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Anna Katherina Green – Endlich gefunden – Zwischen sieben und zwölf Uhr

Kriminalroman

Anna Katherina Green, Endlich gefunden, Autorisierte Übertragung von Margarete Jacobi, Verlag Robert Lutz, Stuttgart, o. J.
Transkription von Christine Weber.


Endlich gefunden
Von Q. erzählt.



Erstes Kapitel.

Es gibt sehr merkwürdige Beispiele von plötzlichem Verschwinden; ich selbst habe mit mehreren solchen Fällen zu tun gehabt. Den einen möchte ich Ihnen wohl erzählen, wenn Sie mir versprechen, nicht nach den wirklichen Namen der beteiligten Personen zu forschen, denn die Sache soll geheim gehalten werden.

Der junge Q., welcher so sprach, galt unter der ganzen Polizeimannschaft als der klügste und fähigste Detektiv, natürlich Herrn Gryce1 ausgenommen.

Die Neugierde von uns Kameraden ward daher durch seine Aeußerung in hohem Grade erregt. Wir gaben bereitwillig das geforderte Versprechen und rückten näher um den Ofen zusammen, die seltene Mußestunde zu genießen. In dem befriedigenden Bewußtsein, daß bei seiner Geschichte auch mancherlei zu berichten war, was ihm selbst zur Ehre gereichte, lehnte er sich in den Stuhl zurück und begann:

An einem Sonntag-Morgen war ich im Polizeibureau, als eine anständig aussehende Frau mittleren Alters mit aufgeregter Miene zu uns eintrat. Ich ging auf sie zu und fragte, wen sie suche.

Einen Detektiv, erwiderte sie, sich ängstlich unter den Anwesenden umschauend. Letzte Nacht ist ein Mädchen aus unserem Hause verschwunden – die Sache darf nicht öffentlich bekannt werden, aber – sie stockte, die innere Erregung schien ihr den Atem zu benehmen – jemand soll kommen, um sie aufzusuchen, fügte sie eindringlich hinzu.

Ein Mädchen – was für ein Mädchen? Und welches Haus meinen Sie, wenn Sie sagen: unser Haus?

Sie warf mir einen forschenden Blick zu: Sie sind noch sehr jung; ist nicht ein Mann hier, der mehr Erfahrung hat, damit ich mich an den wenden könnte?

Ich zuckte die Achseln und rief Herrn Gryce herbei, der ihr sogleich Vertrauen einzuflößen schien. Sie zog ihn beiseite und flüsterte ihm einige mir unverständliche Worte zu. Anfänglich hörte er sie gleichmütig an, plötzlich machte er jedoch eine Bewegung, welche, das wußte ich, bei ihm ein Zeichen von Erstaunen und Interesse war, obgleich in seinen Mienen – aber Sie kennen ja Gryces Gesicht. Ich wollte eben meiner Wege gehen, überzeugt, daß er den Fall selbst übernehmen werde, als der Inspektor eintrat.

Wo ist Gryce? fragte er, ich muß ihn sprechen. Gryce, der dies hörte, eilte sofort herzu. Als er an mir vorbeikam, flüsterte er: Wählen Sie sich einen Gehilfen, begleiten Sie die Frau, nehmen Sie alles in Augenschein und schicken Sie nach mir, wenn Sie mich brauchen; ich bleibe noch zwei Stunden hier.

Die Aufforderung kam mir nicht ungelegen. Nachdem ich Harris gesagt hatte, sich bereitzuhalten, näherte ich mich abermals der Frau. Woher kommen Sie? fragte ich, sogleich werde ich mit Ihnen gehen, um die Sache zu untersuchen.

Schickt er Sie? fragte sie auf Gryce deutend, der eifrig mit dem Inspektor sprach.

Ich nickte, und sie ging mir voran, dem Ausgang zu. Ich wohne in Nr. – in der zweiten Avenue, Herrn Blakes Haus, flüsterte sie. Der Name, den sie genannt hatte, war so allgemein bekannt, daß ich Gryces plötzliches Interesse jetzt leicht begriff. Ein Mädchen – sie war als Näherin bei uns – ist letzte Nacht unter Umständen verschwunden, die höchst beunruhigend sind. Sie wurde aus ihrem Zimmer geraubt, ja, wiederholte sie heftig, den ungläubigen Ausdruck in meinen Mienen gewahrend, geraubt, gewaltsam entführt; nun und nimmermehr ist sie aus freien Stücken gegangen – und sie muß gefunden werden, sollte es mich auch den letzten Dollar der kleinen Barschaft kosten, die ich mir zusammengespart habe für meine alten Tage.

Sie war so von Eifer erfüllt, ihre Worte klangen so dringend, so ungestüm, daß ich natürlicherweise fragte, ob das Mädchen, dessen Verschwinden sie so heftig bewegte, nahe mit ihr verwandt sei.

Nein, entgegnete sie, meinem Blick geflissentlich ausweichend, meine Verwandte ist sie nicht, aber eine sehr liebe Freundin von mir – eine Schutzbefohlene. Ich – ich – sie muß durchaus aufgefunden werden.

Wir waren jetzt auf der Straße. Es darf nichts davon verlauten, flüsterte sie und ergriff meinen Arm. Ich habe es ihm gesagt – sie deutete nach dem Gebäude zurück, welches wir eben verlassen hatten – und er hat mir versprochen, es geheimzuhalten. Nicht wahr, es wird möglich sein?

Ich werde Ihnen das besser sagen können, wenn ich erst von den Tatsachen unterrichtet bin. Wie heißt das Mädchen und weshalb vermuten Sie, daß sie nicht aus freiem Antrieb ganz einfach zur Tür hinausgegangen ist?

Alles, alles spricht dagegen. Erstens war sie nicht die Person dazu – und dann die Unordnung in ihrem Zimmer; – sie sind alle zum Fenster hinausgestiegen und durch die Seitenpforte nach der . . . Straße entkommen, rief sie plötzlich.

Sie? Wen meinen Sie denn damit?

Nun, die Leute, welche sie fortgeschleppt haben.

Ich vermochte meine Zweifel nicht zu verbergen. Gryce hätte das vielleicht gekonnt, aber ich bin nicht Gryce.

Sie glauben mir nicht, sagte sie, daß man sie geraubt hat?

Wenigstens nicht in dem Sinne, wie Sie es meinen.

Sie deutete wieder nach dem Polizeigebäude zurück. Er schien es gar nicht zu bezweifeln.

Ich lachte. Haben Sie ihm mitgeteilt, auf welche Weise nach Ihrer Ansicht die Entführung bewerkstelligt worden ist?

Ja, und er sagte darauf: »Höchst wahrscheinlich!« Er hat auch recht, denn ich selbst habe ja die Männer in ihrem Zimmer reden hören.

Männer – in ihrem Zimmer – wann?

Es mag wohl halb ein Uhr vorbei gewesen sein. Ich schlief schon, und das Geflüster weckte mich auf.

Warten Sie, sagte ich, wo ist denn des Mädchens Zimmer und wo das Ihrige?

Ihres ist das Hinterzimmer und meines das Vorderzimmer im dritten Stock.

Wer sind Sie selbst? Welche Stellung haben Sie bei Herrn Blake?

Ich bin die Haushälterin.

Herr Blake war nämlich Junggeselle.

Und Sie wurden letzte Nacht durch das Flüstern von Stimmen geweckt, die aus dem Zimmer jenes Mädchens zu kommen schienen?

Ja, zuerst glaubte ich, es seien die Leute im Nebenhause – wir hören sie oft, wenn sie lauter als gewöhnlich sind – aber bald war ich sicher, daß das Geräusch aus ihrem Zimmer kam. – Sie ist ein braves Mädchen, unterbrach sie sich, mir einen strengen Blick zuwerfend, als fürchte sie eine wegwerfende Aeußerung von mir, ein braveres gibt es nicht in der ganzen Stadt; hoffentlich untersteht sich niemand Anspielungen zu machen, sonst –

Ich besänftigte sie, so gut es ging. Wir nehmen als erwiesen an, daß sie treu ist wie Gold, sagte ich; nur weiter!

Wo war ich denn? fuhr sie fort, sich mit bebender Hand über die Stirne fahrend. Richtig, ich vernahm Stimmen, erschrak und eilte nach ihrer Türe. Die Räuber werden wohl das Geräusch gehört haben, das ich dabei machte. Alles war totenstill, als ich hinkam. Ich wartete einen Augenblick, dann drückte ich auf die Klinke und rief ihren Namen; sie gab keine Antwort, und ich rief wieder. Nun kam sie an die Türe, aber sie schloß nicht auf. »Was gibt es?« fragte sie. »Mir war, als hörte ich hier drinnen Stimmen,« erwiderte ich, »und die Angst hat mich hergetrieben.« »Es wird wohl nebenan gewesen sein,« gab sie zur Antwort. Ich entschuldigte mich wegen der Störung und ging in mein Zimmer zurück. Es blieb nun auch alles still; aber als wir am Morgen bei ihr eindrangen und sie nicht fanden, nur das geöffnete Fenster und alle Anzeichen des stattgefundenen Kampfes, da wußte ich, daß ich mich nicht geirrt hatte. Als ich an ihrer Türe stand, waren wirklich Männer bei ihr im Zimmer, die sie mit fortgeschleppt haben.

Diesmal konnte ich nicht an mich halten. Glauben Sie denn, daß die Räuber das Mädchen zum Fenster hinausgeworfen haben? fragte ich.

Das nicht, aber es wird ein Anbau am Hause gemacht; die Männer können die Leiter benützt haben, die bis zum dritten Stock führt, um sie herunterzuschaffen.

Wirklich – sie scheint doch kein ganz willenloses Opfer gewesen zu sein.

Die Frau blieb stehen und hielt meinen Arm wie mit eisernem Griff umfaßt.

Ich sage Ihnen, daß ich die Wahrheit spreche, keuchte sie. Die Einbrecher, oder was sie sein mögen, haben sie fortgeschleppt. Sie ist nicht freiwillig gegangen. Todesqual hat sie ausgestanden, es war für sie ein entsetzliches Unheil, das ihr noch das Leben kosten wird, wenn sie nicht bereits tot ist. Sie wissen nicht, wovon Sie reden, Sie haben sie nie gesehen. –

War sie hübsch? fragte ich, zufrieden, daß die Frau jetzt wieder vorwärtseilte, denn schon fingen die Vorübergehenden an, sich nach uns umzusehen. Die Frage schien sie förmlich zu beunruhigen.

Was soll ich darauf sagen? murmelte sie; manche mögen sie nicht für hübsch halten, in meinen Augen war sie es immer; es kam darauf an, wie man sie ansah.

Ihr Ton klang seltsam, sie schien mit sich nicht im reinen und sah starr zu Boden. Dies sonderbare Wesen erregte meinen Argwohn, und ich beschloß, ein wachsames Auge auf sie zu haben.

Wie kommt es, fragte ich, sie scharf anblickend, daß die Behörden durch Sie von dem Verschwinden des Mädchens in Kenntnis gesetzt worden sind? Weiß denn Herr Blake nichts davon?

In ihrem Benehmen ging eine merkliche Veränderung vor. Ich habe es ihm beim Frühstück mitgeteilt, erwiderte sie, aber Herr Blake kümmert sich nicht viel um seine Dienerschaft; er überläßt mir alle häuslichen Angelegenheiten.

So weiß er gar nicht, daß Sie die Polizei geholt haben?

Nein, und ich bitte Sie auch, es ihm zu verschweigen. Er mischt sich nie in solche Dinge, und braucht es nicht zu wissen. Ich werde Sie durch die Hintertür einlassen.

Wie nahm denn Herr Blake heute morgen Ihre Mitteilung auf, daß dies Mädchen – wie heißt sie eigentlich?

Emilie.

Daß diese Emilie in der Nacht verschwunden ist?

Sehr ruhig. Er saß beim Frühstück, in seine Zeitung vertieft, sah mich zerstreut an, zog die Stirne in Falten und sagte mir, ich möge die Dienstboten-Angelegenheiten besorgen, ohne ihn damit zu behelligen. Da sah ich denn, daß sich nichts weiter tun ließ und schwieg. Herr Blake ist kein Mann, den man zum zweitenmal stören darf.

Das glaubte ich ihr gern nach dem, was man in der Oeffentlichkeit von seinem verschlossenen, zurückhaltenden Wesen wußte.

Wir waren jetzt nur noch wenige Häuser von dem altertümlichen Gebäude entfernt, welches jener Abkömmling der Neuyorker vornehmen Welt bewohnte. Ich ließ daher meinen Begleiter in dem nächsten Torweg warten. Auf ein verabredetes Zeichen sollte er Herrn Gryce herbeiholen, im Fall ich seine Hilfe brauchte. Dann fragte ich die Frau, deren Unruhe jetzt bei jedem Schritt wuchs, wie sie mich in das Haus zu bringen gedächte, ohne daß Herr Blake darum wisse.

Sie brauchen mir nur die Hintertreppe hinauf zu folgen, versetzte sie; er wird nichts bemerken und jedenfalls keine Fragen stellen.

Jetzt standen wir an der Seitenpforte; sie nahm einen Schlüssel aus der Tasche, schloß auf und wir traten in das Wohnhaus ein.



Zweites Kapitel.

Frau Daniels, so hieß die Haushälterin, führte mich sofort nach dem Hinterzimmer im dritten Stock. Als wir durch die Gänge und Vorsäle kamen, fiel mir die reiche Verzierung an den altertümlichen Wänden und schweren Freskodecken auf. Mein Beruf hatte mich wohl schon in manches vornehme Haus geführt, aber über eine solche Schwelle war ich doch noch nie geschritten. Törichte Empfindsamkeit ist mir fremd; trotzdem überkam mich eine förmliche Scheu, in dieser aristokratischen Behausung polizeiliche Untersuchungen anzustellen.

Kaum hatte ich jedoch das Zimmer des vermißten Mädchens betreten, so schwand jede andere Rücksicht vor meinem Forschungstrieb, meinem Ehrgeiz. Beim ersten Blick erkannte ich, daß es sich hier nicht um alltägliche Vorgänge handle, daß das Verschwinden des Mädchens von rätselhaften Umständen begleitet war. Ich will die Tatsachen in der Reihenfolge berichten, in welcher sie sich mir aufdrängten.

Die ganze Ausstattung des Zimmers paßte nicht für eine gewöhnliche Näherin. Zwar schienen die Möbel einfach im Vergleich zu dem Reichtum des übrigen Hauses, aber doch waren in dem geräumigen Gemach Luxusgegenstände genug vorhanden, um Frau Daniels Angaben über den Stand des Mädchens als sehr fragwürdig erscheinen zu lassen.

Die Haushälterin bemerkte meinen verwunderten Blick und war gleich mit einer Erklärung bei der Hand. Von jeher ist dieses Zimmer zur Näharbeit benutzt worden, sagte sie. Als Emilie kam, glaubte ich, es sei besser, hier ein Bett hineinzustellen, als sie eine Treppe höher schlafen zu lassen. Sie war ein sehr sauberes Mädchen und hat nichts in Unordnung gebracht.

Ich blickte mich um und sah die Schreibmappe auf dem Tischchen in der Mitte des Zimmers, die Vase mit den halbverwelkten Rosen auf dem Kaminsims, Shakespeares Werke und Macaulays Geschichte auf dem Eckbrett zu meiner Rechten; ich hatte dabei meine eigenen Gedanken, sagte aber nichts. Als ich nun noch genauere Umschau hielt, ward mir dreierlei klar: erstens, das Bett des Mädchens war in der letzten Nacht unberührt geblieben; zweitens, eine Art Kampf oder Ueberrumpelung mußte stattgefunden haben, denn eine der Gardinen war gewaltsam zerrissen, als habe sich eine Hand daran festgeklammert, und ein Stuhl lag umgeworfen mit abgebrochenem Bein am Boden: drittens, der Ausgang – wie seltsam dies auch erscheinen mag – war offenbar durch das Fenster genommen worden.

Haben Sie die Türe heute früh verschlossen gefunden? fragte ich.

Ja, aber eine Nebentüre führt von meinem Zimmer in das ihrige; es stand nur ein Stuhl davor, welchen wir leicht fortschieben konnten.

Ich trat an das Fenster und sah hinaus. Für einen Mann war es selbst bei dunkler Nacht nicht allzuschwierig, von hier aus die Straße zu erreichen, denn das Dach des Neubaus lag fast auf gleicher Höhe mit dem Fenster.

Nun, rief sie gespannt, kann man sie nicht hier hinunter getragen haben?

Es sind wohl schon gefährlichere Wagnisse ausgeführt worden, versetzte ich und schickte mich an, auf das Dach hinauszusteigen. Da fiel mir ein, Frau Daniels zu fragen, ob von den Kleidern des Mädchens etwas vermißt werde.

Sie stürzte sogleich nach den Schränken und von da zur Kommode, an der sie die Schublade hastig aufzog. Nein, es fehlt nur ihr Hut und Mantel und – sie hielt verwirrt inne.

Und was? drängte ich.

Nichts, erwiderte sie, rasch die Kommode schließend, nur einige Kleinigkeiten.

Kleinigkeiten – wiederholte ich; vielleicht ihre Schmucksachen? Wenn sie sich mit dergleichen aufgehalten hat, kann sie doch nicht sehr gegen ihren Willen fortgegangen sein.

Ich machte aus meiner Verstimmung kein Hehl und stand im Begriff, das Zimmer zu verlassen. Der unentschlossene Ausdruck in Frau Daniels Gesicht hielt mich jedoch zurück.

Ich begreife es nicht, murmelte sie, ihre Hand gegen die Stirn pressend, das geht über mein Verständnis. Aber, fuhr sie aus innerster Ueberzeugung fort, glauben Sie mir, der Fall ist ernst – das Mädchen muß gefunden werden.

Ich beschloß zu ergründen, was dies Muß zu bedeuten habe, welches sie mit so ungewöhnlichem Nachdruck betonte. Wenn das Mädchen aus eigenem Antrieb fortgegangen ist, wie verschiedene Umstände anzudeuten scheinen, sagte ich, weshalb dringen Sie nur so eifrig darauf, daß man ihr folgen soll, um sie zurückzuholen, zumal Sie gar nicht mit ihr verwandt sind, wie Sie sagen?

Genügt es nicht, wenn ich verspreche, alle Kosten zu tragen, welche die Nachforschungen verursachen werden? rief sie aufgeregt. Ich liebe das Mädchen und bin überzeugt, daß man schändliche Mittel angewendet hat, um sie zu entführen. Alles was ich besitze, stelle ich denen zur Verfügung, welche sie zurückbringen.

Aber Herr Blake wäre doch derjenige, welcher sich der Sache zuerst annehmen müßte.

Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Herr Blake sich sehr wenig um seine Dienerschaft kümmert. Sie war bleich geworden, während sie diese Worte sprach.

Ich blickte mich nochmals im Zimmer um. Wie lange sind Sie schon in diesem Hause? fragte ich.

Bei Lebzeiten von Herrn Blakes Vater war ich bereits hier. Er starb vor einem Jahr.

Und seitdem sind Sie bei dem Sohn geblieben?

Jawohl.

Wann ist denn jene Emilie hier in Dienst getreten?

Vor etwa elf Monaten – sie ist aber keine gewöhnliche Dienerin, kein gewöhnliches Mädchen.

Wieso? War sie ungewöhnlich klug, fein gebildet oder hübsch?

Ich kann es nicht recht beschreiben. Gebildet war sie, ja, aber nicht wie eine vornehme Dame. Doch wußte sie mancherlei, wovon wir andern keine Ahnung hatten. Sie las gern und – ach Herr, fragen Sie lieber die Mädchen danach; ich weiß nie, was ich antworten soll, wenn man mich ins Verhör nimmt.

Ich betrachtete mir die schon bejahrte Frau noch genauer als zuvor. War sie wirklich eine so harmlose, unbedeutende Person, wie es den Anschein hatte, oder lag noch ein tieferer Grund hinter ihrem vielen Zaudern und Zagen?

Wie sind Sie zu dem Mädchen gekommen? fragte ich. Wo hat sie gelebt, bevor sie bei Ihnen eintrat?

Das kann ich nicht sagen; ich habe sie nie über ihre Person befragt. Sie bat mich um Arbeit, und da sie mir gefiel, nahm ich sie ohne besondere Empfehlung.

Und Sie waren mit ihr zufrieden?

Außerordentlich.

Ist sie viel ausgegangen? Hat sie Besuche erhalten?

Sie schüttelte den Kopf. Nein, niemals.

Ich drängte sie nun nicht weiter mit Fragen, sondern stieg, ohne noch ein Wort zu verlieren, auf das Dach des Anbaus hinaus.

Dabei überlegte ich, ob es wohl erforderlich wäre, nach Herrn Gryce zu schicken. Bis jetzt lag kein Beweis vor, daß dem Mädchen ein Unglück zugestoßen sei. War sie aber einfach, mit oder ohne Beistand eines Geliebten, auf- und davongegangen, so hatte die Sache keine so außerordentliche Wichtigkeit, daß man deswegen die ganze Polizeimannschaft in Bewegung setzen mußte. Indessen mit Gryce war nicht zu spassen. Er hatte gesagt, man solle ihn holen, wenn er gebraucht werde, und ein etwas verwickeltes Ansehen hatte die Sache ja immerhin. Ich war noch unentschlossen, als ich den Rand des Daches erreichte.

Der Abstieg war steil, aber einmal unten, konnte man mit Leichtigkeit aus dem Hof entkommen. Für einen Mann war keine Gefahr dabei – aber wie sollte eine Frau das Unternehmen wagen?

Mit diesen Gedanken beschäftigt ging ich nachdenklich zurück – da stutzte ich plötzlich. Was ich dort auf dem Dache gewahrte, konnte nichts anderes sein als ein Tropfen geronnenes Blut; mehr nach dem Fenster hin sah ich noch einen, dann einen dritten und vierten. Selbst auf dem Fenstersims befand sich ein roter Fleck. Ich sprang ins Zimmer und suchte auf dem Teppich nach weiteren Spuren. In dem verwirrten Muster von rot und braun ließ sich nichts leicht unterscheiden, und ich mußte mich tief hinunterbücken.

Was suchen Sie denn? rief Frau Daniels.

Ich deutete auf den Fleck am Fensterbrett.

Blut! rief sie, erschrocken nähertretend; ihre Lippen waren bleich, ihre Glieder bebten. Man hat sie umgebracht, und er wird niemals – Sie stockte, und ich sah zu ihr auf.

Glauben Sie, daß es ihr Blut ist? flüsterte sie schaudernd.

Das läßt sich kaum anders annehmen, erwiderte ich auf eine Stelle deutend, wo ich jetzt eine Menge roter Tropfen entdeckt hatte, welche über die Rosen im Teppichmuster gespritzt waren und so feurig glühten wie diese.

Das ist weit schlimmer, als ich fürchtete, stöhnte sie. Was wollen Sie tun? Was kann geschehen?

Ich werde nach einem zweiten Detektiv schicken, versetzte ich und trat an das Fenster, um Harris das Zeichen zu geben, damit er Gryce herbeihole.

Nach dem, welchen ich im Bureau sah? fragte sie.

Ich verbeugte mich bejahend.

O, das freut mich, rief sie sichtlich erleichtert, dann wird gewiß gleich etwas geschehen.

Für mein Selbstgefühl war das etwas kränkend; doch unterdrückte ich meinen Unwillen und benützte die Zeit zu weiteren Beobachtungen. In der offenen Schreibmappe fanden sich weder Briefe noch andere Schriften, nur einige Bogen Papier, daneben Feder, Tinte und dergleichen. Bürste und Haarnadeln lagen auf der Kommode verstreut, als sei das Mädchen beim Ordnen ihres Haares überrascht worden; nirgends aber bemerkte ich die vorrätige Näharbeit, welche sich in einem Zimmer anzuhäufen pflegt, das ausschließlich zum Flicken und Schneidern benützt wird. Alle diese Ermittelungen konnten uns jedoch nur wenig helfen, wenn es sich um einen wirklich schwierigen Fall handelte, das wußte ich recht gut.

Glücklicherweise gewann die Sache durch Gryces Ankunft bald ein besseres Aussehen. Ich selbst ließ ihn durch die Hintertüre herein, und es dauerte keine Minute, so konnte er alles, was ich bisher ausgekundschaftet, an den Fingern herzählen. Er eilte in das Zimmer hinauf, blieb jedoch nicht lange oben.

Wie sah denn das Mädchen aus? fragte er, mit lebhaftem Interesse auf Frau Daniels zueilend, die sich, während dies alles vor sich ging, in eine Nische des unteren Hausflurs zurückgezogen hatte. Beschreiben Sie sie mir einmal – Haar, Augen, Gesichtsfarbe – kurz ihre ganze Erscheinung.

Ich – ich – weiß nicht, ob ich das kann, stammelte sie und wurde sehr rot. Ich habe so wenig Beobachtungsgabe; es ist besser, ich rufe eins der Mädchen. Sie war schon fort, ehe wir Zeit hatten, Einspruch zu erheben.

Hm, brummte Gryce nachdenklich, während er eine Vase vom Eckbrett nahm und hineinschaute.

Ich enthielt mich jeder Aeußerung.

Frau Daniels kam mit einem Stubenmädchen von einnehmendem Aeußern zurück.

Hier ist Fanny, sagte sie, die Ihnen die gewünschte Auskunft über Emilie geben kann. Ich habe ihr mitgeteilt, fuhr sie mit großer Ruhe fort, Herrn Gryce einen bedeutsamen Blick zuwerfend, daß Sie Ihre Nichte suchen, die sich vor einiger Zeit heimlich von Ihrer Familie entfernt hat, um irgendwo in Dienst zu treten.

Ganz richtig, versetzte Gryce, den Blick auf das Tellertuch gerichtet, welches Fanny in der Hand hielt. Dann wiederholte er die Frage, welche er schon an die Haushälterin gerichtet hatte.

Das Mädchen erwiderte ohne Zögern: Sie war schon hübsch, aber nicht jedem gefällt ein Gesicht, das so weiß aussah wie dies Tuch, ehe ich die Löffel damit abgetrocknet hatte. Ihr Haar war das schwärzeste, das mir je vorgekommen ist, und ihre Augen waren noch dunkler. Sie war sehr mager und überhaupt, was ihre Figur betrifft – Fanny warf einen vielsagenden Blick auf ihre eigene üppige Gestalt und zuckte die Achseln.

Trifft diese Beschreibung zu, Frau Daniels?

erkundigte sich Gryce, dabei das Häubchen auf Fannys Kopf mit großer Aufmerksamkeit betrachtend.

So ziemlich, erwiderte jene in leisem Ton. Dann fügte sie plötzlich mit großer Entschiedenheit hinzu: Stark war Emilie allerdings nicht, sondern sehr schlank. Ich habe gesehen – Sie brach schnell ab und winkte Fanny, sich zu entfernen.

Noch einen Augenblick, bat Gryce freundlich. Sie sagen, das Mädchen hatte dunkle Augen – dunkler als die Ihrigen?

Jawohl, Herr, versetzte Fanny und zupfte verschämt an den Bändern ihres Häubchens.

Darf ich Ihr Haar sehen?

Sie nahm das Häubchen lächelnd ab.

Hübsch, sehr hübsch. Und die übrigen Dienerinnen – Sie haben noch andere, nicht wahr?

Noch zwei, versetzte Frau Daniels.

Und alle mit helleren Augen als Emilie?

Ja, ungefähr von derselben Farbe wie die Fannys.

Jetzt entließ Gryce das Mädchen; ich sah, er war mit dem Ergebnis seiner Erkundigungen zufrieden.

Wir schickten uns eben an, in den Hof hinunterzugehen, als sich die Tür eines Vorderzimmers öffnete und Herr Blake heraustrat. Er war im Straßenanzug und trug den Hut in der Hand; ich erkannte ihn auf den ersten Blick. Ueberrascht und schweigend standen wir da, und Frau Daniels ward rot bis zu den Schläfen.

Herr Blake ist Junggeselle und eine vornehme, stolze, zurückhaltende, etwas düstere Erscheinung. Als er auf uns zukam, fiel gerade ein Lichtstrahl durch das Fenster zu unserer Rechten voll auf sein Gesicht; er schien ganz in trübe Gedanken versunken.

Unwillkürlich schrak ich zurück in dem Gefühl, daß wir ohne Befugnis hier eingedrungen seien; Gryce dagegen trat einen Schritt näher.

Herr Blake, wenn ich nicht irre, sagte er, sich höflich verbeugend.

Der Angeredete fuhr wie aus einem Traum erwachend auf, bemerkte Gryces verbindliches Lächeln und erwiderte seinen Gruß, jedoch zerstreut und mit stolzer Miene.

Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Namen nenne, fuhr mein Vorgesetzter fort. Detektiv Gryce. Heute wurde bei uns auf dem Bureau Anzeige gemacht, daß ein Mädchen, welches in Ihren Diensten stand, letzte Nacht auf seltsame Art aus dem Hause verschwunden ist; ich bin mit meinem Kollegen gekommen, um zu untersuchen, ob genauere Nachforschungen angestellt werden müssen. Entschuldigen Sie gütigst unser Eindringen; ich stelle mich ganz zu Ihrer Verfügung.

Offenbar war die Störung Herrn Blake sehr lästig; sein Blick fiel auf Frau Daniels.

Legen Sie der Sache wirklich eine solche Wichtigkeit bei? fragte er.

Sie nickte bloß; es mochte ihr wohl schwer sein, Worte zu finden.

Er sah sie noch immer zweifelnd an. Mir scheint doch, daß es kaum nötig war, gleich die äußersten Maßregeln zu ergreifen; das Mädchen wird sicherlich wiederkommen und wenn nicht – er zuckte die Achseln und zog seine Handschuhe aus der Tasche.

Das Bedenklichste ist nur, meinte Gryce, unverwandt auf die Handschuhe blickend, daß das Mädchen nicht allein fortgegangen ist, sondern, entweder freiwillig oder gezwungen, in Begleitung von Leuten, die zuvor in Ihr Haus eingebrochen waren.

Das ist allerdings seltsam, bemerkte Herr Blake, scheinbar ohne besonderes Interesse. Wenn, was Sie sagen, erwiesen ist, bedürfte es wohl einiger Aufklärung. Ich wünsche nicht den Gerichten beim Schutz der Verfolgten hinderlich zu sein. Indessen – er zuckte abermals mit gleichgültiger Miene die Achseln.

Frau Daniels bebte an allen Gliedern; sie tat einen Schritt vorwärts, als wollte sie reden, zog sich dann jedoch zögernd und unentschlossen wieder zurück.

Gryce schien das nicht zu bemerken.

Wollen Sie vielleicht das Zimmer des Mädchens mit mir besichtigen? fragte er. Ich glaube Ihnen dort beweisen zu können, daß nicht übergroßer Eifer und Vorwitz uns hergeführt hat.

Das gebe ich Ihnen gern zu, ohne mich erst durch den Augenschein zu überzeugen, entgegnete der Herr des Hauses nicht ohne Gereiztheit. Wenn jedoch irgend etwas besonders Auffälliges vorliegt, will ich mich Ihren Wünschen gern fügen. In welchem Teil des Hauses befindet sich jenes Zimmer, Frau Daniels?

Es ist – ich habe ihr das Hinterzimmer im dritten Stock gegeben, erwiderte die alte Frau, ihn ängstlich betrachtend. Es ist hell und geräumig genug zum Nähen, und sie war so nett, daß –

Herr Blake hatte inzwischen die Handschuhe angezogen und winkte ihr ungeduldig zu, ihn mit derartigen Einzelheiten zu verschonen. Sein Verlangen, daß sie vorangehen und ihnen den Weg zeigen sollte, schien sie mit neuer Furcht und Unruhe zu erfüllen.

Ich glaube, Sie brauchen Herrn Blake nicht hinaufzubemühen, wandte sie sich an Gryce. Wenn er erfährt, daß der Vorhang zerrissen war, der Stuhl umgeworfen, das Fenster geöffnet und –

Aber Gryce war schon auf der Treppe, von Herrn Blake geleitet, den ihr schwächlicher Widerstand sofort zu einem Entschluß gebracht zu haben schien.

Großer Gott, murmelte sie vor sich hin, wer hätte das ahnen können! – In ihrer Aufregung meine Gegenwart völlig übersehend, eilte sie an mir vorbei nach dem oberen Zimmer, wohin ich ihr schleunig folgte.



Drittes Kapitel.

Als ich eintrat, stand Herr Blake mitten im Zimmer, den Hut noch immer in der Hand, und sah gleichgültig auf Gryce, der ihm mit unermüdlichem Eifer alle einzelnen Punkte auseinandersetzte, die uns aufgefallen waren. Frau Daniels beobachtete seine ehrfurchtgebietende Gestalt von dem Winkel aus, in den sie sich zurückgezogen hatte, mit scheuen Blicken.

Man hat sie gewaltsam fortgeführt, wie Sie sehen, rief Gryce, ihr nicht einmal Zeit gelassen, ihre Kleider mitzunehmen. Er beugte sich rasch nieder und zog vor den Blicken seines zerstreuten Zuhörers eine Kommodeschublade auf.

Ein unterdrückter Schreckensruf traf unser Ohr, und Frau Daniels eilte herzu.

Bitte, meine Herren, flehte sie und stellte sich vor der Kommode auf, das Oeffnen der Schubladen zu verhindern, bedenken Sie, dies sind die Kleidungsstücke eines sittsamen Mädchens, welches erröten würde, sie vor fremden Augen enthüllt zu sehen.

Gryce schob die Schublade sofort wieder zu.

Sie haben recht, sagte er; entschuldigen Sie das rauhe Wesen eines etwas verhärteten Polizeibeamten.

Sie trat noch näher an die Kommode heran, sie mit ihrer hagern Gestalt deckend und schützend. Ihre Blicke streiften den Hausherrn mit fast grimmigem Ausdruck, als ob er und nicht der Detektiv derjenige sei, dessen Eingriffe sie fürchte.

Herr Blake schien nicht darauf zu achten.

Wenn das alles ist, was Sie mir zu zeigen haben, sagte er, so brauche ich meinen Ausgang nicht länger zu verschieben. Die Sache ist allerdings ernstlicher, als ich dachte. Sollten Sie entscheidende Schritte für geboten halten, so darf meine große, tief eingewurzelte Abneigung gegen jedes öffentliche Aufsehen Sie nicht hindern, Ihre Pflicht zu tun. Mein Haus steht Ihnen zur Verfügung unter Frau Daniels' Leitung. Ich empfehle mich Ihnen. Er entfernte sich, unsern Gruß mit vornehmer Nachlässigkeit erwidernd.

Frau Daniels holte tief Atem und trat von der Kommode zurück. Sogleich bückte sich Gryce wieder und zog die Schublade auf, welche sie so tapfer verteidigt hatte. Ein weißes Handtuch war in ganzer Länge sauber darüber gebreitet. Wir hoben es auf, und vor unsern gespannten Blicken lag ein sorgfältig zusammengefaltetes blaues Seidenkleid von eleganter Machart; daneben ein kostbarer Spitzenkragen, der mit einer Brustnadel von reizender, ganz eigenartiger Form zusammengesteckt war. Ein verwelkter Zweig roter Rosen, welcher oben darauflag, ließ das Ganze als geheiligtes Andenken an eine Verstorbene erscheinen.

Wir fuhren beide zurück und sahen unwillkürlich nach Frau Daniels hin.

Ich kann Ihnen nichts Erklärendes darüber sagen, äußerte diese mit einer Ruhe, welche seltsam gegen ihre vorige Aufregung abstach, solange Herr Blake im Zimmer war. Daß diese kostbaren Sachen dem Mädchen wirklich gehört haben, bezweifle ich nicht. Sie hat sie hierher mitgebracht, und mir wird dadurch nur bestätigt, was ich Ihnen schon vorhin andeutete, daß sie kein gewöhnliches Nähmädchen war, sondern bessere Tage gesehen hatte.

Hm, brummte Gryce leise, warf noch einen Blick auf das dunkelblaue Kleid und den Spitzenkragen, breitete das Tuch wieder darüber und schloß die Schublade, ohne daß einer von uns die Gegenstände, die sie enthielt, mit einem Finger berührt hatte. Fünf Minuten später verließ Gryce das Gemach.

Als mich meine Untersuchungen später in die untern Räume führte, sah ich ihn, verstohlen um sich blickend, aus Herrn Blakes Privatzimmer herauskommen. Er sah mich lächelnd an und verriet durch seine Mienen, ob bewußt oder unbewußt weiß ich nicht, daß er irgendeinen Aufschluß gefunden, sich wenigstens eine Theorie gebildet habe, die ihn einigermaßen befriedigte.

Ein prächtiges Zimmer, flüsterte er mit einem Seitenblick auf den Raum, den er eben verlassen hatte. Schade, daß Sie keine Zeit haben, es in Augenschein zu nehmen.

Warum sollte ich das nicht? erwiderte ich, nähertretend, um Frau Daniels' Blicken auszuweichen, die nach mir die Treppe herabkam.

Weil es nicht geht, sagte er, und wir eilten zusammen in den Hof hinab.

Meine Neugier war jedoch erwacht und ließ mir keine Ruhe. Sobald ich Gryce in einem scherzhaften Gespräch mit dem Mädchen unten begriffen sah, schlich ich mich leise zurück und betrat das Zimmer.

Ich fuhr ordentlich zusammen vor Ueberraschung. Statt des reich ausgestatteten Gemaches, das ich zu sehen erwartete, erblickte ich einen einfach und kaum genügend möblierten Raum, halb Bibliothek, halb Studierzimmer. Der gebohnte Boden war nicht einmal mit einem Teppich belegt, nur an der Seite lag eine Decke, gerade vor einem Gemälde, das beim ersten Blick meine Aufmerksamkeit gefesselt hatte, weil es der einzige beachtenswerte Gegenstand im Zimmer war. Es stellte eine stattliche, reizende Frauengestalt dar, eine moderne Schönheit mit feurigen Augen und ebenholzschwarzen Locken. Nur eine scharlachrote Kapuze, die leicht darüber gezogen war, brachte Farbe in diesen düstern Glanz.

Eine Schwester, dachte ich, für seine Mutter ist sie zu modern gekleidet. Ich trat näher, um in dem etwas starren Antlitz der stolzen Brünette eine Aehnlichkeit mit den Zügen des Mannes zu entdecken, der uns vor kurzem noch gegenüber gestanden hatte. Dabei fiel mir auf, daß das Bild merkwürdig weit von der Wand abstand; durch den schweren Rahmen wurde der Eindruck des im übrigen so vollendeten Kunstwerkes nach meiner Meinung fast verdorben. Die Aehnlichkeit, nach welcher ich suchte, schien mir hauptsächlich in den Augen zu liegen. Sie waren von derselben Farbe wie Herrn Blakes Augen, nur glühender, leidenschaftlicher im Ausdruck. Nachdem ich das Bild in allen seinen Einzelheiten betrachtet hatte, wollte ich mich eben andern Beobachtungen zuwenden, als mir das aufgeregte Gesicht der Frau Daniels entgegenstarrte, welche hinter mir eingetreten war.

Dies ist Herrn Blakes Zimmer, sagte sie mit Unwillen; außer mir hat hier niemand Eintritt, nicht einmal die Dienerschaft.

Entschuldigen Sie, versetzte ich, mich vergebens umschauend, um zu ergründen, was Herrn Gryce so befriedigt haben könne. Mich zog dies schöne Gemälde an, das ich durch die halboffene Tür sah. Es ist ganz reizend; stellt es Herrn Blakes Schwester dar?

Nein, seine Cousine; sie schloß die Tür so kräftig hinter uns, daß ihr Unmut nicht zu verkennen war.

Ich machte keinen weitern Versuch, auf eigene Hand Nachforschungen anzustellen. Wenige Augenblicke später kam Gryce herauf, und sein Gespräch mit Frau Daniels, welches nun folgte, nahm meine Aufmerksamkeit völlig in Anspruch.

Mein Kollege sagt mir, es läge Ihnen sehr am Herzen, daß wir dies Mädchen auffinden, begann mein Vorgesetzter, Sie seien sogar erbötig, alle Kosten zu tragen?

Soweit ich dies vermag, versetzte die Haushälterin. Ich habe ein paar hundert Dollars auf der Bank, die Ihnen zur Verfügung stehen. Besäße ich Tausende, ich würde sie gern hergeben, aber ich bin arm und kann Ihnen nur versprechen, was ich selbst besitze, obwohl – ihre Wangen glühten vor übergroßer Erregung – große Summen verwendet werden könnten, sobald man dies für notwendig hielte. Ich – ich möchte einen Eid darauf schwören, daß Sie alles erhalten werden, was Sie vernünftigerweise fordern können. Nur müssen Sie das Mädchen finden und zwar bald.

Haben Sie auch bedacht, fuhr Gryce fort, als hätte er ihre Beteuerungen völlig überhört, daß das Mädchen vielleicht von selbst zurückkommen würde, wenn man ruhig wartete?

Sie wird zurückkommen, wenn sie kann, versicherte Frau Daniels.

Hing sie denn so sehr an dem Heim, welches sie hier gefunden hatte, daß Sie das so gewiß behaupten können?

Es gefiel ihr hier im Hause, und sie hatte mich lieb, versetzte die Frau mit Bestimmtheit. Ja, sie liebte mich so sehr, daß man sie nur mit Gewalt von hier weggebracht haben kann. Davon bin ich überzeugt, trotzdem ihr noch die Zeit blieb, Hut und Mantel mitzunehmen. Jedes unnütze Aufsehen war ihr aber verhaßt. Hätten die Räuber sie auf der Stelle umgebracht, sie würde keinen Laut von sich gegeben haben.

Sie hörten also verschiedene Männerstimmen in dem Zimmer. Kam Ihnen keine derselben bekannt vor?

Nein, war ihre verwunderte Antwort.

Ich frage nur, versetzte Gryce, weil man mir gesagt hat, daß Herrn Blakes früherer Kammerdiener dem Mädchen Aufmerksamkeit geschenkt haben soll, wenn sie ihm auf der Treppe begegnete.

Frau Daniels ward blutrot im Gesicht und sprang zornig vom Stuhle auf. Glauben Sie das nicht, rief sie; Henry hätte sich so etwas nie herausgenommen. Ich will dergleichen gar nicht hören, fügte sie hastig hinzu, Emilie war – eine Dame und –

Nun, nun, beruhigte sie Gryce, wenn auch die Katze den Kaiser ansieht, so ist damit immer noch nicht gesagt, daß der Kaiser nach der Katze schaut. Wir müssen natürlich alles in Betracht ziehen.

Solche Gedanken schlagen Sie sich nur ganz aus dem Sinn.

Gryce strich leise über die Krempe seines Hutes, den er in der Hand hielt. Sie könnten uns unsere Aufgabe wesentlich erleichtern, Frau Daniels, wenn Sie die Güte hätten, uns offen kund zu tun, weshalb Sie solchen Anteil an dem Mädchen nehmen. Ein Blick in ihre wahre Geschichte würde uns besser auf die rechte Spur helfen, als alles, was Sie uns sonst bieten können.

Sie zog die Stirn in düstere Falten. Habe ich Ihnen denn nicht alles gesagt, was ich davon weiß? Daß sie vor einem Jahr bei mir Arbeit suchte und ich sie behielt, weil sie mir gefiel; daß sie seitdem immer bei uns gewesen ist und –

Also wollen Sie es uns nicht sagen, unterbrach sie Gryce.

Sie schien zu zaudern; Unentschlossenheit sprach aus ihren Mienen.

Wenn Sie es nicht tun, läßt sich schwerlich etwas ausrichten, fuhr er fort.

Jetzt kehrte ihre frühere Sicherheit zurück.

Sie sind im Irrtum, sagte sie; wenn das Mädchen ein Geheimnis hatte, was wohl möglich ist, da sie augenscheinlich früher in besseren Verhältnissen war und ins Elend geriet, so hat das doch nichts mit ihrem rätselhaften Verschwinden zu tun. Wüßten Sie es auch, es würde Ihnen keine Hilfe sein. Davon bin ich überzeugt und werde mein Schweigen bewahren.

Sie war keine Frau, die sich durch Drohungen oder Schmeichelworte wider ihren Willen zum Reden bringen ließ; Gryce sah dies ein und drang nicht weiter in sie. Wollen Sie uns nicht wenigstens sagen, welche Gegenstände sie aus der Kommode mitgenommen hat? fragte er nur noch.

Nein, auch das hat nichts mit ihrem Verschwinden zu tun. Es waren Dinge, die für sie großen Wert hatten, aber im übrigen ganz ohne Bedeutung sind. Nur die Tatsache wird dadurch bestätigt, daß man ihr einen Augenblick Zeit gelassen hat, um mitzunehmen, was ihr am wichtigsten war.

Gryce erhob sich. Sie geben uns ein schweres Rätsel auf, sagte er, aber vor Schwierigkeiten zurückzuschrecken ist nicht meine Art. Ich werde tun was ich kann, um den Aufenthaltsort des Mädchens zu entdecken – aber Sie müssen mir helfen.

Ich – aber wie?

Indem Sie einen Aufruf im ›Herald‹ einrücken, um sie wissen zu lassen, daß ihre Freunde in Sorge um sie sind und Nachricht von ihr zu erhalten wünschen.

Unmöglich, rief sie heftig, ich müßte ja fürchten –

Nun, was denn?

Höchstens könnte ich schreiben, daß Frau Daniels sich um Emilie Sorge macht und gern ihren Aufenthaltsort wissen möchte.

Kleiden Sie es ein, wie Sie wollen.

Es wird auch gut sein, nahm ich jetzt zum erstenmal das Wort, wenn Sie demjenigen, der Ihnen Nachricht bringt, eine Belohnung versprechen

Ja, bestätigte Gryce, fügen Sie das jedenfalls bei.

Frau Daniels sah finster drein, machte jedoch keinerlei Einwendungen. Wir ließen uns nur noch die Kleidungsstücke, welche das Mädchen am vergangenen Abend getragen hatte, genau beschreiben, dann verließen wir das Haus.



Viertes Kapitel.

Eine geheimnisvolle Angelegenheit, meinte Gryce, als wir an der Straßenecke stillstanden, um noch einen Blick auf das Haus und seine Umgebung zu werfen. Warum das Mädchen die Leiter dort heruntergeklettert sein sollte, um ein Haus zu verlassen, das sie ein Jahr lang bewohnt hat, geht über mein Verständnis. Ohne die Blutspuren würde ich das ganze Abenteuer für eine Erfindung halten. Hätte ich nur eine Photographie von ihr. Schwarzes Haar, dunkle Augen, ein bleiches Gesicht und eine magere Gestalt. Und nach dieser Beschreibung soll man ein Mädchen in einer Stadt wie Neuyork auffinden können. – Ach, rief er plötzlich befriedigt aus, da kommt Herr Blake wieder; sein Ausgang ist nur von kurzer Dauer gewesen. Vielleicht kann er die Beschreibung noch vervollständigen. Er eilte auf den Herrn zu und richtete mehrere Fragen an ihn.

Herr Blake stand still, sah ihn einen Augenblick verwirrt an und erwiderte dann so laut, daß ich seine Worte verstehen konnte:

Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht dienen kann, aber ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wie das Mädchen aussah. Erst heute morgen habe ich überhaupt erfahren, daß sich eine Näherin in meinem Hause befand. Ich überlasse alle diese Angelegenheiten ausschließlich der Frau Daniels.

Gryce verbeugte sich tief und stellte eine zweite Frage; die Antwort vernahm ich wieder deutlich wie zuvor.

Wohl möglich, daß ich sie gesehen habe; ich begegne den Dienstboten öfters im Hausflur; aber, ob sie groß oder klein, blond oder braun, hübsch oder häßlich ist, weiß ich ebensowenig als Sie, werter Herr. Dann fügte er mit einem vornehmen Neigen des Kopfes hinzu, welches einen Mann in Gryces Stellung wohl hätte verlegen machen können: Genügt Ihnen das?

Dies war offenbar nicht der Fall, denn Gryce stellte noch eine Frage. Herr Blake starrte ihn verwundert an, antwortete jedoch höflich:

Ich kümmere mich nicht um meine Dienstboten, nachdem sie mein Haus verlassen haben. Henry war ein sehr guter Diener, aber nicht fügsam genug, und solche Leute dulde ich nie in meiner Nähe. Ich entließ ihn, und damit war die Sache abgetan; was weiter aus ihm geworden ist, kann ich nicht sagen.

Gryce zog sich mit einer Verbeugung zurück, während Herr Blake mit dem ihm eigenen stolzen Gang an ihm vorüberschritt und wieder in sein Haus trat.

Dem Manne möchte ich nicht in die Hände geraten, sagte ich, als mein Vorgesetzter zu mir kam. Er hat eine Art mit unsereinem zu sprechen, daß man sich ganz klein fühlt neben seiner wichtigen Person.

Doch wird es sich vielleicht gerade so fügen, daß Ihnen diese Erfahrung nicht erspart bleiben kann, entgegnete Gryce, einen Seitenblick auf seinen eigenen Schatten werfend, der ihm auf dem Straßenpflaster folgte.

Ich sah ihn sprachlos vor Erstaunen an.

Wenn das Mädchen nicht von selbst wiederkommt, und es uns nicht gelingt, eine Spur ihres Aufenthalts zu entdecken, so halte ich es für das beste, daß Sie den Haushalt jenes Herrn einer genauen Prüfung unterwerfen. Ist die Geschichte ein Geheimnis, so muß man den Kernpunkt desselben ohne Zweifel dort im Hause suchen.

Ich machte große Augen. Also haben Sie etwas entdeckt, was mir entgangen ist – wie könnten Sie sonst mit solcher Bestimmtheit sprechen?

Ich habe nichts entdeckt, was nicht offen vor jedermanns Blicken lag, der Augen hatte, es zu sehen, erwiderte er kurz.

Beschämt schüttelte ich den Kopf.

Es ging alles in Ihrem Beisein vor sich, fuhr er fort, und wenn Sie nicht imstande waren, die Tatsachen so aufzufassen, daß sich ein Schluß daraus ziehen ließ, so ist das nicht meine Schuld.

Gryces Worte verdrossen mich mehr als ich sagen kann, und während wir nach dem Polizeibureau zurückkehrten, nahm ich mir innerlich vor, ihm wieder eine bessere Meinung von mir beizubringen, ehe diese Sache noch zu Ende geführt war. Zuerst suchte ich den Mann ausfindig zu machen, der in der letzten Nacht die Wache in dem Bezirke gehabt hatte und fragte ihn, ob er in den Stunden zwischen elf und eins irgend jemand durch die Seitentüre von Herrn Blakes Haus habe aus- oder eingehen sehen.

Nein, versetzte er, aber Thomson hat mir heute früh ein seltsames Erlebnis erzählt, das ihm begegnet ist. Er sagt, er sei etwa um Mitternacht in die Gegend dort gekommen und habe an der Ecke der zweiten Avenue unter einer Gaslaterne zwei Männer und eine Frau beisammen gesehen. Kaum hatten sie ihn erblickt, als sie sich trennten, die Männer zogen sich nach der Avenue zurück und die Frau schritt hastig auf ihn zu. Er blieb stehen, um sie zu erwarten, aber statt heranzukommen, hielt sie an Herrn Blakes Gittertüre still und drückte auf die Klinke. Plötzlich fuhr sie jedoch mit wilder, entsetzter Geberde zurück, schlug die Hände vor das Gesicht, und ehe er es sich versah, war sie nach der Richtung hin entflohen, von wo sie hergekommen. Thomson trat verwundert näher und sah durch das Gitter, um womöglich zu entdecken, was sie so erschreckt habe. Zu seiner größten Ueberraschung erblickte er das bleiche Gesicht Herrn Blakes, des Hausherrn selbst, der von der Innenseite her durch die Eisenstäbe schaute. Auch er schrak nun zurück, und ehe er sich wieder gefaßt hatte, war Herr Blake verschwunden. Er sagt, er habe versucht, das Tor zu öffnen, aber es sei verschlossen gewesen.

Erzählte Thomson wirklich diese Geschichte?

Jawohl!

Sie klingt ziemlich unwahrscheinlich, und ich kann Ihnen und Thomson nur raten, nicht allzuviel davon verlauten zu lassen. Schweigen ist Gold, wenn es sich um Leute von Herrn Blakes Stellung handelt.

Ich verließ ihn, um unverzüglich Thomson aufzusuchen. Dieser hatte jedoch dem Bericht nichts hinzuzufügen, außer, daß das Mädchen groß und hager war und sich dicht in ihren Shawl gehüllt hatte.

Zunächst zog ich nun Erkundigungen über Herrn Blakes Familienverhältnisse ein, soweit das unter der Hand geschehen konnte und erfuhr etwa folgendes:

Obgleich er seinen häuslichen Angelegenheiten so wenig Aufmerksamkeit zu schenken schien, sah man ihn doch selten außerhalb des Hauses. Nur wenn es sich um Fragen von großer politischer Wichtigkeit handelte, fehlte er nie in den Versammlungen seiner Partei. In angesehener Stellung und im Besitz reicher Mittel hatte er in der Gesellschaft glänzen können, allein er legte gegen den geselligen Umgang im allgemeinen große Abneigung an den Tag und war nicht einmal zu bewegen, die Einladungen seiner Freunde anzunehmen. Besonders aber vermied er jeden Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht; weder auf der Straße noch in irgendeinem Vergnügungslokal, Ballsaal oder Theater, sah man ihn je in Damengesellschaft. Man würde sich bei einem reichen, heiratsfähigen, etwa fünfunddreißigjährigen Mann von angenehmem Aeußern noch mehr über diese Tatsache verwundert haben, hatte er nicht zu einer Familie gehört, die wegen ihrer Absonderlichkeiten bekannt war. Jeder seiner Vorfahren besaß irgendeine seltsame Eigenheit. Sein Vater, obgleich ein Büchernarr erster Sorte, wollte bis zu seiner Todesstunde Shakespeare nicht als Dichter gelten lassen. Herrn Blakes Onkel haßte alle Rechtsgelehrten und sein Großvater hatte einen ausgesprochenen Widerwillen gegen jedes Fischgericht. Dem Beispiel seiner Familie folgend, durfte auch Herrn Blake sich eine besondere Abneigung gestatten – warum sollte er nicht die ganze Frauenwelt hassen? –

Daß dies jedoch nicht immer der Fall gewesen, erfuhr ich von einem Herrn, der ihn in Washington gekannt hatte. Dieser vertraute mir an, Blake habe zu einer Zeit seines Lebens seiner Cousine Eveline Blake große Aufmerksamkeit geschenkt; dies sei die Dame, welche damals viel Aufsehen erregt habe durch ihre glänzende Heirat mit dem alten Taugenichts, dem französischen Grafen de Mirac, der gleich nachher starb. Die Frau Gräfin hatte sich nicht wieder vermählt, hielt sich jetzt in Neuyork auf, stand aber allem Anschein nach durchaus nicht auf freundschaftlichem Fuß mit ihrem früheren Verehrer.

Mir fiel das Bild ein, welches ich in Herrn Blakes Privatzimmer gesehen hatte, und als ich erfuhr, daß die Cousine brünett und eine sehr auffallende Erscheinung sei, glaubte ich schon eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben. Gryce, dem ich sie mitteilte, schüttelte jedoch lachend den Kopf und meinte, ich würde wohl tiefer graben müssen, wenn ich die Wahrheit zutage fördern wolle, die auf dem Grunde dieses Geheimnisses läge.



Fünftes Kapitel.

Bisher waren alle unsere Bemühungen, Nachricht über den Verbleib und das Schicksal des vermißten Mädchens zu erlangen, vergeblich gewesen. Auch die Anzeigen, welche Frau Daniels einrücken ließ, blieben erfolglos. Ich fühlte mich sehr entmutigt, und begann schon gänzlich zu verzagen, als mir unerwartet ein neuer Hoffnungsschimmer aufging. Die hübsche Fanny nämlich, das Stubenmädchen, dessen Bekanntschaft ich seit kurzem eifrig suchte, schilderte mir eines Tages im Laufe unseres Gesprächs das wunderliche Benehmen der Frau Daniels während jener Zeit peinlicher Ungewißheit.

Wäre sie ein Gespenst, sie könnte nicht auf unheimlichere Weise im Hause umherwandern, sagte sie. Treppab, treppauf – treppauf, treppab, bis es kaum mehr auszuhalten ist. An Ruhe ist gar nicht mehr zu denken. Bleich wie die Wand sieht sie aus und bebt wie Espenlaub. Sie getraut sich keine Schüssel vom Tisch zu nehmen, so zittern ihr die Hände. Sobald Herr Blake zu Hause ist, läßt sie sich durch nichts aus der Nähe seiner Türe fortbringen, aber sie geht nie ins Zimmer, sondern immer im Korridor auf und ab, die Hände ringend und Selbstgespräche haltend, wie eine Verrückte. Mit eigenen Augen habe ich es mehr als einmal gesehen, daß sie die Hand auf die Klinke legte und sie wieder zurückzog, als habe sie sich verbrannt. Ging aber gar die Türe auf und Herr Blake kam zufällig heraus, dann hätten Sie sehen sollen, wie sie davonlief. Was das alles bedeutet, weiß ich nicht, aber ich habe so meine Gedanken. Wenn sie nicht übergeschnappt ist, dann usw. usw.

Unter solchen Umständen sah ich ein, daß es Torheit war, vor der Zeit zu verzweifeln. Meine Befürchtung war gewesen, die Sache möchte sich auf sehr einfache und alltägliche Weise aufklären. Solange es noch Rätsel zu lösen gab, dachte ich nicht daran, vom Platz zu weichen.

Bald darauf kündigte Fanny mir an, Herr Blake habe sich einen Wagen bestellt, um am Abend nach dem Wohltätigkeitsball zu fahren. Dies war so ein ungewöhnliches Ereignis, so ganz abweichend von seinen sonstigen Gewohnheiten, daß ich sofort beschloß, ihm zu folgen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Trotz der späten Stunde gelang es mir ohne Schwierigkeit, meinen Plan auszuführen. Kaum eine Stunde nach Eröffnung des Balles traf ich im Academiegebäude ein.

Das Gedränge war groß, und ich mußte dreimal im Saal die Runde machen, bevor ich seiner ansichtig wurde. Doch sah ich ihn nicht, wie ich erwartet hatte, von einem Kreis bewundernder Herren und Damen umgeben, sondern in einer Ecke des Saales mit einem politischen Gesinnungsgenossen eifrig über die Angelegenheiten seiner Partei verhandeln, wie ich sogleich zu hören bekam, als ich mich ihnen näherte. Wenn er nur deswegen hergekommen ist, dachte ich, so hätte ich besser getan, zu Hause zu bleiben, und der hübschen Fanny den Hof zu machen. Voll Unmut blieb ich auf meinem Posten in der Nähe und begann die anwesenden Damen zu mustern.

Da fühlte ich plötzlich, daß mir der Atem stockte, und gleichzeitig verstummte auch das Stimmengeräusch hinter mir. Am Arm eines fremdländisch aussehenden Herrn schwebte eine Dame vorüber, welche ich auf den ersten Blick als das Original des Gemäldes in Herrn Blakes Haus erkannte. Sie sah um einige Jahre älter aus, als auf dem Bilde, und ihr Antlitz hatte einen gewissen Ausdruck von Geringschätzung und Weltverachtung angenommen. Sollten ihr vielleicht die verflossenen Jahre kein so ungemischtes Glück gebracht haben, wie sie es erwartete, als sie den schönen Holman Blake aufgab, um den alten französischen Grafen zu heiraten? So wenigstens erklärte ich mir den herausfordernden Blick, der aus ihren dunklen Augen sprühte, als sie langsam das reich mit Edelsteinen geschmückte Haupt nach der Seite hin wandte, wo jener Herr stand. Ihre Blicke mochten sich wohl begegnet sein; sie verbeugte sich und verlor dabei einen Moment alle Selbstbeherrschung. Zwar richtete sie ihre stolze Gestalt gleich darauf noch einmal so hoch auf, doch war jene plötzliche Gemütsbewegung nicht unbemerkt vorübergegangen.

Sie liebt ihn noch, dachte ich bei mir, und wandte mich schnell um, weil ich sehen wollte, ob die überraschende Begegnung nicht auf ihn einen Eindruck gemacht habe.

Das war allem Anschein nach nicht der Fall. Der alte Politiker lachte gerade, vielleicht über einen seiner eigenen Spässe. Herrn Blakes Gesicht konnte ich zwar nicht sehen, allein seine Haltung hatte durchaus nichts Empfindsames. Verstimmt zog ich mich von ihm zurück und folgte der Dame.

Die Gräfin war bereits von einem Schwarm jugendlicher Verehrer umringt, und ich konnte nicht in ihre Nähe gelangen. Das kümmerte mich jedoch wenig; was ich wissen wollte, war nur, ob Herr Blake sich ihr im Lauf des Abends nähern würde. Langsam verstrich eine Minute nach der andern, während ich auf meinem Posten stand, aber ein Geheimpolizist kennt keine Ermüdung bei Erfüllung seiner Pflicht. Ich hatte alle Muße, die Schönheit der Dame zu bewundern, welche ich vor mir sah: die stolze Haltung des Hauptes, das zarte Rot der Wangen, die schön geschweiften Lippen, den Blick des Auges. Der war freilich nicht leicht verständlich, denn zuweilen senkte sie die Lider in unnachahmlicher Anmut, was für meine Zwecke höchst unvorteilhaft war.

Jetzt aber wandte sie sich plötzlich mit hochmütigem Achselzucken von der Schar ihrer Bewunderer ab, ihr Busen wallte unter dem rubinfarbenen Kleid, aus ihren Zügen strahlte ein Glanz – ich wußte nicht, sollte er Liebe bedeuten oder nur einen festen Entschluß. Wer es war, der jetzt auf sie zukam, erriet ich an der ganzen Haltung der Gräfin, an dem feurigen Blick des Weibes: ich hatte nicht nötig, mich umzusehen.

Er zeigte weit größere Fassung. Ueber ihre Hand gebeugt, murmelte er einige Worte, die ich nicht verstand, dann trat er einen Schritt zurück, um ihr die bei solcher Gelegenheit gebräuchlichen Höflichkeiten zu sagen.

Sie erwiderte nichts. In vornehmer Ruhe wartend, öffnete sie ihren prächtigen Federfächer langsam und schloß ihn wieder, als wollte sie sagen: Ich weiß, diese Förmlichkeiten müssen beobachtet werden, und fasse mich in Geduld. Als aber Minuten vergingen, ohne daß sein Ton wärmer ward, da schoß ein Strahl des Unwillens aus der dunkeln Tiefe ihrer Augen und das verbindliche Lächeln, das ihr bisher um die Lippen geschwebt hatte, verschwand.

Die Menge schien sie plötzlich zu bedrücken, und als sie sich nach einem Zufluchtsort umsah, fiel ihr Blick auf ein abseits gelegenes Fenster. Den Moment benützend, eilte ich, mich dort in der Nähe hinter einem Vorhang zu verbergen. Gleich darauf kamen sie heran, und ich vernahm ihre Worte:

Man hat Sie ja heute förmlich mit Huldigungen überschüttet, hörte ich Herrn Blake in ruhig höflichem Tone sagen.

Finden Sie das? erwiderte sie mit einem leisen Anflug von Spott. Ich dachte eben das Gegenteil, als Sie zu mir traten.

Es gelang mir zwischen dem Vorhang und der Wand hindurchzublicken. Beide schwiegen; unverwandt ruhte sein Blick auf ihr und seine Zurückhaltung war dadurch nur noch auffallender. In ihrem prächtigen Haar strahlten die Diamanten – wohl ein Geschenk ihres toten Gatten – mit unheimlichem Glanz; ihre glatte, olivenfarbene Stirn, die halbverschleierten Augen, in denen das Feuer der Leidenschaft brannte, der Farbenschmelz auf Lippen und Wangen, die von einer Erregung glühten, welche sich nicht verbergen ließ, alle diese Reize betrachtete er genau und nicht zuletzt die ganze vornehme Erscheinung in dem rotsamtenen, mit Spitzen und Edelsteinen reich verzierten Gewande. Schon glaubte ich, er werde nun die Maske fallen lassen, die Zurückhaltung aufgeben und aus tiefstem Herzen das Liebeswerben dieser voll erblühten Rose erwidern, die nur darauf zu harren schien. Statt dessen gewahrte ich, daß sein Blick kühl geblieben war wie zuvor; noch gemessener klang sein Ton, als er sagte:

Verlangt die Gräfin de Mirac wirklich nach der Bewunderung ihrer armen, bürgerlichen Landsleute? Das hätte ich nicht gedacht.

Sie stand starr wie eine Bildsäule, das Auge ihm zugewandt.

Oder, fuhr er fort, während ein bitteres Lächeln um seinen Mund spielte, hat Eveline Blake vielleicht bei der Rückkehr in ihr Heimatland die zwei letzten Jahre so weit vergessen, daß sie wieder an dem Spielwerk ihrer Jugend Gefallen findet? Er machte eine tiefe, fast spöttische Verbeugung. So etwas geschieht zuweilen, sagt man.

Eveline Blake – wie lang habe ich diesen Namen nicht gehört, murmelte sie.

Eine plötzliche Röte brannte auf seiner Stirn.

Verzeihung, wenn er Sie verletzt oder unwillkommene Erinnerungen wachruft. Ich verspreche, daß ich keinen solchen Mißgriff mehr begehen werde.

Sie irren, sagte sie, während ein fahles Lächeln über ihre jetzt bleichen Lippen flog; wenn mir mein Name auch bittere Erinnerungen und düstere Schatten heraufbeschwört, so ruft er doch auch manche süße und unvergeßliche Freude zurück. Ich höre meinen Mädchennamen gern aus dem Munde – meines nächsten Verwandten.

Ihr Name ist Gräfin de Mirac, sagte er mit Nachdruck, Ihre Verwandten müssen stolz darauf sein, ihn auszusprechen.

Ein Blitzstrahl zuckte aus ihren Augen, dann senkte sie den Blick vor ihm zu Boden.

Ist das Holman Blake, der so spricht? fragte sie; ich erkenne in dem kühlen sarkastischen Weltmann meinen alten Freund nicht wieder.

Wir erkennen unser eigenes Werk häufig nicht wieder, nachdem wir es aus der Hand gegeben haben.

Was heißt das, rief sie; was wollen Sie damit sagen –

Nichts, unterbrach er sie ruhig und hob den Fächer auf, der ihr entglitten war. Bei einem Wiedersehen, das zugleich ein Abschied ist, will ich keine Aeußerung tun, die wie ein Vorwurf klingen könnte.

Wie, rief sie, den Fächer mit stolzer Gebärde ergreifend, dies Wort bedarf einer Erklärung. Was habe ich Ihnen je getan, daß ich Ihren Vorwurf verdiente?

Was Sie getan haben? – Meinen Glauben an Ihr Geschlecht haben Sie erschüttert, mir bewiesen, daß eine Frau, welche einem Mann gesagt hat, sie liebe ihn, dies so gänzlich vergessen kann, daß sie, um Titel und Gold zu besitzen, einem Gatten die Hand reicht, den sie nicht einmal achten kann. Sie haben mir gezeigt –

Nicht weiter! rief sie mit marmorbleichen Lippen. Und Sie – was haben Sie mir gezeigt?

Er schrak zusammen, errötete tief und stand, einen Augenblick seiner strengen Selbstbeherrschung beraubt, keines Wortes mächtig vor ihr.

Verzeihung, sagte er endlich; ich nehme meine Anklage zurück.

Jetzt war die Reihe an ihr, ihn zu betrachten. Nicht ganz so kühl, aber ebenso prüfend sah sie, wie der stolze Mann das Haupt vor ihr beugte, sah jede Linie seines Antlitzes, die ernste Stirne, die fest zusammengepreßten Lippen, denen die Schwermut ihr unlösbares Siegel aufgedrückt zu haben schien. Eine Veränderung ging mit ihr vor. Holman, sagte sie mit plötzlich hervorbrechender Zärtlichkeit, wir haben beide in vergangenen Tagen mit zu viel Weltklugheit gehandelt; wir können nicht mit Freuden daran zurückdenken. Aber sollen wir unsere ganze Zukunft dahingeben, um einzig über Dinge zu brüten, welche wir, wenn auch nicht vergessen, so doch sicherlich begraben können? Wir sind noch jung genug dazu. Vielleicht hätte ich, nachdem Sie mich verließen, der Welt entsagen und mein blühendes Leben in Sehnen und Verzweiflung verzehren sollen. Aber die Welt hatte ihre Reize, auch Reichtum und hohe Stellung lockten mich. Wie hohl solche Güter sind, lehrt erst die Erfahrung. – Sie aber, der Sie das jetzt alles besitzen, weil Sie vor Jahresfrist Eveline Blake verlassen haben, Sie sind der Letzte, der mir einen Vorwurf daraus machen sollte! Ich klage Sie nicht an; ich sage nur: wir wollen das Vergangene vergessen –

Unmöglich, rief er, und düstere Schatten lagerten sich auf seinem Antlitz. Was wir damals taten, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Für Sie und mich gibt es keine Zukunft. Begraben können wir die Vergangenheit wohl, aber sie wird nie mehr auferstehen. Vielleicht würden Sie dies auch nicht einmal wünschen. Am besten ist, wir schweigen von dem, was doch für immer vorbei ist. – Einmal wollte ich Sie wiedersehen, Eveline, aber nicht zum zweitenmal. Verzeihen Sie meine Offenheit und lassen Sie mich frei.

Ihre Offenheit will ich verzeihen, aber –

Sie sprach nicht weiter; er schien sie zu verstehen und lächelte bitter. Im nächsten Augenblick hatte er sich mit einer Verbeugung entfernt, und sie kehrte in den Kreis ihrer Verehrer zurück.



Sechstes Kapitel.

Während der nächsten Zeit schlug ich mein Quartier in einer Mietswohnung an der Ecke auf, die Herrn Blakes Hause gegenüberlag. Ich wählte ein Zimmer, das nach der Avenue hinausging, so daß ich vom Fenster aus das Kommen und Gehen des Herrn beobachten konnte, an dem ich jetzt einen stets wachsenden Anteil nahm. Seine Ruhelosigkeit war mir unerklärlich. Tag für Tag wanderte er in den Straßen auf und ab, nicht wie ein gewöhnlicher Spaziergänger, der ohne Ziel umherschlendert, sondern voll Hast und Eifer, nach allen Seiten spähend, gleich dem Raubvogel, der seine Beute sucht. Oft wurde es fünf Uhr, bis er zu Tische heimkehrte; zuweilen ging er sogar abends noch einmal aus, meist durch dieselben Straßen wie am Morgen.

Ich folgte ihm häufig bei seinen Wanderungen, in der Hoffnung, irgend etwas zu entdecken, was mir bei der Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, behilflich sein konnte, besonders als er anfing, statt der Straßen in den vornehmen Stadtteilen, die dunkeln, engen Gassen auf der Ostseite zu seinen Ausflügen zu wählen. Die zahlreichen Verkleidungen, welche mir zu Gebote standen, schützten mich vor jeder Entdeckung.

Drei Tage lang begleitete ich ihn überallhin, in die elendesten und verrufensten Gegenden der Stadt, wo wir an Trödlerläden und Branntweinschenken stillstanden, uns bei sinkender Nacht unter das Gesindel an den Straßenecken mischten, oder die Schlupfwinkel des Verbrechens aufsuchten. Wo nur Männer versammelt waren, ging Herr Blake gleichgültig vorüber, und ich überzeugte mich bald, daß er nach einer Frau suche. Ob er, gleich mir, eine Pistole in der Tasche trug, weiß ich nicht, aber er kannte keine Furcht und zögerte nicht, selbst die gefährlichsten Stätten aufzusuchen, in die sich sonst nur die Polizei zu wagen pflegt.

Am Abend des dritten Tages begab er sich zum Schluß unserer Irrfahrten nach dem Windsor-Hotel, wo die Gräfin de Mirac Wohnung genommen hatte. Er streckte die Hand nach dem Glockenzug aus, zog sie aber wieder zurück und schritt unschlüssig auf der andern Seite der Straße auf und ab.

Gleich darauf kam die Gräfin in reicher Toilette angefahren, sie mochte wohl von einem glänzenden Empfangsabend zurückkehren. Als er sie in ihre prächtigen Gewänder gehüllt aus dem Wagen steigen sah, waren seine Zweifel zu Ende. Nur einen Blick warf er auf sie, dann wandte er sich seufzend ab und kehrte nach Hause zurück.

Am vierten Tage fühlte ich mich zu meinem größten Leidwesen krank und konnte nicht mit ihm gehen. In Decken gehüllt, sah ich vom Fenster aus, wie er seine gewöhnliche Runde antrat, und der Tag verging mir in ungeduldigem Warten auf seine Rückkehr. Von Zeit zu Zeit sah ich auch Frau Daniels' ängstliches Gesicht, bald an diesem bald an jenem Fenster des altmodischen Hauses gegenüber auftauchen. Sie schien in großer Unruhe und steckte manchmal den Kopf weit hinaus, um nach ihrem Herrn zu spähen, wie ich glaubte.

Es war für sie damals überhaupt eine Zeit der heftigsten Aufregung. Häufig erschien sie auf dem Polizeibureau, wo sie vergeblich Nachrichten von dem Mädchen zu finden hoffte, dessen Schicksal ihr so sehr am Herzen lag. Als sie einmal Gryce gegenüber ihre Befürchtung äußerte, daß ihre junge Freundin nicht mehr am Leben sei, versicherte ihr dieser, die Polizei würde jedenfalls Kunde davon erhalten haben, außer wenn sie heimlich getötet und beiseite geschafft worden wäre.

Dies schien ihr einen kleinen Trost zu gewähren, aber beim Fortgehen übermannte sie noch einmal die Verzweiflung, und sie beteuerte, die Sache in ihre eigene Hand nehmen zu wollen, wenn sich in den nächsten zwei Wochen keine Spur der Vermißten finde. Was dann geschehen werde, sagte sie nicht, aber ihre Miene weissagte nichts Gutes.

Auch heute war sie wieder rastlos im Hause umhergeirrt und hatte auf die Schritte des Mannes gelauscht, der gleichfalls keine Ruhe fand. Er kehrte später als gewöhnlich von seinem Ausgang heim. Kaum hatte sie ihn an der Ecke erblickt, so verbarg sie sich rasch hinter dem Vorhang und sah, wie er mit müden Tritten und niedergeschlagener Miene die Stufen hinaufkam und in das Haus trat.

Am nächsten Tage war ich zum Glück wieder wohl genug, um mein Unternehmen fortsetzen zu können. Dies Rätsel zu lösen, dem Geheimnis auf den Grund zu kommen, war jetzt mein einziger Ehrgeiz, und ich widmete mich meiner Aufgabe mit wahrem Feuereifer.

Nachdem ich eine neue Verkleidung angelegt hatte, eilte ich ohne Zaudern Herrn Blake nach. Ich achtete keine Beschwerde, obgleich ich wußte, daß ein weiter mühseliger Marsch an dem kalten Morgen vor mir lag, der höchst wahrscheinlich abermals mit einer Enttäuschung enden würde. Aber diesmal kam es anders. Wir waren noch nicht weit gegangen, als Blake einen Trambahnwagen anrief, welcher gerade die Madison-Avenue herunterkam.

Ich eilte von der andern Straßenseite herbei, um denselben Wagen zu besteigen. Aber plötzlich gab Blake seine Absicht wieder auf; er sah ein Mädchen mit einem Korb am Arme daherkommen, trat ihr rasch in den Weg und redete sie an.

Der Trambahnwagen fuhr zwar ohne mich ab, doch wagte ich mich nicht näher herzu, aus Furcht, Argwohn zu erregen. Ich sah, wie er das Mädchen beiseite zog, das, nach seiner Kleidung zu urteilen, der Hefe des Volkes angehörte. Eine Weile sprach er eifrig mit ihr, dann sah ich sie zusammen die Broomestraße hinuntergehen. Unbekümmert um die Folgen, eilte ich ihnen nach; auf einmal trennte er sich jedoch ganz unerwartet von dem Mädchen und kam mir entgegen, wahrscheinlich um an die Ecke der Madison-Avenue zurückzukehren. Einen Augenblick schwankte ich, was ich tun solle, dann aber überließ ich Blake für heute sich selbst, um dem Mädchen zu folgen, mit welchem er das Gespräch gehabt hatte. Sie war groß, hager und nicht ohne Anmut in Gang und Haltung; das bestärkte mich noch in meinem Entschluß.

Mit einem flüchtigen Blick eilte ich an ihm vorüber; er schien mir in den letzten fünf Tagen um Jahre gealtert zu sein; dann ging ich dem Mädchen nach, die Broomestraße hinunter. Daß ein Mann, wie Herr Blake, eine Person aus der niedrigsten Volksklasse, die in verblichenem Kattunkleide, mit beschmutzter Kapuze, den zerrissenen Marktkorb am Arm, einherging, auf der Straße anredete, war mir ein unlösbares Rätsel. Ich versuchte sie einzuholen, um womöglich ihr Gesicht zu sehen, aber seit ihrer Unterredung mit Herrn Blake schien sie Flügel bekommen zu haben. Eine Schar schreiender Buben, die einem durchgegangenen Pferde nachliefen, versperrte mir den Weg; ich wollte an ihnen vorübereilen, stolperte, fiel – und mit meiner Jagd war es aus. Von weitem hatte ich nur noch gesehen, wie das Mädchen in ihrer Hast an einer Aschenkiste, die am Randstein stand, hängen blieb und sich rasch losriß. Als ich mich wieder aufgerafft hatte, war die Flüchtige verschwunden, an der Kiste aber, zu der ich hinging, entdeckte ich ein verblichenes Stück Kattun, das, wie ich leicht erkannte, zu dem alten Kleiderrock gehört haben mußte, hinter welchem ich noch soeben hergelaufen war. Hierin bestand die einzige Ausbeute, die ich von meinem, im übrigen höchst unbefriedigenden Tagewerk heimbrachte. Ich legte das Stück Zeug sorgfältig in mein Taschenbuch, wo es noch lag, als – aber ich darf den Ereignissen nicht vorgreifen.

Am nächsten Morgen ging Herr Blake nicht zur gewöhnlichen Stunde aus und gegen Mittag sandte mir Fanny die Botschaft, daß er mit Vorbereitungen zu einer Reise beschäftigt sei; zu welcher Stunde er abfahren wolle, und nach welchem Ort, wisse sie nicht, wahrscheinlich werde er aber den Frühzug benutzen.

In großer Aufregung packte auch ich meinen Handkoffer, denn daß ich ihm folgen müsse, unterlag keinem Zweifel.

Ich hatte Gryces Ausspruch nicht vergessen, durch den mein Stolz damals tief gekränkt worden war. Der Erfolg allein konnte mir mein verlorenes Selbstgefühl wiedergeben. Als daher Herr Blake am andern Morgen am Schalter der Hudson-River-Eisenbahn ein Billet nach Putney löste, einem Städtchen im nördlichen Vermont, stand neben ihm ein junger Handlungsreisender, der seltsamerweise eine Fahrkarte nach ebendemselben Orte verlangte. Dies schien den Herrn aber weiter nicht zu überraschen, auch schenkte er jenem nicht mehr Aufmerksamkeit als ein Fremder dem andern. Mißtrauisch schien Herr Blake durchaus nicht zu sein; ich glaube, er hatte damals nicht die leiseste Ahnung, daß er überwacht werde. Ich hütete mich wohl, seinen Argwohn zu erregen, und nahm in einem andern Wagen Platz wie er. Während der ganzen Fahrt von Neuyork nach Putney ließ ich mich nicht wieder vor ihm sehen.



Siebtes Kapitel.

Die Frage, zu welchem Zweck Herr Blake die Reise unternahm und was er in Putney, diesem höchst unbedeutenden Städtchen, zu suchen haben könne, beschäftigte meine Gedanken fort und fort. Als wir gegen fünf Uhr dort ankamen, erkundigte er sich auf dem Bahnhof, wann der Postwagen nach einem in östlicher Richtung gelegenen Dorfe abgehe. Das war für mich eine recht unangenehme Ueberraschung, besonders, da die Antwort lautete, die Post fahre täglich nur einmal, im Anschluß an den Frühzug.

Vielleicht bekommen Sie drüben im Wirtshaus ein Fuhrwerk, meinte der Bahnbeamte; im andern Fall wären Sie genötigt, bis morgen zu warten. Es ist zwar heute ein Begräbnis in der Umgegend, aber –

Ich hatte genug gehört, und eilte fort, um mir von dem Wirte für Geld und gute Worte zum Nachmittage eine Fahrgelegenheit nach Melville zu verschaffen. Der aber versicherte, es sei heute im ganzen Städtchen kein Gefährt zu haben. Mann, Frau und Kind sei unterwegs zu der großen Leichenfeierlichkeit; so etwas komme hier nur alle fünf Jahre vor. Vergebens beteuerte ich, daß mich dringende Geschäfte nach Melville riefen, und ich gern bereit sei, jeden Preis zu zahlen, den er fordere; er schüttelte nur den Kopf, trotz meiner verdrießlichen Miene. Von der Haustüre aus, wo ich Posten faßte, hörte ich gleich darauf ein ganz ähnliches Gespräch zwischen dem Wirt und Herrn Blake. Diesem schien der Gedanke an den unnützen Aufenthalt völlig unerträglich, doch mußte er sich zuletzt der Notwendigkeit fügen. Er nahm noch einige Erfrischungen zu sich, wie sie das einfache Gasthaus zu bieten vermochte, und begab sich sofort auf sein Zimmer, das er erst am nächsten Morgen wieder verließ. Seinen Namen hatte er verschwiegen, auch war seine Person an dem Orte unbekannt, wie ich auf meine Erkundigungen erfuhr.

Ich war im Nebenzimmer einquartiert, und hörte ihn bis lange nach Mitternacht ruhelos auf- und abgehen. Bei der Abfahrt am Morgen sah ich ihn dann in einer Ecke des Postwagens sitzen und finster vor sich hinstarren; ich selbst nahm vorn bei dem Kutscher Platz. Gegen zwölf Uhr hatten wir das kleine Gebirgsdorf erreicht, welches so dürftig aussah, daß mir es immer unbegreiflicher wurde, was einen vornehmen Herrn bewegen könne, die lange beschwerliche Reise dahin zu unternehmen. Im Wirtshaus wartete meiner eine neue Ueberraschung, denn Herr Blake befahl, man solle ihm gleich nach Tisch ein Pferd satteln und vorführen.

Dies brachte mich in eine böse Klemme; wenn ich jetzt seine Aufmerksamkeit auf mich lenkte, indem ich zum drittenmal einen ähnlichen Auftrag gab wie er, so waren alle meine Pläne vereitelt. Ließ ich ihn aber allein fortreiten, so verlor ich seine Fährte gerade im entscheidenden Augenblick.

Der Wirt, ein kleiner, geschäftiger Mann, half mir ohne sein Wissen aus meiner Verlegenheit.

Wollen Sie nach Perry reiten? fragte er Herrn Blake; schon seit drei Tagen warte ich auf einen Mann, der dort zu tun hat.

Der bin ich, sagte ich rasch hervortretend. Gleich nach dem Essen muß ich ein Pferd haben, verstehen Sie mich! Ich habe schon zwei Tage Verspätung; sorgen Sie, daß ich ohne Aufenthalt weiter kann.

Der barsche, unfreundliche Ton, mit dem ich sprach, schnitt alle neugierigen Fragen ab. Während ich im Schenkzimmer rasch die mir vorgesetzten Speisen verzehrte, bemerkte ich, daß Blake mehr als einmal zu mir herübersah, doch erwiderte ich den Blick nicht und tat, als achte ich überhaupt nicht auf ihn. Eilig bestieg ich dann das erste Pferd, welches herbeigeführt wurde, als habe ich nichts anderes im Sinn, als so schnell wie möglich fortzukommen.

Da ich indessen nicht wußte, welche Richtung Herr Blake einzuschlagen gedachte, hielt ich hinter dem nächsten Hügel still und wartete, bis er auf der einsamen Straße langsam herangeritten kam. Gern hätte ich ihn an mir vorbeigelassen, doch wagte ich dies nicht, aus Furcht, sein Mißtrauen zu erwecken. Ich gab also meinem Tiere die Sporen und ritt voraus; nicht einmal umsehen durfte ich mich nach ihm, wie groß auch mein Wunsch war, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Jetzt teilte sich die Straße, und ich ergriff die Gelegenheit, anzuhalten und zum erstenmal rückwärts zu blicken. Er war etwa fünfzig Schritt hinter mir. Als er mich eingeholt hatte, grüßte ich höflich, und fragte, ob er mir wohl sagen könne, welcher Weg nach Perry führe, ich hätte in der Eile vergessen, nach der Richtung zu fragen. Nach links deutend, erwiderte er kurz: Ich weiß nur, daß dieser Weg nicht hinführte. – Dann trabte er auf demselben weiter.

Was sollte ich tun? – Ohne mich zu verraten, durfte ich ihm nicht folgen, und doch zwangen mich die Umstände dazu. Ich suchte mir zu helfen so gut es ging. Eine Viertelstunde etwa ritt ich langsam auf der nördlichen Straße nach rechts, dann wandte ich mein Pferd und jagte zurück, so schnell es mich tragen wollte. Bald sah ich denn auch eine ziemliche Strecke vor mir den stattlichen Reiter einen sanft ansteigenden Hügel hinauftraben. Bis er den Gipfel erreicht hatte, zog ich mich in den Wald an der Seite des Weges zurück, und sobald er verschwunden war, folgte ich seiner Spur.

Wir mochten in der rauhen Gebirgsgegend wohl eine Stunde so hintereinander hergeritten sein, er immer einen Hügel weit vor mir voraus, als sich eine unbestimmte Ahnung meiner bemächtigte, daß wir uns unserem Ziele näherten. Rasch trabte ich die letzte Anhöhe hinauf und überblickte vom Gipfel das vor mir ausgebreitete Tal, welches rings von bewaldeten Hügeln umgeben in grüner Einsamkeit dalag. Die wenigen in der Tiefe verstreuten Häuser gaben der Landschaft ein trauliches Ansehen, wie ich mit Wohlgefallen bemerkte. Als ich jedoch nach dem einsamen Manne hinblickte, der jetzt auf halber Höhe sein Pferd anhielt, verwandelte sich meine behagliche Stimmung in plötzlichen Schrecken. Herr Blake hatte einen Revolver aus der Tasche gezogen, den er prüfend betrachtete. – Bald aber überzeugte ich mich, daß meine Befürchtung grundlos war, und er nichts Böses gegen mich im Schilde führte. Er sah sich nicht nach mir um, sondern behielt nur seine Straße im Auge, auf der er jetzt nach einem Hause abbog, welches einen so düstern, unheimlichen Anblick gewährte, daß mich seine Vorsicht durchaus nicht Wunder nahm.

Es lag auf einem ebenen Grunde an der Stelle, wo drei Wege sich kreuzten, und schien ein Gasthaus zu sein. Die Mauern waren nur roh beworfen, ohne Anstrich, und aus den moosbewachsenen Schornsteinen stieg kein Rauch in die Höhe. Nirgends ein Lebenszeichen; auf die verschlossenen Türen und Fenster fiel nur der Schatten einer alten, dunkeln Tanne, die als einsamer Wächter neben dem verfallenen Vorbau stand. Auch Herr Blake mochte wohl das Haus für verlassen halten; er steckte die Pistole hastig wieder ein und ritt langsam weiter. Ich sprang vom Pferde, führte mein Tier in das Gebüsch, wo ich es an einem Baume festband, und ging quer durch den Wald nach dem Gebäude zu. Im Unterholz verborgen, wollte ich beobachten, was weiter geschehen werde. Ich sah Blake heftig erregt, aber mit entschlossener Miene geradeswegs auf das einsame Haus zureiten. Ohne abzusteigen klopfte er

mit der Reitpeitsche kräftig an die Vordertüre. Als keine Antwort erfolgte, beugte er sich zu der Klinke hin – die Tür war verschlossen. Darauf ritt er um das Haus herum, fand jedoch keinen Eingang. Er kam wieder zurück und rüttelte ungeduldig an der Türe, allein das starke Schloß widerstand allen seinen Bemühungen. Nun gab er sein Vorhaben auf. Noch einen Blick warf er zu dem unheimlichen Hause hinüber, dann wandte er sein Pferd, und zu meiner unbeschreiblichen Verwunderung sah ich ihn mit düsterer Miene und umwölkter Stirne auf der Straße nach Melville zurückreiten.

Also dies alte verfallene Wirtshaus war wirklich das Ziel seiner langen Reise gewesen. Schien das nicht seltsam? – Rasch trat ich aus meinem Versteck hervor und machte nun auch meinerseits die Runde um das Gebäude, in der Hoffnung, irgendein Schlupfloch zu entdecken, das ihm vielleicht entgangen war. Allein Türen und Fenster waren fest verschlossen und verriegelt. Schon wollte ich, seinem Beispiel folgend, gleichfalls den Ort verlassen, als ich auf dem Kreuzweg zwei Kinder daherkommen sah, die lustig ihre Schulbücher schwenkten. Sobald sie meiner ansichtig wurden, hielten sie zögernd still und drängten sich dicht aneinander. Ich trat zu ihnen, redete sie freundlich an und fragte, nach dem Haus hinter mir deutend, wer dort wohne. Ihre ängstlichen Gesichter wurden blaß.

Wissen Sie das nicht? rief der Knabe. Da wohnen ja die beiden Bösewichter, die das Geld aus der Rutland-Bank gestohlen haben. Man hat sie ins Gefängnis geworfen, aber sie sind entflohen, und –

Hier zog ihn das kleine Mädchen so schreckensbleich am Aermel, daß er selbst, von Furcht ergriffen, mich nur noch einmal mit großen Augen anstarrte, dann seine Gefährtin bei der Hand nahm und mit ihr das Weite suchte. Ich aber stand vor Staunen wie angewurzelt da. Sollte dies verödete, schweigsame Haus der Wohnort der berüchtigten Schönmakers gewesen sein, zu deren Verfolgung man die Hälfte aller Detektivs im ganzen Lande aufgeboten hatte? Ich traute meinen Ohren kaum, obgleich ich mich erinnerte, daß sie aus dieser Gegend stammten.

Als ich das Gebäude jetzt abermals betrachtete, schien es plötzlich verwandelt. Wie eine Verbrecherhöhle kam es mir vor; schaurig ächzte und stöhnte die alte Tanne im Winde. Welche finstern Geheimnisse mochten hinter den festverschlossenen Türen und Fenstern lauern! Auf einer der Türen war ein großes Kreuz mit roter Kreide gezeichnet, und der dunkle Fleck auf der abgetretenen Steinschwelle sah wie Blut aus.

Auf einmal fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf: Was hatte Blake, der reiche Abkömmling einer der ältesten Neuyorker Familien, an diesem Ort des Verbrechens zu suchen? War er viele Meilen weit gereist, um dieses Räubernest aufzusuchen, den Schlupfwinkel der verhärteten Schurken, deren Name seit zwei Jahren für verfehmt galt und auf die, sobald man sie fing, Kerker und Galgen warteten? Ich fand keine Lösung des Rätsels – ein Klügerer als ich mußte die Frage entscheiden.

Aber doppelt groß ward nun mein Verlangen, mir Eingang in das verlassene Haus zu verschaffen, seitdem ich wußte, wessen Eigentum es gewesen war. Ich hatte schon meinen Plan entworfen, und der Augenblick war für die Ausführung höchst günstig. Weit und breit ließ sich kein menschliches Wesen blicken, das mich bei dem gewagten Unternehmen hätte stören können. Rasch warf ich den Rock ab und machte mich mit Aufbietung aller meiner Geschicklichkeit daran, den alten Baum zu erklettern, der seine Zweige bis dicht an das Haus streckte. Als ich glücklich zur Höhe des offenen Dachfensters gelangt war, das ich von unten zwischen den Tannen hatte blinken sehen, wartete ich einen Augenblick, um Atem zu schöpfen, dann tat ich einen kühnen Sprung und erreichte mein Ziel.

Ich war auf den Fußboden eines großen, kahlen Gemachs gelandet, gerade wo ein Haufen zerbrochener Glasscheiben lag. Meine Schritte klangen schauerlich durch den öden Raum; von Grauen erfaßt, schwankte ich einen Moment, ob ich meine Forschungen fortsetzen oder auf der Stelle umkehren solle. Aber, wenn es mir auch verhältnismäßig leicht geworden war, hier einzudringen, so ließ sich doch die Rückkehr auf demselben Wege weit schwerer bewerkstelligen. Wollte ich mir Leben und gesunde Glieder erhalten, so mußte ich nach einem andern Ausweg suchen.

In der Dachkammer war nicht viel zu sehen: ein paar alte Stühle in einer Ecke, ein rostiger Ofen, ein Haufen abgenützter Kleidungsstücke – mehr enthielt sie nicht. Auf einer schmalen Leiter, die durch ein Loch im Boden hervorragte, stieg ich hinab in den schwarzen Abgrund, der sich unter mir auftat. Ich gelangte in einen dunklen Gang, dessen eines Ende auf die Treppe mündete; am andern befand sich eine Türe, durch welche ich in ein großes viereckiges Zimmer trat. Hier stand ein mächtiges Himmelbett mit zurückgezogenen Vorhängen; das kahle Gestell, ohne Matratze und Kissen, starrte mir unheimlich entgegen; ein Tisch, ein Schrank und ein Armstuhl vollendeten die Möblierung des Raumes. In der Kammer daneben fand ich nichts Bemerkenswertes; auch die vordern Zimmer waren höchst dürftig ausgestattet. Nur ein kleines Gemach schien vor noch nicht langer Zeit bewohnt worden zu sein. Auf dem Bett waren Kissen und Decken unordentlich umhergeworfen, es mochte wohl einem Mann zur Lagerstatt gedient haben, und das Fenster war mit einem großen Shawl und schweren Mänteln verhängt. Unwillkürlich fuhr ich mit der Hand in die Brusttasche nach meiner Pistole, als erwarte ich, das wilde Gesicht eines der gefürchteten Schönmakers aus einem düstern Winkel auftauchen zu sehen. Als ich mit raschem Griff die Fensterverhüllung herunterließ, bemerkte ich, daß sich darunter alte zerfetzte und verblichene Vorhänge befanden, die mit farbigen Bändern zusammengebunden, früher dem Ganzen wohl einen freundlichen Anstrich verliehen hatten.

Auch sonst trug das Zimmer mancherlei Spuren ehemaligen Schmuckes, welche bewiesen, daß seine Bewohner nicht bloß für die Notdurft des Lebens gesorgt hatten. Farbige Bilder hingen an den mit groben Tapeten bekleideten Wänden, zwar nur Ausschnitte aus illustrierten Blättern, aber doch mit einem gewissen Geschmack zusammengestellt.

Ein Lichtstümpchen und ein Zeitungsblatt lagen am Boden. Ich hob letzteres auf; es war der Rutlander Anzeiger vom vorletzten Tage. Als ich das Datum las, ward mir klar, was ich getan hatte. Wenn jene verwegenen Räuber sich nicht noch im Hause befanden, so waren sie doch vor zwei oder drei Tagen hier gewesen. Jetzt begriff ich, was die zerbrochene Scheibe im Dachfenster zu bedeuten hatte, und daß ich nicht der erste sei, der am Stamm der hohen Tanne hinaufgeklettert war.

Mir schauderte bei dem Gedanken an die Gefahr, in der ich schwebte. Wenn ich jenen ebenso schlauen wie tollkühnen Menschen in die Hände fiel, so gewährte mir meine Pistole wenig Schutz. Ich war gefangen wie ein Fuchs in der Höhle, in jedem Winkel konnte das Verderben auf mich lauern. Leise schlich ich nach der vordern Treppe hin und lauschte. Alles blieb totenstill; nur die Tannenzweige rauschten, und der Wind heulte im Schornstein. Die Waffe in der Hand, stieg ich in das Erdgeschoß hinab: ich horchte gespannt, aber kein Geräusch ließ sich vernehmen, ich war das einzige lebendige Wesen in dieser Grabesstille. Nun ging ich nach der Küche, wo ich versuchte, ein Fenster auszuheben. Es gelang mir von innen ohne Schwierigkeit, und zum erstenmal atmete ich erleichtert auf; dann untersuchte ich den Herd.

Wie ich vermutet hatte, fand ich dort einen Haufen halbverkohlter Kleider, ein Zeichen, daß die Verbrecher ihren Sträflingsanzug verbrannt hatten. Ich suchte weiter und zog aus der Asche einen Ring hervor, welcher der Zerstörung entgangen war und den ich hocherfreut in die Tasche steckte, überzeugt, daß er mir eines Tages als Beweisstück dienen werde.

Als ich dort weiter nichts entdecken konnte, fragte ich mich, ob ich wohl den Mut haben würde, in den Keller hinabzusteigen. Bei genauer Ueberlegung schien mir jedoch, daß das einem Mann in meiner Lage nicht zuzumuten sei. Ich warf noch einen Blick auf die feuchten, düstern Wände und sprang mit erleichtertem Herzen durch das Küchenfenster in das helle Tageslicht hinaus. Als ich dies tat, hätte ich darauf schwören mögen, daß sich drinnen im Hause eine Türe in den Angeln drehte und leise schloß. Schaudernd erkannte ich, daß das Geräusch aus dem Keller gekommen sein müsse.

Unter mannigfachen Gedanken trat ich den Rückweg nach Melville an. Besonders beschäftigte mich die erfreuliche Tatsache, daß ich bei der Erforschung der einen geheimnisvollen Angelegenheit zufällig, wie das so häufig geschieht, einer andern, weit wichtigeren auf die Spur gekommen war und eine Entdeckung gemacht hatte, die mir noch großen Nutzen bringen konnte. Auf die Wiedereinbringung der beiden Schönmakers war eine hohe Belohnung gesetzt und nach den Erlebnissen des heutigen Tages hoffte ich mit Zuversicht, den Behörden behilflich sein zu können, ihre Fährte aufzuspüren. Jedenfalls beschloß ich, den Inspektor ungesäumt von allem, was ich in dem frühern Schlupfwinkel der entflohenen Verbrecher gehört und gesehen hatte, in Kenntnis zu setzen.

Im Wirtshaus zu Melville erfuhr ich, daß Herr Blake vor einer Stunde glücklich wieder eingetroffen sei. Ich zog den Wirt beiseite und fragte ihn, ob er nichts Näheres über das Haus der beiden berüchtigten Schönmakers wisse, an dem ich auf meinem Rückweg durch das Gebirge vorbeigekommen sei.

Meiner Treu, erwiderte er, das ist doch wunderlich. Kaum habe ich dem Herrn oben eine Masse Fragen über den alten Bau beantwortet, da kommen Sie mit einer neuen Ladung angegangen, gerade, als ob die verfallene Baracke das einzige Interessante in unserer Gegend wäre.

Sehr natürlich, versetzte ich, alle Zeitungen sind ja jetzt voll von den Spitzbuben, und ich möchte gern wissen, was sich alles in diesem Hause zugetragen hat.

Viel ist gerade nicht davon zu berichten, sagte er, und doch kann, was wir wissen, ihnen eines schönen Tages den Hals kosten. Es gab eine Zeit, da sagte kein Mensch ihnen etwas Böses nach, außer, daß sie es dann und wann mit dem Gelde nicht allzu genau nehmen. Damals betrieben sie dort die Gastwirtschaft; als aber erwiesen wurde, daß sie den Bankdiebstahl in Rutland verübt hatten, behauptete mancher, er habe die Schönmakers von jeher für Schurken gehalten, die wohl noch Schlimmeres auf dem Kerbholz hätten, als jenen Raub. Sie wurden zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, wie Sie wissen; vor zwei Monaten sind sie aber entsprungen und seitdem hat man nichts wieder von ihnen gehört. Ein sauberes Paar, das muß ich sagen – und der Sohn soll dem Vater an Verworfenheit nichts nachgeben.

Wann wurde denn das Wirtshaus geschlossen?

Gleich nach ihrer Festnahme.

Ist niemand wieder dort im Hause gewesen?

Nur die Geheimpolizisten, welche es in Augenschein genommen haben.

Und wer hat den Schlüssel?

Das kann ich Ihnen nicht sagen.

Ich hätte gern noch gewußt, was für Fragen Herr Blake dem Wirt gestellt hatte, doch wagte ich nicht, diesen Punkt zu berühren. Da mir nun vor allem daran lag, ohne Aufenthalt nach Neuyork zurückzukehren, wartete ich nicht auf die Postkutsche, sondern bestieg mein Pferd wieder und ritt nach Putney, wo ich rechtzeitig zum Abendzug anlangte. Um fünf Uhr am nächsten Morgen erreichte ich Neuyork und eilte sogleich auf das Polizeibureau, um über meine Erlebnisse Bericht zu erstatten.

Meine Angaben über die Schönmakers wurden mit großem Interesse aufgenommen, und ich hatte die Genugtuung, daß noch am selben Tage zwei Polizisten nach jener Gegend abgingen, mit dem Befehl, die beiden berüchtigten Verbrecher festzunehmen.



Achtes Kapitel.

Gegen Abend hatte ich ein Gespräch mit Fanny am Hoftor. Sie kam, sobald sie mich sah, ganz verstört herbeigeeilt. Nein, was ich heute alles gehört habe! rief sie.

Was denn? fragte ich, darf ich es auch wissen?

So eine Angst habe ich im Leben noch nicht ausgestanden, flüsterte sie mit stockendem Atem, ich denke, mich rührt der Schlag, wie ich die vornehme Dame das Wort »Verbrechen« sagen höre –

Was für eine vornehme Dame? – Beginnen Sie doch nicht mitten in der Geschichte, sondern erzählen Sie hübsch ordentlich von Anfang an.

Frau Daniels hatte heute Besuch von einer Dame, berichtete Fanny etwas ruhiger; sie trug ein Kleid von – –

Den Anzug lassen Sie nur weg, unterbrach ich sie abermals, sagen Sie mir lieber, wie die Dame hieß und was sie wollte.

Wie soll ich ihren Namen wissen, sagte das Mädchen schnippisch, sie kam ja nicht zu mir.

Aber Sie haben sie doch gesehen – wie sah sie aus?

Das wollte ich ja gerade erzählen, aber Sie ließen mich nicht ausreden. Sie sah aus wie eine Königin; ihr Samtkleid hatte eine lange Schleppe und ihre Diamanten funkelten –

War sie blond oder braun?

Sie hatte schwarzes Haar und dunkle Augen.

Eine hohe, stolze Erscheinung?

Das Mädchen nickte: Sie kennen sie vielleicht?

Das nicht, aber ich kann mir denken, wer es ist. Und sie hat Frau Daniels besucht?

Ja, aber ich glaube, sie rechnete darauf, daß der Herr nach Hause kommen würde, solange sie da war.

So sagen Sie doch, was geschehen ist, Sie machen mich ganz ungeduldig.

Ich bin ja eben dabei, es zu erzählen. Um drei Uhr nachmittags kam ich die Treppe hinauf, und als ich am Wohnzimmer vorbeiging, blieb ich etwas stehen, weil ich sie drinnen mit Frau Daniels plaudern hörte, wie mit einer alten Freundin. Die aber antwortete ihr ganz steif und einsilbig, als sei ihr wenig an dem Besuch gelegen. Beim Herauskommen bat die Dame die alte Frau so freundlich und herzlich wie eine Schwester, sie doch einmal zu besuchen. Sie sagte, es würde ihr eine große Freude sein, aber Frau Daniels gab deutlich zu verstehen, daß sie die Dame nicht leiden könne und die schönen Reden ihr gar keinen Eindruck machten. Sie hätten wohl noch mehr miteinander gesprochen, aber da ging die Haustüre auf, und Herr Blake trat ein, die Reisetasche in der Hand. Er machte ein sehr erstauntes Gesicht und sprach einige höfliche Worte. Die Dame wollte sich entfernen, doch er hielt sie zurück und trat mit ihr ins Wohnzimmer. Frau Daniels stand zuerst wie versteinert und sah ihnen nach; dann lief sie über Hals und Kopf, ohne mich zu bemerken, den Gang hinunter und die Treppe hinauf. Ich hatte mich in eine Nische gestellt, um die schöne Dame noch einmal zu sehen. Nach wenigen Minuten kam Herr Blake zuerst wieder zur Türe heraus; das wunderte mich recht, weil er immer so höflich ist. Die Dame folgte ihm die Treppe hinauf nach seinem Studierzimmer, aber sie sah schrecklich verstört und bestürzt aus. Die Neugier ließ mir keine Ruhe, ich mußte der Sache auf den Grund kommen und sollte es mich meine Stelle kosten. So schlich ich ihnen denn leise nach und horchte am Schlüsselloch.

Fanny machte eine Pause. Was hörten Sie? fragte ich gespannt.

Zuerst einen Ausruf der Freude aus ihrem Munde und die Worte: »Wenn Sie das immer vor Augen behalten haben, kann ich Ihnen doch unmöglich so gleichgültig sein, wie Sie behaupten.« Er antwortete nichts, ich hörte ihn nur durch das Zimmer gehen, sie aber stieß einen Schrei aus wie bei einer unangenehmen Ueberraschung. Nun fing er an zu reden, ganz leise, er sprach und sprach, aber ich verstand kein Wort. Nach einer Weile begann sie zu schluchzen, und des erschreckte mich so, daß ich gern fortgelaufen wäre; auf einmal stöhnte sie laut und rief: »Nicht weiter, hören Sie auf, Holman; wie konnten Sie das tun! Wer hätte je gedacht, daß unsere Familie, die stolzeste im ganzen Lande, mit dem Verbrechen in Berührung kommen würde.« Ja, das sagte sie, beteuerte Fanny mit glühenden Wangen, sie hat ihn bei seinem Taufnamen genannt und von Verbrechen gesprochen.

Und was erwiderte Herr Blake darauf? fragte ich, selbst erschreckt über des Mädchens Enthüllung.

Das weiß ich nicht; ich hatte genug gehört und lief schnell auf und davon. Wo man von so furchtbaren Dingen spricht, werde ich mich wohl hüten, am Schlüsselloch zu horchen.

Wie vielen Leuten haben Sie denn schon erzählt, was Sie gehört haben?

Keiner Menschenseele, erwiderte sie gekränkt; wie können Sie denken, daß ich mein Versprechen nicht halten werde!


* * *


Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß die Gräfin de Mirac, gleich vielen unserer vornehmen Damen, eine große Schwäche für alte Raritäten besaß. Dies beschloß ich mir zunutze zu machen, um bei ihr, der einzigen Person, welche um Blakes dunkles Geheimnis wußte, Zutritt zu erlangen. Ich borgte mir eine wertvolle antike Schale von einem Freunde und begab mich am nächsten Tage in das Hotel der Gräfin, welche ich dringend zu sprechen begehrte.

Die Zeit schien schlecht gewählt, denn die Dienerin brachte mir Bescheid, daß die Frau Gräfin krank sei und niemand empfangen könne. Ich ließ mich jedoch dadurch nicht abschrecken, sondern händigte dem Mädchen den Korb mit meiner Kostbarkeit ein, um sie ihrer Herrin zu zeigen, die sich ein so seltenes Kunstwerk gewiß nicht werde entgehen lassen. Das Mädchen tat mir den Willen und kehrte bald ohne den Korb zurück, um mir zu melden, daß die Frau Gräfin mich zu sprechen wünsche.

Als ich eintrat, übersah die vornehme Dame zuerst meine Gegenwart völlig; sie ging zerstreut im Zimmer auf und ab, in der Hand einen Brief schwenkend, den sie eben geschrieben hatte und der noch feucht zu sein schien; meine Schale stand unbeachtet auf einer Ecke des Tisches.

Ich war ehrerbietig auf der Schwelle stehen geblieben; endlich gewahrte mich die Gräfin, legte schnell den Brief in ein Buch und griff nach der Schale. Unterdessen hatte ich Zeit gehabt, die Veränderung zu bemerken, die seit jenem Ballabend mit ihr vorgegangen war. Freilich hatte ich sie damals reich geschmückt und in angeregter Stimmung gesehen, während sie jetzt nur ein einfaches, loses Morgenkleid trug, und körperliches Unbehagen ihre sonst blühenden Wangen bleich färbte, aber eine so völlige Verwandlung mußte noch einen tieferen Grund haben. Es war, als ob ihre Kraft gebrochen und das Feuer ihrer Seele erloschen sei.

Sie hat alle Hoffnung verloren, sagte ich mir und fühlte mich schon durch diese wichtige Entdeckung für meine Mühe belohnt.

Ein sehr hübsches Kunstwerk, äußerte sie, während ihre abgespannten Mienen sich sichtlich belebten. Wo kommt es her, und welche Gewähr können Sie leisten, daß Sie ein Recht haben, es mir zum Verkauf anzubieten?

Es bedarf keiner besonderen Beglaubigung, Frau Gräfin, erwiderte ich; meinetwegen könnte die ganze Neuyorker Polizei erfahren, was ich hier mit Ihnen verhandle.

Sie setzte die Schale verdrossen wieder auf den Tisch. Ich brauche nichts mehr von solchen Dingen, sagte sie in gleichgültigem Tone, auch bin ich heute in keiner Stimmung, um Einkäufe zu machen. Nach einer Weile fragte sie kurz:

Welchen Preis verlangen Sie dafür?

Ich nannte eine fabelhafte Summe.

Sie warf mir einen erstaunten Blick zu: Wenden Sie sich an andere Leute, ich habe kein Geld wegzuwerfen!

Zögernd packte ich meine Schale wieder ein. Ich hätte diesen seltenen Artikel gern an eine Kunstkennerin verkauft, sagte ich. Vielleicht –

Im Vorzimmer vernahm man jetzt die Stimme einer Dame, welche nach der Gräfin fragte.

O, da kommt Emmy, rief sie und eilte, die Schale rasch wieder ergreifend, in das Nebengemach, dessen Türe offen blieb. Ich sah, wie sie nach der Begrüßung ihre Freundin beiseite zog, um ihr das Kunstwerk zu zeigen und ihre Meinung darüber zu hören. Diesen Augenblick mußte ich benutzen. Das Buch mit dem Brief lag dicht vor mir, rasch schlug ich den Deckel zurück und überflog das beschriebene Blatt, ohne jedoch dabei die Damen aus dem Auge zu lassen, welche mir jetzt den Rücken zukehrten. Ich las:


»Liebe Cäcilie!


Zu der Probe, die du mir geschickt hast, konnte ich leider selbst in den größten Läden keinen passenden Samt finden; wenn ich dir raten soll, wähle lieber eine dunklere Farbe. Alles Nähere können wir, wenn du herkommst, mit Frau Dudevant verabreden. Gestern in der Gesellschaft bei Cary traf ich auch unsere Freundin Lulu; sie ist noch ebenso lebhaft wie früher, aber doch recht alt geworden. Du fragst mich nach Nachrichten über meinen Vetter Holman. Ich treffe ihn von Zeit zu Zeit; er sieht wohl aus, ist aber der schwermütigste Mensch, den ich kenne. Was die Hoffnungen betrifft, auf welche du zuweilen Anspielungen machtest, so muß ich dir sagen, daß sie sich nicht mehr verwirklichen lassen. Er hat getan, was – –«


Hier brach die Unterhaltung im Nebenzimmer plötzlich ab, die Gräfin näherte sich der Türe und ich schloß das Buch, innerlich seufzend über mein Mißgeschick.

Die Schale ist sehr hübsch, sagte sie mit matter Stimme; wenn Sie sie für die Hälfte der Summe geben wollen, so könnte ich es mir ja überlegen.

Entschuldigen Sie, Frau Gräfin, aber ich muß auf meinem Preise bestehen, erwiderte ich, da ich durchaus keine Lust hatte, das Kunstwerk dort zu lassen. Herr Blake in der zweiten Avenue ist vielleicht Liebhaber dafür.

Herr Blake? Sie warf mir einen argwöhnischen Blick zu; ist er Ihr Kunde?

Ich verkaufe jedem, mit dem ich handelseinig werde, und da er viel Kunstverständnis besitzt, so –

Sie runzelte die Stirne und wandte sich ab. Ich verzichte darauf, sagte sie, verkaufen Sie es, an wen Sie wollen.

Nun packte ich meine Kostbarkeit ein und verließ das Zimmer.



Neuntes Kapitel.

Als ich mehrere Tage später mit Gryce zusammentraf, machte er ein sehr ernsthaftes Gesicht. Die beiden Schönmakers geben der Polizei alle Hände voll zu tun, sagte er. Im Norden ist man ihrer nicht habhaft geworden, hat auch keine Spur von ihnen entdeckt, und jetzt sollen sie sich hier in der Stadt befinden – aber wo –

Weiß man das? rief ich, dann wollen wir sie schon fangen. Ich wette darauf, sie werden uns ins Garn laufen, ehe noch ein Monat um ist. Hoffentlich entpuppt sich dann nicht, daß auch bessere Leute an ihren Schurkenstreichen beteiligt sind. Dabei erzählte ich ihm, was mir Fanny neulich berichtet hatte.

Das Netz zieht sich zusammen, murmelte Gryce, wie die Sache enden wird, kann aber niemand voraussehen. Also »Verbrechen« hat sie gesagt? – Wüßte ich nur, in welchem Winkel das Mädchen, nach dem wir suchen, verborgen liegt!

Es war, als sollte dieser Wunsch auf der Stelle erfüllt werden, denn einer unserer Beamten brachte einen Brief, welchen Gryce sofort öffnete.

Was sagen Sie dazu? rief er, mir das Schreiben hinhaltend, und ich las:


»Der Leichnam eines Mädchens, auf das Ihre Beschreibung paßt, ist heute früh im East River bei der Fünfzehnten Straße aufgefunden worden. Allem Anschein nach ist der Tod schon vor einiger Zeit erfolgt. Wünschen Sie die Tote zu besichtigen, bevor sie ins Leichenhaus geschafft wird, so kommen Sie schnell nach der Werft Nr. 48.

Graham.«


Lassen Sie uns gehen und uns durch den Augenschein überzeugen, rief ich; wenn es wirklich die Verschwundene ist, so – –

Werden wir Herrn Blake wohl heute bei seinen Tafelfreuden stören müssen, ergänzte er.

Als wir eine Stunde später an der Leiche der armen Ertrunkenen standen, graute mir förmlich vor dem Augenblick, in welchem man das Tuch fortnehmen würde, das ihr Gesicht verhüllte.

Der Körper ist noch gut erhalten, sagte der uns begleitende Polizist, als Gryce jetzt einen Zipfel in die Höhe hob: schade, daß die Gesichtszüge schon so entstellt sind.

Wir brauchen das Gesicht gar nicht zu sehen, rief ich, auf das golden rötliche Gelock deutend, das in wirren Massen vom Kopfe der Toten herabhing. Diese Haarfarbe ist schon Beweis genug, daß sie es nicht ist. Mit einem Gefühl der Erleichterung wandte ich mich ab.

Zu meiner Verwunderung folgte aber Gryce nicht meinem Beispiel. Groß, schlank, ein bleiches Gesicht und dunkle Augen, hörte ich ihn murmeln. Schade, daß die Züge nicht besser erhalten sind.

Ich faßte ihn am Arm. Fanny hat ja aber bestimmt ausgesagt, daß ihr Haar schwarz war, und dieses Mädchen – großer Gott! unterbrach ich mich plötzlich, und betrachtete den entseelten Körper genauer – ob blond oder schwarz, jedenfalls ist dies das Mädchen, welches er neulich in der Broomestraße angeredet hat; ich erkenne sie an ihrer Kleidung. Zugleich öffnete ich mein Taschenbuch und nahm den Kattunfetzen heraus, den ich damals an der Aschenkiste hängen gefunden; Muster und Farbe paßten zu den verblichenen Lumpen, welche die Tote einhüllten.

Er soll mir die Frage beantworten, wer dies arme Geschöpf ist, das hier als Opfer des Verbrechens oder der Verzweiflung vor uns liegt, rief Gryce entrüstet. Dann deutete er auf die Schwielen an Kopf und Armen des Mädchens, die von Schlägen mit einem schweren Werkzeug herzurühren schienen, und fragte den Polizisten, ob noch sonst Spuren von Gewalttat an der Leiche erkennbar seien.

Freilich, lautete die Antwort, sie ist allem Anschein nach durch Schläge getötet worden.

Ein rohes, unmenschliches Verbrechen, murmelte Gryce ingrimmig, während er, mit vor Erregung zitternder Hand, das Tuch wieder über das Gesicht des Mädchens deckte.

Etwas steht wenigstens fest, sagte ich, während wir langsam den Rückweg antraten; es kann nicht dieselbe sein, die aus Blakes Haus verschwunden ist.

Das möchte ich nicht mit solcher Gewißheit behaupten.

So glauben Sie also, daß Fanny gelogen hat? Wir haben uns doch aber bis jetzt an ihre Beschreibung gehalten.

Gryce wandte sich lächelnd um und rief den Polizisten herbei, der hinter uns ging.

Ich habe vor einigen Tagen bei der Hafenpolizei eine Anzahl Zettel verteilen lassen; zeigen Sie mir doch einmal den Ihrigen.

Der Mann zog ein Papier aus der Tasche, das er mir auf Gryces Wink einhändigte. Ich las wie folgt:


»Es soll nach der Leiche eines jungen Mädchens gesucht werden, das groß, schlank, und wohlgestaltet ist, mit zarter, weißer Haut und schönem rotblondem Haar von eigentümlich glänzender Farbe. Sobald sie aufgefunden ist, bitte ich, mich zu benachrichtigen.

G.«


Das geht über mein Verständnis, rief ich.

Gryce legte mir bedächtig die Hand auf die Schulter. Wenn Sie wieder einmal ein Zimmer besichtigen, in welchem sich irgendein rätselhaftes Ereignis zugetragen, vergessen Sie nicht, unter die Kommode zu sehen. Sollten Sie dort einen Kamm finden, an dem mehrere blonde Haare hängen geblieben sind, so lassen Sie sich nicht irremachen, selbst wenn irgendeine Fanny erklärt, daß das Mädchen, welches den Kamm benutzt hat, schwarzhaarig ist.



Zehntes Kapitel.

Die Herrschaften sind noch bei Tische, aber wenn Sie wünschen, will ich Herrn Blake herausrufen.

Das ist unnötig, erwiderte Gryce, führen Sie uns in ein Zimmer, wo wir warten können, bis er fertig gespeist hat.

Der Diener öffnete uns ein kleines, wohnliches Gemach: Ich will meinem Herrn melden, daß Sie hier sind, sagte er und entfernte sich.

Ich lehnte mich in einen bequemen Armstuhl zurück.

Ob er wohl seine Gäste verlassen und herkommen wird?

Schwerlich. Er wird sich gewiß keine Blöße geben und nicht mit einer Miene verraten, was in seinem Innern vorgeht.

Mir bangt vor dem Ausgange, das kann ich nicht leugnen.

Gryce warf einen Blick auf die prächtigen Tapeten und kostbaren Möbel, welche das Zimmer schmückten, und lächelte ingrimmig.

Dazu ist auch alle Ursache, murmelte er.

Jetzt trat der Diener ein und stellte Weinflaschen und Gläser vor uns auf den Tisch. Herr Blake läßt sich den Herren empfehlen, meldete er; sobald es ihm möglich ist, wird er Sie hier aufsuchen.

Hm! sagte Gryce, als sich der Diener entfernt hatte, mit so bedeutsamem Ausdruck, daß ich die Hand wieder zurückzog, welche ich schon nach der Flasche ausgestreckt hatte.

Besser, wir lassen den Wein unberührt.

Wohl eine halbe Stunde saßen wir vor den vollen Flaschen und horchten bald auf das ferne Geräusch von Gelächter und Tischreden, das aus dem Speisesaal herüberschallte, bald auf das feierliche Ticken der Uhr auf dem Kaminsims.

Jetzt war das Mahl zu Ende und wir sahen die Herren an unserer offenen Türe vorbei nach den Wohnzimmern gehen. Das Diner war einem berühmten Staatsmanne zu Ehren gegeben worden, und die Geladenen gehörten den höchsten Gesellschaftskreisen an. Sie waren in heiterster Laune, man vernahm Scherz und Lachen, und auch Herrn Blakes Stimme wurde laut.

Gryce horchte gespannt auf und zeigte überhaupt in seinem Wesen eine Unruhe, die ihm sonst gänzlich fremd war.

Als sich jedoch die Gäste entfernt hatten, und bald darauf der Herr des Hauses mit höflicher Entschuldigung zu uns ins Zimmer trat, hatte mein Vorgesetzter seine ganze Würde und Festigkeit wieder gewonnen.

Sie kommen zu etwas ungelegener Zeit, sagte Blake mit einem Blick auf die Visitenkarte, welche er in der Hand hielt. Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Gryce, sind Sie vielleicht in Wahlangelegenheiten hier?

Ich betrachtete ihn mit Verwunderung. Hatte der große Politiker wirklich unsere Gesichter völlig vergessen, oder ließ er sich herab, eine Komödie zu spielen?

Nein, mich führt ein Geschäft ganz anderer Art her, erwiderte Gryce, das jedoch nicht minder wichtig ist. Darf ich Sie bitten, die Türe zu verschließen?

Herr Blake schien überrascht, willfahrte aber sogleich. Als er wieder zu uns trat, war in seinem Wesen eine Veränderung vorgegangen.

Habe ich Sie nicht schon früher gesehen? fragte er.

Gryce verbeugte sich. Ich hatte die Ehre, Sie schon einmal hier im Hause aufzusuchen.

O ja, jetzt erinnere ich mich, Sie waren wegen der Dienerin hier, die vor etwa einer Woche mein Haus heimlich verlassen hat. Haben Sie etwa ihre Spur entdeckt? Er sprach mit der größten Unbefangenheit.

Wir glauben sie gefunden zu haben, entgegnete Gryce in feierlichem Tone, der Fluß gibt manchmal seinen Raub zurück, Herr Blake.

Was, rief er, aufs unangenehmste überrascht, wollen Sie damit sagen, daß sich das Mädchen ertränkt hat? Das bedaure ich. Eine Person, die in meinem Hause gelebt hat – die Not kann sie nicht dazu getrieben haben.

Um das zu ergründen, sind wir hier, sagte Gryce in festem Tone, aber ohne die Ehrerbietung zu verletzen, die einem Manne in Blakes Stellung gebührte. Da Sie das Mädchen erst kürzlich gesehen haben, sollten Sie imstande sein, uns darüber aufzuklären.

Wenn ich nicht irre, Herr Gryce, so sagte ich Ihnen schon früher, daß ich mich nicht an die Person erinnere und von ihrer Anwesenheit unter meinem Dache nichts gewußt habe. Sie machen sich daher nur vergebliche Mühe mit solchen Fragen.

Ich spreche nicht von Ihren Beziehungen zu dem Mädchen hier im Hause, bemerkte Gryce, sondern von der Unterredung, die Sie, wie wir wissen, vor einigen Tagen mit ihr an der Ecke der Broomestraße hatten. Ist Ihnen das nicht erinnerlich?

Eine dunkle Röte stieg plötzlich in Herrn Blakes Gesicht. Sie gehen zu weit, sagte er stolz; ich sprach vor einigen Tagen mit einem Mädchen an jener Straßenecke, aber daß es die verschwundene Dienerin war, wußte ich damals nicht und werde es auch ohne triftige Beweise nicht glauben. Mir scheint, fuhr er mit Würde und Nachdruck fort, daß die Polizei für gut befunden hat, mich durch einen Spion beobachten zu lassen! Nur auf solche Weise konnte sie Kenntnis davon erhalten, daß ich auf der Straße

ein paar Worte mit einem armen, verlassenen Geschöpf gewechselt habe.

Kein ehrenwerter Bürger wird sich dagegen auflehnen, erwiderte Gryce mit einer Ruhe, die meine Bewunderung erregte, wenn die Polizei seine Schritte überwachen läßt, nachdem er durch eigene Unbedachtsamkeit einen Verdacht erweckt hat, der diese Maßregel notwendig macht.

Soll das heißen, daß die Polizei mir wirklich gefolgt ist? fragte er erbleichend und bald Gryce, bald mich mit zornigem Stirnrunzeln anschauend.

Es ließ sich nicht vermeiden, versetzte Gryce ruhig.

Nicht nur hier in der Stadt, sondern auch außerhalb? fragte er, mich entrüstet anblickend, im Tone beleidigter Würde.

Ich überließ es meinem Vorgesetzten, zu antworten. Wir wissen, daß Sie vor kurzem das Haus der Schönmakers aufgesucht haben.

Blake holte tief Atem und sah schweigend zu Boden; dann zog er einen Stuhl herbei, nahm Platz und fragte kurz: Welchen Verdacht hegen Sie gegen mich?

Gryce mochte dies nicht erwartet haben, er wurde rot. Entschuldigen Sie, versetzte er, von einem Verdacht war nicht die Rede. Ich kam, um Sie von dem Tode des Mädchens in Kenntnis zu setzen, mit dem man Sie im Gespräch gesehen hat, und hoffte, Sie würden uns Mitteilungen machen können, die bei der Leichenschau von Wichtigkeit wären.

Sie wissen, daß ich das nicht kann. Wenn die Polizei mir so genau nachgespürt hat, so wird ihr auch bekannt sein, weshalb ich mit diesem Mädchen und auch mit andern gesprochen habe, was mich nach dem Hause der Schönmakers geführt hat und – sind Sie davon unterrichtet? fragte er plötzlich.

Gryce blickte nach dem kostbaren Siegelring am Finger des vornehmen Herrn und lächelte verbindlich. Ich bin bereit, zu vernehmen, was Sie Aufklärendes darüber zu sagen haben, entgegnete er.

Sie glauben, ein Recht zu haben, Erklärungen zu verlangen – darf ich fragen weshalb?

Gryce schien seinen stolzen, schroffen Ton nicht zu beachten. Zwar ist es nicht nach der Regel, versetzte er, aber Sie sollen wissen, was mich, den Polizeibeamten, hierherführt, um einen angesehenen Mann, wie Sie, über seine häuslichen Angelegenheiten auszufragen. Versetzen Sie sich einmal an meine Stelle: Die Wirtschafterin eines hochgeachteten Bürgers kommt zu uns auf das Bureau, um Anzeige zu machen, daß eine Dienerin aus ihres Herrn Hause unter seltsamen Umständen verschwunden ist. Die Frau befindet sich in der größten Aufregung, sagt, das Mädchen müsse gefunden werden, man dürfe keine Kosten scheuen. Als man sie fragt, warum ihr Herr sich nicht selbst der Sache annimmt, braucht sie allerlei Ausflüchte, ja sie läßt bei dem Vorschlag, ihn zu Rate zu ziehen, sogar Zeichen der Furcht blicken. Die Untersuchung in dem bewußten Hause ergibt zuvörderst, daß das verschwundene Mädchen eines der besten Zimmer bewohnt hat; es enthält Bücher und Luxusgegenstände, welche beweisen, daß sie weit über ihren Stand gebildet war. Aus verschiedenen Tatsachen ist ferner ersichtlich, daß die Entführung wirklich, wie die Haushälterin behauptet, durch das Fenster stattgefunden hat. Nicht so klar erwiesen ist, daß die Näherin ganz gegen ihren Willen und mit Gewalt fortgeschleppt wurde, obgleich mehrere Umstände, besonders der zerrissene Vorhang und die Blutspuren auf dem Dache, sowie die bestimmte Versicherung der Frau, welche den Charakter des Mädchens kennt, dies glaubwürdig machen. Hiezu kommt noch, daß auf dem Grasplatze im Hofe ein blutbeflecktes Messer gefunden worden ist, welches der Dienerin offenbar zur Verteidigung gegen ihre Feinde gedient hat; es gehörte zu dem Schreibzeug auf ihrem Tische, und kein Mann würde ein Federmesser mit Perlmuttergriff als Waffe benützen. Frau Daniels, welche die Stimmen in der Nacht gehört hat, behauptet, die Tat müsse von zwei Räubern ausgeführt worden sein.

Zufällig erscheint nun der Herr des Hauses auf dem Schauplatze, legt jedoch die größte Gleichgültigkeit an den Tag; er zeigt nicht einmal das einfachste menschliche Interesse, aus den Mienen und Gebärden der Haushälterin aber spricht Furcht und Grauen, solange er zugegen ist, und die größte Erleichterung, sobald er sich entfernt hat. Dies alles ist schon an sich auffällig genug; man forscht weiter und erfährt noch mehr des Sonderbaren, zum Beispiel, daß der Hausherr um die Stunde der Entführung im Garten war und durch das Gitter blickte, gerade als das Mädchen ihren Hütern entsprang und offenbar in ihr früheres Heim zurückkehren wollte. Sobald sie ihn sah, floh sie jedoch unter Zeichen der äußersten Bestürzung und lief den Räubern geradeswegs wieder in die Arme. – Sagten Sie etwas, Herr Blake? unterbrach Gryce hier plötzlich seinen Bericht.

Der Angeredete schüttelte den Kopf. Nein, erwiderte er kurz, fahren Sie fort.

Es wurde ferner ermittelt, daß jener Herr allen Verkehr mit Damen der höheren Gesellschaftskreise meidet, dagegen aber häufig in den elendesten Stadtteilen umherwandert, wo man ihn an Straßenecken und in abgelegenen Gassen mit armen Mädchen aus der niedrigsten Volksklasse hat reden sehen. Die letzte Person, mit welcher er ein Gespräch hatte, hält man nach gewissen Merkmalen für dieselbe, welche aus seinem Hause verschwunden ist. –

Halt, unterbrach ihn Blake jetzt gebieterisch, das ist ein gänzlicher Irrtum, es ist einfach unmöglich!

Aber aus welchem Grunde?

Das Mädchen hat goldig-glänzendes Haar, und das kann bei der Person, die in meinem Hause war, nicht der Fall gewesen sein.

Ich dachte, Sie erinnerten sich nicht, jene Näherin gesehen zu haben, und wüßten nichts über ihr Aeußeres.

Hätte sie Haar von der Farbe gehabt wie jenes Mädchen, so wäre sie mir wohl aufgefallen.

Gryce öffnete mit bedeutsamem Lächeln sein Taschenbuch: Hier ist eine Probe ihres Haares, sagte er, eine dünne, glänzende Strähne herausnehmend; wie Sie sehen, dasselbe goldrötliche Blond, wie bei dem unglücklichen Geschöpf, mit welchem Sie neulich abends sprachen.

Blake griff mit zitternder Hand danach. Woher haben Sie das? fragte er hastig.

Das Haar war in dem Kamm, welchen die Näherin noch am letzten Abend benutzt hat.

Der stolze Mann gab die Strähne mit unwilliger Gebärde zurück. Was Sie mir bisher eröffnet haben, sagte er, Gryce fest ins Auge blickend, rechtfertigt weder Ihre Gegenwart hier, noch den Ton, welchen Sie mir gegenüber annehmen. Sie verbergen noch etwas. Lassen wir die unnützen Winkelzüge – reden Sie, ich verlange es. Handelt es sich vielleicht um meine Reise nach dem Hause der Schönmakers?

Gryce warf mir einen raschen Blick zu und erhob sich. Sie irren, sagte er, ich bin nur hier, um Licht in das geheimnisvolle Geschick jener Näherin zu bringen.

Dann, mein Herr, erwiderte Blake, ihm mit voller Würde gegenübertretend, ist es hohe Zeit, daß wir diese Unterredung abbrechen. Ich habe Ihnen gestattet, ja Sie veranlaßt, mir Ihren Argwohn darzulegen, weil ich mir bewußt bin, daß mein Tun für diejenigen, welche nicht den Schlüssel dazu besaßen, allerdings befremdlich war. Zu dem Mädchen aber, das hier im Dienst gewesen sein soll, steht nichts, was ich in letzter Zeit getan, gesagt oder gedacht habe, in der allerleisesten Beziehung.

Gryce sah nachdenklich zu Boden: So leugnen Sie also, daß irgendein Zusammenhang zwischen Ihnen und der Dame oder Näherin bestanden hat, welche jenes Zimmer im oberen Stock elf Monate lang bewohnte, bevor sie auf rätselhafte Weise verschwand?

Ich bin nicht gewohnt, meine Aussagen zu wiederholen, versetzte Blake, selbst nicht bei weniger lästigen Anlässen als dem vorliegenden.

Noch nie hatte ich Gryce in solcher Aufregung gesehen. Er griff nach seinem Hut, dessen Krempe er hastig in den Händen zusammendrückte, legte ihn dann aber plötzlich entschlossen wieder hin.

Herr Blake, sagte er mit Würde, was ich noch auf dem Herzen habe, will mir nur schwer über die Lippen. Mein Schweigen könnte jedoch Folgen nach sich ziehen, denen ich Sie nicht aussetzen mag. Die Pflicht wird mich voraussichtlich doch eines Tages zwingen, zu reden, und zwar an einem Orte, wo für Sie die Gelegenheit, sich zu erklären, weniger günstig ist als hier. So gestehe ich Ihnen denn, daß ich Ihrer Versicherung keinen Glauben schenke – das Mädchen, welches unter Ihrem Dache gelebt hat, kann für Sie keine Unbekannte gewesen sein.

Hätte Blake nicht gesehen, daß der Mann vor ihm offenbar aus vollster Ueberzeugung sprach, er würde ihm seine ganze Verachtung zu fühlen gegeben haben. Er bezwang sich mühsam, drückte Gryce den Hut wieder in die Hand und sagte rauh: Es fehlt Ihnen nicht an Mut, aber Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben.

Bevor ich gehe, erwiderte mein Vorgesetzter, möchte ich mich, nicht mit Worten, sondern mit der Tat vor Ihnen rechtfertigen und Ihnen beweisen, daß mich nicht überlästige Zudringlichkeit hergeführt hat, sondern nur ein Wunsch, meine Pflicht als redlicher Beamter zu erfüllen. Ich bitte Sie daher, mich noch einen Augenblick in Ihr Privatzimmer zu begleiten.

Zu meiner Ueberraschung ging Blake auf dies sonderbare Verlangen ein. Das soll geschehen, sagte er, doch werden Sie schwerlich in meinem Zimmer etwas finden, um Ihre Behauptung zu beweisen.

Wenigstens möchte ich den Versuch machen, bat Gryce, und sah zögernd nach mir. Bringen Sie Ihren Kollegen nur mit, sagte jener, es bemerkend; zu Ihrer, nicht zu meiner Rechtfertigung bedarf es eines Zeugen.

Froh über diese Erlaubnis folgte ich den beiden in fieberhafter Erregung, denn meine Neugier war aufs äußerste gespannt.

Hier sind wir, sagte Blake mit finsterer Miene, als wir eingetreten waren; nun bringen Sie vor, was Sie sagen wollten.

Ohne ein Wort der Erwiderung näherte sich Gryce dem Gemälde, welches, wie bereits erwähnt, den einzigen Schmuck des Zimmers bildete.

Meine Cousine, die Gräfin de Mirac, erklärte Blake in trockenem Ton.

Gryce warf einen gleichgültigen Blick auf die hohe, prächtige Gestalt, dann trat er vor, und sprachlos vor Erstaunen sahen wir ihn das Bild rasch gegen die Wand zu drehen. – Gerechter Himmel – welche Erscheinung erhob sich vor uns auf der Rückseite der Leinwand! Keine üppige Brünette mehr, stolz und schmachtend, sondern – aber, wie soll ich dies Gesicht beschreiben? Man hält unwillkürlich den Atem an, wenn man in solche Züge blickt. Wie ein Heiligenschein wölbte sich das rotblonde Haar um die reine Stirn, und aus den dunklen, rätselhaften Augen sprach unergründliche Gedankentiefe. Mit frommer Scheu betrachtete ich dies Frauenbild, in welchem sich alles Große und Schöne, wovon man je gelesen, zu verkörpern schien; besonders das Haar mit dem zauberhaften Goldglanz nahm mich ganz gefangen.

Wie dürfen Sie es wagen, – stammelte Blake mit halb entrüstetem, halb drohendem Blick auf den Detektiv, welcher, nach dem Bilde deutend, stumm und erwartungsvoll dastand. Welche unerhörte Verwegenheit – wer gestattet Ihnen – War dieser tief erschütterte Mann mit den blutlosen Lippen und den bebenden Händen wirklich der stolze Herr des Hauses? –

Sie sehen hier meine Rechtfertigung, sagte Gryce. Hat das Haar, welches ich Ihnen vor wenigen Minuten zeigte, nicht dieselbe Farbe, die wir hier auf dem Gemälde sehen? – Ja, noch mehr – betrachten Sie dies dunkelblaue Seidenkleid, den fein gemalten Spitzenkragen, dessen Muster man fast wiedererkennt, die Brosche, den Rosenzweig in der Hand der Dame. Und nun kommen Sie mit mir in das obere Zimmer.

Herr Blake schien vor Ueberraschung keines Wortes mächtig; wie ein Kind folgte er dem Detektiv nach dem Zimmer im dritten Stock.

Sie haben meine Behauptung, daß Sie zu jener Emilie in Beziehung gestanden haben müssen, für eine Beleidigung erklärt, sagte Gryce, nachdem er die Gaslampe angezündet hatte, und näherte sich der inhaltreichen Kommode – werden Sie noch dabei beharren, wenn Sie dies gesehen haben? Er zog die Schublade auf, nahm das Tuch hinweg und enthüllte das blaue Kleid, den Spitzenkragen und die Rosen. Frau Daniels versichert, diese Gegenstände seien das Eigentum der Näherin Emilie. Können Sie bestreiten, daß es dieselben sind, welche wir unten auf dem Bilde abgemalt sahen?

Mit einem Schrei war Blake neben der Kommode auf die Knie gesunken. Mein Gott, mein Gott, stammelte er, was hat das alles nur zu bedeuten? Plötzlich sprang er auf, sein Augen flammten, er bebte an allen Gliedern. Wo ist Frau Daniels? rief er, hastig an der Glocke ziehend; auf der Stelle muß ich sie sprechen.

Rufen Sie die Haushälterin her, befahl er, als Fanny auf der Schwelle erschien.

Frau Daniels ist ausgegangen, als die Herrschaften vom Tische aufstanden, erwiderte das Mädchen.

Ausgegangen – zu dieser Stunde?

Ja. Sie geht jetzt sehr häufig aus.

Der Hausherr runzelte die Stirn. Ich will sie sprechen, sobald sie zurückkommt, befahl er und winkte der Dienerin, sich zu entfernen. Dann fuhr er zu uns gewendet fort: Wie diese Gegenstände hier ins Zimmer gekommen sind, vermag ich nicht zu sagen; doch will ich versuchen, Ihnen das Rätsel aufzuklären, soviel in meiner Macht liegt. Ich darf ja unter den obwaltenden Verhältnissen nicht länger hoffen, meine Privatangelegenheiten geheim zuhalten, wie schwer es mir auch fällt, Fremde in mein Vertrauen zu ziehen.



Elftes Kapitel.

Meine Herren, sagte er, als wir uns wieder in seinem Studierzimmer befanden, Sie haben geglaubt, mit gutem Grunde annehmen zu müssen, daß das Original dieses Porträts, und die Näherin, welche eine Zeitlang in meinem Hause gewohnt hat, ein und dieselbe Person ist. Von dieser Ansicht werden Sie jedoch zurückkommen, wenn ich Ihnen sage, daß das Gemälde – so seltsam Ihnen das klingen mag – ein Bildnis meiner Gattin ist.

Gattin! – Unsere Ueberraschung läßt sich nicht beschreiben. – Wir hatten keine Ahnung, daß Sie je verheiratet waren, rief ich.

Also, das wenigstens ist der Kenntnis der Detektivs entgangen, bemerkte Blake nicht ohne Bitterkeit. Sie ist nie öffentlich als meine Frau anerkannt worden, auch haben wir nicht zusammengelebt, aber die Kirche hat unsere Ehe eingesegnet, und vor dem Gesetz sind wir Mann und Weib.

Er stand auf und drehte das Bild leise wieder um; das Gesicht, in dem sich soviel Kraft und Lieblichkeit ausdrückte, war verschwunden, und die stolze Cousine schaute wieder mit glühenden Blicken auf uns herab.

Was Sie jetzt wissen, hat noch kein Mensch aus meinem Munde erfahren, fuhr Blake in gemessenem Tone fort; es sollte genügen, um zu beweisen, wie ungerecht Ihr Verdacht gegen mich ist, auch zwingt mich nichts, Ihnen noch nähere Einzelheiten mitzuteilen. Für einen Mann von meiner Denkart ist jedoch ein geheimes Aergernis und das Gerede, welches daraus entsteht, ganz ebenso unerträglich, als wenn die Sache stadtkundig wäre. Meine Herren, ich halte Sie für Ehrenmänner. Vielleicht gelingt es mir, Sie zu überzeugen, daß die Schritte, welche ich in letzter Zeit getan habe, außer allem Zusammenhang mit dem Mädchen stehen, dessen Schicksal Sie ergründen wollen. Darf ich in diesem Falle darauf rechnen, daß Sie über meine Beweggründe und Handlungen Stillschweigen beobachten werden?

Sie können sich unbedingt auf meine Verschwiegenheit verlassen, solange dieselbe nicht gegen meine Pflicht als Polizeibeamter verstößt, versetzte Gryce; zum Schwatzen habe ich keine Zeit.

Und Ihr Kollege?

O, der schwatzt nicht aus der Schule; er weiß, was ihm Nutzen bringt.

Gut, dann hören Sie. – Wenn Sie mein Tun überhaupt begreifen sollen, muß ich Ihnen zuerst den Charakter meines Vaters schildern. Er war ein Mann von großer Willenskraft und starken Vorurteilen. Von mir erwartete er, daß ich, als Träger seines Namens, auch den ererbten Reichtum und guten Ruf der Familie werde zu wahren wissen. Seit meiner frühesten Kindheit hat er mir eingeprägt, daß ich, solange mein Leben untadelig sei, auf die Erfüllung aller meiner Wünsche rechnen könne. Würde ich dagegen seinen Willen kreuzen, mich durch Ausschweifung oder unordentliches Wesen meines Namens unwürdig zeigen, so dürfe ich weder Gunst noch Geld von ihm erwarten.

Zu einer Zeit meines Lebens entbrannte ich in leidenschaftlichem Gefühl für meine Cousine Eveline; ich erfuhr jedoch, daß eine Verbindung mit ihr bei meinem Vater auf ernstlichen Widerspruch stoßen würde. Ihn von einer einmal gefaßten Meinung abzubringen, war völlig aussichtslos, und ich mußte daher auf Mittel sinnen, meiner Neigung Herr zu werden.

Ich begann ein Wanderleben; zuerst ging ich nach Europa, aber die fremden Gesichter, die ich sah, veranlaßten mich nur zu Vergleichen, aus denen mein damaliges Urbild weiblicher Schönheit stets triumphierend hervorging. Nach dem Westen zurückgekehrt, lebte ich ungebunden, meist als Jäger in der freien Natur. Ich reiste nach Kalifornien, nach den Orangenhainen von Florida, ich durchstreifte die Wildnisse Kanadas und die nördlichen Staaten der Union. Auf einem dieser Ausflüge begegnete mir ein Abenteuer, das damals nur einen flüchtigen Eindruck auf mich machte, in der Folge aber den wesentlichsten Einfluß auf mein ganzes Schicksal ausüben sollte.

Nach meiner Rückkehr aus Kanada beabsichtigte ich, die schönen Herbsttage am Ufer des Lake George zuzubringen, als mich ein Freund zum Fischfang nach Vermont einlud, wo, wie er schrieb, die Flüsse von Forellen wimmelten. Die Aufforderung kam mir sehr erwünscht, und noch am selben Tage reiste ich nach dem Städtchen ab, in welchem mein Freund sich damals aufhielt. Es lag mitten im Gebirge, etwa zwanzig Meilen von der Eisenbahn entfernt, und der Weg dahin war sehr beschwerlich, man hatte nicht nur eine langwierige Postfahrt durchzumachen, sondern mußte noch eine Strecke zu Pferde zurücklegen. Da ich die Gegend nicht kannte, verspätete ich mich, der Abend brach herein, und ehe ich mich's versah, ritt ich auf der fremden Straße bei stockfinsterer Nacht weiter. Um mein Unbehagen noch zu vermehren, vertrat sich mein Pferd den Fuß, begann zu hinken und konnte sich zuletzt nur noch mühsam im Schritt fortschleppen. Nicht lange, so tauchte jedoch zu meiner Freude in der Ferne ein Lichtschein auf, der aus einem Gebäude herkam, das sich bei näherer Betrachtung als ein Gasthaus erwies. Erst auf mein wiederholtes Rufen erschien nach einer Weile ein Mann mit einer Laterne auf der Schwelle. Ich bat um Unterkunft für mich und mein Tier und erhielt die rauhe Antwort: »Nur herein mit Ihnen, es ist ein Wetter im Anzuge, wir bekommen eine schauerliche Nacht.«

Wie um sein Wort zu bestätigen, schlug ein Windstoß in diesem Augenblicke die Türe schallend hinter ihm zu, und durch die Baumzweige über mir zog ein unheimliches Aechzen.

Ich sprang vom Pferde und trat in das Haus. Ein zweiter, etwas älterer Mann kam mir entgegen, deutete schweigend nach hinten auf ein erleuchtetes Zimmer und ging dann hinaus, um dem andern behilflich zu sein, mein Pferd in den Stall zu bringen. Ich folgte der stummen Aufforderung und ging dem Lichte nach. Bei meinem Eintritt in den hellen Raum erwartete mich ein überraschender Anblick. Ein junges Mädchen von ganz eigenartiger Schönheit stand vor mir, die Hände auf den Tisch gestützt und die Augen mit einem Ausdruck des Staunens und Schreckens zu mir gewandt. Ein solches Weib an solchem Orte zu sehen, durfte mich wohl wundernehmen. Schon beim ersten flüchtigen Blick zog sie mich mächtig an. Ihre schlanke Erscheinung mit dem blassen Gesicht und dem prächtigen, goldrötlichen Haare, das ihr in zwei langen Flechten über die Brust herabhing, stand in wirkungsvollem Gegensatz zu dem dunklen Glanze ihrer Augen und der lebensvollen Kraft ihres Gesichtsausdrucks. Es war, als blicke man in eine Flamme, die mit unwiderstehlicher Glut brannte und zündete.

Anstatt meinen höflichen Gruß zu erwidern, fuhr sie schaudernd zusammen und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an; dann hob sie rasch die Hand und deutete nach der Türe, daß ich mich entfernen solle. Da ging dieselbe auf, und die beiden Männer kamen mit schwerem Tritt ins Zimmer. Ruhig ließ sie die Hand wieder sinken und ging, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.

Geh Luttra nach und sage ihr, wo sie das Bett machen soll, befahl der Alte in tiefen Kehllauten dem jüngeren Manne, der ebenso hochgewachsen und breitschulterig war, wie er. Dieser schüttelte die schweren Regentropfen von seinem Rock in die zischende Flamme des kleinen Holzfeuers, das auf dem Herde brannte, warf dann den Rock über einen Stuhl und verließ das Zimmer.

Ist das Ihr Sohn? fragte ich, am Herde Platz nehmend.

Ja, und das Mädchen ist meine Tochter; ich bin Gastwirt hier, aber es kommt nicht viel heraus bei dem Geschäft. In unserer Gegend sind die Reisenden selten.

Das glaube ich gerne, sagte ich, an die vielen Hügel denkend, über die mein Pferd hatte traben müssen. Wie weit ist es noch bis Pentonville?

Zwei bis drei Meilen. Bei Tage ist's eine Kleinigkeit, aber in einer Nacht, wie der heutigen, läßt man den Ritt wohl bleiben.

Wieder heulte der Wind um das Haus, und der Regen klatschte an die Scheiben.

Freilich, sagte ich, und ich kann mir Glück wünschen, daß ich ein Unterkommen gefunden habe.

Sein düsterer Blick streifte mein Gepäck; außer meinem Mantel hatte ich nur eine Handtasche. Sie sind wohl schon lange unterwegs?

Den ganzen Sommer.

Reisen Sie allein?

Seine Neugier war mir lästig, doch antwortete ich so freundlich ich konnte: Nein, in Pentonville treffe ich mit einem Freunde zusammen.

Er zog seinen Stuhl an meine Seite, um die Unterhaltung bequemer fortzusetzen, als sein Sohn eintrat und sich ohne Umstände auf dem andern Platz am Feuer niederließ, so daß sie mich beide in die Mitte nahmen. Dies war mir unbehaglich, ich stand daher auf und fragte, ob mein Zimmer bereit sei. Das schien jedoch nicht der Fall, und so mußte ich mir wohl noch eine halbe Stunde lang die Gesellschaft meiner beiden rauhen Wirte gefallen lassen.

Draußen war jetzt der Sturm mit rasender Wut losgebrochen, der Regen strömte vom Himmel, wie Hagel prasselte es an die Fenster, und von Zeit zu Zeit krachte der Donner und rollte von Berg zu Berg in zehnfachem Widerhall. Ich war froh, wenigstens ein Dach über dem Haupte zu haben.

Das Zimmer des Herrn ist fertig, klang es plötzlich in leisem, ausdruckslosem Tonfall hinter mir. Ich wandte mich um; in der Türe stand die schlanke Gestalt des Mädchens, das vorhin einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte.

Ich raffte meine Habseligkeiten zusammen und folgte ihr die Treppe hinauf in ein geräumiges Schlafzimmer. Mein erster Blick fiel auf ein großes Himmelbett, dessen schwere Vorhänge aussahen, als solle man darunter ersticken. Das Mädchen zog sich rasch zurück.

Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? fragte sie, sich hastig umschauend. Ich verneinte dies dankend, und sie entfernte sich mit einem Ausdruck eiserner Entschlossenheit in Miene und Haltung, den ich mir nicht zu erklären vermochte.

Als ich mich in dem großen, kahlen, nur schwach erleuchteten Raum allein sah, während draußen der Wind im Schornstein heulte, und die mächtigen Zweige einer alten Tanne gegen die Fenster schlugen, fühlte ich, daß alle Müdigkeit, die mich noch soeben fast überwältigt hatte, wie mit einem Schlage von mir gewichen war. Doch wollte ich versuchen, zu schlafen, um nur den rasenden Sturm nicht mehr zu hören. Rasch entledigte ich mich meines Rockes und knöpfte eben die Weste auf, als mir einfiel, daß meine Brieftasche noch in der äußeren Seitentasche stecke. Vorsichtig verschloß ich zuerst die Türe und entnahm dann der Brieftasche meine Banknoten, die ich in einer kleinen Brusttasche verbarg. Die Lampe ließ ich brennen und warf mich in den Kleidern auf das Bett, jeden Augenblick gewärtig, daß die wütenden Elemente das Dach einreißen würden. Lange lag ich und horchte auf das Stöhnen und

Krachen des alten Gebäudes, doch mußte ich endlich wohl eingeschlummert sein, denn ich erwachte, ehe noch der Sturm nachgelassen hatte, von der Berührung einer Hand. Mit einem Sprunge war ich aus dem Bette und sah mit maßlosem Staunen, daß Luttra vor mir stand. Sie hatte meinen Rock vom Stuhl genommen und reichte ihn mir hin.

Ziehen Sie sich an und folgen Sie mir, sagte sie mit leisem, festem Tone, der mich seltsam durchschauerte. Es ist gefährlich für Sie, hier im Hause zu bleiben; hören Sie, wie es kracht und zittert. Noch ein solcher Windstoß, und das Dach fliegt herunter.

Sie näherte sich der Türe, welche zu meiner Verwunderung nur angelehnt war.

Kommen Sie doch, wiederholte sie mit solcher Entschiedenheit, daß ich ihr wider Willen folgte; ich darf Sie nicht hier lassen, mein Gewissen gestattet das nicht.

Sie machen es schlimmer, als es ist, erwiderte ich; dies alte Haus hat wohl schon manchen Sturm glücklich überstanden.

Ich übertreibe nicht, flüsterte sie dringender, hören Sie nur!

Es war, als bebe der ganze Bau in seinen Grundfesten. Aber wohin soll ich mich denn wenden in dieser fürchterlichen Nacht?

Ich werde Sie führen,

Dann freilich –

Sie unterbrach mich rasch: Hier ist Ihr Hut und Ihr Handkoffer. Mein Vater und mein Bruder werden denken wie Sie, daß es Torheit ist, dies Obdach zu verlassen, aber das darf Sie nicht kümmern. Glauben Sie mir: im Hause lauert heute nacht die Gefahr, nur im Sturme draußen auf der Landstraße sind wir geborgen.

Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern eilte die Treppe hinunter, stieß unten eine Tür auf und trat sogleich in das Zimmer, das wir vor etwa einer Stunde verlassen hatten. Dort fand ich alles unverändert, das Feuer war nicht ausgegangen, auch die Lampe brannte noch, und auf dem Kaminsims tickte die Uhr nach wie vor; ihre Zeiger kündeten die elfte Stunde an. Und doch überlief mich ein kalter Schauer, wie die Ahnung einer drohenden Gefahr. Was mich erschreckte, war der Anblick der beiden baumstarken Männer, von denen der eine in grimmigem Schweigen an der Ausgangspforte lehnte, während der andere bei der Küchentüre Posten gefaßt hatte.

Ein Blick auf Luttra, die stumm und furchtlos an meiner Seite stand, beruhigte mich jedoch sogleich wieder. Wenn sie für mich eintrat, so war ich sicher, in jeder Gefahr zu siegen. Ich ging einen Schritt nach der Türe zu, an welcher sich mein Wirt aufgestellt hatte. Schnell streckte sie die Hand aus und zog mich zurück.

Halt, rief sie; dann wandte sie sich nach ihrem Bruder hin, der ebenso finster, aber weniger tückisch als der Alte dreinsah. Karl, öffne dem Herrn und laß ihn hinaus; er fühlt sich bei dem Sturm nicht mehr sicher hier drinnen. Tue mir den Willen, fuhr sie gebieterisch fort, als jener die Türe nur um so argwöhnischer bewachte.

Ein Narr, wer bei solchem Wetter das Haus verlassen will, entgegnete er störrisch.

Sie achtete nicht darauf. Willst du die Türe öffnen? fragte sie, ohne sich einen Schritt von dem Feuer zu entfernen, vor dem wir beide standen.

Fällt mir nicht ein, lautete die barsche Antwort; das Haus bleibt zu, es ist schon abgeschlossen.

Sie war leichenblaß geworden und sah nach ihrem Vater hinüber, der finster zu Boden blickte.

Der Herr will hinaus, rief sie; wenn ihr die Türe nicht aufmacht, werde ich es tun.

Ein zorniger Ausruf unterbrach sie; ihr Vater sprang wie rasend auf sie zu. In meiner Angst legte ich den Arm einen Moment schützend um sie, denn er sah aus, als wolle er ihr ein Leid antun.

Sie aber schien keine Furcht zu kennen; es flammte hell auf in ihren Augen.

Nicht weiter, gebot sie, noch einen Schritt, und ich werfe das, wofür du deine Seele verkaufen würdest, wie du selbst gesagt hast, mitten in die Glut hinein. Sie zog aus ihrem Busen eine Rolle Banknoten, und hielt sie über das Herdfeuer.

Verflucht, schrie der graubärtige Mann, aber er rührte sich nicht mehr von der Stelle und starrte wie gebannt nach dem Gelde hin.

In ihrem Wesen lag eine unbeschreibliche Hoheit. Ich verschwende keine Worte mehr, sagte sie. Ihr könnt mich erwürgen, mich totschlagen, mich kümmert's wenig; aber der Herr verläßt dies Haus heute nacht, oder ich verbrenne die Scheine unwiderruflich.

Der alte Mann stand unbeweglich, der jüngere aber stürzte wild auf sie zu und würde sie im nächsten Augenblick überwältigt haben, wäre ich ihm nicht zuvorgekommen. Mit einem Faustschlag streckte ich ihn zu Boden. Das Mädchen gab keinen Laut von sich, ließ jedoch ohne Zögern eine Banknote in die Flamme fallen, wo sie zu Asche verzehrt ward.

Der Alte brüllte wie ein verwundeter Stier und stampfte wütend auf den Boden.

Halt, rief er hastig, zur Vordertüre eilend, die er aufschloß. Wenn ihr durchaus Narren sein wollt, so geht meinetwegen zum Henker! Aber erst gib mir das Geld.

Tritt von der Türe zurück, sagte sie, mit der linken Hand die Laterne vom Nagel herablangend. Karl soll sie anzünden, mir aber nicht in die Nähe kommen.

Es geschah. Der Alte war beiseitegetreten, die Laterne brannte, und wir waren zum Fortgehen bereit.

Gehen Sie voran, gebot sie, ich werde folgen.

Nein, sagte ich, wir gehen zusammen.

Aber das Geld, grollte des Alten Stimme ungeduldig hinter uns.

Das gebe ich dir, wenn ich zurückkomme, erwiderte das Mädchen.



Zwölftes Kapitel.

Draußen schlug uns der Regen ins Gesicht und rieselte an unseren Kleidern herab. Als das Mädchen meine Hand ergriff, um mich durch Sturm und Nacht zu geleiten, zuckte es mir bei der Berührung wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder. Mächtiger noch als ihre Schönheit war ihre Willenskraft und Entschlossenheit, selbst die entfesselten Elemente schienen sich vor ihr zu beugen und ihrem Mut noch Flügel zu verleihen. Auf der Straße angelangt, stand sie still und schaute zurück. In diesem Augenblick erschienen die beiden Männer an der Türe des Gasthauses und kamen in wildem Laufe hinter uns her. Mit einem Sprung hatte das Mädchen den nächsten Baum erreicht, an welchem ich zu meinem größten Erstaunen mein gesatteltes Pferd angebunden stehen sah. Sie hing die brennende Laterne an den Sattelknopf, band das Pferd los, und versetzte ihm einen derben Schlag in die Weichen. Das erschreckte Tier schnaubte laut, dann rannte es in wilder Flucht von uns fort, die Straße hinunter.

Bald darauf sahen wir auch ihren Vater und Bruder an uns vorbeistürmen.

Sie werden in der Richtung folgen, wo sie das Licht sehen, flüsterte Luttra, faßte wieder meine Hand und zog mich nach der entgegengesetzten Seite mit sich fort. Vertrauen Sie sich mir an, ich führe Sie zu einem sicheren Obdach.

Warum setzen Sie sich nur um eines Fremden willen solchen Gefahren aus? Wie soll ich Ihnen für so viele Güte danken?

Sie erwiderte nichts, doch hielt sie meine Hand noch fester und stemmte sich mit aller Gewalt dem Winde entgegen. Dabei eilten wir immer ohne Aufenthalt vorwärts, so schnell wir konnten.

Plötzlich stand sie still. Wir gehen hier am Rande eines gefährlichen Abgrunds hin, der sich wohl eine Viertelmeile weit erstreckt und jäh in die Tiefe abfällt, sagte sie. Es kam schon mehrmals vor, daß in einer Nacht, wie diese, Pferd und Reiter dort hinabstürzten.

So sind wir also, ohne daß ich es ahnte, einem drohenden Verhängnis entronnen, murmelte ich zusammenschauernd und drängte mich dichter an meine Führerin.

Lange noch kämpften wir weiter mit Sturm und Regen auf der fast unwegsamen Straße. Jetzt sind wir in Sicherheit, sagte sie endlich. Ich sah auf, und vor uns lag eine kleine, dunkle Hütte; niemals ist wohl einem erschöpften Wanderer ein Obdach willkommener gewesen. Durchnäßt bis auf die Haut und atemlos standen wir einen Augenblick vor dem Eingang, um wieder Kräfte zu sammeln. Dann klopfte Luttra ohne Zaudern an die Türe, so laut sie konnte.

Das würdige Paar, das wir aus dem Schlummer aufgeschreckt hatten, gewährte uns freundlich Einlaß, bald brannte ein helles Feuer im Kamin, und wohlige Wärme durchströmte meine erstarrten Glieder. In das frohe Gefühl der Sicherheit mischte sich inniger Dank gegen das heldenmütige Mädchen, das soviel für meine Rettung getan hatte. Voll Bewunderung flog mein Blick zu ihr hin, während sie ihre langen Flechten löste, sie schüttelte und an der Glut des Feuers trocknete. Wie jung sie noch war! Sie konnte kaum sechzehn Jahre zählen, aber aus ihren dunklen Augen sprach ein starker, unbeugsamer Wille.

Als ich ihr mit wenigen, herzlichen Worten für ihren Beistand dankte, sah sie mich ruhig an. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt, aber wollen Sie sich wirklich erkenntlich zeigen, so versprechen Sie mir, nichts von dem zu verraten, was sich diese Nacht im Gasthause zugetragen hat.

Ein Verdacht, den ich schon früher gehegt hatte, kam mir jetzt wieder in den Sinn; unwillkürlich fuhr ich mit der Hand in die Brusttasche – und zog sie leer zurück. Die Banknoten waren verschwunden.

Haben Sie etwas verloren? fragte sie; wollen Sie nicht in Ihrem Ueberrock suchen?

Das tat ich, und diesmal mit besserem Erfolg, die Banknoten waren da. Nun gab ich das Versprechen, welches sie verlangte.

Es fehlt eine Banknote, ich weiß nicht, wieviel sie betrug, murmelte sie, ein Opfer mußte gebracht werden, das war unvermeidlich.

Ich kann nur die Besonnenheit und Tapferkeit bewundern, die Sie bewiesen haben, sagte ich voll Anerkennung. Sie sind ein edles Mädchen.

Das Lob schien sie fast zu verletzen. Es ist das erstemal, daß sie solchen Anschlag gemacht haben, rief sie mit Scham und Schmerz. Nach Geld sind sie schon öfters lüstern gewesen, aber noch nie haben sie ein Menschenleben bedroht. Das Ihrige war heute in großer Gefahr. Durch ein Loch in der Zimmerwand hatten die Männer gesehen, wie Sie Ihr Geld herausnahmen, und das brachte sie von Sinnen. Ihr Plan war, Sie zu berauben, und dann samt Ihrem Pferde in den Abgrund zu stürzen. Ich hatte alles gehört und konnte Sie noch rechtzeitig wecken. Die Banknoten mußte ich an mich nehmen, denn so lange sie sich in Ihrem Besitz befanden, war Ihr Leben nicht sicher. Ich hoffte, Sie retten zu können, ohne Vater und Bruder zu verraten, aber das ist mir mißlungen. Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht.

Ich werde es halten, beteuerte ich.

Ein schmerzliches Lächeln flog über ihre Züge, die es sanft verklärte. Ich empfand die innigste Teilnahme für sie.

Ihr Los ist schwer, und Sie müssen ein trauriges Leben führen, sagte ich mitleidig.

Sie sah mich mit großen, dunklen Augen an. Ich bin für ein hartes Leben geboren, versetzte sie, aber nicht für Schandtat und Verbrechen.

Gerechter Himmel, rief ich, und Sie müßten –

Nein, klang es wie befreit aus ihrem Munde, es gibt Dinge, welche auch die Bande der Natur zerreißen. Ich kehre nie mehr in jenes Haus zurück.

Aber wohin wollen Sie gehen? fragte ich, einen Blick auf ihre dürftige Kleidung werfend. Sie sind jung –

Und sehr stark, unterbrach sie mich mit zuversichtlichem Tone; ich kann arbeiten, seien Sie meinetwegen ohne Furcht.

An jenem Abend sprachen wir nicht weiter über ihre Zukunft, aber als ich im Laufe unseres Gesprächs am andern Morgen ihr klares Urteil und ihren scharfen Verstand erkannte, fragte ich sie, ob sie wohl gern etwas Tüchtiges lernen möchte. Da strahlte ihr ganzes Gesicht und drückte die freudigste Zustimmung aus, auch ohne ihr leise gemurmeltes Ja.

Mit Freuden ergriff ich die Gelegenheit, ihr den unschätzbaren Dienst, den sie mir geleistet hatte, wenigstens einigermaßen zu vergelten, doch gelang es mir nur mit vieler Mühe, sie zu bewegen, die Kosten ihrer Erziehung als Lohn für meine Rettung von mir anzunehmen. Sie sah wohl ein, wie sehr eine gründliche Bildung ihr den Kampf mit der Welt erleichtern würde, aber ihr schien das Opfer meinerseits zu groß. Erst als ich ihr begreiflich machte, daß es mir weder Mühe noch unerschwingliche Ausgaben verursachen würde, überwand sie ihre Bedenken und weigerte sich nicht länger, auf mein Anerbieten einzugehen. Bevor ich sie in der kleinen Hütte zurückließ, machte ich mit ihr aus, daß sie sobald als möglich in eine Schule in Troy eintreten sollte, deren Vorsteherin ich kannte.

Ich war damals zwar ein leichtsinniger, junger Mensch, aber doch hielt ich dem Mädchen mein Versprechen. Nicht nur, daß ich sie auf meine Kosten drei Jahre lang die Schule besuchen ließ, ich versorgte sie auch durch die Vorsteherin, welche sie lieb gewonnen hatte, mit allem, was sie in ihrer Stellung bedurfte. Ich hatte dabei nichts zu tun, als von Zeit zu Zeit einen Wechsel auszustellen; wäre irgendeine Arbeit oder Anstrengung meinerseits erforderlich gewesen, ich hätte es gewiß unterlassen, denn bei meiner Rückkehr nach der Stadt lebte die Neigung zu meiner Cousine von neuem in mir auf und nahm mich so völlig in Anspruch, daß alles, was nicht in Beziehung zu ihr stand, ohne Reiz für mich war.

So vergingen zwei Jahre. Ich stand völlig unter Eveline Blakes Einfluß, aber es kam zu keiner Verlobung zwischen uns. Immer noch gab ich die Hoffnung nicht auf, daß sie eines Tages die Meine werden könne, aber bald sollte ich erfahren, wie sehr ich mich getäuscht hatte. Mein Vater war ein kranker Mann, er litt schon damals an dem Uebel, das ihn wenige Monate später ins Grab brachte, dennoch wußte er um jeden meiner Schritte und durchschaute mich ganz.

Eines Tages ließ er mich zu sich rufen und eröffnete mir, daß er mich, seinen einzigen Sohn, zwar reich und unabhängig zurückzulassen wünsche, doch werde er das nur tun, wenn ich bereit sei, einer Neigung zu entsagen, die er im höchsten Grade mißbillige. Er habe gegen Heiraten unter nahen Verwandten ein ausgesprochenes Vorurteil, da sie gefährlich und frevelhaft seien und meist die unglücklichsten Folgen nach sich zögen. Wenn ich meinen Willen durchsetzen wolle, müsse er sich einen andern Erben suchen; denn das große Vermögen der Blake solle, solange er es hindern könne, nie einer Rasse von blödsinnigen Schwächlingen zufallen.

Allein nicht genug, daß er mich von der Frau trennte, welche ich liebte – in sicherem Vorausblick in die Zukunft bestand er auch darauf, ich solle noch vor seinem Tode eine würdige, verständige Wahl treffen und mich verheiraten.

Deine Braut braucht nicht reich zu sein, auch nicht aus vornehmer Familie, fügte er hinzu. Ist sie nur gut und tugendhaft, nicht mit uns verwandt und von angenehmem Aeußern, so soll mein letzter Atemzug noch ein Segen für meine Kinder sein.

Der Gedanke hatte sich seiner so völlig bemächtigt, daß ihn nichts davon abzubringen vermochte, auf alle meine Einwendungen hatte er nur die eine Antwort:

Du sollst ganz frei wählen dürfen, und ich lasse dir einen Monat Zeit. Führst du mir nach Ablauf dieser Frist nicht deine Braut zu, so werde ich das Vermögen einem Erben vermachen, der bereit ist, meinen letzen Wunsch zu erfüllen.

Einen Monat! – Ich musterte die vornehmen Schönen, die ich allabendlich in den Empfangssälen meiner Bekannten traf, und mir verging aller Mut. Sollte ich eine von ihnen zum Weibe nehmen, mit der Liebe zu einer andern Frau im Herzen? Unmöglich. Eine Gattin aus solchem Stande hätte auch ihrerseits Ansprüche erhoben, wenn sie einem Manne die Ehre erwies, ihm die Hand zu reichen. Was hatte ich aber jenen Damen zu bieten? Reichtum besaßen sie schon, eine hohe Stellung in der Gesellschaft gleichfalls. Liebevolle Hingebung? – das überstieg meine Kräfte. Unwillig gab ich den Gedanken auf.

Bei meiner Cousine fand ich keine Hilfe. Sie war von stolzem Charakter und liebte mein Vermögen und meine Stellung nicht minder, als meine Person.

Müssen Sie eine andere heiraten, um Ihr Erbe nicht zu verlieren, so wählen Sie Ihre Gattin nicht aus unserem Kreise, sagte sie, ich dulde keine Nebenbuhlerin in meinem Reich. Ihre Frau muß einfacheren Sinnes und weniger ehrgeizig sein als ich. – Aber beflecken Sie Ihren guten Namen nicht, denn er ist auch der meinige, pflegte sie stets hinzuzufügen.

Inzwischen verging ein Tag nach dem andern. Hätte ich mir die Sache auch aus dem Sinn schlagen können, der strenge, fragende Blick, mit dem mein Vater mich allabendlich empfing, wenn ich an sein Lager trat, würde sie mir schnell genug ins Gedächtnis zurückgerufen haben. Mir war, als wälze sich ein ungeheures Schicksal näher und näher zu mir heran, um mich zu zermalmen.

Wie oder wann der Gedanke an Luttra zum erstenmal in mir aufstieg, kann ich nicht sagen. Anfangs schreckte ich davor zurück und wies ihn verächtlich von mir; aber er kehrte immer wieder, und es sprach so vieles zu ihren Gunsten, daß ich eine Heirat mit ihr bald als rettende Zuflucht zu betrachten begann. Wohl war sie eine Heimatlose, Flüchtige, aber mein Vater wollte ja keine Familienbeziehungen. Daß Bande des Blutes sie an Schurken und Verbrecher knüpften, wußte ich, doch hatte sie sich seit Jahren von jeder Verbindung mit ihnen losgesagt und ein neues Leben unter ganz anderen Verhältnissen geführt. Ich machte mich immer mehr mit dem Gedanken vertraut: welche dankbare, anspruchslose Frau würde mir meine junge Schutzbefohlene sein! Ich wäre so wenig wie möglich gebunden; sie würde nichts verlangen, und ich brauchte ihr nichts zu gewähren, als eine Heimat und die gewöhnlichste höfliche Rücksicht. Die Hauptsache aber war, daß ihre Erscheinung mich in keiner Weise an die der stolzen, vornehmen Dame erinnerte, deren leisester Wink für mich ein Befehl gewesen war. Eine anmutige, bescheidene, gehorsame Gattin würde ich an ihr haben, um derentwillen ich mir keinerlei Zwang aufzulegen brauchte.

Nachdem ich dies alles wohl bedacht, beschloß ich Luttra aufzusuchen. Ich hatte sie nicht wiedergesehen, seit wir uns an jenem Morgen vor der Türe der kleinen Hütte in Vermont Lebewohl gesagt, um so mehr war ich von ihrem Aussehen überrascht. War dies schlanke, hochgewachsene Mädchen mit dem Kranz goldig schimmernden Haares und dem Antlitz, das man unwillkürlich mit Ehrfurcht betrachtete, die Flüchtige, Heimatlose? – Ein fast zorniges Gefühl überkam mich; mir war, als sei ich getäuscht und betrogen worden – statt der Rebe, die ich gepflanzt hatte, sah ich eine hohe Palme vor mir. Ich war so verwirrt, daß meine Begrüßung nicht ganz so gütig und herablassend ausfiel, als ich beabsichtigt hatte. Sie schien meine Verlegenheit zu bemerken, und ein flüchtiges Lächeln zuckte um ihren Mund. Dies holde, freundliche Lächeln bestimmte meinen Entschluß.

Wie es mir gelang, sie zu bewegen, mich nach Ablauf von zehn Tagen zu heiraten, ist mir selbst ein Rätsel. Weder Rang noch Reichtum hat sie bestochen, denn erkaufen wollte ich das Mädchen nicht, und dies ist vielleicht das einzige, was meiner damaligen Handlungsweise einigermaßen zur Entschuldigung dient. Ich versprach ihr keine goldenen Berge in der Zukunft, malte ihr auch nicht die Vorzüge aus, welche mir meine Stellung bot, und dennoch gewann ich sie.

Wir wurden in einer Kirche von Troy in aller Stille getraut. Warum die Welt nie etwas davon erfahren hat, weiß ich nicht; jedenfalls gab ich mir damals keine besondere Mühe, unsere Verbindung geheimzuhalten. Später, nachdem wir uns getrennt hatten, ergriff ich freilich alle Maßregeln, die mir zu Gebote standen, damit von der bittern Kränkung, welche mein Stolz erfahren hatte, nichts in die Oeffentlichkeit gelangte.

Nach der Hochzeit reisten wir sogleich nach Neuyork, doch hatte ich von meinen Absichten nichts vorher verlauten lassen, was bei meinem damaligen Gemütszustande vielleicht verzeihlich war. Wir kamen ganz überraschend an, nichts war zu unserem Empfang vorbereitet; wie Fremde traten wir über die Schwelle des Hauses und begaben uns sogleich nach meines Vaters Zimmer.

Wir können kein Hochzeitsfest und keine Flitterwochen feiern, hatte ich ihr gesagt. Mein Vater liegt im Sterben und bedarf meiner Pflege. Ich muß dich vom Altar gleich an ein Totenbett führen, das ist traurig für dich, aber unvermeidlich. Und sie fügte sich in ihr Schicksal mit einem innigen, unbeschreiblichen Lächeln, das ich erst nach langen, einsamen und leidensvollen Monaten verstehen lernte.

Vater, hier bringe ich dir meine junge Frau, das waren meine ersten Worte, als sich die Türe hinter uns schloß.

Nie werde ich vergessen, wie er sich im Bette aufrichtete und mit begierigen Blicken ihr jugendliches Antlitz und ihre hohe Gestalt betrachtete, die sich zu dem Kranken niederbeugte. Noch sehe ich es deutlich vor mir, wie er ihr freudig bewegt die Arme entgegenstreckte, und sie sich liebevoll an seine Brust schmiegte. Mich hatte er niemals, selbst nicht in meiner frühesten Kindheit, so innig ans Herz gedrückt. Denn mein Vater war stets ein strenger Mann gewesen, der jede Liebkosung von sich wies und den Grad der Zuneigung nur nach der Ehrerbietung maß, mit welcher man ihm begegnete.

Meine Tochter! rief er. Wer sie sei, und woher sie komme, darnach fragte er nicht, auch dann nicht, als sie sich nach kurzem Schweigen aufrichtete, ihm beglückt ins Auge sah und wehmütig flüsterte:

Ich habe noch nie einen Vater besessen.

Der Auftritt rührte mich nicht, er verhärtete mein Gefühl. Hätte er Enttäuschung über meine Wahl geäußert, sie mißbilligt oder sich einfach über meinen Gehorsam gefreut, so würde ich mich vielleicht in mein Geschick ergeben haben; aber daß er glücklich über sie war, sie liebte und bewunderte, während er sich über Eveline Blake nie anders als mit Mißfallen geäußert hatte, war mehr, als ich ertragen konnte. Mein ganzes Inneres lehnte sich dagegen auf, und eine Art Haß bemächtigte sich meiner.

Ich bat meine Frau, mich mit dem Vater allein zu lassen, und noch ehe sich die Türe hinter dem armen jungen Geschöpf geschlossen hatte, brach meine tiefe Kränkung, aller Gram, den ich seit Monaten in meiner Brust verborgen hatte, gewaltsam hervor.

Ich habe dir eine Tochter gebracht, wie du befohlen hast, rief ich. Nun gib mir den Segen, den du mir versprachst, und laß mich ziehen, denn mit einer Frau, die ich nicht liebe, kann ich nicht leben!

Mein Vater hatte noch kein Wort der Erwiderung gefunden, da öffnete sich die Türe wieder, und die Frau, welche ich so im ersten Morgendämmern ihres jungen Glücks von mir gestoßen, stand vor uns.

Großer Gott, wie sah sie aus! – Wenn ich jetzt oft nachts aus schweren Träumen aufschrecke – die doch noch köstlich sind gegen die Gedanken, die mich im Wachen quälen – dann taucht vor mir, aus den düstern Schatten, das jugendliche Haupt auf im Strahlenglanz seines Goldhaares und mit dem vor Entsetzen versteinerten Ausdruck.

Hoch aufgerichtet, aber Verzweiflung im Blick, stand sie da. Habe ich recht gehört? stammelte sie.

Hast du mich nur geheiratet, weil man es dir befahl – mich, die ich viel zu gering für dich bin und deinen hohen Stand erst jetzt erkenne? Gabst du mir mit deiner Hand nicht auch dein Herz, wodurch allein die Ehe ihr Recht und ihre Weihe erhält? Mußt du, während dein Vater im Sterben liegt, dies Haus meiden, wenn ich darin bleibe?

Ich sah, wie sich die bleichen Lippen meines Vaters bewegten, als ob er für mich antworten wolle. Wie hartherzig und verstockt ich auch damals war, es erschütterte mich doch. Ich sagte ihr, ich hätte sie nicht kränken wollen und könne es nur beklagen, daß sie meine unbesonnene Rede gehört habe. Sie solle vergeben, daß mir in der Bitterkeit meines Herzens über meine grausam zerstörten Hoffnungen solche Worte entschlüpft seien. Wenn es ihr Kummer bereite, würde ich aus Rücksicht für sie mein Vaterhaus jetzt nicht verlassen.

Eine dunkle Röte färbte ihr die Wangen; sie schämte sich, daß ich so klein von ihr dachte. Also habe ich recht gehört, sagte sie mit tonloser Stimme.

Ich senkte stumm den Blick zu Boden.

Holman, Holman, klang es angstvoll vom Bette her, du wirst mir nicht jetzt meine Tochter rauben wollen. Luttra hatte sich der Türe genähert; als ich ihr nacheilte, wandte sie sich um. Der Sohn soll sich nicht von seinem Vater trennen, sagte sie fest entschlossen; daher muß ich es sein, die aus diesem Hause geht. Seit unserer ersten Begegnung in jener denkwürdigen Nacht, fuhr sie in sanfterem Tone fort, habe ich dich hoch verehrt und dein Bild im Herzen getragen. Ich war überglücklich, als du mich fragtest, ob ich dein Weib sein wolle, und beachtete es kaum, daß du den Antrag nicht damit begannst, mir deine Liebe zu gestehen, denn sie ist es, die fester als der Trauring die Gatten vereint. Mich beseligte der Gedanke, dir angehören zu dürfen; damals glaubte ich, das sei genug. Auch jetzt liebe ich dich noch so sehr, daß ich dich verlassen will. Für dein Glück würde ich noch mehr tun, ich würde dir deine Freiheit zurückgeben; allein, da du eine Frau dem Namen nach brauchst, so will ich das bleiben, wozu du mich haben wolltest. Ich werde deinem Namen niemals Schande machen, und wenn dereinst vielleicht ein Tag kommt, an dem du der Hingebung meines Herzens oder meines Beistandes bedarfst, so soll mich keine Macht der Erde von dir fernhalten. Bis dahin werde ich, obgleich dein angetrautes Weib, mich aller Rechte begeben, die du mir am heutigen Morgen verliehen hast. Lebe wohl und sei glücklich!

Im nächsten Augenblick war sie, einem Traumbild gleich, geräuschlos aus dem Zimmer verschwunden.

Ich wollte ihr nacheilen, aber ein Schmerzensschrei, der vom Bette herkam, hielt mich zurück; mein Vater lag bleich und regungslos auf dem Kissen. So konnte ich ihn nicht verlassen. Ich befahl Frau Daniels, die stets in der Nähe des Kranken zu finden war, die Dame – ich glaube, ich sagte »meine Frau« – anzuhalten, dann kehrte ich zu meinem Vater zurück. Als es mir endlich gelang, ihn aus der Ohnmacht zu wecken, war seine erste Frage nach der Tochter, die ihm wie ein Lichtstrahl in seiner Dunkelheit erschienen war. Ich wollte gehen, um sie herbeizuholen, aber schon trat die Haushälterin ins Zimmer.

Frau Blake ist fort, sagte sie, ich konnte sie nicht mehr erreichen.



Dreizehntes Kapitel.

Es war das letztemal, daß ich meine Gattin mit Augen sah. Wohin sie gegangen, wo sie Zuflucht gefunden, habe ich nie erfahren. Meinen Vater hatte der Auftritt so sehr erschüttert, daß seine Kräfte rasch abnahmen. Während ich mit seiner Pflege beschäftigt war, bemerkte ich nur zu wohl, wie sehnsüchtig er oft den Blick nach der Türe wandte und mich dann wieder fragend anschaute. Schon damals stieg in mir der Gedanke auf, daß ich die Ruhe und das Glück meines Lebens vielleicht auf immer zerstört hatte. Erst nach meines Vaters Tode aber trat mir das Bild des schönen, jungen, verzweifelnden Geschöpfes, dem ich meinen Namen gegeben, wieder mit furchtbarer Deutlichkeit vor die Seele. Eine düstere Schwermut bemächtigte sich meiner; ich wußte nicht, rührte sie aus einem Gefühl der Scham her, beim Rückblick auf die Vergangenheit, oder war das rätselhafte Verschwinden meiner Frau, die ich doch nicht geliebt hatte, die Ursache meiner Trauer.

Mein Zustand verschlimmerte sich noch, als bald darauf die Verlobung meiner Cousine mit dem Grafen de Mirac veröffentlicht wurde. Meine leidenschaftliche Liebe zu ihr hatte mich niemals dagegen blind gemacht, daß sie Rang und Reichtum als erste Lebensbedingung ansah; ich hatte auch durch meine stillschweigende Entsagung und die Heirat mit einer andern jedes Recht verloren, mich über ihre Handlungsweise zu beklagen, dennoch war jene Nachricht ein furchtbarer Schlag für meinen Stolz. Daß sie imstande war, für Glanz und Schimmer alles hinzugeben, was einer Frau das höchste Gut auf Erden sein sollte, erschütterte meinen Glauben an die echte Weiblichkeit ihrer Natur. Hatte sie auch im Grunde nichts anderes getan als ich selbst, so diente ihr das in meinen Augen nicht zur Entschuldigung. Sie als edles Weib durfte dem Mammon das Opfer nicht bringen, sie hätte der Versuchung widerstehen müssen, welcher ich, der Mann voll Schwachheit und Mängel, unterlegen war.

Ich zog mich mehr und mehr von der Gesellschaft zurück; aber während die andern Gesichter und Gestalten aus meiner Erinnerung schwanden, begann jetzt Luttras Bild, wie ich sie zuletzt gesehen, mich bei Tag und Nacht zu beschäftigen. Das erhöhte nur meine Qual. Ich sehnte mich danach, meine Heirat zu vergessen, die mir vor der Welt nur Schmach und Schande bereiten konnte; die Missetaten ihres Vaters und Bruders waren soeben aus Licht gekommen, und mein Weib war die Tochter eines überführten Verbrechers. Aber sie kam mir nicht aus dem Sinn. Ihr Abschiedsblick brannte in meiner Seele, er verfolgte mich wachend und schlafend, bis ich zuletzt beschloß, ihr Bild auf der Leinwand festzuhalten, um es aus meinen Träumen zu verbannen.

So entstand das Gemälde, welches Sie heute abend gesehen haben. Bei meiner natürlichen Begabung für die Kunst, die mir unter andern Umständen vielleicht hohen Ruhm eingebracht hätte, bot die Arbeit meiner geübten Hand nur geringe Schwierigkeiten. Tag für Tag wuchs die Aehnlichkeit unter meinem Pinsel, ihre Schönheit nahm einen immer geistigeren Ausdruck an, der mich selbst in Erstaunen setzte, und ich widmete mich meinem Werke mit wahrem Feuereifer. Immer tiefer schien der Blick der zärtlichen Augen in mein Inneres zu dringen, und oft stand ich mitten in der Nacht auf, um die Fülle des goldenen Haares zu betrachten, das ihre Stirn umflutete.

Endlich war das Bild vollendet, und ich glaubte, sie lebendig vor mir zu sehen, wie in jenem unvergeßlichen letzten Augenblick, in derselben Kleidung, sogar die Rose in der Hand, mit welcher ich am Hochzeitsmorgen meine Braut geschmückt hatte. Nichts fehlte, um dem Bilde Wirklichkeit zu verleihen, und ich dachte nun Ruhe zu finden. Allein diese Hoffnung erwies sich als trügerisch.

Ich hatte das Gemälde hinter Evelinens Bildnis angebracht, das seit zwei Jahren über meinem Lehnstuhl hing. Am Morgen drehte ich es nach der Wand, aber die Nacht hindurch sah es auf mich nieder, und oft vertiefte ich mich stundenlang sinnend in den Anblick. Keine Kunde kam zu mir über Luttras Geschick, ich hätte ihr nicht beistehen können, selbst wenn Not und Mangel sie bedrängten. Wäre auch die Liebe zu ihr in meinem Herzen erwacht, ich würde nicht gewußt haben, wo ich sie suchen sollte, und ob nicht das schöne, junge Geschöpf längst im Grabe ruhte.

Aus meinem dumpfen Grübeln schreckte mich die Nachricht, daß meine Cousine ihren Gatten nur wenige Monate nach der Hochzeit durch den Tod verloren habe und nach Amerika zurückgekehrt sei. Ich glaubte, nun würden meine Pulse wieder rasch schlagen – allein es regte sich nichts in meinem Herzen. War denn meine alte Liebe gestorben? – Das mußte ich ergründen.

Ich traf die stolze Gräfin in der Gesellschaft. Aber siehe da, ihre Schönheit hatte keinen Reiz mehr für mich; zwischen uns tauchte stets in sonnigem Glanz ein junges, hochherziges Wesen auf, das alle meine Gedanken gefangen nahm. Jetzt wußte ich, daß die Liebe in meinem Herzen nicht tot sei, wie ich geglaubt, aber sie galt einzig und allein einem Gegenstand, der für mich unerreichbar schien – meinem verschwundenen jungen Weibe.

Sobald ich zu dieser Erkenntnis gekommen war, raffte ich mich zu neuen Taten empor. Das Leben bot mir jetzt nur noch eine Hoffnung. Ich wollte die Verlorene suchen gehen durch die ganze Welt und sie in mein Haus zurückführen, selbst wenn ich sie im Gefängnis, an der Seite ihrer verbrecherischen Verwandten wiederfände.

Aber wo sollte ich meine Nachforschungen beginnen? Gab es einen Faden, mit dessen Hilfe ich durch das Labyrinth zu ihr gelangen konnte? Ich wußte keinen als ihre Liebe, die sie vielleicht gehindert haben mochte, sich allzuweit von dem Hause zu entfernen, aus dem sie sich freiwillig verbannt hatte. Wenn Luttra noch war wie sie gewesen, würde sie schwerlich die Stadt verlassen haben; irgendwo in dem endlosen Gewirre mußte sie zu finden sein. Die Klugheit riet mir, mich der Hilfe der Polizei zu bedienen, aber dies fiel meinem Stolze so schwer, daß ich zuvor jedes andere Mittel versuchen wollte. Unermüdlich begann ich die Straßen zu durchwandern, in der vergeblichen Hoffnung, irgendwo unter dem Schwarm der Vorübergehenden ihre Gesichtszüge zu entdecken. Ein törichtes Unternehmen, das zu keinem Ergebnis führte. Von Unruhe verzehrt, litt es mich nie lange an einem Ort. Einmal stand ich sogar mitten in der Nacht wieder auf und ging in den Hof hinunter, um frische Luft zu schöpfen. Es war, wie ich später erfuhr, dieselbe Nacht, in der die Näherin, nach welcher Sie suchen, aus meinem Hause verschwand. Ich ahnte hiervon jedoch nichts; ja ich war so völlig in meine Gedanken vertieft, daß ich sogar einen Augenblick glaubte, das Gesicht meiner verlorenen Gattin, welches mir Tag und Nacht vor der Seele stand, durch die Gitterstäbe zu mir hereinblicken zu sehen.

Sie sagen, jenes Mädchen habe wirklich durch das Gitter geschaut; das mag sein, denn die, welche ich sah, war wie eine Arbeiterin gekleidet. Ich hielt die Erscheinung damals für ein Spiel meiner Phantasie, doch beschloß ich, nicht mehr in den vornehmen Stadtteilen nach Luttra zu suchen, sondern in den ärmeren Gegenden und Arbeitervierteln. Daß ich dies tat, wissen Sie, denn die Polizei hat seitdem meine Schritte unablässig verfolgt, wie Sie sagen.

Meine vergeblichen Nachforschungen brachten mich fast an den Rand der Verzweiflung. Zwar traute ich fest auf die Lauterkeit von Luttras Gesinnung, aber in welchen Abgrund von Jammer und Elend mochte sie inzwischen geraten sein! Und ihr Vater, ihr Bruder – wie tief mochten die verworfenen Menschen das unschuldige, liebevolle Kind erniedrigt haben!

Eines Tages sah ich ein Mädchen – nein, die Verlorene war es nicht – die Aehnlichkeit lag nur in der Farbe ihres Haares. Ich ging ihr nach und sprach sie an, um zu erfahren, ob sie mir keine Kunde geben könne von einer, deren Locken so goldenrötlich waren wie die ihrigen. Das arme Geschöpf ließ mich nur einen tiefen Blick in ihr eigenes jammervolles Dasein tun, von Luttras Geschick war ihr nichts bekannt.

Tags darauf trat ich meine Fahrt nach Vermont an; ich hoffte an dem Ort, wo ich sie zuerst gesehen, irgendeinen Fingerzeig über ihren jetzigen Aufenthalt zu finden, aber auch hierin sah ich mich getäuscht.

Für den Inhalt jener Kommode weiß ich keine Erklärung. Hat das Mädchen, welches auf so seltsame Weise verschwunden ist, wirklich die darin befindlichen Kleidungsstücke hier ins Haus gebracht, so bieten sie uns vielleicht einen Anhaltspunkt, um das Ziel zu erreichen, nach dem ich einzig trachte; mit Freuden würde ich alle Schätze der Welt dafür hingeben. Eine Frage muß aber vor allem entschieden werden, ehe wir weiterreden, und nur Frau Daniels kann – –

In diesem Augenblick ging die Türe auf und die Haushälterin trat ein.



Vierzehntes Kapitel.

Frau Daniels hatte Hut und Mantel noch nicht abgelegt; ihre Züge waren schreckensbleich. Sie wollen mich sprechen? fragte sie, Herrn Blake gespannt und ängstlich anblickend.

Er raffte seine ganze Kraft zusammen: Frau Daniels, wer war das Mädchen, das Sie so lange in dem oberen Zimmer beherbergt haben? Wie hieß sie, und wo kam sie her?

Die Angeredete zitterte an allen Gliedern und warf uns einen hilfesuchenden Blick zu.

Reden Sie, befahl Gryce, jetzt ist keine Zeit mehr zu Heimlichkeiten.

O, Herr Blake, rief sie und griff nach einem Stuhl, um nicht umzusinken, es war Ihre Frau, das junge Wesen, das – –

Ein lauter Aufschrei unterbrach sie; alle Qualen hoffnungsloser Liebe, die er in den letzten Monaten erduldet, drängten sich zusammen in dem einen Laut.

Auf den Knien habe ich ihr schwören müssen, sie nicht zu verraten, was auch geschehen möge, rief Frau Daniels angsterfüllt. Zwei Wochen nach Ihres Vaters Tode, Herr Blake, suchte sie mich hier im Hause auf, vertraute mir an, was sich zugetragen hatte und sagte, sie könne als Frau nur unter dem Dache ihres Gatten leben, das sehe sie als ihre Pflicht an. Um unerkannt zu bleiben, trug sie eine schwarze Perücke, die zu ihren dunklen Augen paßte und ihr Aeußeres völlig veränderte; ihr eigenes goldrötliches Haar, das ihr etwas so Fesselndes, Ungewöhnliches gab, mußte sie natürlich vor allen Blicken verbergen. Ich konnte ihrem Verlangen nicht widerstehen und öffnete ihr nicht nur das Haus, sondern auch mein Herz. Ihr Geheimnis schwor ich zu bewahren und hielt mein Versprechen so streng, als gelte es das Heil meiner Seele.

Aber als sie das Haus verließ, rang es sich von Blakes bleichen Lippen, als man sie von hier fortschleppte, warum schwiegen Sie dann?

Es war ein furchtbarer Kampf. Ich durfte meinen Eid nicht brechen, und doch schwebte ich in fortwährender Todesangst, daß ein Unglück aus der Heimlichkeit entstehen könne. Ich glaubte, wenn Sie nur wüßten, wer die Verschwundene sei, würden Sie alles daran setzen, um dies schuldlose Haupt und die Ehre Ihres Namens zu schützen; statt dessen sah ich Sie kalt und gleichgültig mit andern Dingen beschäftigt, während das arme, junge Geschöpf, das mit Freuden sein Leben für Sie geopfert hätte, der Gewalt jener schändlichen Bösewichte preisgegeben war. Was mag sie gelitten haben vor ihrem Ende, sie war so edel, so hochherzig, so liebevoll –

War? – Er fuhr mit der Hand zum Herzen, als fühle er eine tödliche Wunde. Warum sagen Sie: war?

Weil ich eben aus dem Leichenhause komme, wo sie tot liegt.

Nein, nein, das verhüte der Himmel! rief er; jenes Mädchen sieht ihr vielleicht ähnlich, aber sie ist es nicht selbst.

Gott gebe, daß Sie recht haben – doch die langen goldigen Flechten – ein Haar, wie das ihrige, habe ich nie zuvor gesehen.

Es ist, wie Herr Blake sagt, mischte ich mich in das Gespräch, denn ich vermochte den Auftritt nicht länger schweigend zu ertragen. Er hat das Mädchen, welches heute aus dem Wasser gezogen wurde, noch vor kurzem gesehen und gesprochen, und muß daher wissen, ob es seine Frau ist.

So war sie es nicht?

Nein, tausendmal nein; das Mädchen ist mir ganz fremd.

Der Frau schien eine Zentnerlast vom Herzen zu fallen. Gott sei gedankt, rief sie, gerührt die Hände faltend. Plötzlich begann sie jedoch von neuem zu zittern. Ach, was habe ich getan, was habe ich getan! Ich sollte das Geheimnis nur im Falle ihres Todes enthüllen. Sie verließ sich so fest auf meine Treue –

Frau Daniels, sagte Blake in feierlichem Tone, ich liebe meine Frau, von nun an wird sie sich auf mich verlassen.

Mit einem Freudenschrei sprang die Haushälterin von ihrem Sitze auf. Sie lieben sie? – Gott sei gepriesen! – Tränen stürzten ihr aus den Augen, und unfähig, ihre Rührung zu unterdrücken, zog sie sich in eine Ecke des Zimmers zurück.



Fünfzehntes Kapitel.

Am andern Morgen hielten Gryce und ich zusammen Kriegsrat über die nächsten Schritte, die nun zu tun seien, um den Schlupfwinkel der Schönmakers zu entdecken; denn es stand außer allem Zweifel, daß die beiden Schurken sie entführt hatten.

Eine gründliche Durchsuchung des deutschen Viertels scheint mir zweckmäßig und wird hoffentlich zu einem befriedigenden Ergebnis führen, sagte mein Vorgesetzter; Schmidt und Rosenthal können uns dabei gute Dienste leisten.

Ich schüttelte den Kopf. Sie werden sich schwerlich unter ihren Landsleuten verbergen, besonders da sie ein Mädchen von so auffallender Schönheit bei sich haben, deren Gegenwart nicht unbemerkt bleiben würde. Es muß ihnen doch vor allem daran liegen, Geschwätz und Aufsehen zu vermeiden.

Da können Sie recht haben, sagte Gryce nachdenklich.

Wenn sie es wagen dürften, sie schlecht zu behandeln und schlecht zu kleiden, so stünde die Sache anders, aber das Mädchen ist für sie ein kostbares Besitztum, das wohlerhalten bleiben muß, bis die Zeit kommt, es zu verwerten. Daß die Schurken Herrn Blakes junge Frau nur in der Absicht entführt haben, um Geld von ihm zu erpressen, ist wohl auch Ihre Meinung?

Ohne Zweifel haben sie es zu diesem oder einem ähnlichen Zweck getan. Er ist ein einflußreicher Mann, und sie hoffen wahrscheinlich, mit seiner Hilfe ins Ausland zu entkommen.

Auch im irländischen, französischen oder italienischen Viertel werden wir sie schwerlich finden. Sie könnten dort noch weniger unbemerkt bleiben als unter den Deutschen. Wahrscheinlich sind sie nach Jersey hinübergegangen, oder am Flußufer hinauf. Vielleicht täten wir am klügsten, Schmidt nach Hoboken zu schicken.

Wohl möglich; aber in einer ländlichen Umgebung wären sie leichter aufzuspüren, als in einem der überfüllten Mietshäuser hier in der Stadt.

Wo glauben Sie denn, daß sie sich versteckt halten?

Nun, wenn ich mir die Sache reiflich überlege, versetzte Gryce nach kurzem Stillschweigen, so liegt der Fall wie folgt: Sie nehmen an, und ich pflichte Ihnen darin bei, daß die Männer das Mädchen geraubt haben, um im geeigneten Moment einen Erpressungsversuch bei Herrn Blake zu machen. Er muß also mehr oder weniger der Mittelpunkt aller ihrer Gedanken und Pläne sein. – Was werden zum Beispiel Diebsgesellen, die beschlossen haben, eine Bank zu plündern, zu allererst tun? Sie mieten ein Quartier in der Nähe des Gebäudes, in das sie einbrechen wollen, und graben viele Monate an dem geheimen Gang, durch den sie bis zur Kasse zu dringen hoffen; oder sie suchen die Bekanntschaft der Aufseher und Türschließer, welche den Schatz hüten. Kurz, sie halten sich eine Zeitlang nicht allzufern von ihrer Beute auf, bevor sie sich auf

dieselbe stürzen. Aehnlich werden wohl auch die Schönmakers verfahren. Wenn sie sich jetzt auch aus irgendeinem Grunde noch still verhalten, so ist doch Herr Blake und sein Haus sicherlich ihr Hauptaugenmerk; wenn wir nur Zeit hätten – –

Nein, wir dürfen nicht zögern, fiel ich ihm ungestüm ins Wort. Das hochherzige Mädchen in der Gewalt jener Menschen zu wissen, ist ein entsetzlicher Gedanke.

Wenn wir Zeit hätten, wiederholte Gryce bedächtig, so brauchten wir nur ruhig abzuwarten, bis sie uns von selbst in die Hände liefen. Aber das geht leider nicht an, wie Sie ganz richtig bemerkten. Ich schlage deshalb vor, in der Nachbarschaft des Blakeschen Hauses ihre Fährte zu suchen, denn nach meiner Erfahrung werden sie das Wild, auf welches sie lauern, schon jetzt in Sicht behalten wollen.

Ich wohne doch aber selbst schon seit einiger Zeit in der Gegend, kenne jedes Haus von innen und außen und weiß die Namen sämtlicher Einwohner anzugeben. In der ganzen Avenue und den anstoßenden Querstraßen ist auf und ab kein Winkel, in dem sie sich auch nur zwei Tage, geschweige denn zwei Wochen verbergen könnten. Wenn Sie jedoch meinen, will ich trotzdem versuchen – –

Tun Sie das; Schmidt und Rosenthal können unterdessen im deutschen Viertel nachforschen und auch Hoboken und Williamsburgh absuchen. Um unseren Zweck zu erreichen, ist keine Mühe und Anstrengung zu groß.

Und was gedenken Sie zu tun?

Wenn Ihr Auftrag erfüllt ist, kommt die Reihe zu handeln an mich, erwiderte Gryce.



Sechzehntes Kapitel.

Nachdem ich den ganzen Tag mit ermüdenden und völlig fruchtlosen Nachforschungen verbracht hatte, kehrte ich abgespannt und niedergeschlagen in mein Quartier zurück, das sich in dem Eckhaus, Herrn Blakes Wohnung gegenüber, befand. In die Gedanken vertieft, welche mich seit einiger Zeit ausschließlich beschäftigten, stieg ich in meiner Zerstreuung eine Treppe zu hoch hinauf und bemerkte dies erst, als ich die Türe des Zimmers, das gerade über dem meinigen lag, zu öffnen versuchte und sie verschlossen fand. Wie ein solcher Irrtum möglich war, ist mir noch heutigentages unbegreiflich, denn der Hausgang oben war lange nicht so geräumig wie der untere, und es gingen mehr Türen auf denselben hinaus.

Ein Gefühl der Beschämung, wie wir es bei dergleichen lächerlichen Mißgriffen meist empfinden, weckte mich aus meiner Träumerei. Ich fuhr hastig zurück und wäre dabei fast über einen Gegenstand gestolpert, den ich mit dem Fuß zertrat.

Da ich auch die geringfügigste Kleinigkeit nie unbeachtet lasse, bückte ich mich darnach und sah beim Schein der Gaslampe, die den Vorplatz matt erhellte, daß es ein Stück rote Kreide war.

Dieser an sich so unbedeutende Fund rief sofort eine halbvergessene Erinnerung in mir wach.

Bei jenem denkwürdigen Besuch in Vermont hatte ich auf einer Türe am Hause der Schönmakers ein rotes Kreuz bemerkt. Es machte damals wenig Eindruck auf mich, und ich würde gewiß nie wieder daran zurückgedacht haben, wäre mir das Stück rote Kreide nicht gerade in einem Augenblick in die Hände geraten, als ich mich so lebhaft mit den Schönmakers beschäftigte. Zugleich fiel mir ein, daß meine Wirtin sich vor einigen Tagen über die neuen Mieter beklagt hatte, die gerade über mir wohnten; sie sprach von zwei Männern und einer Frau, wenn ich nicht irre, und fügte hinzu, da sie pünktlich zahlten, könne sie sich nicht entschließen, ihnen zu kündigen. Ein unbestimmter Argwohn stieg in mir auf, ich ging an die Türe zurück, die ich vorhin in der Zerstreuung hatte öffnen wollen, und betrachtete sie genau. Sie war einfach weiß angestrichen, und nichts Besonderes daran zu sehen. Auf der Nebentüre aber, die zu der andern im rechten Winkel stand, bemerkte ich ein rotes Kreuz, das ganz so aussah, wie dasjenige im Hause der Schönmakers in Granby; es mochte wohl mit der nämlichen Kreide gemacht sein, die ich auf dem Boden gefunden hatte.

Die Entdeckung versetzte mich in große Aufregung. War es denn möglich, daß die Menschen, nach denen ich schon überall gesucht hatte, mit mir im selben Hause wohnten? – Unverwandt starrte ich nach dem bedeutsamen Zeichen; ich horchte mit verhaltenem Atem, und als ich ein unterdrücktes Schnarchen zu vernehmen glaubte, konnte ich kaum dem Verlangen widerstehen, die verschlossene Tür aufzubrechen und einzudringen. Vorsicht ist jedoch mehr wert als Tapferkeit, und nach kurzer Ueberlegung stand ich fürs erste von jeder Gewaltmaßregel ab.

Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu, sondern wälzte nur allerlei Pläne in meinem Haupte. Als ich bei Tagesanbruch schwere Fußtritte die Treppe heraufkommen hörte, sprang ich sogleich aus dem Bette, um dem Ankömmling zu folgen. Doch besann ich mich noch rechtzeitig, daß ich am besten tun würde, die Wirtin auszuhorchen, um womöglich zu erfahren, mit was für Leuten ich es zu tun hätte.

Ich fand die Frau schon zu früher Morgenstunde mit häuslichen Arbeiten in der Küche beschäftigt. Sie hatte von Anfang an eine große Vorliebe für mich gefaßt und gab mir gern jede gewünschte Auskunft. Die neuen Mieter waren ihr ein Dorn im Auge, schon wegen ihres schäbigen Anzuges, aber auch aus andern Gründen. Tagsüber verließen sie kaum das Haus, das sie mit ihrem abscheulichen Tabak einräucherten, das Mädchen hielten sie wie eine Gefangene, und wenn sie abends ausgingen, kamen sie oft erst in den frühen Morgenstunden heim. Sie wäre die Menschen lieber heute als morgen los gewesen, aber die Miete – die Miete konnte sie nicht entbehren.

Ich sagte ihr, eine Wirtin müsse oft ein Auge zudrücken und kleine Unannehmlichkeiten übersehen. Solange die Leute pünktlich bezahlen, riete ich ihr, sie ruhig wohnen zu lassen.

Mich dauert nur das Mädchen, fuhr sie fort, das so hübsch, so traurig und krank aussieht. Ich kann es nicht ertragen, das arme Ding immer in dem kleinen Zimmer eingesperrt zu wissen. Man hält es kaum für möglich, daß sie die Tochter des alten Mannes ist, wie er sagt. Sie sollten sie nur einmal sehen –

Freilich, das ist ja gerade, was ich wünsche, und zwar nicht bloß aus Neugier. Soviel ich weiß, ist nämlich auf ihre Entdeckung und Rettung ein hoher Preis ausgesetzt.

Nun gab ich der Wirtin gegenüber alle Verstellung auf und eröffnete ihr, daß ich nicht, wie sie vermutete, ein Buchhalter sei, der eine Stelle suche, sondern Beamter der Geheimpolizei.

Das machte einen großen Eindruck auf sie, und sie ließ sich leicht überreden, mir bei meinem Unternehmen nach besten Kräften zu helfen und niemand ein Wort davon zu sagen. Hätte sie dies Versprechen nicht gehalten, so wäre mein fein angelegter Plan, die Schurken in aller Stille zu ergreifen, schwerlich zur Ausführung gekommen.

Noch am selben Tage bezog ich das Zimmer neben demjenigen mit dem roten Kreuz an der Türe. Ich steckte in den alten Kleidern eines herabgekommenen französischen Künstlers, mit dem ich vor kurzem bekannt geworden war, und dessen Erscheinung und Wesen ich auch sonst nachzuahmen suchte; einige seiner schlechten Bilder hingen sogar als Zierde an den weißgetünchten Wänden. So vorbereitet, begann ich, mit den besten Hoffnungen auf Erfolg, die für meinen Zweck nötigen Beobachtungen anzustellen.

Zu den Eigentümlichkeiten meines französischen Freundes gehörte ein quälender Husten. Um nun seine Persönlichkeit so vollkommen wie möglich wiederzugeben, unterbrach ich die Stille von Zeit zu Zeit durch heftige Hustenanfälle, was zwar für meine Nachbarn nicht gerade angenehm war, aber doch dazu diente, ihnen meine Gegenwart bemerklich zu machen. Es lag mir durchaus nichts daran, die Anwesenheit des Franzosen zu verbergen, im Gegenteil, sie sollten recht genau davon unterrichtet werden, daß ein Stubennachbar eingezogen war, ein schwachsinniges, kränkliches Individuum, das Tag und Nacht seine Türe offen ließ – natürlich nur wegen der Wärme im Hausgang. Außerdem hatte der Mensch die Gewohnheit, im Korridor auf- und abzugehen und jeden, der ihm begegnete, anzureden, wobei er obendrein auf eine höfliche Erwiderung zu rechnen schien. Wenn er sich nicht Bewegung machte oder hustete, saß er der offenen Türe gegenüber an einem Tische und verfertigte allerlei schreckliche Figuren aus Pappe, mit denen er den Kindern ihre paar Pfennige aus der Tasche zu locken gedachte.

Wie sich erwarten ließ, hatte ich kaum dreimal heftig gehustet, als die Nebentüre aufgestoßen ward, und eine rauhe Stimme rief:

Was ist das hier für ein verteufelter Lärm? Werden Sie wohl auf der Stelle Ihr greuliches Gekrächze lassen, oder –

Ich will gehen und nachsehen, wer es ist, hörte ich eine sanfte Stimme sagen, und Luttra Blake kam auf den Flur hinaus. Ich wußte, daß sie es war, noch ehe sie sich der Türe genähert hatte; aufzusehen wagte ich nicht in diesem für mich so wichtigen Augenblick, im Gegenteil, ich beugte mich nur noch tiefer über meine Arbeit.

Sie haben einen schrecklichen Husten, redete sie mich in freundlich teilnehmendem Tone an, gibt es kein Mittel dagegen?

Ich schob meine Arbeit zurück, fuhr mit der Hand über die Augen und blickte auf. Nein, sagte ich kopfschüttelnd, aber er ist nicht immer so schlimm. Entschuldigen Sie, Fräulein, wenn es Sie belästigt.

Sie nahm das Tuch ab, das sie dicht über den Kopf gezogen hatte und näherte sich mir mit leichtem, geräuschlosem Schritt. Mich stört Ihr Husten nicht, aber mein Vater ist zuweilen ein wenig barsch. Wenn er Sie rauh anlassen sollte, so kehren Sie sich nicht daran. Es tut mir leid, daß Sie so krank sind.

Als sie so vor mir stand in dem dunklen Kleide und dem groben Tuch, das Haar einfach geflochten, ohne Schmuck und Zier, lag doch etwas in ihrem Blick und Wesen, das mehr als alle Schönheit zum Herzen sprach.

Sie sind sehr, sehr gütig, ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl, murmelte ich, halb beschämt über meine Verkleidung, die ich doch nur zum Zweck ihrer Rettung trug. Aus dem Nebenzimmer ließ sich ein ungeduldiges Brummen hören, und ich bat sie, zurückzugehen, aus Furcht, der Mann möchte seinen Zorn an ihr auslassen.

Sogleich, versetzte sie, aber sagen Sie mir erst, was Sie da machen.

Das tat ich und ließ dabei mancherlei Andeutungen über meine Persönlichkeit mit einfließen, welche durch sie an ihren Vater gelangen sollten. Sie hörte mir teilnehmend zu, und mehr als einmal sah ich, wie ihre dunklen Augen, von denen ich schon soviel gehört hatte, sich mit Tränen füllten, die teils mir unwürdigem Heuchler, teils ihrem eigenen geheimen Kummer galten. Immer drohender klang jetzt das Brummen des Alten zu uns herüber. Kümmern Sie sich nicht darum, sagte sie im Davoneilen; meine Verwandten machen selbst oft Lärm genug, Sie werden das ohne Zweifel gleich heute abend zu hören bekommen.

Nachdem so die einleitenden Schritte getan waren, begab ich mich doch nicht sogleich an die Ausführung meines Plans, sondern ließ mehrere Tage verstreichen, um mich erst, so gut es ging, mit den Gewohnheiten der verwegenen Menschen bekannt zu machen. Es galt ja nicht nur Herrn

Blakes Gattin vor ihrer Wut zu schützen, sondern auch bei der Gefangennahme der beiden baumstarken und wohlbewaffneten Schurken jedes öffentliche Aufsehen zu vermeiden. Mehr durch List als durch Gewalt mußte ich also mein Ziel zu erreichen trachten und mit der größten Sachkenntnis und Umsicht zu Werke gehen, wollte ich zu einem günstigen Ausgang gelangen.

Nach Ablauf von drei Tagen hatte ich etwa folgende Tatsachen ermittelt: Erstens: Das Mädchen wurde nie allein gelassen, wie die Wirtin ganz richtig behauptet hatte; entweder blieb der Vater oder der Sohn bei ihr.

Zweitens: Obgleich man sie so ängstlich bewahrte, ließ man ihr doch die Freiheit, im Flur auf- und abzugehen, wenn auch nur auf kurze Zeit.

Drittens: Das rote Kreuz schien in einer geheimen Beziehung zur Anwesenheit der Männer im Hause zu stehen, denn es wurde eines Abends fortgewischt, als beide mit dem Mädchen ausgegangen waren, und erschien eine Stunde später wieder an der Tür, als Vater und Tochter allein zurückkehrten.

Viertens: Der Vater machte die nötigen Einkäufe, und der Sohn übernahm offenbar die etwaigen Handstreiche, welche sie vorhatten. Ersterer ging meist gegen Abend, letzterer nicht vor Mitternacht aus. Doch geschah es häufig, daß der Sohn sich am Nachmittag auf kurze Zeit entfernte, wahrscheinlich um in der Schenke einen Trunk zu tun, den er nicht entbehren konnte.

Fünftens: Es waren Leute von großer Körperkraft aber wenig Gewandtheit; ihr Rücken und ihre Schultern hatten eine furchtbare Breite, aber in den Bewegungen waren sie schwerfällig und unbeholfen.

Als mit Hilfe dieser Ermittelungen mein Angriffsplan endlich zur Reife gediehen war, sah ich mich genötigt, so schwer es mir ankam, meinen Beobachterposten auf kurze Zeit zu verlassen, um mich ins Polizeibureau zu begeben.

Ich legte die Pappfiguren, welche ich während der letzten Tage verfertigt hatte, in ein Körbchen und begann dabei so heftig zu husten, daß der Mann im Nebenzimmer laute Verwünschungen ausstieß, und Luttra mit teilnahmvollem Blick an der Türe erschien und sich mir näherte.

Komm' zurück, schrie der Vater, was hast du immer mit dem krächzenden Halunken zu schwatzen? Der Alte trat auf den Flur und sah uns mit bitterbösen Blicken an.

Was treibt ihr zusammen, und was ist in dem Korbe da? fragte er ingrimmig.

Nur kleine Spielsachen, die er verkaufen will, gab sie leise zur Antwort.

Weiter nichts?

Nein, das ist alles, verlaß dich darauf.

Gnade dir Gott, wenn etwas dahinter steckt, sagte er, ihr die schwere Hand auf die Schulter legend, und führte sie ins Nebenzimmer zurück.

Ich zögerte noch eine Weile, dann schleppte ich mich mit schwachen, wankenden Schritten die Treppe hinunter und begab mich geradeswegs zu Gryce.

Dieser war hocherfreut über meine Mitteilungen. Das Schicksal scheint Sie in diesem Falle zu begünstigen, sagte er; ich bin unterdessen nicht imstande gewesen, auch nur die kleinste Spur zu entdecken. Heute morgen war Herr Blake bei mir; ich sage Ihnen, er wird es an Dankbarkeit nicht fehlen lassen, wenn die Sache zu einem befriedigenden Abschluß kommt.

Ich schlug Gryce vor, Herrn Blake wissen zu lassen, daß wir den Aufenthalt seiner Frau entdeckt hätten, und sie unter unserem Schutze sei. Auch bat ich ihn, mir für den Notfall einige unverfängliche Zeilen in französischer Sprache von Frau Daniels Hand zu verschaffen, natürlich ohne Namen und Unterschrift. Die Haushälterin sollte darin ihrem Glauben an Herrn Blakes Zuneigung für seine Gattin Ausdruck geben, damit letztere Vertrauen zu uns fassen könne. Hing doch das Gelingen meines Vorhabens zum großen Teil davon ab, daß sie sich meinen Anordnungen fügte.

Nachdem Gryce versprochen hatte, mir das gewünschte Billet bis zu einer bestimmten Stunde zu schicken, teilte ich ihm noch die anderen Einzelheiten meines Planes mit und hatte die Genugtuung, daß er sich mit meinen Vorschlägen völlig einverstanden erklärte.

Wir wollen von Herzen hoffen, daß uns der Fang glückt, fügte Gryce hinzu, ich wenigstens werde mein möglichstes tun, um Ihnen zu einem Erfolg zu verhelfen, an den Sie Ihr Lebenlang mit Stolz und Freude zurückdenken können.



Siebzehntes Kapitel.

Am andern Morgen zur bestimmten Zeit steckte mir die Wirtin verstohlen das kleine Billet zu, welches mir Gryce versprochen hatte. Der Wortlaut war ganz unverfänglich, und ich behielt es bei mir, um die erste Gelegenheit zu benützen, es Luttra Blake in die Hände zu spielen.

Eine Stunde nach der andern verging; ich vernahm aus dem Nebenzimmer nur von Zeit zu Zeit einige abgerissene Worte, die zwischen Vater und Sohn gewechselt wurden, einen kurzen Befehl an die Tochter oder einen derben Fluch aus dem Munde des einen oder anderen der rohen Gesellen, wenn etwas sie in ihrer Ruhe störte.

Endlich konnte ich meine Ungeduld nicht länger zähmen. Ich faßte einen kühnen Entschluß, nahm den Brief in die Hand und klopfte an die Türe mit dem seltsamen roten Kreuz.

Drinnen wurden Ausrufe der Ueberraschung und des Unwillens laut, und ich hörte, wie die beiden Männer wild aufsprangen, doch das schreckte mich nicht von meinem waghalsigen Unternehmen zurück. Aeußerlich ruhig, wenn auch nicht ohne inneres Beben, stand ich dem Mädchen gegenüber, welches die Tür öffnete und mir bleich vor Schrecken entgegentrat.

Ach, Fräulein, stotterte ich verlegen, ich bitte um Entschuldigung, aber ich habe heute einen Brief erhalten, und ich alter Mann mit meinen schwachen Augen kann die Schrift nicht entziffern. Er kommt von einem guten Freunde. Möchten Sie wohl so gefällig sein, ihn mir vorzulesen, es wäre mir eine große Beruhigung.

Gewiß, sehr gern, wenn ich kann, sagte sie und nahm das Papier.

Erst will ich es sehen, ließ sich jetzt eine grobe Stimme hinter ihr vernehmen, und der ältere Schönmaker riß ihr heftig den Zettel aus der Hand. Verdammt, ich kann das nicht verstehen, es ist wohl französisch, rief er voll Ingrimm.

Dann gab er es seiner Tochter und sagte: Lies es, und erkläre uns, was es bedeutet, es darf hier nichts vorgehen, was ich nicht verstehe.

Bitte, sagte ich, lesen Sie mir doch das Billet geschwind vor, damit ich weiß, was mein Freund mir zu sagen hat.

Sie nickte freundlich, überflog die Zeilen und begann zu lesen:


»Calmez-vous, mon amie, il vous aime et il vous cherche. Dans quatre heures vous serez heureuse. Allons, du courage et surtout soyez maitresse de vous-même.«2


Besten Dank, sagte ich in ruhigem Geschäftstone, als ich sah, daß sie plötzlich zu zittern anfing.

Offenbar hatte sie die Handschrift erkannt und wußte, daß die Worte für sie bestimmt waren. Dann wandte ich mich mit größter Unbefangenheit zu den beiden wildblickenden Gesellen, welche ihr über die Schulter sahen, und sagte: Also, mein Freund will meine Wochenrechnung bezahlen, und bittet mich, zu Hause zu sein, um ihn zu erwarten.

Steht das wirklich da auf dem Zettel? fragte der Alte, auf das Papier deutend.

Ich will es euch Wort für Wort übersetzen, erwiderte sie, sich gewaltsam zusammenraffend, mit bleichen Lippen. Nur in ihren Augen leuchtete dann und wann ein verräterisches Entzücken auf. – »Calmez-vous, mon amie, sei unbesorgt mein Freund! Il vous aime et il vous cherche, er liebt dich und sucht nach dir. Dans quatre heures vous serez heureuse, in vier Stunden wirst du glücklich sein. Allons, du courage et surtout soyez maitresse de vous-même, fasse nur Mut, und vor allem bewahre deine Selbstbeherrschung.« – Das ist die französische Art, sich auszudrücken. Es freut mich, daß Ihr Freund die Absicht hat, Ihnen zu helfen, fuhr sie fort, indem sie mir den Brief lächelnd zurückgab, ich fürchte, Sie haben es sehr nötig.

Durch diese Bemerkung bestätigte sie auf die natürlichste Weise den Sinn, welche ich den verlesenen Worten gegeben hatte. Mir fiel eine wahre Zentnerlast vom Herzen, ich stammelte meinen Dank und zog mich wieder in mein Zimmer zurück.

Nun zählte ich ängstlich die Minuten, denn ich rechnete darauf, daß sie ihrerseits einen Versuch machen werde, mit mir in Verbindung zu treten, um sich Gewißheit zu verschaffen, was sie zu hoffen oder zu fürchten habe. Nach einer Stunde bangen Harrens ging, was ich erwartete, endlich in Erfüllung. Sie kam in den Flur hinaus und eilte, den Finger auf den Lippen, an meiner Türe vorbei. Rasch trat ich auf die Schwelle und steckte ihr, als sie wieder zurückkam, ein Papier in die Hand, das ich schon für die Gelegenheit vorbereitet hatte. Wir wechselten kein Wort, und ich nahm meine gewohnte Beschäftigung wieder auf. Was ich geschrieben hatte war folgendes:

»Sobald Ihr Bruder ausgegangen ist, kommen Sie in mein Zimmer. Ziehen Sie einen zweiten Rock über den Ihrigen und bringen Sie Ihren Shawl mit. Diesen Rock und Shawl lassen Sie hier zurück und verfügen sich sogleich in die obere Dachstube. Sprechen Sie kein Wort und befolgen Sie diese Anweisung genau. Ihr Vater und Ihr Bruder werden unter allen Umständen festgenommen werden; falls Sie aber tun, was man von Ihnen verlangt, kann die Verhaftung ohne Blutvergießen erfolgen, und ohne daß einer Person, die Sie kennen, Schmach und Schande daraus erwächst.«

Während sie diese Zeilen las, malte sich die heftigste Gemütsbewegung in ihren Zügen, sie ließ das Papier aus der Hand gleiten und warf mir einen flehenden Blick zu. Ich aber deutete mit der größten Entschiedenheit auf das Blatt am Boden. Da senkte sie das Haupt und legte mit kummervoller Gebärde die Hand auf das Herz. Sobald sie sich wieder zurückgezogen hatte, hob ich das Papier auf und steckte es ein.

Zum erstenmal, seit ich dies Zimmer bewohnte, schloß ich jetzt meine Türe. Es galt, meine Verkleidung abzulegen; der arme französische Künstler hatte seine Rolle ausgespielt und mußte sich wieder in den Detektiv O. verwandeln.

Kurz vor zwei Uhr langten meine Helfer an. Zuerst erschien Gryce auf der Szene und wurde in einem großen, leeren Zimmer neben dem meinigen untergebracht, wo bald zwei der gewandtesten und stärksten Leute aus der Polizeimannschaft zu ihm stießen. Da sie die Vorsicht gebraucht hatten, unten auf der Treppe die Stiefel auszuziehen, gelangten sie unbehelligt in ihr Versteck. Die Wirtin kam zuletzt und begab sich in die obere Dachstube, wo sie Luttra Blake empfangen sollte, nachdem diese die Kleidungsstücke, deren ich bedurfte, bei mir zurückgelassen hatte.

Alles war nun bereit, und ich wartete auf den Moment, daß der jüngere Schönmaker ausgehen werde. Es hatte noch nicht lange zwei Uhr geschlagen, als ich seinen schleppenden Gang im Hausflur hörte; er blieb stehen, zündete sich die Pfeife an und ging dann mit schwerem Tritt die Treppe hinunter. Ich öffnete nun meine Türe und zog mich in die äußerste Ecke des Zimmers zurück. Gleich darauf erschien Luttra Blake, legte den Kleiderrock und Shawl, in welchem sie zuletzt von ihrem Vater gesehen worden, bei mir ab und begab sich dann, wie verabredet, in die Dachstube hinauf. Ich kleidete mich schnell in ihre Sachen, zog den Shawl weit über den Kopf und ging dreist in das Zimmer hinein, aus welchem sie soeben herausgekommen war. Das Taschentuch hielt ich mir vor das Gesicht, was um so natürlicher schien, da ich in diesem Augenblick einen starken Anfall von Niesen bekam.

Der alte Schönmaker lehnte bequem auf einer Bank und beachtete mich nicht weiter. Ich nahm auf einem Schemel am Fenster Platz und überlegte, daß es unmöglich sein werde, ihn zu überraschen, wenn er mit dem Gesicht nach der Türe zu sitzen blieb. Wollten wir den großen muskelstarken Mann ohne Widerstand überwältigen, so galt es rasch zu handeln, denn schon glaubte ich Gryce mit seinen Gefährten im Hausgang herbeischleichen zu hören. Ich stieß einen unterdrückten Schrei der Ueberraschung aus und preßte mein Gesicht gegen die Scheiben, als ob unten auf der Straße etwas Interessantes vorginge.

Was gibt's wieder, rief der Alte, zornig aufspringend, was siehst du da? Gerade, als er neben mir stand, öffneten Gryce und seine Leute die Türe. Mit einem raschen Sprung hatte sie ihn erreicht, sie umklammerten seine Arme und hielten ihn so kräftig, daß er sich trotz der verzweifeltsten Gegenwehr ihrer nicht entledigen konnte.

Nur das Mädel ist schuld daran, schrie er mit einem wilden Fluch: warte nur, bis ich eine Hand für dich frei habe. – Verdammt, rief er plötzlich und zog mit Riesenstärke die drei Männer bis zu meinem Sitz. Geh' und wische das Zeichen von der Türe, raunte er mir drohend zu, sonst soll dich gleich–

Ich erhob mich, noch immer mit abgewandtem Gesicht, und tat ihm den Willen. Sobald ich aber sah, daß er fest geknebelt und gebunden war, nahm ich die rote Kreide aus der Tasche und malte das Kreuz wieder auf die Türe.

Der gefesselte Riese wurde in das anstoßende Zimmer geschafft, welches Luttra Blake früher bewohnt hatte und wo sich auch Gryce mit seinen Leuten verbarg. Ich nahm meinen Platz am Fenster wieder ein, denn es galt nun, den zweiten Schurken auf gleiche Weise zu fangen.

Eine endlose halbe Stunde verging. So lange war er noch niemals fortgeblieben. Jetzt endlich ließ sich sein Schritt auf dem Flur vernehmen. Mit einem Faustschlag stieß er die Türe auf, doch ich wandte den Kopf nicht nach ihm um.

Wo ist der Vater? fragte er barsch, den Stock auf den Boden stoßend. – Keine Antwort.

Was starrst du da zum Fenster hinaus wie verrückt? Hast du die Sprache verloren? Wart, ich will dir die Zunge lösen.

Ich schwieg noch immer und winkte mit der Hand nach unten, als ob ich jemand ein Zeichen gäbe. Mit einem Fluch, der mir noch in den Ohren gellt, sprang er auf mich zu und erhob seinen schweren Stock. Da ereilte auch ihn das Verhängnis von der Hand des wachsamen Detektivs, doch nicht, bevor mich sein wuchtiger Schlag zu Boden geschmettert hatte. Noch heutigen Tages leide ich an den Folgen dieses Mißgeschicks; der rasende Kopfschmerz, der mich zuweilen befällt, stammt davon her.

Der Ausgang war jedoch nicht schlimmer, als ich von Anfang an gefürchtet hatte. Ich wußte, daß ich ein großes Wagnis unternahm und hatte auch die Verkleidung hauptsächlich angelegt, um Frau Blake vor den Wutausbrüchen jener Menschen zu schützen. Sobald ich konnte, raffte ich mich wieder auf und warf die Frauenkleider ab, um das Werk zu Ende zu führen, welches so erfolgreich begonnen worden war.



Achtzehntes Kapitel.

Wir ließen die Polizisten, welche uns bei der Verhaftung der gefährlichen Verbrecher beigestanden, vor der Türe Wache halten und nahmen unseren Gefangenen gegenüber Platz.

Ohne weitere Vorbereitungen teilte ich ihnen mit, daß es in ihrer Hand läge, ihr Schicksal wesentlich zu verbessern oder zu verschlimmern. Ins Gefängnis, aus dem sie entflohen seien, müßten sie auf jeden Fall zurückwandern, aber wenn sie nicht auf die Bedingungen eingehen wollten, welche wir ihnen stellen würden, so könnte es ihnen leicht an den Hals gehen.

Der jüngere Schönmaker brach in ein rohes Gelächter aus; seine wilden Reden verrieten zur Genüge, daß er darauf rechne, Herr Blake, sein vornehmer Schwager, werde ihnen aus der Patsche helfen, um sich die Schande zu ersparen, den Vater und Bruder seiner Frau den Gerichten auszuliefern.

Dagegen versicherte ich ihm, daß, wenn je eine Menschenseele ein Wort von dieser Verwandtschaft erführe, Dinge zur Sprache kommen würden über ihr Tun und Treiben in dem alten Hause, welche sie wohl auf ewig in Nacht und Dunkel begraben wähnten. Zur Bekräftigung meiner Rede zog ich den Ring hervor, den ich damals in der Asche des Küchenherdes gefunden, wo sie ihre Sträflingskleider verbrannt hatten.

Sie fuhren zusammen, wurden totenblaß, und aus ihren Mienen verschwand der Ausdruck von Frechheit und Trotz. Die Wirkung übertraf meine Hoffnungen bei weitem. Wenn ich von dem Ring Gebrauch machen will, so ist euer Leben verwirkt, sagte ich. Wir kennen auch den Abgrund, der in der Nähe jenes Hauses abstürzt, und der Hausierer – –

Was reden Sie von längst verjährten Geschichten, fiel mir der Alte ins Wort. Nennen Sie Ihre Bedingungen, und wir wollen versprechen, über alles zu schweigen, wovon nicht geschwatzt werden soll.

Gut, so hört denn, ließ Gryce sich vernehmen. Ihr geht zurück ins Gefängnis und sitzt eure Strafe ab, daran ist nichts zu ändern. Solange ihr unverbrüchlich schweigt über die Verwandtschaft mit Herrn Blake, wird in eine gewisse Bank monatlich eine Summe eingezahlt werden, welche ihr nebst den angesammelten Zinsen bei eurer Freilassung erhalten sollt. Ich bin ermächtigt, dies im Auftrag jenes Herrn zu versprechen. Stellt sich aber jemals heraus, daß ihr euer Wort gebrochen habt, und irgendein Mensch durch euch erfährt, daß Frau Blake eure Verwandte ist, so hört nicht nur das Geld auf in die Bank zu fließen, sondern es sollen auch mancherlei alte Rechnungen hervorgesucht und eure Schulden mit solchem Eifer eingetrieben werden, daß es nicht schwer halten wird, euch auf andere Weise stumm zu machen, wenn ihr nicht von selbst schweigen wollt.

Der Eindruck, den diese Worte auf die Gefangenen machten, war nicht zu verkennen. Vater und Sohn wechselten einen Blick des Einverständnisses und gaben dann das verlangte Versprechen, wogegen auch wir gelobten, daß die Zusage, welche wir in Herrn Blakes Namen gegeben hatten, unverbrüchlich gehalten werden solle.

Hierauf rief Gryce seine Leute herein, die erforderlichen Anstalten wurden getroffen, und die Verbrecher in aller Stille aus dem Hause und in sicheres Gewahrsam gebracht.

Gleich nachher spielte sich in der oberen Dachstube ein anderer Auftritt ab. Wir hatten Herrn Blake von der glücklich erfolgten Verhaftung der Missetäter benachrichtigt, und er war ungesäumt herbeigeeilt, um die so lange und schmerzlich gesuchte Gattin wiederzusehen. Ich geleitete ihn nach oben, wo Luttra in namenloser Angst gewartet hatte, welche Wendung die Ereignisse nehmen würden. Jetzt hörte sie einen Schritt, die Türe ward geöffnet, auf der Schwelle stand Herr Blake und breitete die Arme aus, um die Wiedergefundene an sein Herz zu ziehen. Vergib, murmelte er, ich habe mich schwer gegen dich vergangen, kannst du mir verzeihen?

Ein glückseliges Lächeln strahlte in ihren Zügen, aber sie ergriff die dargebotene Hand nicht.

Luttra, fuhr ihr Gatte fort, ich komme, dir mein Leben und meine Liebe auf immer zu weihen. Dies Jahr hat mich gelehrt, den Wert derjenigen zu erkennen, die ich an unserm Hochzeitstage schnöde von mir stieß. Vergib dem Reuigen, der seine Schuld erkennt, und kehre zurück, um den Platz, der dir gebührt, in meinem Hause und in meinem Herzen einzunehmen.

Mit beseligtem Lächeln senkte sie den Blick. Nun mag kommen was da will, flüsterte sie, ich kann nie wieder unglücklich sein.

Dann sah sie zu ihm auf, und in ihrem Wesen ging eine große Veränderung vor. Dank, tausend Dank für deine Güte, sagte sie, glaube mir, ich weiß sie zu schätzen. Aber dein Edelmut darf dich nicht verleiten, zu tun, was du bis zu deiner Todesstunde bereuen würdest. Du möchtest mich als deine Frau an dein Herz schließen – weißt du auch, was das bedeutet?

Gewiß, Luttra, war seine feurige Antwort, die Befriedigung all meines Sehnens und Verlangens.

Um ihren Mund zuckte es schmerzlich. Es brächte Schmach und Schande über den unbefleckten Ruf einer stolzen Familie; die Vergangenheit müßten wir verhüllen, denn der Schatten des Verbrechens fällt darauf, vor der Zukunft würde uns grauen, sie zeigt uns dunkle Gefängnismauern. Die Namen, welche dem Menschen die teuersten sind, könnten wir nie ohne Erröten aussprechen.

Luttra, dein Vater und dein Bruder haben eingewilligt, sich gänzlich von dir loszusagen. Kannst du auch nicht vergessen, daß dich Bande des Bluts an jene Elenden knüpfen, so wird doch der Schatten, der auf deiner Herkunft liegt, nie den Frieden des Hauses stören, das dich als seine geliebte Herrin empfängt. Die Welt soll es nicht erfahren, daß Luttra Blake jemals Luttra Schönmaker war und du wirst dem Namen, den ich dir gegeben habe, stets Ehre machen.

Ich liebe dich, gestand sie mit sanftem Lächeln, aber das macht mich stark, dir zu widerstehen. Vor elf Monaten habe ich dich verlassen, weil es mein Wohl und meine Würde verlangte, heute weise ich das Glück von mir, das du mir bietest, weil es für deine Ruhe und deine Stellung in der Welt notwendig ist.

Aber, Luttra, glaube mir, jede Verbindung mit deinen verbrecherischen Verwandten ist unwiderruflich abgeschnitten, sie sind tot für dich, als hätte sie das Grab verschlungen.

Solche Bande sind nicht leicht zu lösen; Vater und Bruder haben mich einmal gefunden und können wieder Macht über mich gewinnen. Und wenn auch – die Schande bleibt bestehen und weil ich dich liebe, muß ich sie allein tragen.



Neunzehntes Kapitel.

Entschlossen, nichts unversucht zu lassen, um Luttras Widerstand zu besiegen, wollte Herr Blake eben aufs neue in sie dringen, den Wunsch seines Herzens zu erfüllen, da ging die Türe auf, und Frau Daniels trat hastig ein. Ihr folgte eine dicht verschleierte Dame, die der Gestalt und Haltung nach keine andere sein konnte, als die Gräfin de Mirac.

Frau Daniels! rief Luttra, der Haushälterin überrascht und erfreut die Hand reichend, welche diese gerührt ergriff.

Meine liebe, gütige Herrin, sehe ich Sie endlich wieder!

Sie haben meinetwegen viel Angst ausgestanden, aber das konnte ich nicht vermeiden, wie schwer es mir auch fiel, Sie ohne Nachricht zu lassen. Ich mußte sonst fürchten, eine Gefahr heraufzubeschwören, welche abzuwenden ich damals dies Haus verließ. Das Leben und Eigentum Ihres Herrn war bedroht, Frau Daniels.

Wie, was höre ich – rief Herr Blake, bist du ihnen nur gefolgt, um mich zu retten?

Was hätte mich sonst dazu bewegen können? Mich mochten sie immerhin töten, was lag daran – aber als sie Drohungen gegen dich ausstießen –

Frau Daniels deutete jetzt auf eine Narbe an dem weißen Arm der jungen Frau. Woher kommt das? fragte sie, ich habe dieses Mal nie zuvor bemerkt.

In jener Nacht, erwiderte Luttra mit leichtem Erröten, habe ich mir die kleine Wunde beibringen müssen; es war nicht der Rede wert.

Doch, Luttra, sagte ihr Gatte nähertretend, du bist uns noch mancherlei Aufschluß schuldig. Ich möchte nicht nur wissen, wie dies geschehen ist, sondern wie sich überhaupt damals alles zugetragen hat. Wie kamen sie dazu, deinen Zufluchtsort zu entdecken?

Ich glaube, erwiderte sie mit tiefer Bewegung, sie waren ursprünglich nicht in dein Haus eingebrochen, um mich zu suchen. Sie hatten gehört, du seiest ein reicher Mann, und die Leiter, welche am Anbau lehnte, schien ihnen zu verführerisch. Einige Tage, ehe sie den Raub wagten, hatten sie ein Zimmer deinem Hause gegenüber gemietet. Das Geld war ihnen ausgegangen und erst später entschloß sich mein Bruder, die Stadt zu verlassen, um die Summe herbeizuholen, die sie in dem Keller ihres früheren Hauses in Vermont vergraben hatten. Sie erkletterten das Dach des Anbaues, mein Fenster war nur durch einen Rollvorhang verhüllt, da ich es stets öffne, wenn ich schlafen gehe. Als sie den Vorhang lüfteten, sahen sie mich zu ihrer Ueberraschung an der Kommode stehen und mein Haar ordnen. Schnell gaben sie sich mir durch ein geheimes Zeichen zu erkennen, an das ich mich nur allzuwohl erinnerte, und flüsterten mir zu, ich möge das Licht auslöschen, damit sie sicher zum Fenster hereinsteigen könnten. Im ersten Schrecken tat ich, was sie verlangten, ohne an die Folgen zu denken. Sobald sie im Zimmer waren, äußerten sie ihre Befriedigung, mich gefunden zu haben und teilten mir zu meinem Entsetzen mit, daß sie hier warten würden, bis alles im Hause fest schliefe, dann solle ich ihnen zeigen, wo Herr Blake sein Silberzeug aufbewahre oder wo sein Geldschrank stehe, was ihnen noch lieber sei. Ich sah, daß sie mich bei der schlechten Beleuchtung für eine Dienerin hielten und ließ sie auch zuerst bei diesem Glauben. Als sie aber erzürnt über meine Weigerung, ihnen zu helfen, mich wütend beiseite stießen, um auf eigene Faust die Missetat zu begehen, vergaß ich in meiner Angst die nötige Klugheit; ich vertrat ihnen den Weg und beschwor sie, niemand ein Leid zu tun, da dies das Haus meines Gatten sei. Die Entdeckung war ihnen von großer Wichtigkeit und sie bestürmten mich mit Fragen, bis die ganze Wahrheit an den Tag kam. Zu spät erkannte ich, wie töricht es gewesen war, sie in mein Vertrauen zu ziehen. Es leuchtete ihnen sofort ein, daß sie sich mein Verhältnis zu dem reichen Manne zunutze machen könnten, um Geld von ihm zu erpressen. Als ich mich ihrem Verlangen, das Haus mit ihnen zu verlassen, widersetzte und mit Entdeckung ihrer Pläne drohte, wollten sie mich mit Gewalt fortschleppen, dabei ward ein Stuhl umgeworfen und der Vorhang zerrissen, an den ich mich festklammerte; auch ritzte ich mir den Arm mit dem Messer, um ihnen zu beweisen, daß ich für meine Person keine Gefahr fürchte und mich nicht einschüchtern lasse.

Da sie einsahen, daß sie auf diese Weise nichts ausrichteten, versuchten sie es mit andern Drohungen, und in der Angst, sie möchten sich an einem mir teuern Leben vergreifen, ging ich endlich auf ihre Pläne ein. Ich raffte einige Gegenstände zusammen, die kostbarsten, welche ich besaß, meinen Ehering und dein Bildnis, welches mir Frau Daniels geschenkt hatte, nahm Mantel und Hut und erklärte mich bereit ihnen zu folgen. – Hätte ich Ihnen auch damals geöffnet, Frau Daniels, als Sie an meine Türe klopften, oder um Hilfe gerufen und das ganze Haus erweckt – was würde es genützt haben? Mein streng bewahrtes Geheimnis wäre jedenfalls ans Licht gekommen, und ich wollte weder das Leben meines Gatten aufs Spiel setzen, noch meine nächsten Blutsverwandten verraten.

Der Weg durch das Fenster und die hohe Leiter hinab bot mir verhältnismäßig nur geringe Schwierigkeit, an dergleichen hatten sie mich von Kindheit auf gewöhnt. Aber furchtbar war mir das Verlassen meines stillen, friedlichen Lebens und die Rückkehr in eine Umgebung von Schuld und Verbrechen. Der Gedanke daran machte mich fast wahnsinnig und gab mir den Mut, noch einen Fluchtversuch zu wagen, als ich, auf der Straße angelangt, den Polizisten erblickte. Ich riß mich von meinem Bruder los und kam glücklich bis an das Gittertor; als ich dich jedoch von drinnen nach mir herausschauen sah, erschrak ich heftig und dachte an nichts anderes mehr, als dir zu verbergen, daß ich so lange unerkannt in deinem Hause gewohnt hatte. Warum du da warst und weshalb du mir nicht folgtest, wußte ich mir nicht zu erklären.

Die Pforte war verschlossen und ich wußte nicht, wie nahe mir die verschwundene Gattin gewesen, seufzte Herr Blake.

Am nächsten Morgen, fuhr Luttra fort, setzten sie mir ihre Absichten klar auseinander. Sie stellten mir frei, sogleich nach Hause zurückzukehren, wenn ich versprechen wollte, in ihrem Interesse verschiedene Forderungen bei dir vorzubringen, welche erfüllt werden müßten. Alles, was sie verlangten, sagten sie, sei eine hübsche, runde Summe, um damit für immer aus dem Lande verschwinden zu können. Sobald ich ihnen das Geld verschafft hätte, würden sie mich nie wieder behelligen. Natürlich dachte ich nicht daran, auf ihr Begehren einzugehen, und nun folgten für mich lange, qualvolle Wochen der Gefangenschaft. Jetzt endlich ist die Angst von mir genommen, und ich bin getrost, denn ich weiß, daß, wohin ich auch gehe, ich deiner Achtung und Teilnahme gewiß bin.



Zwanzigstes Kapitel.

Und nach allem, was du für mich gelitten hast, glaubst du mir noch die Erfüllung meiner sehnlichen Bitte verweigern zu können? fragte Herr Blake mit liebevollem Vorwurf, als Luttra ihren Bericht geendet hatte. Wo bleibt da deine Treue und Hingebung?

Besser, ich bereite dir jetzt einen flüchtigen Schmerz, um dich vor jahrelanger Qual und Reue zu bewahren.

Du kennst mich nicht, Luttra; der Kummer, dich zu verlieren, würde mich bis zur Todesstunde begleiten.

Meine liebe, gütige Herrin, ergriff hier Frau Daniels mit sichtlicher Erregung das Wort, weigern Sie sich nicht länger, Ihrem Gemahl den Willen zu tun. Sie können nichts Besseres tun, als getrost zurückzukehren und die Pflichten zu erfüllen, für welche die Vorsehung Sie bestimmt hat. Beharren Sie dagegen bei Ihrem Vorsatz, so werden Sie viel Unglück über Herrn Blakes Haus bringen, was Gott verhüten möge.

Jetzt trat auch die Gräfin de Mirac hervor, die bisher abseits gestanden hatte; ihre Wangen waren bleich und ihre Stimme bebte. Machen Sie meinen Vetter glücklich, sagte sie, und die Glieder seiner Familie, zu welcher auch ich zähle, werden sich freuen, Sie als seine Gattin zu begrüßen und den Platz einnehmen zu sehen, der Ihnen von Rechts wegen gebührt und den seine Liebe Ihnen anweist.

Lieblich errötend legte Luttra ihre Hand in die dargebotene Rechte der schönen Frau. Dank, innigen Dank für Ihre Güte, murmelte sie, die stolze Erscheinung mit bewundernden Blicken betrachtend.

Und wollen Sie sich unseren vereinten Wünschen fügen?

Sie schlug die Augen nieder und schüttelte traurig das Haupt. Ich darf es nicht, flüsterte sie.

Frau Daniels, die unterdessen in steigender Aufregung dagestanden hatte, zog jetzt ein zusammengefaltetes Papier hervor.

Ich will Ihnen beweisen, sagte sie, daß ich die Wahrheit geredet habe und Sie Ihren Gatten auf das empfindlichste schädigen, wenn Sie darauf bestehen, ihn zu verlassen. Sicherlich werden Sie dann anderen Sinnes werden.

Das ist unmöglich, stammelte sie schmerzlich bewegt.

So muß ich denn den schweren Auftrag erfüllen, welchen ich übernommen habe, sagte die Haushälterin, Herrn Blake das Papier mit zitternder Hand überreichend.

Was ist das – rief dieser betroffen, meines Vaters Handschrift?

Es ist sein letzter Wille, den er in meinem Beisein niederschrieb, fuhr Frau Daniels fort. Ein Jahr lang sollte ich ihn geheim halten, und wenn nach Ablauf dieser Zeit seines Sohnes Gattin geliebt und geehrt als Herrin im Hause waltet, das Testament den Flammen übergeben. Sollte sie aber am Leben sein und doch nicht den ihr gebührenden Platz einnehmen, so befahl er mir, nach Jahresfrist seinen Sohn von den letzten Wünschen des sterbenden Vaters zu unterrichten, damit dieser sie unweigerlich erfülle.

Und Sie kennen den Inhalt dieser Schrift? fragte Blake.

Ich habe ihm den schwachen Arm gestützt, während er sein Vermächtnis niederschrieb, lautete die Antwort.

Luttra, wandte sich jetzt Blake in feierlichem Tone an seine Gattin, als ich dich bat, die Gefährtin meines Lebens und die Herrin meines Hauses zu sein, glaubte ich dir nicht nur meine Liebe, sondern auch meinen Reichtum zu Füßen zu legen. Aber dies Blatt belehrt mich eines Besseren. Die Erbschaft der Millionen, welche Abner Blake hinterlassen hat, fällt nicht seinem Sohn Holman, sondern seiner Schwiegertochter Luttra zu und ihr allein gebührt fortan die Herrschaft in seinem Hause.

O, wie ist das möglich, wie konnte er so etwas tun? rief sie, rasch das Papier überfliegend, das sie mit krampfhaft zitternden Händen hielt. Wußte er denn nicht, daß dies das größte Unrecht war, welches er mir zufügen konnte? – Und sollen so niedrige Rücksichten und Beweggründe den Abgrund überbrücken können, der uns beide trennt? fuhr sie mit glühendem Eifer fort, während alle Gefühle, die sie so lange in ihrem Herzen zurückgedrängt, mit leidenschaftlichem Erguß hervorströmten. Soll es von dem Besitz oder Gewinn eines Vermögens abhängen, ob sich zwei Menschen vereinigen dürfen, für die Liebe und Treue weit höhere Güter sind, als alle Schätze der Erde? – Nein, nein, liebend hat mich dein sterbender Vater an seine Brust gezogen und Liebe allein soll auch das Band sein, das uns zusammenbindet. Auf diesem geheiligten Boden sind wir eins und alles, was uns im Leben trennen sollte, ist überwunden.

Rasch entschlossen zerriß sie das Testament, das ihrer Hand entglitt; sie selbst aber sank beglückt an die Brust des Mannes, der seine Arme geöffnet hatte, sie zu umfangen.




Zwischen sieben und zwölf Uhr
Von Inspektor Byrd erzählt.



Hier!

Schon wieder ist durch ein Fenster im zweiten Stock eingestiegen worden! Man will auf der Stelle einen Geheimpolizisten haben. Gehen Sie nur schleunigst hin – Ost, dreiundsiebzigste Straße.

Ganz gut.

Clarke schickte sich zum Fortgehen an; im nächsten Augenblick jedoch hörte ich, wie Herr Gryce ihn zurückrief.

Es ist bei Herrn Winchester, wissen Sie; bei dem Bankier.

Clarke nickte und setzte sich wieder in Bewegung; allein ein unterdrückter Ausruf seines Chefs hielt ihn nochmals zurück.

Ich habe mich anders besonnen, sagte Gryce, den Papierstreifen zusammenfaltend, den er in der Hand hatte. Sie können sehen, was Halley für Sie zu tun hat. Ich will diese Sache in die Hand nehmen. Und indem er mir einen Blick zuwarf, der eine Aufforderung bedeutete, flüsterte er mir ins Ohr: Diese Notiz war von Herrn Winchesters eigener Hand und am Schlusse noch in aller Eile beigefügt: »Halten Sie die Sache geheim; schicken Sie Ihren verschwiegensten Mann«. Das weist auf etwas mehr hin, als auf einen gewöhnlichen Diebstahl.

Ich nickte, und damit war die Angelegenheit in meine Hände gelegt. Während ich zur Tür hinaustrat, kam einer meiner Kollegen eiligst herein.

Man hat sie, rief er.

Wen? ertönte es aus mehr als einem Munde.

Die Burschen, die im zweiten Stock durchs Fenster eingestiegen sind und ihren Fang gemacht haben, stets zur Zeit, wo die Familie bei Tische saß.

Ich hielt inne.

Wo habt ihr sie gefaßt? fragte ich.

In der zweiundzwanzigsten Straße.

Heute abend?

Es sind noch keine zwei Stunden her.

Ich blickte Herrn Gryce an. Er zog die Augenbrauen in eigentümlicher Weise hinauf, was ich mit einem kurzen Lächeln erwiderte. Im nächsten Augenblick befand ich mich auf der Straße.

Auf mein erstes Klingeln an dem mir bezeichneten Hause erschien Herr Winchester selbst. Er schien über meinen Anblick nicht erfreut zu sein; seine Züge erheiterten sich jedoch sofort, als ich ihm mit den Worten: »Sie haben nach einem Detektiv geschickt,« ruhig meinen Ausweis vorzeigte.

Allerdings, murmelte er; allein ich erwartete nicht – hier stockte er. Dieses Verhalten war mir nichts Neues; ich sehe eben offenbar nicht wie ein gewöhnlicher Detektiv aus. Ihr Name? fragte er, während er mich in ein kleines Empfangszimmer treten ließ.

Byrd, antwortete ich, und während ich den Ausdruck der Befriedigung, der über seine Züge glitt, da er mit einer raschen, aber scharfen Prüfung meines Gesichts und meiner Erscheinung zu Ende war, als ein Kompliment für mich auffaßte, richtete ich meinerseits auf ihn einen achtungsvollen aber ernst fragenden Blick.

Es ist hier ein Diebstahl begangen worden? fing ich an.

Er nickte, und ein Ausdruck der Sorge trat an die Stelle der Freundlichkeit, die soeben noch seine etwas finsteren Züge so angenehm erhellt hatte.

Fünfundzwanzigtausend Dollars an Wert, flüsterte er hastig, die Diamanten meiner Frau.

Ich stutzte; nicht sowohl über die Art und den Wert des entwendeten Gegenstands, als über die nicht wiederzugebende Art, in welcher der begüterte und einflußreiche Börsenmakler und Bankier diese Mitteilung machte. Wäre ihm all sein Geld genommen worden, sein Auge hätte sich nicht in finsterere Schatten hüllen können; und wären dabei noch sein persönlicher Stolz und seine Gefühle tief verletzt worden, er hätte seinem Ausdruck keine größere Schärfe zu verleihen vermocht, so sehr er sich auch bemühte, ihm einen geschäftsmäßigen Klang zu geben.

Ein schwerer Verlust, bemerkte ich. Wollen Sie mir die Einzelheiten des Vorfalls angeben, soweit sie Ihnen bekannt sind?

Er schüttelte den Kopf und machte eine leichte Handbewegung gegen die Treppe hin.

Ich möchte lieber, daß Sie diese aus den Erkundigungen entnehmen, die Sie nun anstellen werden, versetzte er. Meine Frau wird Ihnen sagen, was sie weiß, und außerdem ist ein Dienstmädchen da oder zwei, die vielleicht Angaben machen können. Ich möchte sonst mit niemand darüber sprechen, fügte er bei, während die Falte über seinen Brauen sich noch vertiefte, wenigstens jetzt nicht. Nur, und hier wurde seine Betonung ganz besonders eindringlich, merken Sie sich folgendes: Diese Diamanten müssen sich binnen achtundvierzig Stunden finden, einerlei, wer durch feste und entschiedene Verfolgung ihrer Spur leidet, oder was für Folgen sich daran knüpfen. Ich gedenke vor nichts Halt zu machen, wo es gilt, sie innerhalb der erwähnten Frist zurückzubekommen, und erwarte dasselbe von Ihnen. Sind sie bis Donnerstag abend zur Stelle – dabei zitterte die Hand, die er ausgestreckt hielt und an der sich die Finger krampfhaft zusammenkrümmten, sichtlich vor innerer Erregung – so erhalten Sie Freitag nachmittag von mir fünfhundert Dollars. Sind sie zur Stelle ohne Lärm, Aufsehen oder, dabei ließ er die Stimme noch mehr sinken, Belästigung für meine Frau, so werde ich die Summe auf tausend erhöhen. Ist das nicht anständig? schloß er, indem er einen leichteren Ton anzuschlagen versuchte, jedoch nicht eben mit besonderem Erfolg.

Sehr anständig, war meine kurze, aber ehrerbietige Entgegnung. Mein Interesse für den Fall war nun genügend geweckt, und ich wandte mich bereits der Türe zu, als er mich zurückhielt.

Noch einen Augenblick, sagte er. Ich habe mich bemüht, Ihr Urteil nicht durch meine eigenen Mutmaßungen oder Schlüsse zu beeinflussen. Aber wenn Sie die Sache untersucht haben und Sie zu irgendeiner festen Auffassung gelangt sind, möchte ich gerne etwas von Ihnen hören.

Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, meine Beobachtungen mit Ihnen zu besprechen, war meine Entgegnung, und da ich sah, daß er keine weiteren Bemerkungen zu machen habe, so schickte ich mich an, ihn nach oben zu begleiten.

Das Haus war prachtvoll ausgestattet und das Treppenhaus nicht am wenigsten. Im Hinaufgehen ruhte der Blick allenthalben auf den reichsten Holzschnitzarbeiten und Tapetenmustern. Auch an blinkendem Metall war kein Mangel, das durch tiefrote Glasscheiben fallendes Licht in üppige Glut getaucht wurde. Oben befand sich eine viereckige Diele, mit Divans ausgestattet und dicht mit Teppichen belegt. An einer Seite verhüllte eine halbzugezogene Portiere den Eingang zu einer Reihe von Räumen, die ebenso glänzend eingerichtet waren, wie das ganze übrige Haus, während sich an der andern eine geschlossene Tür befand, auf welche Herr Winchester zuschritt. Ich folgte ihm eilig, als ein junger Mann, der von oben herabkam, uns begegnete. Herr Winchester wandte sich sogleich um.

Gehst du aus? fragte er den jungen Mann in einem Tone, dem es zwar an verwandtschaftlicher Herzlichkeit fehlte, der aber doch die väterliche Autorität erkennen ließ.

Der stattliche, hübsche junge Mann hielt in einer eigentümlichen, zögernden Weise inne.

Und du? entgegnete er, indem er meine Gegenwart absichtlich übersah oder sie vielleicht auch wirklich nicht bemerkte, da ich mehrere Schritte von ihm entfernt und etwas im Schatten stand.

Wir müssen uns bei Smiths auf einige Augenblicke zeigen, gab Herr Winchester zurück.

Nein, ich gehe nicht aus, erklärte der junge Mann und begab sich nun wieder die Treppe hinauf.

Herrn Winchesters Auge folgte ihm. Nur auf einen Augenblick; aber für mich, gewohnt wie ich es bin, auch die kleinsten Einzelheiten in Wesen und Ausdrucksweise der Menschen zu beachten, lag in diesem Blick eine Sprache, die der Mutmaßung ein weites Feld eröffnete.

Ihr Sohn? forschte ich, näher zu ihm tretend.

Meiner Gattin Sohn, erwiderte er; und ohne mir Gelegenheit zu einer weiteren Frage zu lassen, öffnete er die vor ihm befindliche Tür und ließ mich eintreten.

Eine hochgewachsene elegante Frau mittleren Alters saß vor dem Spiegel und ließ eben von einem jungen weiblichen Wesen, das neben ihr auf dem Boden kniete, die letzte Hand anlegen an ihre reiche Toilette. Ein auffallendes Bild, und zwar nicht vermöge der Umgebung von Reichtum und Glanz, die sich ringsum bemerklich machte, sondern durch das Gepräge der beiden Gesichter, welche, obwohl von durchaus verschiedener Art und vielleicht den zwei entgegengesetzten Grenzgebieten der Gesellschaft angehörig, doch beide mehr durch die Stärke und Besonderheit ihres Ausdrucks auffielen, als durch den Zug von Unruhe und unterdrückter Besorgnis, der sie beide als im Banne eines einzigen, tiefen, finstern Gedankens stehend erscheinen ließ.

Die Jüngere bemerkte uns zuerst und erhob sich. Trotz ihrer niederen Stellung und trotz der Unterwürfigkeit, mit der sie ihrer Umgebung zu begegnen gewohnt war, lag in ihren Bewegungen die größte Anmut und ein gewisser Liebreiz in ihrem ganzen Wesen, Eigenschaften, die den Blick unwillkürlich zwangen, ihr zu folgen. Ich gestattete mir übrigens nicht lange dieses Vergnügen, denn im nächsten Augenblick hatte Frau Winchester unsere Gestalten im Spiegel erblickt, worauf sie sich mit einer gewissen kalten Hoheit erhob, die zu ihrer bedeutenden Gestalt und ihrer auffallenden, wenngleich reifen Schönheit trefflich stimmten, und langsamen Schrittes, voll Ruhe und sicherer Bestimmtheit, uns entgegentrat. Mochten ihre Empfindungen sein, welche sie immer wollten, so waren sie jedenfalls frei von der Heftigkeit und Schärfe, welche die ihres Gatten kennzeichneten. Aber waren sie weniger stark? Auf den ersten Blick kam es mir nicht so vor, beim zweiten war ich im Zweifel. Frau Winchester war mir bereits ein Rätsel.

Millicent – so redete ihr Gatte sie an – erlaube mir, dir hier einen jungen Mann von der Geheimpolizei vorzustellen. Sollen die Diamanten wieder zur Stelle geschafft werden, bevor die Woche um ist, so ist er der Mann dazu. Ich bitte dich, tue, was du kannst, um ihm die Orientierung über den Vorfall zu erleichtern. Er wünscht vielleicht mit den Dienstmädchen und mit – hier schweifte sein Blick zu dem jungen Mädchen hinüber, das, wie mir vorkam, unter seiner prüfenden Schärfe erbleichte – Philippa zu sprechen.

Philippa weiß nichts, schien der gleichgültige Seitenblick der Dame zu sagen; ihre Lippen bewegten sich jedoch nicht, auch sprach sie kein Wort, ehe er das Zimmer verlassen und die Türe hinter sich geschlossen hatte. Nun wandte sie sich mir zu und richtete auf mich zuerst einen gleichgültigen und dann einen aufmerksamen, forschenden Blick.

Man hat Ihnen gesagt, wie ich um meine Diamanten gekommen bin, bemerkte sie endlich.

Man erzählte auf dem Bureau, es sei jemand durch ein Fenster im zweiten Stock eingestiegen, solange Sie bei Tische waren.

Nicht bei Tische, verbesserte sie in wichtigem Tone. Ich lasse meine Schmuckschatulle nicht offen dastehen, wenn ich zu Tische nach unten gehe. Ich war dort im Empfangszimmer – Herr Winchester hatte mir sagen lassen, er wünsche mich auf einen Augenblick zu sehen – und da ich im Begriffe war, zu einer Abendgesellschaft zu gehen, so lagen meine Diamanten in ihrem Etui auf dem Kaminsims. Als ich zurückkam, stand das Etui wohl noch da, aber es waren keine Steine mehr darin. Sie waren während meiner Abwesenheit entwendet worden.

Ich blickte nach dem Kaminrand. Dort stand der offene Schmuckbehälter. Was brachte Sie auf den Gedanken, daß ein gewerbsmäßiger Dieb die Steine gestohlen habe? fragte ich, während mein Blick auf die Angeredete gerichtet war, meine Ohren dagegen das rasche, unwillkürliche Einziehen des Atems auffingen, welches das junge Mädchen bei dem letzten Satze ihrer Herrin hören ließ.

Das Fenster war offen; als ich wegging, war es geschlossen gewesen; und auf dem Pflaster unten vernahm man das Geräusch rasch sich entfernender Schritte. Ich hatte gerade noch Zeit, die Gestalten zweier Männer zu unterscheiden, die die Straße hinuntereilten. Sie wissen, daß in letzter Zeit eine Reihe von Diebstählen dieser Art vorgekommen ist.

Ich verbeugte mich, denn ihr herrisches Wesen schien dies schlechterdings zu fordern. Dann blickte ich auf Philippa. Sie stand mit halb abgewandtem Gesicht da und machte sich mit irgend etwas auf dem Tische zu schaffen; allein ihre anscheinende Gleichgültigkeit war erzwungen, und ihre Hand zitterte dergestalt, daß sie den Gegenstand, mit dem sie spielte, schnell fallen ließ und sich so drehte, daß sie ihn sowohl wie ihr Gesicht meinem Blick entzog.

Ich merkte mir dies und wandte meine Aufmerksamkeit wieder Frau Winchester zu.

Um welche Zeit war das? forschte ich.

Um sieben Uhr.

Spät für einen Diebstahl dieser Art.

Eine plötzliche tiefe Röte flammte auf der Wange der Dame auf.

Er war aber trotzdem von Erfolg begleitet, bemerkte sie.

Ohne mich um ihren Aerger zu kümmern, der seinen Grund in ihrem Hochmut und in der Empörung über meine kritisierende Bemerkung haben mochte, setzte ich meine Nachforschungen fort.

Und wie lange denken Sie, daß Sie unten geblieben sind, gnädige Frau?

So ungefähr fünf Minuten; sicherlich keine zehn.

Und das Fenster war geschlossen, als Sie das Zimmer verließen, und offen, als Sie zurückkamen?

Wie ich Ihnen sagte.

Ich blickte nach den Fenstern. Sie waren jetzt beide geschlossen und die Laden hinaufgezogen.

Darf ich bitten, mir zu zeigen, welches Fenster es war und wie weit es offenstand? fragte ich.

Es war das Fenster über dem Hauseingang und stand halb offen.

Ich trat sofort zu diesem Fenster.

Und der Laden? fragte ich, mich umwendend.

War – war herunter.

Sind Sie dessen ganz sicher, gnädige Frau?

Vollkommen. An dem Geräusch, das er machte, als ich die Tür öffnete, bemerkte ich, daß das Fenster offenstand.

So fiel Ihr erster Blick nicht auf den Kaminsims?

Nein, aber gleich mein zweiter, lautete die kalte Antwort. –

Diese große Dame hatte an ihrer Eigenschaft als Zeugin sichtlich keine Freude, trotz des schweren Verlustes, den sie erlitten, und trotz des Umstandes, daß die angestellte Untersuchung lediglich ihren Vorteil bezweckte. Ich durfte mich durch ihr Verhalten nicht abschrecken lassen, denn es war ein Verdacht in mir aufgestiegen, der mir die Ausdrucksweise und das Verhalten der Dame einigermaßen erklärlich erscheinen ließ.

Gnädige Frau, bemerkte ich, Ihr Verlust ist sehr groß, und es bedarf der raschesten und tatkräftigsten Anstrengungen seitens der Polizei, um ihn nicht zu einem bleibenden werden zu lassen. Ist es Ihnen nicht besonders aufgefallen – dabei schaute ich fest auf das junge Mädchen, das ich durch eine Veränderung meiner Stellung wieder in den Bereich meiner Blicke gebracht hatte – wie Gelegenheitsdiebe, die in solch gefährlicher und bemerkbarer Weise zu Werke gingen, gerade den richtigen Augenblick wissen konnten, um den gewagten Versuch zu machen, der so günstig für sie ausfiel? Diese Diebstähle, welche, wie Sie sagen, in letzter Zeit so häufig vorkamen, geschahen bis jetzt alle zu einer Zeit, wo man annehmen konnte, daß die Familie sich bei Tische befinde, während dieser sich gerade zu einer Stunde abspielte, wo man die Familie vernünftigerweise oben vermuten mußte. Außerdem brannte doch das Gas in diesem Zimmer, nicht wahr?

Jawohl.

So daß der Dieb, bis er das Vordach über dem Eingang erklettert hatte und in das Zimmer eingestiegen war, allen Grund zu der Annahme hatte, es befinde sich jemand darin, wofern er nicht irgendwie vom Gegenteil Kenntnis erhalten hatte?

Die Augen der Dame öffneten sich weit, und ein leichtes, spöttisches Lächeln trat auf ihre Lippen; aber ich beobachtete in diesem Augenblick nicht sie, sondern die junge Philippa.

Trotz ihrer offensichtlich untergebenen Stellung und ungeachtet ihrer augenblicklichen Gemütsverfassung, die ihr eher zur Zurückhaltung Anlaß gab, machte sie bei meinen Worten einen Schritt vorwärts, und ihr Mund öffnete sich, als wollte sie ein Wort in das Gespräch hineinwerfen. Ihre Miene zeigte in diesem Moment keine Spur ihrer früheren Unterwürfigkeit und Gleichgültigkeit mehr. Allein ein Augenblick der Ueberlegung genügte, um ihren leidenschaftlichen Anlauf zu dämpfen und unmittelbar darauf schlüpfte sie leise zum Zimmer hinaus, als ich mich zu Frau Winchester hinneigte und flüsterte:

Ersuchen Sie das Mädchen, draußen auf dem Vorplatz zu warten und veranlassen Sie sie, die Tür offen zu lassen! Ich habe keine Lust, irgend jemand, der meine letzte Bemerkung mit angehört hat, aus den Augen zu lassen, er mag so vertrauenswürdig sein als er will.

Frau Winchester schien überrascht und blickte mich mit einem Ausdruck an, wie sie ihn etwa gezeigt haben würde, falls ich sie gebeten hätte, eine Maus am Entschlüpfen aus unserer Sitzung zu verhindern.

Doch erfüllte sie meine Bitte und zwar in einer kalten, befehlenden Weise, welche bewies, daß, so brauchbar sie auch die gewandte, anmutige Zofe fand, sie doch keine wirkliche Zuneigung und keinerlei Teilnahme für dieselbe fühlte, außer soweit sie der Wertschätzung ihrer Dienste entsprang. War dies Frau Winchesters oder Philippas Schuld? Ich hatte keine Zeit, mir darüber ein Urteil zu bilden. Der Fügsamkeit der letzteren war vielleicht nicht allzuweit zu trauen, besonders wenn, wie ich vermutete, zwischen ihr und den Juwelendieben irgendeine Verbindung bestand; und so mußte ich denn, solange sie sich noch unter meinen Augen befand, die durch den Ernst der Lage offenbar gebotene Frage stellen:

Frau Winchester, halten Sie irgend jemand hier im Hause einer Verbindung mit den Dieben für fähig?

Die Frage wirkte verblüffend auf sie; sie stutzte, und die Röte erschien wieder auf ihrer Wange. Ich verstehe Sie nicht, begann sie; dann jedoch rief sie, rasch ihre Selbstbeherrschung wieder gewinnend, leise aber ausdrucksvoll: Nein, wie könnte ich an so etwas denken? Es ist das Werk gewerbsmäßiger Diebe und zwar ganz ausschließlich solcher.

Wer ist dieses Mädchen? fragte ich.

Philippa, mein Kammermädchen, antwortete sie ohne die leiseste Andeutung, als verstünde oder gar als teilte sie den Verdacht, den ich durch meine ziemlich deutliche Frage vielleicht allzu stark kundgegeben zu haben fürchtete. Oder vielmehr, verbesserte sie sich mit einem leichten Anflug von Spott, sie ist, was man gemeinhin eine »Gesellschafterin« nennt; sie besitzt nämlich genügend Bildung, um mir vorzulesen, falls ich gerade aufgelegt bin zuzuhören, oder um Klavier zu spielen, wenn im Hause Musik gewünscht wird.

Die kalte Gleichgültigkeit dieser Antwort zeigte, daß Frau Winchester mehr vornehme Manieren als Gemüt besaß; allein da dies meine unangenehme Aufgabe nur erleichterte, so wäre es unhöflich gewesen, mich darüber aufzuhalten.

Wie lange ist sie schon bei Ihnen? fuhr ich fort.

O, ein Jahr, vielleicht noch länger. Und kennen Sie sie genau; ihre Vergangenheit, ihren Umgang?

Ja, ich kenne sie, soweit es da etwas zu kennen gibt. Es steckt nichts Bedeutendes hinter ihr; lassen wir sie aus dem Spiele.

Im Augenblick, erwiderte ich; in einem Fall wie dem vorliegenden muß ich mich vollständig über Charakter und Vergangenheit aller Hausgenossen unterrichten. Philippa habe ich gesehen, darum richten sich naturgemäß meine Nachforschungen zuvörderst auf sie. Bei wem wohnte sie, ehe sie zu Ihnen kam, und wo bringt sie ihre Zeit zu, wenn sie nicht bei Ihnen im Hause ist?

Frau Winchester wurde sichtlich ungeduldig. Torheiten, rief sie, fuhr aber dann, aus Angst vor einem erneuten Ansturm meiner Aufdringlichkeit, eiligst fort: Philippa ist die Tochter des Geistlichen, der mich meinem Gatten antraute. Ich kenne sie von jeher. Sie kam von ihres Vaters Sterbebett weg zu mir ins Haus. Umgang hat sie keinen, und die Zeit, die sie außerhalb meines Zimmers zubringt, ist so geringfügig, daß es wohl kaum die Frage verlohnen wird, wie und wo sie diese zubringt. Haben Sie etwa sonst noch irgendwelche Fragen zu stellen?

Allerdings hatte ich solche, doch behielt ich sie mir für später vor. Wollen Sie mich mit Philippa sprechen lassen? fragte ich.

Sie machte hierauf eine Gebärde äußerster Geringschätzung, die jedoch eine Zustimmung in sich schloß, von der ich mich beeilte, Gebrauch zu machen. Rasch schritt ich nach dem Vorplatz auf die zarte Erscheinung zu, die ich während dieses Gesprächs stets geflissentlich im Auge behalten hatte. Allein bei dem ersten Schritt, den ich auf sie zu machte, stutzte das junge Mädchen, und ehe ich sie anzureden vermochte, war sie durch die Türöffnung des gegenüberliegenden Zimmers getreten und dahinter in der Dunkelheit verschwunden.

Sofort begab ich mich zu der Frau vom Hause zurück.

Stehen jene Zimmer dort in Verbindung mit einer Hintertreppe? forschte ich.

Jawohl, gab sie mit unerschütterlicher Kälte zurück.

Ich war also angeführt, wenigstens soweit es Philippa anging. Ich fand mich übrigens so gut als möglich in die Sachlage, und nachdem ich Frau Winchester durch eine Verbeugung meinen Dank ausgedrückt hatte, entschuldigte ich mich für einen Augenblick bei ihr und begab mich schleunigst in den unteren Stock.

Hier fand ich ihren Gatten, der mich mit schlecht verhehlter Unruhe erwartete.

Nun? fragte er bei meinem Wiedererscheinen.

Ich bin zu einem Schluß gekommen, sagte ich.

Er zog mich in eine entfernte Ecke des Zimmers, von wo aus er, ohne daß unser Gespräch behorcht werden konnte, durch die halboffene Tür das Treppenhaus im Auge zu behalten imstande war.

Lassen Sie mich hören! sagte er.

Ich sprach sofort meine Ansicht aus.

Es war kein Gelegenheitsdiebstahl. Der Dieb wußte nicht nur, daß es Diamanten in Ihrem Hause gab, sondern auch, wo und wann solche zu finden waren. Entweder wurde ihm ein Zeichen gegeben, zu welcher Zeit er herein könne, oder wurden ihm die Juwelen aus dem Fenster zugeworfen. Sind Sie nicht auch dieser Ueberzeugung?

Er lächelte nur grimmig vor sich hin, ohne sich auf die Frage einzulassen.

Und wer glauben Sie, daß das Zeichen gab oder die Diamanten hinauswarf? Nennen Sie Namen ohne Scheu; der Fall ist zu ernst, um lange Umschweife zu machen.

Nun, sagte ich, ich war nur wenige Minuten hier im Hause und habe darin außer Ihnen nur drei Personen gesehen. Ich möchte doch nicht gerne jemand als Teilnehmer an einer so frechen Untat bezeichnen, ehe ich alle Bewohner des Hauses gesehen und gesprochen habe. Doch ist oben ein junges Mädchen; Sie selbst haben mich auf sie aufmerksam gemacht; ich möchte gerne in bezug auf sie eine oder zwei Fragen stellen. Ich meine Philippa, Frau Winchesters Gesellschafterin.

Er richtete einen erwartungsvollen Blick auf mich.

Gefällt sie Ihnen? Haben Sie Zutrauen zu ihr? Ist sie eine Person, auf die man sich verlassen kann? forschte ich.

Sein Blick wurde förmlich strahlend, und er nickte in einer Weise, die beinahe Hochachtung ausdrückte.

Die beste Zeugin, die Sie finden konnten, bemerkte er.

Die Antwort kam mir so unerwartet, daß ich schnell den Blick senkte.

Sie wird also sprechen, wenn ich sie frage? sagte ich.

Nun kam die Reihe an ihn, verblüfft dreinzuschauen.

So haben Sie es noch nicht getan? fragte er.

Ich habe noch keine Gelegenheit dazu gehabt, versetzte ich.

Ach, rief er, ich sehe schon. Und mit einem Blick und einem Ausdruck, die sich schwer beschreiben lassen, fügte er bei: Frau Winchester hielt natürlich hinter dem Berge mit dem Mädchen. Ich hätte das erwarten können.

Erstaunt über diese neue Wendung wagte ich es, den Gedanken auszusprechen, den eine so auffallende Einräumung nahelegte.

Und warum sollte Frau Winchester irgendein Zeugnis zu unterdrücken wünschen, von dem sich annehmen läßt, daß es zur Entdeckung des Diebes führen werde, der sie so schwer geschädigt hat? – Der Schimmer von Befriedigung, der in den letzten paar Augenblicken die Züge meines Gegenübers erhellt hatte, schwand zusehends.

Ich sehe, bemerkte er, daß unsere Anschauungen in dieser Angelegenheit sich weniger in Uebereinstimmung befinden, als ich vermutete. Doch, fuhr er herzlicher fort, Sie sind, wie Sie soeben sehr richtig bemerkt haben, erst seit wenigen Minuten im Hause und haben noch nicht hinreichend Gelegenheit gehabt, sich über die tatsächlichen Verhältnisse zu unterrichten. Ich will warten, bis Sie mit Philippa gesprochen haben. Soll ich sie hierher kommen lassen?

Tun Sie das, drängte ich, sie wird wohl unten sein; doch vielleicht könnte sie sich auch noch oben befinden. Sodann teilte ich ihm mit, wie sie bei meiner Annäherung sich davongemacht und in Räumlichkeiten versteckt hatte, zu denen ich meinem Gefühl nach keinen Zutritt beanspruchen konnte.

Er runzelte die Stirn und schritt eilig auf die Türe zu; auf halbem Weg hielt er jedoch inne, um noch eine Frage an mich zu richten.

Ehe ich gehe, sagte er, möchte ich gerne fragen, welche Bemerkung meiner Frau Sie zu dem Schluß veranlaßte, daß der Diebstahl von irgend jemand im Hause verübt worden sei?

Warten Sie! rief ich, Sie gehen zu rasch voran; ich sage nicht, der Diebstahl sei von einem Hausgenossen verübt worden, ich spreche nur von einem Helfershelfer.

Der die Steine zum Fenster hinauswarf –

Oder auch nur ein Zeichen gab, daß sie erreichbar und augenblicklich unbewacht seien.

Er machte eine ungeduldige Handbewegung.

Wir wollen keine Zeit verlieren, rief er. Ich möchte wissen, was Frau Winchester sagte.

Sie sagte nichts, unterbrach ich ihn – denn ich war nicht minder in Eile als er, – das heißt, nichts außer dem notwendigen Bericht über die Tatsachen.

Und diese waren?

Daß die Juwelen offen in ihrem Etui auf dem Kaminsims lagen, daß Sie Ihre Frau Gemahlin von unten rufen ließen, worauf sie sich beeilte, Folge zu leisten; daß sie etwa fünf Minuten fort war und bei ihrer Rückkehr das Fenster offenstand und die Diamanten weg waren. Da das Fenster bei ihrem Weggange geschlossen gewesen war, so eilte sie natürlicherweise sofort an dasselbe und schaute hinaus, wobei sie gerade noch zwei Männer die Straße hinunterlaufen sah. Gewiß sind Ihnen diese Tatsachen ebenso wohl bekannt wie mir.

Ich war nur neugierig, erwiderte er. Diese Tatsachen haben Sie also erfahren und aus ihnen allein haben Sie den vorhin ausgesprochenen Schluß gezogen?

Nein, sagte ich; Philippa war auch zugegen.

Aber diese sprach ja nichts.

Freilich; aber sie brauchte auch nicht zu sprechen. Ich hörte ihr Herz schlagen, wenn ich mich so ausdrücken darf, und aus der Art, wie es schlug, schöpfte ich die Ueberzeugung, die ich Ihnen ausgesprochen habe.

Herr Winchester spendete mir ein beifälliges Lächeln.

Sie entsprechen völlig meinen Erwartungen, erklärte er dabei. Allerdings klopfte Philippa das Herz und zwar in höchst außergewöhnlicher Erregung. Philippa hatte den Mann gesehen, der Frau Winchester um ihre Diamanten erleichterte.

Was! rief ich, und Sie –

Er hörte meine Einwendung nicht bis zu Ende.

Jawohl, fuhr er fort; denn während Frau Winchester hier war, ehe sie sich wieder nach oben begab, sah ich Philippa hinaufgehen. Sie hatte gerade Zeit, die Treppe zu ersteigen, bis der Mann, dessen Schritt ich bereits oben auf dem Gange vernommen, den Vorplatz erreicht hatte.

Den Vorplatz? rief ich.

Jawohl. Können Sie sich auch nur einen Augenblick träumen lassen, der Dieb, der dieses kleine Vermögen stahl, sei durch das Fenster eingestiegen?

Herr Winchester, sagte ich, als ich die Station verließ, war ich einigermaßen im Zweifel, das gestehe ich, ob dieser Diebstahl gerade in der Weise ausgeführt worden sei, wie es nach Aussage des Ueberbringers Ihrer Anzeige geschehen sein sollte. Aber nachdem ich die Angaben vernommen, die Frau Winchester zu machen hatte –

Auf Frau Winchesters Bericht über diesen Vorfall darf man sich nicht verlassen, unterbrach er mich ruhig, aber entschieden. Soll ich Ihnen eine oder zwei Tatsachen anführen? Das Fenster, das meine Frau ihrer Versicherung zufolge bei ihrem Eintreffen offen fand, wurde nicht emporgeschoben, solange sie hier unten verweilte, sondern erst nachdem sie wieder fort war, denn ich hörte es. Der Schritt, der oben über den Gang ging, während wir hier zusammen redeten, entfernte sich nicht etwa durch ein Fenster, sondern durch die auf den Vorplatz führende Tür, so daß –

Herr Winchester, unterbrach ich ihn, bedenken Sie auch, wenn das wahr ist, was Sie sagen, daß die Diamanten vermutlich noch hier im Hause sich befinden?

Gewiß, nirgends anders, Herr Byrd, nirgends anders.

Ich bekam allmählich eine bestimmte Vorstellung von seinem Verdachte.

Und Philippa? warf ich ein.

Sah, was ich hörte

Ich machte keinen weiteren Versuch, ihn zurückzuhalten. Lassen wir sie hieher kommen! rief ich. Wenn Ihre Annahme zutrifft, so sollte des Rätsels Lösung sich leicht finden lassen, so leicht, konnte ich nicht umhin beizufügen, daß ich mich über Ihr Bedürfnis wundere, nach einem Detektiv zu schicken.

Sie vergessen, daß ich nicht so sehr auf die Entdeckung des Diebes, als vielmehr auf die Wiedererlangung der Steine bedacht bin, bemerkte er. Das erstere hätte ich ohne Ihre Hilfe fertigbringen können, das letztere aber erfordert einen gesetzlichen Rückhalt. – Nun hielt er sich nur noch einen Augenblick auf, um mir einzuschärfen, die Haustüre gut zu beobachten, damit niemand aus dem Hause entkommen könne, solange er fort sei. Dann verließ er mich eiligst und begab sich nach oben.

Er blieb etwa zwanzig Minuten weg, während deren ich ihn im Zimmer seiner Frau aus- und eingehen hörte. Er kam jedoch allein zurück, und seine Miene, in der sich zuvor lediglich Besorgnis und Entschiedenheit ausgedrückt hatten, trug jetzt die Spuren von Aerger und Ungeduld.

Ich weiß nicht, was für Beweggründe das Mädchen bestimmen mögen, rief er, aber ich bin nicht imstande, Philippa zum Sprechen zu bringen. Sie beharrt darauf, sie habe nichts zu sagen.

Also haben Sie sie doch getroffen; ich fürchtete, sie möchte über die Hintertreppe entwischt sein.

Das wäre nicht gut möglich, versetzte er trocken. Ich habe die Türe zum hinteren Hausgang schon längst abschließen lassen.

Ich gab durch eine Verbeugung meiner Bewunderung für seine Umsicht Ausdruck.

Niemand kann aus dem oberen Stock in den unteren gelangen, außer durch die Türe, fuhr er fort; wie könnte ich sonst sicher sein, daß die Diamanten noch nicht aus dem Hause geschmuggelt wurden?

Und sind Sie ganz sicher, daß, so wie die Sachen liegen, sie noch darin sind? fragte ich nun.

Ganz sicher.

Und daß Philippa, obwohl sie nicht sprechen will, weiß, wer die Steine genommen hat, oder wenigstens wer das Zimmer oben betreten hat, solange Frau Winchester hier unten war?

Jawohl.

Dann, erklärte ich, ist unser Feld frei. Um die Diamanten zu finden, bedarf es nur einer Haussuchung, und was den Schuldigen betrifft, so wird es Philippa doch schwer werden, bei ihrem Schweigen zu verharren, wenn einmal das Gesetz seinen Lauf genommen hat, und Pflicht und Ehre sie gleichermaßen zum Sprechen drängen.

Er nickte und blieb dann einen Augenblick in Gedanken versunken stehen.

Sie wollen das Haus durchsuchen lassen? wiederholte er endlich. Es ist ein großes Haus, das eine Unzahl von Versteckplätzchen bildet; ich glaube nicht, daß wir auf diesem Wege zu den Steinen gelangen – wenigstens nicht innerhalb der erwähnten Zeit. Hören Sie meinen Plan! Ich habe vor, mit meiner Frau heute abend in eine Gesellschaft zu gehen. Es ist eine wichtige Gelegenheit, bei der wir nicht gut fehlen können. Wir wollen also hingehen, aber zuvor will ich im ganzen Hause ankündigen, daß Sie ein Detektiv sind, und sagen, daß Sie vorhaben, das Haus nach den fehlenden Juwelen zu durchsuchen, sobald Sie sich die nötige Unterstützung von Ihrer Behörde dazu verschafft haben. Das wird den Schuldigen aufschrecken und, wenn ich nicht ganz irre, dazu führen, daß irgend jemand im Hause suchen wird, es zu verlassen. Sollte sich dies bestätigen, so hindern Sie den Betreffenden nicht daran, er wird die Steine bei sich haben; und wenn Sie Vorsorge treffen, daß er verfolgt wird, müssen sie binnen einer oder zwei Stunden zur Stelle sein, denn ein Mensch ist leichter durchsucht als ein Haus.

Ein bewundernswerter Plan, rief ich aus, ganz erstaunt über solchen Scharfsinn, dessen ich mich bei dem reichen Makler gewiß nicht versehen hätte. Ich sehe nur eine schwache Seite dabei. Wenn Frau Winchester hört, daß das ganze Haus umgedreht werden soll, solange sie fort ist, wird sie dann noch in die Gesellschaft mitgehen wollen?

Meine Frau wird sich bereits in ihrem Wagen befinden, wenn ich die Ankündigung mache. Dafür werde ich schon sorgen.

Ganz gut also, sagte ich, dann bleibt für mich nichts mehr zu tun übrig, als mir von der Polizeistation den Mann zu verschaffen, den ich für die besprochene Verfolgung brauche.

Ich will auf meiner Fahrt in die Gesellschaft ein paar Zeilen von Ihnen dort abgeben.

Ich kritzelte zwei Namen auf eine Karte.

Einer der beiden wird Folge leisten, sagte ich. Er soll am nächsten Haus von hier Aufstellung nehmen und dann das Zeichen geben. Er wird es schon verstehen. Wird ihn der Täter vermutlich weit herumführen?

Das vermag ich ebensowenig zu wissen wie Sie. Ich habe keine Vorstellung davon, wohin der Dieb gehen wird, nachdem er das Haus verlassen hat. Irgend wohin, wo sich für seinen Raub ein günstiges Versteck bietet, natürlich; aber wohin, das hängt von der Zeit und der Gewandtheit seines Verfolgers ab.

Ich will diesem Verfolger nur noch mit ein paar weiteren Worten Vorsicht einschärfen, sagte ich. Damit nahm ich die Karte nochmals und kritzelte einige Weisungen auf die Rückseite derselben, worauf ich sie Herrn Winchester übergab.

Dagegen händigte er mir seinerseits zwei Schlüssel ein. Dieser hier öffnet die Tür zur Hintertreppe und dieser die vordere Tür des Erdgeschosses.

Nach dieser Erklärung verließ er mich, und schon im nächsten Augenblick hörte ich ihn die Treppe hinaufsteigen und in das Zimmer seiner Frau eintreten. Unser Programm wurde buchstäblich ausgeführt wie verabredet. In weniger als einer halben Stunde kamen die Gatten herunter; er sah blaß und finster aus, sie hochmütig und unerschütterlich ruhig. Der Wagen, den ich einen Augenblick zuvor hatte vorfahren hören, stand vor der Tür, und sie traten unverzüglich hinaus. Uebrigens hatte ich gerade noch Zeit, zu bemerken, daß sie noch dasselbe Kleid trug, in dem ich sie oben gesehen hatte, ein reiches, malvenfarbenes Samtkleid, hochgeschlossen und schwer beladen mit einer sogenannten Passementerie von Schmelzperlen, zwischen denen Spitzenschmuck angebracht war, ein Ausputz, der in meinen Augen jeden weiteren kostbaren Schmuck überflüssig machte, mit Ausnahme der Ohrgehänge von Perlen, die sie trug.

Eine vornehme, würdevolle Erscheinung, dachte ich, als sie vorüberging; ich hätte gerne wissen mögen, ob ihr Herz unter dem Staatskleid nicht doch etwas rascher schlug, als es ihr Aussehen verriet.

Kaum hatte man die Haustür zuschlagen hören, als fast augenblicklich Herr Winchester wieder erschien.

Jetzt, sagte er, ans Geschäft! Und die Treppe hinaufschauend, begrüßte er mit einem befriedigten Blick die eben von oben kommende Erscheinung des jungen Mannes, mit dem wir vorhin am Treppenabsatz zusammengetroffen waren und den er mir als seiner Gattin Sohn bezeichnet hatte.

Ach, Lawrence, sagte er, komm herunter! Ich habe nach dir und Fräulein Irwin geschickt – wo ist sie denn? Ach so, sie schaut oben über das Geländer, – um dich Herrn Byrd, Beamten der Geheimpolizei, vorzustellen, dessen Anwesenheit, wie du dir denken wirst, den Zweck hat, uns deiner Mutter Diamanten zu verschaffen. Es ist erforderlich, daß du ihn kennst, denn er ist in Uebereinstimmung mit mir zu dem Schluß gekommen, daß deine Mutter im Irrtum ist, wenn sie glaubt, die Juwelen seien durch fremde Diebe gestohlen worden. Vielmehr ist er ganz sicher, daß nicht nur der Dieb zur Hausgenossenschaft gehört, sondern daß auch die Steine sich noch im Innern des Hauses befinden und durch eine gründliche, systematische Nachsuchung zur Stelle zu bringen sind. Er wird daher die Abwesenheit deiner Mutter benutzen, um die Richtigkeit seiner Voraussetzung zu prüfen, und sobald angemessen: Unterstützung von der Polizeistation beschafft werden kann, wird eine Nachsuchung veranstaltet werden, die vor keinem Schlupfwinkel Halt macht und sich von keinerlei Versteck abhalten läßt, mag es so persönlicher oder privater Natur sein als es will. Ich sage dies, weil ich nicht möchte, daß du oder Fräulein Irwin sich darüber entrüsten, wenn er auch eure Räume betreten muß, da ja, wie ihr wißt, ein oder zwei alte Dienstboten im Hause sind, die sich mit Recht in ihren Gefühlen verletzt finden würden, falls ihre Person oder ihre Habe einer Durchsuchung unterworfen werden sollte, die sich nicht auf jedermann im Hause gleichermaßen erstreckt. Du wirst dich also mit deinen Schlüsseln bereit halten und dem Beamten seine Aufgabe möglichst erleichtern, indem du den Dienstboten mit gutem Beispiel vorangehst. Verstanden?

Gewiß.

Die Antwort klang ebenso gleichgültig, wie die Frage, welche in einem Tone gutmütiger Oberflächlichkeit erfolgt war, darauf berechnet, jedes andere Ohr außer dem eines Detektivs irrezuführen. Herr Lawrence Sutton – ich erfuhr seinen Namen später – schien in der Tat aus einem Traum zu erwachen und wandte sich in demselben Augenblick, wo sein Stiefvater sich entfernte, um und begab sich die Treppe hinauf, als wäre ich gar nicht vorhanden.

Sein Verhalten war so unerwartet, daß ich unschlüssig zögerte. Er war derjenige, auf den Herr Winchester Verdacht hatte, das sagte mir mein Gefühl mit aller Bestimmtheit, und da ging er, allem Vermuten nach, geradeswegs nach dem Ort hin, wo die Wertsachen steckten, deren Auffindung mir eine Summe einbringen würde, die ich in jenen Tagen meiner Armut mit Freuden als ein kleines Vermögen begrüßt hätte. Sollte ich ihm nachgehen oder sollte ich mich auf Herrn Winchesters Voraussetzung verlassen und darauf warten, bis er wieder herunterkäme? Die Ueberzeugung, daß ich nur meine eigenen Zwecke beeinträchtigen würde, falls ich ihn zu frühe überraschte, bestimmte mich schließlich, unten zu bleiben. So zog ich mich denn nach dem Empfangszimmer zurück und wartete dort mit unbeschreiblicher Ungeduld auf das Zeichen, das mir zu erkennen geben würde, daß mein Amtsgenosse auf dem Schauplatz erschienen sei, und sodann weiter auf Herrn Suttons Schritte die Treppe herab. Allein bevor eines dieser Geräusche an mein Ohr schlug, vernahm es ein anderes, das meine höchste Neugier erweckte. Es war dies ein Geflüster oben auf dem Gang, gefolgt von einem kurzen, scharfen Ausdruck der Freude, der meinem bestimmten Gefühl nach von dem jungen Mann herrührte. Dann folgte völlige Stille, während der das Zeichen von der Straße her ertönte, darauf oben ein Trappeln wie von eiligen Schritten, worauf ich wieder nichts mehr wahrnahm, bis – jawohl, der sehnlich erwartete Laut eines Herunterkommenden meine ganze Spannkraft weckte, und ich durch den Spalt der Tür, in deren Nähe ich stand, Herrn Sutton im Ueberzieher herabkommen sah.

Herr Sutton war eine vornehme Erscheinung, und seine Züge, wenn auch die unverkennbaren Spuren lockeren Lebens tragend, hatten doch noch einen Ausdruck, der nicht ohne einigen Reiz war. Ich wartete mit Spannung, ob sich Herr Sutton durch die Haustüre entfernen werde. Aber er war offenbar ein sehr artiger Mann, und ehe ich mich dessen versah, befand er sich an meiner Seite, indem er sich mit äußerster Höflichkeit verbeugte und mir einen Bund hinhielt, an dem mehrere Schlüssel hingen.

Herr Winchester hat mich ersucht, Ihnen diese Schlüssel zu übergeben. Mit ihrer Hilfe werden Sie imstande sein, alle Behältnisse und Schubladen zu öffnen, die mir gehören. Was die anderen betrifft, so müssen Sie selbst sehen, wie Sie sich den Eintritt und eine Durchsuchung ermöglichen. Ich habe eine wichtige Verabredung außer dem Hause, die mich vielleicht eine Stunde in Anspruch nehmen wird. Nach meiner Rückkunft will ich Ihnen behilflich sein, so gut ich kann; denn es liegt mir natürlich soviel daran als irgend jemand, daß ein so wertvoller Schatz, wie die Diamanten meiner Mutter, der Familie nicht verloren geht.

Ich verbeugte mich, und er zog sich zurück, wobei er ein neues Paar Handschuhe herausholte und zu meiner unbegrenzten Verwunderung sich noch etwas aufhielt, um sie mit großer Pünktlichkeit und Sorgfalt anzuziehen. Dann ging er auf die Türe zu; aber auch dabei zögerte er, um noch einmal einen Blick die Treppe heraufzuwerfen, ehe er endlich seinen Hut aufsetzte und das Haus verließ.

Ein vollendeter Schauspieler, dachte ich und eilte an das Fenster, durch das ich ziemlich unvorsichtig hinausschaute. Er schritt eben die Stufen hinab, noch langsam, aber doch mit mehr Entschiedenheit, als er innerhalb des Hauses gezeigt hatte. Im nächsten Augenblick befand er sich auf dem Gehweg und wieder einen Augenblick später schritt er rasch die Straße hinab. Ich eilte vom Fenster an die Haustür und öffnete sie. Eben setzte sich ein Mann vom Nebenhause aus in Bewegung, und ehe ich mich wieder ins Haus hineinbegab, nahm ich mit Befriedigung wahr, wie der fähigste und verschwiegenste Beamte in unserem ganzen Korps sich dicht an die hochgewachsene Figur Herrn Suttons heftete.

Jetzt einige Stunden trübseliger Geduldsprobe, murmelte ich und ließ mich dabei in einen bequemen Stuhl vor einem Tisch fallen, der mit Büchern von einladendem Aeußern bedeckt war. Doch kaum hatte ich diesem Gedanken Ausdruck verliehen, als ich infolge einer neuen Erregung aufsprang. Wieder ging ein Schritt über die Treppe, wieder trat jemand ins Zimmer. Als ich in voller Erwartung, Fräulein Irwin zu sehen, mich umwandte, begegnete ich dem Blick einer alten schwächlichen Dame. Ueberrascht machte ich eine achtungsvolle Verbeugung, worauf sie sofort sagte:

Ich höre, daß Herr Winchester eine Durchsuchung des ganzen Hauses nach den abhanden gekommenen Diamanten seiner Frau angeordnet habe. Soll diese heute abend vorgenommen werden?

Wenn überhaupt, so wird sie heute abend stattfinden, erwiderte ich mit einer verzeihlichen Verletzung des Dienstgeheimnisses. Sie würde wenig Zweck haben, wollte man sie vornehmen, nachdem irgend welcher Verkehr zwischen den Hausbewohnern und der Außenwelt stattgefunden.

Dann, sagte sie, den Schluß meiner Erwiderung wenig oder gar nicht beachtend, darf ich wohl um die Gefälligkeit bitten, mein Zimmer zuerst vorzunehmen? Ich bin Herrn Winchesters Tante, und ich bin überzeugt, Sie werden mich nicht länger vom Schlafengehen abhalten wollen, als es durchaus nötig ist. Mein Zimmer ist klein und –

Armes Mütterchen! Es war wirklich grausam. Ich beeilte mich, sie zu beruhigen.

Es kann gar keine Notwendigkeit vorliegen, Ihr Zimmer zu durchsuchen, begann ich.

Sie unterbrach mich jedoch sofort mit aller Entschiedenheit.

Sie sind im Irrtum, sagte sie. Wenn ein Zimmer im Hause besichtigt werden muß, so ist es das meine. Gerade aus dem Grund, weil es das letzte ist, von dem man annehmen konnte, daß die Polizei es einer Durchsuchung unterwerfen würde, liegt die Möglichkeit nahe, daß es der Dieb zum Versteck ausersehen haben könnte. Es wäre mir doch lieber, Sie würden durch mein Zimmer gehen.

Ich war verblüfft und in nicht geringer Verlegenheit. Die alte Dame sah so entschieden aus; man sah deutlich, daß nicht mit ihr zu spaßen war. Aber ich hatte doch keine Lust, ihr zu sagen, daß die angedrohte Durchsuchung nur eine Kriegslist gewesen, die bereits zu dem gewünschten Erfolg geführt hatte; und doch, wenn ich es nicht tat, was sollte ich zur Rechtfertigung eines Aufschubs vorschützen, der sie so empfindlich belästigen würde? Ich vermochte nur einen Ausweg aus der Schwierigkeit zu entdecken, und dieser bestand darin, ihr Zimmer und ihre Habe einer oberflächlichen Besichtigung zu unterziehen, mit der ich mich dann für befriedigt erklären wollte in der Hoffnung, daß dies ihrerseits ebenso der Fall sein werde. Ich antwortete ihr deshalb, ich wisse ihr Vorbringen vollkommen zu würdigen, und wenn es ihr recht sei, wolle ich sofort nach ihrem Zimmer gehen.

Sie bedeutete mir, dies würde ihr äußerst erwünscht sein, worauf ich sofort die Treppe hinauf voranschritt. Sie folgte mir die zwei Absätze weit und zeigte mit wichtiger Miene auf die Tür zu ihrem Zimmer. Allein während ich darauf zuschritt, vernahm ich ein verdächtiges Geräusch vom untern Stock her, und als ich über das Geländer schaute, sah ich Philippas geschmeidige, behende Erscheinung die Treppe hinabschlüpfen auf die Haustür zu. Sie trug Straßenkleidung und hatte sich offenbar meine Lage zunutze gemacht, um aus dem Hause zu entkommen. In diesem Augenblick schossen mir eine ganze Legion von Zweifeln und Verdachtsgründen durch den Sinn. Ich war das Opfer eines Komplotts, und die alte Dame weder so unschuldig noch so uneigennützig, als es den Anschein hatte. Als sie mich überredete, mich in den oberen Stock zu verfügen, geschah es geradezu in der Absicht, Philippa die Möglichkeit zu verschaffen, ungehindert die Straße zu erreichen. Das war mir alles bereits zum Bewußtsein gekommen, noch ehe ich bemerkte, daß ihre schwächliche, gebrechliche Gestalt den engen Durchgang oben an der Treppe ausfüllte, wodurch es einiger Rücksichtslosigkeit meinerseits bedurfte, um an ihr vorbeizukommen. Doch auf einige Rücksichtslosigkeit, selbst gegenüber einer bejahrten, gebrechlichen Dame, kam es in einer solchen Notlage nicht an. Fünfundzwanzigtausend Dollars entschlüpften aller Wahrscheinlichkeit nach meinem Griff, nicht zu reden von meinem Ruf als schlauer, nicht leicht zu überlistender Polizeibeamter. Wie? Verließen jetzt auf diesem Wege die Juwelen das Haus, oder waren sie bereits, meiner früheren Anschauung gemäß, durch Herrn Sutton hinausbefördert worden? Eines war ebenso möglich, wie das andere, oder am Ende, wie ich mir sagte, ehe ich den ersten Treppenabsatz zur Hälfte hinab war, auch keines von beiden! Daß erst er und nun auch sie fortgingen, konnte ebensogut eine List sein, um die Aufmerksamkeit von dem Haus und dem wirklichen Hehler der kostbaren Steine abzulenken. Einen Augenblick innehaltend, schaute ich nach der Stelle zurück, wo die alte Dame stand, noch wankend von dem Puff, den ich ihr in meinem Drang, an ihr vorbeizukommen, hatte versetzen müssen. Da stand sie noch, aber der Blick, mit dem sie mir nachschaute, drückte eine nur schlecht verhehlte Befriedigung aus, und obwohl sie sich bei meinem ersten Blick zurückzog, hatte ich doch noch Zeit, wahrzunehmen, daß sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel geschlichen hatte, das meinen ferneren Absichten, über die ich mir noch nicht klar war, nur geringen Erfolg in Aussicht stellte.

Inzwischen hatte Philippa den Drücker der Haustür erfaßt und würde sich im nächsten Augenblick außerhalb des Hauses befunden haben, hätte sie nicht Halt gemacht, um nach dem Huthaken zu schauen, wie ich vermutete, in der wohlüberlegten Absicht, mich an ihrer Verfolgung durch Aneignung meines Hutes zu hindern, falls er dort gehangen hätte. Allein glücklicherweise hatte ich ihn mit in das Empfangszimmer genommen; so brauchte sie sich kaum einen Augenblick damit aufzuhalten. Ehe ich den unteren Treppenabsatz recht erreicht hatte, hörte ich die Haustür schließen, und damit war ich auch plötzlich vor die Entscheidung gestellt, ob ich ihr folgen und so das Haus und damit vielleicht gerade die Juwelen, die ich wieder bekommen wollte, im Stich lassen, oder ob ich sie ungehindert ihres Weges ziehen lassen sollte.

Der Gedanke an Herrn Winchester gab mir augenblicklich die entscheidende Richtung.

Wenn mir die Steine entgingen, indem ich Philippa verfolgte, so würde ich höchstens meine Belohnung und einiges an meinem dienstlichen Ansehen einbüßen; entgingen sie mir dagegen dadurch, daß ich ihr nicht folgte, so hatte Herr Winchester das Recht, mir offenbare Mißachtung seiner Weisungen zum Vorwurf zu machen. Denn er hatte mir ja gesagt: »Geben Sie acht, wer auf Ihre Ankündigung einer Haussuchung das Haus zuerst zu verlassen sucht, und lassen Sie den verfolgen, denn der wird die Steine bei sich haben!« Freilich war Herr Sutton schon draußen und wurde verfolgt, allein wenn noch ein Dutzend nach ihm ebenfalls das Haus verließen, besonders nachdem sie diese Ausflucht ergriffen hatten, um der Verfolgung zu entgehen, war es dann nicht meine Pflicht, zu sehen, daß sie gleichfalls verfolgt wurden, und zwar mit der gleichen Aufmerksamkeit und Umsicht, wie ich es beim ersten für erforderlich gehalten hatte? Darüber konnte kein Zweifel bestehen; so schlug ich alle anderweitigen Erwägungen in den Wind und machte mich an die Verfolgung dieses davonhuschenden Schattens, indem ich die Haustür hinter mir zuzog, in der Erwartung, daß mein erster Blick die Straße abwärts mir zeigen würde, in welcher Richtung sie gegangen war. Aber weder ab- noch aufwärts vermochten meine Blicke etwas von Philippa zu entdecken, und aufs neue beunruhigt, durch meine erste Besorgnis möglicherweise mehr unternommen zu haben, als ich auszuführen vermochte, flog ich nach der Ecke – es war an der Madison-Avenue –, und wie ich hier in aller Eile um mich spähte, entdeckte ich in dem Häuserviertel abwärts eine schlanke, zarte, weibliche Gestalt. Kaum hatte ich sie als die ihrige erkannt, als sie in einem Pferdebahnwagen verschwand und davonfuhr, ehe ich Zeit hatte, dem Schaffner, der ihr beim Einsteigen behilflich gewesen, ein kräftiges Halt zuzurufen.

Glücklicherweise war der nächste Wagen nicht allzuweit entfernt. Ich stieg ein, und da ich in dem Kutscher einen Bekannten entdeckte, faßte ich neue Hoffnung. Es brauchte nicht viel Ueberredung, um ihn zu bestimmen, seine Pferde ein wenig rascher gehen zu lassen, als der Fahrplan vorschrieb, so daß wir binnen wenigen Minuten dem Wagen vor uns nahe genug gekommen waren, um die Gestalt eines jeden unterscheiden zu können, der ihn verließ. So konnte ich Fräulein Irwin so bequem verfolgen, als wenn ich im selben Wagen mit ihr gesessen hätte; und als sie nach kurzer Fahrt ausstieg, schritt ich leichtfüßig hinter ihr drein, die fünfundzwanzigste Straße hinab. Schon im zweiten Häuserviertel machte sie Halt, lief eine Hausstaffel hinauf, klingelte und wurde eingelassen.

Ich eilte schleunigst hinter ihr her, schaute nach der Nummer und blieb verblüfft stehen. Das war ja ein mir ganz wohlbekanntes Haus, das viele Leute betraten, wenn auch vermutlich nicht oft zu demselben Zwecke, wie Fräulein Irwin, das ich selbst manchmal besucht hatte: die Behausung eines wohlbekannten Geistlichen, Herrn Randall.

Ich wußte im Augenblick nicht, was weiter beginnen, und stand zögernd da, als, um mein Erstaunen noch zu vermehren, jemand von hinten auf mich zuschritt und mir vertraulich auf die Schulter klopfte mit den Worten:

Nun, was machen Sie denn hier?

Es war Hawkins.

Was! Sie hier? rief ich.

Gewiß! rief er zurück, und mein Mann ebenfalls.

Ein ganzes Rätsel. Glücklicherweise war Hoffnung vorhanden, es zu lösen.

Ich denke, ich gehe hinein, sagte ich. Ich kenne Herrn Randall ganz gut. Sollte eines der beiden oder beide vor mir herauskommen, so folgen Sie. Ich will nicht länger fortbleiben, als durchaus notwendig.

Er nickte und zog sich wieder in sein Versteck zurück. Ich klingelte und fragte nach Herrn Randall.

Er ist oben beschäftigt, erklärte das saubere Dienstmädchen, das auf mein Anrufen erschien. Aber wenn Sie in sein Arbeitszimmer treten wollen, wird er Sie bald empfangen können.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Wenige Augenblicke darauf saß ich wohlgeborgen in dem behaglichen rückwärtigen Empfangszimmer und horchte auf das leise Gemurmel, das aus dem vorderen Zimmer durch die schwere Flügeltüre, welche diese beiden Räume schied, hineindrang. Von diesen Stimmen konnte ich zwei unterscheiden: Herrn Randalls gewichtigen Baß und die leichteren und weicheren Laute des jungen Mannes, der mir in der dreiundsiebzigsten Straße seine Schlüssel übergeben hatte. Plötzlich verklangen die Stimmen, und man vernahm kaum einen Laut; dann ein feierliches Schweigen, darauf – es konnte wohl wiederum der Klang von Herrn Randalls Stimme sein, aber nicht in dem Gesprächston wie zuvor, sondern mit der abgemessenen Betonung, die er auf der Kanzel anzuwenden pflegte. Immer rätselhafter, dachte ich, und unbekümmert darum, daß plötzlich jemand erscheinen könnte, schlüpfte ich an die Flügeltür hin und preßte mein Ohr an den engen Spalt. Was ich hier vernahm, steigerte nur meine Neugier auf den Siedepunkt. Auf jede Gefahr hin, aller gewöhnlichen Schicklichkeit zum Trotze – ich mußte wissen, an wen der Geistliche seine Worte richtete. So nahm ich denn meine ganze Geschicklichkeit und ein gut Teil meiner berufsmäßigen Vorsicht zu Hilfe und schob die Türflügel ein klein wenig auseinander und sah etwas, das ich sicherlich hier nicht gesucht hätte; es war übrigens ein hübsches Bild: – Herr Sutton und Fräulein Irwin vor Herrn Randall auf den Knien, während er ihren Ehebund einsegnete.

Noch eine Dame und zwei Herren standen dabei, allein ich begnügte mich mit der Wahrnehmung, daß es Frau Randall war und die Herren ebenfalls zur Familie gehörten, ohne ihnen weiter einen Gedanken zu widmen, indem meine ganze Aufmerksamkeit dem jungen Paare galt, dem ich unter einem so schnöden Verdacht hieher nachgegangen war – nur um Zeuge der wichtigsten Handlung ihres ganzen Lebens zu sein.

Die Ueberraschung und das Rührende des ganzen Vorgangs ließen mich für einen Augenblick die Diamanten und den eigentlichen Zweck meines Hierseins vergessen. Aber nachdem die Schlußworte gesprochen und die wenigen Glückwünsche dargebracht waren, und nun das junge Paar herumschaute und ich einen Blick in die Züge der Braut erhaschte, bemerkte ich mit Erstaunen den tiefen Schatten, der darauf lag; und während ich nicht umhin konnte, der so überraschenden und interessanten Gestaltung der Dinge meine Teilnahme zu schenken, fühlte ich doch auch die Energie wiederkehren, die mein Beruf mit sich brachte. Denn Philippas Antlitz zeigte nicht den Ausdruck einer glücklichen Braut, sondern den eines weiblichen Wesens, das soeben das äußerste gewagt hat, um einen lieben Traum zu verwirklichen oder ein furchtbares Unglück abzuwenden. Es lag in der Tat Schrecken in dem Blick, mit dem sie ihren Gatten anschaute; aber Schrecken in solcher Art mit Liebe und einem gewissen Hoffnungsschimmer gemischt, daß ich fühlte, wie ich unter allen Umständen der Angelegenheit mit den Juwelen völlig auf den Grund kommen müsse, wäre es auch nur, um das Rätsel zu lösen, das über ihrer Handlungsweise und über den Beweggründen schwebte, welche sie zu dieser Heirat bestimmt hatten in einem für Glück und Ehre so offenbar ungünstigen Augenblick.

Inzwischen verabschiedete sich Herr Randall mit einigen höflichen Worten, und da ich sah, daß er im nächsten Augenblick schon seine Schritte zu mir hereinlenken könnte, so schob ich die Tür noch vorsichtiger als vorhin wieder zusammen, begab mich in meine Sofaecke zurück und wartete mit gleich großer Spannung und Ungeduld darauf, ihn selbst erscheinen zu sehen und das junge Paar fortgehen zu hören.

Herr Randall erschien, während gleichzeitig die Haustür geschlossen wurde. Ich überließ Herrn Sutton mit seiner Braut der Obhut des draußen harrenden Beamten und wandte meine Aufmerksamkeit dem Geistlichen zu. Ich wußte genug von seinem Charakter und seinen Gewohnheiten, um sicher zu sein, daß er die jungen Leute nicht getraut hatte, ohne ihre Vorgeschichte und Verhältnisse einigermaßen zu kennen, und diese Kenntnis gedachte ich mir zunutze zu machen.

Es bedarf wohl kaum besonderer Hervorhebung, daß ich nicht immer der Geheimpolizei angehört, daß ich im Lauf meiner Jugendjahre mich in verschiedenen Gesellschaftskreisen bewegt hatte, und daß ich von Geburt und Erziehung war, was man einen Gentleman nennt. Ich komme darauf zu reden, um die Freundlichkeit, mit der Herr Randall mich begrüßte und seine Bereitwilligkeit gegenüber meinem Wunsche zu erklären, der unter gewöhnlichen Umständen als eine höchst unverschämte und unentschuldbare Neugier hätte erscheinen müssen. Er war ein Freund meines Vaters und schenkte mir achtungsvolles Gehör, als ich meine Entschuldigungen vorbrachte, um dann sofort auf den Gegenstand zu kommen, der meine Gedanken beschäftigte.

Herr Randall, begann ich, das Anliegen, mit dem ich mich Ihnen nahe, ist höchst eigentümlicher Art. Das Paar, das Sie soeben verbunden haben – verzeihen Sie mir, ich habe ein feines Gehör, und meine Anwesenheit steht mit eben diesem Paare in Zusammenhang –, befindet sich unter dem Verdacht einer strafbaren Handlung, der je nach Umständen zu sehr ernsten Folgen führen kann. Was dies für eine Handlung ist, will ich lieber nicht aussprechen, da es sich eben um einen bloßen Verdacht handelt, von dem sie sich möglicherweise zu reinigen vermögen. Aber was ich sagen will, ist folgendes: Sie werden zur Wohlfahrt der beiden und gleichzeitig zur Aufklärung eines höchst rätselhaften Vorkommnisses beitragen, wenn Sie mir sagen wollen, was Sie über sie selbst und über die Gründe wissen, die diese unverkennbare eilige und heimliche Trauung veranlaßt haben.

Ich bin höchlichst erstaunt, waren seine ersten Worte, und fühle mich stark versucht zu fragen, was diese armen jungen Leute sonst begangen haben könnten, als daß sie sich gegenseitig lieben und einander heiraten, dem Hochmut und den ehrgeizigen Plänen des Herrn Winchester und seiner Gattin zum Trotz. Aber bloße Neugier ist eines Geistlichen unwürdig; so will ich Ihnen nur sagen, daß, wenn die beiden irgend etwas tun oder getan haben, das man wirklich unrecht nennen könnte, es vollkommen unwissentlich geschehen ist, und daß ihre eheliche Verbindung nur die Ausführung eines Vorhabens bildete, das, wenn auch nicht der Welt und jener Gesellschaft, welcher der Bräutigam wenigstens angehört, so doch mir schon längst wohl bekannt war.

Jetzt, erwiderte ich, setzen Sie mich in Erstaunen. Die beiden waren also verlobt und Sie wußten darum, während dies voraussichtlich nicht einmal seiner eigenen Mutter bekannt ist.

Höchst wahrscheinlich, war seine ruhige Entgegnung. Frau Winchester ist nicht die Person, die ein Mann zu seiner Vertrauten machen würde, wenn er vorhat, eine sogenannte schlechte und ungleiche Partie zu machen.

Trotzdem, begann ich –

Trotzdem unterbrach er mich, sollte ein Sohn eine gewisse Rücksicht und Achtung gegenüber der Mutter an den Tag legen, die ihn geboren hat und die seiner eigenen Aussage zufolge stets Nachsicht für seine Fehler und Schwächen bewiesen hat. All dieses weiß ich, fuhr Herr Randall fort, und ich bin ganz Ihrer Ansicht, allein es waren in diesem Falle gewisse Gründe vorhanden, die seine Handlungsweise und meine Begünstigung derselben wenigstens einigermaßen entschuldbar erscheinen lassen. Lawrence Sutton war nicht immer ein achtbares Mitglied der Gesellschaft; er war ein wilder Junge, ein ausschweifender Jüngling und ein mehr als lockerer Mann gewesen. Seine Mutter liebte ihn, war aber nicht imstande ihn zu leiten, ungeachtet ihrer energischen und entschiedenen Sinnesart. Auch seines Stiefvaters Stellung und unbegrenzter Reichtum übten nicht den geringsten Einfluß auf die Beherrschung seiner Leidenschaften, denen er sich unter dem Einfluß einer zügellosen Gesellschaft mehr oder weniger hingab. Er schien ohne Ehrgeiz zu sein, und doch war er nicht unbegabt, nicht unedel oder gemein. Seine Mutter, in deren Gedanken nur wenige eingeweiht sind, sah der Sache wortlos zu; sein Stiefvater, der nicht der Mann war, ihn zur Besinnung bezüglich seiner Fehler zu bringen, ließ seinem Zorn freien Lauf und drohte, ihm die Tür zu weisen, tat es aber nie. So lebte er, von der besseren Gesellschaft gemieden, dahin, und gab keinerlei Aussicht auf Besserung, bis plötzlich – es ist jetzt ein Jahr her – die größte und merkwürdigste Aenderung in seinen Gewohnheiten und seiner ganzen Lebensweise Platz griff. Aus einem rücksichtslosen Gesellen wurde ein höflicher, aufmerksamer Gentleman, der für den Ehrenplatz in der Gesellschaft, den er verloren, lebhaftes Verständnis zeigte und sich eifrig bemühte, ihn wieder zu erringen. Seine Mutter, die stets alle Hoffnung auf ihren Jungen gesetzt hatte, schrieb natürlich diese wunderbare Umkehr zu mannhaftem und ehrenhaftem Wesen ihrem eigenen stillen Einfluß und ihrem unbeugsamen Vertrauen zu; aber ich wußte es besser; ich, der seit fünfundzwanzig Jahren in den Herzen der Menschen lese wie in einem offenen Buch, wußte, daß es etwas Neueres, Idealeres war, als irgendein Einfluß, den Frau Winchester zu üben imstande gewesen wäre, was diesen jungen Mann dazu gebracht hatte, eine Lebensweise von sich zu werfen, die ihm fast zur zweiten Natur geworden war.

Häufige und ausgedehnte Besuche in Herrn Winchesters Hause genügten nicht, um mich über das Geheimnis aufzuklären. Ich fand Herrn Sutton im Kreise seiner Familie, was ich seit Jahren nicht erlebt hatte; aber wie sollte ich diesen Umstand in Verbindung bringen mit der zeitweiligen Gegenwart des stillen jungen Mädchens ohne alle besonderen Reize, welches mir Frau Winchester einst ziemlich gleichgültig als Fräulein Irwin vorgestellt hatte? Und doch war dieses Mädchen mit dem gesenkten Blicke und dem sanften, fast unterwürfigen Auftreten die Macht, welche auf dieses Mannes Gemüt gewirkt und seine Neigungen förmlich umgewandelt hatte. Für ihn war sie die Offenbarung aller idealen und wünschenswerten Eigenschaften eines weiblichen Wesens; und in dem Augenblick, da er sie zuerst erblickte, faßte er, wie er mir später erklärte, den Entschluß, sie sich zum Weibe zu gewinnen, sollte es ihn auch den völligen Verzicht auf alle seine bisherigen höchst verwerflichen Lebensgewohnheiten kosten. Daß er diese Hoffnung still im Busen hegte und seine Eltern nicht ins Vertrauen zog, ist nicht zu verwundern. Frau Winchester sieht in Philippa ein dienendes Wesen, zu unbedeutend, um der Beachtung, geschweige denn der Bewunderung oder Furcht wert zu sein. Nichts, selbst nicht die Aenderung von ihres Sohnes Lebensweise würde sie je zu der Ueberzeugung gebracht haben, daß dieses Mädchen einen Einfluß besitze oder, falls der Glaube an einen solchen sich irgendwie ihr aufdrängte, daß ihm Eigenschaften und Tugenden, welche sie zur Achtung und Anerkennung nötigten, zugrunde lägen. Selbst eine hübsche, elegante, weltlich gesinnte Frau, schätzt sie nichts, was nicht auf eben diesen Eigenschaften beruhte, und ich glaube wahrhaftig, sie würde ihren Sohn lieber wieder in sein altes Leben verfallen sehen, als daß er seine Erlösung daraus einer Quelle von so unbedeutender Erscheinung verdankte, die so ganz und gar nicht zu den Anschauungen paßt, die sie über die Aussichten ihres Sohnes und ihre eigene gesellschaftliche Stellung hegt.

Dies ist wenigstens das Urteil, das ich mir über sie gebildet habe, und dies die Erklärung, die der junge Sutton mir über sein Verhalten bei einer Besprechung gab, die ich vor etwa sechs Monaten mit ihm hatte. »Sie« – nämlich seine Mutter – »soll nichts davon wissen, was Philippa mir ist, bis sie sie als mein Weib an meiner Seite sieht,« sagte er damals zu mir. »Und ich rechne auf Ihre Mitwirkung hierzu,« fuhr er fort, »wenn ich durch Beharrlichkeit und wackeres Verhalten dieses reine, unbefleckte Wesen so weit gebracht habe, daß sie mir ihr Schicksal anvertrauen und mich zu dem machen will, was ich jetzt glaube wieder werden zu können, nämlich ein Mann mit höherem Lebenszweck, eifrigem Streben und einer achtbaren Stellung in der Gesellschaft.«

Solche Hoffnungen, ein solcher Entschluß und solche Gesinnung bei einem Mann seiner Art und mit seiner Vergangenheit konnten nicht verfehlen, meine Teilnahme zu erwecken. Eine Seele, die ich längst für verloren gehalten, hatte einen Antrieb zum Besseren gefunden, und wenn auch der Beweggrund dafür nicht eben der höchststehende war, so war er doch bedeutend genug, um die Hoffnung zu erwecken, daß die gute Sache schließlich zu dem Ziel führen werde, das ich nur herzlich für ihn wünschen konnte. Ich ging deshalb mit lebhaftem Anteil auf seine Pläne ein, und obwohl ich in ihn drang, keinerlei ernstlichen Schritt zu unternehmen, ohne sein Vorhaben wenigstens seiner Mutter mitzuteilen, so gab ich doch mein Versprechen, das ich auch gehalten habe, die beiden ehelich zu verbinden, wenn er mit Philippa zu mir käme, indem ich dabei im Vertrauen auf seinen verständigen Sinn und ihr Zartgefühl überzeugt war, daß der Erfolg ebenso sehr zugunsten der Ehre und des Glücks der Familie als ihnen beiden zur Freude und zum Glück ausfallen werde. Aber was Sie mir jetzt sagen, macht mich unsicher in der Richtung, wo ich dies niemals erwartet hätte. Die beiden stehen unter dem Verdacht irgendeiner Missetat – welcher Art, kann ich mir nicht denken – und Sie wissen darum; daraus geht hervor, daß der Verdacht ein dringender ist, der sie möglicherweise vor dem Strafgesetz verantwortlich macht.

Ich antwortete nicht darauf, denn ich hatte den Kopf voll Gedanken. Konnte es sein, daß diese reine und rührende Geschichte einer anscheinend wahren Liebe dazu bestimmt war, durch den Schatten des Verbrechens befleckt zu werden? Hatte Lawrence Sutton die Diamanten entwendet und wußte Philippa Irwin darum, oder handelte es sich dabei um einen Diebstahl gewöhnlicher Art?

Was meine Sorge noch vermehrt, fuhr der gute Geistliche fort, nachdem er einige Zeit darauf gewartet hatte, daß ich etwas sagen würde, das ist, daß manche meinen – und zwar Mitglieder seiner eigenen Familie –, die Aenderung in seinem Wesen, von der ich sprach, sei keine so durchgreifende, als ich behauptete. Sie versichern, er führe seine alten Gewohnheiten fort, nur im geheimen. Und sie wissen dies auch zu begründen; denn während er seinerzeit, d. h. im Anfang seiner Bekanntschaft mit Philippa, den Abend zu Hause zuzubringen pflegte, ist dies seit einigen Monaten nur noch am Sonntag abend der Fall, und er geht nach dem Abendessen wieder ebenso regelmäßig aus, wie in den Tagen seiner wildesten Ausschweifungen. Nur kommt er jetzt nicht mehr betrunken nach Hause, und seine Augen, sonst immer trüb und schwer, blicken jetzt hell und offen. Ich wünschte nur, wir wüßten, wo er seine Nächte zuzubringen pflegt.

Nun, wir werden es schon herausbekommen, versicherte ich ihm, indem ich aufstand und der Türe zuging, und wenn ich auch fürchte, daß das Ergebnis unseren Wünschen nicht ganz entsprechen wird, so will ich doch Ihrer Sorgen gedenken und sie morgen nach Möglichkeit erleichtern. Jetzt muß ich Ihnen gute Nacht wünschen, denn diese Sache leidet keinen Aufschub. Und nach einigen weiteren Worten des Dankes für seine Freundlichkeit verließ ich Herrn Randall und begab mich geradeswegs nach dem Winchesterschen Hause zurück.

Meine Erwägungen unterwegs waren nicht durchaus befriedigender Art. Befanden sich Herr Sutton und seine Braut im Besitze der Diamanten, so war nicht zu sagen, was das Paar tun und wohin es sich begeben würde; vielleicht trennten sich die beiden, so daß Hawkins mit seinem Witz zu Ende war und nicht mehr wußte, welchem von beiden er folgen sollte. Hatten sie die Diamanten nicht im Besitz, so war ich fest überzeugt, das Paar in dem Hause, vor dem ich stand, zu treffen. Allein so lieb mir das im Interesse des jungen Paares gewesen wäre, so war mir selbst dadurch wenig gedient; denn wenn sich die Juwelen nicht in ihren Händen befanden, wo steckten sie alsdann? Zurzeit jedenfalls nicht mehr im Winchesterschen Hause, davon war ich überzeugt.

So war es mir keineswegs leicht ums Herz, als ich die Klingel zog und, wiederum von Herrn Winchester empfangen, abermals die Räume betrat, die ein solches dunkles Geheimnis bargen.

Wir sind bereits zurück, waren seine eiligen Worte, die er mit fieberhafter Heftigkeit hervorstieß. Und Sie? Haben Sie die Steine?

Ich schüttelte den Kopf und trat eilig hinter ihm in das Empfangszimmer.

Aber Sie sind ihm nachgegangen? Sie wissen, wo er ist? Und Philippa? Was veranlaßte sie, gleichfalls auszugehen?

Warten Sie, sagte ich, sind sie schon zurück?

Wer? Lawrence und Philippa?

Jawohl.

Nein.

Dann fürchte ich, sie kommen auch nicht.

Sie? Warum nennen Sie die Namen der beiden zusammen?

Ich wurde der Antwort überhoben. Ich vernahm in diesem Augenblick draußen das wohlbekannte Zeichen meines Kollegen und gleichzeitig mit diesem ermutigenden Laut ein Geräusch des Schlüssels an der Haustür, das Herrn Suttons Rückkehr ankündigte.

Nein, rief ich, da sind sie, und da ich sicher bin, daß sie Ihnen eine Mitteilung zu machen haben, bei der die Gegenwart eines Fremden sie in Verlegenheit bringen würde, so will ich mich schnell für einen Augenblick zurückziehen. Damit faßte ich nach der Portiere hinter mir, schlug sie zur Seite und trat in den dunkeln Raum dahinter.

Herr Winchester machte keinen Versuch, mich zurückzuhalten; er war zu sehr erstaunt über den Anblick seines Stiefsohnes, der Philippa am Arm führend eintrat. Und ich, der ich ohne Ueberlegung in das nächste beste Versteck hineingestolpert war, das ich erspähen konnte, war ebenso überrascht, nicht über das, was ich sah, sondern über den Raum, worin ich mich befand; denn die Portiere schloß nicht etwa ein Zimmer ab, sondern verdeckte nur einen kleinen Nebenraum, und ich sah mich nun inmitten eines Haufens von Gerümpel und alten Bildern, wo ich Stellung nahm, um zu hören und zu sehen, was da kommen sollte.

Vater – es war Herr Sutton, der sprach – willst du die Mutter herunterkommen lassen? Ich möchte ihr etwas sagen, ehe ich etwas anderes in diesem Hause tue.

Aber – aber, das geht doch deine Mutter nichts an, warf Herr Winchester eilig und mit nunmehr tief erregter Stimme dazwischen. Wenn du die Diamanten hast, so gib sie mir unverzüglich, und kein Wort soll je mehr darüber verloren werden. Ich bin nicht hart gegen junge Leute und –

Die Diamanten? Ich weiß nichts von den Diamanten, unterbrach der andere ungeduldig, was auffälliger schien, als wenn er sich entrüstet gezeigt hätte. Was ich sagen möchte, betrifft etwas ganz anderes. – Und dabei muß er wohl den Blick auf Philippa gerichtet haben, denn die Stimme des alten Herrn wurde ganz gellend, als er jetzt rief:

Was willst du sagen? Daß du und Philippa gute Freunde sind; daß sie dich nicht aus deiner Mutter Zimmer hat kommen sehen, kurz vorher, ehe die Diamanten fehlten; daß du ein Heiliger bist, wie jedermann weiß, und sie –?

Halt ein!

War das die Stimme eines Mannes, den das niedrigste aller Verbrechen befleckte? Ich schob die Portiere zur Seite und blickte hinaus. Wie ein Bild des Zornes stand er zwischen Herrn Winchester und der glühenden, strahlenden, wie umgewandelten Philippa.

Wenn du von ihr sprichst, rief er und ließ dabei mit dem Stolz glücklich errungenen Besitzes seine Hand auf ihren Arm fallen, so sprichst du von meiner Frau.

Herr Winchester sank langsam zurück. Diese Ueberraschung war vielleicht allein imstande, seine Gedanken von den Juwelen abzulenken.

Deiner Frau? wiederholte er, und seine Augen wanderten langsam zu Philippas Angesicht, als finde er es schwer, eine so unerwartete Enthüllung zu fassen.

Herr Sutton benützte den Augenblick, um auf das Treppenhaus hinauszugehen.

Mutter, rief er, willst du herunterkommen?

Sie befand sich bereits auf dem Vorplatz, wie er ohne Zweifel bemerkte, denn er eilte zurück und nahm Philippa bei der Hand und stand noch so da, als die stattliche Frau in all dem Glanz ihres oben beschriebenen reichen Kleides über die Schwelle trat.

Mein Sohn! war ihr erstaunter Ausruf, an den sich sofort ein unverständlicher, halb unterdrückter Laut anschloß, als sie sah, wen er bei der Hand hielt, und bemerkte, mit welcher Glut er sie umfaßte und mit welchem Ausdruck er sie betrachtete. Was bedeutet dies? fragte sie endlich, wobei ihr Stolz mit einem Zorne rang, der erst im Entstehen war, aber furchtbar zu werden drohte.

Glück, so hoffe ich, war die sofortige Erwiderung; wo nicht, so bedeutet es doch wenigstens ein besseres Leben für mich und ein weniger niedriges und abhängiges für sie. Wir sind verheiratet, Mutter, und es ist mein Wunsch –

Er vollendete nicht. Bei dem Worte »verheiratet« wankte das hochmütige, mitten in dem Stolze ihrer Hoffnungen und ehrgeizigen Pläne getroffene Weib und stürzte, ehe man ihr beizuspringen vermochte, mit ihrem ergrauten aber doch königlichen Haupte derjenigen zu Füßen, die sie noch vor einer Stunde verschmäht haben würde, mit ihrer Person in irgendeine höhere Verbindung zu bringen als die leblosen Dinge um sie her, die ihrer Bequemlichkeit dienten.

Auf den Fall folgte zuerst ein heftiges Stimmengewirr, dann eine Stille und darauf ein plötzlicher Schrei, in dem sich Staunen und Triumph in solchem Maße mischten, daß ich kaum glauben konnte, er sei aus Herrn Winchesters Mund gekommen, bis ich infolge einer plötzlichen Wendung von Philippas herabgebeugter Gestalt sehen konnte, daß Frau Winchesters Kleid am Halse zurückgeschlagen war und an dem letzteren eine Kette von Edelsteinen strahlte, welche nach ihrem Glanz und ihrem Aussehen nur die von uns gesuchten sein konnten.

Das war die Krone aller Ueberraschungen dieses Abends.

Die Diamanten! die Diamanten! rief Herr Winchester, und unbekümmert um den noch ohnmächtigen Zustand seiner Frau öffnete er das Halsband und nahm es ihr ab, um es vor sich hinzuhalten und zu betrachten, als könnte er sein Glück kaum fassen.

Herr Sutton und Philippa warfen nur einen erstaunten Blick auf die Steine; dann wechselten sie einen Blick und machten sich daran, ihrer Mutter beizustehen.

Ich war am gründlichsten überrascht von allen.

Man brauchte nur wenige Minuten, um Frau Winchester wieder zu sich zu bringen; ich beschäftigte mich inzwischen damit, ihren Gatten zu beobachten. Er hatte die Steine in die Tasche gesteckt und betrachtete nun seine Frau mit einem halb finsteren, halb mitleidigen Blick. Aber bei ihrer ersten Bewegung war er voll Aufmerksamkeit für sie, während Herr Sutton und Philippa sich zurückzogen, als fürchteten sie sich, ihrem starren Auge zu begegnen. Ihre Gefühle waren begreiflich. Schrecklich war der Ausdruck, mit dem sie von dem Sofa, auf das man sie gelegt hatte, sich erhebend, alle ringsum anschaute. Aber plötzlich und ehe sie sprechen konnte, fühlte sie die Kühle an ihrem Hals, und während sie rasch ihre Hand darnach ausstreckte, ging eine große Veränderung mit ihr vor.

Wer – wer hat sich unterstanden? begann sie; aber hier begegnete sie dem Blick ihres Gatten; dies raubte ihr die Selbstbeherrschung; sie tastete nach einem Stuhl und ließ sich hineinfallen.

Wenn du nach deinen Juwelen suchst, bemerkte der Gatte, ich habe sie; es war eine eigentümliche Grille von dir, sie unter anstatt über dem Kleid zu tragen, dann zu vergessen, wohin du sie gebracht hattest, und dir zum Schluß einzubilden, sie seien gestohlen worden.

Sie erhob ihre schmale weiße Hand wie abwehrend, aber ihr herrischer Sinn schien gebrochen, und in ihren Augen schimmerte etwas wie Tränen.

Lawrence! rief sie mit gebrochener Stimme; was habe ich nicht für dich getan, und so belohnst du mich dafür!

Mutter, sagte der junge Mann, Philippas Hand fester fassend; konntest du eine bessere Belohnung dafür verlangen, als das neue Leben, das ich dir zeige? Vor einem Jahr noch war ich die Schande und der Kummer dieser Familie; die Welt hatte nur Verachtung und du nur mitleidige Duldung für mich. Heute kann ich durch alle Straßen gehen und brauche den Blick vor niemand niederzuschlagen; ich bin wieder ein Mann und diesem – diesem teuren Mädchen habe ich es zu danken. Ist das nicht genug, um dich die unbedeutenden Nachteile übersehen zu lassen, die wohl deinen Stolz verletzen, dein Herz dagegen nicht beeinflussen können?

Aber Frau Winchester war nicht darnach geartet, sich durch solche Ausführungen rühren zu lassen. Vielmehr schien es, als gäben sie ihr ihr früheres selbstbewußtes Wesen einigermaßen zurück.

Die Liebe deiner Mutter war also nicht hinreichend, um dir wieder zum Bewußtsein zu bringen, was du dir selbst und ihr schuldig warst? Meine Opfer, meine Teilnahme, meine Bemühungen, dich angesichts des Tadels der ganzen Welt zu stützen, das alles galt dir nichts. Da mußte erst so ein Zierpüppchen kommen und dir zulächeln, eine Kammerzofe, eine –

Mutter, unterbrach sie der Sohn diesmal in strengem Tone, Philippa ist eine Dame und ist außerdem meine Frau, nimmt also dieselbe gesellschaftliche Stellung ein wie du. Wir wollen nicht bitter, sondern dankbar sein. Für mich ist mit ihr ein Engel in mein Leben getreten. Klug war das nicht; aber wann wäre die Liebe jemals klug gewesen?

Frau Winchesters Züge verhärteten sich, und sie stieß ein verächtliches Lachen aus.

Ein Engel, der meinen Sturz verursacht hat, sagte sie. Wie kannst du glauben, daß hinfort zwischen mir und meinem Gatten noch irgendein Vertrauen herrschen könne, nachdem er entdeckt hat, daß ich ihn hintergangen habe, hintergangen aus Liebe zu dir?

Für mich?

Ja; du kannst mit meinem Herzen spielen, meinen Stolz für nichts achten, vor meinen Augen meine Kammerzofe heiraten, ohne dir Rechenschaft darüber zu geben, ob du dir alles dies herausnehmen konntest, ohne dich zu fragen, welchen Preis deine Mutter für deine Laster bezahlt hat, die du nicht einmal imstande warst, zum Danke für ihre Nachsicht zu bereuen und zu unterlassen.

Mutter, was meinst du damit? Ich verstehe dich gar nicht. Was für einen Preis hast du für meine Laster bezahlt?

Sie lächelte ironisch.

Es ist an der Zeit, daß du dafür einige Neugier an den Tag legst.

Dann fuhr sie mit einem Seitenblick auf ihren Gatten voll Bitterkeit und Verzweiflung fort:

Hast du dich jemals gefragt, woher das Geld kam, mit dem ich vor zwei Jahren deine Schulden in Paris bezahlt habe?

Nein – das heißt, ich setzte natürlich voraus, es komme aus deiner eigenen Tasche. Herr Winchester ist ein reicher Mann –

Und ich, seine Frau, muß deshalb eine reiche Frau sein! Nun ja, mag sein; aber selbst reiche Frauen haben nicht immer hunderttausend Franken zur Verfügung, und das war die Summe, die ich dir gab. Woher meinst du, daß ich sie bekam? Von ihm nicht, das zeigt sein Gesicht nur zu deutlich.

Woher denn, Mutter – woher denn? sag' es mir, denn ich –

Bei diesen Worten trat Herr Winchester einen Schritt vorwärts und mit leichenblassem Gesicht sagte er:

Sie soll nun auf meine Fragen antworten. Du hast deinem Sohn, diesem nichtswürdigen Menschen, vor zwei Jahren hunderttausend Franken gegeben?

Sie neigte das Haupt und zitterte dabei vor Aufregung.

Es war eine große Summe, fuhr er fort, eine große Summe! Es wundert mich nicht, daß du Anstand nahmst, mich darum zu bitten. Er hätte sie niemals bekommen, niemals. Ich staune, daß du einen Freund gefunden hast, der Lust hatte, so viel Geld zum Fenster hinauszuwerfen.

Es war ein Freund, murmelte sie. O, William, fuhr sie fort und ihre Stimme klang fast bittend, wir haben niemals Kinder gehabt, du weißt nicht, was es heißt, einen Sohn zu lieben. Ihn in Gefahr, in Schande oder Not zu sehen, ohne sich zu bemühen, ihm zu helfen, ist unmöglich. Du mußt einem Mutterherzen etwas zugute halten.

Aber dieses Geld – diese Tausende – wo, wo kamen sie her?

Sie errötete und ließ das Haupt sinken; aber bald hob sie es wieder in ihrem gewohnten Stolze und fragte nun ihrerseits: Herr Winchester, warum ließt du mich rufen, während ich mich für die Gesellschaft ankleidete, um mich zu fragen, ob ich meine Diamanten anzulegen gedenke – es würde dir Vergnügen machen; warum bemerktest du ferner, du möchtest sie anonym einem Händler zeigen?

Warum? Nun, weil – jetzt kam die Reihe an ihn, rot zu werden – ich sie eben gerne einem Händler zeigen möchte.

Und was hat ein Händler mit meinen Diamanten zu tun?

Nichts. Eine Grille von mir. Ich wollte mir einmal sagen lassen, was sie wert sind.

Weißt du es denn nicht?

Sie sprach ganz leise, und ihre Blicke brannten auf seinem Gesicht.

Nur annähernd – nur annähernd.

Sie ließ den Blick sinken, den sie auf ihn geheftet hatte, und trat einen Schritt näher, ohne sofort zu sprechen.

Was ist das? rief er. Warum zögerst du, auf meine Fragen zu antworten?

William, sagte sie, wäre es nicht richtiger, zu fragen, warum ich, eine ehrbare Frau, zu dem Auskunftsmittel gegriffen habe, meine eigenen Juwelen zu stehlen, um sie nicht in dritte Hand kommen zu lassen?

Vielleicht, murmelte er; doch will ich darauf nicht eingehen. Kein Weib trennt sich gerne von einem solchen Schmuck, sei es auch nur für wenige Tage.

Sie lachte.

Aber eine Frau versteigt sich nicht zu einer strafbaren Handlung, wobei sie sich polizeilichen Nachforschungen und den Zudringlichkeiten eines Detektivs aussetzt, lediglich um einen Schmuck, auch den kostbarsten, behalten zu dürfen. Dazu gehört ein anderer Beweggrund – die Furcht vor einem größeren Uebel, als jene es sind – die Angst vor dem Verlust der Liebe, des Vertrauens ihres Gatten – vor – vor –

Weib, was hast du getan? Was für ein Geheimnis steckt hinter all diesen Reden?

Nur ein kleines; ein ganz kleines. William, beharrst du dabei, die Steine morgen einem Händler zu zeigen?

Ja, um ihren Wert feststellen zu lassen.

Tue es lieber nicht.

Warum?

Weil er dir ins Gesicht lachen würde. William, die Steine sind falsch – falsch; nicht ein einziger Diamant ist darunter: alles Glas, wertloses Glas!

Ungläubig starrte er sie an; dann zog er das Halsband aus der Tasche und hielt es gegen das Licht. Der Glanz, den es ausstrahlte, schien ihn zu beruhigen.

Du treibst deinen Spott mit mir, meine Gnädige. Sieh nur, wie sie funkeln und das Licht zurückwerfen. Du wolltest sie nur nicht hergeben. Vielleicht bist du besorgt, ganz darum zu kommen.

Ich sage dir, sie sind falsch, beharrte sie. In Paris habe ich sie vertauscht; ich bekam hunderttausend Franken nebst diesen unechten Steinen für das Halsband. Wären sie nicht so meisterhaft gearbeitet gewesen, meinst du, ich würde den Versuch gewagt haben, sie ein ganzes Jahr lang in jeder Gesellschaft zu tragen?

Millicent, Millicent, ist das wahr? Er sah mehr als zornig, mehr als bekümmert aus. Sie selbst schien erstaunt über die Heftigkeit der Gemütsbewegungen, die ihre Erklärung bei ihm hervorgerufen.

Ja, gab sie zurück, es ist wahr. Und dabei richtete sie den Blick auf ihren Sohn, der beschämt und verwirrt neben seiner jungen Frau stand. Das habe ich für dich getan, erklärte sie. Während du Begeisterung und Wonne in Philippa Irwins Lächeln suchtest, trat ich vor die Augen der Welt mit einer Kette falscher Steine um den Hals und mit der Angst im Herzen vor einem Auftritt, wie wir ihn jetzt erleben, und wie er morgen noch schlimmer folgen wird.

Mutter –

Keine Worte jetzt! Ich bin fertig mit dir, Lawrence Sutton; jetzt will ich sehen, ob ich den Gatten ebenso verlieren soll, wie den Sohn.

Aber Herr Winchester war nicht in gefühlvoller Stimmung. Er hatte das blitzende Geschmeide von sich geworfen und stand mit verschlungenen Händen und zuckenden Brauen neben der Türschwelle. Während sie sprach, hatte er die Tür aufgerissen, und bei ihren letzten Worten warf er ihr nur noch einen Blick zu, um dann draußen auf dem Vorplatz zu verschwinden.

Sie blieb stehen, und machte keinen Versuch, ihm zu folgen.

Es ist die Täuschung, hörte ich sie murmeln. Aus ein paar Tausenden könnte er sich nicht so viel machen, und damit trat ein Zittern auf ihre stolze Lippen, ihre herrische Haltung brach zusammen und der Tür zuwankend streckte sie beide Hände von sich, als hätte sie alles vergessen außer der Liebe zu ihrem Gatten. William! schrie sie, William!

Aber ihr Sohn stand bereits zwischen ihr und der Tür.

Mutter, rief er, du sollst mich anhören. Wenn du mich auch für gleichgültig gehalten hast, so hat meine Schuld dir gegenüber doch schwer auf mir gelastet. Natürlich wußte ich nichts von dem Opfer, das du gebracht hast, um mir diese große Summe zu geben. Ich nahm an, sie komme, wie du mich selbst glauben ließest, von deinem Gatten; aber selbst so hat sie mich bedrückt, und ich hatte oft mit Angst daran gedacht, wie ich sie dir wieder erstatten sollte. Ich fand kein Mittel dazu. Aber um dir zu beweisen, daß meine Gewissensbisse sich nicht lediglich in bloßen Gedanken erschöpften, will ich dir nun das Geheimnis meiner Abwesenheit Abend für Abend enthüllen. Ich arbeite, Mutter, arbeite wie ein Sklave, um mir eine Stellung zu erringen, die mir einst den Unterhalt für mein Weib und außerdem eine hübsche Summe jedes Jahr für meine Mutter verschaffen wird. Und wenn in diesem Fall ich mir irgendeinen Luxus oder Philippa irgendwelchen Schmuck gestatte, bis derjenige ersetzt ist, von dem du dich mir zuliebe getrennt hast, dann magst du sagen, du seist fertig mit Lawrence Sutton; aber nicht jetzt, solange wirklich noch Hoffnung für ihn vorhanden ist, sich als deinen Sohn zu erweisen.

Aber die Schranke, die er zwischen ihnen beiden durch seine Heirat errichtet hatte, war zu gewaltig, um sich in einem Augenblick niederreißen zu lassen. Mit ein paar verächtlichen Worten des Abschieds verließ sie ihn und begab sich hinauf in ihr Zimmer.

Ich hoffte, sie würden ihr folgen und ich mein Gefängnis verlassen können; aber sie hatten einander zu viel zu sagen, zu viel Erklärungen zu geben. Ich sollte noch einer vertraulichen Unterredung anwohnen. Philippa, welche, sobald sie allein waren, eine ganz andere Haltung angenommen hatte, als in Frau Winchesters Gegenwart, wartete, bis bei ihrem Gatten das erste Gefühl der Kränkung sich etwas gelegt hatte, dann wandte sie sich zu ihm und zog ihn, seine beiden Hände in die ihrigen nehmend, neben sich auf das Sofa.

Lawrence, sagte sie mit einer nach dem eben vorübergegangenen leidenschaftlichen Auftritt unendlich gewinnenden weiblichen Sanftmut, glaubst du mir jemals vergeben zu können?

Vergeben, dir, dem Idol meines Herzens! Was soll ich dir vergeben? Den Trost für meine Vergangenheit, die Hoffnung für meine Zukunft?

Nein, nein, murmelte sie, daß ich dich geheiratet habe, daß ich –

Philippa, rief er, während er ihr Gesicht sanft erhob und ihr lang und ernst in die Augen blickte, du bist mein Weib. Die heiligen Worte, die uns vereint haben, sind kaum erst verklungen. Laß uns jenen Augenblick, der nie wieder zurückkehren wird, nicht durch irgendeine Silbe des Zweifels an der Vernünftigkeit oder dem glücklichen Erfolg unseres Schrittes entweihen! Laß uns die Wonne genießen, einander alles in allem zu sein und den Kummer, den wir später vielleicht in der Erkenntnis finden müssen, daß wir, um unser Glück zu begründen, anderen Enttäuschungen bereiten mußten, kommenden Stunden vorbehalten!

Aber – aber –, stammelte sie, du verstehst nicht; ich meine, daß ich dich heute abend so in aller Eile geheiratet habe, entgegen allen meinen Erklärungen und allen Entschlüssen, die ich gefaßt hatte.

Und du meinst, ich werde dich dafür tadeln? Mein Herz hat gehüpft vor Freude, als du mir auf dem Vorplatz ins Ohr flüstertest: »Ich bin bereit, Lawrence, bereit zu tun, um was du mich so oft und so dringend gebeten. Ich will heute abend vor den Altar mit dir treten, wenn es dir recht ist.«

O! rief sie, und Schamröte übergoß ihre Züge, die mit jedem weiteren Augenblick liebreicher wurden, so daß ich mich schließlich wunderte, nicht auf den ersten Blick gesehen zu haben, daß sie schön war. In jedem deiner Worte liegt ja ein Vorwurf; du bringst mir damit zum Bewußtsein, daß niemand so viel Treue und Liebe weniger verdient, als Philippa Irwin.

Philippa Sutton, Herzchen, verbesserte er lächelnd.

Diese Worte schienen sie betroffen zu machen. Sie schaute ihn einen Augenblick lang sehr ernst an.

Ja, stimmte sie bei. Was von Philippa Irwin vernünftig war, mag von Philippa Sutton nicht vernünftig sein. Aber Aufrichtigkeit ist stets vernünftig, und ich kann unser Zusammenleben nicht beginnen mit dem Schatten einer Falschheit im Herzen. Auf die Gefahr hin, deine Liebe zu verlieren, dich auf Nimmerwiederkehr von mir wenden zu sehen, muß ich frei und offen aus Herzensgrunde mit dir reden. Lawrence, ich würde dich heute abend nicht geheiratet haben – wäre das Verschwinden dieser Diamanten nicht daran schuld gewesen.

Philippa!

Ich weiß, ich weiß, ich hätte dir trauen sollen. Ich hätte sehen und fühlen sollen, daß du einer so niedrigen, schlechten Handlungsweise, wie mein Verdacht sie mir vorspiegelte, nicht fähig seiest. Aber, wie ich hinaufkam, während deine Mutter sich unten befand, hatte ich gesehen, wie du auf den Zehenspitzen in ihr Zimmer tratest und schon im nächsten Augenblick ebenso vorsichtig wieder herauskamst und dabei etwas Glänzendes in der Brust verbargst. Dies hatte ich gesehen, und wenn ich auch im Augenblick nichts dabei dachte: als ich sie aus dem hinteren Zimmer, in das ich getreten war, zurückkommen und an den Kaminrand treten sah, wo sie einen Augenblick stillstand und ihren Schmuckkasten betrachtete, um dann ans Fenster zu eilen und es aufzureißen, dann wieder auf den Vorplatz herauszustürzen mit dem Ruf, ein Dieb müsse von der Straße eingestiegen sein und sie mit fortgenommen haben, da geriet ich in Furcht und Zittern. Denn – das ist meine einzige Entschuldigung, Lawrence, ich konnte mir nicht träumen lassen, daß sie diesen Augenblick, wo sie sich am Kamin aufhielt, sich zunutze gemacht hatte, um den Schmuck aus dem Kasten zu nehmen und an ihrem Busen zu verstecken. Dies würde die Kenntnis von Tatsachen und Beweggründen vorausgesetzt haben, die mir notwendig fremd sein mußten. Sie war Frau und Mutter, die, wie ich glaubte, ihren Sohn gut kannte, während ich nichts weiter war, als ein einfaches, liebendes Mädchen. Aber sieh, das einzige Unrecht, wenn es sich überhaupt um ein solches handelt, hat sie selbst begangen, während du –

Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken, während ihr die Tränen kamen.

Einen Augenblick lang ließ er sie weinen; dann griff er mit einer langsamen, mechanischen Bewegung in seinen Busen und zog ein einfaches Armband aus silbernen Ringen hervor, das er ihr hinhielt.

Das ist es, was ich suchte, sagte er, und das habe ich mit herausgenommen. Ich hatte es auf dem Sofa liegen sehen, Philippa, als ich vor dem Essen drinnen war, meine Lippen brannten darnach, es zu küssen, und –

O Lawrence! rief sie aus, mein Armband! Dann verstummte sie, während er den Blick mit einem stummen Vorwurf auf ihre Züge heftete, der ihr sichtlich tief ins Herz schnitt. Schließlich vermochte sie es nicht länger zu ertragen; sie erhob ihr Haupt und richtete einen Blick auf ihn. Dies schien ihn wieder zu sich selbst zu bringen. Er faßte ihre Hand und sprach nur die wenigen inhaltschweren Worte: Und trotzdem bist du mein Weib geworden!

Die Blässe ihrer Wangen machte nun einer Röte Platz, die sie mit bestrickendem Reiz übergoß.

Ich bitte dich, versetzte sie leise. Ich wußte, oder hatte mir wenigstens sagen lassen, daß die Frau nicht als Zeugin gegen ihren Mann aufgerufen werden könne.

Mit einem plötzlichen Ausruf schloß er sie leidenschaftlich in die Arme. Er sagte ihr nicht, daß diese Gesetzesbestimmung längst nicht mehr in Geltung stehe; er flüsterte ihr nur Worte der Liebe und des Trostes zu, und als sie zehn Minuten darauf das Zimmer verließen, und ich endlich imstande war, aus meinem Versteck und aus dem Hause zu entrinnen, nahm ich die Ueberzeugung mit, daß ich zwei edle Herzen verließ, deren Glück – wenn auch nicht im äußerlichen Sinne des Wortes – gesichert war.

Als ich den Verlauf der Geschichte Herrn Gryce erzählte, brach er in ein herzliches Lachen aus und meinte:

»Manchmal ist der Zufall der beste Detektiv.«

»Auf jeden Fall,« setzte er nach einem Augenblick des Nachdenkens hinzu, »beruhigen Sie den guten Randall über die Ehrenhaftigkeit seines Schützlings!«

In aller Frühe sandte ich am nächsten Morgen ein paar Zeilen an Herrn Randall, die jeden Zweifel an Herrn Suttons Ehrlichkeit und aufrichtiger Sinnesänderung, den er noch hegen mochte, endgültig beseitigten. Mit Erfüllung dieser Pflicht hielt ich die Geschichte für beendet, soweit sie die Außenwelt anging. Aber das war nicht der Fall. Kaum waren drei Tage verflossen, als die Gesellschafts- und die Geschäftswelt Neuyorks in Staunen und Bestürzung versetzt wurde durch die Kunde, daß Herr Winchester mit Hinterlassung ungeheurer Schulden und ohne irgendwelche Mittel zu deren Deckung aus der Stadt verschwunden sei. Jetzt erst begriff ich seine leidenschaftliche Angst wegen der Diamanten. Einem Mann, der am Rande des Ruins schwebt, mögen fünfundzwanzigtausend Dollars wohl als Rettungsanker erscheinen. Jedenfalls ist es eine runde Summe, mit der man sich leichter aus dem Staube macht, und so mußte ihr Verlust ein schwerer Schlag für ihn sein. Seine Gattin, mit ihrem stark ausgeprägten Hochmut, erholte sich nie mehr von dem Stoß, den dieser Vorfall ihr versetzte. Als der letzte Wagen von dem Hause wegfuhr, das sie nun verlassen mußte, war ihr unbeugsamer Sinn gebrochen, und das geknickte, gebeugte Weib mußte sich zuletzt dazu verstehen, ihr Heim bei dem Sohne, den sie verstoßen, und bei dessen Frau aufzuschlagen, auf die sie einst so hochmütig herabgesehen.




Endnoten

1 Sprich Grais

2 Beruhigen Sie sich, meine Freundin, er liebt Sie und sucht nach Ihnen. In vier Stunden werden Sie glücklich sein. Nur Mut, und vor allem bewahren Sie Ihre Selbstbeherrschung.