brauche einen neuen Anzug«.

»Offenbar«, sagte der Fremde, neben ihm hergehend. »Wollen Sie nach Boston fahren?«

Boston! Wieder ein Stück näher der Heimat!

»Nein«, entgegnete Sweetwater zögernd, »und sicher nicht, wenn nichts ordentliches dabei herauskommt. Soll die Reise heute gemacht werden?«

»Sofort, das heißt heute Abend. Der Auftrag erfordert aber Geduld und mehr oder weniger Schlauheit. Besitzen sie diese Eigenschaften, mein Freund? Ihren Kleidern nach zu urteilen, sollte man es nicht annehmen«.

»Meinen Kleidern nach zu urteilen!« lachte Sweetwater. »Ich weiß, es nimmt Geduld, sie zu tragen und was die Schlauheit der Auswahl anbetrifft, so will ich nur bemerken, daß ich sie nicht selbst auswählte. Sie sind mir ganz unverhofft, quasi als Erbschaft von Freunden zugefallen. Sie sollen einmal sehen, wie schnell ich eine Aenderung treffe, wenn Sie mir Gelegenheit geben, einen Zehner zu verdienen«.

»Ah, also zehn Dollar wollen Sie. Nun, kommen Sie hier herein, lassen Sie uns ein Glas Bier trinken und wir wollen sehen, was wir tun können«.

Es war eine rauchige Spelunke, vor der sie eben standen. Sweetwater wunderte sich, daß ein so gut gekleideter Herr ein solches Lokal betrete, doch sagte er nichts.

»Passen Sie auf«, begann der Fremde, sich an einen schmutzigen Tisch in einer dunkeln Ecke setzend und Sweetwater einladend, Platz zu nehmen. »Ich habe den ganzen Tag nach einem Manne umgeschaut, den ich nach Boston schicken kann und ich glaube, Sie sind der richtige. Sie kennen Boston?«

Trotz seiner großen Selbstbeherrschung konnte Sweetwater es nicht verhindern, daß ihm die Frage das Blut in die Wangen trieb. Da es aber in der Ecke, wo sie saßen, finster war, bemerkte der Fremde seine Verlegenheit nicht.

»Ich war einmal dort« entgegnete Sweetwater.

»Gut, dann werden Sie heute Abend wieder hingehen. Sie kommen etwa um sieben Uhr an; dann besuchen Sie mehrere Lokale, die ich Ihnen aufschreibe und wenn Sie einen gewissen Herrn treffen, den ich Ihnen genau beschreiben werde, dann geben Sie ihm – – –«

»Doch kein Paket?« rief Sweetwater, der erschreckt an seinen ersten Auftrag dachte.

»Nein, nur ein Stückchen Papier, darauf zwei Worte stehen. Er wird Sie nach einem dritten Worte fragen, doch das sagen Sie ihm erst, wenn er Ihnen ihre zehn Dollars gegeben hat. Er wird sie Ihnen geben«, setzte er auf einen fragenden Blick Sweetwaters hinzu.

Sweetwater war überzeugt, daß er einen anderen verdächtigen Auftrag ausführen sollte. »Sehe ich wie ein Spitzbube aus?« fragte er sich. Doch er ließ sich nichts anmerken, sondern bemerkte nur:

»Zehn Dollars ist ziemlich wenig für solch ein Geschäft. Das ist mindestens fünfundzwanzig wert, sollte ich meinen«.

»Gut, er soll Ihnen fünfundzwanzig Dollars geben. Ich übersah, daß zehn Dollars wirklich etwas wenig ist für solch eine Reise«.

»Fünfundzwanzig Dollars, wenn ich ihn finde und er zufällig bei Kasse ist. Wenn ich ihn aber nicht finde?«

»Dann nichts«.

»Nichts?«

»Nur Ihr Billet, das gebe ich Ihnen«.

Sweetwater wußte nicht gleich, was er antworten sollte. Wie der vorhergehende Auftrag konnte auch dieser unschuldiger Art sein, vielleicht auch nicht. Außerdem lag ihm auch nicht daran nach Boston zu fahren, woselbst er so viele Freunde hatte.

»Der Auftrag hat weiter gar nichts auf sich«, sagte der Fremde lässig und schob Sweetwater ein Glas Schnaps hin, das der Kellner eben gebracht hatte. »Könnte ich abkommen, würde ich selbst reisen; ich kann aber New Bedford heute Abend nicht verlassen. Kommen Sie! Die Sache ist ein reines Kinderspiel«.

»Vorhin sagten Sie anders«, brummte Sweetwater. »Doch ganz egal: ich reise. Brauche ich andere Kleider?«

»Ich würde mir neue Hosen anschaffen; das Uebrige können Sie ja in Boston kaufen. Je weniger Sie auffallen, desto besser«.

Das paßte Sweetwater vollkommen und so fragte er:

»Wann geht der Zug?«

Der Fremde gab ihm die gewünschte Auskunft.

»Gut, dann habe ich gerade Zeit, einige Kleinigkeiten zu kaufen. Und nun Ihre Instruktionen«.

Der Fremde gab ihm ein Stück Papier, darauf vier Adressen standen.

»Sie finden meinen Mann an einem der vier Plätze. Er ist ein schöner, großer Herr, mit rotem Haar und einem Schnurbart, wie der Teufel. Er ist krank und trägt die linke Hand in einer Schlinge. Er kann aber trotzdem Karten spielen und Sie werden ihn wahrscheinlich beim Kartenspiel finden und dazu in guter Gesellschaft. Sie müssen vorsichtig sein und ihn allein sprechen. Hat er erst diesen Zettel gelesen, dann ist das Weitere leicht. Er weiß, was diese beiden Worte bedeuten und das dritte, das fünfundzwanzig Dollars für Sie wert ist, heißt Frederick«.

Sweetwater fuhr bei Nennung dieses Namens so zusammen, daß er sein Glas umwarf.

»Ich hoffe, ich vergesse den Namen nicht«, sagte er leichthin, um seine Erregung zu verbergen.

»Wenn Sie ihn vergessen, bekommen Sie das Geld nicht«, entgegnete der andere, sein Glas austrinkend.

Sweetwater lachte, sagte, daß er sich auf sein Gedächtnis verlassen könne und stand auf.

Eine halbe Stunde nachher war er am Bahnhof und fünfzehn Minuten darauf auf dem Wege nach Boston.

Er fürchtete nur Eines: daß Mr. Stone vielleicht mit demselben Zuge nach Boston fahre. Als diese Furcht erst geschwunden, legte er sich gemächlich in seinen Sitz zurück und zum ersten Male in zwölf Stunden fragte er sich, wer er eigentlich war und was er tat? Abenteuer folgte so schnell auf Abenteuer, daß er sich kaum recht erinnern konnte, wie Alles gekommen und was Alles geschehen. Würde er je erfahren, was das Paket, das er abgeliefert, enthalten und was die Folgen waren? Und nun dieser neue Auftrag! Hing er mit dem ersten zusammen oder war es nur ein Zufall, daß er zur rechten Zeit, am rechten Ort auf den rechten Mann rannte? Fast glaubte er so. Aber wie seltsam, daß in einer so kleinen Stadt wie New Bedford ein geheimer Auftrag dem andern folgte und ihn von einer Stelle zur andern brachte, immer näher dem Orte zu, den er am wenigsten zu betreten erwartete und am meisten zu fürchten hatte. Doch was hilft alles Nachdenken? War es das Schicksal, das so mit ihm spielte, dann gab es kein Entrinnen und war es Zufall, dann konnte derselbe Zufall ihn wieder anderswohin verschlagen. Wie dem auch sei – – –

Sweetwater schlief ein und als er erwachte, befand er sich in Boston.

Zuerst sah er sich nach den vier Adressen um und war erstaunt, zu hören, daß alle im feinsten Stadtviertel lagen. Zwei davon waren die Namen der ersten Club-Häuser, die dritte ein erstklassiges Hotel und die vierte ein Privathaus an Commonwealth Avenue. Und er selbst schaute aus wie ein Bettler oder doch beinahe so!

»Ein sonderbarer Bote für einen solchen Auftrag«, dachte Sweetwater. »Weshalb der Mann gerade einen so schäbigen Menschen aussuchte? Muß wohl einen besonderen Grund haben! Ob er wohl im Stillen hoffte, daß sein Auftrag mißlingt? Kaum. Er sah ziemlich ruhig aus, als ich abfuhr, vollständig gleichgiltig und kein bischen nervös. Ob ich selbst am Ende der geleimte bin? Weshalb hätte er aber meine Fahrt bezahlen sollen? Sicher nicht meines schönen Gesichtes wegen. Dann aus selbstsüchtigen Gründen. Welches können diese Gründe sein? Das werde ich bald ausfinden, sobald ich erst den rothaarigen Adonis gefunden, der Karten spielt und einen Arm in der Schlinge trägt«.

Im ersten Klub-Haus fand er ohne Schwierigkeit Eingang. Er trat in die Halle, unterhielt sich mit dem Portier und hatte bald erfahren, daß der Mann, den er suchte, heute Abend nicht erwartet werde. Er erfuhr auch seinen Namen; er hieß Kapitän Wattles, ein Name, den jedermann gut zu kennen schien und der offenbar eine bedeutende Rolle in diesem aristokratischen Klub spielte.

Nun ging er zum zweiten Klub-Haus und fragte kurzweg nach Kapitän Wattles. Kapitän Wattles war noch nicht gekommen. Jetzt ging Sweetwater nach dem Restaurant; doch auch dort war der Gesuchte nicht. Als er fortging, begegnete er zwei Männern, von denen er den einen sagen hörte:

»Krank, sagst Du? Ich dachte, Wattles wäre von Eisen?«

»Das war er auch, ehe er seinen Arm gebrochen. Jetzt macht ihn jede Kleinigkeit nervös. Er ist unten bei Haberstows und – – – –«

Die Türe schlug zu und Sweetwater hörte das Ende des Satzes nicht. Kapitän Wattles bei Haberstows! Was ist Haberstow? Wo ist Haberstow? Schnell entschlossen ging er den beiden Männern nach und sprach den einen an, den er über Wattles sprechen hörte.

»Sie sprachen eben von Kapitän Wattles. Ich suche den Kapitän. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finden kann?«

Er erhielt nicht nur keine Antwort auf seine Frage, sondern auch die kurze Anweisung, so schnell als möglich den Platz zu verlassen. Das tat

er auch und machte sich auf den Weg zur letzten Adresse.

Es war schon spät, fast zu spät, um ein fremdes Haus zu betreten. Das Haus indes, das er suchte, war erleuchtet und ein Wagen stand vor der Türe. Sweetwater sprang die große, breite Treppe hinauf, las den Namen auf dem blanken Messingschild und war nicht wenig erstaunt, darauf


Haberstow


zu lesen. Eben wollte er klingeln, als die Türe aufging und ein älterer Herr erschien, der einen jüngeren verabschiedete. Der letztere trug seinen Arm in der Schlinge und ging merkwürdig aufrecht. Der ältere Herr schien sehr erregt.

»Es bedarf keiner Entschuldigungen«, sagte der jüngere. »Die Nachtluft schadet mir nicht, danke. Ich bin nicht so krank. Wenn ich erst wieder vollkommen hergestellt bin, werden wir weiter darüber reden. Meine Empfehlung an Ihre Fräulein Tochter. Wünsche guten Abend, vielmehr gute Nacht«.

Der alte Herr verbeugte sich. Während er dies tat, sah Sweetwater für einen kurzen Augenblick ein hübsches, ängstlich-erregtes Mädchengesicht hinten in der Halle, das sofort verschwand, noch ehe der alte Herr sich aufgerichtet hatte. Mit einigen sarkastischen Worten schloß er dann die Türe.

Sweetwater lief dem jungen Manne nach und holte ihn ein, als er eben den Wagen bestiegen hatte und der Kutscher die Zügel ergriff.

»Verzeihen Sie«, sagte er, »Sie haben etwas vergessen« und als Kapitän Wattles suchend umherschaute, setzte er hinzu: »Sie haben mich vergessen«.

Der Fluch, der durch den roten Schnurrbart klang, ließ selbst Sweetwater zusammenfahren. Er hielt indes am Fenster fest und sagte leise:

»Ich komme von New Bedford mit einer Botschaft für Sie. Ich suche Sie seit zwei Stunden und habe nicht viel länger mehr Zeit. Wo kann ich Sie in einer halben Stunde finden?«

Kapitän Wattles, auf den der Name New Bedford einen sonderbaren Eindruck gemacht zu haben schien, deutete auf den Platz neben dem Kutscher und lehnte sich dann in die Polster zurück; er war offenbar nicht in bester Laune.

Sweetwater stieg auf, worauf der Wagen in schnellem Laufe dahinfuhr. Er hatte kaum ein oder zwei Fragen an den Kutscher neben ihm stellen können, als der Wagen vor einem hell erleuchteten Hause in einer schönen, weiten Straße anhielt. Kapitän Wattles stieg aus, ging an Sweetwater, der schnell von seinem Sitze gesprungen war, vorüber, als ob er gar nicht existierte und schritt in das Haus, in einer Haltung, daß sich Sweetwater so klein und unbedeutend vorkam, daß er sich fast schämte, dem Hünen mit dem Teufelskopfe zu folgen. Außerdem schien dieser in schlechter Laune zu sein und in einer Stimmung, als ob er alles zermalmen wolle, was ihm in den Weg komme. Sweetwater folgte ihm erst eine Treppe hinauf, dann noch eine, bis Kapitän Wattles vor einer kleinen Türe Halt machte und versuchte, sie mit einem Schlüssel zu öffnen. Als ihm dies nicht gleich gelang, fluchte er und stieß dann die Türe zurück, daß Sweetwater fast den Mut verlor, ihm weiter zu folgen.

Im nächsten Augenblick erhellte elektrisches Licht das Zimmer und ließ deutlich des Kapitäns mächtige Gestalt und drohende Züge sehen. Er warf wütend seinen Hut in die Ecke, seinen Mantel auf einen Stuhl und hatte offenbar ganz und gar vergessen, daß ein Fremder bei ihm im Zimmer war. Er stieß kurze Sätze aus, scharf und schneidend, die Sweetwater veranlaßten, sich zur Türe zurückzuziehen.

»Der alte Geldprotz! Willkommen als Freund, aber nicht gut genug als Schwiegersohn! Als ob ich stundenlang seinen Quatsch anhörte seiner Freundschaft wegen! Er habe gehört, daß ich Karten spiele und – – –.

Wie schön sie aussah! Ich glaube, ich könnte sie halbwegs gern haben. Und wenn ich bedenke, daß sie eine Million im Vermögen hat – – –. Verflucht! Wenn ich sie nicht mit Zustimmung ihres Vaters heiraten kann, heirate ich sie ohne dieselbe! Ich brauche das Geld und – – – Ah! Wer bist Du?«

Endlich hatte er Sweetwater bemerkt.

»Was tust Du hier und wer hat Dich eingelassen? Hinaus oder – – –«.

»Eine Mitteilung, Kapitän Wattles, eine Mitteilung aus New Bedford. Sie haben wohl vergessen, daß Sie mich herbestellten?«

Es war merkwürdig, wie sich des Erregten Zorn legte, als er Sweetwaters ruhigen Blick bemerkte und den Zettel, den er ihm entgegenhielt.

»New Bedford? Ah, wohl von Campbell. Laß sehen!« Dann nahm er den Zettel, las und schaute auf Sweetwater.

Sweetwater kannte den Inhalt des Zettels; er hatte die beiden Worte gelesen, während der Fremde in New Bedford sie geschrieben. Sie lauteten: »Ereignisse Afghanistan« und die Zahl »2000« hinter dem letzten Worte.

Kapitän Wattles nahm ein kleines Buch aus seiner Brusttasche, blätterte darin, während er halblaut die beiden Worte vor sich hinmurmelte und schrie dann Sweetwater an: »Ist das alles? Nennt er das eine Mitteilung?«

»Es gehört noch ein Wort dazu«, sagte Sweetwater ruhig, »das ich Ihnen mündlich sagen werde, sobald Sie mir fünfundzwanzig Dollars für meine Dienste bezahlt haben werden. Ich kam extra von New Bedford hierher, Ihnen diese Mitteilung zu bringen und ich glaube, ich habe das Geld redlich verdient«.

Er erwartete, einen Faustschlag zu erhalten, doch Kapitän Wattles starrte ihn nur an.

»Fünfundzwanzig Dollars«, murmelte er, in Gedanken versunken, »gut, daß ich sie habe. Und wer bist Du? Sicher keiner von Campbells Aufgelesenen«.

»Ich bin ein geheimer Agent« entgegnete Sweetwater, lächelnd, daß er solch schönen Namen für sich gefunden. »Ich überbringe Botschaften und führe Aufträge aus, die außergewöhnliche Schlauheit erfordern. Ich werde gut dafür bezahlt. Dieser Auftrag, zum Beispiel, bringt mir fünfundzwanzig Dollars ein«.

»Das hast Du mir schon einmal gesagt!« schrie der Andere. »Wie heißt das Wort?«

»Erst das Geld«, sagte Sweetwater, sicher, daß der Schlag jetzt fallen würde. Der Kapitän indes lächelte, zog mit seiner freien Hand sein Taschenbuch heraus und legte drei Scheine auf den Tisch.

»Hier« sagte er, indem er die Finger auf das Geld legte. »Jetzt das Wort«.

Sweetwater legte seine Hand auf das Geld und sagte dann:

»Frederick«.

»Ah!« rief der Kapitän, seine Hand wegnehmend und langsam im Zimmer auf und abgehend, »er ist hart! Was er sagt, tut er auch! Zweitausend Dollars! Und bald, wie ich glaube. Na, diesmal bin ich eklig in der Patsche«.

Er hatte offenbar wieder Sweetwater vergessen.

Plötzlich hielt er an.

»Ein Frederick muß dem andern aushelfen!« rief er. »Das ist der einzige Ausweg, den ich sehe!« Dann warf er sich in einen Sessel, aus dem er im nächsten Augenblicke schreiend wieder aufsprang, da er sich an seinen wehen Arm gestoßen hatte.

Sweetwater hielt es an der Zeit, sich zurückzuziehen und war eben im Begriff, die Türe zu öffnen, als ihm der Kapitän zurief:

»Halt! Ich habe vielleicht was für Dich zu tun. Geheime Agenten sind schwer zu bekommen und wer für Campbell gut genug ist, kann auch meine Geschäfte besorgen. Setz Dich! Ich werde mit Dir reden, sowie ich fertig bin«.

Sweetwater tat, wie ihm geheißen. Das Geschäft blühte; vielleicht noch ein Auftrag und wieder zu einem Frederick. Merkwürdig, wie viele Fredericks es doch auf der Welt gab!

Kapitän Wattles hatte sich in einen Sessel gelegt und schaute nachdenklich nach der Decke. Endlich nahm er ein Stück Papier und begann zu schreiben und bald war er so in seine Arbeit vertieft – bedurfte es doch der größten Anstrengung und Aufmerksamkeit, um mit der einen freien Hand alles zu bewerkstelligen – daß er für nichts anderes Aug und Ohr hatte.

Diese Gelegenheit machte sich Sweetwater zu Nutzen, das kleine Buch, in dem der Kapitän vorhin geblättert und das er in der Wut auf den Boden geworfen hatte, mit dem Fuße an sich zu ziehen, was ihm auch endlich gelang. Doch wie darin blättern, ohne daß jener es merkte? Dem angehenden Detektiv gelang auch dies und bald las er: »Ereignisse: Spiel entdeckt. Spiele richtig, bis ich Dir weiteren Wink gebe«. »Afghanistan: »Schweigegeld«. Da dem letzten Worte die Zahl 2000 folgte, bedurfte dies keiner weiteren Erklärung, wohl aber das Wort »Frederick«. Sweetwater suchte, fand es aber nicht. Daraus folgerte er, daß diese Person den beiden Männern hinlänglich bekannt war und daß dieser Frederick es war, der das Schweigegeld verlangte.

Sweetwater ließ das Buch vorsichtig zu Boden gleiten und gab ihm dann einen Stoß mit dem Fuße, daß es weit ins Zimmer flog. Kapitän Wattles hatte nichts bemerkt; er war zu sehr in seine Arbeit vertieft.

Das Briefschreiben dauerte so lange, daß Sweetwater einnickte oder wenigstens tat, als ob er schliefe und erst wieder die Augen öffnete, als der Kapitän rief:

»Heda! Sind Sie bereit, eine andere Reise zu machen?«

»Das kommt ganz darauf an«, erwiderte Sweetwater aufstehend und sich schläfrig streckend. Mir liegt die letzte noch im Magen und ich möchte lieber schlafen«.

»Wohl wegen der Bezahlung? Die werden Sie schnell genug bekommen, wenn Sie ihren Auftrag ausgeführt haben. Dieser Brief soll mir zweitausend fünfhundert Dollars bringen oder einen Check dafür. Bringen Sie mir das Geld innerhalb vierundzwanzig Stunden, sollen Sie einen runden Hunderter haben, ein nettes Geld für eine fünfstündige Reise, he? Besser, als schlafen, was? Außerdem können Sie im Zuge schlafen«.

Sweetwater stimmte all dem bei, setzte seine Mütze auf und griff nach dem Brief. Er wollte sich nicht zum Boten einer Schlechtigkeit machen lassen, war indes begierig, zu sehen, an wen der Brief adressiert war. Doch der Kapitän schien plötzlich argwöhnisch geworden zu sein.

»Dieser Brief ist nicht für den Briefkasten bestimmt«, schrie er. »Sie brachten mir eine Botschaft, die mich davor bewahrte, heute Nacht einen Narren aus mir zu machen. Sie müssen diesen Brief persönlich an seinen Bestimmungsort bringen, geben ihn eigenhändig der Person, für die er bestimmt ist und bringen die Antwort ohne Verzug. Daß es Nacht ist, braucht Sie nicht zu genieren; ehe Sie am Platze sind, ist es Tag. Können Sie nicht in des Adressaten Haus kommen, dann pfeifen Sie dreimal so, wie ich jetzt – passen Sie auf – und ein Fenster wird auffliegen. Sie haben mich gefunden, Sie werden auch den Adressaten dieses Briefes finden. Wenn sie zurückkommen, suchen Sie mich an denselben Plätzen, wie heute. Nur bei Haberstows brauchen Sie nicht nach mir zu suchen – ich werde nicht dort sein«, setzte er sarkastisch hinzu. »Und jetzt marsch, marsch! Sie müssen vor Tagesanbruch einhundert Dollars verdienen und es ist bereits nach zwei Uhr«.

Sweetwater eilte hinaus. Draußen hielt er an und schaute auf die Adresse. Der Brief war an einen Frederick adressiert, wohl den zweiten, von dem Kapitän Wattles gesprochen. Doch dieser zweite war kein Fremder für Sweetwater. Der Name auf dem Kouvert lautete: Frederick Sutherland und der Bestimmungsort: Sutherlandtown.


XXVIII.
Wer bist Du?

Der Kreis war geschlossen. Durch eine wunderbare Verkettung von Zufällen sollte Sweetwater zuletzt dem Orte zugeführt werden, den er fliehen wollte. War dies Schicksalsfügung? Fast glaubte er so und er gab es daher auf, sich länger dagegen zu sträuben.

Die Gedanken an das Mißlingen seiner Pläne wurden bald durch die freudigeren verdrängt, daß er nun wieder Caleb Sweetwater aus Sutherlandtown war und seine alte Mutter sehen durfte.

Langsam schlenderte er durch die leeren Straßen dem Bahnhofe zu.

Da dachte er an den Brief, den er bei sich trug. Was enthielt derselbe? Wie würde sein Inhalt den Empfänger berühren? Würde er ihm neue Gefahren bringen? Würde er, statt Mr. Sutherland zu helfen, Unehre über ihn bringen, nicht nur durch sein Zeugnis, sondern auch durch diesen Brief, der sicher nichts Gutes für den Mann bedeutete, von dem er fünfundzwanzig hundert Dollars erpressen sollte.

Die Angst, daß solches tatsächlich der Fall war, nahm ihn so gefangen, daß er beschloß, den Brief zu lesen und den Inhalt kennen zu lernen, ehe er die Stadt verließ. Seine Ehrlichkeit hatte zwar einen schweren Kampf mit ihm zu bestehen, doch er liebte Mr. Sutherland viel zu sehr, als daß er ihn blindlings ins Verderben rennen sollte. Er ging daher in das erste Hotel, an dem er vorüberkam, bestellte ein Zimmer und kochend heißes Wasser. Dann nahm er den Brief, hielt ihn über den heißen Dampf und hatte das Kouvert bald offen.

Der Inhalt enttäuschte ihn nur insofern, als er noch gefährlicher war als er erwartet. Kapitän Wattles war ein intimer Freund Fredericks und kannte dessen Vorleben besser, als irgend ein anderer Mann. Aus diesem Grunde und der Tatsache, daß Frederick sich zur Zeit Agatha Webbs Tod in sehr bedrängter Notlage befand, schloß der Schreiber, daß Frederick der Mörder war. Unter gewöhnlichen Umständen würde er ihm solche Kleinigkeit nicht vorwerfen, schrieb Kapitän Wattles; da er aber momentan selbst in der Patsche stecke und fünfundzwanzighundert Dollars brauche, so müßte er Frederick ersuchen, ihm vor Tagesanbruch das Verlangte zu senden, sollte er nicht am andern Tage seinen Namen in allen Zeitungen Bostons als den Mörder der armen Mrs. Webb sehen wollen. Daß sein Name bis jetzt nicht darin erschienen sei, beweise, wie vorsichtig das Verbrechen begangen worden war und es sei wohl die genannte Summe wert, das Geheimnis auch fürderhin zu bewahren.

Der Brief trug keine Unterschrift.

Sweetwater schloß das Kuvert wieder, zahlte seine Rechnung und verließ das Haus. Jetzt sah er ein, weshalb die Vorsehung ihm nicht erlaubte, das Opfer zu bringen, das er beabsichtigt hatte: ein anderer wußte um das Geheimnis und es bedurfte nur eines Wortes von ihm, das Haar zu durchschneiden, an dem das Schwert über Fredericks Haupte hing. Doch Sweetwater war bereit, auch diese Aufgabe zu lösen.

»Gelingt mirs nicht«, sagte er, »kann ich wenigstens zurückreisen mit voller Kenntnis der neuen Gefahr, die Frederick bedroht. Gelingt es mir, dann reise ich erst recht. Es ist zwecklos, mich länger gegen das Schicksal sträuben zu wollen«.

Er ging in das Klub-Haus zurück, in dem er zuerst nach Kapitän Wattles gefragt hatte und fand auch wirklich den Gesuchten in einem Nebenzimmer, Karten spielend. Man sagte ihm, der Kapitän ließe sich nicht unterbrechen.

»Er läßt sich von mir unterbrechen«, entgegnete Sweetwater. »Warten Sie: geben Sie ihm diesen Brief und sagen Sie, der Bote lehne es ab, ihn zu besorgen«.

Kaum war der Kellner hineingegangen, als Kapitän Wattles erschien.

»Was zum Teufel – – –« begann der Kapitän in heller Wut.

Sweetwater legte die Hand auf den kranken Arm, stellte sich auf die Fußzehen und flüsterte in des Erregten Ohr:

»Sie sind ein Falschspieler und wenn ich will, sind Sie ruiniert! Drohen Sie Frederick Sutherland und innerhalb zwei Tagen sitzen Sie hinter Schloß und Riegel. Zweitausend fünfhundert Dollars entschädigt Sie dafür nicht!«

Der Kapitän stand starr! Dies alles sagte ihm ein unscheinbarer Mensch, der weder dem Aussehen noch der Kleidung nach ein Gentleman schien. Plötzlich schrie er:

»Woher weißt Du das? Woher willst Du wissen, was oder was nicht in diesem Briefe steht?«

Sweetwater zog die Schultern in die Höhe und antwortete ruhig: »Ich weiß es, weil ich es gelesen habe. Ehe ich meinen Kopf in des Löwen Rachen stecke, zähle ich gewöhnlich erst seine Zähne«.

»Wer bist Du? Wie heißt Du?« schrie Wattles, als Sweetwater langsam der Türe zuging. Es war das dritte Mal innerhalb vierundzwanzig Stunden, daß man dieselbe Frage an ihn stellte; doch nie zuvor war dies mit solchem Ausdruck geschehen.

»Wer bist Du, frage ich und was kannst Du mir tun?«

»Ich bin – – – doch das ist so nebensächlich und Ihrer Neugierde kaum wert. Was ich Ihnen tun kann? Warten Sie es ab und Sie werden es sehen! Vorerst aber verbrennen Sie diesen Brief . . . . . .«

Dann ging Sweetwater hinaus, gefolgt von wilden Flüchen, die der Kapitän ausstieß, der zum ersten Male einen ebenbürtigen Gegner gefunden hatte.


XXIX.
Wieder daheim.

Auf seinem Wege zur Bahn kaufte sich Sweetwater den »Morning-Herald«; am Bahnhofe angekommen, öffnete er die Zeitung. Die erste Spalte brachte einen Bericht über das Wrack der Hesper; die andere Hälfte der Seite handelte von dem dritten Tag des Verhörs über den Tod Agatha Webbs. Er durchflog die erste Spalte flüchtig, sah, daß sein Name unter den Vermißten genannt ward und las dann aufmerksam die Verhandlung, die ihn im höchsten Grade interessierte.

Kapitän Wattles hatte recht in seinem Briefe: bis jetzt war noch kein Verdacht auf Frederick gefallen. Als Liebhaber Amabels ward sein Name natürlicherweise genannt; doch weder im redaktionellen noch allgemeinen Teil stand etwas davon, daß das Publikum vermutete, daß Frederick der Mann gewesen, dem Amabel folgte. Dies war für Sweetwater eine große Erleichterung und er las mit mehr Aufmerksamkeit. Trotzdem die Untersuchung schon drei Tage währte, war doch nicht viel mehr zu Tage gekommen, als er an dem Morgen wußte, da er auf der Hesper entfloh. Die meisten Zeugen hatten ihre Aussagen wiederholt und obwohl kein direkter Verdacht ausgesprochen ward, konnte man doch deutlich erkennen, daß man Amabel als Mitschuldige betrachtete und sie in sehr zweideutigem Lichte stand. Ihre Antworten konnten auch diesmal nicht gegen sie selbst verwandt werden; sie waren ebenso dunkel und mysteriös, wie bei ihrem ersten Verhör und, wie es Sweetwater schien, nur darauf berechnet, sich selbst und ihren Liebhaber zu retten und den Verdacht auf den toten Zabel zu lenken.

Sweetwater wußte damals nicht, und vielleicht war es gut, daß er es nicht wußte, daß Amabel nur ihre Zeit abwartete, die jetzt sehr nahe bevorstand und daß sie Frederick nicht liebte, sondern sogar haßte und ihn unter allen Umständen vernichten wollte, würde er sich ihren Wünschen nicht fügen.

Der Schluß des Artikels deutete darauf hin, daß Mr. Sutherland bald den Zeugenstand betreten werde, um über sein Verhältnis als Testamentsvollstrecker auszusagen. Sweetwater ward beim Lesen dieses Passus sehr ernst. Es stand bei ihm fest daß er verborgen bleiben müsse, bis Mr. Sutherland diese seine Aussagen gemacht hatte, damit nicht sein unzeitiges Erscheinen diesen unnötig erregte.

»Ein Blick, ein Zeichen, ein Wort, daß er weiß, sein Sohn ist an dem Verbrechen beteiligt, durch das er zum Erben eines so großen Vermögens geworden, genügt, um Frederick des Mordes zu zeihen und nichts kann ihn dann retten, weder Knapps Tüchtigkeit, mein Schweigen, noch Amabels Schlauheit. Frederick ist dann unrettbar verloren!«

Er wußte nicht, daß Amabels Schlauheit dahin zielte, einen Gatten zu gewinnen und daß sie, sollte ihre Absicht mißlingen, ihn an demselben Tage, Schlag zwölf Uhr, vernichten werde.

Eben graute der Morgen, als Sweetwater nach Sutherlandtown kam. An Mr. Hallidays Haus vorübergehend, bemerkte er zu seinem Erstaunen Licht in einem Erkerfenster. Er ahnte nicht, wie rastlos in jenen Tagen ein liebendes Herz schlug.

Das Sutherland-Haus lag in tiefem Dunkel. Er schlich sich längs der Mauer hin und zuckte zusammen, als er über sich ein Seufzen hörte, das ihm deutlich sagte, daß Ruhe keine Stätte in diesem Haus gefunden.

Inzwischen glühte das erste Morgenrot über der See. Wacker schritt Sweetwater aus, der mütterlichen Hütte zu.

»Was? Sweetwater? Lebendig und wohl?« riefen ihm einige Bekannte entgegen.

»Heda, Sweetwater! Wir dachten, Du seist mit der Hesper untergegangen«.

»Ei, Sweetwater! Du kommst gerade recht, die schöne Amabel arretiert zu sehen«.

Solches und anderes wurde ihm zugerufen, doch er antwortete wenig. Ihn beschäftigte jetzt nur die eine Frage, der eine Gedanke: wie geht es der alten Mutter? Und eiligst lief er der heimatlichen Türe zu.



III. Teil.
Wäre Batsy am Leben.


XXX.
Was dem Glockenschlag zwölf folgte.

Es war der letzte Tag der Untersuchung und soweit der uninteressanteste. Alle wichtigen Aussagen waren bereits gemacht worden und mit Ausnahme von zwei Personen schien niemand den Verhandlungen mehr zu folgen. Sweetwater, der in einer unauffälligen Ecke in der Nähe des Untersuchungsrichters saß, betrachtete diese beiden Personen aufmerksam: es war Agnes Halliday und Amabel Page. Frederick war nicht im Saale; daß er sich in der Nähe befand, konnte Sweetwater leicht aus dem plötzlichen Wechsel in Amabels Zügen erkennen. Während sie früher kalt lächelnd den sie anstarrenden Blicken begegnete, richtete sie sich mehr und mehr auf, je weiter sich die Zeiger der mittäglichen Stunde näherten und schaute mit ängstlicher Erwartung und so erregt nach der Türe, daß Sweetwater sie erstaunt ansah.

Im nächsten Augenblicke ging die Türe auf und Frederick trat ein, in Begleitung seines Vaters. Der Ausdruck des Triumphes, mit dem sich Amabel nun in den Sessel zurücklegte, prägte sich ebenso deutlich auf ihren Zügen aus, wie vorhin die ängstliche Erwartung. Was hatte das zu bedeuten? Der Kontrast ihrer siegreichen Miene mit Fredericks verzweifeltem Ausdruck gab Sweetwater zu denken.

Mr. Sutherland sah älter und schwächer aus, denn je zuvor. Er nahm den ihm angebotenen Stuhl und sank so in sich zusammen, daß alle im Saale Bedauern mit ihm empfanden und viele auf Frederick schauten, ob die düstere Wolke, die den Vater so gänzlich eingehüllt, auch ihn bedrückte. Dieser jedoch schaute auf Amabel und bemerkte die fragenden Blicke nicht, die auf ihn fielen. Amabel, die seinen Blick auffing, lächelte mit jenem teuflischen Lächeln, das den Untersuchungsrichter mehr als einmal irre geführt und das sie zur Bewunderung und zum Schrecken zugleich aller derer machten, die sie beobachteten.

Frederick, für den dieses Lächeln ebenso gut eine letzte Hoffnung, als eine letzte Drohung bedeuten konnte, bemerkte, wie sie fragend auf seine Hand schaute, daran der Ring fehlte, den er bis jetzt immer getragen, und wandte seinen Kopf zur Seite. Mit diesem Blicke und seiner Wendung des Kopfes begann der Kampf, der diesen Tag zu einem unvergeßlichen machte.

Nachdem sich die Aufregung, welche der Eintritt zweier so wichtiger Zeugen verursacht hatte, gelegt, herrschte die gewohnte Stille im Saale.

Ein neuer Zeuge ward jetzt aufgerufen; doch auch er konnte nicht das geringste Licht auf die blutige Tat werfen oder zur Aufklärung derjenigen Punkte beitragen, die Amabel angedeutet hatte.

Während sich der Zeuge setzte, begann die Uhr die zwölfte Stunde zu schlagen. Als die langsamen, schweren, dumpfen Töne erklangen, bemerkte Sweetwater eine plötzliche, konvulsive Erregung in Frederick. Die alte Furcht, die wir kennen, die Sweetwater aber nicht kannte, bemächtigte sich Fredericks und unwillkürlich, unter Amabels Blicken, stahl sich seine rechte Hand zur linken. Eher nachgeben, als in den Abgrund stürzen, den ein Wort von ihr vor ihm auftun konnte! Er hatte nicht beabsichtigt, nachzugeben. Aber jetzt, in der letzten Stunde, wo er zu wählen hatte zwischen seinem eigenen Lebensglück und dem Elend und der Schande aller derer, die ihm lieb waren, da fühlte er seine Kräfte weichen und er war bereit, jede Rettung zu ergreifen, die sich ihm darböte. Schlag um Schlag fiel; er fühlte seine Willenskraft immer mehr weichen und hatte fast den Finger der linken Hand berührt, eine Bewegung, auf die Amabel ängstlich wartete, als er den Schatten und die bittenden Gebärden eines geliebten Antlitzes vor sich sah. »Mutter!« rief es in ihm und schnell ergriff er des Vaters Arm, um den Bann zu brechen, der ihn zu umstricken schien und um sich für immer von dem Einflusse zu befreien, dem er fast unterlegen wäre.

Da fiel der letzte Schlag und damit war die Frist verflossen, die Amabel ihm gestellt hatte.

Es herrschte Stille im Saale. Der letzte Zeuge war eben entlassen worden, Amabel hatte sich vorgebeugt, um Mr. Courtney etwas ins Ohr zu flüstern, als Frederick aufsprang und mit lauter Stimme in den Saal rief:

»Ich bitte, vereidigt zu werden! Ich habe Aussagen zu machen, die von höchster Wichtigkeit für die Untersuchung sind!«

Der Untersuchungsrichter war überrascht, jeder im Saale war überrascht. Niemand hatte eine Aussage von ihm erwartet und aller Augen wandten sich auf Amabel, um zu sehen, welchen Eindruck Fredericks Erklärung auf sie machte.

Sie saß unbeweglich da, wie ein Bild aus Stein, ihre Züge starr, eisig und nichts verriet ihr wirkliches Fühlen.

»Wenn Sie Aussagen zu machen haben«, sagte der Untersuchungsrichter endlich, nach einer leisen, flüchtigen Zwiesprache mit Mr. Courtney und dem erstaunten Knapp, »können Sie nichts besseres tun, als diese sogleich zu machen. Mr. Frederick Sutherland, wollen Sie den Zeugenstand betreten?«

Mit festen Schritten ging Frederick auf die Herren zu, doch noch ehe er halb im Saale war, schaute er zurück auf seinen Vater, der völlig gebrochen im Stuhle saß, ging zu ihm hin und sagte:

»Geh hinaus und erspare mir den Schmerz, in Deiner Anwesenheit sagen zu müssen, was ich vorzubringen habe. Ich könnte dies nicht ertragen! Auch Du könntest es nicht ertragen! Später, wenn Du in einem der Zimmer hier warten willst, werde ich Dir alles sagen; jetzt aber geh. Dies ist meine letzte Bitte«.

Jedermann im Saale hatte die Worte gehört, doch keiner sprach. Langsam stand Mr. Sutherland auf, trat aus der Türe, die sich vor ihm öffnete und ging in ein Nebengemach und erst als die Türe sich hinter ihm geschlossen, betrat Frederick den Zeugenstand.

Die Aufregung im Saale hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Untersuchungsrichter schien ebenso erregt, wie die Zuschauer, denn er stellte gleich die wichtigste Frage, welche diese Antwort brachte:

»Ich habe mich als Zeugen angeboten und bitte die Herren Geschworenen, mein Zeugnis entgegen zu nehmen, weil kein Mensch besser imstande ist, so genaue Angaben über Art und Weise, wie Agatha Webb ihren Tod fand, zu machen, als ich. Sie werden mir dies glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich die Person war, der Miß Page nach Mrs. Webbs Haus folgte und die sie die Treppe herabkommen hörte, als sie neben dem schlafenden Philemon nieder kauerte«.

Dies war mehr, unendlich mehr, als irgend jemand im Saale erwartet hatte. Das war nicht nur eine Zustimmung zu dem, was Amabel Page gesagt hatte, das war ein Geständnis, und der Schlag, der Schreck, die Ueberraschung, die sich selbst derer bemächtigten, die Frederick nie etwas Gutes zugetraut hatten, war überwältigend.

Für Frederick selbst war es ein Augenblick unsagbaren Elends und Erniedrigung. In jedem Antlitz, in jeder Gebärde, in jedem Auge, in leisem Murmeln und in lauten Worten sah und hörte er sein Verdammungsurteil. Und doch hatte er nie im Leben der Menschen Rücksicht und Achtung so verdient, als gerade jetzt! Er fühlte dies alles und stand dennoch aufrecht. Er hatte gesehen, wie Amabel erblaßte und beachtet, wie Agnes errötete und um den teuflischen Triumph der einen zu entwaffnen und die geschwundenen Hoffnungen der andern zu beleben, hielt er vor dem drohenden Gemurmel der Menge stand und fuhr fort, noch ehe der Untersuchungsrichter sich von seinem Erstaunen ganz erholt hatte.

»Ich bin mir der Empfindungen wohl bewußt, welche dieses Bekenntnis in den Herzen der Geschworenen und der Zuhörer hervorbringen muß. Wenn indes ein einziger unter allen Menschen hier mich als den schuldigen Teil an Agatha Webbs Tod betrachten wollte, dessen unfreiwilliger und unglücklicher Zeuge ich gewesen, dann würde er ein Unrecht an mir begehen, das Agatha Webb als die erste verdammen würde! Dr. Talbot und Sie meine Herren Geschwornen: im Angesicht von Gott und den Menschen hier schwöre ich, daß Agatha Webb sich in meiner Gegenwart und vor meinen Augen den Stoß versetzte, der uns alle der edelsten Frau beraubte! Sie hat sich selbst getötet und ward nicht ermordet!«

Trotz des feierlichen Schwures glaubte ihm niemand.

»Lüge! Nie! Sie war viel zu gut dazu! Verleumdung!« und ähnliche Worte flogen durch den Saal und obwohl der Richter heftig auf den Tisch schlug und die Polizei alle Anstrengung machte, die Ordnung herzustellen, ließ sich die Menge nicht beschwichtigen. Erst als Amabel mit teuflischem Lächeln, aus dem man deutlich ersehen konnte, daß sie kein Wort von dem, was Frederick gesagt, glaubte, die Falten ihres Kleides mit größter Seelenruhe zurecht legte und sich hoch aufrichtete, wandten sich aller Augen wieder Frederick zu, der sofort weiterfuhr.

»Ich habe geschworen bei Gott und den Menschen! Darf ich die ganze Sachlage erzählen, Herr Untersuchungsrichter? Von Anfang bis zu Ende?«

»Sie dürfen!« war die feste Antwort.

»Sie wissen, meine Herren«, begann Frederick, ohne Amabel anzuschauen, deren spöttisches Lächeln während des folgenden die Augen der Geschworenen mehr als einmal auf sich zog, »und das Publikum im allgemeinen weiß es auch, daß Agatha Webb mich zum Erben ihres bedeutenden Vermögens eingesetzt hat. Ich habe niemals einem Menschen zugestanden, nicht einmal dem alten Manne dort drinnen, daß sie Gründe hierfür hatte, triftige Gründe, Gründe, die ich bis zum Abend ihres Todes selbst nicht kannte, wie ich auch niemals wußte, daß sie mir ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt und daß wir uns gegenseitig näher standen. Weshalb ich trotzdem an jenem Tage, an dem ich mich in unsagbarer Erregung befand, gerade zu ihr ging, vermag ich nicht zu sagen. Ich wußte, sie hatte Geld im Hause – dies hatte ich leider zufällig erfahren; ich wußte auch, daß sie sehr gutherzig war und bereit, einem Bedrängten zu helfen. Doch all dies wäre kein Grund, des Nachts und zu so ungewöhnlicher Stunde zu einer völlig Fremden zu gehen, um Geld zu leihen, wäre ich nicht, wie gesagt, in einer geistigen Fassung gewesen, die alles glaublich macht. Es war eine unehrenhafte, drückende Schuld, die diesen Zustand hervorbrachte. Ich brauchte Geld, viel Geld und brauchte es sofort und obwohl ich weiß, daß diese Erklärung den Verdacht, den ich auf mich geladen, nur erhöhen kann, gibt es doch keine andere Erklärung dafür, weshalb ich des Nachts den Ball in meines Vaters Haus verließ und allein und im geheimen zu dem kleinen Hause schlich, darin – wie ich hörte – Gesellschaft war, woraus ich schloß, daß es zu dieser Stunde noch offen stand. Miß Page, die die Hereinziehung ihres Namens wohl verzeihen wird, erklärte Ihnen, daß sie an jenem Abend den Fußtritten eines Mannes folgte, der den Hügel hinab ging. Dies mag wohl sein und die Schritte waren zweifellos die meinen, denn als ich durch den Garten gegangen war, lief ich die Hauptstraße hinab, welche an Mrs. Webbs Haus vorüber führte. Da ich schon aus der Ferne Licht in den oberen Räumen erblickte, lief ich schneller, bis ich an die Türe an High Street kam. Hier hielt ich an. Gedanken stoben mir durchs Gehirn, Gedanken, die den Augenblick vielleicht zum schwersten meines ganzen Lebens machten! Doch sie gingen, Gott sei Dank, vorüber und nur von dem Wunsche durchdrungen, das Geld zu bekommen, trat ich ins Haus.

»Ich hatte erwartet, im Salon eine kleine Gesellschaft zu sehen oder die Stimmen der Eingeladenen in den oberen Räumen zu hören; doch es war ganz stille im Hause, so auffallend still für ein festlich beleuchtetes Haus, daß ich erstaunt die Türe zu meiner Linken öffnete und ins Zimmer schaute. Ein unerwarteter und trauriger Anblick bot sich mir dar: an einem Tische, bedeckt mit herrlichen Speisen, saß der Herr des Hauses, den Kopf auf seinen Arm gestützt, schlafend. Die erwarteten Gäste waren nicht erschienen und er, des Wartens müde, war eingeschlafen.

»Das hatte ich nicht erwartet. Mrs. Webb, die zu sehen ich gekommen, befand sich wohl in den oberen Räumen. Ich konnte klopfen, ein Geräusch machen, rufen und sie herunter kommen lassen; ich wollte aber ihren Gatten, dessen Geisteszustand ich kannte, nicht wecken und da ich keine andere Möglichkeit sah, sie auf andere Weise zum Herabkommen zu bewegen, so ging ich langsam und leise nach oben, unbewußt – ich schwöre das! – welche Folgen mein unerwartetes Erscheinen haben würde. Sie hatte soeben Batsy gerufen – sie saß an einem Tische und zählte eine dicke Geldrolle – als ich plötzlich vor ihr stand!

»Mein Blick (es war sicher kein beruhigender, denn der Anblick von so viel Geld, zu einer Zeit, als Geld für mich Leben bedeutete, entfesselte alle Dämonen in meiner Brust) schien sie zu erschrecken. Sie sprang auf und mit einem Ausdruck voll innerer Seelenqual, den ich mir damals nicht erklären konnte, schrie sie:

»Nein, nein, Frederick! Du weißt nicht, was Du tust! Wenn Du mein Geld willst, nimm es! Willst Du mein Leben, werde ich es Dir mit eigener Hand geben! Beflecke aber nicht Deine Hände, nicht die Deinen!

»Ich verstand sie nicht. Ich begriff es erst später, als ich daran dachte, wie ich vor ihr gestanden: mein Antlitz verzerrt und meine rechte Hand unter meiner Jacke krampfhaft auf mein wildpochendes Herz gepreßt. Sie mußte wohl glauben, ich wollte ihr das Leben nehmen. Ich war blind und taub für alles, ausgenommen für das Geld, das ich vor mir sah und trunken von dem Anblick, der für mich Rettung bedeutete – oh, wie schrecklich, wenn ich daran denke! – schrie ich halb wahnsinnig: »Gib es her! Ich will Hunderte, Tausende, jetzt, jetzt, mich zu retten! Schande, Entehrung, Gefängnis droht mir, wenn ich das Geld nicht habe!« Dann streckte ich meine Hand nach dem Geld aus, nicht nach ihr. Sie aber schien meine Bewegung mißzuverstehen und mit einem herzbrechenden Schrei, um mich vor einem Verbrechen zu bewahren, mich, vor dem niedrigsten, feilsten Verbrechen, des die Menschheit fähig ist, ergriff sie einen Dolch, der in der offenen Schublade vor ihr lag und in einem Augenblicke des unermeßlichsten Elends, das wir, die wir sie nur oberflächlich kennen, nicht zu ermessen vermögen, rannte sie in den Dolch und – – – –. Weiter erinnere ich mich nichts. Ihr Blut und Batsys Schrei aus dem anliegenden Zimmer raubten mir die Besinnung; sie fiel wohl zu Boden und ich, halb wahnsinnig, fiel auch.

»Dies, so wahr ein Gott lebt, ist die Wahrheit, was die Wunde betrifft, die in der Brust dieser unvergeßlichen Frau gefunden ward«.

Der innere Schmerz, die zitternde Stimme und seine Seelenqual machten seine Erzählung, so fantastisch und unglaublich sie auch schien, für den Augenblick glaubwürdig.

»Und Batsy?« fragte der Untersuchungsrichter.

»Sie muß gefallen sein, als wir fielen, denn ich habe ihre Stimme nicht wieder gehört. Ich werde aber noch auf sie zurückkommen. Was ich zuerst erklären will, ist, wie Mrs. Webbs Geld aus der Schublade in meinen Besitz kam und wieso der Dolch, den sie sich in die Brust gestoßen, im Garten gefunden ward. Als ich wieder zu mir gekommen – und das muß sehr bald gewesen sein – sah ich, daß die Augen, die ich für immer geschlossen glaubte, offen standen und mich mit einem Lächeln anschauten, das ich nie im Leben vergessen werde! – – – – – –

»Es klebt kein Blut an Deinen Händen«, murmelte sie. »Du hast den Streich nicht geführt. War es nur Geld, was Du wolltest, Frederick? Das hättest Du auch ohne ein Verbrechen haben können. Auf dem Tische liegen fünfhundert Dollars; nimm sie und mögen sie Dir den Weg zu einem besseren Leben bahnen. Mein Tod wird Dich daran gemahnen!« Scheint Ihnen dies glaublich, meine Herren? Ah, es wird wohl, wenn ich Ihnen sage« – hier schaute er ängstlich nach der Türe, hinter der Mr. Sutherland wartete – »daß, ohne daß ich es wußte, ohne daß eine andere lebende Person außer ihr es wußte, ohne daß der gute Mann da drinnen es weiß, dem es nicht mehr länger vorenthalten werden kann, wenn ich Ihnen sage, daß Agatha Webb meine Mutter war! Ich bin Philemons Sohn und nicht das Kind von Charles und Marietta Sutherland!«


XXXI.
Ein stummer Zeuge.

Unmöglich! Unglaublich!

Wie ein Sturm erhoben sich plötzlich alle Anwesenden von den Sitzen, doch kein Laut ward gehört. Der Eindruck, den Fredericks Aussagen gemacht hatte, war so überwältigend, daß niemand Worte fand und langsam und lautlos setzte sich einer nach dem andern wieder nieder.

»Diese Kenntnis wird den alten Mann, der seit frühester Kindheit für mich gesorgt, erdrücken«, fuhr Frederick fort. Sie haben gehört, daß er mich Sohn nennt. Wie soll ich ihm die Wahrheit sagen, ohne daß er den Glauben an seine tote Gattin verliert? Wie soll ich ihm erklären, daß er all diese langen Jahre voller Sorgen und Liebe an einen verschwendet, der nicht seines Fleisches und Blutes ist? Ihr Erstaunen, Ihr schweigender Unglaube zeigen mir, wie recht ich hatte, das Geheimnis zu bewahren, das die Sterbende mir anvertraute«.

Tiefes Schweigen folgte diesen Worten. Agnes weinte still in sich hinein, während Amabels Lächeln – – – nun, es war völlig verschwunden.

»Das Geheimnis, das ich Ihnen eben enthüllte«, fuhr Frederick mit brechender Stimme fort, »flüsterte mir meine Mutter zu, den Dolch in der Brust. Sie wollte mir nicht erlauben, ihn herauszuziehen; sie wußte, daß der Tod kommen würde, wenn das warme Blut entströmte und sie wollte keine Sekunde des Glückes missen, ihr einziges lebendes Kind bei sich zu haben. Die Liebe, die Leidenschaft, die grenzenlose Hingebung, die sie in diesen letzten Minuten zeigte, verwandelten mich im Augenblick aus der selbstsüchtigen Brut, die ich gewesen, in einen reuigen, elenden Mann. Ich kniete neben ihr in höchster Verzweiflung; ich sagte ihr, daß ich nicht so schlecht wäre, als sie geglaubt und daß sie meine Bewegung mißverstanden habe und als ich in ihren Augen sah, daß sie mir glaubte, ließ ich sie reden und lauschte dem Geheimnis ihres Lebens.

Es ist mir ein heiliges Geheimnis. Müssen Sie es indes kennen, dann erfahren Sie es aus ihren eigenen Worten, aus Briefen, die sie mir hinterlassen. Sie sagte mir, daß sie, um mich vor dem Schicksal zu retten, das ihre ersten fünf Kinder befallen, die ihr bald nach der Geburt entrissen worden waren, mich in frühester Jugend Mrs. Sutherland in die Arme gelegt habe, die damals den plötzlichen Tod ihres einzigen Kindes betrauerte; daß dies im geheimen und ohne Wissen Mr. Sutherlands geschehen sei, der bis zu dieser Stunde die Wahrheit nicht kennt und sie bat mich, ihn nie die Wahrheit wissen zu lassen, wenn ich durch ein Opfer meinerseits, sei es auch noch so schwer, dies verhindern könne; daß sie glücklich wäre, mir die Wahrheit sagen zu können, ehe sie sterbe; daß diese Freude so groß wäre, daß sie selbst die vorschnelle Tat nicht bereue, die ihr mein wahres Herz gezeigt und die mich in dem ihrigen lesen ließ. Dann sprach sie von meinem Vater – ich meine den, den Sie Philemon nennen und ich mußte ihr versprechen, bis zu seinem letzten Atemzuge getreulich für ihn zu sorgen. Ich könne dies umso unauffälliger, als sie in ihrem Testament mir ihr Hab und Gut vermache. Endlich gab sie mir einen Schlüssel und zeigte mir, wo das Geld lag. Sie sagte, ich solle es als ihr letztes Geschenk annehmen, zusammen mit einem Bündel Briefe, die dabei lägen. Und als ich all dies getan, sagte sie, daß sie nun ruhig sterben könnte, wären ihre Sorgen um die Zabels nicht, die – entgegen ihrer alten Gewohnheit – heute nicht gekommen wären, um den Jahrestag ihrer Hochzeit zu feiern und nur der Tod oder schlimme Krankheit konnte sie verhindert haben, dem Vater diesen einzigen Gefallen zu erweisen. Sie bat mich, die Brüder aufzusuchen, noch ehe ich mich zur Ruhe begebe, was ich auch versprach und mit glückseligen Zügen deutete sie dann auf den Dolch in ihrer Brust.

Noch ehe ich das Haus verlassen konnte, rief sie Batsy. »Ich will ihr sagen, ehe ich sterbe, daß ich mir selbst den Todesstoß gegeben«. Als ich mich erhob, die gewünschte zu rufen, sah ich, daß der Schreck sie getötet und daß ihr toter Körper aus dem Fenster des Nebenzimmers hing. Dies raubte mir den einzigen Zeugen, der meine Unschuld beweisen konnte, sollte es je bekannt werden, daß ich zur Zeit meiner Mutter Tod in ihrem Haus gewesen. Obwohl ich die Gefahr erkannte, in die mich dieser Umstand brachte, wollte ich doch der Mutter letzten Augenblick nicht erschweren und sagte ihr daher, Batsy habe sie verstanden, sei aber zu erregt zum sprechen oder selbst zu kommen. Damit zufrieden, hauchte meine Mutter ihren letzten Atemzug in Frieden und glückseliger Liebe. Sie starb, als ich den Dolch aus der Brust zog. Da erfaßte mich ein Grauen und wahnsinnig vor Schmerz, daß mir dies Instrument solch liebes und wertvolles Leben geraubt, schleuderte ich den Dolch aus dem Fenster. Dann hob ich die Tote auf und legte sie auf das Sopha, auf dem Sie sie fanden. Ich wußte nicht, daß der Dolch ein Geschenk ihres einstigen Liebhabers, James Zabel, war, noch daß dessen Initiale auf dem Griffe standen«.

Frederick schwieg.

Der Eindruck, den seine Erzählung gemacht hatte, war so tief, daß die Anwesenden kaum zu atmen wagten, bis plötzlich eine unbekannte Stimme die Worte ausstieß:

»Oh, das Märchen!«

Hatte Amabel gesprochen? Manche glaubten so und schauten nach ihr hin; doch sie sahen nichts als ein tränenfeuchtes, süßes Gesicht, das flehentlich auf Frederick schaute, als ob sie ihn um Verzeihung bitten wollte für die Zweifel, die ihn zu diesen Erklärungen getrieben hatten.

Frederick begegnete diesen Blicken mit abweisender Kälte und fuhr in seiner Erzählung fort:

»Ich will nun von den Brüdern Zabel sprechen und wie es kam, daß der eine derselben, James, in die Angelegenheit verwickelt ward.

Als ich meine tote Mutter verlassen, war ich so erregt, daß ich kaum einen Blick in das Zimmer warf, woselbst mein eben gefundener Vater saß. Ich stürmte aus dem Hause, zu den Zabels. Als ich daselbst ankam, fand ich das Haus dunkel und still, wie ein Grab. Ich dachte an meine Mutter und wie die Sorge um die beiden Brüder ihr fast die letzten Augenblicke ihres Lebens verdüsterte, ging zur Türe und wollte eben anklopfen, als die Klinke nachgab und die Türe aufging. Erstaunt trat ich ein und ging beim leuchtenden Mondlicht in das Zimmer zur Linken. Es war das zweite Haus, das ich in jener Nacht unangemeldet betrat und in diesem, wie im ersten, fand ich einen Mann schlafend am Tische sitzen.

»Es war John, der ältere der Brüder, und da ich sah, daß er elend war und schwach, aus Mangel an Nahrung, nahm ich eine Geldnote, die erste, die mir in die Hand kam, und legte sie auf den Tisch vor dem Schlafenden. Als ich dies tat, seufzte er im Schlafe. Ich glaubte, alles getan zu haben, was ich konnte, was selbst meine arme Mutter unter diesen Umständen gewünscht hätte und ging eiligst wieder davon, aus Furcht, er könnte erwachen oder ich möchte dem andern Bruder begegnen und lief auf dem kürzesten Weg nach Hause. Wäre ich ein Mann gewesen oder wäre mein Motiv für den Besuch im Webbschen Hause ein edles gewesen, so wäre ich sofort zu dem guten Manne geeilt, der mich als sein eigen Fleisch und Blut betrachtete und hätte ihm erzählt, was mir mein Leben und Denken geändert und hätte ihn um Rat gebeten, was ich unter den schwierigsten Umständen, in die ich mich selbst gebracht, tun sollte. Doch die Erinnerung meiner langjährigen Undankbarkeit und der Gedanke, daß die Enthüllung der Wahrheit unter solch tragischen und traurigen Umständen, daß das Kind, das seine tote geliebte Gattin ihm einst in die Hände gelegt, nicht sein eigenes war, ihn niederschmettern müßte, veranlaßte mich nicht nur, zu schweigen, sondern auch das Geld, das ich erhalten, im nahen Gehölz zu vergraben, in der eitlen Hoffnung, daß damit jede Spur zwischen meiner toten Mutter und mir verwischt wäre. Sie sehen, ich habe allerdings nicht mit Miß Amabel Page gerechnet!«

Der Blick, den diese hierauf dem Sprecher zuwarf, machte die, welche es sahen, zusammenfahren und gab Sweetwater, der von einer Ueberraschung in die andere fiel, zu denken und zeigte ihm klar und deutlich, daß er das Verhältnis der beiden jungen Leute zu einander nie recht verstanden und daß etwas anderes, als bloße Rücksicht auf Frederick ihr bisheriges Leitmotiv gewesen. Doch auch andere bemerkten dasselbe und so vollzog sich ein Umschwung der Meinungen, der sich sogar auf den Untersuchungsrichter und die Geschworenen übertrug. Frederick fühlte diese Wendung und zeigte dies deutlich in dem Blick voll Hoffnung und Vertrauen, mit dem er auf Agnes Halliday schaute.

Es ist unnötig, die Fragen und Antworten zu verzeichnen, die jetzt zwischen den Geschworenen und Frederick gewechselt wurden; sie brachten nichts Neues zu Tage und bestätigten nur das schon Bekannte.

Kaum hatte Frederick seinen Sitz eingenommen, als der Name Amabel Page aufgerufen ward.

Sie schnellte vom Sitz empor. Unerwartetes hatte sich ereignet. Ereignisse, von denen sie nichts wußte und nichts wissen konnte, hatten die ganze Situation geändert und machten Frederick für sie so unerreichbar, daß sie wie im Traume da saß, gepeitscht von den widersprechendsten Gefühlen eines Menschen, der alles auf eine einzige Karte gesetzt und verloren hat. Sie wußte in diesem Augenblicke nicht einmal, ob sie sich freuen oder grämen sollte, daß er seine zweifelhafte Position so glücklich erklären konnte. Sie hatte auch den Blick bemerkt, den er auf Agnes geworfen, und obwohl sie dies ärgerte, gab sie doch die Hoffnung nicht auf, daß er ihr angehören werde und angehören müsse. Was immer die andern Leute denken mögen, sie selbst glaubte kein Wort von dem, was Frederick erzählte. Ihr Herz war nicht rein genug für solchen Glauben; für sie gab es kein menschliches Opfer. Keine Frau mit den Charaktereigenschaften Agatha Webbs würde einen Dolch in ihre eigene Brust stoßen, um eine andere Person an einem solchen Verbrechen zu verhindern, sei dies ihr Geliebter, Gatte oder Sohn. So wenigstens glaubte Amabel und so würden wohl alle glauben, sobald sie erst aus dem Bereich des Einflusses dieses außergewöhnlichen Zeugen sich befänden. Und doch, wie aufregend es war und wie gut er sprach! Sie vergaß fast ihre verfehlte Rache und vergaß fast den Blick voller Haß, den er ihr zugeworfen; sie träumte, wie sie diesen Blick später wieder in den alten, liebenden wandeln würde . . . . . . Ja, ja, sie liebte ihn jetzt! Nicht seiner gesellschaftlichen Stellung halber – die war nun dahin; nicht seines Geldes wegen – das reizte sie nicht mehr; sie liebte ihn um seiner selbst willen, denn er hatte gezeigt, daß er stärker war, als sie und daß er über sie triumphieren könne, wenn er nur ein Mann sein wollte!

Von solchen Gefühlen beherrscht, was sollte sie jetzt aussagen? Was auf Fragen antworten, die sicher pointierter waren, als je zuvor? Sie konnte sich nicht schlüssig werden; sie mußte es dem Augenblick überlassen.

Glücklicherweise wich ihr Zeugnis in nichts von ihren früheren Aussagen ab. Sie fügte nur hinzu, daß ihr im Laufe des Abends die vielbesprochene Orchidee aus dem Haar gefallen war und sie Frederick dieselbe aufheben sah. Weiter konnte oder vielmehr wollte sie nichts aussagen, obwohl es vielen der Anwesenden, unter ihnen Frederick, von Anfang an klar war, daß sie nicht um der Zabels willen den Ball verlassen und nach Mrs. Webbs Haus gegangen war, sondern einzig und allein um Frederick zu folgen.


XXXII.
Weshalb man Agatha Webb in Sutherlandtown nie vergessen wird.

Inzwischen hatte Sweetwater einen Vorgang beachtet, der ihn weit mehr interessierte, als Amabels Aussagen. Frederick, der offenbar etwas verlangen wollte oder eine Anweisung zu geben hatte, schrieb dem Untersuchungsrichter einige Zeilen, der sie, nachdem er sie gelesen, an Knapp weitergab, worauf dieser zu Agnes Halliday ging und sich eifrig mit ihr unterhielt. Das Resultat war, daß Miß Halliday den Saal verließ, gefolgt von Knapp.

Sie war etwa eine halbe Stunde fortgewesen und als sie wiederkam, erschien auch Knapp mit einem Bündel Briefe, die er dem Untersuchungsrichter überreichte. Dieser suchte einige aus und las sie den Geschworenen vor. Es waren die Briefe, von denen Frederick ausgesagt hatte, daß seine Mutter sie ihm gegeben. Der erste war von Agatha vor etwa fünfunddreißig Jahren geschrieben; er war an James Zabel gerichtet. Es herrschte lautlose Stille, als der Untersuchungsrichter las:


Lieber James!

Du bist zu anmaßend. Als ich Dir gestern Nacht im Taumel der Freude erlaubte, mich John zu entführen, dachte ich nicht, daß Du den Schluß daraus ziehen würdest, den Du Dir erlaubtest. Daß Du es getan, beweist, daß Du Dir zu viel einbildest. Du bist nicht allein auf dem Felde, auf dem Du Dich Sieger glaubst. Jones, der minder eingebildet ist, als Du, sieht manche gute Eigenschaften in – – – nun, sagen wir Frederick Snow. Ich sehe dasselbe. Gute Eigenschaften indes gewinnen nicht immer, ebensowenig wie Anmaßung . . . . . Wenn wir uns wieder treffen, laß uns Freunde sein, aber auch nur Freude. Ein Mädchen läßt sich nicht zur Liebe zwingen. Es genügt meinen zwanzig Jahren, wenn Du mich Deinen Braunen, die Judith, reiten läßt; laß Dir doch meine Freude genügen. Ich höre Dich sagen: das genügt mir auch. Ja, aber nur, wenn sie an einem gewissen Tor in Portchester anhält! Torheit! Es gibt noch andere Tore und andere Wege . . . . doch sollte ich Dich einen betreten sehen – – – –. Da! Meine Feder geht schneller mit mir davon, als Judith je gegangen und es ist Zeit, die Zügel anzuhalten. Grüße mir John – doch nein, dann weiß er ja, daß ich Dir geschrieben und das könnte ihm weh tun. Wie kann er ahnen, daß es nur ein Scheltebrief war, der weiter nichts zu bedeuten hat? Wäre der Brief an Frederick Snow gerichtet, dann – – –. Ei, ei! Manche Pferde sind so schwer anzuhalten und so sind manche Federn . . . . . Ich will still halten – aber nicht vor Deinem Tore.

Deine Nachbarin

Agatha Gilchrist.


* * *


Lieber James!

Ich weiß, ich habe Launen, schreckliche Launen und nun weißt Du es auch. Wenn ich schlechter Laune bin, vergesse ich alles, Liebe, Dankbarkeit und alles andere, das mich verhindern sollte, Worte auszusprechen, die mich oft selbst überraschen. Glücklicherweise kommt das nicht oft vor und wenn es vorüber ist, stehe ich nicht an, mich zu entschuldigen oder gar um Verzeihung zu bitten. Mein Vater sagt oft, meine Launenhaftigkeit wäre mein Unglück. Ich habe aber mehr Angst vor meinem Herzen als vor meinen Launen. Hier, zum Beispiel, sitze ich und schreibe Dir wieder, nur weil ich meine Reitpeitsche erhoben und gesagt habe – – –. Doch Du weißt, was ich sagte und ich möchte mich der Worte nicht mehr erinnern, denn sonst sähe ich wieder Deinen überraschten Blick, der so ganz anders war, als der Philemons. In Deinem Blick lag mein Urteil, in dem seinen nur Nachsicht. Und doch gefiel mir der Deine besser oder hätte mir besser gefallen, wäre nicht mein unbeugsamer Stolz. Launen, wie die meinen, müssen Dich überraschen. Wäre ich aber Agatha Gilchrist ohne diese Launen? Ich fürchte: nein. Und wäre ich nicht Agatha Gilchrist, würdest Du mich dann lieb haben? Ich fürchte wiederum: nein. Vergib mir, James! Wenn ich ruhiger bin, wenn ich erst mein Herz besser kenne, werde ich weniger gereizt sein. Und wenn sich das Herz Dir zuwenden sollte, dann wirst Du unendliche Liebe finden, wo jetzt unendliche Launen wohnen. Philemon sagte gestern Nacht, er würde gern alle meine Launen des Morgens ertragen, wenn ich ihm des Abends, wenn die Sonne gesunken und das Zwielicht der Liebe erwacht, einen Tropfen des Honigseims meines eigenen Selbst kosten ließe. Trotz dieser schönen Worte kann ich ihn nicht besser leiden. Du würdest Dich nicht mit dem halben Tag begnügen! Der Kelch, an dem Du Dich laben solltest, dürfte keine Bitterkeit enthalten! Muß er dann aber nicht von andern Händen dargereicht werden, als durch

Agatha Gilchrist.


* * *


Mr. Philemon Webb.
Geehrter Herr!

Sie haben Ausdauer. Ich will Ihnen gerne sagen, was ich einem Andern nie sagen würde: daß es eines festeren Willens bedarf und eines Herzens, das mich weniger liebt, soll ich ein glückliches, treues und liebendes Weib werden und nicht ein Dämon. Ich will nicht, kann nicht einen Mann heiraten, der meinen Willen nicht meistern, mich nicht mich selbst vergessen machen kann! Ich bin zu stolz, zu empfindlich, zu wenig Herrin meiner selbst, wenn ich ärgerlich oder launisch bin. Wenn ich, wie mancher starke Frauen-Charakter, einen Mann lieben könnte, der schwächer ist, als ich selbst, wenn ich durch Güte und unendliche Nachsicht in Schranken gehalten werden könnte, dann würde ich es wohl riskieren, an der Seite des besten und ehrenwertesten aller Männer, die ich kenne, zu leben. Ich kann es aber nicht! Nur Stärke kann meine Bewunderung hervorrufen oder meinen Trotz beugen. Ich muß den fürchten, den ich liebe und nur der wird mein Meister, der sich zuvor als solcher gezeigt!

Aergern Sie sich also nicht mehr über mich, denn Sie am allerwenigsten unter allen Männern, die ich kenne, werden jemals meinen Gehorsam oder meine Liebe erzwingen. Nicht, daß ich Ihnen nicht von Herzen gut sein könnte  – ich will es nicht! Und da ich weiß, daß ich nicht will, halte ich es für meine Pflicht, es Ihnen offen zu sagen, damit Sie nicht Ihre besten Mannesjahre an mich wegwerfen. Gehen Sie Ihren eigenen Weg, Philemon, und lassen Sie mich den rauhen Pfad wandeln, für den meine Füße geschaffen sind. Ich bin Ihnen jetzt gut und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeiten. Wenn Sie aber auf Ihrer Bewerbung beharren – eine Bewerbung, die nur mein Vater mit günstigen Augen betrachtet – dann werden Sie Leidenschaften wachrufen, die zu keinem guten Ende führen, denn es wohnen Schlangen in meiner Brust, die gar giftige Zähne haben und die man wohl fürchten mag – wie Sie wissen sollten, denn Sie haben mich mehr als einmal im Zorn gesehen.

Glauben Sie nicht, daß John oder James Zabel oder Frederick Snow oder gar Samuel Barten die Ursache dieser Zeilen sind. Es wäre genau dasselbe, wenn keiner der Genannten existierte. Ich bin nicht geschaffen, um über eine edle Natur zu triumphieren, sondern mich dem stolzesten Herzen zu ergeben, das mit festem Griffe mein natürlicher Herr und Gebieter ist. Wollen Sie wissen, wer dieser Meister ist? Ich kanns nicht sagen, denn ich kenne ihn selbst noch nicht.


* * *


Lieber James!

Ich gehe fort. Ich verlasse Portchester auf mehrere Monate. Ich will die Welt sehen. Ich sagte Dir letzte Nacht nichts davon, weil ich Deine Einwände fürchtete, oder soll ich sagen: Befehle? Ich habe mich in letzter Zeit Dir gegenüber oft schwach gefühlt und ich muß wissen, was das bedeuten soll. Trennung wird mich es lehren, Trennung und fremde Gesichter. Bist Du deshalb böse? Glaubst Du, ich sollte mein Herz kennen, ohne solche Proben? Ach, James, es ist kein so einfaches Herz und es überrascht mich oft selbst; lassen wir ihm Zeit. Wenn der Glanz und das Leben der Großstadt mich gewisse Worte, die mir an unserm alten Gartentor zugeflüstert wurden, vergessen machen können, oder jene Nacht, in der Du meine Hand auf Deinen Arm legtest und meine Finger sanft küßtest, dann kann ich nicht die Deine werden, obwohl ich weiß, daß Deine Liebe sich immer gleich geblieben, Deine Liebe, die selbst im Zorne das Stärkste und Süßeste meines ganzen wilden Lebens gewesen. Deshalb gehe ich von Dir. Entweder bin ich ganz und auf ewig die Deine oder unsere Wege trennen sich für immer. John wird meine Abwesenheit nicht so leicht ertragen, als Du; er liebt mich nicht so, wie Du. Für ihn bin ich ein übernatürliches Wesen, für Dich nur ein liebenswertes Weib, das seine Fehler hat, das aber recht tun will und nur recht tun kann, wenn starke Hände sie leiten.


* * *


Lieber John!

Ich fühle, daß ich Dir schreiben muß, weil Du immer so nachsichtig mit mir gewesen bist. Du kannst den Brief James zeigen, wenn Du willst; er ist jedoch für Dich allein bestimmt, meinen alten, treuen Freund, der einst an meiner Hochzeit mit mir tanzen wird.

Ich lebe in einem Freudentaumel; ich sehe und genieße, was ich bis jetzt nur im Traume gekannt. Aus einem einfachen Landhaus in die Salons der Mrs. Andrews, das ist ein Wechsel für ein Mädchen, das prächtige Kleider ebenso liebt, als den Verkehr mit feinen Herren und geistreichen Damen, der kaum zu beschreiben ist. Ich habe einen Geschmack entwickelt, John, einen teuern Geschmack dazu, der mich unfähig macht, fürderhin in dem kleinen unbedeutenden Portchester zu leben. Kannst Du Dir vorstellen: ich, in reiche Seide gekleidet, inmitten Washingtons auserlesenster Gesellschaft, meinen Witz mit Senatoren und Richtern messend? Es mag Dir schwer werden und doch ist dem so und niemand scheint zu denken, daß ich nicht am rechten Platze wäre und ich erst recht nicht. Nur manchmal – sage es James nicht – wenn die Lichter am hellsten und die Freude am größten ist, dann schließe ich die Augen auf eine kurze Sekunde und träume, von einem Häuschen mit einem alten Gartentor, daran ich so oft gestanden, wo ein gewisser Jemand mir »Gute Nacht« wünschte (Du weißt, wen ich meine, John, und ich will Dir nicht wehe tun, dadurch, daß ich seinen Namen nenne) und Gottes Segen auf ein Haupt flehte, das dessen so unwürdig war.

Bedeutet dies meine baldige Rückkehr? Vielleicht. Ich weiß es nicht. Es gibt auch hier liebende Herzen, doch würde das Leben in dieser schönsten aller Städte nur dann Reiz für mich haben, wenn ich die Berührung einer gewissen Hand vergessen könnte, die eine gewaltige Macht über mich hat, selbst in der Erinnerung. Soll ich um dieser Hand willen die Reize und Schönheiten  dieses  wunderbaren  Lebens hier aufgeben? Antworte mir, John. Du kennst ihn und mich gut genug, mir zu raten.


* * *


Lieber John!

Ich verstehe Deinen Brief nicht. Du sprichst von allen in liebevollem Tone und doch bittest Du mich, nicht so bald zurückzukommen. Weshalb? Ahnst Du nicht, daß solche Worte meine Sehnsucht nach dem alten Portchester erst recht wachrufen? Wenn etwas zu Hause passiert ist oder wenn James gelernt hat, ohne mich fertig zu werden – – doch das sagst Du nicht. Du deutest nur an, daß ich später leichter einen festen Entschluß fassen kann und daß etwas Großes sich ereignen werde, wenn ich meine Liebe etwas zügeln könne. Das ist zu dunkel und bedarf einer näheren Erklärung. Schreibe mir daher sofort und eingehend, John, oder ich lasse alles hier im Stich und komme sofort zurück.


* * *


Lieber John!

Dein heutiger Brief ist klar genug. James las, was ich über die schönen  Tage hier schrieb und war böse. Er denkt, ich werde eine Stadtdame und verliere das Einfache, Natürliche, das er stets am meisten an mir bewunderte. So, so! Nun, James hat recht; ich lege das Landmädchen immer mehr bei Seite und werde täglich mehr Weltdame – das heißt, ich werde seiner täglich unwürdiger. So! Alles weitere, das ich über diesen Punkt zu sagen habe, muß ich ihm selbst schreiben und Du, als guter, lieber Bruder, wirst dies entschuldigen. Er steht meinem Alter näher und außerdem: wir sind für einander geschaffen.


* * *


Lieber James!

Ich bin nicht vergnügungssüchtig! Ich vergesse mich nicht in dieser Welt der Freude und vor allem vergesse ich nicht, was mir das Liebste und Beste auf der Welt ist! Ich sah Washington, ich sah die Gesellschaft und sie gefallen mir ausgezeichnet; aber ich liebe Portchester. Daher kehre ich nach Portchester zurück und zwar recht bald.

Ich kann wirklich nicht länger mehr fortbleiben und wenn Dich das freut und Du Dich überzeugen willst, daß ein Mädchen, das Seide und Diamanten getragen, auch mit einfachem Kaliko zufrieden sein kann, dann komme in einer Woche von heute an das liebe alte Tor und Du kannst es selbst sehen. Hast Du etwas gegen Blumen einzuwenden? Ich trage vielleicht solche im Haare.

Deine launische, aber immer getreue
Agatha.


* * *


Lieber James!

Weshalb muß ich schreiben? Weshalb bin ich nicht zufrieden mit den Gedanken an letzten Abend? Wenn der Becher der Freude voll ist – ein Becher, der so lange leer geblieben – dann müssen ein paar Tropfen übergehen, wenn auch nur, um zu zeigen, daß ein Glück wie das meine sich nicht ruhig genießen läßt. Ich habe so lange unter der Ungewißheit gelitten, ich habe Dich geprüft und habe mich selbst geprüft und kein anderer Mann kann je mein Herz so ganz erfüllen, wie Du. Ich will Dir sagen, daß ich Dich liebe; daß ich nicht einfach Deine Liebe annehme, sondern daß ich sie Dir tausendfach zurückgebe, zusammen mit all der Güte und Anhänglichkeit, mit der Du mich überhäufst, trotz meiner vielen Fehler und Launen. Du hast mich gestern Abend an Deine Brust gezogen und schienst zufrieden; – doch ich bin nicht damit zufrieden. Ich muß Dir sagen, wie glücklich ich bin, die Auserwählte Deines Herzens zu sein und als ich Dein Lächeln sah und die heimliche Leidenschaft, die aus Deinen Augen leuchtete, da empfand ich, wie viel schöner ein stilles Glück an Deiner Seite ist, als all der Glanz und die kalte Pracht des Lebens in einer Großstadt.

Als ich in mein Zimmer kam, vermißte ich die Blume in meinem Haar. Hast Du, Geliebter, sie genommen? Wenn so, behalte sie nicht. Ich will nicht, daß etwas an Deiner Brust welke. Meine Liebe ist unsterblich, James, und hat kein Symbol in der Rose. Vielleicht denkst Du aber gar nicht an meine Liebe, sondern an meine Fehler. Wenn so, dann lasse die Blume, wo sie ist und denke: »So sind die Fehler meiner Geliebten; einst in voller Blüte und jetzt nur ein Erinnern. Als ich sie pflückte, begannen sie zu welken«. Oh, James, ich glaube, ich kann nie wieder launisch sein!


* * *


Lieber James!

Ich will, ich kann es nicht glauben! Obwohl Du beim Hinausstürmen sagtest: »Dein Vater wird alles erklären«, kann ich mich doch mit seinen Erklärungen nicht zufrieden gehen. Ich will es von Dir selbst hören! Wenn Du, nachdem ich Dir alles erklärt, was zwischen ihm und mir gesprochen ward, mir diesen Brief zusammen mit den übrigen, die ich Dir geschrieben, zurücksendest, dann erst will ich glauben, daß ich mich an einen morschen Stamm gelehnt und daß ich fortan ohne Schutz und ohne Trost in dieser Welt stehe.

Oh James, waren wir nicht glücklich? Ich glaubte an Dich und fühlte, daß Du an mich glaubtest. Als wir Brust an Brust unter der Linde saßen (war es erst gestern Nacht?) und Du schwurst, daß wenn es in der Macht eines Sterblichen läge, mich glücklich zu machen, ich jeden Tropfen jenes Glückes genießen sollte, da dachte ich, mein Himmelreich habe sich bereits aufgetan und ich brauchte nur mehr Dir das Deine zu schaffen.

In jenem Augenblicke trat mein Vater zu uns und sagte:

»James, ich muß mit Dir reden, ehe ich zugebe, daß meine Tochter sich noch weiter vergißt!« Ich mich vergessen! Was war geschehen? So hatte mein Vater noch nie gesprochen, wie gerne er auch gesehen hätte, daß ich Philemon Webb meine Gunst zuwandte, statt Dir. Ich mich vergessen! Ich schaute Dich an und wollte sehen, wie Du diese beleidigenden Worte aufnahmst. Du erblaßtest zwar, schienst aber nicht so unvorbereitet als ich und statt Aerger zu zeigen, folgtest Du meinem Vater in das Haus und ließest mich schauernd an dem Platze zurück, der vor einer Sekunde noch so voller Wärme gewesen. Du bliebst – wie lange? Mir schien es eine Stunde und vielleicht war es so lange, denn es muß sicher solange währen, einen Mann so zu ändern, als Dich. Ein Blitzstrahl aber zuckt schnell und ich schien mich in einer Sekunde, da ich Dich sah, ebenso verändert zu haben, als Du. Weshalb sonst hättest Du Dich schauernd von mir abgewandt und hättest auf meine bittenden, flehenden Worte nur entgegnet: »Dein Vater wird alles erklären«? So sehr ich meinen Vater liebe und achte, so kann ich doch nur glauben, daß er zu einer unwürdigen Unwahrheit Zuflucht genommen, um uns zu trennen und seinen Wunsch erfüllt zu sehen, mich mit Philemon zu vereinigen. Aus diesem Grunde schreibe ich Dir Wort für Wort, was zwischen uns gesprochen ward. Möge es Dich ebenso ergreifen, als es mich ergriffen hat. Der Vater begann:

»Agatha, Du kannst James Zabel nicht heiraten. Er ist kein Ehrenmann. Er hat mich bestohlen, mich, Deinen Vater, um mehrere tausend Dollars bestohlen. Er hat es schlau angefangen, was ihn ebenso listig als prinzipienlos zeigt. Soll ich Dir den Hergang erzählen? Er hat es mir überlassen, es zu tun. Er sah so gut, wie ich, daß nach dem, was ich heute entdeckte, jeder fernere Verkehr zwischen Euch eine Beleidigung wäre. Er ist wenigstens ein Gentleman und das ist schon etwas, wenn ich bedenke, wie nahe er daran war, mein Schwiegersohn zu werden«.

Ich hätte antworten können. Es gibt Menschen, die aufschreien, wenn man sie in die Brust stößt; es gibt solche, doch ich sagte kein Wort. Ich schaute ihn nur voll Verachtung an, eine Verachtung, ebenso maßlos, wie mein Vertrauen in Dich! Du unehrlich? Du – – –? Vielleicht lachte ich auch; das hätte eher meinem Fühlen entsprochen. Ich glaube fast, ich lachte.

Die nächsten Worte meines Vaters ließen mich erkennen, daß ich etwas derartiges getan.

»Du scheinst nicht an seine Schuld zu glauben«, fuhr er fort, in einem Tone, bei dem ich den ersten wirklichen Schmerz empfand. »Ich kann dies verstehen, Agatha. Arbeitete er doch so viele Jahre in meiner Offize, unter meinen eigenen Augen und hatte ich doch fast ebenso großes Vertrauen in ihn, als Du, trotz der Tatsache, daß er mir als vertrauter Buchhalter weit willkommener war, wie als Schwiegersohn. Er stand meinem Herzen nie nahe; wollte Gott, er wäre auch dem Deinen nie nahe gestanden. Er war ein ehrlicher und vertrauenswürdiger Mann, wenigstens glaubte ich so und ließ ihn daher Arbeiten verrichten, die ich selbst hätte besorgen sollen, die mir aber zu schwer fielen, besonders seit meine Gesundheit nachgelassen. Dieses Vertrauen hat er getäuscht. Vor etwa einem Monat – Du erinnerst Dich, als ich krank daniederlag – erhielt ich einen Brief von einem Manne, von dem ich nie mehr zu hören erwartet hatte. Er schuldete mir etwas über zehntausend Dollars und schrieb, daß er soviel von diesem Betrage nach Sutherlandtown gebracht habe, als er in den letzten fünf Jahren ersparen konnte. Leider hatte ihn Krankheit in der genannten Stadt ans Bett gefesselt und er könne nicht hierher kommen. Ob ich nicht zu ihm reisen würde, um das Geld in Empfang zu nehmen? Er sei fremd und wolle sich niemanden anvertrauen. Er habe das Geld und wolle es mir einhändigen. Da er allein auf der Welt stehe, ohne Verwandte und ohne Freunde, sei es ihm ein letzter Trost, daß er seine einzige Schuld auf dieser Welt abtragen könne und hoffe zuversichtlich, daß ich mit dem, was er habe, zufrieden sei und ihm Quittung darüber erteilen werde. Sollte sein Fieber steigen und er nicht bei Bewußtsein sein, wenn ich komme, dann sollte ich die linke Ecke der Matratze, auf der er liege, aufheben und unter seinem Kopfe die schwarze Brieftasche hervorziehen, in der ich dann das versprochene Geld finden würde. Er habe sich genug Geld zurückbehalten, seinen Unterhalt zu bestreiten und gehöre daher der ganze Inhalt der Brieftasche mir.

»Ich erinnerte mich des Mannes und seiner Schuld und wollte das Geld haben und da ich nicht selbst reisen konnte, sandte ich James Zabel. Er ging sofort nach Sutherlandtown und kam nach einigen Stunden mit der genannten Tasche zurück. Obwohl ich zu jener Zeit schreckliche Schmerzen litt, bemerkte ich doch, wie aufgeregt er war, als er mir die Tasche einhändigte und wie er eine gewisse Erregtheit zu verbergen suchte. »Mr. Orr lebte noch und war bei vollem Bewußtsein, doch glaube ich kaum, daß er den Morgen sehen wird. Er schien mit Ihrem Vertreter zufrieden und gab die Tasche ohne Zögern«. Ich richtete mich auf und fragte: »Was hat Sie so erregt?«, worauf er nach einigem Zögern antwortete: »Ich bin ziemlich scharf geritten« und langsam hinzufügte: »Es greift einen an, einen Mann allein und unter Fremden sterben zu sehen«.

Während ich das Geld zählte, – es war weniger, als ich eigentlich erwartet hatte – schaute ich auf den Zettel, der dabei lag; es war eine Anerkennung der Schuld und nannte den genauen Betrag, den ich finden würde: 2753,76 Dollar. »Die Ziffern sind mit anderer Tinte geschrieben, als der Schuldschein«, sagte ich zu James, ihm das Papier zeigend. »Wie erklären Sie das?« Es dauerte ziemlich lange, ehe er eine Antwort fand und als sie endlich kam, war sie gezwungen, fast eingelernt: »Es scheint, daß der Betrag erst in Sutherlandtown eingeschrieben worden war, nachdem Mr. Orr genau wußte, wie viel Geld er entbehren konnte«. »Das ist wohl möglich«, stimmte ich bei und hielt die Sache für erledigt.

»Heute indes zwang sich die Angelegenheit mir wieder auf und zwar auf eine höchst merkwürdige Weise. Ich war seit meiner Krankheit zum ersten Male wieder in Sutherlandtown, und neugierig, über meinen unglücklichen, ehrlichen Schuldner etwas Näheres zu erfahren, ging ich in das Hotel, darin er gewohnt und verlangte, das Zimmer zu sehen, in dem er gestorben. Da es leer stand, konnte ich sofort hinaufgehen. Ich sah, daß man meinem armen Freunde die letzten Stunden so comfortabel als möglich gemacht hatte und war eben im Begriffe, das Zimmer zu verlassen, als ich in einer Ecke des Tisches ein Schreibzeug bemerkte nebst einem alten Taschenbuche. Begierig zu sehen, ob die Zahlen, von denen mir Zabel gesprochen, mit dieser Tinte geschrieben worden waren, nahm ich aus dem Taschenbuche ein Stückchen Papier, tunkte die schlechte Feder in die dicke Tinte und versuchte, einige Worte zu schreiben, was mir nach vielen vergeblichen Versuchen auch endlich gelang. Ich verglich die Tinte mit der auf Mr. Orrs Schuldschein, den ich in der Tasche hatte und fand, daß sie genau dieselbe war und daß, wie James richtig vermutet hatte, der Betrag erst in diesem Zimmer ausgefüllt worden war, mit derselben Feder, die ich in der Hand hielt. Eben wollte ich mich entfernen, als der Wind das Blatt, auf das ich geschrieben, vom Tische blies. Ich bückte mich, hob es auf und sah, daß die andere Seite mit Zahlen bedeckt war, jedenfalls von Mr. Orrs Hand herrührend, als er die Feder probierte, wie ich es auch getan. Wieder nahm ich den Schuldschein aus der Tasche und verglich. Die Zahlen waren offenbar von ein und derselben Hand geschrieben, nur mit dem Unterschiede, daß der Betrag auf diesem Stückchen Papier immer mit einer 7 begann, während der Betrag auf dem Schuldschein mit einer 2 anfing. Sieh hier, Agatha, hier ist das Stückchen Papier, genau so, wie ich es gefunden. Du siehst hier, da, überall dieselben Zahlen: 7753,76; hier kaum lesbar, hier vom Löschblatt verwischt, hier etwas deutlicher und hier unzweifelhaft 7753,67. Auf dem Schuldschein aber steht 2753,76 Dollar und dieser Betrag ward mir auch eingehändigt – runde fünftausend Dollars weniger!«

Hier, James, hielt mein Vater inne, vielleicht, um mir einen bedauernden Blick zuzuwerfen, dessen ich nicht bedurfte, vielleicht auch, um Mut zu fassen für das weitere, das er zu sagen hatte. Ich brach das Schweigen nicht. Ich war zu fest von Deiner Unschuld überzeugt. Außerdem hätte auch nicht sprechen können, selbst wenn ich gewollt hätte; all mein Denken und fühlen schien erstarrt und nur der eine Gedanke lebendig: »Nein! James ist nicht schlecht! Er hat kein Unrecht begangen! Keinem Menschen will ich Glauben, nur ihm selbst, daß er Jemanden um etwas beraubte, außer mich ärmste um mein Herz!« Doch solche innere Schmerzensrufe können nicht gehört werden und so fuhr mein Vater fort:

»Fünftausend Dollars sind keine Kleinigkeit und brachte mich der Unterschied der beiden Zahlen zum Nachdenken. Ueberzeugt, daß Mr. Orr gewiß nicht so oft dieselbe Summe niedergeschrieben hätte, wäre es nicht diejenige gewesen, die er im Sinne gehabt, ging ich zu Mr. Forsyth, lieh mir ein Vergrößerungsglas und unterzog den Schuldschein abermals einer genauen Prüfung. Das Ergebnis bewies klar und deutlich, daß eine Aenderung an den Zahlen vorgenommen worden war, daß dem oberen Strich der 7 ein Häkchen angefügt wurde und dem Ende eine horizontale Linie.

»Agatha, ich war starr! Ich erinnerte mich, wie aufgeregt James Zabel gewesen, als er mir das Geld einhändigte, ich erinnerte mich auch, daß Du ihn liebtest oder zu lieben glaubtest und daß Du ihn zu heiraten versprochen, mit oder ohne Liebe. Wäre ich deß nicht eingedenk gewesen, wäre ich anders vorgegangen; so aber wollte ich James Zabel Gelegenheit geben, die Sache zu erklären und sprach deshalb ganz offen mit ihm. Agatha, er nahm diese Gelegenheit nicht wahr! Er hörte meine Anschuldigung, er folgte meinem Finger, als ich auf den Unterschied der beiden Zahlen wies, doch er sagte kein Wort und gab kein Zeichen, als ich ihn fragte, ob er mich glauben machen wolle, daß die Brieftasche, die er mir gab, wirklich nur etwas über zweitausend Dollars enthalten habe, als Mr. Orr sie ihm einhändigte. Im Gegenteil: er sank zusammen, wie einer, der seine ganze Zukunft vor sich vernichtet sieht, sagte, daß ich nichts glauben sollte, als seine völlige Zerknirschung über den Vertrauensbruch, dessen er schuldig befunden worden war und bat mich nur, bis zum Morgen zu warten, ehe ich weitere Schritte unternehmen würde.

Ich versprach ihm dies unter der Bedingung, daß er sofort aller Ansprüche auf Deine Hand entsage. Dies schien ihm das schlimmste; er ging indes, wie Du sahst, mit der einzigen Erklärung, Du mögest das weitere von mir erfahren. Sieht das aus wie Unschuld oder wie Schuld?« Jetzt erst fand ich Worte und schrie: »James Zabel, wie ich ihn kenne, ist ein Ehrenmann! Wenn er wirklich getan haben sollte, was Du mir sagst, Dir nur einen Teil des Geldes gab, das ihm anvertraut worden und die Zahlen änderte, um sie mit dem Betrage gleich zu machen, den er Dir brachte, dann ist diese Tat ein Widerspruch mit allen andern Taten seines Lebens, eine Tat, die zu erklären mir weit schwerer wird, als Dir die Verschiedenheit der Zahlen. Vater, ich muß aus seinem eigenen Munde hören, daß das, was Du gesagt, wahr ist, ehe ich es glaube!«

Und deshalb schreibe ich Dir Wort für Wort, was zwischen mir und dem Vater gestern Nacht gesprochen ward. Ist das, was er sagte, wahr und Du hast keine weitere Erklärung zu geben, dann schicke mir diesen Brief zurück und er soll mir zeigen, daß seine Anklagen gerechte sind und daß jedes Band zwischen uns gelöst sein muß. Wenn aber – – oh, James, wenn Du der treue Mann bist, für den ich Dich halte und wenn alles nur Lug und Trug ist, dann komme sofort zu mir! Zögere keine Sekunde, komme sofort und das liebe Gesicht am Tore soll mir Beweis genug sein, daß Du unschuldig bist!

Agatha.


* * *


Der nächste Brief war sehr kurz:


Lieber James!

Das Paket mit meinen Briefen habe erhalten. Gott helfe mir, diesen Schlag zu überwinden. Er ist das Grab all meiner Hoffnungen und der Tod all meines Glaubens.

Ich zürne Dir nicht; nur die, welche noch etwas zu hoffen haben im Leben, können zürnen.

Mein Vater sagt mir, er habe auch ein Paket erhalten; es enthielt fünftausend Dollars. James! James!! War meine Liebe Dir nicht genug, daß Du auch noch nach meines Vaters Geld verlangtest?

Ich bat meinen Vater – und er hat es mir versprochen – die Ursache Eurer Entfremdung geheim zu halten. Kein Mensch soll je erfahren, daß James Zabel nicht vollkommen ist.


* * *


Der nächste Brief war einige Monate nachher geschrieben. Er war an Philemon adressiert:


Lieber Philemon!

Die Handschuhe sind zu klein; außerdem trage ich nie Handschuhe. Ich hasse den Zwang und sehe auch keinen Grund, weshalb ich meine Hände in dieser kleinen Stadt, wo mich Jedermann kennt, verbergen soll. Warum gibst Du sie nicht Hattie Weller? Sie hat solche Dinge gern. Ich hatte genug davon. Ein Mädchen, das einen sterbenden Vater zu pflegen hat, findet keine Freude an solchen Dingen.


* * *


Lieber Philemon!

Es ist unmöglich. Ich habe einmal geliebt und nun ist mein Herz gestorben. Zeige Deine Großmut dadurch, daß Du mich nicht länger drängst, das vergangene zu vergessen Das ist alles, was Du tun kannst für

Agatha.


* * *


Lieber Philemon!

Du bestehst auf meiner Hand, obwohl ich Dir sagte, daß ich Dir mein Herz nicht dazu geben kann. Es ist schwer, solche Beharrlichkeit zu verstehen. Wenn Du aber zufrieden bist, ein Mädchen meines Charakters gegen ihren Willen zu heiraten, dann sei Gott Dir gnädig – denn ich will Deine Gattin werden.

Verlange aber nicht, daß ich in Sutherlandtown wohne. Ich will hier bleiben. Auch Deinen Verkehr mit den Zabels mußt Du aufgeben. Es besteht keinerlei Band mehr zwischen James Zabel und mir. Wenn Du aber willst, daß ich den einzigen Sonnenstrahl, der mir verblieben, der alles ist, was ich Dir geben kann und was Du zu erwarten hast, über Dein Haus breiten soll, dann halte alle Einflüsse von mir fern, ausgenommen die Deinen.

Daß Dein Haus mir einst lieb und zur Heimat werde, das ist mein aufrichtiges Gebet, denn Du bist eines treuen Weibes wert.

Agatha.


* * *


Lieber John!

Ich werde mich verheiraten. Mein Vater wünscht es und ich sehe keinen Grund, weshalb ich ihm diesen letzten Wunsch versagen sollte. Ich sehe keinen Grund. Bist Du oder Dein Bruder indes anderer Meinung – – –

Sage James »Lebewohl« für mich. Ich bete, daß sein Leben ein friedvolles sein möge; ich weiß, es wird ein ehrliches sein.

Agatha.


* * *


Lieber Philemon!

Mein Vater ist heute schlimmer; er fürchtet, daß es ihm nicht möglich sein wird, uns vereint zu sehen, wenn wir bis Dienstag warten. Tue, was Du für unsere Pflicht hältst; ich füge mich Deinem Beschlusse.

Agatha.


Der folgende Brief ist von John Zabel an seinen Bruder James geschrieben und zwar einen Tag nach Erhalt des vorstehenden.


Lieber James!

Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich weit weg von hier, um Dir nie wieder unter die Augen zu kommen, ausgenommen Du verlangst es. Bruder, mein Bruder! Ich wollte Dein Bestes, doch Gott war nicht auf meiner Seite und so machte ich vier Menschen unglücklich, ohne auch nur einem einzigen zu helfen!

Als ich Agathas Brief gelesen – den letzten, den ich wohl je von ihr erhalte – da fühlte ich erst, wie nichtswürdig elend ich zwei Herzen gemacht. Zum ersten Male ward es mir klar, wie glücklich sie geworden wäre, wäre ich nicht gewesen und wie Du der Gatte der edelsten Frau sein könntest, die je in Portchester lebte. Es kam mir zum Bewußtsein, wie leidenschaftlich ich selbst sie geliebt und der Gedanke, daß sie vielleicht Dich verdächtigen könnte, die Schlechtigkeit begangen zu haben, regte mich derart auf, daß ich beschloß, zu ihr zu gehen und ihr alles zu sagen, ehe sie Philemon die Hand reichte. Weshalb ich täglich Dein Elend mit ansah und dies nicht früher tat, kann ich nicht sagen; vielleicht aus Eifersucht; vielleicht hielt mich der große Unterschied, der zwischen Deiner aufopfernden Bruderliebe und meiner nichtswürdigen Schwäche bestand, von dem einzigen ehrenhaften Weg zurück, der mir offen stand. Wie dem auch sei, erst heute faßte ich den Entschluß, alles zu gestehen und, um ja nicht wieder schwach zu werden, ging ich sofort zu Mr. Gilchrist.

Er lag im Wohnzimmer auf einem Sopha, schwach und erschöpft Agatha stand auf der einen Seite, Philemon auf der andern und schauten ihn besorgt an. Ich hatte nicht erwartet, Philemon im Hause zu finden und empfand mehr als je die Tiefe des Abgrundes, in den ich mich zu stürzen im Begriffe war. Agathas zitternde Gestalt indes, die bei meinem plötzlichen Erscheinen äußerst erregt schien, brachte mich schnell zum Bewußtsein meiner Lage und gab mir die Festigkeit, deren ich so nötig bedurfte. Ich verbeugte mich und sagte dann schnell das eine, um dessentwillen ich gekommen war:

»Agatha, ich habe ein großes Unrecht an Dir begangen und ich bin hier, es gut zu machen. Seit Monaten wollte ich kommen und alles gestehen, doch erst heute fand ich den Mut dazu und jetzt soll mich nichts mehr daran hindern!« Ich machte diesen letzten Zusatz, weil ich sah, wie sowohl Mr. Gilchrist als auch Philemon mir Einhalt zu gebieten suchten. Mr. Gilchrist hatte sich auf den Ellbogen gestützt und Philemon machte jene flehende Gebärde, die Du gut kennst. Agatha allein veranlaßte mich zum Weitersprechen. »Was ists?« rief sie. »Ich habe ein Recht, es zu wissen!« Ich ging zur Türe, schloß sie und lehnte mich mit dem Rücken dagegen, ein Bild der Scham und Verzweiflung. Plötzlich fand ich Worte. »Agatha«, sagte ich, »weshalb hast Du James aufgegeben? Weil Du ihn des Diebstahls schuldig glaubtest, weil Du dachtest, er habe die fünftausend Dollars von dem Gelde behalten, das Mr. Orr ihm übergeben hatte. Agatha, nicht James hat das getan, ich tat es! James nahm die Schuld auf sich, weil er zu gut ist und meine Schwäche kannte und weil er wußte, daß die Schande mich töten würde, sollte sie bekannt werden«.

Wie schwach war diese Entschuldigung! Sie verdiente keine Antwort. Doch das Schweigen, das folgte, war so schrecklich und dauerte so lange, daß ich entsetzt den Kopf hob und die Gruppe vor mir anschaute, zu der ich vorher nicht mein Auge zu erheben gewagt hatte. Nur eine Person schaute mich an: Agatha. Die andern blickten zur Seite, fast ebenso schuldig, wie mir schien, als ich selbst. Sie aber! Wie kann ich Dir ihren Blick beschreiben oder Dich meine Selbst-Erniedrigung verstehen machen, in der ich vor ihr stand? Es war so schrecklich, daß ich vermeinte, ihren Fluch zu hören, obwohl ich sicher bin, daß sie kein Wort sagte. Und um das Kommende, Fürchterliche fernzuhalten, schrie ich: »Ich habe es einzig um meiner selbst willen getan, Agatha. Ich liebte Dich wild, leidenschaftlich, blind und – oh, der Elende, der ich war! – glaubte, Dich ihm entfremden zu können, wenn ich Dir mehr der weltlichen Güter bot, als er Dir zu geben imstande war. Du liebst Reichtum, Staat und äußere Pracht, das sah ich aus Deinen Briefen und wenn James Dir all das nicht geben konnte, ich es aber besaß, so hoffte ich – – – Oh, sieh mich nicht so an! Ich weiß es ja, daß Millionen Dein Herz nicht kaufen können!«

»Scheusal!« war alles, was sie sagte. Das Wort schnitt in die Seele; ich suchte die Klinke und wollte mich hinausschleichen, doch sie ließ mich nicht gehen. Die Augen weit offen, mit stierem Blicke, tief aufatmend, als ob ihr die Brust zu enge und die Kehle zugeschnürt sei, hob sie die rechte Hand und stieß endlich die Worte hervor: »Wie geschah das? Du sagst, Du nahmst das Geld! Es war aber James, der zu dem Fremden gesandt worden war – so wenigstens sagte mir mein Vater!« Dabei schaute sie von mir nach jenem. Was sie sah, weiß ich nicht, doch ihr Benehmen veränderte sich sichtlich und sie schaute fernerhin ebenso oft auf ihn, als auf mich. »Ich warte, was Du zu sagen hast«, sagte sie und hielt ihre Hand auf die Türe über meinem Kopf, sodaß ich nicht entschlüpfen konnte. Ich senkte meine Augen und begann:

»Du hast recht, Agatha, der Auftrag war James gegeben worden und er ritt auch nach Sutherlandtown, um ihn auszuführen. Es war an dem Tage, an dem er gewöhnlich zu Dir kam, was ihn aufregte. Außerdem fürchtete er auch, daß er keine Zeit habe, Dir zu schreiben, wie er es gewohnt war. Als er daher in das Hotel kam und mich in Philemons Zimmer sah – ich war oft dorten, ohne daß Philemon es wußte – dachte er, er habe einen Ausweg gefunden und bat mich, statt seiner zu Mr. Orr zu gehen und das Geld in Empfang zu nehmen, dieweil er den Brief an Dich schriebe. Da wir stets ein Herz und eine Seele waren – leider nicht mehr seit jener Stunde und nie in dem einem Punkte, der Deinen Besitz betraf – so sagte ich zu, trotzdem meine Eifersucht erregt war und ich es ihm gerne unmöglich gemacht hätte, Dir den Brief zu schreiben. Er gab mir seinen Einführungsbrief und genaue Anweisung, was ich zu tun habe, worauf ich den Gang hinab, nach Mr. Orrs Zimmer ging, während er sich an Philemons Tisch setzte, um an Dich zu schreiben. Es war niemand im Gange, niemand in Mr. Orrs Zimmer, der sah, daß ich statt James Deines Vaters Auftrag ausführte. Damals jedoch dachte ich an nichts unrechtes. Ich klopfte an, trat auf den schwachen Ruf des Kranken ein und sah den Armen sterbend auf dem Bette liegen. Er war natürlich erstaunt, statt Mr. Gilchrist einen Fremden zu sehen; als er indes den Brief gelesen, den ich ihm gegeben, zog er selbst die Tasche unter seinem Kissen hervor und händigte sie mir ein. »Sie finden ein Memorandum über den Betrag in der Tasche«, sagte er. »Es sind 7753,67 Dollar. Ich hätte Mr. Gilchrist gerne alles zurückbezahlt, doch das ist alles was ich habe, ausgenommen hundert Dollars, die ich mir für meine letzten Ausgaben zurückbehielt«. »Mr. Gilchrist wird damit zufrieden sein«, versicherte ich ihm. »Soll ich Ihnen eine Quittung ausstellen?« Er schüttelte den Kopf und lächelte bitter. »In vierundzwanzig Stunden bin ich tot«, sagte er; »was soll mir dann eine Quittung? Dies schien mir ungeschäftsmäßig; ich ging zum Tische, woselbst ich Tinte und Papier sah, um eine Quittung auszustellen. Vorher wollte ich indes den Betrag nachzählen und fand, meist in großen Noten, den Betrag, den er mir genannt hatte. Dann schaute ich auf das Memorandum. Es war zweifellos vor längerer Zeit ausgestellt worden, denn die Worte waren mit fester Hand geschrieben und mit blauer Tinte, während der Betrag kaum leserlich und mit schmutzig-schwarzer Tinte eingefügt worden war. Besonders die 7 glich kaum etwas mehr als einem Striche. Da flüsterte mir der böse Geist ins Ohr, erst leise, dann immer lauter: Wie leicht ließe sich aus dieser 7 eine 2 machen! Nur ein Häkchen oben und ein kleiner Strich unten und der Betrag ist 5000 Dollar weniger! Die Versuchung war zu groß für mich. Ich schaute auf Mr. Orr und sah, daß er entweder schlief oder bewußtlos war. Fünftausend Dollars! Gerade die Summe der zehn Fünfhundert Dollars-Noten, die ich vorhin in Händen gehabt hatte! In einer kleinen Stadt, wie der unsern, würde eine solche Summe mich zum reichen Manne machen! Ich konnte der Versuchung nicht länger widerstehen. Ich ergriff die Feder, machte die kleinen Aenderungen und – – – als ich zu James kam, trug ich die Brieftasche in meiner Hand, die fünftausend Dollars aber in meiner Brusttasche. . . . . . .«

Agatha war so erregt, daß die Türe klapperte, an die ich mich lehnte. Und als Du Deines Unrechts bewußt wardst, als Du sahst, daß man den Betrug entdeckt hatte und daß man Deinen Bruder verdächtigte – –«

»Nicht!« rief ich flehend, »lasse mich jene Stunde nicht zurückrufen!«

Doch sie war unerbittlich.

»Jene und jede andere Stunde sollst Du Dir zurückrufen« rief sie. »Sage mir, weshalb jener sich opferte, weshalb er mich opferte, für einen Hund, der – – –«

Sie hielt inne; sie fürchtete ihre Zunge und ihre Wut. Sie bebte am ganzen Körper. »Sprich!« flüsterte sie – – – es war ein Flüstern, das mich schauern machte.

James hielt die Tasche in seiner Hand. »Wie viel glaubst Du, ist darinnen? Er schuldete zehntausend Dollars«. Ich wandte mich ab, schaute aus dem Fenster und sagte: »Auf dem Memo in der Tasche steht etwas über zweitausend. Er bat um Entschuldigung, daß er nicht mehr geben konnte, doch er habe es nicht«. Ich fühlte James Augen auf mir ruhen. Weshalb? Konnte er die gestohlenen Noten in meiner Tasche bemerken? »Wie kamst Du dazu, das Memo zu lesen?« fragte er. »Mr. Orr verlangte es; ich tat es auf seinen ausdrücklichen Wunsch«.

Dies war eine Lüge, die erste Lüge, die ich je ausgesprochen. James schaute mich immer noch an. »John«, sagte er wieder, »dieser Auftrag scheint Dich außergewöhnlich erregt zu haben. Ich hätte selbst gehen sollen – ich bin sicher, ich hätte selbst gehen sollen«. »Der Mann liegt im Sterben«, entgegnete ich; »es war ein schrecklicher Anblick. Sei froh, daß Du das Geld hast . . . . Soll ich Deinen Brief zur Post bringen?« Er steckte den Brief in seine Tasche und schaute mich wiederum an, doch er sagte nichts mehr zu mir. Er wiederholte nur immer die Worte: »Ich hätte selbst gehen sollen. Agatha konnte warten«, und verließ das Zimmer. Ich blieb, bis Philemon zurück kam. Mein Bruder und ich waren durch ein Verbrechen für immer von einander geschieden, durch ein Verbrechen, das er nicht kannte, das er aber ahnte und das ihn auf die Unterredung vorbereitete, die er einige Wochen darauf mit Mr. Gilchrist hatte. In jener Nacht kam er zu mir nach Sutherlandtown und begann ohne Umschweife: »John, wo sind die fünftausend Dollars, die Du von Mr. Gilchrists Geld zurückbehalten hast? Auf dem Memorandum steht siebentausend Dollars, während Du mir nur zweitausend übergeben hast«. Ich brach zusammen. »Da! Ich wußte, Du hast kein Mark in Dir!« fuhr er fort. »Ich habe deshalb auch die Schuld auf mich genommen; ich bin ja auch tatsächlich der schuldige, denn ich hätte selbst gehen sollen; jetzt brauchst Du Dich nur zu schämen, James Zabel Deinen Bruder nennen zu müssen. Dafür gibst Du mir sofort das Geld – Du kannst es noch nicht verbraucht haben – damit ich es morgen zurückerstatten kann und bist Du dann, oder vielmehr ich, in den Augen der Welt nur ein Spitzbube, aber kein Dieb«. Hätte er nur geschwiegen! Er fuhr aber fort: »Agatha ist für mich verloren, John; sei Du mir dafür wieder Bruder, wie Du es stets gewesen, bis diese Stunde zwischen uns kam«.

»Du für ihn verloren! Das war alles, was ich hörte, Du für ihn verloren! Da erfaßte mich eine satanische Freude. Ich gab ihm das Geld, aber ich schwieg, denn wenn ich meine Schuld bekannte, dann war ich nicht nur verachtet, nein, er würde auch das einzige Weib gewinnen, das ich je im Leben geliebt! Das war zuviel für meine feige Seele . . . . . .«

»Und dann?«

»Dann mußte ich sehen, wie Philemon allmählich den Platz einnahm, den James einst inne gehabt – – –«

»John« fragte sie darauf mit wunderbarer Selbstbeherrschung, »weshalb kommst Du heute?«

Ich schaute auf Philemon; er stand mit abgewandten Augen, wie zuvor. Er schien gekränkt, entmutigt und doch so voller Nachsicht und da ich dachte, daß er stärker ist, als Du oder ich, stärker, einen großen Schmerz zu ertragen, sagte ich mit lauter Stimme:

»Ich wollte Dir die Wahrheit sagen, ehe Du Dein Jawort gibst, ehe es zu spät ist«.

Ihre Hand fiel schlaff danieder, doch ihr Auge blieb an mir haften. Nie im Leben sah ich solchen Blick und ich hoffe nie im Leben wieder einen solchen zu sehen!

»Es ist zu spät!« murmelte sie. »Der Priester, der uns traute, ist eben gegangen«.

Im nächsten Augenblicke wandte sie sich um und schaute ihren Vater und ihren jungen Ehegatten an.

»Vater«, rief sie mit scharfer, schneidender Stimme, »Du hast das alles gewußt! Ich sah es an Deinem Gesicht, als der da zu sprechen begann!«

Mr. Gilchrist sank in das Kissen; er war sehr krank und die Situation hatte ihn zu sehr aufgeregt.

»Ich erfuhr es erst neulich«, flüsterte er »und da warst Du bereits mit Philemon verlobt. Weshalb auch dies Versprechen brechen?«

Sie schaute ihn an, als ob sie ihren eigenen Ohren nicht traute. Solche Gleichgültigkeit beleidigter Unschuld gegenüber schien ihr unfaßbar. Sie zitterte und jeder Blutstropfen wich aus ihrem Antlitz.

»Und Du, Philemon«, fragte sie mit gezwungener Ruhe, »Du hast es sicher nicht gewußt. Da Du das Verbrechen nicht kanntest, wußtest Du auch nicht, welche Lüge mich von James trennte«.

Doch Philemon schien nicht so unschuldig als sie glaubte.

»Agatha«, begann er. Doch ehe er ein ander Wort sprechen konnte, ehe er die Hände zu erfassen vermochte, die sie in ihrem Schmerz ausgestreckt, stieß sie einen lauten Schrei aus, trat zurück und schaute ihren Vater und Gatten mit einem Blicke tiefster Verachtung an, wobei sie mit der ganzen Wut zurückgehaltener Leidenschaft rief:

»Auch Du! Auch Du!! Und erst eben habe ich geschworen, Dich zu lieben, zu achten und Dir zu gehorchen! Lieben, Dich! Achten, Dich!! Du gewissenloser Wicht, der Du – – –«

Da richtete sich Mr. Gilchrist auf. Schwach, zitternd, erfüllt mit tiefster Erregung, erhob er sich, ging auf seine Tochter zu und legte seine Hand auf ihren Mund.

»Schweig!« sagte er. »Philemon trifft keine Schuld. Vor etwa einem Monat kam er zu mir und fragte mich, weshalb ich Dich und James getrennt habe. Er hatte immer geglaubt, Ihr hättet irgend einen Streit gehabt, der sich wieder ausgleichen würde; in letzter Zeit indes habe es ihm geschienen, als ob ein ernsterer Grund vorliege, etwas, das er wissen sollte. Ich sagte ihm die Wahrheit. Doch sei es nun, daß er James besser kannte, sei es, daß er die beiden Brüder richtiger beurteilte, er sagte sofort: »Das kann von James nicht wahr sein; es liegt nicht in seiner Natur, einem Menschen unrecht zu tun. Wenn es John wäre, würde ich es eher glauben. Liegt da keine Verwechselung vor?« Ich hatte nie an John gedacht und konnte mir auch nicht denken, wie John in eine Sache verwickelt sein konnte, die ein Geheimnis war zwischen James und mir. Bei längerem Nachdenken entsann sich Philemon, daß er John an jenem Tage beim Nachhausekommen in seinem Zimmer gefunden und da Mr. Orrs Krankenzimmer keine fünf Türen von dem seinen entfernt war, vermutete er sofort, daß etwas mehr hinter der Sache steckte, als ich wußte. Er legte die Frage James vor, der denn auch Johns Schuld nicht leugnete, aber die ausdrückliche Bedingung stellte, daß Dir vor Deiner Hochzeit keine Silbe des wahren Sachverhaltes gesagt werden dürfte. Er wußte, daß Du einem Ehrenmanne versprochen warst, einem Manne, der Deinem Vater willkommen ist, einem Manne, der Dich glücklich machen kann und wird. Er wollte nicht die Ursache eines neuen Bruches Deines Eheversprechens sein und vor allem – und das war jedenfalls sein Hauptgrund, denn James Zabel war immer der stolzeste Mann, den ich kenne – wollte er Deinen Namen nicht mit dem eines Mannes verknüpfen, der nicht gänzlich ohne Tadel war; das stände seinem Glücke im Wege und im Laufe der Jahre auch dem Deinen, denn seines Bruders Schuld sei auch die seine. Obwohl er Dich noch liebe, sei seine einzige Bitte die, daß nach Jahren, wenn Du verheiratet und glücklich seist, Philemon Dir sagen sollte, daß der Mann, dem Du einst gut gewesen, nicht unehrenhaft war. Ihm zu gehorchen, hat Philemon geschwiegen, während ich – – Agatha, was ist Dir! Bist Du von Sinnen?«

Man hätte es glauben können. Sie zog den Ring vom Finger, den sie kaum eine Stunde getragen und warf ihn zu Boden. Dann hob sie beide Hände gen Himmel und schrie in herzzerreißendem Tone:

»Fluch, Dir, Vater, Fluch, Dir, Gatte, die Ihr Euch verschworen, mich den Tag verfluchen zu lassen, an dem ich geboren! Den Vater kann ich nicht verläugnen, aber den Gatten – – –«

»Schweig!« rief Mr. Gilchrist, während Philemon lautlos dastand, »und fluche nicht! Er ist vielleicht einst der Vater Deiner Kinder!«

»Kinder!« schrie sie. »Sollte ich diesem Manne jemals Kinder gebären, dann möge sie der Himmel treffen, wie er mich heute getroffen! Mögen sie sterben, wie all meine Hoffnungen starben oder falls sie leben, sollen sie ein Herz zerfleischen, wie das meinige zerfleischt ist und ihrem Vater fluchen, wie ich – – –«

Von Furien gepeitscht, rannte ich davon. Doch noch ehe ich die Türe hinter mir geschlossen, hörte ich einen andern Schrei, der mich zurückrief. Mr. Gilchrist lag leblos am Boden, während Philemon, der duldsame, edle Philemon Agatha in seinen Armen hielt und sie mit sanften, liebenden Worten zu beschwichtigen suchte, als habe sie ihn eben gesegnet und nicht des Himmels Fluch auf ihn herabgerufen, wie er fürchterlicher nie eines Weibes Lippen verlassen.


* * *


Der nächste Brief war von Agatha geschrieben. Er war einige Monate später datiert und mehr zerknittert und abgegriffen, als irgend ein anderer des ganzen Paketes. Hätte Philemon den Grund hierfür angeben können? Kamen jene Flecken von Tränen, Tränen, vor vierzig Jahren geweint, als sie Beide noch jung waren und Liebe zwischen ihnen so fremd? War das Papier so zerknittert und die Kanten so abgenutzt, weil er den Brief auf seiner Brust getragen und ihn so oft geöffnet und wieder gelesen hatte?


* * *


Lieber Philemon!

Du bist erst einen Tag und eine Nacht von mir fort und doch scheint es mir so lange, daß ich Dir schreiben muß. Du warst so gut zu mir von Anbeginn jener schrecklichen Stunde, Philemon, die unserer Hochzeit folgte, daß ich manchmal – ich wage nicht »immer« zu sagen – fühle, als ob ich Dich zu lieben anfange und daß Gott doch mein Bestes wollte, als er mein Schicksal mit dem Deinen verband. Gestern wollte ich Dir dies sagen, als Du beim Abschied mich beinahe küßtest. Doch ich fürchtete, es wäre nur eine momentane Sentimentalität und schwieg. Aber heute ist es mir wie ein sonniger Frühlingstag, wenn ich daran denke, daß das Haus morgen wieder Deine Schritte hört und daß ich auf dem leeren Platze vor mir wieder Dein gütiges, nachsichtiges Antlitz sehe und ich empfinde, daß das Herz, das ich gestorben glaubte, zu leben beginnt und daß die unermeßliche Güte und Liebe von einem, der Grund zur Bitterkeit und zu Vorwürfen hat, das vollbringt, was ich noch vor einigen Monaten für unmöglich gehalten hatte.

Oh, ich bin so glücklich, Philemon, so glücklich, daß ich nun den Mann lieben kann, den es meine Pflicht ist, zu lieben. Und wäre es nicht um den schrecklichen Gedanken, einen Vater sterben gesehen zu haben, während die fürchterlichsten Worte an sein Ohr klangen und einen Gatten neben mir zu wissen, der mir noch nicht Gatte ist und der Gedanken im Herzen trägt, welche die Liebe eines andern Mannes in Haß verwandelt hätten, ich könnte glücklich sein und sogar singen, während ich durch das Haus gehe und es für Deine Rückkehr heimisch mache. Wie es aber nun ist, kann ich nur meine Hände auf mein heiß-pochendes Herz legen und beten: »Gott segne meinen abwesenden Philemon und helfe mir, daß er mir vergebe. Ich vergebe ihm und liebe ihn, wie ich es nie für möglich gehalten hätte«.

Damit Du siehst, daß dies nicht nur bloße Worte einer einsamen Frau sind, will ich Dir schreiben, daß ich heute hörte, daß John und James Zabel zusammen eine Schiffsbauwerft betreiben wollen und zwar mit dem Gelde, das Johns Onkel ihm hinterlassen. Ich hoffe, sie reüssieren. James, sagt man, ist ein tüchtiger Geschäftsmann und vollkommen zufrieden. Dies nimmt mir manche Sorge um ihn. Gott wußte sicher, welcher Mann für mich der beste war. Mögest Du Dich ebenso gesegnet mit Deiner Frau fühlen.


* * *


Ein anderer Brief an Philemon, ein Jahr später.


Lieber Philemon!

Eile nach Hause, Philemon, ich kann diese Abwesenheit nicht ertragen. Ich bin eben zu schwach, zu ängstlich. Seit ich weiß, welches große Glück uns bevorsteht, habe ich oft in Deinen lieben Zügen geforscht, ob ich kein Zeichen dessen finden würde, was diese Hoffnung in meinem schauernden Gedächtnis wachruft. Philemon, Philemon! War ich wahnsinnig? Wenn ich daran denke, was ich in meinem Zorne sagte und dann an das Leben denke, das ich unter meinem Herzen fühle, dann frage ich mich, warum mich Gott nicht sterben ließ, statt mich mit dem Höchsten zu segnen, das einem Weibe zu teil werden kann. Philemon, Philemon! Wenn dem Kinde etwas passieren sollte! Ich denke daran Tag und Nacht! Ich weiß, Du denkst auch daran, trotzdem Du immer so lieb zu mir bist und so schöne Pläne für die Zukunft baust. Wird Gott sich meiner Worte erinnern oder wird er sie vergessen? Es ist mir, als ob mein Verstand davon abhinge!


* * *


Eine Antwort auf einen Brief von John Zabel.


Lieber John!

Dank für die Worte, die von keinem andern kommen konnten. Mein Kind ist tot. Durfte ich etwas anderes erwarten? Wenn ich es tat, hat Gott mich dafür gestraft.

Philemon denkt nur an mich. Wir verstehen einander so gut, daß unser größter Schmerz der ist, den andern leiden zu sehen. Meine Last kann ich tragen, aber die seine – – –. Komm und besuche mich, John. Sage James, unser Haus steht auch ihm offen. Wir haben alle gefehlt und eine Schuld verbindet uns alle. Laßt uns wieder Freunde sein.


* * *


Darunter stand in Philemons Handschrift:

Meine Frau ist abergläubig. So stark und gottesfürchtig sie sonst ist, glaubt sie doch, daß der plötzliche Tod unseres Erstgeborenen ein Zeichen ist, daß gewisse Worte, die sie an unserem Hochzeitstage gesprochen und die Du und wie ich annehme auch James leider kennst, von dem gerechten Gott über uns nicht vergessen worden sind. Dies ist eine Schwäche, gegen die ich leider nicht ankämpfen kann. Kannst Du, der Du allein die Worte und den Grund dafür kennst, durch Deine Freundschaft sie vergessen machen? Dann kommt zu uns, wie alte Nachbarn und speist mit uns an unserem Hochzeitstage. Wenn Gott sieht, daß wir Vergangenes vergessen und uns unsere Jugendfehler verziehen haben, wird er vielleicht auch diesem edlen Weibe vergeben. Ich hoffe, sie ist stark genug, den Schlag zu überwinden. Sie ist tapfer und mutig, ausgenommen wenn ein junges Lebewesen in Betracht kommt; das allein kann ihr künftig Schmerz bereiten.


* * *


Nach diesem Brief verging ein Zeitraum von vielen Jahren. Zwei, drei, vier, fünf Kinder wurden im Kirchhofe von Portchester begraben. Dann zogen Agatha und Philemon nach Sutherlandtown, doch erst, nachdem etwas geschehen, das folgender Brief an Philemon am besten erklärt.


* * *


Liebster Gatte!

Unser Kind ward geboren, unser sechstes und liebstes und ich ganz allein mußte seinen ersten, anklagenden Blick sehen. Oh, weshalb bin ich von Dir fort nach dem großen Boston, wo ich außer Mrs. Sutherland keinen Menschen zum Freund habe? Dachte ich, ich könnte dem Schicksal entrinnen, dadurch, daß ich das liebe Geschöpf unter Fremden gebar? Ich müßte etwas anderes tun, sollte ich das Kind retten wollen. Es kam wie eine Offenbarung über mich, daß kein Kind an meiner Brust liegen und leben, in meinen Armen ruhen und atmen könne. Wenn es leben soll, müssen andere es aufziehen, eine Frau, die nicht gottlos des Himmels Fluch auf sich geladen hat. Weder ich noch Du kannst je hoffen, unseres Kindes Liebe zu genießen; ehe es uns liebkosen kann, wird es dahinwelken wie eine Blume und uns einsam zurück lassen. Was sollen wir also mit diesem unschuldigen Kinde tun? Wem können wir es anvertrauen? Kennst Du einen Mann, der gut genug wäre oder eine Frau, edel genug? Ich kenne keine. Doch wenn Gott will, daß unser kleiner Frederick leben soll, dann wird Er jemanden finden, und an dem Schmerz, der bei dem bloßen Gedanken an Trennung meine Brust zerreißt, fühle ich, daß Er jemanden finden wird! Inzwischen wage ich nicht, das Kind zu küssen, aus Furcht, mein Atem könnte es töten. Das Kind ist so stark, Philemon, so verschieden von all den andern.

Ich öffne den Brief nochmals, um beizufügen, daß Mrs. Sutherland mir eben ihr fünf Wochen altes Kindchen zeigte. Sein Vater ist ebenfalls verreist und hat den Jungen noch nicht gesehen und das ist ihr erstes Kind nach zehnjähriger Ehe. Oh, wäre meine Zukunft so rosig, wie die ihre!


* * *


Der nächste Brief beginnt mit einem Schrei.


Philemon! Komme zurück, Philemon! Ich habe getan, was ich zu tun drohte! Ich habe das Opfer gebracht! Unser Kind ist nicht länger unser Kind und bleibt nun vielleicht am Leben. Aber ach, es bricht mir das Herz! Meine leeren Arme! Komm und helfe mir, meine Einsamkeit tragen, denn sie dauert ewig – wir werden nie wieder ein Kind haben.

Wo es ist? Das ist ja das wunderbare! In Deiner Nähe, Philemon und doch so ferne. Mr. Sutherland hat es und wärst Du gestern Nacht in Sutherlandtown gewesen, als der Expreßzug durchfuhr, Du hättest sein süßes Gesichtchen vielleicht am Fenster sehen können. Ach, sie hat auch ihre Last zu tragen, eine schreckliche geheime Last, wie die meine, nur hat sie dabei einen Trost: mein Kind, denn sie, Philemon, hat es genommen und hat mir das ihre gelassen, das ich gestern Nacht sterben sah. Mr. Sutherland weiß nicht, was sie getan und wird es auch nie erfahren, wenn Du das Geheimnis bewahrst, wie ich es hüten werde, dem Leben zu Liebe, das so unserem Kinde gegeben ist.

Wie es gekommen? Es war Gottes Werk, Philemon, Gottes Werk, ausgenommen der Betrug und der geschah zum Besten von uns Allen, um vier gebrochene Herzen zu heilen. Höre: gestern, erst gestern – es scheint mir schon einen Monat her – kam Mrs. Sutherland, ihr Kind im Arm, mir »Lebewohl!« zu sagen. Mr. Sutherland wird diese Woche zu Hause erwartet und sie wollte nach Sutherlandtown reisen, ihn dort zu begrüßen. Das Kind schien gesund und sie war die glücklichste aller Frauen, denn ihr innigster Herzenswunsch war ihr ja erfüllt worden und sie konnte das Kind bald dem Vater in die Arme legen. Mein eigen Kind lag schlafend in seinem Bettchen und ich saß auf einem Stuhle, so weit als möglich von ihm entfernt; nicht, als ob ich es haßte, oh nein, sondern weil es ruhiger zu schlafen schien, wenn meine sehnsüchtig verlangenden Blicke es nicht trafen. Mrs. Sutherland ging hin und schaute unsern Jungen an. »Er ist blond, wie mein Junge«, sagte sie »und fast ebenso dick, obwohl der meinige einen ganzen Monat älter ist«. Dann beugte sie sich nieder und küßte ihn und er, Philemon, er lächelte sie an, wie er niemals mir zugelächelt hatte! Fast hätte ich laut aufgeschrien!

Wir saßen dann zusammen und sprachen. Von was? Ich kann mich deß nicht mehr erinnern. Zu Hause waren wir nie sehr befreundet gewesen; sie kommt von Sutherlandtown und ich von Portchester und die Entfernung von neun Meilen genügte, daß wir uns fremd blieben. Hier aber, beide fern vom Gatten und beide einen Säugling in der Wiege, fanden wir uns schnell. Wir plauderten von diesem und jenem, als Mrs. Sutherland plötzlich aufsprang. Das Kind, das sie in den Armen hielt, war blau geworden. In der nächsten Minute schauerte es zusammen und in der nächsten war es tot!

Ich höre noch den Schrei, mit dem sie zu Boden fiel, das tote Kind fest an die Brust gedrückt. Glücklicherweise hörte es kein ander Ohr. Ich allein sah ihr Elend, ich allein hörte ihre Leidensgeschichte. Sie hatte das Kind vergiftet, Philemon, unwissender Weise vergiftet! Sie hatte ihm vor dem Verlassen ihres Hauses irrtümlicherweise einige Tropfen Medizin gegeben, anstatt Wasser und erst jetzt erinnerte sie sich, wie gleich die beiden Becher gewesen, die neben einander standen, erst jetzt fiel es ihr auf. Oh, das unschuldige Kind und oh, der arme Gatte! Der letztere Gedanke schien ihr fast die Sinne zu rauben. »Er wünschte sich so sehr ein Kind«, jammerte sie. »Wir waren zehn Jahre verheiratet, als dieser Engel kam, wie vom Himmel gesandt. Er wird mir fluchen, er wird mich hassen, er wird meinen Anblick nicht mehr ertragen wollen!« Das hätte Mr. Sutherland nie getan, doch es war nutzlos, sie beruhigen zu wollen. Statt dies daher zu versuchen, schlug ich einen andern Weg ein, ihrer Raserei Einhalt zu gebieten. Ich nahm das tote Kind aus ihren Armen, legte mein Ohr an sein Herz und lauschte – ich habe zu viele tote Kinder in meinen Armen gehalten, Philemon, als daß ich mich täuschen könnte – und als ich sah, daß das Kind wirklich tot war, begann ich, es langsam zu entkleiden. »Was tun Sie?« schrie sie. »Mrs. Webb, Mrs. Webb, was tun Sie?!« Statt jeder Antwort deutete ich auf das Bett, aus dem sich zwei kleine Aermchen streckten. »Sie sollen mein Kind haben«, sagte ich. »Ich habe schon zu viele Kinder zu Grabe getragen, als daß ich es wagen sollte, ein anderes aufziehen zu wollen«. Dann erzählte ich ihr mein Elend, mein großes, unsagbares Elend!

Philemon, ich rettete die Frau. Noch ehe ich geendet hatte, sah ich, daß ihre Sinne zurückkamen und wie die Hoffnung bei ihr einkehrte. Sie schaute auf das Kind in meinem Armen, dann auf das andere im Bettchen und als sie sich niederbeugte, das Kind küßte und dann weinte, bitterlich weinte, da sah ich, daß unser Sieg gewonnen war. Das Uebrige war leicht. Die Kleider der Kleinen wurden gewechselt und als alles beendet, nahm sie unser Kind und wollte gehen. Ich hielt sie jedoch zurück. »Schwören Sie«, rief ich, ihren Arm mit der einen Hand haltend, während ich die andere gen Himmel hob, »schwören Sie, daß Sie diesem Kinde eine wahre Mutter sein wollen! Schwören Sie, daß Sie es lieben wollen, wie ihr eigen Blut und es erziehen werden in Rechtlichkeit und Wahrheit!« Wie sie das Kind an ihre Brust drückte, sprach zu mir lauter, als ihre Worte. »Ich schwöre!« sagte sie und preßte einen innigen Kuß auf unseres Kindes Stirne. Da barg ich mein Gesicht in den Händen – ich konnte nicht mit ansehen, wie sie mein Kind von mir nahm, es war schlimmer als der Tod, in jenem Augenblicke war es schlimmer, als der Tod! »Oh, Gott, lasse ihn leben!« betete ich, »oh Gott, lasse ihn in Ehren aufwachsen und – – – »Da erfaßte sie meinen Arm, ihre Zähne klapperten hörbar, ihre Augen glühten unheimlich. »Nun schwören Sie!« rief sie. »Schwören Sie, daß wenn ich meine Mutterpflicht gegen diesen Jungen erfülle, Sie das Geheimnis bewahren und es nie, nie meinem Gatten enthüllen werden, noch dem Jungen, noch der Welt!« Es war, als ob ich mir das eigene Herz mit meinen Händen aus der Brust risse, als ich schwur. Doch ich schwur, Philemon, worauf sie ging Plötzlich kam sie zurück, Schrecken und Zweifel im Auge. »Ihr Gemahl!« flüsterte sie. »Können Sie das Geheimnis auch vor ihm bewahren? Sie werden es ausschreien in dunkler Nacht, es im Traume ausplaudern und – –« »Ich werde es ihm sagen«, entgegnete ich. »Ihm sagen!« Die Haare schienen ihr zu Berge zu stehen und sie zitterte so, daß ich fürchtete, sie würde das Kind fallen lassen. »Geben Sie acht!« rief ich. »Sehen Sie nicht, daß Sie das Kind erschrecken? Mein Gatte ist ein Herz und eine Seele mit mir; was ich verspreche, wird er halten. Haben Sie keine Angst vor Philemon!« Allmählig ward sie ruhiger. Als ich bemerkte, daß sie sich gefaßt hatte, bedeutete ich ihr, zu gehen; meine fast übermenschliche Kraft schien mich zu verlassen. Und das Kind? Ich habe es nie geküßt, Philemon, als es mein war, ich küßte es auch nicht beim Abschied. Ich hörte ihre Fußtritte der Türe zugehen, ich hörte ihre Hand die Klinke niederdrücken, hörte die Türe aufgehen, stieß einen fürchterlichen Schrei aus und – – –.

Leute fanden mich eine Stunde nachher auf dem Boden liegend, das tote Kind in meinen Armen. Ich war bewußtlos und sie alle dachten, daß ich mit dem Kind in den Armen gefallen war und daß es starb, während ich so dalag. Ob es unser Kind war oder nicht, schien niemand zu bedenken. Die Wärterin, die es pflegte, ist gegangen und wer sollte sonst das Kind kennen außer mir? Alle sind sehr gut gegen mich und machen sich nur Vorwürfe, daß sie mich solange allein gelassen haben. Trotzdem sie jetzt auf mich aufpassen und mich kaum allein lassen, schreibe ich doch diesen Brief, den Du zu gleicher Zeit mit dem andern bekommen wirst, der Dir von dem Tode unseres Kindes Nachricht gibt und von meinem gefährlichen Zustand. Vernichte diesen Brief und dann: komme! Nichts auf Erden vermag mir solchen Trost zu geben, als wenn Deine Hand unter meinem Kopfe liegt und Deine treuen Augen in die meinen schauen. Jetzt müssen wir in Einsamkeit leben, nur für uns selbst. All mein Unglück kommt von meiner früheren Gier nach Freude und schönen Dingen. Von heute an will ich jedem Wunsche entsagen und Trost in Deiner Liebe allein finden und ich hoffe, daß der Himmel uns Stärke gehen wird. Vielleicht wird unser Kind jetzt am Leben bleiben und das Glück genießen, das uns versagt geblieben; vielleicht wird er nunmehr aufwachsen zur Freude unseres Herzens und zum Entzücken unserer Augen, wenn wir selbst seine Liebe auch entbehren müssen.

Mrs. Sutherland ward nicht gesehen, weder als sie kam, noch als sie ging. Sie muß jetzt zu Hause sein. Ihr Geheimnis ist wohl verwahrt; aber das unsere! Du wirst mir helfen, es zu bewahren! Hilf mir, stark zu sein – sag ihnen, ich hätte schon fünf Kinder begraben – vielleicht hält man eine Totenschau ab und fragt mich – – Du mußt nichts von ihr sagen – – wälze alle Schuld auf mich, wenn eine Schuld zu tragen ist – ich bin gefallen – es befindet sich eine Narbe an der Stirne des Kindes – und – und – – ich weiß nicht mehr, was ich schreibe – – ich will versuchen, die Adresse zu schreiben und dann – in Liebe – in treuer Liebe – oh Gott!

(Darunter ein kaum leserlicher Name)


* * *


Unter diesem Brief stand das Folgende:

Obwohl Agatha verlangte, ich solle den Brief vernichten, habe ich dies doch nie gewagt. Vielleicht ist er eines Tages von unschätzbarem Wert für unseren Jungen.

Philemon Webb.


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Dies war der letzte Brief im ersten Paket. Als der Vorleser geendet, konnte man allenthalben im Saale Weinen und Schluchzen hören. Da schaute Frederick, der mit dem Kopf auf seine Hände gestützt dagesessen, auf und sagte:

»Wundern Sie sich noch, daß ich versuchte, das Geheimnis, das mit solchem Preise bezahlt worden war, zu bewahren? Meine Herren! Mr. Sutherland liebte seine Gattin und ehrte ihr Andenken. Ihm jetzt zu sagen – und was bleibt mir anderes übrig? – daß das Kind, das sie ihm vor fünfundzwanzig Jahren in die Arme legte, ein fremdes war und daß all seine Liebe, seine Sorge, seine Enttäuschungen und seine Leiden an den Sohn eines Nachbars verschwendet worden waren, das verlangt mehr Mut, als meine Ehre von meinen Landsleuten angezweifelt zu sehen, ausgenommen, als Mörder angeklagt zu werden. Daher mein Schweigen, daher meine Unentschlossenheit, bis dieses Weib« – dabei deutete er zornentflammt auf Amabel, die jetzt in ihrem Stuhle zusammensank – »mir im Geheimen drohte, Aussagen machen zu wollen, die mich zum Mörder meiner Mutter stempeln sollten und zur ewigen Schande des guten Mannes, der an allem unschuldig ist, an allem unschuldig. Sie wollte eben sprechen, als ich ihr zuvorkam. Meine Strafe für mein Schweigen, wenn ich eine Strafe wirklich verdiene, soll die sein, daß ich hier, in der Oeffentlichkeit, die übrigen Briefe anhören muß, die noch in Ihren Händen sind«. Diese Briefe waren solche, welche Agatha an ihren, ihr so fremden, Sohn schrieb. Sie waren nie abgesandt worden. Der erste, in Fredericks Kindheit geschrieben, ergriff alle Herzen durch seine Einfachheit und hoffende Zuversicht.


* * *


Du bist schon drei Jahre alt, mein Liebling und noch erblaßte nicht die Röte auf deinen Wangen, noch das Gold in deinen Haaren.

Oh, wie ich Mrs. Sutherland dafür segne, daß sie Deinem Vater und mir erlaubte, nach Sutherlandtown zu kommen, wo ich Dich wenigstens auf den Straßen trippeln sehen kann, an der Hand derjenigen, die jetzt deine Liebe genießt. Mein Liebling, mein Stolz, mein Engel, so nah und mir doch so fern, wirst Du es je wissen, wenn auch erst im Himmel, wo wir doch alle glücklich zu sein hoffen nach diesem rauhen Erdenwallen, wirst Du es je wissen, wie oft ich aus dem warmen Bette schlich und mich leise anzog, daß Dein Vater es nicht hörte, dem es sonst das Herz brechen würde, und den steilen Hügel hinanstieg, nur um zu sehen, ob das Fenster deines Zimmers erleuchtet war oder nicht, ob Du schliefst oder wachtest? Um nur den Duft der Blüten zu atmen, die sich um Dein Fenster ranken, wache ich gerne mit den Sternen und ertrage den kalten, feuchten Nebel. Du wächst und wächst und lebst, mein Liebling, Du lebst! Und das ist mein einziger Trost, mein einziges Glück!


* * *


Habe ich eine größere Sünde begangen, da ich dein Leben rettete, als wenn ich Dich sterben ließ? Frederick mein Sohn, mein Sohn, ich hörte Dich heute fluchen! Nicht arglos, wie Kinder oft tun, nein bitter, jähzornig, als ob die Saat schlimmer Leidenschaften bereits in der Brust wohnten, die ich so unschuldig glaubte. Hast Du dich gewundert über die fremde Frau, die Dich zurechtwies? Hast Du geahnt, welchen Schmerz mir deine Worte bereiteten? Nein, nein, kein Mensch konnte dies ahnen – wie solltest Du? Sollte ich nur deshalb mein Mutterglück verscherzt haben, um Dich so aufwachsen zu sehen? Wahrhaftig, der Himmel ist unversöhnlich und meine letzte Sünde wird schwerer geahndet, als meine erste.


* * *


Es gibt schlimmeres, als der Tod! Das habe ich oft gehört, jetzt aber weiß ich es. Gott war gut, als Er meine Kinder zu sich nahm und ich, kurzsichtig in meinem Schmerze, versuchte, sein Werk zu verhindern. Frederick, Du bist schwach, entartet und gewissenlos! Das liebliche Kind, die unschuldige Jugend wuchs zu einem rücksichtslosen Burschen, dessen wilde Leidenschaften Mr. Sutherland schwerlich zügeln kann und dessen Mutter – nenne ich sie Deine Mutter? – keinen Einfluß über ihn hat, obwohl sie alles versucht, ihrer Mutterpflicht zu genügen, um sich selbst und mir Kummer zu ersparen. Mein Sohn, mein Sohn! Empfindest Du das Fehlen des Einflusses deiner eigenen Mutter? Hättest Du unter meiner Anleitung ehrliche Arbeit gelernt, unter meinen Händen andern Geist entfaltet? Solche Fragen machen einen Menschen wahnsinnig! Wenn ich sie in Philemons Augen sehe, versuche ich, sie ihm auszureden mit der ganzen Kraft meines Einflusses, den ich noch immer über ihn ausübe. Doch wenn sie in meiner eigenen Brust wach werden, dann finde ich keine Hilfe, nicht einmal im Gebet. Frederick würde es Dich zum Manne machen, wenn ich Dir deine wahre Herkunft enthüllte? Ich war oft versucht, es zu probieren. Tief aus innerstem Herzen kam mir oft der Gedanke, daß ich Dir und dem alten Manne, den Deine Zügellosigkeit an den Rand des Grabes bringt, keinen größeren Dienst leisten kann, als wenn ich Dir deine Vergangenheit enthüllte und Dir den Abgrund vor Augen hielt, dem Du sicher entgegen gehst. Ich kann dies aber nicht, solange sie lebt. Der Blick, den sie mir zuwarf, als ich an der Kirchentüre neulich in Deine Nähe kam, zeigte mir deutlich, daß es ihr Tod wäre, würde ihr lang bewahrtes Geheimnis jetzt enthüllt werden. Ich muß ihren Tod abwarten, der nicht gar weit entfernt ist und dann – – –


* * *


Ich kann es nicht! Mr. Sutherland hat nur einen Stab, daran er sich lehnen kann und das bist Du. Es ist zwar ein schwacher, zerbrechlicher Stab, aber doch eine Stütze und ich wage es nicht, ihm diese zu entziehen, ich wage es nicht . . . Ach, wenn Philemon der Mann wäre, der er einstens gewesen, er würde mir raten. Er ist aber jetzt nur ein Kind, gleich als ob Gott meinen Ruf nach einem Kinde endlich erhört habe und mir – – ihn gab.


* * *


Geld und immer mehr Geld! Und ich hasse es so! Wie seltsam sind doch die Wege der Vorsehung. Zu uns, die wir nichts wünschen und nichts brauchen, zu uns kommt Geld in Hülle und Fülle, während andere, die hart arbeiten und streben, darben müssen. Sieh nur die Zabels! Einst bedeutende Schiffsbauer mit gutem Geschäft und einem Haus, darinnen die kostbarsten Seltenheiten, können sie heute scheinbar ihren Lebensunterhalt nicht verdienen. Das sind die Launen des Glücks – oder soll ich sagen, die Werke der unerforschlichen Vorsehung? Ich versuchte einmal, den alten Freunden etwas von meinem Reichtum zufließen zu lassen, doch ihr alter Stolz stand im Wege; mehr als das: als ob das Schicksal mir zeigen wollte, daß ich ihnen nichts, sie aber mir geben dürften, machte mir James ein Geschenk, ein seltsames Geschenk, ein Kunstwerk, das ich oft bewunderte, einen Florentiner Dolch von seltener Schönheit. War dieser Dolch das letzte Gut, das er besaß? Fast fürchte ich so. Jedenfalls will ich das Geschenk in dieser Schublade liegen lassen, wo nur ich allein es sehen kann; für Philemon wäre dies kein Anblick. Er muß Freude genießen, glückliche Gesichter um sich sehen, so wie ich zu sein um seinetwillen mich bestrebe. Aber ach – – – –


* * *


Gern gäbe ich auch mein Leben darum, könnte ich Dich nur einmal in meinen Armen halten, mein geliebter, verirrter Sohn. Wird dieser Tag je kommen? Wirst Du dann Kraft genug haben, mich anzuhören und kann ich dann ins Grab sinken, mit dem Gedanken an einen Blick, ein Lächeln für mich allein? Manchmal glaube ich an eine solche Stunde und ich bin dann glücklich im Gedenken. Gleich aber geht eine andere Geschichte Deiner Bösetaten durch die Stadt und – – – –

Weshalb schrieb sie nicht weiter? Wir werden dies wohl nie erfahren. Mit diesem abgebrochenen Satze endeten Agathas Aufzeichnungen, der Aufschrei eines überwallenden Herzens.


* * *

Ehe der Gerichtshof das Ende der Sitzung anzeigte, fällten die Geschworenen das folgende Urteil:

»Gestorben infolge einer Wunde, die sie sich selbst beigebracht, im Augenblicke eines plötzlichen, überwältigenden Schreckens, veranlaßt durch falsche Auffassung und überwallende Mutterliebe«.

Das war alles, was Fredericks Landsleute für ihn tun konnten.

* * *


XXXIII.
Vater und Sohn.

Damit war Fredericks Leidenstag noch nicht vorüber. Es blieb noch eine Türe zu öffnen und einen Vater zu sehen (er nannte in seinem Herzen Mr. Sutherland noch immer Vater); er mußte Freunden begegnen und Feinden stand halten, unter Umständen, die durch sein offenes Geständnis noch eher verschlimmert, als verbessert waren, wie er sich selbst gestehen mußte. Da war Agnes zum Beispiel. Wie konnte er ihren unschuldigen Blicken begegnen? Doch vor allem mußte er seinen Vater sehen, seinen Vater, dem er unter vier Augen all das sagen mußte, was die andern aus seinem Munde gehört, dem er den schönsten Lebenstraum zerstören und ihm einen Sohn rauben würde, fast eine Lebensgefährtin, und ihm kein Andenken lassen konnte, das ihn trösten würde.

Frederick drückten diese Gedanken so nieder, daß er die Hände gar nicht bemerkte, die sich ihm mitleidsvoll entgegen streckten. Er schritt langsam der Türe zu, hinter der sein Vater seit vielen Stunden wartete, als ein einzig Wort ihn stocken ließ. Es war ein »Nun?«, das Knapp aussprach und Mr. Courtney wiederholte.

Frederick beeilte seine Schritte, als ihm eine klägliche Gestalt mit bittenden Augen und ängstlicher Miene den Weg vertrat. Es war Amabel.

»Verzeih«, sagte sie, mit einem Ausdruck, wie eine betende Heilige, »ich wußte nicht – ich hätte nie gedacht, daß Du solch ein Mann bist, Frederick, daß Du solch gutes Herz hast, solchen Schmerz tragen kannst und so der Liebe und der Bewunderung einer Frau wert bist. Hätte ich . . . . . .«

Ihr Ausdruck sprach lauter und deutlicher als ihre Worte, denn er zeigte wahres Fühlen. Doch Frederick entgegnete kalt:

»Wenn meines Vaters graue Haare wieder schwarz werden und die Geschichte meiner Scham in dieser nie vergessenden Welt vergessen ist, dann komme zurück, dann will ich Dir verzeihen«.

Er ging an ihr vorüber, der Türe zu, als eine andere Hand ihn anhielt. Diesmal war es Sweetwater. Da Frederick wenig über ihn wußte, ausgenommen, daß er ein Amateur-Detektiv war, der durch seine eigene Schuld von der Hesper fortgetragen worden und später als der einzige Ueberlebende wieder zurückgekommen war, wollte er ihm mit einigen alltäglichen Worten Glück wünschen, als Sweetwater ihn unterbrach.

»Es wird Ihnen vielleicht leichter«, sagte er, »die Geständnisse, die Sie Ihrem Vater abzulegen haben, zu machen, wenn Sie wissen, daß ihn die Angst und Sorge um Ihre Schuld oder Nichtschuld an dem Morde mehr bedrücken, als irgend eine Enthüllung, die Sie betreffs Ihres verwandschaftlichen Verhältnisses machen können. Seit zwei Wochen drückt der Glaube an Ihre Schuld den alten Mann nieder. Dies war sein Geheimnis, das außer ihm nur ich kannte«.

»Sie?«

»Ja, ich! Ich bin tiefer in diese Angelegenheit verwickelt, als Sie denken können; eines Tages kann ich Ihnen alles erklären, jetzt nicht. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen eben über Ihren Vater sagte – pardon, vielleicht sollte ich Mr. Sutherland sagen – und handeln Sie darnach. Vielleicht brachte mich das Schicksal nur deshalb hierher zurück, nach den abenteuerlichsten Irrfahrten, die einem Manne begegnen können, um Ihnen diesen Wink zu geben. Ich glaube jedoch«, setzte er mit einem Seitenblick auf den Untersuchungsrichter hinzu, »daß es zu wichtigerem geschah. Indes wird das die Zukunft lehren . . .«

Frederick trat ins Zimmer zu seinem Vater.

Niemand unterbrach die Beiden, obwohl eine große Menschenmenge das Wiedererscheinen Fredericks abwartete. Als nach langem Warten die Türe sich endlich auftat und Mr. Sutherland, auf Fredericks Arm gelehnt, heraus trat, konnten alle sehen, daß der alte Mann glücklicher ausschaute, daß die Bande langer Jahre sich nicht so leicht abschütteln lassen und daß er Frederick immer noch als seinen Sohn betrachtete. Doch dieses stumme Zeichen genügte dem alten Manne offenbar nicht. Als die Menge ehrerbietig zur Seite trat, um Mr. Sutherland nach seinem Wagen gehen zu lassen, schaute dieser nach rechts und nach links, nickte denen zu, die er kannte und denen, die er nicht kannte und sagte mit lauter, fester Stimme:

»Mein Sohn begleitet mich nach seinem Heim. Sollte man ihn später wünschen, findet man ihn an seinem eigenen Herd. Guten Abend, meine Freunde. Ich danke Euch allen für den guten Willen, den Ihr uns Beiden heute gezeigt habt«.

Dann bestieg er den Wagen.

Die feierliche Art, mit der Frederick sein Haupt entblößte, in Anerkennung der öffentlichen Sympathie, gewann ihm alle Herzen.

Der Wagen rollte dahin und so schloß das aufregendste und eindrucksvollste Ereignis, das sich je in dieser kleinen Stadt ereignete.


XXXIV.
»Nicht, wenn diese junge Damen sind«.

Jede Flut hat ihre Ebbe und ehe Mr. Sutherland und Frederick zu Hause waren, wurden sie gewahr, daß es gar viele Leute in der Stadt gab, die offen ihren Unwillen darüber ausdrückten, daß man den jungen Mann – trotz des Ausspruches der Geschworenen – unbehelligt und frei nach Hause gehen ließ. Es blieb manches unaufgeklärt und mancher Zweifel an der völligen Schuldlosigkeit Fredericks ward laut, und langsam aber sicher bereitete sich ein Sturm vor, der die Gemüter der Stadt in Aufruhr versetzte.

Mr. Sutherland, den die Ereignisse der vergangenen Tage zu sehr in Anspruch nahmen, merkte nichts von dem kommenden Sturm. Doch für Frederick, der den leisesten Blick, das kleinste Wort dafür, daß seine Darlegung nicht ganz unbezweifelt hingenommen würde, wohl bemerkte, waren dies Tage des tiefsten Elends. Er war sich bewußt, daß dieser offene Verdacht nicht nur weitere Mißhelligkeiten für ihn bringen konnten, sondern daß er auch vor der Welt nie als unschuldig dastehen würde, trotzdem ihn das Gericht freisprach; und was ihn am meisten schmerzte, daß er nie dem Tage entgegen sehen könne, an dem vielleicht Agnes Liebe ihn für all die Leiden entschädigte, die er erlitten. Er würde niemals ein so reines Mädchen an sich binden, solange ihn die Mitmenschen schuldig glauben; ihr eigener Glaube an seine Unschuld und an die Wahrheit seiner Aussagen (und er wußte, daß sie ihm glaubte), konnte daran nichts ändern. Solange auch nur ein Schatten von Schuld an ihm haftete, gaben weder Mr. Sutherland, noch ihr Vater, noch sein eigenes Herz es zu, ihr mehr zu sein als Freund und guter Nachbar, trotzdem er damit seine schönsten Hoffnungen begrub und sein Lebensglück vernichtet sah. Er hatte durch Leiden lieben gelernt, nur um zu erfahren, daß er durch Liebe leiden müsse.

Er hatte aufrichtig und ehrlich gesagt, was er wußte und man hatte ihm geglaubt. Doch was gab es in seinem Leben, was in den Aussagen anderer, was in den Briefen seiner Mutter und der Enthüllung seiner Verwandtschaft, das seine Behauptung bestätigen konnte, daß ihre Hand und nicht die seine es war, welche den Dolch in ihre Brust gestoßen? Nichts, nichts! Nichts, als sein Wort gegen jeden menschlichen Glauben und jedes natürliche Denken. Nichts, als sein Wort gegen die edle Natur der edelsten Frau. Zwar hatten zwölf Mitbürger öffentlich und unter Eid ihren Glauben an seine Unschuld proklamiert, ihn freigesprochen und so seine Ehre und vielleicht sein Leben gerettet; doch sowohl er, als auch sie wußten, daß damit der Zweifel an seine Schuld nicht aus der Welt geschafft war und nicht aus der Welt geschafft werden konnte bis ans Ende seiner Tage, denn seine Unschuld ließ sich nicht beweisen! Batsy war tot und so wußte nur sein eigen Gewissen und Gott, ob er die Wahrheit und nur die Wahrheit gesprochen, über das, was sich in jener Nacht und in jener schrecklichen Stunde ereignet.

Mr. Sutherland war ins Haus gegangen, der Wagen davongefahren und Frederick schloß eben das Gartentor, als er die Straße hinab schaute und Agnes am Arme ihres Vaters daherkommen sah. Erst wollte er ins Haus gehen, doch er besann sich eines anderen und blieb. Mr. Halliday, der sah, daß ein Gespräch zwischen den beiden jungen Leuten unvermeidlich war, und dies so schnell als möglich beendet sehen wollte, warf Agnes einen bezeichnenden Blick zu, den Frederick wohl bemerkte, und hielt an.

Frederick fand zuerst Worte.

»Agnes«, begann er, »ich bin froh, diese Gelegenheit zu haben, um Dir meine Dankbarkeit auszudrücken. Du hast wie ein wahrer Freund gehandelt und ich bin Dir ewig dafür zu Dank verpflichtet, selbst wenn wir nie wieder zusammen sprechen sollten«.

Eine Minute lang herrschte Schweigen. Ihr Kopf, den sie bei seinem Gruße gesenkt hatte, hob sich, sie schaute ihn mit tränenfeuchten Augen an und sagte dann:

»Weshalb sprichst Du so? Warum sollten wir nicht mehr zusammen kommen? Weiß nicht Jedermann, daß Du unschuldig bist und wird nicht die ganze Welt bald sehen, wie ich es sehe, daß Du mit Deinem alten Leben gebrochen hast und daß Du nur Dein eigen Selbst sein mußt, um Aller Achtung zu gewinnen?«

»Agnes« erwiderte Frederick mit bitterem Lächeln, als er die Erregung bemerkte, welche ihre enthusiastischen Worte auf Mr. Hallidays Züge brachten, »Du kennst mich vielleicht besser, als andere und glaubst mir und meinen Worten. Doch es gibt wenige in der Welt, wie Du. Die große Menge glaubt nicht an meine Unschuld und solange es auch nur einen einzigen Menschen gibt, der an meinen Worten zweifelt, solange wäre es ein schlechter Beweis eines neubegonnenen Lebens, sollte ich gestatten, daß ein Schattens dieses Zweifels, unter dem ich lebe, auf Dich fallen würde. Du und ich waren Freunde und wir wollen es bleiben, doch – so schwer es mir auch wird – wir müssen künftig so wenig als möglich zusammen kommen. Ich glaube, Mr. Halliday wird mir recht geben; als Dein Vater muß er wohl«.

Agnes Augen wandten sich von Frederick ab und ihrem Vater zu. Ach, sie las seine Antwort nur zu deutlich. Sie erblaßte, senkte den Kopf und murmelte:

»Zu viel Rücksicht auf die öffentliche Meinung und zu wenig auf das Beste und Edelste in uns selbst. Ich glaube ebensowenig an die Notwendigkeit einer Trennung, als ich daran glaube, daß Jemand an Deiner Unschuld zweifeln kann, nach dem, was er heute gesehen und gehört«.

»Aber die Vielen, die mich nicht gehört oder gesehen haben? Außerdem«, dabei deutete er mit dem Kopfe nach dem Garten hinter ihm, »schleicht seit einer Woche ein Mann hier herum, der jede meiner Bewegungen beobachtet und fast jeden meiner Seufzer zählt. Ich brauche wohl nicht zu sagen, was jener ist, noch unter wessen Autorität er dies tut. Gestern war er nicht hier, doch heute kam er wieder. Was beweist dies, meine Freundin? Allgemein anerkannte Unschuld braucht keinen Wächter«.

»Falls ein Aufpasser dort ist und falls dies beweist, daß Du in Gefahr bist, für ein Verbrechen, das Du nie begangen, arretiert zu werden, dann ist es erst recht die Pflicht Deiner Freunde, ihre Stellung in dieser Angelegenheit klar zu machen und ihre Sympathie zu bezeigen, um Dir Mut und Kraft zu verleihen, das Schwere zu ertragen«.

»Nicht, wenn diese junge Damen sind«, murmelte Frederick und, einen Blick auf Mr. Halliday werfend, trat er zur Seite.

Agnes errötete und folgte ihrem Vater.

»Guten Abend mein Freund«, sagte sie mit zitternder Stimme, die Frederick tief ins Herze traf. »Eines Tages wird es »Guten Morgen« heißen«.

Sie war kaum gegangen, als ein Mann um die Ecke des Hauses auf Frederick zukam – nicht der Mann, der ihm im Garten auflauerte, sondern Mr. Fenton, der Polizist – und ihm ein Papier überreichte.

Es war ein Haftbefehl unter der Anklage als Mörder.


XXXV.
Sweetwater trägt endlich seine Schuld an Mr. Sutherland ab.

Fredericks Arretierung war so unauffällig vor sich gegangen, daß die Stadt erst am andern Morgen davon erfuhr. Sofort war alles in größtem Aufruhr. Geschäfte wurden geschlossen und bald waren Werft und Straßen mit gestikulierenden Männern und schreienden Frauen angefüllt, die an jeder Ecke, auf jeder Treppe den Debatten zuhörten, die sich an das Vorgehen der Polizei knüpften.

Das erregteste Gesicht aber und dabei die stillste Zunge war an jenem Morgen nicht in der Stadt zu finden, sondern in einem kleinen Häuschen auf dem Felsen am See. Dort saß Sweetwater und lauschte dem Plaudern seines großen Lehrers, der See, und nur aus dem Blitzen seiner Augen und dem Beben der zusammengepreßten Lippen konnte seine Mutter ersehen, daß eine Krisis im Leben ihres Sohnes bevorstand und daß von dem Erfolge seines Sinnens nicht nur seine Selbstzufriedenheit abhinge, sondern auch das Glück eines Mannes, der seinem Herzen am nächsten stand.

Plötzlich sprang er auf.

»Gib mir Geld, Mutter«, rief er, »alles Geld, das wir im Hause haben! Ich habe eine Idee, die vielleicht mehr wert ist, als was ich je verdiente, mehr, als ich vielleicht je hoffen kann! Glückt sie, dann retten wir Frederick Sutherland; mißglückt sie, dann muß ich eben nochmals die Verachtung Knapps über mich ergehen lassen. Sie wird aber nicht mißlingen! Die Idee gab mir die See und die See ist, wie Du weißt, meine zweite Mutter!«

Er sagte nicht, welches die Idee war, nahm das Geld, eilte schnellen Schrittes zur Stadt und lief dem Telegraphenamte zu.


* * *


Soll ich die Szene beschreiben, als Frederick des Nachmittags unter Polizei-Aufsicht zur Stadt gebracht ward? Mr. Sutherland hatte darauf bestanden, seinen Sohn zu begleiten und als der allseits verehrte Mann mit dem weißen Haare neben ihm herschritt, trat die Menge schweigend zur Seite. Frederick hatte nie besser ausgesehen. Das Elend schien ihn geläutert zu haben. Er ging erhobenen Hauptes, mit strahlenden Augen und zum ersten Male konnte man bemerken, wie sehr er Agatha ähnlich sah.

Plötzlich ging eine Bewegung durch die Menge. Frederick bemerkte dies und drückte seines Vaters Hand, die er heimlich in der seinen hielt. Er wollte eben sprechen, als ein Mann die Straße herab rannte, der ein Stück Papier über seinem Kopfe schwang. Es war Sweetwater.

»Eine Depesche!« schrie er. »Eine Neuigkeit! Ein Telegramm von den Azoren! Ein schwedischer Matrose– –«

In demselben Augenblicke trat ein Mann zu Mr. Sutherland, nahm höflich seinen Hut ab und sagte:

»Der Gefangene wird heute nicht die Stadt verlassen müssen. Wir haben soeben eine wichtige Nachricht erhalten. Sie entschuldigen mich«.

Mr. Sutherland, der ahnte, daß diese »wichtige Nachricht« zu gunsten seines Sohnes war, sank ohnmächtig in dessen Arme.

»Eine Neuigkeit!« schrie die Menge, »Frederick Sutherland ist unschuldig! Seht! Den alten Mann hat die Freude überkommen!«

Hüte flogen in die Luft, Tränen flossen und die Freude war allgemein, ohne daß auch nur einer wußte, worin eigentlich die gute Nachricht bestand.

Erst später erfuhr man die Wahrheit. Sweetwater hatte sich der Matrosen erinnert, die an Agathas Haus vorübergingen, als Batsy aus dem Fenster fiel. Er telegraphierte dem Kapitän des Schiffes an den ersten Seeplatz, an dem er voraussichtlich anlegen würde und war so glücklich, eine Antwort zu erhalten, die ihm das sagte, was er so gespannt erwartete. Einer der Matrosen, ein Schwede, erinnerte sich deutlich der Worte, die Batsy ausgerufen, ehe sie tot aus dem Fenster fiel; sie hatte in ihrer Muttersprache gesprochen und dies waren ihre Worte:

»Hjelp! Hjelp! Frun häller pä alb doda sig. Hon har en knif. Hjelp! Hjelp!«

Auf Deutsch:

»Hilfe! Hilfe! Meine Herrin tötet sich! Sie hat ein Messer! Hilfe! Hilfe!

Das unmöglich Geglaubte hatte sich ereignet: die tote Batsy hatte zu gunsten des Sohnes ihrer verehrten Herrin ausgesagt und Sweetwater war es, der dies vollbracht.


* * *


Sweetwaters Name war in aller Mund; von dieser Stunde an war er ein gemachter Mann.

Und Frederick?

Nach einer Woche war er der Liebling der ganzen Stadt und nach einem Jahre – – doch lassen wir Agnes glückliches Gesicht und zufriedenes Lächeln sagen, was er dann war, die gute Agnes, die ihn erst verachtete, dann liebte und die er nun, nächst Agatha, als das höchste Ideal edler Weiblichkeit verehrt.


Scranton, Pa.,

Ende Juni 1904.