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Arnold Hagenauer – Das Ende der Salome

Novelle

Arnold Hagenauer, Das Ende der Salome, Hans Hübner Verlag, Hannover, 1916


Die kleine Indierin, von den Ufern des Ganges hinweg geraubt und auf einem Sklavenmarkte in Paphlagonien verkauft, saß ganz zusammengekauert auf einem Ziegenfell und sang mit tiefer Stimme. Sie sang leise und gedämpft, fast müde. Zwischen ihren spitzen, braunen Knien hielt sie das Ravanastron, und wenn sie mit dem Bogen aus Weidenholz über die drei Seiten des Instrumentes strich, vermählte sich ein dunkler, klagender Laut mit den wehmütigen Klängen ihrer Mädchenstimme. Als schluchze ein rauher Berghirt, ungeschlacht und roh, unerfüllte Begierde und rauhen Zorn aus klammer Brust. Sie sang ein Lied ihrer Heimat, ein Lied, wie es die Töchter der Bergstämme singen, wenn sie in heißen Vollmondnächten herabsteigen, um zwischen den Wasserlilien in dem heiligen Strome zu baden, und ihre Glieder mit frommem Schauer in die grünen Stengeln der Lotosblumen verstricken, der heiligen Wasserrosen, der Schwestern der Himmelsleuchten, die morgens mit der Sonne der Flut enttauchen und abends schweigend und geheimnisvoll in ihren Schoß zurücksinken oder mit einbrechender Nacht dem Mond ihre keuschen Blütenkelche erschließen. Sie sang ein kleines, dummes Mädchenlied von dem großen Elefanten, der über den Tempelteich nach der heiligen Elefantenkuh brüllt, von den bunten Waldpfauen, die in eitlen und geilen Tänzen um ihre Weibchen buhlen, von den wilden, gurrenden Tauben in den Wipfeln der rispenblütigen Mangobäume und von dem Jäger, der die Waffen nicht mehr gebraucht, dessen schlanke und kühne Augenbrauen jetzt seine Bogen sind, und dessen Seitenblicke die kleinen, windschnellen, scharfen Pfeile, mit denen er statt nach der Gazelle nach einem sehnsuchtskranken Mädchenherzen zielt.

Ein schriller Klang schreckte sie aus ihren Träumereien. Aus dem attischen Portikus, der mit dicken, gelben Seidenvorhängen verhangen war, kam der befehlshaberische Laut, und die Sklavin wußte gut, wer die scheckige Marmorkugel in das silberne Becken geworfen hatte. Es war die Stunde, in der sie ihres Amtes walten mußte, der Fürstin die goldroten Haare mit kleinen Kämmen aus Schildpatt und Bernstein zu strählen. Zuerst mußte sie aber die Haare von den goldenen Stäben abwickeln, über die sie des Nachts gebunden waren, damit der herrliche Glanz dieser leuchtenden Flut immer neue Nahrung erhalte. Die Königin schrieb dem lauteren Golde allein die Macht zu, ihrem Haupte jene schimmernde Aureole zu verleihen, die von königlichem Blute oder von göttlicher Abstammung Zeugnis ablegt.

Lautlos, als entstamme sie dem Geschlechte der Katzen, schlüpfte die Indierin zwischen den schweren Geweben hindurch. Die Seide, noch kühl von den Schatten der verflossenen Nacht und den Lüften eines taufrischen Morgens strich sanft über ihre warmen braunen Glieder.

Ranavadratana war aus einem Lande, das seine Fürsten mit göttlichen Ehren umgab, in dem nur wenige Große mit niedergesenkten Blicken den Söhnen ihrer Götter nahen durften, und in dem sonst niemand den Herrscher je zu Gesicht bekam, denn schon von weitem kündeten erzene Tuben und große Stierhörner sein Kommen an, und alles Volk sank anbetend mit dem Gesichte in den Staub und küßte die ungeschlachten Stapfen des Staatselefanten, dessen Zähne vergoldet, dessen Ohrmuscheln innen mit dem Saft der Purpurschnecke gefärbt und mit goldenen Ringen geschmückt waren, und der durch seine Last selbst zum geheiligten Tiere wurde.

Allein die Sklavin fürchtete sich nicht. Denn ihre Herrin war milde und gütig und behandelte die arme Heimatlose mehr wie eine kleine Spielkameradin, denn ein Geschöpf, das, seiner Menschenwürde beraubt, zur Ware herabgewürdigt worden.

Die Fürstin lächelte dem Kommen ihrer Dienerin freundlich entgegen. Sie war eine ungemein schöne Frau. Ihre Haut war von außerordentlicher Weiße; ganz fein wie bei köstlichem Marmor schimmerte das Geäst der Adern an den Schläfen und den schmalen Händen mit den glänzenden Nägeln hindurch. Ihre Nase war gerade und ungewöhnlich fein gesattelt, die Augen dunkel und groß, hoch die Stirn.

Auf einem Ruhebette hatte sich die Herrin in halb liegender Stellung niedergelassen. In kupfernen Vasen blühten sehr viele Jasminzweige. Die standen allüberall herum, auf den Simsen, auf kleinen Tischen aus Citrusholz, selbst auf dem Estrich, der aus bunten Steinen mit hoher Kunst gefugt worden. Einen länglichen Raum teilten helle Porphyrsäulen, um ihre Basen liefen mit Kissen bedeckte Ruhebänke. Von der Rückseite fiel das Licht durch einen offenen Schacht auf eine Wand, aus der bunte, in lebhaften Farben gemalte Schmetterlinge um eine riesige Blumenvase gaukelten, strömte von dort in den Wohnraum, ließ den Fries hell aufleuchten, in dem eine Schar flötenspielender Epheben neben bauschgewandigen, Cymbal und Tambourin schlagenden Tänzerinnen einherschritt. Zwei nackte Jünglinge führten einen sich sträubenden, schnaubenden Stier, vor einem Dreifuß goß eine Priesterin die Libation in die Flamme. Die sonst unbekleidete Wand flimmerte kristallisch auf. Es war sehr still, nur irgendwo in einer Nische gluckste eine Wasseruhr.

Die Zofe begann ihr Werk. Sie kniete dabei hinter dem Ruhebett auf einem niederen Gurtenstuhl.

Die Fürstin griff mit schlanken Fingern in die Onyxschale. Es war eine Schale aus einem Stück, sie war nicht sehr tief und hatte am oberen Rande ein gebuckeltes Silberband. Zwischen den einzelnen Buckeln waren große, blaue Steine eingelassen, die die Armenier brachten, wenn sie aus Persien zurückkamen. Sie trugen sie in Beuteln aus Ziegenfell um den Hals und erzählten, daß man sie am Grunde von Mergelgruben fände, aber sie würden von grünen Schlangen bewacht, die Kronen auf den Häuptern trügen und nach jedem, der nach ihrem Gute taste, mit feurigen Zungen stächen. Wen sie aber verletzten, der sterbe allsogleich.

In dieser Schale lagen ihre goldenen Gewandösen und dünne kupferne Plättchen mit aramäischen Schriftzeichen, Amulette gegen Verwünschungen und den bösen Blick, die sollte man verborgen am Busen tragen oder in einer Falte des Kleides. Ihre Mutter hatte sie ihr mitgegeben, jedes einzelne eingenäht in ein seidenes Säckchen, und jedes Säckchen hatte eine andere Farbe. Einst wußte sie auch, was das zu bedeuten habe, denn für jeden Neumond im Jahre war ein eigen Täfelchen bestimmt, weil sich die bösen Geister in ihren Einflüssen mit jedem Mondwechsel veränderten. Heute wußte sie es nicht mehr. Aber sie zog ihre Finger vorsichtig, beinahe ängstlich, zurück, da sie das kühle Metall berührten. Es schauderte sie fast, und als ob es sie fröstle, zog sie den spinnwebdünnen indischen Schal fester um die Schultern. Immer war das so. Immer, wenn ihr diese Schriftzeichen unterkamen, die sie nicht lesen konnte und die sie nicht verstand, die ihr aber ein Unbehagen einflößten, wie alles, dem der Mensch geheime Kräfte beimißt. Dann sah sie ihre Mutter in einem violetten Schleppkleid, über das ein zimmetfarbener Mantel herabwallte, der mit kleinen Halbmonden bestickt war, zwischen denen Bienen mit ausgespreizten Flügeln zu schweben schienen, als suchten sie Seim, und als wären die Gestirne Blumen der Nacht. Immer sah sie sie so irgendwo an einer Stelle des Gemaches stehen, meistens an die Holzsäule gelehnt, die im Kapitäl die vier Stierhäupter aufwies, nach jeder Himmelsrichtung eines, weiß die nach Süd und Ost, schwarz die nach Nord und West, jene mit geschlossenen Mäulern, diese jedoch schienen zu brüllen. Man erzählte sich, daß zu gewissen Zeiten von ihnen ein Dampf ausgehe, aber wer dies sähe, dem stünde binnen kurzem ein Unheil bevor.

Die Fürstin schloß die Augen. Und da war es ihr, sie sei wieder ein kleines Mägdlein, und es war um die Zeit, in der die Juden in grünen Hütten aus Laub und Gras sich gütlich taten an allerlei Schmaus und Trank und dabei oft so laut schrieen und ineinander hineinredeten, daß man es von der Stadt her bis auf die Gartenterrasse hören konnte, unter den Granatbäumen bei der großen Porphyrwanne, die der Cäsar ihrem Oheim und Stiefvater geschenkt. Darin badete der üppige Fürst oft in lauem Zederöl, denn er fürchtete den Aussatz. Und es war um jene Zeit – der Zahl der Jahre, die darob von hinnen gegangen, entsann sie sich nicht mehr – da saß sie an einem Abend, an dem der Mond zeitig mit vollem Licht über den Himmel dahinzog, vor ihrem Bettlein und spielte mit ihren indischen Puppen auf dem Seidenteppich, in den der Tanz der Horen mit großer Kunst eingewirkt worden. Ihre Amme, die braunschwarze, vollbusige Äthiopierin folgte stumm jeder ihrer Bewegungen mit ihren Augen, die gleich den Augen von Götzenbildern waren, starr und unwirklich mit einem Glanz wie von geschliffenen Steinen. Und an der Türe, die mit an Schnüren aufgereihten, bunten Glasflußperlen verhangen war, standen Nahab, der Großeunuch und ein bärtiger Leibwächter und warteten, bis die Prinzessin des Spielens satt und des Schlafes froh würde. Da kamen die Gewandfrauen der Fürstin herein und raunten der Amme etwas ins Ohr. Die erhob sich, raffte die Puppen auf und flüsterte ihr zu, sie solle hübsch folgsam sein und vor dem Vierfürsten erscheinen, der ihrer begehre, damit sie den Tanz der Biene tanze, denn er feiere ein Fest. Dafür dürfe sie verlangen, wonach ihr Herz begehre. Und gleich fiel ihr der Goldfasan ein, der mit purpurnen Ständern einherstelzte und ein Gefieder trug, auf das der griechische Hofpoet ein Gedicht gemacht hatte, für das ihm Herodes einen reichgeschirrten Reitesel verehrte, denn Hermodias von Kos war nicht gut bei Fuß und reisete jährlich in den Libanon, um in heißer Quelle zu baden. Den Goldfasan wollte sie allsogleich begehren. Vorerst aber bettelte sie um einen Apfel, den man ihr, in Wein schwimmend, in einem großen Kristallbecher darbot. Und während sie herzhaft hineinbiß, zogen sie die Gewandfrauen aus, gossen wohlriechende Salben über sie, besprengten ihr Haar und durchflochten es mit Blüten. Dann steckten sie Ringe an ihre Finger und Armbänder um ihre Fußgelenke und hüllten sie in durchsichtige, ganz feine Schleier, setzten sie in eine Sänfte und ließen sie also vor den Fürsten bringen. Der sprach sie wohlwollend und liebreich an und wollte sie streicheln, aber sie wich ein klein wenig zurück, denn er hatte eine haarige Hand und sah sie mit seinen großen Augen gar seltsam an. Die waren aber nicht wie die Augen des Nahab oder wie die der Amme, oder wie ihre eigenen, wenn sie sich im Spiegel besah, sondern sie waren wie die Augen von Gaisen, denn das Schwarze war nicht rund, sondern wie der Kern einer Mandel, wenn man sie zwischen Spitze und Rundung mit den Fingern faßt. Und er sagte ihr alles zu, wessen ihr Herz wünschig sei. Als sie nun ihre Bitte um den Fasan vorbringen wollte, da erhob sich aus einem mit Pardelfellen überhangenen Armstuhl ihre Mutter, und ihre Stimme klang wie ein harter Befehl. Sie möge nichts anderes fordern als den Kopf des Johannes. Da tat es ihr leid um den Fasan, denn sie wußte nicht, was das für ein Kopf sei, und vermeinte, warum war ihr niemals klar geworden, es sei eines großen Fisches Haupt. Sie wollte aber dergleichen nicht, doch gehorchte sie und nahm sich vor, den Vierfürsten ein andermal um den schönen, bunten Vogel zu bitten. Und also tanzte sie. Und nachdem sie geendigt hatte und von ihren Dienerinnen in Empfang genommen worden war, sah sie, wie der Fürst heftig und widerwillig auf ihre Mutter einsprach. Die aber stieß mit ihrem Elfenbeinstab gar hart auf den Boden und rief laut, sie habe eines Königs Wort. Da winkte er einem Manne zu, der nichts trug als einen roten Lendenschurz. Der lief eilig fort. Als man sie aber durch den Säulenhof an der alten Zisterne vorbeitrug, die mit einem kupfernen Gitter umschlossen war, und der niemand nahen durfte, sah sie den Mann mit dem Lendenschurz heraussteigen. Der trug eine Schüssel, und darauf lag eines Mannes abgeschlagen blutig Haupt.

Als sie nun vor ihrem Bettlein stand, wußte sie nicht, wie ihr geschehen war, und hub an gar bitterlich zu weinen, denn sie hatte sich so sehr auf den Goldfasan gefreut, und ihr wurde grausig zu Mute, wenn sie an den blutigen Kopf dachte. Sie hätte gerne gewußt, ob dies ein Verbrecher oder ein gefangener Fürst sei, der sich etwa gegen ihren Vater empört hätte. Aber nie wieder sprachen der König oder ihre Mutter ein Wort davon zu ihr, und danach zu fragen, getraute sie sich nicht.

Dann vergaß sie allgemach dessen, je mehr Zeit darüber hinwegging. Nur in dunklen Nächten, wenn sich der Mond in ihr Zimmer stahl und der Wind die Vorhänge vor ihrem Lager rauschen machte, oder wenn in den Zypressen der Gärten ein Vogel schrie und sie aus dem Schlummer weckte, war es ihr noch manches Mal, als würde rasch an ihr auf einer Schüssel ein blutiger Kopf vorbeigetragen.

Sie wurde älter und verließ die Frauengemächer seltener. Den Vierfürsten bekam sie fast nie mehr zu Gesichte. Ihre Mutter alterte entsetzlich. Ihr Haar war schlohweiß geworden, ihre Wangen schlapp und faltig, ihre Augen lagen tief in den Höhlen. Sie ging nur mehr dicht in dunkle Schleier verhüllt gleich einer Witwe und hatte allen Schmuck von sich abgetan. Nur am Zeigefinger der rechten Hand trug sie einen bleiernen Ring, auf dem ein Lamm eingegraben war. Ein galiläischer Gaukler hatte ihr den wertlosen Reif aufgeschwatzt, er sei ein inhaltsschweres Sinnbild und banne die Dämonen, die sich in die Träume der Menschen einschleichen und sie erschrecken und verwirren. Und schwere Träume mußte ihre Mutter gehabt haben. Oft schrie sie derart laut auf, als habe sie den Todesengel mit ihren leiblichen Augen geschaut, den schrecklichen, mit den Fittichen aus Erz und den furchtbaren Augen, die wie die Meere des Verderbens sind. Wenn aber nun alle die Frauen und Dienerinnen herbeieilten, so winkte sie nur stumm und mit ängstlicher Hast, man möge sie allein lassen. Nur einmal, ein einzigmal tat sie den Mund auf und rief man müsse allsogleich die Zysterne verschütten, denn der Prophet steige Nächtens daraus hervor und wolle ihren Untergang vorbereiten. Niemand unter all den Frauen, die fast nie aus ihren Gemächern herauskamen und sehr töricht waren, wußte, was die Fürstin mit diesen Worten meine, nur ihr ahnte, damit müsse es eine besondere Bewandtnis haben, und seitdem dachte sie wieder zu Zeiten des Mannes, dem sie den Tod gebracht, ohne es im geringsten zu wollen. So kam die Zeit heran, in der sie dem Tetrarchen Herodes Philippos, dem Sohne Herodes des Großen und der ägyptischen Kleopatra, angetraut wurde, und, nachdem sie frühzeitig Witwe geworden war, die Werbung des Königs von Kleinarmenien annahm, Aristobulos, des Herodes von Chalcis Sohn, wie sie ein Sproß der Hasmonäer.

Da war die Indierin mit dem Kämmen und Flechten des Haares fertig geworden, sprang hurtig von dem Stühlchen herunter und legte ihrer Herrin das goldene Stirnband um, das mit den zwölf Monatssteinen geschmückt war. Dann kreuzte sie die hageren, sehnigen Arme über der Brust, berührte mit der Stirn fast den Boden und ging nach der Sitte ihres Landes rücklings hinaus, erst hinter dem Vorhang sich wendend.

Zur selben Zeit traten von der Morgensonne her der König und Menexenos, der Zeremonienmeister des kleinarmenischen Hofes, ein spindeldürres, verhutzeltes Männchen, in das Ankleidegemach der Königin ein. Aristobulos war abstoßend häßlich. In einem sommersprossigen und pickeligen Gesicht erhob sich eine breite fleischige Stumpfnase über wulstigen Lippen, die arg gelichtete Zahnstummel bedeckten. Sein Schädel war kahl, sein Nacken feist und gedrungen, die rechte Schulter etwas erhöht. Ein ungeheuerlicher Bauch hinderte ihn am würdevollen Schreiten, denn seine Füße waren zu kurz und, von den Knien abwärts, übermäßig nach außen gebogen. Dabei war seine Gewandung mit barbarischem Prunk überladen, er selbst mit Kugelketten aus Steinen von allen Farben über und über behangen.

Der König war sehr zärtlich zu seiner Frau. Er tätschelte ihr Knie und Wangen und zeigte ihr die neuen Silbermünzen, die sein und ihr Bildnis trugen. Dann überschüttete er sie mit einem Schwall von Worten, nannte sie seine langschnäbelige Taube und sein Purpurhuhn und teilte ihr mit, der Gesandte des römischen Kaisers Junius Aurelius Victor sei heute morgen in ihrer Hauptstadt Mophuhestia angekommen, und er wolle ihm zu Ehren ein großes Fest veranstalten. Dann bat er seine Gattin in süßen Worten, sich erlesen zu kleiden und königlich zu schmücken und meinte, jetzt müsse er aber fort, denn es seien der Vorbereitungen noch gar viele zu treffen.

Als Salome wieder allein war, seufzte sie leise auf und rief die Indierin.

»Rana, ich langweile mich, man soll mir meine beiden Katzen bringen, die weiße und die graue, ich habe sie heute noch nicht gesehen.«

Man brachte in einem Weidenkorbe die mit Bändern geputzten Katzen, die sich sofort auf die Polster des Ruhebettes setzten und mit ihren Pfoten nach der grünseidenen Schnur haschten, die ihre Frau vor ihren erstaunten, lauernden Augen auf und niedertanzen ließ.

Nach einer Weile:

»Rana, hole den kleinen Dschemenian, den Sohn des Torwächters. Wie lange ich ihn doch nicht gesehen habe. Er war so krank, seit ihn im Walde die böse Schlange gebissen, sein Fuß war blau angelaufen und so dick wie der eines Elefanten und schon ganz kalt. Und kein Mittel nützte, selbst der Leibarzt des Königs gab ihn verloren, bis wir beide ihn hieher trugen und ihn pflegten Tag und Nacht, ihm Salben auflegten, die mich noch Rabbi Arje zu bereiten lehrte, der Hochweise, sein Name sei gepriesen. Ich möchte ihn sehen, mit ihm spielen, ihm eine Geschichte erzählen. Ich weiß eine sehr schöne Geschichte, die ich in einem griechischen Fabelbuche las, das mir der König von Pergamon verehrte.«

So wurde das Kind herbeigebracht, aber es war kein schöner Anblick. Sein Gesicht war abgezehrt, und das eine Bein zog es lahmend nach, als es Rana behutsam vor die Fürstin führte.

Diese sah unwillig aus.

»Seit wir den Knaben von uns gelassen, der König wollte es so, sieht er wieder elend aus. Wo fandest du ihn, Rana?«

»Im äußern Palasthof, allein auf einem Steine in der Sonne sitzend.«

»Sieh', der Lappen an seinem Fuß ist beschmutzt und feucht. Die Wunde eitert noch immer. Wir wollen ihn baden und ihm von der Salbe geben, die ich in dem kleinen Schränkchen zu Häupten meines Bettes verwahre. Hole sie und laß dir ein Becken mit lauem Wasser reichen. Und bring ihm einen Pfirsich mit, einen ganz weichen, und vergiß auch der neuen Binden nicht.«

Salome nahm den Knaben behutsam auf ihren Schoß und verscheuchte die Katzen, die noch immer, jetzt mit einer Hasenpfote spielend, auf dem Kissen herumlagen.

Als die Sklavin mit der Frucht und dem Verbandzeug zurückgekehrt war und daran ging die Wunde zu reinigen und zu verbinden, wollte ihn seine Beschützerin zerstreuen, damit er des Schmerzes weniger achte und sich fein still gehabe.

»Wenn du sehr artig sein wirst und nicht weinen willst, so werde ich dir eine Geschichte erzählen von einer Katze, einer grauen Katze, wie die, die du vorhin gesehen hast, und dem Fuchs.«

– – –?

»Dem Fuchs, ja dem Fuchs, der draußen auf dem Berge haust und deinem Vater die Hühner stahl, als sie wegliefen auf die Straße hinaus. Also hör' gut zu.«

»Am Rande eines Waldes begegnete ein Fuchs einer Katze und hub an mit ihr zu reden:

»Ich grüße dich, Schwester, ich grüße dich.«

Die Katze schnurrte:

»Heil sei mit dir.«

Der Fuchs sprach: »Was kannst du?«

»Ach«, sagte da die Katze, »ich kann nur ein bißchen springen.«

»Bei meinem Kopf, so wird dein Leben nicht allzu lang dauern, denn wie ich vernehme, bist du unweise in allen Dingen.«

Die Katze erwiderte: »Ach ja, Herr Fuchs, es verhält sich so, wie du sagst. Aber nun bitte ich dich, sei so gut und sage mir, wieviel Künste du kannst.«

»O«, prahlte der Fuchs, »ich kann tausend Künste, und eine jede kann mir mein Leben retten und mich für immerdar von Angst und Sorgen ganz und gar befreien.«

Da sprach die Katze: »So gebührt dir billig langes Leben und ewiges Heil, da du so weise bist.«

Als sie so miteinander eine Weile geredet hatten, sprach die Katze zum Fuchsen:

»Bruder, ich sehe dort einen Menschen zu Pferde daherkommen, hinter dem laufen zwei böse Hunde, die unser beide Feinde sind.«

Der Fuchs höhnte: »Katze, du weißt nicht, was du sagst, denn du bist töricht und feige, darum sprichst du so. Aber wenn es auch wahr wäre, so brauchte ich mich darum doch nicht im geringsten zu fürchten.«

Als aber der Reiter herankam, sahen die Hunde den Fuchs und die Katze und fingen an schnell, schnell auf sie loszulaufen.

Und sie hatten das Maul voll Schaum, und die langen roten Zungen hingen ihnen bis zur Erde herab, und sie wiesen die Zähne und bellten furchtbar, als ob sie beide zerreißen wollten.

Wie nun der Fuchs die Hunde kommen sah, da fing er an sich zu fürchten und sprach zur Katze:

»Komm schnell, wir wollen fliehen.«

Die Katze sagte: »Es tut nicht not.«

Der Fuchs sprach: »Fürwahr, es wird sehr nötig, wie ich sehe.«

Die Katze sagte: »Nun kann es schon sein, daß es not tut. Drum sieh dich vor, ich will für mich schon allein sorgen.«

Da waren die Hunde auch schon ganz nahe, und nun ergriffen sie beide die Flucht. Die Katze lief schnurstracks auf einen hohen Baum zu, auf den kletterte sie eilig hinauf, und nun war sie aller Sorgen ledig. Den Fuchs aber erspähten die Hunde und setzten ihm sogleich mit aller Gewalt nach, und er lief und lief, was er nur laufen konnte.

Die Katze aber war geborgen und lachte den Fuchs aus und rief ihm vom Baum herab zu: »Ei, Fuchs, jetzt such' dir eine von den vielen Künsten, die du kannst.«

Der arme Fuchs wußte sich keinen Rat und konnte nur immerzu laufen. Aber die Hunde waren schneller und packten und zerrissen ihn in lauter kleine Stücke.

Aber die Katze lief nach Haus und leckte die Schüssel und den Milchtopf aus.«

Die Indierin hatte inzwischen die Wunde gereinigt und nahm den Knaben ihrer Herrin vom Schoß in ihre Arme. Da wollte er zu weinen anheben, aber die Fürstin tröstete ihn:

»Laß dich nur von Rana nach Hause tragen. Und wenn du nicht weinst, wird sie dir bunte Kugeln und kleine, süße Honigkuchen bringen.«

Nachdem sich die Sklavin ihres Auftrages erledigt hatte, meinte sie betrübt:

»Wenn auch Dschemenian mit dem Leben davonkommt, so wird er doch seine geraden Glieder einbüßen. Das eine Bein wird lahm bleiben, und er wird es immer nachschleifen. Und ist doch ein einzig Kind. Sie haben kein anderes.«

Die Königin fuhr sich leise über die weiße hohe Stirn. Sie schien zerstreut:

»Lahm oder nicht! Was verschlägt's? Er ist ihr Kind.«

Der Abend kam.

Als man die silbernen Lampen an den Wänden aufhing, huschten große Nachtfalter in das Gemach. Einer umkreiste einen nackten Knaben aus Elfenbein, der einen Fackelträger darstellte. Er hatte schwarze Flügel mit breiten, schillernden Ringen an der Unterseite. Immer mehr von dem Lichte der Wachsfackel angezogen, ward sein Flug um so stürmischer und verblendeter. Er prallte mit dem Kopf an dem Gesichte der Statue an und fiel zuckend auf die Erde hin. Die Fürstin befahl Rana, ihr das Tier zu bringen. Als sie aber den weichen, warmen Körper in ihre Hand nahm, schrie sie laut auf und schleuderte ihn mit einer Gebärde des Abscheus und des Entsetzens weit von sich.

»Rana, er hat mich angesehen. Er hat blutrote Augen, er hat Augen wie Perlen, die in Blut gefallen sind. Mir wird weh ums Herz. Er hat mich beschrien. Mir ist, als kennte ich diese Augen, als hätte ich sie schon einmal gesehen. Es ist etwas Schreckliches um blutige Augen.«

Die Indierin faßte rasch den mittleren Finger der rechten Hand ihrer Herrin und streckte ihn gerade nach unten aus, dabei murmelte sie halblaut:

»Om! Anbetung Dir, Kâmâthya, welche allen Erfolg gibt! Jede Wirkung eines bösen Blickes, der mich getroffen hat, schadet nichts, entferne sie, entferne sie! Svâhâ! Königin der Asuras, zerstöre das Übel durch den bösen Blick! Phat! Svâhâ!«

»Herrin, du mußt so viel Salz und Dill schlucken, als du mit zwei Fingerspitzen fassen kannst.«

»Ich will in Zukunft mein Halsband aus Milchsteinen tragen mit dem Calcedon-Amulett. Es liegt in einem kleinen Kästchen, das aus einer einzigen großen Muschel geschnitten ist. Man muß es in meinen Truhen suchen. Leta, wirf mir das Netz aus den roten Seidensträhnen um meinen Kopf. Die Stunde des Gastmahls ist gekommen.«

Wie die Bienen um ihre Königin, so drängten sich die Sklavinnen um die Fürstin. Die eine sprengte wohlriechendes Wasser auf ihr Haar, andere rieben mit kleinen Schwämmen Wangen, Kinn und Nacken ein. Mit einer Edelsteinnadel träufelte mit unendlicher Vorsicht Rana einige Tropfen in ihre Augen, um sie glänzend und rund erscheinen zu lassen, wie die der farrenäugigen Hera. Ihre Füße wurden in prächtig mit Perlen geschmückte Schuhe gesteckt, ihre Waden bis zum Knie mit Purpurbändern umwunden. Ein weites Gewand fiel in schönen Falten bis zu den Knöcheln, ließ aber die Arme und die halbe Brust frei. Ein Schleppmantel ward beim Halsansatze von einem goldenen Löwenkopf zusammengehalten, dem geschliffene Smaragde als Augen eingesetzt waren. Die also Geschmückte trat unter einen Baldachin, der von vier vergoldeten Holzstangen gestützt wurde. Verschnittene, deren blasse, aufgeschwemmte Gesichter mit Ocker und Henna eingerieben waren, faßten die Stangen und hielten das Schutzdach hoch. So schritten sie gemessen dahin durch kleine Höfe, in denen Springbrunnen plätscherten und durch lange Säulengänge bis zu einem großen Haus, dem eine mächtig ausladende Terrasse vorgebaut war, von der breite Marmorstufen in einen großen Garten hinunterführten, aus dem das mißtönende Schreien von Pfauen erklang, die durch den ungewohnten Lichtschein und durch das Stimmengewirr aus ihrer Nachtruhe aufgestört waren.

In diesem Teil des Palastes pflegte Aristobulos besonders vornehme Gäste zu bewirten, wie heute den Legaten des Cäsaren. Um den Speisetisch, der mit golddurchwirkten Tüchern bedeckt und mit Silberschüsseln, kostbaren Tafelaufsätzen und bronzenen, mit Blumen angefüllten Vasen voll beladen war, lagen auf purpurüberzogenen Ruhebetten Aristobulos und die wenigen Gäste, die er zu diesem erlesenen Mahle geladen hatte. Der Befehlshaber der schweren Reiterei Telemach, der Schatzverwalter Hieron, Menexenos, der Hofmeister, und Rabbi Abba Chiskijjah, der als Gelehrter bei den Juden in Kleinarmenien in hohem Ansehen stand, den aber der König als Nekromanten und Kabbalisten ebenso fürchtete als schätzte, denn er war ungemein abergläubisch und konnte der Magie und ihrer Diener nicht entraten. Sonst waren nur noch der Römer da und ein blutjunger Mensch, der, in eine hyazynthenfarbene Toga gekleidet, hinter dem Lager seines Herrn stand, der ihn überall hin mitnahm, denn er liebte den schlanken Epheben, den er aus Palästina nach Rom gebracht und dort bald nach ihrer Ankunft freigelassen hatte.

Aristobulos war heute abend sehr mißtrauisch. Als er das Gemach seiner Gemahlin verlassen hatte, war in einem schmalen, dunklen Gang, der zu einer Geheimtür eines der Beratungszimmer führte, aus dem Gebälk eine Fledermaus heruntergefallen und hatte des Königs linke Backe gestreift. Dies galt ihm als üble Vorbedeutung. Da der Legat ziemlich gelangweilt einige Gemmen musterte, die ihm sein Gastfreund zum Geschenk angeboten hatte, so fand er Zeit, dem Abba seine Besorgnis mitzuteilen.

»Meister, mir droht Unheil. Auch träumte mir vergangene Nacht, eine Kröte sei auf den Tisch gehüpft und habe in meinen Wein hineingespieen. Kröten bedeuten aber Gift. Feinde stellen mir nach. Sprich einen Segenspruch. Du bist weise, und die guten wie die bösen Mächte sind dir gleich untertan. Mache der Nichtguten Anschlag zuschanden, denn du kennst die zweiundzwanzig Buchstaben, mit denen der ewig Wohnende den Grund legte.«

Der alte Jude strich mit dem Zeigefinger der rechten Hand rasch und unauffällig dem König über Stirn, Augen und Lippen und flüsterte ihm hierbei ins Ohr:

»Drei Freunde: das Herz und die beiden Ohren. Drei Feinde: die Galle, die Leber, die Zunge. Drei Belebende: die beiden Nasenlöcher und die Milz. Drei Tötende: die beiden unteren Leibesöffnungen und der Mund. Eins über drei, drei über sieben, sieben über zwölf! Aber alle hängen eng zusammen.«

Da schien der Fürst wieder ganz beruhigt und rieb sich grinsend die Hände. Hatte er doch den verborgenen Neidern sein Schnippchen geschlagen.

Das Mahl nahm seinen Anfang. In verwirrender Menge lagen auf großen, ovalen Marmorplatten, Muscheln, Schnecken, Krebse durcheinander. Die gekochten Weichtiere waren wieder fein säuberlich in ihre Schalen getan worden, und neben jedem lag ein runder Kern, der mit einer schimmernden Masse überzogen war und eine Perle vortäuschen sollte. Dann wurden im Weißwein gekochte Muränen aufgetragen, die in ihren Mäulern Zitronen hielten, mit deren Saft man ihr Fleisch beträufelte. Zwischen den Fischen und dem Spargel, von dem der Vorschneider den Gästen die Köpfe mit einem goldenen Messer abschnitt, war es dem König endlich gelungen, den wortkargen Legaten in ein Gespräch zu ziehen. Aristobulos prunkte gern mit seinen Reisen, die er in seiner Jugend getan, und quälte den Römer mit geschraubten Schilderungen über seinen Aufenthalt in Athen, verschwieg aber fein säuberlich, daß er dort als Geisel des römischen Senates festgehalten und sorgsam überwacht worden war. Eben erging er sich in breiten Schilderungen über die Königshalle am Kerameikos, er zählte dem Legaten alle Statuen am First des Gebäudes auf und auch alle anderen, die in der Nähe der Halle herumstehen: Konon und seinen Sohn Thimotheus, Euagoras, den Tyrannen von Cypern, der sein Denkmal dafür erhielt, daß er bei dem Perserkönig Artaxerxes die Überweisung der phönikischen Galeeren an Konon auswirkte und sich berühmte, seinen Stamm auf Teukros und die Tochter des Kinyras zurückführen zu können. Er vergaß auch nicht auf den Zeus Eulotherios und wollte gerade mit der Aufzählung der in der dahinter liegenden Halle sich befindlichen Gemälde beginnen. Aber er kam über die Schilderung der Darstellung des Theseus mit den Personifikationen von Volk und Demokratie auf der Wand gegenüber dem Eingang nicht hinaus, denn sein etwas unwillig gewordenes Opfer, das ihm bis dahin ruhig zugehört hatte, wandte sich, als er eben vom Kampf der Athener, die zur Unterstützung der Spartaner nach Maoticesia geeilt waren, zu schwätzen anhub, unvermittelt nach seinem Begleiter um und redete ihn mit einem fast zärtlichen Tone in der Stimme an:

»Luzifer, ich bedarf deiner Dienste nicht mehr. Laß dir Speise und Trank reichen und komm später wieder.«

Nachdem sich der Angeredete entfernt hatte, wollte die Fürstin dem Römer etwas Angenehmes sagen. So pries sie also die Bescheidenheit des Epheben und seinen tadellosen Körperbau.

»Ihr tatet recht daran, ihn Luzifer zu nennen, Legat«, schloß sie ihre wohlgeratene, höfliche Lobesrede. »Denn wo der Jüngling immer erscheinen mag, wird er durch seinen Anblick ebenso Wohlgefallen erwecken, wie durch seine guten Sitten.«

Junius Aurelius Victor tauchte eben die Spitze eines zwischen heißen Steinen gerösteten Wachteleies in sein gestoßenes Salz und antwortete ebenso kühl als höflich:

»Der Jüngling brachte mir Freude, und Freude ist das Licht des Lebens, so mag er denn getrost Lichtbringer sich nennen. Aber ich hieß ihn so, weil ich seinen barbarischen Namen nicht aussprechen kann, mit dem sie ihn in seiner judäischen Heimat benannten, ohne daß mir Zunge und Ohren zu gleicher Zeit dabei weh tun. Diese rauhen Kehllaute kann in Rom höchstens ein Zirkuswärter hervorbringen, wenn er sich den Mund dabei ausspült. Und Luzifer hieß auch mein Lieblingshengst, den mir die Barbaren am Rhein unterm Leib wegschossen. Konnte ich ihm einen anmutigeren Nachfolger geben in meinem Herzen?«

Das Mahl nahm seinen Fortgang. In endloser Reihe folgten einander die Gerichte. Nochmals wurden Fische gereicht, große, silberschuppige Tiere, die in kristallklares Eis eingebettet waren und mit aufgerissenen Mäulern einem in allen Farben schillernden Meerpfau nachjagten, während über sie hinweg eine Trireme zu schwimmen schien mit bunten Wimpeln und blumenumflochtenem Mastbaum. Zwischen diesem Prunkstück und feisten, gebratenen Masthühnern mit vergoldeten Schnäbeln entfernte sich der König auf einige Zeit von der Tafel, denn er war ein starker Esser und ließ sich gerne ab und zu mit einer in Sesamöl getauchten Pfauenfeder den Gaumen kitzeln. Beim folgenden Gange seufzte auch der Legat auf und nahm den Rosenkranz von seinem kahlen Schädel. Es waren Hasen aus den kleinarmenischen Bergwäldern, deren Fleisch an Zartheit und Wohlgeschmack von den hurtigen Läufern der Ebene nie erreicht werden konnte, so versicherten wenigstens die in Rom wegen ihrer kulinarischen Reisen berühmtesten Kenner. Der Fürst, der sich wieder neben seinem Gast ausgestreckt hatte, machte sich auch gleich mit frischem Mute über die leckeren Tiere her, während die Fürstin ihren Teller unberührt ließ, denn sie war fromm und genoß nichts von unreinen Tieren. Sie beteiligte sich auch nicht mehr an den Tafelfreuden. Nachdenklich und in sich gekehrt, wendete sie wohl hundertmal einen Granatapfel zwischen ihren weißen, schmalen Händen.

Luzifer stand wieder hinter dem Legaten. Müde blickte ihn Salome an. Ja, er war wirklich schön. Doch was verschlug's. Sie hatte nie viele Männer in ihrem Leben zu Gesicht bekommen, und die waren entweder alt oder häßlich oder beides zugleich. Und nie waren ihre Erinnerungen oder Gedanken bei einem von ihnen. Des Vierfürsten wollte sie sich nicht gerne entsinnen, denn sie hatte dabei immer die Gehörsempfindung, als meckere leise hinter ihr ein Bock. Aristobulos war zwar ihr Gemahl, aber er trat in ihren Gedankenkreis nur dann, wenn er leiblich vor ihr stand. Die anderen waren Hofschranzen, Sklaven, Verschnittene, standen also weit unter ihren Katzen oder den bunten Vögeln, die sie zur Kurzweil in silbernen und goldenen Käfigen hielt. Da tauchte mit einemmale, zuerst unbestimmt und schattenhaft, dann immer deutlicher und klarer, das Bild jener Nacht auf, in der sie vor dem Vierfürsten auf sein Geheiß getanzt hatte. Wer mochte wohl jener gewesen sein, dessen Haupt es damals galt? War er überhaupt jung gewesen? War er fast noch ein Knabe gewesen wie des Römers Lust- und Spielzeug, war es ein Mann, strotzend vor Kraft, ein Krieger, ein Feldherr, ein Herrscher? Oder ein zitternder Greis mit verwirrtem Bart und blöden Augen, zermürbt und gebrochen von jahrelanger Kerkerhaft am Grunde eines feuchten und dunklen Brunnenschachtes? Das wußte wohl niemand mehr. Ihrer Mutter Lippen waren zu ewigem Schweigen erstarrt, und auch König Herodes hatte sein Geheimnis mit in Verbannung und Tod genommen. Und wieder sah sie den Jüngling an. Und jetzt schien es ihr, als ob er ihren Blick erwidere. Da schlug sie die Augen nieder und schob den Granatapfel beiseite.

Plötzlich legte sie sich die Frage vor, ob dieser Luzifer im stande sein könnte, auf ihren Befehl von einem hohen Felsen hinabzuspringen. Sie entsann sich der Erzählung von dem Metoiken Timagoras, der den Athener Meles so heftig liebte, daß er ihm überall hin nachfolgte. Aber dieser verachtete den Zugewanderten und hieß ihn in jugendlichem Übermut auf einen Berg steigen und sich von dort an den Strand des Meeres hinabstürzen. Jener, der sein Leben für nichts achtete und für den von ihm geliebten Jüngling alles tun wollte, sprang wirklich hinab. Würde Luzifer das auch zu vollbringen im stande sein? Meles war doch nur ein Ephebe gewesen, sie war aber ein Weib und eine Königin dazu. Gleich darauf erschrak sie heftig, und ihre Gedanken kamen ihr frevelhaft vor. So etwas bestraften die Götter und Adonoi, der Einzige, zu dem sie beten gelernt hatte, erst recht. Auch jenen Meles packte, als er die zerschmetterte Leiche des Toren sah, dermaßen heftigste Reue, daß er es dem Timagoras nachtat. Das war die Rache des Anteros. Sie versuchte an etwas anderes zu denken. Die Perlen fielen ihr ein, das Halsband, das schon lange sein Milchbad nicht bekommen hatte. Ob ihr Schimmer nicht unter dieser Vernachlässigung Schaden nehmen könnte? Morgen sollte ihnen Rana ein Bad rüsten, und dann wollte sie die Perlen wieder tragen statt der Bernsteinkette, der sie in der letzten Zeit den Vorzug gegeben hatte. Ihre äthiopische Nährmutter hatte ihr oft erzählt, wenn sie dem Kinde das Haar mit Perlenschnüren durchflocht, es gebe ein Schaltier im Meere, das steige in der Morgenfrühe aus den Wassern empor und öffne seinen Mund. Dadurch sauge es den himmlischen Tau auf und schließe zugleich den ersten Strahl der jungen Sonne, den letzten des Mondes und der Sterne ein, und aus diesem reinen Licht gebäre es die Perle. Darum ist sie so heilsam bei Herzklopfen, Schreck und Bangigkeit und befreit das Blut von der schwarzen Galle. Darum ließ wohl auch der Vierfürst, wenn er vermeinte, auf seiner Haut weiße Stellen, die Vorboten des Aussatzes zu bemerken, Perlen in Jordanwasser schütteln und bestrich sich mit dem Abguß. Wie wohl dem Luzifer ein Reis mit einer Perle die Hand schmücken würde, und ob er daran Freude hätte? Ihr Herz begann auf einmal heftig zu klopfen, und in ihren Schläfen hub das Blut zu brausen an. Was war das? Sie schloß die Augen, und schon sah sie den schlanken Jüngling. Er beugte sich zu ihr nieder und küßte sie auf den Mund. Beinahe hätte sie aufgeschrien. Nun starrte sie in die Flammen des Dreifußes, der am Ende des Tisches stand, aber aus ihren Flackern stieg eine sich biegende Jünglingsgestalt auf und zerfloß in der Luft. Sie empfand heftigen Durst und trank einen Becher Wein auf einen Zug. Als sie das Gefäß niedersetzte, ergriff Luzifer eine Schale, leerte sie und legte dann die rechte Hand an sein Herz. Der Legat lächelte ihm gewogen zu. In diesem Augenblick fühlte sie sich körperlich umarmt und wäre bald von ihrem Ruhebett gesunken, so schwach und entnervt kam sie sich vor. Und Scham und Zorn gewannen Besitz von ihrem Herzen. Sie spürte, wie der Bube sie mit seinen Blicken entkleidete, auf ihrem ganzen Körper brannten seine immer verlangenderen Küsse, und als sie sich endlich von ihren Vorstellungen befreien konnte, standen kleine Schweißtropfen auf ihrer Stirn und zwischen ihren Brüsten.

Endlich gab Aristobulos ein Zeichen und hob die Tafel auf. Es war die höchste Zeit, denn der König war voll des süßen Weines und mußte sich auf Menexenos und den kräftigen Telemach stützen, sonst wäre er taumelnd hingestürzt. Der Legat schien nichts zu bemerken. Keine Muskel zuckte in seinem schmiedeeisernen Gesicht.

Als die Fürstin mit einem leichten Neigen ihres Hauptes an dem Römer vorbeischritt, löste sich eine Blume aus ihrem Haar, flatterte wie ein Schmetterling auf die Schulter des Luzifer nieder und glitt von dort sachte zu seinen Füßen hinab. Achtlos trat er darauf.

In den Gemächern Salomes harrte die kleine Indierin ihrer Gebieterin, Sie wollte ihr beim Auskleiden behilflich sein, aber die Königin schickte sie mit kurzen, wenn auch gütigen Worten hinweg. Ein wenig gekränkt entfernte sich die Vertraute.

Die Fürstin legte den Mantel ab und löste allein ihr Haar, das in rotgoldenen Wellen bis zu ihren Hüften niederströmte. Sie wickelte die Purpurbänder von ihren Füßen und bewahrte sie, fein säuberlich zusammengerollt, in einem Bastkörbchen auf. Dann vertauschte sie ihr Prunkkleid mit einer einfachen Tunika aus weißer Seide, die bis zum Halsansatz geschlossen war. Müde streckte sie sich auf ein riesiges Bärenfell aus und versuchte zu ruhen. Aber die Nacht war schwül, und allerlei Geräusche störten sie. Zuerst gab sie dem Glucksen der Wasseruhr Schuld und stellte sie ab. Dann aber rauschte wieder ein Gartenbrunnen in das beginnende Dämmern ihrer Sinne, und entriß dem Gotte des Schlafes, der ihr zu nahen schien, den Mohnkranz.

Und plötzlich trat sie vor den Fackelträger hin, der die letzte brennende Lampe im Gemache hoch hielt und begann ihn mit Luzifer zu vergleichen. Nein, sie ähnelten sich nicht. Und doch mußte es eine Ähnlichkeit, ein dumpfes Rückerinnern sein, das sie zwang, immer und immer wieder an den jungen Fant denken, der heute zum erstenmal vor ihre Augen getreten war, von dem sie nicht wußte, wer er sei, und der bestenfalls einem Freigelassenen gleich zu achten war, den sein einstiger Herr mit Glücksgütern ausgestattet hatte. Aber so sehr sie auch dagegen ankämpfte, mußte sie sich Vorstellungen hingeben, die sich sonst nie in den Kreis ihrer Einbildungskraft gedrängt hatten. Eine abergläubische Angst bemächtigte sich ihrer. Waren dämonische Einflüsse im Spiele oder war jener Luzifer im Besitz geheimer Künste, die der Freche an ihr erproben wollte? Wahllos, einer plötzlichen Eingebung folgend, griff sie aus der Schale mit dem gebuckelten Silberband eines von den kupfernen Plättchen heraus, nahm es aus dem Säckchen, das es umschloß, hakte es an ein dünnes Kettlein und hing es sich um den Hals. Das lenkte ihre Gedanken ein wenig aus ihrer Richtung, aber gleich darauf ward ihr um so bänglicher zu Mute. Nach langer Zeit sah sie zum erstenmal wieder ihre Mutter an die Säule gelehnt unter einem der schwarzen Stierhäupter stehen. Es dämmerte um sie wie Mondlicht, fieberisch zuckte es um ihren Mund, und in ihrem starren Antlitz waren die Augen krampfhaft geschlossen. Da nahmen diese ihr so schrecklichen Züge eine immer deutlichere Ähnlichkeit mit denen des Jünglings an, der seit Stunden stets von neuem ihre Seele versuchte. Aber es war ein Leichenantlitz, und als sie sich, gleichsam um sich vor ihren Gesichten zu verbergen, über einen riesigen Blumenstrauß beugte, der zu Füßen des Fackelträgers stand, schlug es ihr wie Verwesungsgeruch entgegen. Er war tot, tot, tot. Sinnlos schlug sie auf den teppichbelegten Estrich hin. Als sie wieder zu sich kam, erfaßte sie ein Grauen, das so übermächtig war, daß es sie zwang, sich aus dem Gemach in den Park zu flüchten, der kühl und dunkel, von einem geheimnisvollen Sternenhimmel überwölbt, sie immer tiefer in seine verschlungenen Pfade lockte. Vor einem kleinen Gartenhaus stand auf einem steinernen Unterbau ein nackter Eros, der mit seinem Bogen gerade in der Richtung zu zielen schien, aus der sie auf ihn zuschritt. Uralte Platanen wölbten ihre Äste über Moos und dichten Farrenbeständen. Es verlockte sie, sich auf dem kühlen, weichen Grund niederzulassen. Klangen nicht irgendwo die Saiten einer Kithara? Leise knackte es wie dürre Äste unter einem vorsichtigen Menschenfuß, dann knirschte der Sand auf dem schmalen Weg, der sich hinter Bäumen und Sträuchern verlor. Sie fürchtete sich ein wenig und blickte nach dem kleinen Rundbau hin. Dort stand, an den Sockel des Bildwerkes gelehnt, Luzifer und blickte sie unentwegt an.

In den nächsten Augenblicken schlug der Brand ihrer Sinne in gemeinsamer Lohe über sie zusammen.

Als an dem dieser Nacht folgenden Morgen Rana ihrer Herrin das Morgenbad rüstete, fand sie sie seltsam bewegt, und ihre Augen waren verschleiert, als hätte sie heftig geweint. Aber sie war ungemein gütig, wenn sie auch ihre treue Dienerin rascher als sonst verabschiedete. Auch der Katzen vergaß sie, und die beiden verwöhnten Tiere bekamen ihre Milch nicht aus den Händen ihrer Herrin, wie sie es gewohnt waren, sondern fanden ihren Napf draußen vor der Tür. Und ob sie auch kläglich miauten, so ließ sie dennoch niemand ein. Das verdroß sie. Sie leckten nur wenig an ihrem Trank, putzten und glätteten ihr Fell weniger sorgsam als sonst, setzten sich alsbald im Hof an die warme Sonne, schlossen die Augen und blinzten nur hie und da durch einen winzigen Spalt ihrer Lider listig und verschlagen auf die zahlreichen Spatzen, die zwitschernd und mit hurtig wippenden Schwänzlein zwischen den Steinen herumhüpften. Die Ereignisse einer Nacht hatten die Fürstin von Grund aus verändert. Ihre Ruhe war einer tiefen inneren Unrast gewichen, und sie legte sich seltsame Fragen vor und quälte sich mit Rätseln und Zweifeln. Wenngleich ihre Seele von dem Bilde Luzifers erfüllt war, und sie tief und mit reiner Leidenschaft liebte, wie nur ein unverdorbenes Weib eben liebt, in dem zum erstenmal alle Kräfte eines gesunden Körpers zu ihrem Rechte gelangen, und der starke und heilige Mutterwille erblüht, wie eine fast verdorrte Pflanze nach einem lauen, heftigen Regen, und sie stets von neuem mit einer Leidenschaft erfüllt, an die keine Unlauterkeit hinanreicht, so konnte sie sich dennoch nicht zurechtfinden in dem ihr tief verhüllten Widerstreit ihrer Gefühle. Trieb sie einerseits ein heißes Verlangen flammend stets von neuem in die Arme des schönen Epheben, so wurden dennoch innere Stimmen laut, die sie zurückzuhalten schienen mit Warnungen und Drohungen, die sie nicht verstand, und manchmal kam sie sich so elend vor, als wäre sie durch unerhörte Greuel und Verbrechen befleckt, während einige Augenblicke vorher ein Glücksgefühl ohnegleichen sie erstarken ließ, ihre Brust schwellen machte und ihre Sehnen straffte. Auch der Stolz der Fürstin regte sich manchesmal und gewann die Oberhand über das von der Liebe bezwungene Weib.

Wer war eigentlich jener Luzifer? Wer hatte ihn erzeugt, daß er so kühn die letzte Hasmonäerin hinnahm wie eine Flötenspielerin oder eine Hirtin, deren Schlaf er belauscht, und die er im ersten Erwachen spielend bezwungen? Und ob es ihr gleich unziemlich dünkte, und sie ein dunkles Bangen beschlich bei dem Gedanken, an den Jüngling Fragen über seine Herkunft zu richten, wurden das Verlangen danach und die Neugierde immer heftiger. Immer heftiger wurde aber auch zugleich jener geheime Widerstreit in ihrer Brust, der ihr die Stunden, die ihr Geliebter fern war, so endlos erscheinen und sie dennoch erbeben ließ, wenn er sie endlich in seine Arme schloß. Sie hatte ihm verstattet, sie mit Einbruch der Dämmerung in einem kleinen Kabinett zu besuchen, das durch eine verborgene Tür mit ihrem Ankleidezimmer in Verbindung stand und einen ebenso verborgenen Ausgang ins Freie besaß. Sie hatte auch mit ihm vereinbart, daß er sie allsogleich und ohne ein Wort zu reden verlassen müsse, wenn sie ihre rechte Hand mit der Fläche nach außen an ihre Stirn hebe.

Sie war furchtsam und argwöhnte, irgend ein Späher könnte sie belauschen und ihre Zusammenkünfte verraten. Und das wußte sie seit ihrer frühen Jugend, daß ein rascher und unerklärlicher Tod in den Palästen der Hasmonäer kein seltener Gast war.

Luzifer lungerte an der Mauer des Frauenhauses herum und wartete, bis auf den Stufen, die zu einer kleinen Plattform emporführten, auf der ein schlummernder Löwe aus Granit ausgehauen war, eine Granatapfelblüte lag, das verabredete Zeichen, das die treue und verschwiegene Rana gab. Er duftete nach kostbaren Essenzen und feinen Ölen, mit denen ihn sein Sklave gesalbt hatte. Er trug das Glück aller Jünglinge mit sich herum, die sich von einer schönen Frau über alles geliebt wissen, und denen die befriedigte Eitelkeit und der Stolz sieghafter Jugend den Genuß doppelt und dreifach erhöhen. Er wollte die Stunden nützen, denn schon dachte der Legat an den Aufbruch und die Rückkehr nach Rom. Dem scharfsichtigen Manne war auch der Grund der Reiseunlust seines Begleiters nicht entgangen, aber auf Frauen war er nicht eifersüchtig, und er gönnte seinem Liebling gern ein Abenteuer, das ihn nur vorbereiten und geschmeidig machen konnte für das Leben am Hofe der Cäsaren mit all seinen Genüssen und Freuden, mit all seinen Fallstricken und Fährlichkeiten. Er dachte allen Ernstes daran, den ehemaligen Sklaven an Kindes Statt anzunehmen, damit sein Name und sein ungeheures Vermögen nicht in alle Winde zerstöben. Mochte es auch ein schwieriges Unterfangen sein, er besaß die Gunst des Kaisers und einen uneingeschränkten Einfluß auf den Senat. Und was noch fehlte, sollte das allmächtige Gold ersetzen.

Luzifer hatte die braune Gestalt der Inderin wie einen Schatten um die Ecke verschwinden sehen. An der untersten Stufe der Treppe lag ein blühender Zweig. Auf einen leisen Druck auf einen Stein, der durch eine fast unmerkliche Kerbe gekennzeichnet war, wich die Mauer zurück, und er betrat einen schmalen, dämmerigen Raum, in dem sich außer einem großen Ruhebett und einem Tischchen mit gefüllten Silberbechern und einem Fruchtkorbe keinerlei Gegenstände befanden.

Als Salome satt von seinen Küssen war, zog sie das geliebte Haupt an ihre Brust und streichelte ihm wie einem Kinde das feine, dichte, üppig gewellte Haar. Und es befiel sie eine stumme Traurigkeit, wenn sie daran dachte, daß Aristobulos schon die Gastgeschenke ausgewählt hatte, die er dem Legaten beim Abschied zu überreichen gedachte, um ihn für sich einzunehmen, denn er war ebenso voller Wünsche wie voller Beschwerden über diesen und jenen Nachbar und, da er sich stets angefeindet glaubte, suchte er jeder Möglichkeit zuvorzukommen, indem er die Fürsten der umliegenden Reiche möglichst anschwärzte und verdächtigte. Dann begann das endlose Alleinsein wieder, dann bekam sie durch Monate nur ihren Gemahl und den steifen Menexenos zu sehen, der die Tagesordnung am kleinarmenischen Hofe bestimmte, oder höchstens den albernen Schatzmeister Hieron und eine Schar gleichgültiger Dienerinnen, deren Gesichter selbst sie von einem Tag auf den anderen vergaß. Wohl, es blieben ihr ja Rana und die beiden Katzen, und auch mit dem kleinen Dschemenian würde sie ab und zu wieder spielen und ihm Märchen erzählen. Und Luzifer würde über das weite Meer fahren und im großen herrlichen Rom an der Seite weit schönerer Frauen ruhen, vielleicht zur Seite der Kaiserin. Und bald gänzlich dessen vergessen haben, daß er in Mophuhestia gewesen und dort von einer Königin geliebt worden war. Ihre Augen wurden ein klein wenig feucht und bekamen jenen unaussprechlichen Glanz, den nur die Augen verliebter Frauen annehmen, wenn sie sich der Wollust des Abschiedsschmerzes im voraus ergeben. Sie richtete sich auf und zog das Haupt Luzifers in ihren Schoß. Und wieder wurde das Verlangen mächtig in ihr, nach der Herkunft und den Schicksalen dessen zu forschen, der ihr zu Füßen lag, dem ihr ganzes Sinnen und Denken gehörte, und der dennoch von ihr gehen wollte wie ein Unbekannter, der bei einem Weibe geschlafen hat, von dessen Fenstern rote Schnüre hängen, und die nicht einmal den Namen dessen weiß, der sie noch vor einer Stunde im Arm gehalten. Ihr Stolz bäumte sich auf und ließ die leise lispelnde Stimme schweigen, die ihr zu raten schien, nicht zu fragen, nicht nach dem zu forschen, was vielleicht zu ihrem Heil für sie verborgen lag.

Sie reichte dem Jüngling einen von den Silberbechern.

»Erzähle mir von deiner Kindheit«, bat sie.

»Meine Kindheit war trübe, o Königin, meine Mutter habe ich nie gesehen, nie ihren Namen gehört. Bei rauhen Pflegeeltern wuchs ich auf, bei karger Kost, geschlagen und mißhandelt, und hütete die Schafe in den Bergen, bis mich der Mächtige sah, der mich liebt, und dem ich verdanke, was ich bin.«

»Und dein Vater? Hörtest du von ihm?«

»Doch, er soll ein Söldner gewesen sein in eines Fürsten Dienst und eines Mannes, namens Zacharias Sohn.«

»Und verließ deine Mutter?«

»Ja, er verließ sie. Ein Gott soll es ihm anbefohlen haben. Er ging in die Wüste Juda und trug ein hären Kleid und versammelte viele Menschen um sich.«

»Und deine Mutter härmte sich und, da sie arm war, ging sie auf die Felder und las die Ähren auf, die die Schnitter übrig gelassen, und holte Wasser von den Brunnen für dünnes Kupfergeld und starb?«

»Nein.«

»Sie lebt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Und dein Vater?«

»Der, so sagten sie, wiegelte das Volk auf und weissagte vom Reiche Gottes, das da kommen und allen Reichen der Welt ein Ende bereiten werde. Da ließ ihn der Fürst gefangen setzen und ließ ihn Jahre schmachten am Grunde eines Brunnens.«

»Ja, dort warf man oft die Verbrecher hinein und diejenigen, die sich gegen ihre Fürsten empörten. Und liegt dein Vater noch in Ketten? Könnte man ihm nicht das Versprechen abnehmen, zu schweigen? So würde ihn der erzürnte Fürst vielleicht freigeben?«

»Es wäre zu spät.«

»Zu spät? Er starb also in seinem Gefängnis? Vor Hunger und Entbehrung?«

»Nein. Dort wo ich die Schafe hütete, kamen des Abends seine Jünger oft zusammen und beratschlagten, wie sie den Propheten retten könnten.«

»Den Propheten?«

»Ja, so nannten sie ihn, wenn sie von ihm redeten. Und ich belauschte sie oft, denn um mich kümmerten sie sich in keinerlei Weise. Und eines Tages erhub sich ein groß Geschrei und Wehklagen, denn es war Kunde gekommen von der Bergfeste Machärus. Dort hatte der Fürst den Empörer enthaupten lassen.«

Salome entgegnete nichts. Sie schien ängstlich zu lauschen und blickte starr auf den Vorhang, der den kleinen Raum von ihrem Ankleidegemach trennte. Dann hob sie stumm die Hand mit der Fläche nach außen zu ihrem Stirnband. Luzifer stand auf und verschwand ohne Gruß und ohne Laut.

Aber das Weib blieb wie zur Bildsäule erstarrt sitzen.

Salome hatte eine Zeit lang eine sonderbare, fast schmerzhafte Sehempfindung. Es war ihr, als türme sich vor ihren Augen eine schwarze Wolkenwand auf. Da fuhr plötzlich ein greller Blitz hernieder und zerriß das Dunkel. Aber gleich wieder war es, als flössen die Schwaden zusammen, und wieder stand eine undurchdringliche Mauer vor ihr, die ihr immer näher zu rücken und sie in sich einsaugen zu wollen schien. Langsam ordneten sich ihre Gedanken, und sie begann zu begreifen und Schlüsse zu ziehen. Machärus, die trotzige Bergfeste, hatte die Spiele ihrer Jugend gesehen, dort hatte sie dem Manne den Tod gebracht, dessen Sohn nun ihr Lager geteilt und vielleicht den Samen neuen Lebens in ihren Schoß gepflanzt hatte. War das ein dunkles Verhängnis, bereitete sich eine grauenhafte Vergeltung vor, die kein Opfer, keine Sühne, kein Gebet abzuwenden vermochte? Oder war das schon das Gespinst eines spitzfindigen Dämons, daß sie dem Sprossen dessen sich hingeben mußte, den sie durch das Trippeln ihrer Füße und das Wiegen und Neigen ihres unreifen, kindlichen Körpers dem Schwerte des Henkers überantwortete? Stürmte deshalb die Seele ihrer Sinne, als sie einen Unbekannten zum ersten Male erblickte, wie ein Wildbach über sein Bett, über alle Grenzen und brach Willen und Widerstand, wie ein dünnes Rohr in den Händen eines starken Mannes bricht und splittert? Warum erhob sich nicht die Geistseele und wies jene in ihre Schranken, jene, deren Herrscherin sie ist, der sie die Gesetze gibt und sie erleuchtet? Und es fielen ihr die Worte Reb Arjes ein, der ihr die Gesetze Gottes erklärt hatte. Waren nicht alle Seelen gewissen, unbeugsamen Gesetzen unterworfen, und wer konnte wissen, was die Wege des Allerhöchsten sind? Die Menschen wissen niemals, wie sie jederzeit gerichtet werden, bevor sie in diese Welt kommen und bevor sie aus dieser Welt gehen. Sie wissen nicht, durch welche Körper sie wandeln und welche geheimnisvollen Prüfungen sie durchmachen müssen, bevor es ihnen vergönnt ist, zu dem Urquell alles Seins zurückzukehren. War die Stunde der Wiedergeburt dessen gekommen, den ein gewaltsames Ende verhindert hatte, seine Bahn auf Erden zu durchmessen? Und war seine Wiedergeburt bestimmt von oben durch seinen eigenen Sohn und durch sie, die ein Werkzeug in den Händen der Tiefverhüllten gewesen, die alle Lose bestimmen? Und urplötzlich sah sie das Antlitz ihrer Mutter vor ihrem geistigen Auge und erkannte die erschreckende Ähnlichkeit mit dem Gesichte Luzifers, und verstand, warum sie dem Manne im Brunnen den Tod bringen mußte.

Wie von schwarzen Fittichen wehte es um ihr Haupt, Eiseskälte durchrieselte sie, sie zog die Schultern hoch, preßte die Ellenbogen an die Seiten und grub die Zähne in ihre Lippen, bis Blut floß. Ein Grauen ohnegleichen und eine bis zum Wahnwitz gesteigerte Angst bekamen über sie Gewalt. Wenn es wahr wäre, wenn der, dem sie angehört hatte, demselben Schoße entsprungen war, der sie getragen und ernährt, so war sie mit dem grausigsten aller Verbrechen vor ihrem so unendlich strengen Gotte bemakelt, mit Blutschande besudelt, ausgespien aus dem Munde des Höchsten, denn ihr Atem war Pest, und sie selbst ein Gefäß aller Greuel. Und obschon sie in ihrer Jugend unwissend dahin gelebt hatte, in einer Reinheit, die sie ihrer völligen Abgeschlossenheit von der Welt verdankte, so war doch ein abscheuliches Raunen bis zu ihren Ohren gedrungen, und sie empfand schon damals, daß ihre Mutter unter der Last unendlicher Verbrechen keuchend zusammenbrach. Langsam im Laufe der Jahre war ihr der Zusammenhang so vieler dunkler Dinge klarer geworden. Daß ihrer Mutter Gatte von Herodes, seinem eigenen Bruder, gemeuchelt worden, und daß ihre Mutter über den noch warmen Leichnam hinweg einem Mörder die Hand reichte, daß ein Weib aus dem Volke in den Straßen Jerusalems ihr ins Gesicht spie, und daß man sie bald gesteinigt hätte, wäre nicht die Leibwache herbeigeeilt und hätte mit den Schwertern in die rasende Menge dareingeschlagen. Seitdem verbarg sie Herodes vor seinen Untertanen und zog sich auf Machärus zurück, wo er sich sicherer fühlte als in seiner Hauptstadt. Aber all das reichte nicht hinan an den Abscheu, den derjenige vor Gott erweckte, der sich den Tieren gleich paarte mit dem eigenen Blut. Daß sie in Unwissenheit gehandelt hatte, gewährte ihr keinen Trost. Es war beschlossen von Gott, vom Schicksal, von unbekannten Mächten, daß sie verderben müsse, und sie, die letzte, die unmittelbar von Herodes dem Großen herstammte, sollte besudelter als alle aus einer Kette eines fluchbeladenen Geschlechtes zu den Schatten gehen, an einen unbekannten Ort, unbekannten, ewigen, unabänderlichen Geschicken entgegen. Es war der Rachestrahl, der auf sie niedersauste, der Zorn eines Wesens, das unnahbar über den Wolken thront, und das unbarmherzig die Sünden der Väter strafte bis ins letzte Glied, taub allem Flehen, taub allem Bitten, taub für jeden Reueschrei. Es gab kein Entrinnen, und jede Sünde trug ihre Vergeltung schon in sich, indem sie neue, noch ungeheuerlichere Missetaten gebar.

In all der irrsinnigen Angst, die sie von tausend Seiten mit Höllenkrallen packte, leuchtete ihr plötzlich ein schwacher Hoffnungsschimmer auf. Vielleicht war Luzifers Mutter doch nicht dieselbe Frau, die ihr das Leben geschenkt hatte? Sagte er doch selbst, er habe sie nie in seinem Leben gesehen, niemals auch nur ihren Namen vernommen. Und diese Ähnlichkeit der Züge bestand vielleicht nur in ihrer Einbildung, war nur ein Gaukelbild erregter Sinne, ein Truggespenst, von falschen Erinnerungen genährt, ein Schemen, der sie narrte, nicht mehr als ein wüster Traum, wenn die Nachtalbe sich auf unsere Brust setzt und mit uns ihr Unwesen treibt, bis sie der erste Hahnenschrei hinwegscheucht. Aber kaum wollte sie sich an diesem Troste erlaben, so drängte sich auch schon der Zweifel heran, und vergiftete ihr den Labetrank, nach dem sie wie eine Verschmachtende dürstete. Gewißheit wollte sie haben, Gewißheit um jeden Preis. Aber wer sollte sie ihr bieten? Außer ihrer Mutter und dem Manne im Brunnen kannte höchstens noch einer die Wahrheit, Rabbi Arje, der um alle Geheimnisse der Hasmonäer wußte, denn er war schweigsam wie das Grab.

Aber Rabbi Arje war schon lange tot.

Wer aber besäße die Macht, die Toten Rede und Antwort stehen zu lassen? Doch, vielleicht, einer. Rabbi Abba Chiskijjah, von dem die Eingeweihten wußten, daß er die Gabe besaß, die Abgeschiedenen zu rufen, jene seltene und schreckliche Kunst, die Gott nur ganz erlesenen Frommen verstattet, denn allein in seinen Händen liegen die Schlüssel, die die Pforten öffnen zu den Toren der Ewigkeit. Und nur er kennt die Straße, auf der alle reinen Seelen aufwärts steigen, und die andere, die schreckliche, die in die finsteren Gebiete der Verdammnis führt und die sich in 360000 Wege teilt. Seines Rates und seiner erlesenen Weisheit wollte sie sich bedienen, er würde ihr seine Hilfe sicher nicht versagen.

Es war tiefe Nacht geworden, als sie ihr Schlafgemach aufsuchte. Allein die ersehnte Ruhe ward ihr nicht. Es war, als wimmelten böse Geister in dichten Scharen um ihr Lager, zupften an ihrem Haar, rührten an ihre Glieder, hauchten ihr mit eisigkaltem Atem ins Antlitz, und wenn sie dennoch in einem leisen Müdigkeitstaumel dem Schlummer entgegendämmerte, so geschah es nur, um eine Beute wüster Traumvorstellungen zu werden, die ihre Unruhe nur noch mehr steigerten und sie allsogleich wieder aufschrecken ließen, ihr unheimliche Bilder und gräßliche Vorstellungen zurücklassend.

Zeitlich am andern Morgen ließ ihr der König durch Menexenos vermelden, Junius Aurelius Viktor habe seinen unweigerlichen Entschluß kundgetan, um die zehnte Morgenstunde von Mophuhestia nach dem essischen Meerbusen zu reiten, wo ihn eine Staatstrireme erwarte, um ihn und sein Gefolge in Eilfahrten nach Rom zu bringen. Er und sein Begleiter hegten den lebhaftesten Wunsch, sich von ihr zu verabschieden.

Sie erschrak darüber anfangs heftig, bald aber kam es ihr wie eine Erlösung vor. Allein sie fühlte sich zu schwach, um derartiges über sich ergehen zu lassen und ließ sich entschuldigen, heftigen Kopfschmerz vorschützend. Den Gastgeschenken ihres Gatten fügte sie eine silberne Amphora für den Legaten bei und eine purpurne, reichgestickte Satteltasche für Luzifer, in der sie eine silberne Kapsel verbarg mit einer Gemme, die ihr Bildnis darstellte, und die ein Grieche aus Euböa Endoios, mit dem Beinamen Polygnotos, der angesehenste Steinschneider seiner Zeit, angefertigt hatte. Als man ihr die Gegengrüße und den Dank der Scheidenden zugleich mit einem Riesenstrauß frischer, leuchtender Granatäpfelblüten überbrachte, legte sie die duftenden Zweige auf einen leeren Sarkophag, der nahe einer in ein steinernes Rundbecken gefaßten Quelle stand, hinter dem kleinen Gartenhaus mit dem Bildwerk des Pfeile verschießenden Eros.

Der Abend, für den sie Rabbi Chiskijjah zu sich beschieden hatte, kündete sich durch immer länger werdende Schatten an. Das Kleinvieh wurde in seine Ställe zurückgetrieben, die Bergwälder talab über steinige Geröllhalden, auf denen zwischen herabgestürzten Felsblöcken große, zartrauhe Silberdisteln in der Sonne funkelten. Und die genäschigen Gaisen blieben alle handlang stehen und rupften sich noch geschwind eine Blume oder knapperten an den Rainweiden, die bereits die hohen, üppigen Fruchtsträuße über das Laubwerk ihrer schmalen, grauglänzenden Blätter emporstreckten. Langgezogene, klagende Töne aus den einfachen Rohrflöten der Hirten hallten von allen Seiten, dazwischen klingelte manchmal munter ein Glöcklein an einem Ziegenhalse. In der Ferne, der Richtung zu, die der Euphrat durchfloß, braute dunkel Gewölk, in dem es hin und wieder silbern aufschimmerte. Die Luft war schwül, ein schwacher Wind erhob sich von Westen.

In einem Halbrund, in dem das Licht von oben einfiel, harrte Salome des Nekromanten. Sie war allein und saß mit untergeschlagenen Füßen auf einem Polster. Sonst war der Raum bis auf einen Dreifuß, in dem eine schwache Flamme brannte, und ein Erzbecken, das mit glühenden Kohlen angefüllt war, gänzlich leer. So hatte es der alte Jude anbefohlen.

Tiefe Dämmerung war eingebrochen, als sich die der halbkreisförmigen Nische gegenüberliegende Wand auseinanderschob, und Chiskijjah, auf zwei seiner Schüler gestützt, eintrat.

Die Fürstin hob die Hand zum Gruß an ihre Stirn.

»Ich habe dich rufen lassen, du Weiser, weil ich dir eine Frage vorlegen werde und weil ich noch eine zweite Frage stellen will.«

»An wen?«

»An jemand, dem nur du den Weg zu mir bahnen kannst.«

»Fürstin, steh ab davon. Mein Meister, dem Elias selbst erschienen ist, verstand sich auf das Geheimnis der Schöpfung, er redete die Sprache der Vögel, Bäume und Pflanzen, der Steine und der Flammen, des Feuers und der Kohle, die Sprache der Engel und der Dämonen. Gepriesen seist du Rabbi Mose bar Nachman. Du wußtest, ob ein guter oder böser Geist jemand besessen hielt, und du redetest mit den guten und triebst die bösen aus. Aber du verbotest strenge deinen Jüngern nach denen zu rufen, die unseren Augen unsichtbar sind, und die unsere Ohren nicht hören können, weil Gottes Ratschluß unsere Sinne für jene andere Welt versiegelt hat.«

»Ehrwürdiger Chiskijjah, ich fragte dich keineswegs danach, was dein Lehrer vermochte, noch was er verbot oder gut hieß. Ich frage dich, was du vermagst und ob du meine Wünsche zu erfüllen im stande bist.«

Der Alte bedeutete seinen Jüngern, sich zu entfernen.

Sie gehorchten, stellten aber vorher einen verhüllten Gegenstand auf den Boden. Abermals fiel seine Antwort ausweichend aus.

»Ich bin ein Wurm gegen meinen Lehrer. Er konnte die Seelen der Lebenden vor sich hintreten lassen, er sprach mit ihnen und entließ sie wieder zu ihren Eigentümern. Solches kann ich nicht. Ich sehe nicht gleich ihm die Seelen, wenn sie sich am Sabbatabend zum Paradiese emporschwingen. Ich weiß nicht, ob sich eine Seele auf ihrer ersten oder auf einer oftmaligen Wanderung befindet, nicht was im Himmel und auf Erden beschlossen. Ich kann nicht lesen auf den Stirnen der Menschen, was einer denke, was er geträumt habe, ob er Gutes oder Böses getan oder gedacht. Dieses alles aber vermochte er, denn er war voll Heiligkeit, Sündenscheu und Gottesliebe und aller Tugenden beflissen. Ich verstehe mich nur auf die Deutung des Gesichtes und der Handlinien und lege die Träume nach ihrer wahren Bedeutung aus.«

»Das können die alten Weiber auch, die am Rande des Waldes wohnen. Laß deine Ausflüchte und antworte: Welche Strafe hat der Ewige auf Blutschande gesetzt. Was wird mit einem Weibe, das sich von ihrem Bruder umarmen ließ?«

»Wehe, daß doch meine Zunge gebunden wäre und meine Lippen versiegelt. Warum verlangt es dich danach zu wissen, du Geschwisterlose?«

»Sprich!«

»Wer sich dem Blutsverwandten ersten Grades zu eigen gab, dessen Seele fährt in Wasser und wird in diesem ruhelos hin und her gewälzt. War aber Ehebruch damit verbunden, so werden Ehebrecher und Ehebrecherin zusammen in das kreisende Rad einer Wassermühle gebannt. Wenn die Menschen diese Pein kennten, würden sie immerdar Tränen vergießen.«

Lange schwieg die Königin.

Dann nahm ihre Stimme einen befehlenden Ton an.

»Meister, ich will dir fünf gut gewogene Talente reinen Goldes geben, wenn du mir jemand aus dem dunklen Reiche herbeizwingst, von dem es keine Wiederkehr gibt. Aber widersprich nicht, du Frommer. Weiß ich doch, daß du der Witwe des reichen Kornhändlers in der oberen Stadt für einen Sack Silber den Geist ihres Gatten erscheinen ließest, da es sie verlangte danach zu forschen, ob er irgendwo Geld vergraben habe, denn er war ein Geizhals.«

Der alte Mann schloß die Augen. Er hielt die Hände vor sich hingestreckt und murmelte leise in seinen Bart:

»Steh ab von deinem Verlangen, hohe Frau, es möchte dir leicht zu großem Schaden gereichen.«

»Folge meinem Befehle«, entgegnete hartnäckig die Königin.

»Wehe, es trübt sich mein Blick, ich taste durch Nacht und Dunkel. Wo ist mein Stab mit dem du mich leitetest, o Gott, und wo ist mein Führer? Wehe es stehet geschrieben, wer zaubert und die Toten beschwört, der sei verflucht. Gott wird sein Lästern nicht hören, er wird seine Zähne zerbrechen in seinem Maul, und er wird zergehen wie Wasser, das dahinfleußt. Denn die Gottlosen sind verkehrt von Mutterschoß an, und sie irren bereits im Mutterleibe. Ihr Wüten ist gleichwie das Wüten einer Schlange, wie eine taube Otter, die ihr Ohr zustopft, daß sie nicht höre die Stimme des Zauberers, der sie zu beschwören weiß. Siehe, es wird ein Tor aufgetan, und hinter dem Tor ist ein tiefer Brunnen. Und viel Volk stehet an seine Mauer gelehnt, und sie schwätzen wie die Dohlen, wenn sie des Abends um die hohen Wachttürme am Meere kreisen.«

»Mir scheint, du schwätzest auch, ich bin aber nicht lüstern nach deinen Worten, die ich alle Tage hören kann.«

»Schelte mich nicht. Es verwirren sich die Bilder in meinem Geiste, wie die Bilder im Spiegel eines Teiches, wenn ein Stein hineingeworfen wird. Ich kann nichts erkennen.«

Der Greis schwieg eine Weile. Nur seine Lippen bewegten sich anfangs langsam und träge, dann hastiger. Schaum trat vor seinen Mund. Er atmete kurz und in heftigen Stößen. Plötzlich wurde sein Gesicht aschfahl, und mit dem Ausdrucke namenlosen Entsetzen öffnete er seine Augen:

»Ich sehe ein Haupt.«

»Was siehst du?«

»Ich sehe eine flache Schüssel, und es geht viel Blut aus von ihr und tropft von ihren Rändern auf den Boden. Es ist eine gleißende Schüssel, und ihr Glanz ist der Glanz des Silbers aus den Bergen von Hauran. Aber sie ist nicht von Silber, sie ist aus dem Wasser gewachsen. Und ich sehe ein Haupt mit vielen Haaren daran, aber ich kann nicht sehen ob es eines Mannes oder eines Weibes Haupt ist. Und es ist geschnitten von seinem Rumpfe wie mit einem Schwert, wie man mit einem scharfen Messer die Kohlhäupter von den Strünken schneidet.«

»Wessen Haupt?«

»Heiß mich schweigen!«

»Wessen Haupt?«

Chiskijjah atmete tief auf, wie jemand, der aus einem langen Schlafe erwacht. Gebückt trat er vor Salome hin.

»Willst du mich nun entlassen, Fürstin? Mehr zu sehen, mehr zu sagen ist mir nicht verstattet. Dunkel sind die Gesichte aus jener andern Welt und frommen uns nicht. Sie erfüllen die Seele mit Angst und Zweifel und geben dem Suchenden neue Rätsel auf. Ich warnte dich davor.«

»Ich verlangte das nicht von dir. Du sollst mir jemanden rufen, der längst von dieser Welt gegangen ist.«

»So nenne mir den Namen.«

»Rufe den Geist meiner Mutter.«

»Weh! Dreimal Wehe! Warum verlangst du nicht lieber, daß ich Berge versetzen oder den Mond herabsteigen lassen soll? Warum steht dein Sinnen nach der Ruhe der Abgeschiedenen?«

Der aufgeregte Mann fuchtelte mit den Händen vor seinem Gesicht hin und her, wackelte mit dem Kopf und trippelte mit zaghaften, unentschlossenen Schritten im Kreise herum.

Endlich blieb er stehen, sah sich scheu um und sagte mit leiser, fast trauriger Stimme:

»Es geschehe nach deinem Willen, aber über dich, nicht über mich komme die Reue.«

Dann rückte er das Becken mit den glühenden Kohlen in die Mitte des Raumes, nestelte aus seinem Gewand einen Lederbeutel hervor, der ihm an einer Schnur um den Hals hing und machte sich um den verhüllten Gegenstand zu schaffen, den seine Begleiter mitgebracht hatten. Es war eine rote Glasschale, die mit Öl gefüllt war, auf dem kleine Scheibchen schwammen. Der Nekromant entzündete sorgfältig mit einem Wachsfaden eines nach dem andern. Sie gaben ein ruhiges, etwas geheimnisvolles Licht, das von dem schwarzgeäderten Marmor der Wandbekleidung ganz seltsam zurückgeworfen wurde, so daß über der Schale ein matter, rötlicher Lichtkegel mit der Spitze nach unten zu schweben schien.

Chiskijja beugte seinen Oberkörper nach vorwärts und wiegte sich, die Arme seitwärts gestreckt, die Hände erhoben, in den Hüften. Dabei blies er gleichsam unverständliche Worte in einem leisen Singsang durch die Nase und verhüllte mehrmals sein Antlitz mit dem weiten Faltenärmel seines kaftanartigen Kleides. Dann streute er ein weißes Pulver auf die Kohlen. Es zischte auf, ein grauer Dampf stieg in dicken Schwaden empor und lagerte sich wie eine Wand zwischen die hochaufgerichtet dasitzende Fürstin und die Glasschale, die matt durch den Dunst hindurchleuchtete. Der rötliche Lichtkegel schwebte über dem Ganzen und schien manchmal kleiner zu werden, dann wieder sich auszudehnen und an Leuchtkraft zu gewinnen. Er öffnete den Beutel und warf trockene Kräuter in das Becken. Ein beizender Geruch entströmte der Glut. Plötzlich schwieg der Alte eine Weile und sagte dann ernst und gemessen:

»Bei dem Werke, das wir vorbereiten, ist es strenge verboten, auch nur das geringste Wort zu sprechen. Was für Gestalten auch immer du siehst, du darfst an sie keine Frage stellen.«

»Tor, der du bist, wozu lasse ich mir dann das Reich der Schatten aufriegeln?«

»Die Toten wissen, um was man sie befragen will, und stehen auch so Antwort, wenn es ihnen verstattet ist. Schwöre mir mit einem schweren Eide, daß du schweigen wirst, deine Augen mögen was immer erblicken.«

»Bei Je –«

»Sprich den Namen nicht aus, denn er ist hier nicht am Werke«, unterbrach sie der Jude ängstlich. »Schwöre, sonst verlösche ich die Lichter, denn ich vermeine schon den Hauch der Wesenlosen zu verspüren.«

»Ich schwöre!«

Im Augenblicke verkroch sich die Flamme des Dreifußes bis auf einen winzigen Punkt, die Glut des Beckens erstickte in neuerlich aufquellendem Brodem, der Lichtkegel schien sich herabzusenken und legte sich auf den Boden hin. Bloß in seinem Ausschnitt war ein Schauen möglich, ringsherum undurchdringliche Finsternis.

Der Nekromant war verschwunden. Eine Weile vernahm Salome noch sein Flüstern und Zischeln. Dann verstummte er, und tiefstes Schweigen herrschte im Bunde mit der Dunkelheit.

Die Fürstin ließ den Schleier auf ihre Schultern gleiten. Angestrengt starrte sie auf den Lichtausschnitt, bis ihre Augen zu schmerzen begannen. Es fröstelte sie, und die dumpfe, dunstgeschwängerte Luft preßte ihr die Kehle zusammen. Einmal war ihr, als vernehme sie schleppende Schritte auf sich zukommen, aber es war eine Täuschung. Gleich darauf erfüllte sie die vollkommene Lautlosigkeit mit einem herzbeklemmenden Bangen. Da schien sich etwas vom Boden zu erheben, gestaltlos brodelte es aus der Erde hervor, wogte und braute, um einen unsichtbaren Mittelpunkt kreisend, und formte sich endlich zu einer Rauchsäule, die bald auf sie zuschwebte, bald sich wieder zu entfernen schien. Sie wuchs langsam bis auf Manneshöhe heran, schrumpfte wieder ein und wickelte sich abermals gleichsam wie ein Band in spiralförmigen Ringen an sich selbst empor. Plötzlich verbreiterte sie sich an ihrem oberen Ende wie die Krone eines Baumes, und daraus entstieg bis zu den Hüften eine weibliche Gestalt in einem dunklen Gewand. Noch war das Gesicht nicht zu erkennen, aber nach und nach nahmen die Züge Form und Gestalt an. Es war ein leichenblasses Antlitz mit krampfhaft geschlossenem Mund. Die Augen waren weitaufgerissen, aber glanzlos und tot, und dennoch schien es, als wäre es bloß eine Larve, und als blicke wer andrer aus einem erborgten Gesicht.

Salome fühlte, wie ihre Füße schwer wurden und ihr Pulsschlag aussetzte. Aber ihre Gedanken blieben klar und, eingedenk der Mahnung des Beschwörers, blieb sie stumm, als sie im Geiste ihre inhaltsschwere Frage stellte, die ihr die Ruhe ihres Lebens wiedergeben oder sie vernichten sollte. Die Lippen des Schemens bewegten sich, als ziehe jemand an einer Schnur, wie bei den Puppen, mit denen die Gaukler von einem Jahrmarkt zum andern ziehen, aber kein Laut war vernehmbar. Die Augen wandten sich deutlich ihr zu, doch wieder so, als schaue ein anderes Gesicht durch eine Maske hindurch. Sie erkannte nun ihre Mutter deutlich, das war dieselbe breite, aber ein wenig niedere Stirn, derselbe grausamtrotzige Mund, dasselbe Kinn, das in ihren letzen Jahren so lang und spitz geworden war, daß sie als Kind oft schon bei dem bloßen Gedanken weinen mußte, ihre Mutter könne sie küssen. Aber ihre Mutter hatte sie nie geküßt. Die Gestalt war ihr jetzt so nahe gekommen, daß Salome sie mit der Hand hätte ergreifen können.

Und dreimal nickte sie langsam und feierlich.

In demselben Augenblick brach ein entsetzliches Unwetter los. Die Erde schien von den ununterbrochenen Donnerschlägen zu beben, die Wasser rauschten nieder, als wären große Schleusen geöffnet worden, und das Pfeifen des Sturmwindes und das Rauschen der Bäume mischten sich darein.

Die Gestalt der Herodias schien sich aus der Rauchsäule zu Salome niederzubeugen. Und der Rauch breitete sich auseinander und wurde zu einem weiten, bauschigen Schleppmantel, der sich nun auch um sie schlang und sie in sich einhüllte. Und plötzlich fühlte sie, wie sie emporgehoben wurde und im Sausen des Sturmes unter dem nächtlichen Gewitterhimmel davonfuhr.

Auf allen Seiten drängelte ein Gewimmel unheimlicher Gestalten, auf Rossegerippen rasselte es herbei, auf gespenstischen, stelzbeinigen Vögeln kam es herangeritten, der grinste mit umgedrehtem Hals seinen Hintermann an, jenes Schädel wackelte auf gebrochenem Genick, eine hänfene Schlinge um den Hals, große Räder rollten daher, in deren Speichen die Glieder Hingerichteter verflochten waren. Ihre Gesichter waren ganz schwarz und aufgedunsen, und die Zunge hing ihnen bläulich angeschwollen über die Zähne hinaus. Riesige Hunde setzten dem wilden Heere in rasendem Lauf nach und jappten mit ihren roten Zungen, von denen der Geifer niedertropfte. Voran ritt auf einem dreibeinigen Roß ein großer Mann in grauem Mantel, einen Schlapphut in die Stirn gedrückt. Zwei Raben flatterten krächzend um seine Schultern. Ein betäubender Lärm erfüllte die Luft, Eulengeschrei und Pferdegewieher, Peitschengeknall und widerliches Pfeifen, Wagengerassel und Waffengeklirr. So ging die grausige Hetzjagd dahin über rauschende Wälder, über Klippen und Seen, über Schroffen und Schründe, über Wiesen und Ödland, über Berg und Tal. Plötzlich spürte sie, wie sie zurückblieb. Das verworrene Getöse entfernte sich immer mehr und erstarb in der Ferne. Ein erquickender Lufthauch kühlte ihre brennenden Wangen. Sie saß in dem halbrunden Gemach auf ihrem Polster. Die Flamme des Dreifußes verbreitete ein mattes Licht. Die Kohlen im Becken waren erloschen. Es roch nach verbrannten Kräutern, und Rabbi Chiskijjah packte seine Siebensachen zusammen. In demütigen Worten kündete er an, daß er des andern Tages einen seiner Schüler um die Goldbeutel schicken werde.

Der Spätherbst schickte sich an, einem frühen Winter das Feld zu räumen. Alle Rosen in den Gärten von Mophuhestia waren entblättert in den Staub gesunken, und selbst des Aristobulos kunstgewandteste Gärtner vermochten den Granatapfelbäumen keine Blüten mehr abzulisten.

Um dieselbe Zeit entstand eine Besorgnis wegen der Skythen, die in großen Schwärmen in Kleinasien eingefallen waren, ganze Landstriche verwüsteten, alle Männer töteten und Frauen und Kinder als Sklaven in die Gefangenschaft mitschleppten. Ihre Vorhuten, leichte Reiterscharen und Bogenschützen, die sich vergifteter Rohrpfeile bedienten, waren schon in den pontischen Bergen gesichtet worden. Aristobulos war in steter Angst und in großer Besorgnis und dachte nur an die Verteidigung der befestigten Plätze. Daher waren eine Menge Arbeiter und alle verfügbaren Sklaven zusammengezogen worden, und es wurde Tag und Nacht in den Werkstätten und in den Waffenkammern geschmiedet und gefeilt, gehämmert und gebosselt. Panzer und Schwerter, Helme und Beinschienen, Schilde und Lanzen war der Feueressen Werk anstatt der friedlichen Pflugschar und der Sense des Schnitters, Bogen schnitzten die einen, die andern drehten Taue und verfertigten Schleudern und allerlei Wurfgeräte. Ihr emsiges Schaffen erfüllte den ganzen Palast mit Lärmen, und in den Vorratskammern wurde eine Wagenreihe nach der andern abgeladen.

Als an einem Morgen, an dem der erste Reif den Bäumen weiße Rauhmützchen aufgesetzt hatte, Rana um den Kopfputz ihrer Herrin bemüht war, fand sie ein silberschimmerndes Haar. Sie zupfte es sorgsam aus und zeigte es scherzend der Königin. Die lächelte ein wenig und seufzte still in sich hinein. Dann hieß sie ihre Dienerin sich um die Brotkörbe bekümmern, denn sie war stets bei der Brotverteilung anwesend, die die Schaffner um die zehnte Morgenstunde im Hof des Hundes vornahmen. Der wurde so genannt, weil einmal ein großer Hund tollwütig geworden war und in den Straßen der Stadt herumirrte. Niemand wagte sich an das rasende Tier, bis ihn einige beherzte Männer mit Steinwürfen in jenen Hof trieben, dessen Ausgänge solange verrammelt wurden, bis die Bestie verschmachtet war.

Als die Stunde der Speisung gekommen, hüllte sich Salome in einen braunen Kapuzenmantel, denn es ging ein Sprühregen nieder. Und sie nahm auch ein Krüglein mit Speiseöl mit sich für die Frauen, die ein Kind an der Brust hatten. Solcher gab es mehrere unter den Wergzupferinnen.

Im Hof des Hundes stand eine Menge Volks um einen älteren Mann, der wie ein Galiläer gekleidet war. Er mußte auf einer weiten Wanderung begriffen sein, denn er trug starke Schuhe, am Gürtel eine Kürbisflasche und hielt einen Stecken in der Hand. Der Mann redete eindringlich auf die Umstehenden ein, und viele von ihnen waren ganz gerührt und hatten Tränen in den Augen.

Unauffällig und unerkannt trat die Fürstin näher und hörte dem Manne zu. Er sprach mit einer kräftigen, aber milden und wohllautenden Stimme:

»Und dieses begab sich in dem 15. Jahr des Kaisertums des Kaisers Tiberius, da Pontius Pilatus als Landpfleger über Judäa gesetzt worden war, da Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, und Lysanias ein Vierfürst zu Abilene, und Philippus ein Vierfürst in Ituräa und im Lande Trachonitis und sein Bruder Herodes ein Vierfürst zu Galiläa. Da kam das Wort Gottes über der Elisabeth und des Zacharias Sohn, Johannes geheißen, und es trieb ihn fort aus den Reihen der Söldner des Herodes, dem er Kriegsfrohn leistete, und er ging in die Wüste und tat sich statt eines Schuppenpanzers einen Rock von Kamelhaaren um und gürtete seine Lenden mit einer Schlangenhaut, seine Speise aber waren Heuschrecken und der wilden Biene Honig. Und ging aus von der Wüste an den Fluß und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buche Jesajas des Propheten von der Stimme des Predigers in der Wüste, der die Wege des Herrn bereitet. Und tat an das Volk, das hinausging, damit es sich von ihm taufen ließe, die Frage, wer ihnen denn gewiesen habe, daß sie dem kommenden Zorne Gottes entrinnen würden? Und das Volk ward ängstlich, und etliche redeten also: »Was sollen wir denn tun?« Und er antwortete und sprach zu den Kleinmütigen: »Wer zween Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat, und wer Speise hat, tue auch also.« Und es kamen die Zöllner, und also war ihre Frage: »Meister, was sollen denn wir tuen?« Und er sprach zu ihnen: »Fordert nicht mehr, denn gesetzt ist.« Da fragten ihn auch die Kriegsleute, denn sie wußten, daß er einer der ihren gewesen: »Was sollen denn wir tuen?« Und er sprach zu ihnen: »Tuet niemandem Gewalt an noch Unrecht und lasset euch genügen an eurem Solde.« Und viel anderes mehr vermahnte er das Volk und verkündete ihnen das Heil. Herodes aber der Vierfürst, da er von ihm gestraft ward um der verfluchten Herodias willen, seines Bruders Weib, mit der er in Blutschande dahinlebte, allen Gerechten ein Greuel, und auch um alles Übels willen, das Herodes tat, über das alles legte er Johannes gefangen.«

Ein unwilliges Murren erhob sich unter der Menge, und manche schwielige Hand ballte sich zur Faust.

Da trat die Frau in dem braunen Kapuzenmantel auf den Erzähler zu und reichte ihm ein Brot und ein Geldstück.

Er nahm das Brot, wies aber das Geld zurück.

»Wer bist du, wie heißest du und von wannen kommst du?«

»Ich werde Lukas genannt und war einst ein Maler. Heute ziehe ich in allen Landen herum und rede dem Volke von dem, was ihm frommt, und erfülle so die Gebote meines Herren.«

»So war jener dein Herr, den der Vierfürst gefangen setzen ließ.«

»Nein, mein Herr war ein andrer. Hast du nie von des Menschen Sohn gehört?«

»Des Menschen Sohn? Wir alle sind wohl, dünkt mich, Söhne oder Töchter von Menschen.«

»Ich sehe, du bist fromm und gibst willig von dem deinen. Warum wandelst du in Blindheit die Wege des Verderbens? Wann ich wiederkomme, werde ich zu dir von dem Zimmermannssohne von Nazareth reden, der am Kreuze starb auf der Stätte Golgatha für deine, für meine, für aller Sünden. Aber heute muß ich noch fort, denn bevor der Abend einbricht, will ich eine Sterbende taufen, die nach mir verlangt hat.«

»Und was soll ihr das?«

»Das Heil soll es ihr bringen und das ewige Leben, meine Tochter. Der Herr sei mit dir.«

Er stand auf, schob das Brot in seinen Busen und trat mit einer segnenden Handbewegung durch ein niederes Rundtor auf die Straße hinaus.

Salome schritt den Weg, den sie gekommen, langsam zurück. Ein wenig gebeugt, als trage sie an einer schweren Bürde. Wer immer ihrer Mutter Namen aussprach, knüpfte einen Fluch daran. Blutschänderisch hatte sie auch der Galiläer genannt, sie, die doch nur dem Bruder ihres Mannes ins Ehebett gefolgt war. Wie schwer mußten erst ihre Sünden und Verfehlungen wiegen auf der Wagschale des göttlichen Zornes? Das war die Vergeltung für ungerecht vergossen Blut, und der Mann im Brunnen hatte wohl einen schweren Fluch auch auf sie gelegt, bevor er seinen Nacken dem Schwert des Henkers bot.

Auf den Fließen vor ihren Gemächern saß ein Weib, das war ganz in Tränen gebadet. Sie trug das Haar aufgelöst und streute Asche darauf. Es war des Türhüters Frau, und sie klagte um ihr einziges Kind, denn in der vorhergehenden Nacht war ihr Sohn Dschemenian gestorben. Da fiel der Königin ein, daß sie ihre Schuld vielleicht ein klein wenig mildern könne durch große Demut und dadurch, daß sie eine Unglückliche tröste. So trat sie denn in die niedere Hütte des Torwarts, wusch selbst die kleine Leiche und legte ihr Blumen und Spielzeug in das kleine Särglein. Die Mutter des toten Kindes vergaß aber schier ihres wehen Schmerzes und riß Augen und Ohren auf vor Verwunderung über das Gehaben ihrer Herrscherin.

Als der erste Schnee fiel, und die Bergströme zufroren, brachen die Skythen ins Land ein. Sie brandschatzten und plünderten die frühere Hauptstadt Sophene, sie belagerten Melitune und bedrohten Mophuhestia.

König Aristobulos beschloß ihr Erscheinen nicht abzuwarten. Er vertraute die Verteidigung seiner Residenz seinem Oberfeldherrn Eutykles an, der trotz seines griechischen Namens ein blondbärtiger Bataver war. Er selbst wollte mit der Königin in eines seiner schwer zugänglichen Bergschlösser flüchten, das flußabwärts des Halys lag, an der alten Ostgrenze des Lyderreiches. In aller Eile wurden die letzten Vorbereitungen getroffen.

In der Nacht vor dem endgültigen Aufbruch hatte Salome unruhige Träume. Es war ihr, als sähe sie, wie in früheren Jahren so oft, ihre Mutter in dem violetten Schleppkleid an die runde Holzsäule mit den Stierhäuptern gelehnt dastehen, und von den Mäulern der schwarzen, die zu brüllen schienen, strömte ein weißlicher Dampf aus. Die Königin Herodias aber hatte ein schreckliches Antlitz und drohte mit ihrem elfenbeinernen Krückstock nach ihr hin.

Am frühen Morgen nahm sie Abschied von so manchem Tand, der ihr im Laufe der Jahre lieb geworden war, fütterte noch einmal ihre Vögel und stattete auch dem Gartenhaus einen Besuch ab. Die Quelle war zugefroren, und der Pfeile versendende Eros trug eine spitze Schneemütze, auf der ein frierendes schwarzes Vöglein mit gelbem Schnabel im aufgeblusterten Federkleid hockte.

Die Reise ging anfangs gut vonstatten. Als sie am Abend des dritten Tages an den Halys kamen, wehte ein föhniger Tauwind von den Bergen nieder.

Aristobulos, der voll Angst vor den Schwärmen der Skythen war, drängte, noch in der Nacht den Fluß zu übersetzen, um endlich die schutzbietenden Gebirgstäler zu erreichen.

Die letzten Stunden hatten des Unheimlichen genug gebracht. Wie drohendes Gefunkel und Gewittermurren den nahen Sturm ankündigt, irrten jammernde Flüchtlinge vor ihnen her, schreiend und verstört, ihren armseligen Hausrat am Rücken oder in kleinen Karren vor sich herschiebend. Ihnen setzten auf sattellosen Pferden in unzählbaren Scharen die stumpfnasigen Räuber nach, gelbfarbigen Gesichts, mit vor Kammfett glänzendem, schwarzen Strupphaar, mit mordgierig funkelnden Schlitzaugen, die Brandfackel in den Fäusten schwingend, das krumme Kurzschwert zwischen den gebleckten Zähnen.

Salome verursachte mehr als einmal einen Aufenthalt, indem sie bald da eine weinende Frau zu trösten, dann wieder dort einen erschöpften Greis mit einem Kännchen Wein zu laben versuchte.

Als sie in der beginnenden Dämmerung stromabwärts weiter ritten, mußten sie bald von den Pferden steigen, denn diese glitten bei jedem Schritte aus, und endlich wurde das diesseitige Ufer so unwegsam, daß man sich entschloß, auf dem Eise des Flusses den Marsch fortzusetzen. Die Nacht war mondhell, es hatte sich ein gewaltiger Sturm erhoben, der die im Tauwetter schmelzenden Eisnadeln den mühsam und keuchend Dahinschreitenden in das blutende Gesicht peitschte.

Die Fürstin blieb mit einer kleinen Dienerschar immer weiter zurück. Der Eisschauer ging allmählich in einen fast lauen Regen über, den Mond überzog dunkles Gewölk. In den Lüften heulte und brauste es, Waldeulen schrien kläglich, und in den Bergklüften bellten die Füchse. Das Eis ward immer weicher, ein leises Zittern durchlief den unsicheren Boden, auf dem sie dahin schritten. Jetzt waren die Ufer an beiden Seiten steilabfallend, und man mußte mit aller Anstrengung trachten, sich aus dem Engpaß herauszuwinden. Es knisterte und raschelte, es orgelte unter dem Eise herauf, es gluckste, schlürfte und gurgelte, als tränken in Hast und Durstgier tausend schwappende Mäuler. Dann klang es wieder, als zerschneide eine Säge sprödes Glas, zugleich wallte es unter den Füßen der Geängstigten auf und ab. Das waren die Sprünge, die nach allen Seiten das Eis durchzogen, das, morsch und blasig, sich langsam und ungeschlacht in Bewegung setzte. Ein fürchterliches Krachen, als stürzten ganze Häusermassen ein, erdröhnte, zugleich setzte der Sturm mit erneuter Macht ein. Wieder rauschte es zu ihren Häupten dahin, wie in jener Nacht des Schreckens, in der sie sich durch die Lüfte entführt wähnte. Mit Horrido und Hussassa, mit Peitschengeknall und Rossegewieher, mit Waffenlärm und Bocksgemecker stürzten sich die ruhelosen Geister der Nacht, aufgescheucht aus der Unterwelt, in Wind und Nebel durch die glotzdunkle Finsternis wie in einen ungeheuren schwarzen Rachen hinein.

In diesem Augenblicke barst das Eis, und Salome stürzte so unglücklich, daß die Schollen ihr das Haupt abschlugen.

Da lag es nun in der vollsten Blüte seiner frauenhaften Schönheit auf einer runden Eisscholle, die das warme rote Blut wie eine Schüssel ausmuldete.

Ein rauher Windstoß befreite den Mond. Er strahlte hell und kräftig nieder und ließ die Eistrümmer wie blankes Silber aufleuchten. Der abgeschlagene Kopf schien mit geschlossenen Augen zu lächeln, wie ein Weib lächelt, dem im Traum ein schöner Jüngling mit einer Umarmung naht, glückselig, ein wenig beschämt und traurig zugleich.

Ihr Leib aber geriet unter die Eisdecke und wurde von den Wellen des hurtig dahinrinnenden Halys stromabwärts gewälzt. Fischer zogen ihn heraus, als er sich in ihre Netze verstrickte, und in ihrem Aberglauben besorgten sie, der Leichnam könne zum Vampir werden. So begruben sie denn das unbekannte Weib, das guter Hoffnung zu sein schien, auf einer Ödstadt, trieben einen spitzen, unten angebrannten, noch grünen Weidenpfahl durch ihr Herz und türmten rohe Feldsteine zu einem formlosen Haufen. Kein Halm entsproßte ihnen, keine Blume wuchs darauf.

Das war das Grab der Königin von Kleinarmenien, Salome, der letzten Hasmonäerin.