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Leonhard Stein – Das Ballett des Todes

Novellen

Landhausverlag, Jena, 1918



Der Vampyr
1

Hermann Samassa war dreißigjährig, hoch mit wagrechten Schultern und angestellt in der Kanzlei des Doktor Herzfeld. Tiefe tönende Stimme, ruhig gewogene Gebärden, mit steigendem Gehalt immer sorgfältiger abgestimmte Kleidung und dunkelbraunes, leichtgewelltes Haar verliehen ihm den Ruf des schönen Mannes, den Samassa mit lässiger Befriedigung annahm. Doch die Beziehungen waren geregelt und nach Bestimmung eingeteilt, die dienende Klasse wurde überhaupt gemieden, Schülerinnen und besseren Mädchen einige Wochen zugemessen, neugierige Frauen mit angenehmen Wohnungen schon mit Monaten bedacht, Abenteuerinnen oder Ärgeres schlank abgewiesen. Doch dies alles waren nur Stufen oder wechselnde Geländer am Aufgang der Jahreswohnung künftiger Ehe mit Klara Gärtner. An diese Verbindung war Samassa wie an das Pult unter den gelben Gasflammen der Kanzlei getreten, sein Wert, Klaras Mädchentum, seine Erwerbsfähigkeit, ihre nicht beträchtliche aber immerhin einigermaßene Mitgift, seine Männlichkeit, ihre Neigung: alle diese Posten waren klar zu übersehen und hoben sich gegenseitig beim Zusammenrechnen restlos auf. Nur hatte Samassa wirklich vergessen, die Wirkungen seiner mit allen bisherigen Erfahrungen gestützten Werbung auf Klara richtig einzuschätzen, kühl, wie er selbst in die Verlobung getreten, glaubte er sie auch; doch Klaras Haut erwärmte sich willenlos bei Berührung mit seiner neugeschnittenen Weste und flimmerte gebannt seinen tiefen Kehltönen zu. Samassa gab gutmütig stumm Wünschen nach, die erst nach nächster Gehaltserhöhung und Hochzeit zulässig gewesen waren. Doch tröstete man sich mit dem bald zu erwartenden Eintritt solcher Verkündigung, empfing die Vergnügungen wie ein rechtmäßiges Geschenk, dessen Annahme die Andern noch nicht zu wissen brauchten und lebte still im Gedanken aneinander. Eben jetzt hatte auch Samassa stehend unter gelber Gasflamme der Kanzlei, zierliche Ziffern auf das wallende Riesensegel eines Hauptbuches werfend, Klaras gedacht, daß sie ihn in einer Stunde abholen, mit ihm Obst, belegte Brötchen kaufen, vielleicht ein Gartenkaffee aufsuchen würde, setzte die Feder ab und zog gewohnheitsmäßig die Binde fester, da trat der Doktor Herzfeld aus dem Vorstandszimmer, eine kleine, fremde Person durch geschwängertes Halbdunkel vor sich herschiebend: »Hier, Herr Samassa, unser neues Maschinenfräulein.« Samassa tauchte wieder die Feder ein und murmelte übers Buch zu neuen Eintragungen geneigt, einige Worte. Dann hörte er den Doktor Herzfeld gehen und die neue Angestellte langsam, gebrechlich zur Maschine tappen. Er beendete die Eintragungen, ging zur Fremden, ihr einige Briefe für die Maschine zu übergeben, entzündete ihr ein Gaslicht. Als die Flamme bläulich vom Streichholz in den Strumpf hinabschlüpfte, konnte er sie näher sehen: sie hing in dürftiger Bluse, noch kleiner durch einen Buckel auf ihrem Stuhl, eingefallenes wässeriges Gesicht mit ungekämmten roten Haaren zu ihm emporblinzelnd. Was Samassa unangenehm berührte, waren die Augen, dunkelgrüne, trüb schwimmende Augen, die sich wie Algenköpfe an ihm festhafteten. Doch beruhigte ihn die unendliche Verfallenheit des hohlen Gesichts und der schwachen, hörbar rasselnden Brust. »Die bleibt nicht lange,« dachte er, gab ihr die Briefe mit Anweisungen, denen sie fast ergeben lauschte. Zum Pult zurückgekehrt, wunderte er sich, als er bei einem Seitenblick ihre Finger mit langen Nägeln in rasender Schnelle über die Tasten scharren sah, vom Doktor Herzfeld einen Augenblick gerufen, fand er wieder eintretend die Briefe auf seinem Tisch bereits fertig getippt vor, obenauf lag ein Zettel, gleichfalls in Maschinenschrift, worauf stand: »Möchten Sie mich nicht nach Geschäftsschluß im Hauseingang erwarten?« Unerhört! dachte Samassa, drehte der Angestellten, die noch immer rothaarig, wie eine Lache unter trüben Laternen, vor der Schreibmaschine lag, den Rücken zu, zerknüllte hörbar den Zettel, warf ihn in den Papierkorb. Dann hob er sich mit vermehrtem Eifer dem Abendeinlauf zu, bis er den Doktor Herzfeld gehen hörte, klappte Bücher zu, verschloß sie, zog eine Bürste aus dem Fach, Rock und Hut reinigend, glättend, schob Röllchen in seine Ärmel, Zigarre zwischen die Lippen, verließ, den Gruß der Neuangestellten überhörend, das Zimmer. Ruhig und voll schritt er, Rauch einsaugend, die Treppe herab, begrüßte Klara, die im Hausflur schon wartend stand, mit leichtem Kuß auf die Stirne, sie gingen eingehängt auf die Straße. Klara sprach vom Tag und Gleichgültigem, Samassa versäumte nicht, Blicke Vorübergehender auf ihre Gestalt, den Widerschein der Auslagen auf ihrem Gesicht aufzufangen, fand sich in guter, gesättigter Stimmung und Klara hübscher und schmiegsamer denn je. So kaufte er mit stummem Einverständnis ihrer perlmuttergrauen Augen kaltes Nachtmahl nebst einer Flasche Rotwein; sie gingen eine alleinstehende Freundin Klaras, eine ältere Schauspielerin besuchen, die eingestandenermaßen erst spät nachts nach Hause kam. Doch sperrte Klara stumm und ernsthaft auf, machte Licht, deckte auf, gab Schinken auf Teller, Wein in Gläser. Erst später ließen sich beide von der Stimmung lösen, fielen sich reif zu. Schließlich erhob sich Samassa aus der Wärme, glättete ihr das Haar, brachte sie nach Hause. Dann ging er selbst, angeregt und schläfrig zugleich durch halbbeleuchtete Gassen, Melodien summend heimwärts.

Er hatte ein einzelnes Junggesellenzimmer, das neben vielen andern am Ende eines langen, mit Holzfliesen bedeckten Ganges lag. Aufschließend bemerkte Samassa, daß im rechtwinklig anstoßenden Zimmer noch Licht brannte, schwach durch die vorhanglose Glastüre blinkend. Unwillkürlich warf er einen Blick herein und erkannte die neue Angestellte Doktor Herzfelds, wie sie, den kümmerlichen Körper ins Hemd gebogen, vor dem Spiegel saß, rotes Haar flechtend, mit grünen Augen aus eingefallenem Gesicht nach ihm schießend. »Unerhört,« dachte Samassa, sich abwendend, »noch neben mir zu wohnen!« Betrat sein Zimmer, warf die Tür krachend zu, begann sich zu entkleiden. Im Bett las er eine Zeitung, rauchte, bis alle Eindrücke in ihm verwischt waren, löschte aus, entschlief. Doch der Schlaf war unruhig, heiß und bleischwer, Samassa spürte sein Blut gleich gedämpften Pauken an metallenen Becken wirbeln und angesogen von der Richtung des Nebenzimmers an seine Adern hämmern. Er warf sich hin und her, hatte schweißbedeckt das Gefühl, als ob jemand ins Zimmer träte, herumginge, Stühle, Kleider umwürfe, mit der Hand nach seiner Kehle fahre. Endlich hörte das Schleifen und Tappen auf, das Bett stöhnte leise, als ob sich jemand daran setzte, und Samassa spürte deutlich einen Stich an der Brust. Er fuhr nach dem Licht und sah gelähmt die Angestellte am Bettrand sitzend über ihn geneigt, daß ihm ihre roten Haare, zwischen denen die Smaragde der Augen giftgrün schillerten, ins Gesicht schlugen. Sie hatte sein Hemd zurückgezogen und bog nun den Mund zu seiner Brust herab, wie sie ihn öffnete, erkannte Samassa deutlich den einzigen guterhaltenen Eckzahn, der übergroß in eine lange, beinerne Spitze auslief, die jetzt die Fremde in seine Brust trieb, Samassa fühlte sie eindringen aber keinen Schmerz, dann spürte er hörbar sein Blut der Bißstelle zuströmen, von den Lippen der Rothaarigen gierig schmatzend aufgesaugt. Samassa sah sich nur widerstandlos schwächer werden, verfolgte mit matter Spannung, wie ihn sein Blut verließ. Endlich schien die Fremde gesättigt, hob den Mund von der Wunde, die weiß und kreisrund, ohne daß Blut nachfloß, lag, verlöschte das Licht, verschwand. Samassa fühlte sich maßlos entkräftet, ohne jede andere Nachwirkung, er lag mit glasigen, offenen Augen, zuckenden Pulsen schlaflos bis zum Morgen da, dann brachte das Tageslicht etwas wie matte Erholung; er stützte sich keuchend zum Kasten, stürzte einige Gläser Wein hinunter, die ihn durchfieberten. Dann zog er sich hastig und zitternd an, schlang im Kaffeehaus ein doppeltes Frühstück hinab und taumelte ungewaschen mit tiefgeränderten Augen in die Kanzlei.


2

Die neue Angestellte saß schon an ihrem Platze, als Samassa eintrat, auch der Doktor Herzfeld kam dick und gelb aus dem Vorstandszimmer, knurrte etwas von Verspätung, legte Samassa einen Stoß Papiere zur Erledigung vor. Vergebens, Samassa fühlte sich noch immer entkräftet; mühsam, ein totes Pumpwerk, spülte das Herz dünne Tropfen ins Gehirn, die es kaum zur Arbeit befruchten konnten. Schwindelnd und mit kalten Fingern setzte Samassa Zahlen zusammen, die bläulich aufleuchteten, tanzten und wieder zerstoben im Rauch der Blutleere, er mußte sich mit beiden Händen an das Pult klammern, um nicht zusammenzufallen. Erschöpft schräg am Hauptbuch liegend, sah er die neue Angestellte wie ein fremdes, rötliches Tier vor der Maschine hocken, ab und zu mit rasselnden Krallen einen Brief herunterscharrend. Schließlich kam ihm der Glaube an sich selbst wieder, er stürzte aus dem Zimmer in die nächste Gassenkantine, einen Kranz Würstchen und viele Gläser Schnaps herunterschlingend. Auf einer Bank rastend, spürte er endlich bei den Klängen vorübermarschierender Militärmusik sein Blut wild und bunt erneuert vom Genossenen wiederkehren, voll uneingestandener Freude eilte er in die Kanzlei zurück, erledigte straff sich in den Fersen wiegend den Einlauf, hieß mit barscher Stimme die Angestellte absichtlich verdoppelte Arbeit vollenden, staunte nur, wie sie, in das Faltige ihres Wachsgesichts grinsend, sich hurtig darüber machte, jetzt bei vollem Tageslicht glaubte er auch zu bemerken, daß sie nicht mehr so eingefallen wie gestern war, unter der fahlen, sommersprossigen Haut schon einige Fettpolster lagen. Dann brachte die Mittagspause im hell durchleuchteten Gasthaus blanke Teller, Mahlzeit, Ruhe und klares Bedenken. Die Kellner, flink und schwarz wie immer zwischen den Tischen schießend, die altbekannten Gäste und Tischnachbarn, in Zeitungen oder gelbe, schwarze Biergläser versenkt, die Rechnung, das Trinkgeld, alles das warf die vergangene Nacht ins Trübe, Wesenlose. Traum? Samassa hatte nie derartige Träume mit bösen Erscheinungen gehabt, verwarf innerlich diese stichhaltigste Erklärung, nahm sie für die Außenwelt prüfend an. Traum und Unwohlsein, das Essen in den Gasthöfen wurde bekanntlich immer schlechter, ab und zu konnte man in unbestochenen Zeitungen etwas von Vergiftungserscheinungen lesen, richtig, der Schinken des gestrigen kalten Nachtmahls konnte alt gewesen sein, gleich abends müsse er Klara fragen, ob sie nicht auch Übelkeiten verspürt. Und mit dem Vorsatz, Ähnliches fürder zu unterlassen, verließ er den Gasthof, ging in die Kanzlei zurück, trat pfeifend, rauchend, mit dem Daumen schnalzend ein, die Angestellte saß noch immer über der Maschine geduckt, augenscheinlich hatte sie überhaupt nichts zu Mittag gegessen. Samassa sah über sie hinweg, eine Kleinigkeit, vor der man sich schämen müsse, daß sie einen vorübergehend beunruhigt hätte. Dann ging er aufgerichtet, mit den Händen an der Uhrkette spielend zum Doktor Herzfeld herein, entschuldigte sich wegen der vormittägigen Verspätung, sprach mit der Sicherheit eines Gleichgestellten mit ihm über Zeitläufte, Geschäftsverbindungen, übernahm die Post. Und als er sie der Angestellten überreichte, unternahm er es sogar, ihr einige freundlich sein sollende Worte zu sagen, die verächtliche Sicherheit beweisen sollten. Aber er erschrak, als jene, den Mund zur Antwort breit verziehend, plötzlich den ungeheuren Eckzahn mit dünnem Beinfortsatz hervorblicken ließ, stürzte zerstreut abbrechend zum Pult zurück, den Rest des Nachmittags in dumpfem Hinbrüten, selten von willenloser Arbeit unterbrochen, hinbringend. Endlich wurden die Schatten länger, die Gasflammen heller, der Abend warf schwarze Fahnen an die Wände, die Straße lärmte schriller; der Doktor Herzfeld ging, Samassa ihm nach in Klaras lauen Atem, der ihn feucht umfing. Aber er vermied gegen seinen Vorsatz Fragen über Verdauungsfolgen des gestrigen Abends und blieb auch sonst für Klaras stumme Anspielungen taub, zerriß die zärtlichen Fäden, die sie ihm erwartungsvoll zum Weiterspinnen reichte, alles in der uneingestandenen Angst vor der neuen Nacht, die sich, tot und grün wie die Angestellte, funkelnd um ihn ballte. Klara war verletzt gegangen, er allein, zurückgebeugt in die Ecke eines Kaffees, mit dem dumpfen Entschluß, lieber nicht nach Hause zu gehen. Als aber nach Mitternacht die Lichter verflammten, der Kellner ihn höflich aber bestimmt auf die Gasse wies, ging er in jähem Trotz gegen die Möglichkeit, aus dem eigenen Zimmer ausgewiesen zu sein, heimwärts. Der Nebenraum der Fremden war still und verdunkelt, Samassa schlüpfte daran vorüber, zog leise die Stiefel aus, stieg in Kleidern ins Bett, spürte sich erleichtert entschlummern. Doch plötzlich ahnte er im Traum, wie die Angestellte sich im Nebenzimmer erhob, zu ihm hereinkam, sein Blut wurde wieder gährend, schoß nach der Bißwunde, schon hockte die Rote auf seiner Brust, es mit trichterförmig gespitzten Lippen schlurfend. Und dann kam wieder unendliche Schwäche, Starren in graue Dämmerung, verzweifeltes Aufpeitschen mit Wein und vielem Fleisch, krampfhafte Arbeit in der Kanzlei neben dem Raubtier, Klara ihn begierig und verständnislos anblickend, neue Nacht, neues Verbluten. Das ging eine Woche. Samassa schob die Zusammenkünfte mit Klara unter Ausreden hinaus, betrachtete sich in dem Spiegel einer Friseurstube und prüfte äußerlich kühl sein eingefallenes Gesicht, aus dessen schwarzen Furchen Nase und Backenknochen wie Feldsteine stiegen, sah beim Anziehen seinen Mantel, sonst bestimmt, kräftige Glieder verhüllend zu kennzeichnen, nun weitgebauscht über gekrümmtes Gerüst flattern. In einem Gasthaus bei vielen Fleischschüsseln, die er jetzt täglich essen mußte, um wieder zu Blut zu kommen, stellte er ruhige Berechnung an. Hier fand ein Wettrennen um seine Kräfte statt, bei dem er früher oder später zusammenbrechen mußte. Wahrscheinlich früher, denn weder trug sein Gehalt die verdreifachten Ausgaben für Wein und Fleisch lange, noch war sein Körper für die Dauer imstande, das Aufgenommene eilends in Blut zu verwandeln, das ebenso schnell wieder entzogen wurde. Und noch immer blieb Samassa das Ganze fremd, rätselhaft, ein Traum, der er ja doch nur sein konnte. In qualvoller Hoffnung nahm er eines abends ein Tintenfläschchen aus der Kanzlei mit, es geöffnet vor sein Bett stellend: als er am Morgen wieder schwach und ausgeblutet entstieg, lag es vergossen, also es war wahr, die Erscheinung und sein Untergang lebten, man mußte sich mit ihnen abfinden. Allmählich glaubte er auch bei der Arbeit zu erkennen, wie die Angestellte, von seinem Blut gesättigt, Blässe und Verfall verlor, zusehends voller wurde, Farbe empfing, den Buckel einzog, bessere Kleider, ja schließlich sogar eine blaue Schleife im Haar trug. Nur die Augen blieben grüngierig wie im Anfang. Mahlzeiten schien sie überhaupt außer den nächtlichen keine zu nehmen. Samassas einzige Hoffnung war nun, daß sie nach wiedererlangter Frische den Raubzug nach seinem Blut einstellen würde. Aber er täuschte sich: der Geier flatterte unersättlich über ihm, jedes neue Leben, das er keuchend erwarb, mit spitzem Eckzahn öffnend, verschlingend, rücksichtslos, ob der ausgesaugte Körper sich wiederbeleben könne oder nicht.


3

Samassa spürte Klara entgleiten, Männlichkeit und Beruf unter schwankenden Füßen entschwinden. Er las letzte Kräfte zusammen und betrat am achten Morgen Doktor Herzfelds Zimmer.

»Ich bitte, das neue Maschinenfräulein zu entlassen, wenn Sie weiter auf meine Anwesenheit Wert legen.«

Aber der Doktor Herzfeld wälzte sich schroff vom Stuhl empor, wie nach einer Beleidigung: »Ich bin der Ansicht, Herr Samassa, daß unsere neue Angestellte ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt, was man von Ihnen in letzter Zeit gerade nicht behaupten kann.«

Und den Kneifer fester in die fleischige Nase klemmend, setzte er hinzu: Überhaupt bin ich überrascht über die nachteilige Veränderung, die sich in Ihrem Äußeren, Herr Samassa, vollzogen hat. Spiel oder Frauen? Sie mögen diese Frage unberechtigt finden, aber ich lege Gewicht darauf, daß meine Beamten auch äußerlich das Ansehen des Hauses wahren.«

Samassa zuckte die Achseln und schwankte hinaus. Vorbei an dem roten Haar der Angestellten, die ihn fremd, wie ein unvermeidliches Opfer musterte. Er spürte Sehnsucht nach Wärme, ging in Klaras Wohnung. Sie stürzte ihm an der Tür entgegen, schloß ihn in die Arme.

»Was hast du?«

Samassa versuchte etwas zu sagen, aber rote Schleier mit grünen Tupfen umflorten seine Augen, verdunkelten sie. Als er aus der Ohnmacht erwachte, sah er sich auf einem Sofa liegend, Klara, Klaras Eltern und einen fremden Herrn, jedenfalls den Arzt, um sich, Klara flößte ihm stumm mit großen, verweinten Augen Rum zwischen die Lippen. Dann neigte sich der Arzt über ihn.

»Haben Sie nicht in letzter Zeit starke Blutverluste gehabt? Erinnern Sie sich!«

Samassa öffnete den Mund, wollte etwas von der Angestellten erzählen. Aber sofort hatte er die Empfindung, lächerlich zu werden, schloß ihn wieder. Überhaupt wollte er vorläufig nur Ruhe, stellte sich schlafend, hörte den besorgten Baß von Klaras Vater, die hohe glucksende Stimme ihrer Mutter, Klara selbst weinen, den Arzt sich entfernen. So lag er bis zum Mittag, dann kam der Arzt wieder, er wurde in einen Wagen gehoben und rollte im Halbtraum, in dem er die Angestellte mit großen Flügeln hinter dem Gefährt schwingen sah, einem mächtigen weißen Hause zu, weiß war auch das Zimmer, in das ihn Männer mit weißen Schürzen trugen. Dann spürte er Bett und wieder einen Stich, aber anders wie vom Eckzahn der Fremden, nach Stunden neigten sich wieder zwei weiße Mäntel über ihn.

Der erste sprach:

»Merkwürdig, der Mann hat nur zwei Millionen roter Blutkörperchen und lebt noch.«

Der andere erwidert:

»Wir werden ihn mit Eisen und Arsen füttern müssen. Vielleicht –«

Samassa wurde mit Arsen und hohen Eisenlösungen genährt, die sein Magen schlecht vertrug. Doch er überwand, mehr weil er Ruhe hatte. Doch wußte er nur zu gut, daß diese Erholung nur zeitweilig war, oft neigte sich die Angestellte prüfend über ihn, ob er schon wieder genug Blut hätte, er wehrte sie mit Händen ab und erkannte am Schluchzen, daß es Klara gewesen, verbot ihr, mit dem roten Hut zu ihm zu kommen. Doch nach einer Woche saß er schon mit ihr in der Sonne des Anstaltsgartens und unterschied, daß ihre grauen Augen sich größer, seelenvoller geweitet, ihre Hand mit unbeirrter Sehnsucht in der seinen lag. Sie sprachen von Heirat, und nach drei Tagen wurde Samassa als genesen entlassen.

Er verbrachte mit Klara den Abend und ging dann ruhigen Schritts in sein Zimmer zurück. Klar schien ihm, daß der frühere Zustand nicht wieder anheben dürfe, Hoffnung verhieß, daß die Erscheinung der Angestellten ja ein menschliches Wesen mit menschlicher Sprache und Fähigkeiten wäre, also konnte man geradeaus mit dem Gegner verhandeln, die Gefahr beschwören, Bedingungen erlangen, zumindest Näheres über die Art des Feindes erfahren. Samassa schritt fest auftretend den dunklen Holzgang zu seinem Zimmer entlang, klopfte an die beleuchtete Glastüre, eine Stimme rief herein. Samassa öffnete, da saß der Vampyr wieder, bleich und verfallen wie am ersten Tage an dem Spiegel, das struppigrote Haar mit einem Kamm ordnend, lud ihn mit einer Bewegung der dürren Hand zum Sitzen ein. Aber Samassa blieb stehen.

»Ich möchte die Bedingungen erfahren, unter denen ich Ruhe erlangen könnte.«

Der Vampyr warf die hagern Arme versagend in die Luft und schrie mit Krähenstimme:

»Das ist schwer. Ich habe zwei Wochen gehungert und bin wieder ganz heruntergekommen. Sie müßten Ersatz schaffen. Aber jede Nacht!«

Samassa wußte genug, dankte und ging.


4

Am nächsten Tage überredete er Klara, schon vor der Hochzeit bei ihm zu wohnen. Er fühle sich noch geschwächt und bedürfe nach der anstrengenden Arbeit der Kanzlei ihrer ständigen Nähe und Pflege. Er sprach mit ruhiger Sicherheit, die der starken Quelle seines Lebenstriebs entspringend, ihrer Wirkung gewiß war. Klara billigte schon nach den ersten Worten seine Absicht, ohne erst in üblichen Scheinausflüchten zu wandeln, besiegte mit Hilfe der bereiten Mutter des Vaters Widerstand, zog schon einen Tag darauf mit wenig Kleidern und Wäsche bei Samassa ein, der ihr sein Zimmer überließ, das anstoßende, dem Raum des Vampyrs gegenüberliegende für sich mietend. Der erste Abend im Heim war von ruhiger Traulichkeit, Klaras schlanke Bewegungen strömten farbiges Vergessen über die Nachbarschaft, ihre Sorge um Samassas kaum wiederhergestellte Gesundheit adelte ihre Hingabe. Als sie dann gerötet mit ruhigen, tiefen Zügen in die Kissen zurücksank, entwich Samassa in den Nebenraum, lauschte in kühler Spannung, rauchend. Nach Mitternacht hörte er ein Tappen, sah durch die Türritze den Vampyr ins Zimmer schlüpfen, sich über Klara neigen. Und als er sich morgens über die erschöpft Schlummernde beugte, erkannte er die farblose Wunde an ihrer Brust, er schob das Hemd darüber, floh in die Kanzlei. Mittags empfing ihn Klara bleich und matt, beide sprachen kein Wort, Samassa stürzte das Essen herunter, verschwand. Und nun konnte er Tag für Tag das gleiche Schauspiel, das er von sich kannte, an Klara wiederholen sehen: immer mehr verlor ihre Haut Glanz und Schwingung, immer tiefer flackerten ihre Augen aus verfallendem Antlitz, wieder wuchs der Vampyr in der Kanzlei, schwoll in Straffheit und Formen. Nur daß der ganze Vorgang viel länger als bei ihm währte, Samassa suchte es sich damit zu erklären, daß die Frauen von Natur aus vielleicht befähigter sind, im Notfall Blut mit Vernachlässigung der übrigen Gewebe schnell zu erzeugen.

Doch bald schienen auch Klaras Kräfte sich zu neigen, er konnte fast schon den Tag des Untergangs berechnen, doch frisch und arbeitsfähig wie nie, schob er immer wieder den Gedanken an Rettung hinaus, dessen Beschleunigung er hätte büßen müssen. Klara bestärkte ihn darin, nie kam ein Wort der tödlichen Nächte über ihre Lippen, vielleicht ahnte sie unbewußt ihre Aufgabe, hier für ihn zu verbluten und hielt den Leidenswillen fest zwischen erstarrenden Fingern, ihn nur im Kuß stumm in Samassa hinabtauchend, sich vor Eltern, Verwandten abschließend. Und als er eines Morgens an ihr Lager trat, fand er sie kälter als sonst, empfing nach einigen Stunden bedauernde Händedrücke von Freunden, Bekannten, auch der Doktor Herzfeld suchte ihn in der Wohnung auf.

Sogar der Vampyr schien zu trauern, aber schon am zweiten Tage spürte Samassa auch im zweiten Zimmer Stich und Ermatten. Immerhin schienen seine Gefäße bereits an die Entleerungen etwas gewöhnter, durch zwei Wochen vermochte er mit Eisenpillen und Arsen ein leidliches Gleichgewicht zu erhalten, das einigermaßene Arbeit ermöglichte, dann aber war er leer und am Ende. Doch rettete ihn ein Zufall. Iglseder, der zweite Schreiber Doktor Herzfelds, eine sanfte, verträumte Seele, der nur von Gemüsen lebte, in freien Stunden auf der Flöte blies, war, da er eine Zinssteigerung seiner Wirtin nicht erschwingen konnte, gekündigt worden. Samassa bot ihm mit guten Worten das leerstehende Zimmer an, das Iglseder aus Angst vor den nahenden Winterfrösten freudig annahm. Doch immer schwächer und dünner wurde mit seinem Körper Iglseders Flötenspiel, verstummte eines Tages, denn seine weiche, nur aus Pflanzennahrung aufgebaute Gestalt konnte den Hunger des Vampyrs nicht lange befriedigen. Iglseder versank wie Klara, und der Kampf mit eigenen Mitteln begann von neuem, verzweifelter, denn je. Samassa gab Arbeit, Kleidung, Äußeres, Beziehungen auf, immer nur bleich, verstört nach neuen kräftigenden Nahrungsmitteln, Arzneien die Stadt durchrasend. Den Gedanken, das Zimmer zu wechseln, sich von Besoldeten schützen zu lassen, verwarf er bald, denn klar war es, daß der Vampyr seiner Beute überallhin folgen, durch jede Leibwache zur nächtlichen Atzung vordringen würde. Dafür fand Samassa andere Zuflucht, die ihm durch einzelne Nächte, mitunter längere Zeit Erholung brachte: Die eingefallenen Wangen mit künstlichem Rot schminkend, gebrochene Haltung mit Miedern unterstützend, ergrautes Haar in Färbemittel tauchend, begehrlich geschwungene Kleider um mürbe Knochen faltend, sprach er abendliche Spaziergängerinnen, Mädchen an, sie mit Lockung und Versprechen in sein Zimmer bewegend. Nach Iglseders Flötentönen rauschten jetzt grelle, abgenützte Röcke durch die Stube, girrte das Kichern leichter Sünderinnen, die nicht wußten, welcher Lust sie entgegengingen. Denn Samassa vollzog stumpf Einleitung und Liebkosungen, vor deren Erwiderung ihn ekelte, gewandt zum Trinken auffordernd, schob er den Opfern die Weingläser mit starken Schlafmitteln untermischt zu, lagerte die Betäubten hart auf das Richtbett, ließ sie morgens bleich und zerstört mit der Bißwunde an den weißen Brüsten hinausschwanken. Doch verbreitete sich das Gerücht unerhörter Müdigkeiten, die Samassa brachte, nur zu schnell in der niedersten Frauenwelt, einzelne noch lockend, die meisten abstoßend. Samassa wütete, immer höher stiegen seine Versprechungen, deren Einlösung Ströme von Schulden emportrieb, ihn Wucherern in die Hände warf, aber schließlich verfing keine List, kein Gebot mehr, die Polizei drohte, bedächtig wegen Mangels greifbarer Beweise, aber unablässig näherrückend. Gemieden von Bekannten, aus den Bürgervereinen ausgestoßen, mußte er allein wieder den Kampf aufnehmen, mit geheimen Mitteln und Künsten das wahnsinnige Wettrennen bestreiten. Gewaltige Veränderungen vollzogen sich in ihm: sein Körper wandelte sich in eine Unternehmung, die einzig und allein nur um die unaufhörliche, schnelle Erzeugung von Blut angestrengt war, alle übrigen Zweige vernachlässigte, verdorren ließ. Muskeln, Haut und Knochen waren eingeschrumpft, dienten nur noch als Träger der ungeheuren Röhrenstränge der Adern, die abends vor der Entnahme wie zuckende Schlangen sich pulsend um Samassa wanden, morgens gleich leeren Schläuchen flach faulten. Das Herz erdehnte sein Pumpwerk über die rechte Brusthälfte hinaus, zitternd unter den dunklen Strömen, die es zu heben hatte, verengte die Lungen, spannte das Zwerchfell zum Zerreißen, ließ nur kurze, schnappende Atemstöße zu. Doch es erfüllte seine Pflicht, mit Grauen sah Samassa in der Kanzlei, wie der Buckel des Vampyrs schwand, er sich in den Gliedern streckte, groß lachend, mit einer Flut unbändigen roten Haares, und tiefen, meergrünen Augen, die von singenden Küsten schillerten. Doch blieb dem Gebrochenen nicht Zeit zur Betrachtung, denn er wurde von Doktor Herzfeld in das Vorstandszimmer gerufen, der ihm kurz mitteilte, daß er wegen mangelnder Pflichterfüllung und äußerlicher Verkommenheit entlassen sei.


5

Samassa schwankte in eine Kneipe, einige Gläser Schnaps leerend, betrachtete seinen zerfetzten Anzug. Der Anblick seines Unterganges brachte ihn auf einen Gedanken von solcher Einfachheit und Klarheit, daß er es nur seinem verdorrten Gehirn zuschreiben konnte, nicht schon früher daraufgekommen zu sein: den Vampier zu töten. Wenn es gelang, war er frei und konnte sich wieder emporarbeiten, wurde er entdeckt, so war Haft und Hinrichtung jedenfalls dem jetzigen Ende vorzuziehen. So legte er einen Plan zurecht und begab sich auf die Runde durch die Waffengeschäfte der Stadt, wegen seines zerrissenen Aufzugs überall mißtrauisch abgewiesen, gelang es ihm nach Stunden Umherirrens bei einem Trödeljuden ein Pistol mit Patronen zu erstehen, dann taumelte er auf seine Stube, den Rest des Tages mit Zielen nach zugeschnittener Papierscheibe verbringend. Als die letzte Dämmerung feuerspeiend in Schneedächern versank, ballte er Kleider in Haufen unter der Bettdecke zusammen, damit es schiene, als ob er sich aus Angst darunter verkrochen, stellte sich mit dem Pistol hinter den Ofenschirm, wartete, die andere Hand am Lichtknopf. Nacht fiel schwarz in den Raum, endlich gegen ein Uhr hörte Samassa die Tür sich öffnen, den Vampyr, ein schönes, schmiegsames Weib, zum Bett huschen. Unwillig hob sie die Decke weg, Samassa hob das Pistol, zielte, schoß, der Vampyr fiel getroffen aufs Lager zurück, mit der Rechten stöhnend die Brust aufreißend. Samassa stürzte hinzu, ihn mit der Faust auf die Kissen niederschlagend, da traf ihn der Strahl, der rot aus ihrer linken Brust schoß: ihr Blut, sein Blut! Schwindelnd neigte er sich über die Frau, dürstend sein geraubtes Blut wieder trinkend, triumphierend spürend, wie es wild in seine leeren Adern schoß. Der Vampyr hatte sterbend seinen Arm um ihn gelegt, Samassa sah in das Schimmern seiner grünen Augen, das immer blauer, erlöster wurde, wie der Blick einer dämmernden Frau; auch das Rot des Haares erlosch, in sanftes Blond verfließend. Samassa ahnte eine unerklärliche Regung, fast Liebe, zu dem Vampyr, der langsam mit dem weichenden Blut unter ihm zusammenschrumpfte, verging, weiß wie ein Linnen vom Bett herabhing, starb. Samassa sprang auf, rasend in Freiheit und wiedergewonnenem Blut, das ihn an die Wände warf, zur Tür hinaustanzen ließ. Haltlos schoß er fallend, sich überstürzend die Treppe hinab auf die Gasse, deren Winterhäuser in den Mond fielen, schräg über ihm zusammenbrachen, wieder auseinanderschwankten, wie Glühwürmer umkreisten ihn die Laternen! Samassa fühlte sich gehoben, im schiefen Bogen in den Himmel steuern, wieder durch endlose, unterirdisch heulende Schächte geworfen. Was war das? Nur sein wiedergewonnenes Blut, das im Leib des Vampyrs vergiftet, nun wieder raste, ihn zersprengte. Wie töricht! Er hätte doch wissen müssen, daß der Vampyr giftig war und alles, was er aufnahm, mit seinen tödlichen Keimen benetzte. Was tun? Er rannte in Zuckungen im Kreise herum, endlich konnte er sich an einem Vorübergehenden festhalten, entweichen. Aber dann bogen ihn viele Hände in den Schnee hinab, umstanden ihn in dunkelnden Gestalten.

»Ich bin vergiftet,« sagte Samassa. »Holen Sie die Rettungsgesellschaft!«

Ein Schatten enteilte. Aber Samassa winkte wieder ab, denn erster Krampf lähmte sein Gehirn. Lange sah er zu dem Fenster empor, hinter dem der Vampyr, des Bluts beraubt, das in beiden geschwungen, nun flach und leblos an der Bettwand hing, fühlte sich ihm verbunden, hauchte Seele durch die Kälte zu ihm empor, verschied.



Der Ring
1

Erwin betrachtete Adele, während sie langsam vor ihm die Treppe emporstieg und, bei der Wendung der Stufen rastend, die Handschuhe öffnete. Gewiß, sie besaß noch alles aus den ersten Tagen ihres Verhältnisses: die feine traumsichere Haltung, mit der sie gleich einer lässigen Uferweide sich über den abendlichen Strom des Lebens neigte, ihn vorübergleiten ließ, den heimlichen Glanz des Haares, die herbe Güte und Heimat der Hände. Und doch reifte in ihm immer höher der Entschluß der Trennung. Er war ihrer überdrüssig, wie er sich einbildete, in einem höheren Sinn. Nicht, daß ihn die stillen Feste im Dämmergarten ihrer Jugend ermüdet, nicht, daß ihn eine andere mehr gelockt, Heirat oder äußerliche Ereignisse dazu gezwungen hätten, nein, er spürte sich nur wie ein Boot in der Strömung langsam aber hemmungslos von ihrer Insel gelöst, hinausgleitend ins Meer der freieren Männlichkeit, in dem neue Gestirne: Reisen, Gefahren, Wissenschaft und Ruhm auf- und niedergingen. Das Knarren einer Tür unterbrach das Bild: Sie waren im ersten Stock angelangt, Adele hatte die altmodische Glocke gezogen und das gelbe, faltige Gesicht der 70jährigen Dienerin erschien in der Öffnung, bat sie einzutreten. Es war der gewöhnliche Donnerstagbesuch bei der Finanzrätin Kreutzer, einer Erbtante, die man aus Familienrücksichten nicht vernachlässigen durfte. Gewöhnlich war auch zu dieser Stunde ein enger Kreis von hohen, meist verabschiedeten Beamten versammelt, mit dem die alte Dame, anstatt Karten zu spielen, Tischrücken und Befragungen der Geisterwelt ernsthaft betrieb. Da Erwin diese Vorführungen tödlich langweilten, hatte er Adele unter einem Vorwand eingeführt, um durch die Nähe der Geliebten wach zu bleiben, sich am Heimweg in ihrer Geselligkeit zu erholen. So betrat er wieder, innerlich gähnend, den im matten Zwielicht hängenden Biedermeiersalon, neigte sich über die schon durchsichtige Hand der Tante, versuchte mit einem altern Herrn ein Gespräch anzuknüpfen, das bald durch den Beginn der Sitzung unterbrochen wurde: Die Seidenvorhänge rauschten nieder, und nur ein trübes Windlicht zuckte auf dem starren Gesicht des schon in Schlaf verfallenen Mediums, der Kral. Diese, von Beruf Wäscherin, hatte sich durch ihre Anfälle von Hellseherei bei ihren Leuten und Kunden unleidlich gemacht, bis sie die Finanzrätin entdeckte, und von nun an für ihren Kreis aushielt. Jetzt erhob sie sich, wilde Zuckungen von den blauen Lippen ausstrahlend, aus dem Lehnstuhl und schritt unbeholfen schwankend den innern Gesichten nach, von einem zum andern. Erwin, der in allem nur gläubige Hysterie sehen wollte, griff im Dunkeln nach Adelens Hand, um sich an ihren jungen Adern aus dem trüben Zwielicht, darin diese alternden Geschlechter ihre letzte Hoffnung versenkten, treiben zu lassen; denn jetzt trat die Kral auf ihn zu, aus der gebrochenen Trostlosigkeit ihrer Züge röchelnd:

»Ich sehe jemand hinter Ihnen, junger Herr.«

Erwin blieb gleichgültig, erkundigte sich aber aus Höflichkeit gegen die Finanzrätin, ob die Erscheinung ein Lebender oder Toter sei.

»Er lebt,« stieß die Kral hervor. »Er ist groß, bleich mit rötlichem Spitzbart. Er fragt, ob sie mit ihm in Beziehung treten wollen.«

Erwin erklärte sich spöttisch bereit. Aber zuerst müsse er wissen, mit wem er das Vergnügen habe.

Die Kral riß die Augen weit auf, über Erwin ins Leere starrend. Dann preßte sie schwach und keuchend hervor: »Veit von Hügel. Er wird Ihnen seinen Ring schicken.« Dann fiel sie zusammen.

Die Finanzrätin drehte das Licht auf, und alles entzog sich dem peinlichen Nachspiel, wie der Kral mit einem Schwamm der Schaum von den Lippen gewischt wurde, in den Nebenraum. Erwin wurde zu der neuen, übersinnlichen Bekanntschaft mit Herrn von Hügel beglückwünscht, doch angewidert von der Quälerei, zu der ein armes leidendes Weib sich hier gegen Unterhalt hergeben mußte, gab er Adelen einen Wink und verließ die Gesellschaft. Selbst auf der Straße blieb er noch stumm, bis beide plötzlich im Dahinschreiten an das Ende der Vorstadt gelangten, wo aus weitem Bogen Wiesen, Strom und Berge, in blaue Dämmerung gesponnen, sie überfluteten und Adelens Mund ihm Stimmung, Freiheit, aber auch den Gedanken an die unabweisliche Trennung wiedergab.


2

Dann brachte er die Freundin nach Hause, ging in den letzten Akt der Oper, nachher in ein Café und schließlich auch heimwärts. Während des kalten Nachtmahls legte ihm der Diener die Post vor:

Einige Briefe und ein Päckchen, von einem Boten übergeben. Erwin öffnete die Verschnürung und ein Ring entrollte golden mit blauen Stein, der die Buchstaben M. v. H. trug. »So eilig hat es Herr von Hügel,« lächelte Erwin, überzeugt von dem Scherz eines der Herren bei der Finanzrätin, um ihn von seinem Zweifel über das Dasein dunkler Mächte zu heilen. Dann fragte er, wann der Bote gekommen. Um sieben, also eine Stunde nach dem Gesicht der Kral. Immerhin, wenn der übersinnliche Geber sich durch ein so kostbares Geschenk die Verbindung mit Erwin sichern wollte, konnte man ihm zu Gefallen sein, und er steckte den Ring an. Dann aber wandte er sich ernsthaft der Überlegung zu, wie die Trennung von Adele am leichtesten für beide Teile durchzuführen wäre. Schließlich kam er nach reiflicher Erwägung aller Mittel zu dem Entschluß, die Stunden des Zusammenseins langsam kühler und seltener werden zu lassen, bis die erstickte Flamme von selbst erlosch. Er beruhigte sich, daß dies auch für Adele das Beste sei, denn er wußte, daß ein Hauptmann ernste Absichten hätte, denen das Mädchen nach seinem Abschied nachgiebiger sein würde, noch ein gesichertes Lebensglück finden könnte, und ähnliche billige Worte mehr. Doch hatte dieser Plan, den er gleich in den nächsten Wochen zur Ausführung brachte, entgegengesetzte Wirkung: Nur heißer hing Adele in den kurzen Stunden an ihm; ja, der süße Brand und das wehrende Werben ihres Körpers rauschten verzehrend bis zum Glanz des Opfers ihrer ersten Tage. Matt und ratlos stand Erwin in den Flügelschlägen dieser neuen unerklärlichen Sehnsucht, die ihn zu blenden drohte; und wenn er sich auch tagelang von ihr fernhielt, lastete auf ihm die dumpfe Empfindung, daß Adele an seiner Seite ging, er mit ihr auf abendlicher Wiese läge, trieb ihn im Traum der Duft ihrer Haut empor, der eben noch fühlbar an seinem Lager blühte. Und kein Wort, kein Vorwurf über sein langes Fernbleiben kam beim Wiedersehen aus Adelens Mund, ihre Hände legten sich, als ob er eben vor einer Stunde gegangen, mit dem gleichen stillen Fieber in die seinen, bis Erwin, beinahe schon gequält, sich nach einer unglücklich verspielten Nacht zu dem Krampf eines starren Entschlusses verstieg: Er schickte ihr am folgenden Vormittag eine Karte zum weißen Ball, wo er noch einmal vom Glanz und Wein ihrer Jugend überströmt, die Nacht mit Wort oder Andeutung des Endes beschließen wollte.


3

Die Kronleuchter strömten kaltes, scharfes Licht auf die in ungewisser Spannung rauschende Menge, dann stieg das Blut der Polonaise erwärmend in gemessenen Schlägen in den Saal: Der Ball hatte begonnen. Erwin wartete mit Adele am Eingang, er liebte es, den pompösen Einzug, der so viel von den mit Flittern bedeckten Wunden der Körper preisgab, ruhig zu betrachten und sich erst später von der leichteren Woge des Tanzes ergreifen und schwingen zu lassen. Endlich kam der Walzer, der Adele in seine Arme bog, sie schritten still und vertraut in das linde Feuer der Musik, das ihnen ungefährlich bleiben konnte, und drehten sich um den Saal. Dann saßen sie in einem Zelt, wortlos die Gläser leerend und strömten wieder unter vielen auf die beleuchtete Fläche. Nun hing Adele schwer, mit geschlossenen Augen an ihm, ihr Blut in den Tanz verströmend, mit heißen erwartenden Schläfen. »Noch immer glücklich?« flüsterte ihr Erwin bitter zu, schon irre geworden an dem Ausgang dieser Nacht. »Wie gestern,« hauchte sie leise, aber doch hörbar. Erwin durchzuckte es wie ein Funke, denn sie hatten sich vier Tage vor dem Ball das letztemal kurz gesehen. Aber ehe ihm noch Besinnung und Erklärung kam, neigte sich ein Herr vor Adele, die er unbewußt freigebend jenem überließ, spürte er den Blick der blonden Stolla May, der er als häufiger Gast eine Runde geben mußte. Dann flüchtete er endlich befreit auf die Galerie, mit dem Operngucker nach Adele suchend, deren Worte rätselhaft trüb in ihm flackerten. Bald entdeckte er sie am Arm ihres neuen Tänzers, ebenso versunken, wie mit ihm dahinschreiten, durch das Glas erkannte er deutlich das hohe blasse Gesicht des Fremden, mit rötlichem Spitzbart. »Veit von Hügel,« durchfuhr es ihn, dann lächelte er wieder über die plötzliche Aufdringlichkeit der Erinnerung an den Besuch bei der Finanzrätin, beugte sich wieder sinnend über den Ring des Unbekannten, den er noch immer am Finger trug, dann überkam ihn der Taumel der Empfindung, daß er selbst es wäre, der da unten mit Adele tanze. Spürend, daß sein Zustand Klarheit erheische, eilte er in ein Zelt, ein Glas gekühlten Sekt leerend; es absetzend, sah er Adele eingehängt in den Fremden den Saal verlassen, er stürzte ihr nach, erhielt vom Diener die Auskunft, daß ein Herr und eine Dame seiner Beschreibung eben in einem Fiaker fortgefahren seien. Da stand er nun im kühlen Nachtwind allein vor dem höhnischen Geheimnis. Eine Stimme sprach dünn und klug in ihm, daß dies die beste Lösung sei, die er nur wünschen könne, morgen stand es ihm frei, von Adele mit Anstand und verächtlicher Verzeihung zu scheiden; aber sie wurde übertönt von einer zweiten, mächtigeren, die schrie, daß ein Treubruch Adelens sinnlos, erlogen sei; ihren neuen Brand in den letzten Tagen, Veit von Hügel, die Kral, den Ring und vieles andere wahllos emporschwemmte, mit unsichtbaren Zusammenhängen. Erwin schwankte ohnmächtig in dem Widerspiel, ließ sich willenlos Rock und Hut geben, taumelte wie berauscht nach Hause, wo er sogleich in dumpfen Schlaf fiel.

Noch in der Dämmerung fühlte er sich von der Hand seines Dieners geweckt, der stotterte, daß ihn eine Frau sofort zu sprechen wünsche. Er eilte halb bekleidet in den Vorraum, erkannte Adelens ältere Schwester. Sie teilte ihm mit, daß Adele unwohl sei, der Wagen warte unten. Er warf sich fröstelnd in den Mantel, fuhr mit der Frau in einem kläglichen Zustand zwischen Traum und Grauen durch die fahle Dämmerung vor Adelens Haus, betrat das Zimmer: Da lag Adele tot, mit gelösten Haaren vom Bett hängend, stumpf, ohne Schmerz oder Hingabe. Erst jetzt bemerkte er die Mutter, die sich vom Kopfende des Lagers erhob und mit verborgener Härte murmelte: »Sie hätten doch wissen müssen, daß sie herzleidend war und nicht so spät heimkommen sollen.« Erwin spürte, daß er der Mutter vielleicht nie die Wahrheit sagen dürfe, zugleich lösten ihre Worte in ihm das brennende Geheimnis dieser Nacht wieder auf, mehr erstickt als trauernd trat er nach Atem ringend von der Leiche weg ins Freie.


4

Nach zwei Wochen war er so weit gesammelt, daß er nach einem neuen Ziel langen konnte: Reisen. Nicht denken an die Jahre der eigenen Jugend, die untergegangen; abschütteln den dumpfen, fruchtlosen Alp von Adelens Geheimnis, versinken in den Teppich neuer Länder, Kampf mit Männern und wirklichen Gefahren, nicht tückischen Schemen. Ohne Abschied von Bekannten zu nehmen, mit wenig Gepäck flog er im Zug über die Alpen, der Hafenstadt zu, die er abends erreichte. Bevor er noch ein Quartier aufsuchte, schritt er zum langgestreckten Molo, hinter dem das Meer lauerte, manchmal brüllend die Pranken darüberstreichend; sein Schiff lag schon am Kai, für nächsten Morgen fahrtbereit. Er nahm eine Kabine, kehrte zum Hotel zurück, doch störte ihn die lärmende südliche Gesellschaft, und er begann wieder langsam zu den stillen, unzähligen Buchten des Hafens hinauszuschlendern, wo große Dampfer zwischen schmalen Seglern und Barkassen, Taue und Takelwerk scheinbar verworren im Netze der ersten Sterne hing, das Wasser schlug hohl und regelmäßig an die Kiele. Aus einer nahen Schenke klang Gesang, Erwin lockend, er trat ein und lauschte bei einem Glas Rotwein dem Lied einiger Matrosen, das von einer Gitarre kurz begleitet wurde. Dann entdeckte er bei der trüben Beleuchtung einen zweiten Gast, der vielleicht auch durch das Spiel der Matrosen gelockt, schweigend in einen Regenmantel gehüllt dasaß, aber nun augenscheinlich gelangweilt, ein Domino verlangte und allein die Steine aufzustellen begann. Erwin verfolgte eine Zeitlang diese geduldige Beschäftigung, dann gab er einer Regung nach Zerstreuung nach und bat den Fremden um eine Partie. »Gerne,« sagte jener, »mit wem habe ich das Vergnügen?« Erwin nannte seinen Namen. »Sehr erfreut. Veit von Hügel,« erwiderte der andere höflich. Erwin spürte sein Blut zu tieferen Zusammenhängen erstarren, jetzt erkannte er das blasse Gesicht mit dem rötlichen Spitzbart und nahm die Dominosteine. Dann fragte er ruhig: »Warum haben Sie Adele getötet?« »Getötet?« lächelte Herr von Hügel, »warum das Bittere zuerst, ich habe sie geliebt und getötet, freilich leider nur – hier wurde seine Stimme bedauernd – in Ihrer Gestalt.« »Sie waren also in meiner Gestalt mit Adele in der Zeit, wo ich mich ihr fernhielt?« forschte Erwin weiter. »Gewiß,« bestätigte der andere. »Sie hatten mir ja durch die Annahme des Ringes die Macht verliehen, die Eigenheit ihres Wesens für diese Stunden an mich zu ziehen, so daß Adele überzeugt war, in Ihrer Gesellschaft zu sein.« »Und warum haben Sie sie getötet?« »Mein Trieb war eben brennender und geheimnisvoller als der Ihre,« sprach Herr von Hügel. »Sie wollten Ihrer Trägheit gehorchend, die Freundin langsam blühen und wieder vergehen lassen, während mein Blitz sie in wenig Tagen entzündete und verbrannte. Ich war eben sozusagen Ihre Fortsetzung, mein Herr, Ihr stärkeres Ich!« »Ich danke für die Aufklärung,« sagte Erwin, der die Gründe des Mörders durchaus begriff und gab ihm den Ring zurück. Dann aber fuhr er doch haßtrunken hoch, die Fäuste in Veit von Hügels Gesicht, das langsam mit dem grauen Regenmantel im Dunkel der Kneipe zurückversank, ins Leere.

»Nur ein Traum?« dachte Erwin. Ja, er mußte wirklich beim Spiel der Matrosen eingenickt sein, denn weder der Wirt noch jene hatten den Fremden gesehen. Aber der Ring an seinem Finger blieb verschwunden, vielleicht hatte er ihn in dem Hafen verloren, in der Schenke konnte er nicht mehr gefunden werden. So ging er von tiefen Zweifeln erfaßt ins Hotel zurück, und selbst der nächste Morgen, der ihn strahlend wie ein neues Leben auf Schiff begleitete, trug auf der Stirn das Gefühl, daß er wie alle im Leben, nur Doppelgänger eines größeren Schicksals sei, bestimmt, es unbewußt zu erfüllen.



Haschisch

Dein Freund Frank erzählt:

Traum oder Wille? Was ist stärker?

Ist der Traum des Weltgehirns das Leben, sein Wille der Tod?

Darauf habe ich vor fünf Jahren eine böse Antwort erhalten.

Das war in Kairo im Juni, wo die Sonne das Pflaster zerreißt und die Menschen zu heißen Magneten ausbrennt, die sich lautlos nach dem Pol der Begierden drehen. Wir liegen im weißen Frack auf der Terrasse des Shepeards Hotels, den Whisky im Eiskübel. Der braune Diener Achmed gleitet geräuschlos zwischen den Stühlen, jedem eine Karte überreichend:


 
 Heute Abend wird
 Olaf Mundwasser
 Professor in Stockholm
 sich mit seinem Medium
 Dagne
 die Ehre einer Vorstellung geben.
 Höchstens 5 Gäste. Eintritt 1 Pfund.


Professor, Medium, Vorstellung? Schön. Ich wollte zwar in die Oper gehen. Aber bei der Hitze ist es bequemer, sein Geld im Hause anzubringen.


Um neun Uhr sind wir im Zimmer des schwedischen Professors versammelt. Drei Herren. Ein Fabrikant aus Chikago, Said Baraban, ein fetter, ewig lächelnder Araber, meine Wenigkeit. Sonst war keiner so verrückt, ein Pfund für den Ulk herauszuwerfen.

Bevor wir Zeit haben, uns voreinander zu schämen, öffnet sich eine Tür: Mundwasser. Das Gesicht ein ausgebrannter Vulkan, von weißblonden Haaren umschwelt. Er dankt kurz für das Erscheinen, bittet in den Nebenraum. Wir folgen.

An einem Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, eine junge Frau: Dagne. Eine Märzlandschaft. Nicht die Flamme des Haars, der Weiher der Augen, des Nackens Glanz. Nein. Nur Seele. Seele, die den Traum erwartet, Traum das Leben.

Vorläufig erwartet sie die Vorstellung. Mundwasser beginnt: Wir hätten unsere Pfunde nicht umsonst gegeben. Dagne befände sich im magnetischen Tiefschlaf und sei bereit, auf seinen Willen das Gefährlichste auszuführen. Was immer die Herren wünschten.

Pause. Dann lächelt Said Baraban, zieht ein Schächtelchen aus dem Burnus. Öffnet es, läßt eine Perlenschnur entgleiten. Erklärt, noch immer lächelnd:

Diese Perlen enthalten kristallisierte Salzsäure und schmelzen auf der warmen Haut in kurzer Zeit. Wenn die Dame sie anlegen möchte? Der Zeitpunkt der Wirkung ist mir bekannt.

Mundwasser blickt Dagne scharf an. Seine Lider sind eine Zange, die den Schmetterling ihres Lebens festklammern, roh den Blütenstaub verwischend. Jetzt hält er sie fest. Jetzt schließt Dagne die Perlen um ihren Hals.

Wir warten, die Uhren in der Hand. Nach drei Minuten winkt Said Baraban. Mundwasser hebt mit einer Haarnadel die Schnur ab, an der schon gelöste Tropfen hängen. Aber Dagnes Haut ist noch unverletzt.

Said Baraban erklärt sich lächelnd für befriedigt. Die Vorstellung geht weiter. Mundwasser zieht mit den Fingern einen neuen magnetischen Kreis um Dagnes Stirn. Ihre Augen schließen sich keusch im Tiefschlaf. Ich stehe im süßen Traum.


Bin ich auf der Terrasse oder noch im Zimmer? War es mir Lust oder Qual, Dagnes Ohnmacht anzuschauen oder zu fliehen? Ich weiß es nicht.

Wohin jetzt?

Ich spüre mich willenlos durch die glühende Nacht dem Fischmaket zuschreiten. Die Luft weht von Gewürzen. Der wagrechte Mond steht wie ein Opiumbecher. Musikbanden lärmen.

Der Fischmaket ist das Herz Kairos. Das wildhämmernde Lustherz. Hier stehen die hohen, wie toll in die heiße Welt übereinandergetürmten Häuserkäfige, voll Weißer, Negerinnen, Türkinnen, Matrosen, Händlern, Beduinen, Tänzerinnen, Musikanten. Hier bietet die Liebesgöttin ihre beiden Brüste der Lust und Ekstase gierig den Menschen dar. Und Haschisch, der Bote des Traumrauschs, überall.

Die offene Tür einer Opiumbude blendet. Im Vorraum läßt eine Bauchtänzerin die Haut flirren. Vier Araber blasen eintönig dazu auf langen Flöten.

Einmal will ich auch Haschisch rauchen, um die Vorstellung zu vergessen.


Ich liege schon auf einer halbzerfetzten Ottomane. Ein Knabe entzündet das braune Korn auf dem Pfeifenteller. Die Araber im Vorraum blasen eintönig weiter.

Der erste Zug ist bitter und erstickend, wie Versinken ins Meer.

Die Araber spielen noch immer. Doch leiser, tiefer.

Auch die Bauchtänzerin wiegt noch die Hüften. Aber in kupferroter Wolke, deren Strom meine Augen schließt.

Ich rauche. Träume. Schwebe.

Ich hänge hoch, einsam, nahe dem Mond über Kairo. Über dem Meer. Über der silbernen Erde.

Als Stern im Segeltuch der Nacht.

Ich hänge nicht. Ich treibe an einem langen dünnen Riesenstengel, der bis zur Erde reicht. Auf ihm treibe ich als rote Blüte im Wind.

Immer neue Wurzelfäden sende ich aus. Nach allen Richtungen. Ich bin eine ungeheure Schlingpflanze geworden, die Erde überwuchernd. Immer neue Äste fließen. Alle durch mich. Im Traum bin ich Herr des Lebens geworden. Bin das Leben selbst. Bin die Blume im Teppichgewebe, durch die alle Fäden laufen müssen.

Plötzlich wenden sich alle Äste nach einer Richtung. Ich weiß es: Dagne. Eine Wand steht wehrend, kalt und hart wie Glas: Olaf Mundwasser. Aber die Äste werden dünn, wissen die Poren zu finden, sich durchzuschlängeln, bis sie im Innern des Glashauses wieder üppig wuchern. Mein Traum ist stärker als sein Wille.

Und nun ringeln sich die weißen Fäden an Dagne empor, umschlingen sie. Sie hängt gefesselt im wirren Geflecht. Hingegeben. Der roten Blüte, die sie durch das Glashaus fern am Nachthimmel, immer neue Fäden entsendend, schaukeln sieht.

Wehre dich, Dagne!

Ich liebe dich.

Im Traum.

Ich will Mundwassers Netz zerreißen. Fliege, bunter Falter meiner Jugend!

Nur im Traum.

Die Araber flöten noch immer. Eintönig schnarrend.

Auch die Bauchtänzerin wirft sich noch in den Hüften. Sie ist fett und häßlich.

Ich habe einen eklen Geschmack im Mund. Von Bitternis und Reue.

Ich werfe den Arabern ein Geldstück zu und taumle todmüde nach Hause.


Aber am Vormittag liegt Dagne auf der Terrasse. In weißem Kleid. Mit tiefen, zerstörten Augen. Ihre Finger wühlen in einem Zeitungshaufen, lassen ihn zerstreut fallen.

»Wie geht es Ihnen?« frage ich, ihr die Blätter wieder reichend.

Sie zaudert lange, als ob das Wort erst endlose Kreise durchlaufen müßte, um zu ihr zu gelangen. Dann tonlos wie aus der Erinnerung:

»Schlecht. Ich habe schlecht geschlafen. Oder geträumt.«

»Wovon?«

Meine Stimme klingt mir ungewohnt hart und gierig. Aber nun muß ich es wissen, ob Dagne mich, den Traum erkennt, ob ich mich mit Mundwasser messen kann.

Sie sagt langsam, fast traurig:

»Von etwas Unbekanntem, Fremdem . . .« Und sieht mich mit großen, tiefen Mädchenaugen an.

Wir erkennen uns.

An diesem Abend verzichtet Mundwasser auf die Vorstellung.

Und nachts liege ich wieder im Opiumbeisel des Fischmakets, Dagne mit der übersinnlichen Begierde des Haschischrausches umstrickend. Aber am nächsten Vormittag ist sie nicht auf der Terrasse zu sehen. Der Diener erzählt mir, daß sie nachts in einem Anfall von Schlafwandeln das Hotel verlassen wollte und nur mit größter Mühe von Mundwasser zurückgehalten wurde. Jetzt liege sie erschöpft im Zimmer.


Darauf ist mein Plan gefaßt.

Ich schicke einen Griechen nach Heliopolis und lasse ihn dort folgendes Telegramm aufgeben:

Olaf Mundwasser, Kairo, Shepeards Hotel.

Erwarte Sie um 9 Uhr wegen Kontrakt.

Gallini. Heliopolis Hotel.

Punkt acht Uhr sehe ich Mundwasser allein wegfahren. Der nächste Zug geht erst am Morgen von Heliopolis nach Kairo zurück.

Nach zehn Uhr lasse ich Pfeife und Opium aufs Zimmer bringen. Setze selbst die Körnchen in Brand.

Jetzt rauche ich schon geübter. Auch der bittere Geschmack beim ersten Zug ist verschwunden.

Wie auf Reiherschwingen fliegt der Traum empor. Keine Araber, die mich stören.

Wieder bin ich Traumblume am Blutacker, befeuchtet von den Strömen der Lust. Wieder schlage ich meine Samenruten über die heiße Erde, auf der Dagne nackt liegt, neige meine Kelche über dich, du Ruhende.

Im Traum.

Nein, in Wahrheit. Im Leben. In der Tropennacht des Lebens.

Für die du frei bist, Dagne. Dein Wärter Tod ist fortgelockt. Du darfst kommen.

Traumbefreit.

Traumbefreit steht Dagne in der Tür.

Du Lichte, Fremde . . .

Über das Dach des Hotels fliegt weißglänzend ein Reiherzug gegen den Nil.

Ich erwarte Mundwassers Rückkehr auf seinem Zimmer. Eine Viertelstunde nach Ankunft des Frühzuges tritt er ein. Der ausgebrannte Vulkan seines Gesichtes in starrer Ruhe. Nur in den Augen glüht ein neuer Ausbruch.

Wir messen uns schweigend.

Dann frage ich höflich:

»Wann endet Ihr Kontrakt mit Fräulein Dagne?«

Er, ebenso:

»Nach Ihrem Belieben, falls Sie von der Dame bevollmächtigt sind.«

Sollte er so leicht kapitulieren? Fast befällt mich Mitleid. Ich bewillige ihm eine letzte Vorstellung.


Diese fand im National Hotel statt. Gleichfalls in einem Zimmer. Es haben sich sogar acht Herren eingefunden. Die acht Pfund werden Mundwasser den Abschied erleichtern.

Auch der fette Said Baraban ist wieder da, lächelt mir freundlich zu. Zieht nach einigen anderen Vorführungen wieder schmunzelnd seine Perlenschnur heraus. Ein komischer Kauz.

Wieder legt Mundwasser Dagnen die Perlen um den Hals.

Ich zähle gleichgültig an der Uhr mit, bis die drei Minuten voll sind.

Aber schon nach den ersten Sekunden schlägt Dagne aus dem Tiefschlaf die Augen weit auf, starrt mich mit der Gebärde brennenden Schmerzes traurig an. Die Stimme ist noch gelähmt.

Ich stürze auf sie zu, ihr die Perlen herunterzureißen, taumle mit blutigen, verätzten Fingern zurück.

Blitzartig ahne ich alles.

Mundwasser hat das Scheusal von einem Araber überredet, Dagne Perlen anderer Zusammensetzung zu reichen, deren fürchterliche Wirkung sofort eintritt. Ein Araber ist für Geld zu allem fähig.

Ich trage Dagne ohnmächtig aus dem Zimmer. Die Perlen sind längst geschmolzen. An ihrer Stelle zieht sich ein tiefer, roter Strang, an der Brust in ein höhnisches M mündend.

Nachforschungen nach Mundwasser und Said Baraban blieben dank der orientalischen Gelassenheit der Kairoer Polizei vergeblich.

Dagne konnte ich seither nicht mehr ruhig anschauen. Das Mal an ihrem Hals schien mir ein Zeichen von Mundwassers Fangarmen, in denen er sie noch immer hielt. Sie spürte es: plötzlich war sie verschwunden. Ich habe sie nie mehr gesehen.



Jaschke
1

Herr Gregor Jaschke, der zweite Kassier bei der Landesbank, ging wie gewöhnlich um zehn Uhr zur Ruhe. Seine Frau lag schon im Bett und während des Entkleidens musterte Herr Jaschke die große geblümte Nachtjacke der Schlafenden und erinnerte sich in einem Geschäft eine passende billige Stickerei dazu gesehen zu haben. Dann streifte er das Taghemd ab und schlüpfte unter die Decke, zog den Wecker auf und versuchte einzuschlafen. Aber kaum hatte er die Augen geschlossen, fiel ihm ein, daß ihm Direktor Herzfeld wohlwollend auf die Schulter geklopft hätte, was rasche Beförderung verhieß, und daß Leisinger, der erste Kassier, heute wieder bei der Aufnahme ein Manko von 100 Kr. gehabt hatte. Das würde ihm nie geschehen. Durch diese Gedanken wurde er vollends wieder munter, und voll Hoffnungen sprang er aus dem Bett und ging in Hemd und Schlapfen in das Nebenzimmer, noch zwei Gläser Kümmelschnaps herunterstürzend. Er freute sich der angenehmen Wärme, die ihn darauf durchströmte, rieb sich vergnügt den Körper und stieg wieder ins Bett, um bald darauf unter linden Träumen zu entschlummern.

Die Träume waren zuerst ungewiß und schwankend. Direktor Herzfeld, der Börsenkönig Grohmann, der immer im eigenen Auto vorfuhr und von den Beamten noch ehrfürchtiger als der Direktor gegrüßt wurde und das junge Maschinenfräulein Matla, die den verkümmerten Geschlechtstrieb des Vierzigjährigen noch reizte, tauchten darin auf und nieder, dann aber kam seine ärmliche Jugend, voll Mühsal und Entbehrungen, wo er mit der Zulage erst zweitausend Kronen Gehalt hatte, in der Volksküche aß und jüngere reichere Herren zur Bankprüfung vorbereiten mußte. Und doch floß damals das Blut noch süß nach geheimen Lockungen unerhört schöner und freundlicher Damen in ihm, jeden Samstag, wenn der morgige Feiertag den Gliedern angenehmes Ausruhen verhieß, nahm er die bessere Krawatte mit der falschen Nadel und den Stock mit dem Silberbeschlag und ging berückenden Abenteuern nach, die meistens in der kleinen Dirnengasse, der einzigen die er kannte, mit genau bestimmten Unkosten endeten. Auch diesen Abend ging er so, bemüht, sich eine nachlässige Haltung zu geben, die Leichtsinn und Verschwendung offenbaren sollte, spähend unter den Laternen hin, als er eine Frau mit Seidenröcken an sich vorüberrauschen hörte. Er hob den Kopf und sah eine Dame, die äußerst fein gekleidet, doch nach den Regeln des Strichs sich langsam wiegend unter den trüben Lichtern dahinschlenderte. Ein Schritt brachte ihn an ihre Seite. Und er erbleichte beim Anblick der zarten Haut und des süßen und doch schönheitssichern Gesichts, das von sanftblonden Haaren umflossen wurde; doch bestürzte ihn gleich kühle Überlegung, daß die Dame jedenfalls das Verhältnis eines sehr reichen Herrn, vielleicht des Herrn Grohmann, aber sicher für ihn nicht zu erschwingen sei, und dennoch faßte er sich ein Herz und sprach sie mit stockender Stimme an, bereit, beim verächtlichen Wink zu entfliehen. Und er vermochte sich kaum vor Jubel zu fassen, als sie ihm mit gewählt klingender Stimme zusagte. Doch gleich befiel ihn neue Bestürzung, sie würde vielleicht von ihm verlangen, in eine Loge oder vornehme Bar geführt zu werden, und für das Letzte auch noch eine unendliche Summe verlangen, womit so ein herrliches Geschöpf ja sicher Recht hatte. Doch als ob sie seine Bedenken erkannt hätte, sagte sie freundlich:

»Ich wohne neben dem Krankenhaus, sie kommen ja mit?«

Er bejahte und wagte nicht, sich einzuhängen, so daß sie einzeln vor ein großes dunkles Gebäude kamen, das neben dem Spital lag. Im Eingang bat sie ihn, ein Streichholz zu entzünden, dann stieg er pochenden Herzens neben ihr fünf Stiegen empor, dann knarrte eine Tür. Das Zimmer, in das sie nun traten, war klein und ungemein ärmlich, mit einem Bett und wenigen Holzstühlen, doch ließ ihn ihre Erscheinung alles vergessen. Denn wie sie jetzt bei Licht langsam die Jacke ablegte und ihr Haar vor einem Spiegelscherben ordnete, erkannte er untrüglich, daß dies nie eine Dirne, sondern sicher eine Dame aus der ersten Gesellschaft sein mußte. Und als sie mit ruhiger Sicherheit ihre Bluse aufknöpfte und ihre weiße Brust aus dem feinen Spitzenwerk blendete, packte ihn süßer Krampf und zwang ihn, ihr traumsicher entgegenzuschreiten. Aber sie streichelte ihn zärtlich:

»Warten Sie drinnen, bis ich mich entkleidet habe.«

Und sie schob ihn in einen Nebenraum, der noch kleiner und ärmlicher war als der erste, die ganze Einrichtung bestand aus einem Gasherd, auf dem einige leere kalte Blechtöpfe standen. Er trat an das kleine Bodenfenster und sah auf die Lichtkette der Straße hinab, voll des Glücks, dann hörte er ihren leisen Ruf und trat wieder ein.

Was er sah, machte ihm das Blut gefrieren und wieder schmerzlich sieden, er griff mit beiden Händen an eine Stuhllehne, um nicht umzufallen. Sie saß mit gelöstem Haar auf dem Bett, in Wolken süßen Spitzengewebes, das ihren Körper mehr andeutete als verhüllte, auch die Füße staken noch in Seidenstrümpfen, aus deren Bändern die Schenkel fein und rosig stiegen, während hinter dem zarten Schleier das Geheimnis ihrer Hüften schwang. Er verbarg das Gesicht in den Händen vor diesem kostbaren Gefäß, unwürdig seiner niederen Lust, die zitternd in ihm keimte. Was war das für ein Rätsel, was bewog diese Frau, die spielend Reichtümer erwerben konnte, sich ihm, dem kleinen Buchhalter zu zeigen?

»Und wieviel werden Sie mir denn geben?« fragte sie freundlich.

»Hundert Kronen,« sprach er mechanisch. Es war sein halber Monatsgehalt. Aber er gab ihn gern für das Erleben. Würde er also in diesem Monat nur jeden zweiten Tag essen, oder Vorschuß erbitten, wenn Direktor Herzfeld gut gelaunt war.

Sie nahm das Geld und steckte es seufzend in den Strumpf. »Verzeihen Sie,« sagte sie, »ich weiß, daß es Ihnen hart ankommt. Aber wenn Sie meine Geschichte wüßten, würden Sie es begreifen. Daß ich keine gewöhnliche Dirne bin, sehen Sie vielleicht.« Sie stützte den Kopf auf die Rechte, und sank völlig auf das Lager zurück, unbekümmert, daß ihre Brüste wie zwei Granatäpfel aus den Spitzen stiegen und nun gebettet im trüben Licht lagen. Gregor fühlte sich von tiefem Mitleid für diese Frau überströmt, die ein dunkler Fluch auf diesen Weg gezwungen hatte, sie steigerte seine Liebe zur Inbrunst, mit Tränen in den Augen warf er sich vor ihr nieder, und bat sie zu erzählen, vielleicht daß er ihr helfen könne.


2

Das werden Sie schwerlich können,« sagte sie, ihn mit der Hand näher an sich heranziehend, daß er ihren schweren Duft spürte, »ich heiße Gilda, und bin die Frau des Professors Seidmann, des berühmten Bakteriologen, von dem Sie schon gehört haben werden.« In Gregors engen Kreis war der Name nicht gedrungen, aber er bejahte natürlich. »Ich stamme aus einer angesehenen, aber verarmten Patrizierfamilie,« fuhr sie wieder fort, »und nahm deswegen, als Seidmann um mich warb, gern seine Hand an. Aber schon im ersten Jahre der Ehe mußte ich erkennen, daß mein Mann ein Krüppel, habgierig und ohne Achtung vor mir war. Was vorauszusehen war, geschah: Ich betrog ihn mit einem Menschen, der mir nicht einmal sehr nahe stand, mehr aus Haß. Seidmann entdeckte es und rächte sich auf teuflische Weise. ›Statt eines Liebhabers sollst du tausende haben,‹ sagte er, eine Fratze schneidend, und impfte mich im Schlaf mit dem Serum angesteckter Kaninchen. Dann heilte er die äußeren Spuren der Krankheit und hieß mich auf die Straße gehen, um mit meinem Körper eine bedeutende Summe zu erwerben, erst wenn diese voll sei, dürfe ich wiederkommen, um mein Kind, an dem ich innig hänge, wieder zu sehen und Heilung zu erlangen. Was sollte ich tun? Seidmann hatte mein Kind und alle gesetzlichen Mittel für sich und war der Mann, seine Wünsche zu erzwingen. So lebe ich nun schon zwei Jahre und werde noch drei leben, mich und jeden Mann, der mit mir in Berührung kommt, zerstören. Glauben Sie jetzt, mir helfen zu können?«

Gregor stöhnte und begann willenlos den giftigen Duft ihres Körpers zu umarmen, dessen Schleier unter seinen Fingern nachgab, immer schönere Fluchten heller Lustgärten enthüllend. Sein Trieb, bisher verkümmert an den schmalen Schultern der Stundenmädchen, brach zusammen, stieg wie eine abendliche Fontäne wieder empor vor dieser Offenbarung.

»Lassen Sie,« sagte sie, ihm leicht wehrend. »Sie werden einsehen, daß ich mit meinen Augen mich nicht mit einem Fremden sehen kann, deswegen nehme ich immer ein Betäubungsmittel, das mich die Schande nur im Halbtraum erleben läßt. Gedulden Sie sich darum noch ein wenig.«

Er gehorchte und schlich wieder in den Nebenraum. Aber wie er aus ihrem Duft getreten war, überfiel ihn das Entsetzen, und er blickte verstört in dem kahlen Raum herum. Also hier wohnte die Unglückliche, die sich kaum Nahrung und nicht die kleinste Bequemlichkeit gönnte, nur um schneller die Zeit der Buße zu erfüllen, der schrecklichsten, die je ein Mann einem Weibe auferlegt. Und er glaubte, die haßerfüllte Fratze Professor Seidmanns vor sich zu sehen. Oh, was war das für ein Mann! Und was stand er selbst, Gregor Jaschke, im Begriff zu tun? Sich den Opfern des Professors zuzugesellen, an einer eklen Krankheit zu siechen, die ihm Beruf und Brot kosten mußte. Denn er wußte von einem derartigen Falle in der Landesbank, wo Direktor Herzfeld gesagt hatte: »Mit solchen Schweinen will ich nichts zu tun haben!« Und den Betreffenden mit Gehalt bis zum Ersten kurzerhand herauswarf. Und das sollte ihm bevorstehen. Und Gilda, war sie nicht eine süße Mörderin, die, um sich zu entsühnen, tausende strafte, nein, ein Vampyr, der unter der Hülle der Schönheit den Stachel giftigen Feuers hielt, mit dem Tausende vor und nach ihm gestochen wurden? Und seine kümmerliche Seele reckte sich keuchend zu der Anschauung des großen Triumphzuges, den der Professor und seine Frau über die in ihren Netzen hängenden Menschen gebracht hatte. Er öffnete die Tür und sah Gilda in erregendster Halbnacktheit, wie sie seine Hände verlassen, bereits in Betäubung auf dem Bette schlummernd, ihr Duft schlug ihm ins Gesicht. Sinnverworren stieg er in das blecherne Pathos eines Vorstadtschauspielers und ging zitternd auf den Zehen auf und ab, um sie nicht zu erwecken.

»Sie muß sterben,« flüsterte er. »Um die Andern zu retten.«

Mit einem Sprung war er im Nebenraum, drehte den Hahn des Gasherdes auf, und lief mit abgewendetem Gesicht zur Stiege, die er hinabflog. Dann schaute er vorsichtig durch das Tor, die Straße war leer und dunkel, wie ein Gehetzter eilte er nach Hause.


3

In seiner Stube angelangt, ließ er sich ein Brom bringen und versuchte zu schlafen, was mißlang. So ging er in Unterkleidern mit der Uhr in der Hand im Zimmer herum. »Jetzt muß sie schon tot sein,« berechnete er, dann sah er ihr Gesicht, das blau und aufgedunsen von der Einatmung des Gases auf den Boden zurückhing, und er begann zu beben. »Ob mich jemand bemerkt hat?« Auf der Flucht wohl kaum, aber andere Mädchen mußten sie ja wohl kennen und mit ihm gehen gesehen haben, einem der Mädchen hatte er unvorsichtigerweise einmal seinen Namen genannt, die würde nun auf die Nachricht hin die Anzeige erstatten. Es war klar, er war zum letztenmal mit ihr gesehen worden, dann kam der Agent ihn verhaften, das Geschrei der Eltern, die Bank war auf eine Woche mit Gespräch versorgt. Dann die Voruntersuchung, das Verhör an der Leiche, schließlich der Prozeß selbst, die Aussage des Vorstands, daß er bisher brav und tüchtig gewesen sei, die Rede des Staatsanwalts und Verteidigers und dann . . . ihn fröstelte, dann stieg wieder das Fieber mit roten Flecken in seine Wangen, endlich wurde es Tag. Sollte er sich krank melden, und nicht in die Bank gehen, zu Hause war die Verhaftung doch unauffälliger. Aber andererseits wäre das schon ein wichtiges Verdachtsmoment gegen ihn, wenn sich vielleicht noch alles ableugnen ließ. Und so ging er ins Büro, steckte den Kopf in die Bücher und begann hastig lange Reihen zu addieren, die jedesmal falsch ausfielen, immer wenn die Türe ging, blickte er von unten auf, ob der Agent schon käme, fragend: »Wo ist Herr Gregor Jaschke?« Als aber bis Nachmittag niemand kam, faßte er etwas Mut, ging zum Vorstand, mit der Bitte, da er sich nicht wohl fühle, nach Hause gehen zu dürfen.

»Sie sehen tatsächlich schlecht aus,« sagte Herr Lichtenstern wohlwollend. »Gehen Sie ins Bett und nehmen Sie zwei Aspirin, die gibt mir meine Frau auch immer, wenn mir nicht gut ist.«

Beschämt über soviel unverdiente Güte entwich Gregor stotternd, doch nicht in die Wohnung. Er ließ sich bei einem unbekannten Friseur den Schnurbart abnehmen und das Haar mit viel Wasser niederkämmen, dann drückte er den Hut tief in die Stirne und ging so, da er sich unerkannt glaubte, schwankend zum Ort der nächtlichen Tat. Das Haus lag groß und öde neben dem Spital, dessen Haupttor eben von zwei Dienern mühsam geöffnet wurde, dann rollte ein kleiner Leichenwagen, wie er der ärmsten Klasse dient, schnell heraus und verschwand. »Aha,« dachte Gregor, »jetzt war die Obduktion, die Gasvergiftung ist bestätigt, nun kommt sie auf den Friedhof.« Aber dieser Gedanke konnte ihm keine Erlösung bringen, eine endlose Traurigkeit strömte von dem grauen Himmel und den Häusern tief und durchdringend auf ihn nieder, bis er sich nicht halten konnte und schluchzend die Gasse dahintaumelte. Nun hatte er ja Gildas Buße übernommen, mußte mit seinem kleinen Körper ihr ganzes Vergehen, Seidmanns Haß, ja alle Sünden der Menschheit büßen. Das gelbe Schild eines Kommissariats fiel hell, frisch gestrichen in seine schmerzlichen Fieberträume, zog ihn magisch an, zwang ihn einzutreten. Zwei Wachleute fragten ihn, ruhig, als ob sie alles schon längst wüßten, was er wolle. Er spürte, daß es kein Zurück mehr gab, und verlangte, vor den Kommissär geführt zu werden.

Der Raum, in den er gewiesen wurde, war still, fast traulich, mit einem Kaiserbild in Vierfarbendruck geziert. Der Kommissär, ein älterer Herr, saß an einem erhöhten Tisch arbeitend, mit freundlicher Brille. Er hob auf die Meldung kaum den Kopf und bat Gregor, als ob er ihn bereits erwartet hätte, Platz zu nehmen. Aber dieser lehnte ab und sagte ruhig stehend und spürend, wie ihm leichter wurde:

»Ich habe gestern nachts eine Prostituierte ermordet.«

Der Kommissär sah überrascht auf den schmächtigen, fiebernden Menschen und bat ihn, Näheres mitzuteilen. Gregor erzählte stockend, von Weinkrämpfen geschüttelt. Dann mußte er sich setzen. Der Kommissär ließ ihm ein Glas Wasser reichen und begann verschiedene Nummern anzurufen, während Gregor übermüdet in einen Schlafzustand verfiel. Als er erwachte, sah er seinen Vorstand Herrn Lichtenstern vor sich stehen, der ihn besorgt anblickte.

»Aber das Haus neben dem Spital hat ja gar keine Gasleitung,« sagte der Kommissär freundlich. »Und auch sonst ist in der ganzen Stadt keine Gasvergiftung gemeldet worden. Also halten Sie Ihr Geständnis aufrecht, Herr Jaschke?«

Gregor war durch den kurzen Schlaf gestärkt und spürte neue Kraft zum Leben und Leugnen in sich. Er stammelte etwas von Halluzinationen.

Der Kommissär flüsterte Herrn Lichtenstern etwas zu.

»Ich habe nie etwas an ihm bemerkt,« sagte dieser ernst. »Aber kann man wissen?« Ich wollte ihn nächstes Jahr zur Kassa versetzen, großer Gott, man kann von Glück sagen . . .«

Gregor erkannte, daß man ihn für irrsinnig hielt. Das war das Ende seiner Beamtenlaufbahn, wer aus der Landesbank geworfen wurde, fand nirgendswo mehr Aufnahme. Aber er fügte sich mit Ergebung.

»Halten Sie sich jedenfalls zu unserer Verfügung,« sagte der Kommissär, »und kommen Sie morgen zum Amtsarzt. Das Weitere wird sich ja zeigen. Jetzt können Sie gehen, aber hüten Sie sich vor weiteren Einbildungen!«

Gregor schlich unter den durchbohrenden Blicken seines Vorstands hinaus. Auf der Straße begann er ziellos zu eilen, warf sich in einen Menschenstrom, dem vornehmsten belebtesten Viertel zu. Es war schon spät Nachmittag, elegante Herren gingen mit schillernden geschminkten Frauen spazieren, kauften Blumen und Abendblätter. Gregor fühlte einen brennenden Hunger und ging in das nächste vornehme Kaffeehaus, das er sonst nie betreten hätte. Aber entsetzt starrte er dem sich mißtrauisch über ihn neigenden Kellner ins Gesicht, als er plötzlich auf der Straße in einem schlanken Zweispänner Gilda mit einem Herrn vorüberfahren sah.


4

Er schwang sich kopfüber die Gäste, einigen zarten Damen ihr Eis über die Kleider schüttend, von dem Schrei der Betroffenen verfolgt, auf die Straße, deren Ende fast schon den Fiaker verschlang, dem er keuchend, mit nie geahnter Geschwindigkeit nachlief. Zum Glück hielt der Wagen bald vor einem feinen Hotel, ein Diener wehrte dem Dürftigen den Eintritt, aber Gregor warf ihm einen Geldschein ins Gesicht und flog weiter, indeß ihm der Livrierte dankbar die Nummer von Gildas Zimmertür nachrief, die Gregor mehr einrannte als öffnete. Da stand Gilda in ihrer ganzen Ehrfurcht gebietenden Schönheit neben einem jungen Herrn, der nachlässig auf ein Sofa gestreckt, Zigaretten rauchte. Gregor wollte beiden an die Kehle springen, um seinen Haß mit ihren Fetzen zu ersticken, aber ein Blick Gildas, der noch durchbohrender als der Direktor Herzfelds in seine Seele zielte, belehrte ihn, daß sie stets eine Dame, er aber nur ein kleiner Bankbeamter, und auch das nur gewesen war. So sagte er höflich, fast unterwürfig, sich verbeugend:

»Sie haben mich ruiniert, gnädige Frau, es war nicht schön von Ihnen!«

Gilda und der fremde Herr lachten, dann sprach Gilda mit Bedeutung:

»Ich glaube aber, daß Sie es selbst getan haben, Herr Jaschke. Denn ich wollte im Leben nur jenem Mann gehören, der gerne Elend und Tod für eine Stunde meiner Schönheit gibt, und so erfand ich das Märchen, von meiner Heirat, Krankheit und Buße, auf das alle gleich Ihnen hereinfielen. Mit Ausnahme dieses einen – hier wies sie zärtlich auf den jungen Herrn – der die Bank setzte und gewann. Sie aber, Herr Jaschke, waren genau so klein wie alle anderen Männern, die ich kenne, niedrige übelriechende Tiere, die mit falschem Einsatz die Schönheit erschleichen wollen, und deren Leben darum so verloren bleibt, als wären sie nie geboren. Haben Sie mich gut verstanden, Herr Jaschke?«

Gregor nickte erstickt und fühlte, daß er entlassen sei. Willenlos schwankte er wieder die Straße herab, doch warf er noch einen Blick auf das breite Spiegelfenster des dritten Stockwerks, wo Gilda wohnte, und er so leicht mit ihr hätte wohnen können. Ja, er war in einer Sekunde zu feig für das Leben gewesen. Das spürte er. Aber konnte er etwas dafür? Er war doch nur ein kleiner Beamter, ein ängstlicher Rechner, daß der Umsatz stimme, nie mehr.

Jetzt war es freilich aus. Zu Hause würde schon die Entlassung liegen und der Herr Lichtenstern seine Eltern trösten. Doch das wollte er ja nicht mehr sehen.

Bei der nächsten Brücke schwang er sich ungeschickt über das Geländer. Ein Schutzmann sprang hinzu und hielt ihn am Rock zurück, aber das vom Bürositz durchgeschabte Gewebe gab nach und zerriß, er fiel flach mit dem Leib auf die Wasserfläche, die gurgelnd um ihn aufstieg. Dann sank er endlos.

»Wann werde ich denn ersticken?« dachte er und erwachte.

Er schöpfte tief Atem und sprang aus dem Bett, erschüttert auf- und abschreitend. Es begann ihn zu frieren, er rieb sich mit den Händen, unaufhörlich dabei sprechend: »Ja, niedrige, übelriechende Tiere, das sind wir, ja das sind wir, zu feig für die Schönheit.«

Und da die Dämmerung erdrückend ihn umwob, rüttelte er seine Frau auf:

»Hörst du, Sidonie, wir sind übelriechende Tiere, hast du mich gut verstanden?«

»Was willst du denn?« murmelte sie schlaftrunken.

Und da erkannte er in der Frühe ihre billige großgeblümte Nachtjacke und wußte, daß er, Gregor Jaschke, zwar zweiter Kassier der Landesbank, aber doch nur eine enge, in das Hauptbuch des Betriebs gepreßte Seele sei, für die derartige Träume nicht paßten, vielleicht schon eher für den Direktor Herzfeld oder Herrn Grohmann und andere große Männer. Doch wie ein Blitz dem Nächtlichen fernes Land manchmal unvergeßlich erhellt, so ging der Vierzigjährige seither bedrückter und stummer seinem Dienst nach, aber mild und liebenswürdig gegen Untergebene, besonders für jeden jungen unternehmungslustig gekleideten Volontär.



Der Spiegel

Manfred stand am Fenster, darin der abendliche Platz mit Menschen, Wagen, Bogenlampen schwang, und wartete. Endlich läutete es, in allen Zimmern ging das Licht auf, und die Schauspielerin trat ein in Pelzjacke und blauem Abendkleid, ungeheure Sträuße weißer Rosen in der Hand, die besänftigend den metallischen Glanz ihres Gesichts umflossen. Sie schritt schnell und scheinbar achtlos an ihm vorüber bis in die Mitte des Raumes, um ihn dann plötzlich in halber Wendung mit einem scharfen, fragenden Blick zu begrüßen.

»Verzeihung,« sagte er mit möglichster Trockenheit, »wenn ich unangemeldet, vielleicht sogar unbekannt eingedrungen –«

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf, daß die Kämme in ihrem Haar flimmerten. »Nein. Ich habe Sie erwartet. Fahren Sie fort bitte!« und drückte gleichzeitig den Taster, rief dem eintretenden Mädchen zu: »Den Pelz ab. Die Rosen in die Kristallgläser. Den Tee.«

»Um so kürzer kann ich mich fassen,« bemerkte er. »Wir saßen uns heute vormittag in der Auktion Fröbel gegenüber. Ein Florentiner Spiegel – bestes Barock – fesselte meine Sammlerleidenschaft, Ihre, wie ich glaube, vorübergehende Laune. Wir steigerten uns hitzig und unbedacht, schließlich blieb ich Sieger –«

»Sieger?« unterbrach sie ihn voll. Das Mädchen hatte ihr die kurze Pelzjacke abgenommen und war gegangen, die Schauspielerin stand in blauer Seide, dem Nachhall ihrer Worte lauschend, und trat dann mit zwei einfachen Schritten auf ihn zu, übersprühte ihn mit den kalten Funken ihrer Haut. »Gott, sind Sie kindisch. Einen Zufall Sieg zu nennen. Ich fuhr gerade zur Probe, sehe vom Wagen aus bei Fröbel Versteigerung angeschlagen, stürze auf einen Sprung hinein, eilig, unvorbereitet, ohne größeres Geld, während Sie sicher schon tagelang auf der Lauer lagen – das war Ihr Sieg! Oder glauben Sie wirklich,« rief sie, mächtig werdend, starr im Nacken aufgerichtet, »glauben Sie wirklich, daß, wenn ich eine Stunde vorher eine Ahnung von der Existenz des Spiegels gehabt hätte, mir ihn eine Macht der Erde hätte entwinden können?«

»Tragödin –« dachte Manfred. Und er nickte.

»Gewiß nicht. Und diese Überzeugung hat mich auch bewogen, Ihnen den Spiegel wieder anzubieten.«

»Das ist schön von Ihnen,« lächelte sie leise, fast verschämt, die großen grauen Augen wie von der Rampe zum erstenmal ganz auf ihn richtend, als ob erst jetzt seine Person anfinge im Zimmer zu sein. »Ich werde Ihnen gleich den Betrag einhändigen.«

»Nein,« meinte er einfach. »Ich würde Ihnen den Spiegel nämlich nur als Geschenk überlassen.«

»Das geht nicht,« entschied sie tonlos. Aber er hatte doch einen ihrer Blicke entdeckt, einen neuen, fast mädchenhaften, der in Neugier und Sehnsucht nach dem Holzkistchen schoß, das vor ihm auf dem Tisch lag und beschloß sie zu reizen. »Wollen Sie sehen, daß es der gleiche ist, ohne Beschädigung,« erklärte er sachlich, die Schnüre lösend.

Aber da wurde ihr Blick zur Flamme, die düster aus den Lidern brach. »Nicht! Lassen Sie!« rief sie, vielleicht im Ton echter Bestürzung. Dann ging sie beherrscht zur Tür. »Einen Augenblick, ich muß es mir überlegen –« und verschwand.

Er lehnte sich an ein Büchergestell, nahm eine Zigarette, mehr gespannt als befriedigt. Woher ihre, fast hätte er gesagt: Leidenschaftlichkeit für den Spiegel? Die Bestürzung, als er ihn zeigen wollte? Und wie würde es ihm gelingen, sich mit dem Pfand, das vorläufig noch sein war, unlöslich zu verknüpfen? Und beide mit der Vierzigjährigen, deren Stern noch immer alle ihre jüngeren Schwestern überstrahlte, ja, deren Schönheit mit jedem Tage geistiger und gefährlicher wurde, weil der Geist alle Versuchungen schon vor dem Abenteuer lächelnd erkennt und begrenzt. »Wo also den Knoten finden –« dachte er, da stand sie schon wieder in der Tür, griechisch, mit sandalenartigen Halbschuhen, weißem Kleid, schwer über dem Nacken rastenden Haar. »Sie ist doch eine Frau,« dachte er, »sich etwas überlegen, heißt sich umziehen.« Dann folgte er ihrem Wink.


* * *


Der nächste Raum war hoch, fast südlich, eine Wolke Orchideen lag über dem Tisch, der von einem einzigen Rundsitz umschlungen, in dem Hauch endloser, großer Feste zu schimmern schien. Sofort war Manfred in den Bann von schwerem Wein und Blüten gehoben, in beider Kelchen stand gewaltig das Blut der Schauspielerin, eine Spätfrucht unter rastlosem Gewitterhimmel, nach der er leicht trunken langte. Er mußte schnell, besinnungslos und durch Stunden erzählen, von den südlichen Meeren, deren blaue Fluchten sich spielend an den Wänden der Schiffe jagten, Delphinen, die ihr Horn an die Stirn der Marmorküste stießen, darauf Frauen schritten zwischen Faunen, mit verzaubertem Gang. Die Schauspielerin lauschte ruhig, Haupt und Arme zurückgebogen, mit verhängten Lidern seinen Erregungen und warf nur selten aus halbem Mund ein Wort dazwischen, das wie ein Ulmenblatt hinabfiel in den Weiher seiner Jugend, weite Kreise ziehend, denen er blind nachjagte, bis ihn plötzlicher Frost der Besinnung überfiel. »Wozu vergebe ich mich eigentlich?« durchfuhr es ihn, »damit sie morgen besser spielen kann?« Und er lächelte erstarrt: »Fast hätte ich nun den Spiegel vergessen, wollen Sie ihn jetzt annehmen?« Und erhob sich halb.

»Ja. Bring ihn,« lächelte sie mit geschlossenen Augen, aber wie im Spott.

Er erschrak. Vor der ersten Vertraulichkeit, die so ersehnt, sich im tiefem Klang ihrer Stimme fast unheildrohend verkündete. Und so gefährlich schien, daß er es vorzog, den Befehl stumm zu befolgen, den Spiegel im Nebenraum enthüllte, hereintrug, auf den Tisch stellte. Dann schrie er leicht auf, überwältigt.

Denn im Glase, zwischen erzgetriebenem Florentiner Rahmen erschien ihr Bild, gleich und doch durch eine Welt verschieden. Nichts von der verruchten Geistigkeit, die das Antlitz ausgebrannt zur glühenden Asche, die im Leben an ihr hing, fern der gewaltige, dumpfe Strom des Bluts, dessen Adern ihr das Stirnband bewußter Macht schlangen, nichts von Hohn und Grauen des Erlebens und ferne endlich, wie unter die Flut getaucht, die Schauspielerin. Nein, was im Spiegel strömte, war die jugendliche Göttin, nackt mit weißen Füßen dem Schaum des Meeres entsteigend, unter Mandelblüten auf Faunen reitend, die Brüste zwischen ihren Hörnern, heiß, schön und seelenlos, wie diese –

Da spürte er die Hand der Schauspielerin und ahnte ihre namenlose Trauer des Erkennens, riß sie von dem Geheimnis weg in seine Arme:

»Sprich! Was ist das?«

Sie gab ihm schmerzlich nach, als er versuchte, die Wunde mit seinen Küssen auszubrennen, den Mantel seiner Begierde zwischen die Jugendliche und Vollendete trennend auszubreiten, dann aber spürte sie ihre Kleider, ihre Haut sich in den Funken erwärmen, und heiß vor Erwartung und Trauer formte sie aus der Spannung das ewig gleiche und doch unendlich schillernde Lächeln der Lust, ließ es wie eine Narde neben ihren Worten hängen.

»Was willst du wissen? Meine Sehnsucht, die du mir wiederbrachtest, unwissender Bote? O Manfred, ich glaubte sie auf dem Grunde des Gardasees seit jener Nacht, da Arnold sie verhüllte, oder vergraben in den Wäldern, lief ihr mit nackten Füßen nach, vergebens, bis du sie mir wiedergabst. Der Spiegel! Der Spiegel! – Du, ich war fast ein Kind noch, so jung wie du, da sah ich ihn zum erstenmal in Toskana auf dem Landgut meines Oheims, des Fürsten Chigi. Damals tanzte ich vor mir allein nachts auf den kühlen Marmorfliesen und küßte mich in dem Spiegel, daraus mir mein Bild entgegenblühte, wie eine Seele, wie meine Seele. – Der Spiegel! Jede meiner Bewegungen war edler und geschlossener in ihm, er war der gefährlichste Werber, der meine sehnsuchtsgebreiteten Arme empfing und mir nur kalten Glanz wiedergab, darin ich mich erstarrt nach solchen Stunden hüllte als Schauspielerin. Ihm opferte ich alles, auch die Männer, denn der Spiegel blendete über ihren Umarmungen, weil ich meinen Brand darin sehen mußte. Auch die Kunst, er stand in der Kulisse, nahm und gab meine Gebärde, bis die Menge hingerissen schrie und ich mich fröstelnd vor ihr neigte. Bis Arnold kam, o, er war mächtiger und klüger als du, Manfred, ganz regungslos warf er das unsichtbare Netz über mich, lockte mich in eine Villa am Gardasee, dann sprang er aus dem Schleier wie ein Tiger mir an die Kehle. Vergebens haschte ich nach dem Spiegel, wieder Herrin zu werden durch den Anblick. Das Geheimnis erkennend, warf er seinen Mantel darüber, und in dieser Nacht gehörte ich ihm, wie keinem früher oder später. Doch als ich morgens, noch heiß, die Vorhänge löste, stand kein Tag auf der Stirn des Geliebten: Arnold war verschwunden und hatte den Spiegel mitgenommen, meine Seele. Ich warf einen Mantel über, stürzte in den Garten: da stand sein Boot fern in der Mitte des Sees, mit hastigen Ruderschlägen in die Welt flüchtend . . . O Manfred, damals erkannte ich die Einsamkeit, durch Wochen schrie ich im Fieber nach meiner Seele, dann fuhr ich fröstelnd vom Bett ins Theater, gellte den einförmigen Ruf in die Menge, die erschrocken Beifall schrie. »Wie müssen Sie geliebt haben,« sagte der Direktor nach dem Zwischenakt zu mir, »aus unserer jungen Freundin ist die große Tragödin der Sehnsucht geworden!« Er hatte recht, es war die tödliche, unstillbare Sehnsucht meiner Seele, die mir den Lorbeerzweig vorausschüttelte, unter dem ich kalt und müde über die Erde schritt, nach dem Spiegel suchend. Doch nun ist er da, beglänzt wie meine Jugend, ich ahnte es in der Verzweiflung nach der Versteigerung, daß Sie, daß du kommen würdest, mein Freund!«

Die letzten Worte sprach die Schauspielerin groß und siegreich und rauschte wie ein Meer, das der Frühwind voll Blüten geweht, zu ihm nieder.


* * *


Aber seine Züge verdüsterten sich nach der Erzählung. »So soll ich, wie alle, mit dir vor dem Spiegel sitzen, deine Freundschaft mit ihm teilend? Vielleicht bin ich doch so kühn wie Arnold!«

»Narr!« flüsterte sie, »vielleicht hat Arnold nie gelebt und ich sprach nur so . . .« Und an ihn gepreßt: »Glaubst du, ich wüßte nicht, daß Jugend nie wiederkommt. Vielleicht bist du das Ende.«

Und laut, gleichgültig sprach sie:

»Heute war meine Abschiedsvorstellung.«

»Was –« rief er jetzt erschrocken.

»Ja,« lächelte die Schauspielerin, wissend wie ein Schicksal. »Ich spiele nicht gern mit halber Stimme. Und die Jugend winkte, daß es Zeit sei. Nun will ich noch eine Nacht blühen, wie mit Arnold – wenn du kühn genug bist.«

Er sah sie voll an, dann in den Spiegel. Da blühte sie jung, heiß, seelenlos wie in jener Nacht unter überstürmten Wipfeln, die vielleicht noch einmal kam und nie wieder.

Er wünschte, sie zu besitzen, zu töten. Sie umspannend zielte er mit dem Kelch in der Rechten nach dem Spiegel, der aufklirrend zerbrach. In die verlöschende Nacht wich der Schrei der vernichteten Seele. Beide fröstelten unter der Tat, dann spürte er sie in seinem Arm heißer und schwerer werden, wie eines Mädchens erstes Ermatten. Und in den folgenden Stunden rollte sich ihr Leben noch einmal ab, seit dem Tag, da es entschwunden. Und als er am Morgen den Vorhang löste, fiel das Licht auf das Lächeln einer alten Frau.



Scherman

Scherman lebt wirklich und ist kein Sinnbild, das spätere Zeiten aus ihm machen werden. In niederen, durchräucherten Kaffeehäusern legt er jedem umsonst Beweis seiner unheimlichen Kunst: der Zukunftsdeutung aus Handschriften. Sie ist stets wahr, mitunter von rätselhafter Tücke. Darüber erzählt man sich folgende Geschichte, an der hier nur die Namen verändert sind.


* * *


An einem Märzabend kam eine Dame, deren doppelter Schleier nur Jugend und erste Gesellschaft vermuten ließ, in das Kaffeehaus, darin Scherman mit seinen Freunden und Befragern saß, ließ ihn durch den Kellner in einen Nebenraum bitten. Scherman folgte der Einladung und saß bald fahl und durchsichtig wie immer, wesenlos mit seinen blauen Augengläsern, unter der Gasflamme des kleinen Zimmerchens der Fremden gegenüber, die stehend, ohne den Schleier abzulegen, zunächst die Tür verschloß, dann hastig einen Brief aus dem schwersilbernen Handtäschchen zog, die übliche, Scherman längst gewohnte Frage stellend:

»Können Sie mir etwas über das Schicksal des Schreibers sagen?«

Scherman nahm den Brief aus vornehmem, gerippten Papier, dessen Wasserzeichen ein Wappen verriet, mit schmalen, bläulich zitternden Fingern an sich. Es war eine in leeren Worten gehaltene Zusage auf eine Einladung, Ansprache und Unterschrift herausgeschnitten.

Scherman stürzte zwei Gläser schwarzen Kaffee herunter, riß den Brief an die Augen, während sein flacher, verfallener Körper unter dem zerrüttenden Krampf des Ahnens, in die Kreise eines fremden Lebens niedertauchend, sich zu verzehren begann. Dann rastete er erschöpft, ein drittes Glas leerend.

»Ihr Vorname?« bat er.

»Renate,« sagte leicht die Fremde.

Scherman zuckte die Achseln. »Schade, daß Sie mir den wahren nicht nennen wollen. Das verwirrt manches. Fest steht nur, daß der Schreiber dieses Briefes in einem Vierteljahr sterben wird.«

»Wirklich –« tönte die Fremde gespannt.

»Leider,« bestätigte Scherman. »Am ersten Donnerstag des dritten Monats um elf Uhr nachts.« Und er gab ihr den Brief zurück.

»Ich danke,« lächelte die Dame, zog einen Schein aus dem Täschchen. Scherman wies ihn zurück. Da warf sie ihr Armband auf den Tisch und verschwand.


* * *


Sie lief schnell und schlank durch die in trüben Laternen zitternde Gasse in den wartenden, offenstehenden Wagen zurück, fiel in die Polster, die sich in der Fahrt zu wiegen begannen. Dann schlug sie den Schleier auf, sog an einem Riechfläschchen, lächelte dahingestreckt ins Dunkel. »Also sterben wird er? . . . . Wenn es Scherman sagt, ja. Ein fürchterlicher Mensch,« atmete sie. »Wie er gleich wußte, daß mein Vorname falsch war. Nun ja, an der Stimme. Magelon ist auch schöner als Renate . . . . Nun, Scavenius wird sterben. Daß er zuckerkrank ist, wußte ich, aber so schwer . . . . Was Fred sagen wird ? . . . .« Der letzte Name kam noch öfter heiß durchblutet von den Lippen der halb Liegenden, dann blitzte Licht durch den aufgerissenen Wagenschlag, Magelon sprang heraus, lief über die teppichbelegte Treppe auf ihr Zimmer, warf Hut, Schleier und den unauffälligen Mantel ab und stand in gelber Seide mit biegsamen Schultern, brennenden Haars zwischen Lichtern. Die Zofe schleppte einen schweren Spiegel herbei.

»Gnädiges Fräulein hätten fast den Beginn versäumt!«

»Schnell! Nur schnell!« Magelon stampfte mit dem Fuß. »Sind denn schon alle da?«

»Gewiß! Denn die gnädige Frau Mutter ist schon im Empiresalon.« Und sie drückte Magelon das schwere Diadem ins Haar.

»Laß!« schrie Magelon, die Steine auf den Teppich schüttelnd, die die Zofe ängstlich zusammenklaubte. Sie lief lachend an eine Spiegelreihe, sich am Schimmernden vorüberwiegend. »Wozu der Plunder. Ich bin schön genug.« Dann kehrte sie zur Zofe zurück, die mit dem Auflesen fertig war. »Oder setz es mir doch auf. Mir ist heiß, es kühlt. Und Scavenius wird sterben –« setzte sie unhörbar hinzu.

Sie stand im Diadem. Lief in den Saal.


* * *


Der Empiresalon stand kalt in künstlichen, elektrischen Kerzen. Die Gäste rückten starr und in tödlicher Langweile auf und ab. Ein fettiges, bleiches Ungetüm mit roten Augen schob sich auf Magelon zu: Scavenius. »Wenn nur sein Bauch nicht den Frack zersprengt –« dachte sie, überließ ihm ihre Hand, fühlte schaudernd, wie seine Lippen darüberschnoben. Da kam Freds gutes, braunes Knabengesicht voll verträumten Flackerns, das sie entzündete. Sie gab beiden den Arm, mit ihnen auf und ab schreitend, spürend, wie Scavenius Linke feucht und schwer auf ihr lastete, während Freds Arm gelenkig mit ihrer Haut spielte. Dann kam die Zofe, sie auf einen Augenblick zu ihrer Mutter bittend. Magelon gab ihre Begleiter frei, ging durch zwei Nebenräume in ein kleines Zimmer mit schwarzen italienischen Renaissancekästen von Ebenholz.

An einer Truhe stand, ebenso wie der Raum in Schwarz, ihre Mutter, das knochige Gerüst sparsam mit undurchsichtiger, elfenbeinerner Haut überzogen. Sie erschien Magelon noch fremder, als gewöhnlich.

»Setz dich!« befahl sie. »Wir sind gleich fertig.«

»Bitte –« lächelte Magelon, stehen bleibend, tänzelnd.

Die Mutter furchte mißbilligend die Stirn. »Du wirst dich heute mit Scavenius verloben.«

»Wenn du es willst,« lächelte Magelon weiter.

»Ich will es,« sprach die alte Frau. »Man lebt nicht zum Vergnügen. Und Vergnügen wäre es auch mit Fred keines. Man lebt für die Fassade. Wir sind eigentlich arm. Du bist groß genug, das zu begreifen.«

»Gut,« lächelte Magelon noch immer. »Aber von der Sekunde meiner Verlobung bin ich frei, und wir haben uns nichts mehr zu sagen.«

Und ging in den Salon zurück.


* * *


Die Diener stellten sich mit Leuchtern an die Tür des Speisesaals, in den die Gesellschaft einzog. Magelon hörte Rauschen um sich, nippte an Platten und Kelchen. Dann sah sie Scavenius sich erheben, seine dicken, feuchten Lippen wulsteten etwas hervor, sie spürte süßlichen Geruch seines Mundes, stieß mit ihm an. Das war die Verlobung.

Die anderen Redner hasteten öd und gepreßt, dann ging man zum Tanz in den Rokokosaal. Das Klavier klimperte dünn, Magelon spürte Scavenius schweren Körper fauchend auf sich lasten, wie er sich unbeholfen drehte. »In drei Monaten stirbt er . . .« dachte sie und schloß die Augen vor dem Fäulnisgeruch, den sie zu atmen glaubte. Dann winkte sie ihm ins schwarze Renaissancezimmer. Scavenius folgte prustend, fiel schwer auf einen Stuhl.

»Wir heiraten von heut in einem Vierteljahr,« sagte Magelon, sich fächelnd.

»Recht,« schnaufte er. »Dafür hat man auch ein Leben lang geschuftet.«

»Bis dahin verreise ich,« sagte sie fest, »und bitte alle Gerüchte darüber mit der Erklärung zu ersticken, daß es auf Ihren Wunsch geschieht. Ich werde rechtzeitig zurück sein.«

Scavenius war einverstanden. »Gerne. Brauchen Sie Geld?«

»Auch,« lächelte Magelon. Er zog einen Haufen Scheine hervor, die Magelon zu sich nahm. Dann sagte sie freundlich: »Auf Wiedersehen!«


* * *


Sie ging in den Tanzsaal zurück, nach Fred schauend. Der lehnte gebrochen an der Wand, das Gesicht gelb vor Haß. Sie sprühte an ihm vorüber: »Komm!« Er umfing stumm ihren Körper, beide wirbelten eng durch den Saal. Sein Gesicht war noch immer gelb wie eine kriechende Flamme.

»Bist du bös?« lächelte sie. »Ich konnte nicht anders.«

Er schwieg. Nur die Augen standen, traurige Feuernelken, in dem braunen Knabengesicht.

»Du tust mir leid,« entschied sie, zog ihn durch Nebenräume, viele Gemächer in die Garderobe, schlüpfte in den Mantel.

»Was tust du –« stammelte er.

»Nichts,« lachte sie. »Zieh dich an!«

Sie warf ihm den Rock um, riß ihn über eine Dienertreppe ins Freie. Dann gingen sie eng verloren in die Nacht. Fred schauerte:

»Was begehn wir, Magelon? Wohin?«

Doch Magelon tönte:

»Ins Ausland. Für drei Monate. Hier ist Geld. Später für immer. Frag nicht mehr.«


* * *


Sie fuhren nach Genf, Mailand, Rom und Venedig. Ziellos. Magelon flatterte ihm voran, ein berauschter Falter, dem Freds Knabengesicht durch nächtlichen Oleander nachirrte. Zu Ostern kamen sie am Lido an und liefen über den weißen Sand, Magelon schimmernd mit einem Brand rötlichen Haars, Fred braun und biegsam, in das grünleuchtende Meer, das triumphierend über ihnen zusammenschlug, schäumend ihre Nacken wieder freigab. Nachts tanzte ihm Magelon im Bäderhotel vor, zurückfliegenden Hauptes, eine tiefrote Narde im Mund, Fred wiegte sich ihr leicht und gelenkig nach, seine Glieder spielten durch den weißen Seidenanzug. Nur später, als sie am Altan des Zimmers auf die von ungeheurem purpurgrünen Nachthimmel überwölkte Inselstadt sahen, die, eine königliche Leiche, unter Myriaden Sternen, Himmeln, Meeren im ewigen Tode einbalsamiert lag, hauchte Fred scheu an Magelons Hals:

»Und Scavenius?«

Sie richtete sich auf, überströmte ihn mit Haut und Seide: »Scherman hat mir gesagt, daß er in zwei Monaten sterben wird. Darauf setze ich. Heirate ihn an dem Tage. Wir sind die Erben.«

Der Orion stand auf ihrem Haupte, bläulich kühlend. Meer und Erde wehten Flut, Mandelblüten über sie.

Fred lächelte im Dunkeln: »Ich fürchte nichts.«

Die Brandung kam wieder, von tausend Leuchttierchen zitternd. Der helle Faden schlug bis zu ihnen empor. Beide blühten: »Wir sind die Erben!«


* * *


Aber weder Scavenius regelmäßige Briefe ließen etwas von einer Verschlimmerung seines Befindens wissen, noch andere Nachrichten. Magelon war sicher, aber nach Ende des zweiten Monats fuhr sie doch zurück. Eines Vormittags stand sie in der Sprechstunde Professor Seidmanns.

»Ich bin die Braut des Herrn von Scavenius und möchte Gewißheit über seinen Gesundheitszustand haben.«

Doch Seidmann erhob sich nicht einmal vom Schreibtisch.

»Da können gnädiges Fräulein ganz beruhigt sein. Eine unbedeutende Kleinigkeit, mit der ich ihm noch dreißig Jahre gebe.«

Unten im verhängten Wagen grub Magelon Fred die Nägel in den Arm.

»Wenn Scherman sich gerirrt hätte . . .«

Sie lachte fröstelnd. »Dann mußt du meine Ehre retten.«

Freds weiches Knabengesicht wurde störrisch, verstockt. Der Wagen fuhr schon längst. Beide lagen im Krampf.

Fred faßte sich. »Sei gewiß!«


* * *


Die Tage schwirrten, rasende Pfeile. Bis zum ersten Donnerstag des Juni. Dann standen sie still.

Magelon lag vor Fred am Teppich mit bläulicher Haut. Er besprengte sie mit Essenzen.

»Die Ohnmacht hat mir viel kostbare Zeit geraubt –« sagte sie, sich zusammenraffend. »Ich habe nur noch eine Stunde bis –«

Er nickte stumm, ihr die Handschuhe reichend. Sie sprach aus dem Schleier:

»Ich habe Scavenius überredet, noch einen Tag in der Stadt zu bleiben. Du kommst vor elf in sein Haus, die Diener werden dich einlassen. Und wartest an der Glastür des Herrenzimmers, bis ich winke –«

Sie brach wieder zusammen. Er flößte ihr Wein zwischen die Lippen. Sie stürzte hinaus.

Die Diener trugen Windlichter voran, setzten sie auf die schweren Eichentische des Herrenzimmers, verschwanden. Scavenius führte Magelon zu einem Stuhl. Sie winkte ab. »Nicht diesen!«

»Vielleicht den andern der Uhr gegenüber?«

Sie nickte.

Scavenius ließ sie niedergleiten, schritt hüstelnd an den Bücherschrank, einen Band herausnehmend, achtlos darin blätternd. Dann sah er auf.

»Du siehst wirklich schlecht aus. Nun ja, ich begreife, die vielen Leute und Hände, es spannt ab. Wenn du vielleicht gehen willst –«

Magelon verneinte stumm. Die Uhr schlug halb elf.

»Fred –« dachte sie.

Scavenius räusperte sich, die Zigarre weglegend. »Ich gebe zu: wir passen nicht sehr zueinander. Aber das ist es ja gerade, was man erstrebt: Das Ungemäße, Außergewöhnliche. Und es war dein freier Wille.«

Sie lächelte ruhiger: »Eine Schachpartie?«

»Bitte,« erklärte Scavenius, bog sich keuchend zu einer Lade, das Brett herausziehend. Dann brachte er eine Schachtel mit riesigen Figuren, stellte auf, beide zogen abwesend und gespannt. Magelon spürte ihr Blut durch die Hände schießen, wunderte sich, daß es nicht hervorbrach. Scavenius fleischige Finger umklammerten einen Läufer.

»Wie mich –« dachte Magelon.

Die Uhr schlug gedämpft elf. Scherman hatte gelogen. Und Fred?

Magelon lächelte und ging ruhiger dem Spiel nach, besiegte Scavenius mit entscheidenden Zügen.

Dann sah sie zur Tür, an der Freds weißer Schatten erschien. Scavenius erhob sich schwerfällig, die Figuren einpackend. »Weißt du übrigens, bei wem ich heute war?«

»Nun?« fragte Magelon.

»Bei Scherman. Er sagte mir –«

Magelon erhob abwehrend die Hand. Durch die Glastür flog der Schuß. Scavenius versank ächzend unter den Tisch. Magelon neigte sich über ihn.

»Was sagte er?«

Scavenius fettes, schwammiges Gesicht blinzelte hilflos zu ihr empor: »Er sagte . . . Lassen Sie die Uhren um eine halbe Stunde vorstellen . . .«

Dann fiel er zu einer unförmigen Masse zusammen.


* * *


Magelons Wagen rollte vor das Kaffeehaus. Sie ließ Scherman in das Nebenzimmer rufen, sagte mit ruhiger Betonung:

»Mörder!«

Scherman sah wesenlos aus blauen Augengläsern zu ihr auf.

»Nein. Herrn von Scavenins meinen Sie? Ich sah ihn heute zum erstenmal und erinnerte mich sogleich an seine Schrift. Da wußte ich, daß sein Ende ein unnatürliches sein würde. Und versuchte ihn mit einem Rat zu retten.«

»Mörder!« wiederholte Magelon unsicher.

Scherman lächelte fremd. »Ich kann nur sagen, was ich sehe,« Und ging zu andern Befragern zurück.


* * *


Bei der Untersuchung über Scavenius Tod wurde Fred verdächtigt und in Haft genommen. Da er bei der geheimen Verhandlung alles auf sich nahm, mußte er zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt werden, doch ermöglichten ihm Beziehungen und der Wunsch nach Vertuschung die Flucht in die neue Welt. Den Antrag seines Verteidigers auf Einvernahme Schermans hatte das Gericht als unwesentlich abgelehnt, Magelon, von der manche vermuteten, daß sie Fred folgen würde, zog es vor, die Zinsen ihrer Erbschaft in ausländischen Bädern zu genießen.



Der Mantel
1

Das Café Kremser lag am Eck einer mäßig belebten Vorstadtstraße, sein Geist, seine Seele war Nepomuk. Sein Geist, seine Seele, denn wie Tau Seele der Blumen, Traum Geist des Schlafs, so war Nepomuk gleichmäßig wallender Odem des Cafés, der unaufhörlich kühlende und wärmende Getränke, Eis, Limonade und feurige Liköre auf die Tische des Lebens in hingebender Wandlung trug, Herz und Sinne, Ersehntes und Begehrtes nach Verlangen stillend oder in höhere Brände entflammend. Und nichts Fremdes, Bewußtes lag in dieser erhaben getragenen Pflicht, nicht war es ihm gegeben, in tödlicher Stumpfheit des Beamten träg die hohlen Stundengläser auszufüllen, um den Rest des Tages in Frauen, Karten, Vergessenheit oder anderen Genüssen zu erschlagen, nein, Nepomuk und sein Beruf waren zwei gleiche Kreise, deren Umfang ihn mit den Jahren mit einer Mauer tiefen übersinnlichen Wissens umgürtete, auf deren Höhe der Efeu leisen Mitleids mit dieser Welt zart rankte. Denn er kannte sie alle, die ständigen und zufälligen Gäste des Cafés, stand mit dem Fernglas vor ihren nackten Seelen, die in Lust und Kümmernis gleich bunten Billardkugeln auf schmutziggrünem Tuch ihn umrollten. Wie bunte Billardkugeln, denn damit hat es später seine Bewandtnis. Er kannte die Dichter, die stundenlang vor Wassergläsern hockten, deren sie immer neue bestellten, die kleinen Ladenmädchen mit dürftigem Tand und viel Sehnsucht in den tiefen Augen, die Kommis mit prahlenden Busennadeln und bleibeschwerten Stöcken, die Bürger mit speckigen Westen und langen Beinkleidern, deren aufgegangene Bänder ihnen aus den Hosen hingen, die Dirnen endlich, die nachts gleich glühenden Algen auf den Stühlen schaukelten und die Verzweifelten, gierig in fahle Lippen schwarzen Kaffee stürzend, vor dem Ende. Um alle diese war er von Morgens bis Mitternachts, unaufhörlich in sie niedertauchend, scheinbar kalt über ihnen thronend; das Amt war hart, traumlos der Schlaf, abgenutzt und niegelebt er selbst.

Doch wieder kam eine Nacht, die Gasflammen nickten trüber, Verrechnung und Aufbruch nahte.

Nepomuk stand wie ein Kämpfer unter dem Baldachin der Kassiererin, beide überschritten willenlos endlose Beträge verabreichten Kaffees auf weißen Bögen. Da bemerkte Nepomuk bei den Spieltischen noch einen Gast, einen fremden, den er nicht kannte, verließ die Klippe des Büfetts, floß wie ein Aal durch trübe Flut auf ihn zu, rief die Losung: »Belieben der Herr, zu wünschen, zu befehlen?« »Ein Glas Knickebein!« befahl gelangweilt der Fremde. »Und einen Partner für ein Kartenspiel!« »Bitte sehr, bitte gleich,« sprach Nepomuk, »aber belieben der Herr zu sehen, daß niemand mehr im Kaffeehaus ist.« »Dann eine Billardpartie,« schlug unwillig der Andere vor, »wenn Sie selbst spielen.« »Sogleich,« sprach Nepomuk, der wie alle Kellner ein vorzüglicher Billardspieler war, flog zum Bufett, Schnaps und Kugeln holend, eilte zurück. »Wie hoch belieben der Herr zu spielen?« meinte er, das Queue einkreidend. »Den Betrag bestimmen Sie selbst,« rief der Fremde und ergiff auch eine Stange. »Also zwanzig Mark,« entschied Nepomuk, »wenn der Herr belieben, ich gebe neunzig auf hundert vor und dem Herrn den ersten Stoß.« »Einverstanden,« erklärte der Andere, stellte die Kugeln zurecht und stieß linkisch ins Leere. Nun zielte Nepomuk mit Gewißheit, wirbelte künstlerisch die Kugeln einigemal ums Brett, sie dann wie Liebende in ein Eck treibend, wo er mit hurtigen, kurzen Stößen das Spiel beendete. »Verloren,« sprach der Fremde, aus der Weste einen Schein auf das Brett werfend, »geben Sie mir noch ein Spiel.« »Wie der Herr belieben,« lächelte Nepomuk, das Geld bergend, um den gleichen Betrag?« »Ja und Nein!« rief der Fremde fast bestürzt, »ich bemerke soeben, meine Brieftasche vergessen zu haben. Aber vielleicht wollen Sie mit dem früheren Einsatz um meinen Mantel spielen –« und wies auf die am Kleiderrechen hängende Umhüllung, die allerdings merkwürdig war. Denn der Mantel des Fremden hing in blauer Seide, innen mit grauflimmerndem, kostbarem Pelz gefüttert. Erst jetzt bemerkte ihn Nepomuk, wie er an dem dunklen Gestell gleich einer Standarte ferner Reiche schwang, Unerhörtes wehend aus dumpfem Glanz, nach dem er willenlos langte und feierlich sprach: »Wie der Herr belieben.« Wieder huschten die Kugeln, liebliche Mäuse um leichte Mantinells, doch das Spiel war entrückt und gespenstisch, kein Geld war das Ziel, sondern der Mantel, der Hüller unheimlich funkelnder Körper, die ihren Bann auf Nepomuk stießen, daß er wie ein Traumtänzer in magischer Polonaise neben den Bällen wandelte, Kopfstöße mit neuen Erfindungen wechselte, fiebernd ein Loch in das kostbare Tuch riß und gewann. »Gut!« sagte der Fremde, der fast gar keinen Stoß getan, mit der Miene der Anerkennung gegen einen gelehrigen Schüler, warf das Geld für den Knickebein auf den Tisch und verließ unhörbaren und doch mächtigen Schritts das Café. Nepomuk starrte ihm nach, wie sein Schatten riesengroß in der Laterne im Schnee verzuckte. Doch er spürte nur Alltag und kein Behagen des Gewinns, schritt wieder an den Thron des Büfetts, mit der verschlafenen Kassiererin die Abrechnung erledigend, dann hob er gewandt umgelegte Stühle auf die Tische, löschte das Licht und stand im Dunkel, aus dem Seide und Pelz des Mantels plötzlich wie ein nächtliches Tier blinzelten. Hastig, diebisch raffte er ihn unter den Arm, trat auf die Straße. Da lag Schnee in faulenden Lachen, einsame Wachleute, tote Gasse, kalte Verwesung, ihn fröstelte. Unter einem Haustor kroch er heimlich wie ein Kind in das breite Ungeheuer des Mantels, das ihn sogleich mit den Pranken niegekannter, gieriger Wärme umfing. Sein Gang wurde beflügelt, der Kellner Nepomuk richtete sich auf und schritt größer, bestimmungsreicher durch die sterbende Welt. Bis er zu dem Käfig kam, unter dessen zahllosen Gelässen eins sein Heim war; katzengleich schlurfte er wie ein Kreisel die Treppenwindungen empor, tappte ins Zimmer, machte Licht, kleidete sich aus, verlöschte, fiel in Schlaf und Finsternis.


2

Kurz und öde ist auch der Schlaf der Armen, keine Frauen liegen blondflutenden Haars in silbernen Träumen, schreiten hüllenlos in paradiesischer Landschaft. Nepomuk erwachte, todmüde und zerschlagen wie täglich unter dem Rasseln des unbarmherzigen Weckers, der Armensünderglocke der Dienenden, schwang blutleer in Dämmerung, den alten beglänzten Kellnerfrack bürstend, steckte um völlig wach zu werden, den Kopf unter die Wasserleitung. Dann erst erkannte er den Mantel, der stumm und wehend, blendend und drohend, leblos und ewig, ein übernatürlicher Gast an der kahlen Zimmerwand hing, Gehorsam heischend. Erinnerung und Grauen fiel auf ihn, er stürzte auf den Mantel zu, streichelte in der fahlen Frühe Pelz und Seide, durchfingerte die Taschen, um etwas über Eigentümer und Herkunft der Beute zu erfahren. Vergebens, hier war nur ein Zettel mit der Inschrift: Paniglgasse sieben, sehr wichtig. – Sollte er, sollte er? Nein es war klar, er sollte nicht, er mußte zum Hause Paniglgasse Nummer sieben gehen, und zwar sofort! Denn hier lag ein Befehl vor, erlassen und entsprungen den Verbindungen geheimer Mächte, dessen Befolgung vor allem Vorteile und vor allem Neues, unerhört Neues aus den Kreisen jener brachte, die Mantel im Werte von Tausenden um Billardpartien an Geringe verschleuderten und wie Bogenlampen unter ihnen brannten. So rasierte sich Nepomuk, goß Tinte auf die glänzenden Stellen des Fracks, stopfte die Risse, tat Wichse auf seine Stiefel und ein neues Vorhemd auf die eingefallene Brust, dann ging er, behängt mit dem Mantel, gleichsam als Bestätigung seiner Sendung Paß, ins neue Reich. Die Gassen starrten noch öde, nur wenig Leute rissen große Augen vor dem in blauer Seide Hastenden. So kam er zur Paniglgasse sieben, ein Dienstmann riß die Pfeife aus dem Mund, fiel ihm in den Arm: »Na, da sans ja, gnä' Herr, kommens nur auffi!« Nahm ihn bei der Hand, führte ihn über helle, bürgerliche Flur, Aufzug vor eine Tür mit freundlicher Tafel: Dr. Siebenschein, Advokat. Nepomuk folgte ihm in sicheren Träumen.

Es schwang eine Kanzlei, in der Nacken von Tippfräuleins über lustigen Maschinen wippten. Dann eine zweite. Nepomuk trat an das Vorgebirge eines Schreibtischs, der von Tageslicht und einer Glatze erleuchtet wurde, dann hörte er hinter sich den Dienstmann »Sö dös is der Herr,« schnaufen, die Glatze fuhr hoch, sich in eine gekrümmte Nase mit goldenem Kneifer verengend, zwei Lippen sprangen in treuherziger Wulstigkeit auf: »Also Sie sind der Glückliche! Woher mer so e Glick haben kann! Doktor Siebenschein mein Name, nehmen Sie Platz, bitte!«

»Bitte sehr, bitte gleich!« sprach Nepomuk. »Der Herr belieben?«

»Belieben?« schrie Siebenschein, vom Stuhl springend. »Belieben! Großartig, wie höflich er ist!« Dann setzte er sich wieder, fuhr mit der Hand in Mund, Nase und Schreibtisch, einen Stoß Papiere angelnd. Er lächelte schmerzlich: »Ich beliebe Sie zu bitten um die Unterschrift, daß Sie haben von mir empfangen die Erbschaft des Dr. Saul Jeruschalmi, die nach der Bestimmung des Testaments jenem zufällt, der am siebzehnten März in einem blauen Mantel vor mein Haus kommt. – Unter uns gesagt, wie sind Sie auf die Idee gekommen?« fragte er, die orientalischen Augen treuherzig auf Nepomuk richtend.

»Der Herr belieben –« sprach Nepomuk aus Verlegenheit und Größe.

»Schon gut, wenn Sie's für sich behalten wollen,« besänftigte Siebenschein. »Ich verstehe.« Dann warf er sich um ein paar Lagen tiefer und sprach erschüttert: »Also der Nachlaß besteht aus Renten und anderen Papieren im Gesamtwerte von fünfmalhunderttausend Mark.«

Beide versanken in Stille, nur der Dienstmann schrie: »Jessas na!« Nepomuk sah an sich herab, ob er es noch wäre. Er war es. Dann begannen alle hastig und überstürzt zu sprechen, um nicht vom Rausch erstickt zu werden, Siebenschein flötete traurig, ob Nepomuk die Verwaltung des Vermögens ihm überlassen, seine Einwilligung zur Verwertung im Börsenspiel, das den Betrag leicht verdreifachen müsse, geben würde, Nepomuk bat um eine Anzahlung in Barem für ein Frühstück mit Gulasch und Frankfurtern, der Dienstmann um doppelte Löhnung, weil er den ganzen Vormittag versäumt und Nepomuk a nobler Herr sei. Schließlich umarmte sich alles, Siebenschein ließ Rotspohn und kaltes Fleisch holen, der Schreibtisch wurde zur Tafel, man ließ sich gegenseitig hoch leben. Nach zwei Stunden endlich kam man zur Besinnung, Siebenschein mahnte, daß noch die Villa des Dr. Jeruschalmi zu besichtigen wäre, damit sich Nepomuk für Behalten oder Versteigerung entscheide. So erhoben sie sich, schwer, aber ohne Gesang, nur der Dienstmann gröhlte und wurde um einen Wagen geschickt. Dann stiegen sie ein, Siebenschein traurig in den Zähnen stochernd, Nepomuk trauriger in der Glorie des fremden Mantels.


3

Die Straßen waren schon wieder trocken vom Schnee, blühten apfelgleich in gelben und roten Strichen, trieben Spaziergänger. Nepomuk lag zusammengerollt in einer Ecke des Wagens, während Siebenschein stehend dem Kutscher immer die Richtung zurief, Bekannte grüßte, Zeitungsjungen winkte, Früchte aß, rauchte. Die Straßen verstummten alle, wurden vornehm und dünn besonnt, sie standen vor einer kupfernen Gartentür still. Siebenschein riß Wagenschlag und Pforte auf, bat mit Dienermiene einzutreten. Nepomuk schlüpfte halb Einbrecher, halb Eroberer, zwischen Chrysantemen und Palmen in das Haus. Die Vorhalle war mächtig und ernst, mit schwarzen Tüchern ausgeschlagen, aus den Innenräumen flog Choral. An einer der Säulen stand gemäldeartig eine junge Dame in eng geschnittenem Kleid, die zarte Haut des Gesichts in ein Taschentuch tauchend, ging sie auf Nepomuk zu, an ihm hinablächelnd.

»Also Sie sind der Prophet Elisa.«

»Bitte sehr, bitte gleich,« sprach Nepomuk, »bin schon da, die Dame belieben zu irren.« Und er nannte seinen Namen.

»Sie wollen unerkannt bleiben,« sagte sie ernsthaft, Nepomuk mit braunen, samtenen, von Atropin geweiteten Augen blendend. Dann kam sie freundlich auf ihn zu, reichte ihm die Hand wie zum Streicheln. »Ich heiße Lola.«

»Und belieben die Tochter des verewigten Doktor Jeruschalmi zu sein,« ergänzte Nepomuk findig.

»Nein! Nein.« Lolas Stimme begann melodisch wie ein Vogel aus Jasmin zu girren. »Ich tanzte ihm nur syrische Tänze bei gelber Beleuchtung vor, wenn er in orientalischen Büchern las. Er war ein netter, alter Herr.«

Siebenschein stürzte durch die Säulen.

»Servus Lola! Ihr kennts euch schon? – Das ist nämlich Jeruschalmis Erbe,« erklärte er. Und bescheiden: »Und ich sein Vermögensverwalter.«

»So –« meinte Lola gleichgültig, setzte sich in einen grünledernen Stuhl, aus schmalsilberner Dose winzige Zigaretten ziehend, schlug die Füße übereinander, ließ Haut und schlankschimmerndes Bein aus Seidenstrümpfen opalen leuchten. Nepomuk spürte Andacht und Rippenstoß, da ihm Siebenschein ein Streichholz in die Hand drückte, raunend:

»Geben Sie ihr Feuer! Sehen Sie denn nicht, wie sie balzt?«

Nepomuk trat zu Lola, Leuchtendes an ihrem Mund entflammend. Sie empfing den Brand in süßer Schönheit eines Mädchens in der ersten Tanzstunde. Aber der Bund war stumm, denn Nepomuk war es gewöhnt, wortlos den Kaffee des Lebens zu reichen, und Lola erfaßte sogleich mit tief weiblichem Wissen, daß der Kellner unreif der behenden Künste im Verkehr mit älteren Herren, nur durch einfachere, volkstümlichere Genüsse zu besiegen sei und sann in ihre Jugend, die Freuden der Sechzehnjährigen wieder zu beleben. So hingen sie verzweifelt im Lustnetz der Gedanken, bis Siebenschein, der Handlungsreisende des Alltags, zu ihnen niederstieg.

»Nu, wie gefallt Ihnen das Beisel von einer Villa, Nepomuk? Wollen Sie's behalten oder versteigern?«

Nepomuk war fürs Behalten. Er träumte von langen, blauen Abenden mit Lola hinter den verkündigend halbgeschlossenen Seidenvorhängen des Oberstocks, verbunden mit dem Kaffeehaus, das sich im Garten und Vorraum errichten ließ und bei persönlicher Bedienung glänzend gehen mußte. Aber Lola erriet seine Gedanken, warf einen Blick zu Siebenschein und erhöhte verständigt den Rock bis zu den Knien, die in Spitzenbrandung, helle Sphinxe vor dem verhallenden Jubel fremder Gärten, lagen, in die Nepomuk von ihrer Hand mit goldner Armbanduhr traumsicher geführt wurde.

»Lassen Sie doch die Villa versteigern,« sprach die Dalila gütig. »Ein Mann wie Sie muß Reisen machen. Welt und Abenteuer erkennen, Sie wollen doch jetzt ihr Leben genießen!«

Nepomuk bejahte im beglückenden Bewußtsein, daß sie eigentlich »Wir« meinte. Siebenschein und Lola machten ernste, gesättigte Gesichter erfüllter Pflicht. Dann meinte Lola: »Ich muß jetzt in die Oper zur Probe, die Herren dürfen mit, wenn es Ihnen Vergnügen macht.«

Siebenschein und seinem Schützling machte es Vergnügen. Sie fuhren. Lola saß in der Mitte, aber mehr auf Nepomuk, schwer und schwebend. Siebenschein schwatzte, rauchte, kaufte unaufhörlich vom Wagen aus Blumen, mit denen er Lola und Nepomuk überschüttete. Die Oper tauchte, eine dunkle Festung, vor ihnen auf, verschlang die Straße, durch eine kleine Seitentür drangen sie ein, schritten durch Winkelstiegen und verblichene Räume, die in einer merkwürdigen Luft aus Moder, Lack und Frauenkleidern zitterten. Endlich tat sich ein Saal auf, prunkend, schweigend, rötlichen Lichts überflutet, der Gang der holzgeschnitzten Gestalten auf Wand und Decke schwang von einem Ende zum andern. In wiegender Reihe standen auf beglänztem Parkett ihre lebenden Schwestern: lauter Mädchen mit einer Welle offenen Haars und Kleidern, die sich, schlicht und Verhülltes spiegelnd, an die jungen Körper schmiegten, doch war alles leuchtend und unschuldig, nur bewegt von feinem, flimmerndem Glanz. Ein weidendürrer Herr im Ministerfrack, von Orden strahlend, kam mit schwarzen, tiefflackernden Augen auf die Eintretenden im Zweischritt zugetänzelt. Lola begrüßte ihn herzlich, gab ihm paar Worte ins Ohr und verschwand, der Fremde schoß auf dem glatten Boden wie ein Eisläufer auf Nepomuk zu, ihn umarmend.

»Teuerster Freund!« rief er, »wie freu ich mich unendlich, Sie kennen zu lernen! Ardeliano mein geringer Name, Balletmeister Ardeliano. Sie lieben wohl auch die göttliche Kunst? Oder den göttlichen Tanz? Oder die göttliche Lola?«

»Der Herr belieben,« sprach Nepomuk, »ich glaube, bei den Veteranen einmal Klarinett gespielt zu haben.«

Aber Ardeliano war schon weitergeflogen zu Siebenschein. »Auch Sie hier, teuerster Freund! Man kennt Sie ja als einen der gewiegtesten Advokaten der Stadt!«

Und dann zu Beiden:

»Teuerste Freunde, verzeiht, wenn ich euch nicht länger mit meiner geringen Gesellschaft langweilen kann. Aber es gilt der göttlichen Kunst, wir werden heut Abend vor der Königin unser neues Ballett bringen, das die göttliche Lola führen wird. Es wird ein Genuß sein!«

Damit war er schon wie eine riesige Fledermaus unter den Mädchen, aufgeregt sie ordnend, umflatternd. Gleichzeitig quoll Musik, süß, unsichtbar erlösend aus einem Nebenraum, entfaltete sich der Reigen der Mädchen, wiegte libellenflügelnd junge Falter mit flirrender Haut an Nepomuk vorüber. Der fiel bleich, ausgeblutet auf Siebenschein zurück, der unaufhörlich murmelte:

»So viel Schickseln!«

Lola kam grün in grüner Maske, in der Hand trug sie einen Heroldsstab. Sofort war Duft und Anmut der Mädchen verschwunden, ihr Körper flog wollüstig und gewalttätig durch den Saal, die andern flogen, betäubte Schmetterlinge, flach unter ihren Zuckungen. Ardeliano steuerte ihre bekränzte Barke mit klugem Wink, dann wurde er angesteckt, sein dürres Gerüst federte krachend zu Lolas Rhythmen auf und nieder, Orden klirrten, Musik sprühte farbensattes Feuerwerk, trunkenen Tod taumelten die Mädchen, Lola warf sich mit einem Sprung ins Namenlose und verschwand, Nepomuk nachwinkend.

»So gehen Sie doch!« » stöhnte Siebenschein.

Nepomuk tappte zur Tür, spürte eine Hand, folgte der Wärme ins Dunkel. Dann kam gelbes Licht von Lolas Ankleideraum. Eine alte Frau enteilte. Nepomuk stand in einem Gewirr von Lolas Mänteln, Masken, Spiegeln, Strümpfen und andern geheimen Bekleidungsstücken, stolperte über den Mantel, fiel auf eine Ottomane, die weich nachgab. Da lag er, trüb blinzelnd, ein Fisch im Sand. Lola warf ernst das Netz über ihn.

»Wollen Sie mir nicht helfen?«

Er sprang hastig auf, aus Mantel und Rock, nestelte an ihrem Nacken. Sie stand bleich, eine erschlaffte Göttin vor dem Spiegel, seine Hand zu ihren Früchten führend. Nepomuk sank zitternd auf einen Stuhl zurück, über ihn neigte sich, tragisch glühend, die Offenbarung der Tänzerin, bis die Irrlichter ihrer Haut ihm vor den Augen flimmerten. Da griff er nach der Lampe und Lola, wie ein Blitz durchzuckte die plötzliche Finsternis Ahnung von Gnade und Grauen, dann erbarmte sich seiner und umfing ihn der lüsterne Schatten.


4

Die Tage gingen wie Schnüre gleicher Türkisen. Nepomuk wohnte mit Lola in einem vornehmen Gasthof, denn daß Lola die Villa bei einer Versteigerung, bei der Siebenschein und sie die einzigen Anwesenden waren, erworben hatte, wußte er nicht. Auch wollte er von dem toten Jeruschalmi, dem Urheber seines angeblichen Glücks, möglichst wenig ahnen, noch weniger von dem Bringer des Mantels. Übrigens nützte ihm sein Reichtum nichts, denn seine Seele war ja durch das bisherige Leben verkalkt und im Innersten lustarm, auch Lola war eigentlich nur ein neuer Gast, dem er gegen mäßiges Trinkgeld Zeitungen oder Genuß reichte. Lola merkte es bald, hielt ihn in jeder Hinsicht knapp, so waren beide glücklich.

Eines Tages kam Siebenschein keuchend und verschwitzt heraufgestürzt.

»Kinder, Kupfer und Baumwollwerte haben angezogen! Mein Plan! Nepomuk ist jetzt sozusagen ein Nabob. Nun, was sagt ihr zu mir?«

Und er ließ sich von Lola bescheiden die Wange tätscheln.

»Brav,« sagte Lola. »Das macht den Platinschmuck und die Osterreise.«

Nepomuk war einverstanden. An einen Wallfahrtsort wollte er schon lange. Denn der Glaube ist der Armen Glanz in Leid oder überwältigendem Glück. Er träumte sich mit Lola und dicken, geweihten Kerzen knieend vor dem hinströmenden Ornat. Aber diese rümpfte die Nase. Nein, man mußte nach Raming fahren, Raming, dem verschwenderischen Alpenkurort, mit zweitausend Metern Seehöhe, Fünfhundertzimmerhotels, Spielhöllen, Alpenglühen, Bällen und ewigem Schnee. Das müsse man erlebt haben, dort müsse man gesehen werden.

»Nepomuk ist wie ein Kind,« sagte sie traurig zu Siebenschein, »er sieht gar nicht, daß ich die Berge brauche.«

Nepomuk war kein Kind und gab nach, nach zwei Tagen rollten sie im Aussichtwagen unter Bergen, Wasserfällen den Firnen zu. Nepomuk, dem Sinn für Landschaft fehlte, aß zwei Salami, bei der dritten kamen sie an, wurden durch Hallen, Bediente, Blicke, Lorgnons auf Zimmer mit Sonnenaufgang geführt. Die dünne, messerscharfe Luft befiel Nepomuk, streckte ihn bis zum Abend nieder, dann schleifte ihn Lola durch kalt strahlende Marmorsäle und Gesellschaft, vor der ihm schwindelte, ließ ihn sitzen. So lebten sie eine Woche, aber jeder mehr für sich, wurden bekannt und gewürdigt. Am meisten wunderte es Nepomuk, daß hier niemand wie in der Stadt an dem blauseidenen Mantel zu gaffen hatte. Aber hier, wo jeder der Gäste sein besonderes Merkmal von Reichtum, Geiz, Wollust, Verachtung hatte, nahm man dies eben als eine Eigenart an und schwieg.

Am zehnten Tage kam Ardeliano in Pelzen schlotternd, hager durch die Vorhalle. »Auch hier, teuerster Freund!« rief er, »neben der göttlichen Lola die göttliche Natur genießend! Wahrlich weise!«

Sie aßen zusammen. Beim Lachs schlug Ardeliano eine Besteigung des Wilden Freyger, des höchsten Gipfels der Umgebung, vor.

Nepomuk schauderte.

»Der Herr belieben zu bemerken, daß ich leider nicht gut zu Fuße bin.«

»Auch ich, teuerster Freund!« rief Ardeliano, »auch ich. Die erste Jugend ist verblüht und der Wilde Freyger ist kein Ballettsaal. Aber wir werden ihn bezwingen, wir lassen uns in Sänften bis zum Schutzhaus tragen, und steigen dann die zehn Minuten bis zum Gipfel empor, dessen Gletscher vor dem Herz der göttlichen Lola schmelzen werden. Ist es nicht so, teuerster Freund?«

Nepomuk stimmte zu, und am nächsten Morgen erhoben sie sich in Sänften durch Nebel, Geröll, dampfende Schluchten, spärliches Mattengrün, im Frühlicht blutende Föhren, Kuhglocken und Einsamkeit in die Himmel. Diese lagen bleich mit flaumigen Wolkenbällen, zerrissen vom Gezack tausender Schründe, die kahl und verwittert, wie das Gebiß eines urweltlichen Raubtieres in die silbergraue Luft fraßen. Doch auch sie sanken zurück in den verworrenen Schutt der Welt, die abfiel von Lolas Füßen, wie das Parkett der Oper bei ihren leichten Sprüngen, eine zweite Welt kam, reiner, dünner im Brautkranz des Schnees, der in Myriaden Flittern ihren Elfenleib umflimmerte, auf dem das Gestirn blutig thronte. Ungeheuer weiß und öde war dieses Reich, von unmenschlich träger Bewegung, mit der es geronnene Milchbäche, Muränen, Schollen von Eis durcheinanderquirlte, in tiefen Rissen gähnen ließ. Endlich erkannten sie durch die weiße Wüste das Schutzhaus, scheu unter einem letzten, ungeheuren Eisgranit sich duckend, und schälten sich aus den Sänften. Am Begrüßungssekt vermochte Nepomuk nicht mehr teilzunehmen, die Luft sauste scharf klingend wie durch Drähte in ihm, er bekam Nasenbluten, verkroch sich ins Haus. Doch dort trieb ihm der beizende Herdrauch, der durch alle Räume ging, die Tränen in die Augen, so daß er es vorzog, durch eine Hintertür zu entschlüpfen.

Da lag der Abhang, maßlos, ungeheuer. Nepomuk arbeitete sich durch den Schnee weiter, einer kleinen Kuppe zu, hinter der eine riesige Halde kreisförmig flimmerte. Nepomuk umwanderte sie und sah gleichgültig, unbefangen einer Wolkenwand zu, die sich zum Greifen nahe niedersenkte, mit ihren Schwaden das Schutzhaus verhüllend. Dann aber fuhr er sich mit der Hand über die Augen, denn er hatte die Empfindung, als ob er selbst infolge der Wolkenspiegelung von der anderen Seite der Schneehalde her auf sich zugeschritten käme. Nein, er sah es noch immer, entsetzt, wenn er die Hand von der Stirn hob: er selbst im blauen Mantel war es, der sich immer näher kam, gleich mußte er mit sich zusammenstoßen. Er schrie, wimmerte hilflos in die Einsamkeit, preßte verzweifelt die Lider zu: als er sie öffnete, stand die Gestalt vor ihm: der Fremde aus der letzten Nacht im Kaffeehaus.

»Belieben der Herr?« fragte Nepomuk schlotternd. »Vielleicht wieder ein Spiel gefällig?«

»Es ist leider kein Billard hier,« meinte der Fremde bedauernd. »Aber ein Kartenspiel könnten wir ja machen!«

Nepomuk legte gehorsam den Mantel ab, ihn entbreitend, beide setzten sich, der Fremde zog ein Spiel aus der Weste, teilte aus, zitternd empfing Nepomuk die Karten. Aber er gewann.

»Belieben der Herr weiterzuspielen?« lallte er.

»Was hab ich gewonnen?«

»Den Strick,« sprach der Fremde und erhob sich.

»Bitte sehr,« schrie Nepomuk, »belieben der Herr vielleicht zu sagen warum?«

»Darum,« sprach gleichgültig der Andere, etwas Weißes aus der Tasche ziehend, herüberwerfend. Es war ein Lichtbild, wieder war es Nepomuk selbst im blauen Mantel vor einem alten, weißhaarigen Herrn stehend, einen Kelch bietend. Im Hintergrund des Bildes erkannte er noch Lola, die im syrischen Kostüm auf einer Ottomane zigarettenrauchend lag. Und am Rand der Aufnahme stand: Der Prophet Elisa, alias Nepomuk, Jeruschalmi erlösend.

Nepomuk starrte verzweifelt auf die ihm bisher unbekannt gebliebene Sendung, die durch die Aufnahme bereits Wissen Vieler, Teil der Allgemeinheit war, die auch Lola kennen mußte, da sie ja am Bild war. Warum verhüllte sie es? Kannte sie ihn wirklich schon früher? Und was war der Kelch? Was die Tat? Wer er selbst? Diese Fragen flochten sich zu einem Seil um seine Kehle.

»Ist Ihnen vielleicht unwohl vor sich selbst?« fragte teilnehmend der Fremde. »Sie müssen sich stärken, man braucht Sie noch. Vielleicht eine Zigarre gefällig?«

Nepomuk dankte und steckte sie willenlos ein. Dann hob er stumm beschwörende Gebärde um Klarheit. Aber der Andere wandte sich versagend ab und schritt wehenden Mantels über die Schneehalde zurück. Bald verschlang ihn die Tiefe. Nepomuk war allein mit dem Bild seiner fremden Tat.

Er begann vor Frost zu wimmern, warf sich in seinen Mantel, tappte gekrümmten Rückens ins Schutzhaus zurück. Ardeliano saß vor einem Fernrohr, die eisigen Welten absuchend, Nepomuk schlüpfte an ihm vorbei in ein Zimmer. Lola lag im Bett, ruhig und tief atmend. Er begann sinnlos an ihrem Schmuck zu zerren, ihr das Bild vor die Nase haltend, ächzend:

»Was ist das?«

Lola öffnete schläfrige, gesättigte Augen.

»Was willst du?« Und machte Miene wieder einzuschlafen.

»Die Aufnahme . . .!« stöhnte er.

Sie erwachte völlig, dehnte sich gähnend, das Bild betrachtend. »Das bist doch du, wie ich dich zum erstenmal bei Jeruschalmi sah. Du weißt doch, daß er sich immer einbildete, daß der Prophet Elisa ihm eines Tages im blauen Mantel erscheinen würde. Dafür hat er ihn auch zum Erben eingesetzt und seinen Besuch aufnehmen lassen zum Beweis. Und da war eben mein Kleiner so gescheit, zu kommen.«

Sie lächelte gähnend:

»Es war ohnedies dein einziger, vernünftiger Gedanke.«

Aber Nepomuk riß sich los, lallte im Krampf:

»Beliebe es nicht zu glauben! Ich war es nicht, und wenn es alle wissen und ich es selbst fast weiß. Ich war's nicht, glaub mir's Lola!«

Jetzt war Lola belustigt.

»Aber was hast du denn, Dummerchen?« fragte sie, ihn mit der Hand krauend, an sich ziehend. Nepomuk versank schluchzend in ihre Wärme.


5

Nach einer Woche fuhren sie in die Stadt zurück. Siebenschein erwartete sie am Bahnhof, trauriger, wie gewöhnlich, zog Nepomuk auf die Seite.

»Fassen Sie sich, Verehrtester!« flüsterte er. »Die Börse hat Krach gemacht. Wir sind sozusagen pleite.«

Nepomuk faßte sich, da er innerlich gleichgültig war. Er fragte nur, wieviel geblieben sei.

»Paar Tausender,« stöhnte Siebenschein. »Nicht der Rede wert. Jetzt is aus mit der Lola, Verehrtester.«

Nepomuk fühlte sich getroffen und bestieg mit Hinrichtungsmiene den Wagen. Vorderhand fuhr man zur Oper, da Lola gleich am ersten Abend tanzen mußte. Siebenschein entwich, Geschäfte vorschützend. Dann wehte wieder gelbes Licht und schwüler Duft von Lolas Garderobe. Nepomuk trieb die Ankleidefrau hinaus, hing sich, Dunkles hinabwürgend, an Lola, die bereits im Kostüm, in Flittern starrend vor dem Spiegel stand, und ihn gelassen wegschob.

»Du wirst mir noch das Kleid zerreißen. Es sitzt ohnedies knapp.«

»Liebst du mich noch?« quälte er.

»Aber gewiß,« meinte sie gleichgültig. »Ist denn was auf der Börse geschehen? Das sieht Siebenschein ähnlich.«

»Nein,« log er, sich eng an sie klammernd, in der Angst, Unersetzliches zu verlieren. Aber Lola sprang ihm leichtfüßig und beglänzt wie das Glück aus den Fingern. »Servus, ich muß schon heraus!« lachte sie, durch den Vorhang schlüpfend, in dem ihr Schatten verzuckte. Gleichzeitig begann draußen die Musik tief und erregend aufzuklingen. Nepomuk spürte zum erstenmal ihre Macht, von den kalten und brennenden Strömen überwältigt, gebändigt, riß er Lolas Frisiermantel vom Haken, sein Gesicht verhüllend, während Fanfaren kalt und voll über ihn hinwegschritten. Jetzt war es da, das Ende. Die Flöten stiegen hell und weich zu ihm empor, wie Lolas Füße, die verlorenen, dann kam noch einmal aus silbernen Hörnern Lolas Gestalt, lächelte und verblich, wie der Traum einer Frühlingsnacht. Das Fagott drohte, die Musik wurde unruhig, flackernd, floß über Abgründe. Ja, er hatte kein Geld mehr, war aufgegeben, weggeworfen, morgen würden es Lola und die Stadt höhnisch wie die Tschinellen erfahren. Tod? Er kroch aus dem Frisiermantel, Entschluß zu schmieden. Ardeliano stand, ein Schattenriß vor ihm, flüsternd:

»Teuerster Freund, man murmelt Unglaubliches! Sie sollen dem Staatsanwalt selbst das Bild geschickt haben, wie Sie dem alten Jeruschalmi vergifteten Wein reichten. Man hat die Leiche ausgegraben, untersucht. Fliehen Sie, um Aufsehen zu vermeiden!«

Und verschwand wie Lola. Die Musik spielte dumpf und gell einen Verschwörermarsch.

Nepomuk spürte nur Hunger nach Lola. Alles andere war ihm gleichgültig gegen diesen Verlust, gleichgültig, ob er nach Ardelianos Warnung der Mörder war oder ein Anderer, gleichgültig, ob ihn Siebenschein an der Börse betrogen hatte. Er trug alle ihre Mäntel, Kleider, Geheimnisse auf einen Haufen zusammen, in den er sich verwühlte, ab und zu ein Stück Seide oder Batist, das nach ihrer Haut roch, ans Gesicht pressend. Dann spürte er etwas in seiner Tasche: die Zigarre, die ihm der Fremde am Wilden Freyger angeboten und zündete sie an, trotz des Rauchverbots im Theater, sie war schlecht und süßlich, aber glühte in klaren Begriffen: Er war ohne Geld und Mörder, also reif für den Galgen. Er ahnte dumpf: Nun müßte Ungeheures kommen, in dessen feurigen Schlund er sich vor den Verfolgern stürzen, retten konnte. Aber es fiel ihm nichts ein.

Er warf die Zigarre weg, schwankte zur Bühne. Er hätte diese während der Vorstellung betreten, wenn ihm nicht ein Arbeiter in der Kulisse den Weg verstellt. So lehnte er flach an der Pappe, geblendet von Rampenlicht und Scheinwerfern, die mit glühenden Lichtkegeln fahle Gesichter durchschnitten. Vor ihm sprang Lola, grell und leblos, hingegeben dem schwarzen Krater des Zuschauerraumes, der in doppelter Finsternis gähnend, noch das Orchester verschlang. Jetzt geriet er in dumpfe Bewegung, spie Beifall, Lola bemerkte, sich verbeugend, Nepomuk, winkte ihm, zu verschwinden. Aber er blieb gebannt, denn jetzt schritten die Harfen auf ihn zu mit tönenden Sandalen, schwerblütig und trauervoll ein Lied stimmend, ein Paradiesvogel auf silbergrauen Schwingen, dunkeläugig flatternd über abendliche Lande, dann sang die erste Geige ein Mitternachtslied, schluchzend in der Ewigkeit. Ja es war Abend, Nepomuk stand in Traum und Verklärung; Lola, das Leben, Ardeliano, Siedenschein, das Geld, alles waren ja nur Mäntel, die man neugierig anzog und wieder müde aus ihnen schlüpfte, wenn es Zeit war. Und Nepomuk war müde. Er erinnerte sich gewisser giftiger Farbmittel aus Lolas Geheimnissen und strebte, ihrem Wink gehorchend, wieder nachtwandlerisch den Ankleideräumen zu.

Doch ein Mann mit einem Wasserkübel überrannte ihn fast, goß ihm Kaltes ins Gesicht. Gleichzeitig schrie jemand vom Schnürboden herab: Feuer! und ein Schwaden dünnen, scharfen Rauchs wälzte sich Nepomuk beißend entgegen, aus dem plötzlich rot und magisch gegürtet das Feuer sprang, Nepomuk zurückpeitschend. Eine Sekunde sah er durch Qualm Ardelianos bleiche Maske an sich vorüberhasten, dann sprang er auf die Bühne, verfolgt von der Flamme, die hinter ihm hervorbrechend eine Riesenzunge in den Zuschauerraum streckte, der plötzlich düsterrot erleuchtet vor Nepomuks Augen in Taumel und Raserei fiel. Menschen glotzten starr, sprangen von den Stühlen, ließen sich schwebend an abgerissenen Tüchern von Logen, Galerien herab, ballten wirre Trauben an den Ausgängen, schrien nach Licht und Dieben, während die Stichflamme knatternd ins Parkett leckte, verflochten sich zu rasenden Knäueln, irrten einzeln und in Trupps wie Ameisen zwischen Gängen und Reihen, nach Verwandten suchend, schwenkten Tücher, prügelten sich, endlich ließ der Beleuchtungsmeister über dem Brand kaltes, strahlendes Licht aufgehen, da schrien alle, einstimmig, besessen:

»Es brennt! Das Theater brennt!«

Lola stand noch immer etwas ratlos auf der Bühne, schon von Funken umsprüht. Nepomuk nahm sie bei der Hand, beide sahen eifrig und willenlos zu, wie rotglühende Würmer, pfauchende Schlangen sich durch Kulissen fraßen, der Zuschauerraum sich leerte, der eiserne Vorhang endlich verspätet und rasend schnell niederging ins Gewirr zuckender Flämmchen. Dann kündete ein Krachen spreitenden Holzes den drohenden Einbruch des Schnürbodens. Beide flohen von Hitze geschüttelt in den unversehrt gebliebenen Teil des Bühnenhauses. Nepomuk war ganz Leben und Behendigkeit, er brannte selber, bereit, als Asche zu verflüchtigen, verschwinden. Er kroch auf ein Versatzstück, Lola fassend, würgend.

»Das Theater brennt. Wir müssen abreisen!«

»Wohin . . .« hauchte sie starr.

»Irgend wohin. Ins Ausland.«

Aber er erkannte im Schein des Brandes, daß ihr Gesicht starr und verständnislos blieb. Sie war eben gut bürgerlich, bodenständig auch in diesem Beruf, ohne wahres Abenteuer. Nepomuk raste, lockte, geißelte mit den Flammen.

»Du bekommst mein Vermögen. Fünfmalhunderttausend Mark.«

Doch ihr Ausdruck blieb stumm.

»Eine Million! » schrie er. Da legte sie sich in seinen Arm, beide entwichen zwischen Brand, Qualm, Ruß, Fliehenden, Bestürzten, Wachleuten, Feuerwehr, dumpfer Menge aus der Oper in Nacht und rötlich flackernde Himmel. Lola war noch im Kostüm, Nepomuk besorgte einen Überwurf, warf sie auf einen Wagen, der zum Bahnhof klapperte. Ungehindert. Nepomuk brütete Pläne. Er löste zwei Karten in eine Kleinstadt, dort konnte man billig im Verborgenen ein paar Monate verbringen, bis Gras gewachsen, dann ins Ausland. Dann hockten beide im verschlafenen Bummelzug, Lichter stiegen auf, versanken, Nachtlandschaft schwamm trüb drohend, gespenstisch in Nebeln, Lola saß stumm und ungewiß, Nepomuk rauchte und überdachte, daß es die brennende Zigarre des Fremden in Lolas Garderobe gewesen sei, die den Brand entzündet, und wie er sich mit dem wenigen Geld, das er noch bei sich trug, das Leben einteilen sollte. Da kamen sie an.

Der Bahnhof war alt, verfallen, ein großer, gefängnisartiger Omnibus rollte sie über buckliges Pflaster in den öden Gasthof, unter dessen trüber Laterne sie einzogen. Die Zimmer waren groß, kalt und feucht mit traurigen, wurmstichigen Möbeln. Lola setzte sich aufs Bett und gab Nepomuk zu verstehen, daß sie weine. Nepomuk sah die Jammernde, spürte Grauen und Verzweiflung über sich zusammenschlagen, schellte um Wein, sich zu betäuben. Ein Mädchen brachte zwei Tonkrüge, Lola schenkte ein, sie tranken, Nepomuk gierig, um die wachsende Vernichtung hinabzuspülen. Aber sie wich nicht von ihm, goß Blei in sein Blut, umwandelte ihn mit den glühenden Fratzen Jeruschalmis, des Fremden, bis er unter den Gesichten in Lolas Schoß zusammenbrach, um Trost winselnd, denn sie war sein. Dann erhob er sich, umschritt sie geduckt von allen Seiten, warf sich mit dem Geständnis auf sie:

»Glaubst du, daß ich Jeruschalmi vergiftet und das Theater angezündet habe?«

»Nein,« sagte sie ängstlich. »Aber trink!«

Und da er sich weigerte, Inniges begehrte, legte sie ihn streichelnd auf das Bett, fuhr ihm mit gelöstem Haar übers Gesicht. »Trink doch, sei gut!«

Sie preßte ihm den Krug zwischen die Zähne, Wein hereinschüttend bis zur Bewußtlosigkeit. Dann ging sie, dem Mädchen einen Auftrag geben, kam wieder. Nepomuk lag trüb aufgedunsen im Bett.

»Nun?« gurgelte er. »Glaubst du, daß ich der Mörder bin? Sprich?«

»Das kann ich doch nicht wissen . . .« sagte sie, stumpf nach der Tür schauend.

»Du weißt es nicht!« gellte Nepomuk trunken.

»Belieben es nicht zu wissen? Ich auch nicht!«

Er sprang auf, strauchelte, fiel, raffte sich zusammen, umschritt groß, traurig, dröhnend, im Parademarsch das Zimmer. Dann taumelte er zu ihr, Liebendes, Verworrenes rülpsend. Sie stieß ihn zurück, er drohte, schnappte mit trägen Flossen nach ihr. Aber da spürte er sich von Fäusten umklammert und etwas Schmales, Klirrendes schloß sich ihm kühl um die Hand.


6

Nepomuk erwachte auf einer Holzpritsche in peinlich viereckigem Gelaß mit Gitterfenster. In der Türlücke stand ein Auge, ihn unablässig beobachtend.

Er verspürte Hunger, aß gierig daliegendes Brot, schlürfte Wasser. Dann rechtfertigten seine Beobachtungen die Ansicht, daß er im Gefängnis sei.

Gegen Mittag kam ein Wärter in blauer Bluse, fragte nach seinen Wünschen. Nepomuk bat um einen Kalender und Ziehharmonika auf eigene Kosten. Es wurde bewilligt. In den nächsten Stunden saß er mit unterschlagenen Beinen, hungernd, Elend flötend.

Der Nachmittag brachte Abwechslung. In der Tür erschien Ardeliano.

»Teuerster Freund!« sprach er, aber ohne Umarmung, »so muß ich Euch wiedersehen. Hoffentlich nicht auf lange, denn man wird Sie ein wenig aufhängen, Teuerster, nur ein wenig! Was für Gefühle müssen Sie haben, fast beneide ich Sie!«

Nepomuk ließ sich beneiden, erkundigte sich nach Lola.

»Die göttliche Lola?« tragierte Ardeliano. »Sie fragen, Sie haben den traurigen Mut? – Ach ja, ich vergaß: Gefühlsstarre des Gewohnheitsverbrechers. Sie welkt, Teuerster, sie vergeht langsam aus Gram über den Schurken, der ihr die Seele stahl. Der türkische Botschafter Galatanian versucht sie – vorläufig vergebens – zu trösten. Aber sie wird der göttlichen Kunst erhalten bleiben, ich hoffe es sicher, die Edle! Sie fühlt nur Mitleid mit Ihnen, trotzdem Sie sie zerstörten und wird Sie sogar durch unsern ersten Advokaten Dr. Siebenschein verteidigen lassen. Brechen Sie jetzt nicht in Reuetränen aus vor solchem Herz, Verstockter?«

Nepomuk brach nicht in Tränen aus, sondern bat Ardeliano, ob er ihm nicht einige Sardinenschachteln einschmuggeln möge, da ihn hungere. Aber dieser schrie dumpf: »Bis zum Tod gierig und verrucht!« und verschwand.

Am Abend kam Siebenschein, traurig und verschwitzt, wie immer.

»Großer Gott, wer hätte das gedacht!« stöhnte er. »Und wie konnten Sie selbst das Bild dem Staatsanwalt einsenden? Verbrecherische Paranoia, Gewissensbisse, ich versteh.«

Er schneuzte sich überlegen und fuhr fort.

»Jetzt gibt's nur einen Tip. Sie müssen sich meschugge stellen, verstanden? Religiöser Wahnsinn, verstanden?«

Nepomuk verstand nicht.

»Blöd ist er auch!« schrie Siebenschein, sich die Glatze raufend. »Sie sind doch dem alten Jeruschalmi als Prophet Elisa im blauen Mantel erschienen, haben ihn folglich in religiösem Wahnsinn vergiftet. Verstanden? Wenn wir Glück haben, kommen wir vielleicht mit lebenslänglichem Irrenhaus davon.«

Nepomuk fand die Aussicht erhebend und verabschiedete sich. Dann sank er in Nacht und Pritsche, einsam auf der Harmonika flötend. O Lola, Schicksal, Kümmernis und Tod!

Am dritten Tag schnürten ihm Wärter die Hände, führten ihn vor. Der Raum war hoch und kalt. Ein Kneifer stieg von einem Pult durchbohrend in ihn herab.

»Also erzählen Sie uns zunächst, wie Sie den alten Doktor Jeruschalmi umgebracht haben.«

Nepomuk spürte sein Blut, von Magneten auseinandergezerrt, schmerzlich brennend. Dann warf er gefesselte Hände vor sich, gurgelte ertrinkend, schrie:

»Bitte sehr, bitte gleich! Belieben der Herr zu bemerken, daß es wohl möglich ist. Aber belieben auch zu bemerken, daß ich in derselben Nacht Oberkellner im Café Kremser war. Was von beiden belieben der Herr? Mir ist es gleich.«

Der Kneifer sprach: »Zur Beobachtung!« Nepomuk wurde wieder abgeführt.

Die Ergebnisse der ärztlichen Beobachtung, weiteren gerichtlichen Untersuchung waren dunkel, widerspruchsvoll. Wahrscheinlich schien, daß der Prophet auf dem Lichtbild Nepomuk war, sicher und durch hundert Zeugen wurde bestätigt, daß er zur gleichen Zeit im Café Kremser bedient. Der ärztliche Befund ergab nur, daß Nepomuk von plattem Schädel, Säufereltern, aber sonst halbwegs bei Verstand war. Die Sache schlug Lärm, Kreise, wurde Tagesgespräch. Der berühmte Psychiater Melchior Butterbrod besuchte Nepomuk persönlich in der Zelle, verhörte ihn mit dem Staatsanwalt in Hypnose, bewies in einer Abhandlung, daß man es hier mit einer neuartigen Verbrecherart zu tun habe, deren starker Magnetismus es ermögliche, ihr Fluidum gleichzeitig an mehreren Orten Persönlichkeit werden zu lassen. Die Abhandlung erlebte zwanzig Auflagen, zündete, allenthalben wurden Zirkel aufgebaut, in denen Männlein und Weiblein sich auf neue Art zu vervielfältigen bemühten, die Dichter schrieben, daß die Zeit der niederen Sinnenliebe vorbei sei und künftig die Geschlechter aus den Strömen lichter Freundschaft neue Wesen zeugen würden. Nur die Staatsanwaltschaft schenkte Butterbrod keinen Glauben, da dieser an der Säule des Rechts, daß jeder nur er selbst sein könne, ein vergeblicher Simson, rüttelte, und beschloß Nepomuk, da ihm weder der Mord an Jeruschalmi noch der Opernbrand klar bewiesen werden konnten, vorläufig auf freien Fuß zu setzen, nur scharf im Geheimen bewachen zu lassen. So gelang es Nepomuk unter dem Einspruch vieler wieder ans Tageslicht zu kommen, aber er war durch Haft und Beobachtung innerlich hingerichtet, leblos: schlaff schwankte er zum Tor hinaus, spuckte den Zeitungshäschern und Unternehmern, die ihn für eine Rundreise begeistern wollten, vor die Füße und taumelte weiter in den Abend.


7

Er floß weiter unter rötlichen Menschenströmen, unerkannt. Der Himmel wölbte eine bunte Glasglocke über der Stadt, die langsam in Dämmerung und Traum verfiel, dunkle Haufen Ermüdeter in Gärten und Kaffeehäuser lösend. Mit ihnen schritt Nepomuk wiegenden Hauptes, singend im blauen Mantel, mit ausgelöschten Jahren: er war wieder Knabe geworden, der sich zwischen buntgemiederten Ammen, Soldaten, Handwerkern, Arbeitern scheu in öffentliche Gärten stahl, wo Feuerwerk bunte Kugeln sprühte, Paare in grünen Wägelchen in Zaubergrotten tauchten, Männer mit großen Flinten nach springenden Eiern und Figuren schossen und schöne Orden dafür bekamen, auch wenn sie nichts trafen. Und die Kasperle- und wirklichen Sommertheater, in denen unschuldige Mädchen in zerschlissenen Kleidern bei bösen, vergeblich begehrenden Liebhabern jahrelang in Kerkern schmachteten, bis sich königliches Geblüt bei der Ankunft des ariensingenden Befreiers herausstellte, das verwunschene Schloß, die Kahnfahrten auf künstlichen Wasserfällen, all das zog Nepomuk mit der Menge wieder an, warf ihn fern von Lust und Grauen des Erlebens wieder an helles Traumgestade, daran murmelnd seine Kindheit floß. Er trat geheimnisvoll, verschwiegen lächelnd, durch das in roten Glühlampen lockende Tor, aß in einer Kantine Würstchen mit Senf und kleinen Gurken, dann schwang sein totes Hirn unter den Tschinellen großen Ringelspiels, und ein künstlicher Delphin reizte ihn mit spitzem Horn, er löste sich Karten für vier Fahrten und drehte sich stumpf auf dem Fabeltier durch schwirrende Lichter, starrende Mäuler herum. Dann, unsanft von andern Vergnügungsreisenden entfernt, geriet sein Ohr in den Bann eines Ausrufers, der unerhörte Schrecken und Wunder eines Panoptikums pries, mit billigem Eintritt, doch wegen der tiefen Offenbarungen nur für Erwachsene, Kinder und Militär die Hälfte. Doch keine Reizung verfing, unbewegt dunkelte die an hüllenlose Jungfrauen, ausgestopfte Raubmörder schon gewöhnte Menge, nur Nepomuk schlurfte, von Schall und Blendendem getrieben, zur Kassa und durch schmutzigen Vorhang, dann stand er allein in einem trüben, wächsernen Wald, aus dem ihm der Kaiser Barbarossa, die Jungfrau von Orleans, Grete Bayer, der große Verbrecher Schenk, Giftmischer, Mädchenschänder angrinsten. Dann blichen in schwarzgerahmten Glaskästen überzeugende Darstellungen entblößter Frauenkörper, die Nepomuk erschreckten, er wandelte zu der in frischgeschmirgeltem Schuppenpanzer starrenden Jungfrau von Orleans, an Lola denkend. Er durchforschte prüfend die Züge Nelsons und Lukretias und erfaßte am Ende des Gangs ohne Neugier den Arm der letzten Gestalt, denn wieder und zum jüngsten Mal war er es selbst.

Er erschrak auch gar nicht darüber, freute sich nur dumpf, tiefer Ähnlichkeit des wächsernen Gesichts und an rotem Faden herabhängenden Zettels mit wichtiger Inschrift: »Nepomuk, das Rätsel der Neuzeit. Oberkellner, Mörder und Prophet zugleich.« Dann aber duckte er sich doch betreten, voll unbewußter Angst vor neuem Leid, unter dem Blick des Fremden, der hinter der Puppe hervor an seine Seite trat, und sprach ergeben, wie zu Beginn des Traumes:

»Belieben der Herr?«

»Nichts,« sprach der Andere wohlwollend. »Ich wollte nur meinen Mantel wieder holen, den ich Ihnen für eine Weile geliehen. Hoffentlich hat er Ihnen gut gepaßt?«

»Bitte sehr,« sprach Nepomuk, schlüpfte aus dem Mantel, spürend, wie ihm leichter wurde. »Aber warum ließen mich der Herr ihn tragen?«

»Warum?« lächelte der Fremde. »Es scheint, Sie haben etwas gelernt beim Staatsanwalt.« Nepomuk winkte bescheiden ab, der Andere lächelte dünner. »Nur ein Versuch. Nur der Beweis, daß ein Mensch, in die Folgen einer Tat versetzt, bald mit seiner ganzen Umgebung an diese selbst glaubt. Daß wir alle seelenlos, nur die Mäntel sind, die wir gerade tragen. Sie glauben doch jetzt selbst daran, den alten Jeruschalmi ermordet zu haben?«

»Ja,« gestand Nepomuk. Nicht aus Gehorsam, es war ihm fast schon klar.

»Ich danke,« sagte der Fremde höflich. »Und falls Sie je wieder daran vergessen sollten, bitte sich hierher zu bemühen, wo ich diese Wachsfigur zu Ihrer Erinnerung aufgestellt habe.«

»Bitte sehr,« versprach Nepomuk.

Der Fremde nahm ihm den Mantel aus der Hand, legte ihn der Puppe um die Schultern. Im Traum sah sich Nepomuk neben dem alten Jeruschalmi, Lola im Hintergrund, zigarettenrauchend im syrischen Kostüm. Eine Stimme verhallte freundlich: Gute Nacht. Der Fremde war gegangen.–

Nepomuk kam nie wieder in Höhe und Gleichgewicht einer Oberkellnerstelle im Café Kremser. Er trieb sich eine Zeitlang in Spelunken, niederes Volk bedienend, herum, doch litt auch hier der Dienst, da er von Zeit zu Zeit die Arbeit verließ, zur Oper, Panoptikum oder Café Kremser stürzend, im Zweifel, ob er, Nepomuk, der Prophet, der Fremde, Oberkellner oder Wachsfigur sei. Doch brachte die Puppe im Panoptikum mit dem blauen Mantel, aus dem der Besitzer vorsichtshalber freilich den kostbaren Pelz herausgeschnitten, anfangs Klarheit, später graue Verwirrung, es kam Argwohn als Nahrung, Trunk als Trost. Schließlich einigte sich Nepomuk mit seinen vielen Gestalten, als der Prophet Elisa aufzutreten, kam in verschiedene Landesanstalten, endete fern von Gott und Welt in Nacht und Vergessen.



Li
1

Der Doktor Apfelgrün hatte eben sein Nachtmahl – Schnepfen mit Reis und gedünsteten Birnen – beendet, als ein Junge mit der Kappe des Eden - Hotels ins Zimmer sprang, der Arzt möchte sofort zu einem dringenden Fall mit kommen. Apfelgrün ließ sich seufzend von der Haushälterin die grüne Tasche reichen und fuhr mit dem Jungen eine Minute später im roten Auto des Hotels aus dem lauen Maiabend vor dem Eingang vor. In der Halle wurde er vom breitbetreßten Portier empfangen, der Apfelgrün zu seinem Befremden nicht in ein Zimmer, sondern mit vielen Bücklingen in die Direktion führte. Apfelgrün versank in die rotlederne Tiefe eines Klubsessels, ihm gegenüber dämmerte im Abend der Koloß des Direktors des Eden-Hotels, Tibor, mit knallgelber Weste, der Herr Tibor eine schwergoldene Zigarrendose entnahm, Apfelgrün anbietend. Doch dieser lehnte ab, machte gleichgültig forschende Augen unter dem Zwicker.

»Ich habe Sie für einen Fall gebeten, Herr Doktor,« begann Tibor, »der Ihre ganze ärztliche Kunst und Diskretion in Anspruch nehmen wird. Jedenfalls seien Sie versichert, daß auch die Leitung des Eden-Hotels sich für Ihre Dienste im weitgehendsten Maße verpflichtet fühlt.«

»Frauen –« dachte Apfelgrün. Aber Herr Tibor hob die wulstige Rechte ans Fenster, in den Abend weisend: »Sehen Sie das?«

Apfelgrün sah in die angedeutete Richtung und erkannte den etwas niedriger gelegenen Dachgarten des zweiten Hoteltrakts, dessen natürliche Orchideen blauviolett, wie ein Pfauenschwanz in den Abend funkelten. »Eine schöne Anlage,« bemerkte er.

»Sicher,« bestätigte Direktor Tibor. »Das Eden-Hotel ist das einzige in Europa, das einen echt tropischen Dachgarten besitzt, seine Erhaltung kostet uns jährlich in die Tausende. Graf Reginald Norman, der heute mittag bei uns abstieg, bat mich, ihm die einzelnen Pflanzenarten zu erklären. So kam es, daß ich mich vor etwa einer halben Stunde mit dem Grafen auf dem Dachgarten befand. Wir kamen gerade zu einer singhalesischen Fächerpalme, unter der der chinesische Dinerkoch Li des Abends zu schlafen pflegt. Ich sagte deswegen Li, er möge sich auf einige Minuten entfernen, bis wir mit der Besichtigung fertig wären. Doch kaum hatte der Graf den Chinesen bemerkt, als er einen Revolver zog, Li niederschoß. Ich schlug ihm die Waffe aus der Hand, der Graf fährt sich, aufschreiend, mit den Händen ins Gesicht, fällt kurz darauf, augenscheinlich in einem epileptischen Anfall, in dem die ganze Tat geschehen, zusammen. Das ist alles, Herr Doktor, was bis zu Ihrer Ankunft vorgefallen ist. Ich habe den Grafen und Li unauffällig wegbringen lassen und hoffe nun, daß Sie die Behandlung der beiden Patienten mit der unbedingten Verschwiegenheit, welche für das Ansehen des Eden-Hotels und die Familie des Grafen Norman nötig ist, durchführen werden.«

Apfelgrün hatte ruhig zugehört, nahm jetzt eine Zigarre an: »Seien Sie versichert, Herr Direktor. Und welcher Art ist die Verwundung des Chinesen?«

»Augenscheinlich ein Lungenschuß,« erklärte Tibor.

»Dann ist sein Zustand jedenfalls besorgniserregender als der Anfall des Grafen,« meinte der Arzt. »Immerhin möchte ich mir zuerst einmal den Grafen Norman anschauen.«

Beide erhoben sich und glitten im Lift zwei Stockwerke höher, ein Diener des Grafen öffnete die Polstertür. Das Zimmer, eines der schönsten des Eden-Hotels, war ganz im prunkvollen altenglischen Boullestil eingerichtet, matte und farbige Perlmuttereinlagen flimmerten durch die wuchtig gebogenen Möbel, an den Wänden stürmten die Fuchsjagden, Hürdenrennen, Picknicks der Ahnen in mattbunten Kupfern über den späten Sproß, der regungslos, bei zugezogenen Vorhängen, auf einer Ottomane lag. Apfelgrün bat um Licht, und ein Lüster ging trüb auf dem bleichen, feingeschnittenem Gesicht des Grafen auf, das von schmaler Stirn und sorgfältig gescheitelten Haaren knapp und bestimmt umschlossen wurde. Der Diener schob ein Kissen unter den Kopf des Ohnmächtigen, Apfelgrün streifte das gelbe Seidenhemd herab, ein Medaillon bloßlegend, das kühl und golden auf dem Brustbein schwamm, mit dem Bild einer jungen Dame und der Unterschrift: Nelly. Apfelgrün löste es ab, es vorläufig in die Tasche steckend, und begann, sich in die Untersuchung des Herzens zu vertiefen, dann runzelte er die Stirne, klopfte langsam und eindringlich an den andren Organen, schlug ein Augenlid zurück, die Pupille des Kranken prüfend. Aber erst als er den Puls der rechten Hand ergriff und sein Blick dabei auf den mächtigen Siegelring des Grafen fiel, glätteten sich seine Mienen, er erhob sich vom Sofa, trat ans Waschbecken, fragte beim Reinigen der Hände den Direktor:

»Sahen Sie bestimmt, daß sich der Graf nach dem Schuß mit den Händen ins Gesicht fuhr?«

Tibor bejahte.

»Ich danke,« sagte Apfelgrün befriedigt. »Das genügt mir. Betrachten Sie bitte den Siegelring des Grafen. Fest steht, daß der Graf den Schuß auf den Chinesen nicht in einem epileptischen Anfall abgegeben hat, sondern die Tat höchstwahrscheinlich bei vollem Verstand verübte. Nachher kam eine Selbstvergiftung mit konzentriertem Kokain, die für die Zukunft jedenfalls keine Voraussage zuläßt. Bitte natürlich die Verwandten des Grafen sofort zu verständigen, für die Behandlung werde ich alles Nötige tun.«

Damit neigte sich der Arzt über seine Handtasche, eine Flüssigkeit entnehmend, die er auf dem Arm des Grafen verrieb. Der Direktor streifte den Siegelring von dem Finger des Vergifteten, der innen hohl und durch eine winzige Feder zu öffnen war, hielt ihn prüfend unter das Licht und verließ kopfschüttelnd das Zimmer.


2

Sowie der Arzt allein war, entnahm er der Tasche den vernickelten Kolben, den er mit der rettenden Kampferlösung füllte, dann führte er dem Grafen die erste Injektion in den rechten Unterarm ein und erwartete die Wirkung. Schon nach einigen Minuten begannen sich die tiefblauen Lippen des Ohnmächtigen wieder zu färben, die Pupille ging aus der Vergiftungsstarre in leisen Glanz über, schließlich richtete sich der Graf mit fast gewohnter Lässigkeit aus den Kissen auf, faßte Apfelgrün bei der Hand und sprach mit der schnellen, weich umflorten Stimme des Betäubten:

»Haben Sie nicht Nelly gesehen?«

Apfelgrün erinnerte sich des Bildes auf dem Medaillon und hielt es für das Beste, den Phantasien des Kranken nachzugeben. »Jawohl,« sagte er gleichgültig, »ich kenne die Dame. Übrigens Apfelgrün ist mein Name, Herr Graf, Doktor Apfelgrün.«

»Sehr erfreut,« versetzte Norman kühl, »ich glaube Sie schon einmal in der Muskij gesehen zu haben, Herr Doktor. Oder war es bei der Bekassinenjagd in Saida Zenab? Das ist mir nämlich augenblicklich nicht ganz klar,« fügte er nachdenklich hinzu.

Auch Apfelgrün hatte die gleiche Empfindung, immerhin schienen es ihm arabische Namen zu sein, von denen der Graf gesprochen. Doch wußte der Arzt, daß Erinnerungen an längst vergangene Orte und Ereignisse plötzlich mit allen Einzelheiten in den Gehirnen Schlafender und Vergifteter aufzuleuchten pflegen und beschloß, das Dämmerbewußtsein des Grafen an diese Erinnerungen zu verankern, um von diesem Anhaltspunkte dann weitere Reizwellen, die das Gehirn zum völligen Erwachen bringen könnten, auszusenden. So meinte er leichthin:

»An die Bekassinenjagd, Graf, kann ich mich allerdings nicht mehr ganz erinnern.«

»Doch!« sagte Norman. »Denken Sie nur mal nach!« Ohne daß er sich einen Zoll von der Ottomane erhob, war es dem Betäubten doch anzusehen, daß er spüre, wie sein Körper zur Jagd dahinschritte. »Denken Sie nur nach, Doktor. Es war ein Tag nach dem Diplomatenkorso auf der Straße nach Gezireh. Wir fuhren auf niedrigen, vierspännigen Arabagis. Und wie Nelly im Schilf stand, die Sonne durch Palmenblätter auf ihr Profil hinabzitterte, daß es genau so aussah wie die altphönikische Tonstatuette der Jägerin Artemis, das fiel doch jedem in der Gesellschaft auf. Erinnern Sie sich nur!«

»Ach so, von Ägypten spricht er,« dachte Apfelgrün. Jetzt fiel ihm auch ein, daß die Muskij in Kairo der größte orientalische Basar der Welt sei. Immerhin waren diese Erinnerungen des Grafen mehr als bloße Dämmerphantasien, die unruhig aufzucken und wieder entschwinden, sie traten mit derartiger Bestimmtheit, fast Aufdringlichkeit ein, daß Apfelgrün sie weiter verfolgen mußte, um die Gehirnzellen durch die Ideenbelastung zum Erwachen zu bringen. So kramte er schnell im Kopf alle seine Kenntnisse über Ägypten zusammen.

»Waren Sie auch in Assuan, Herr Graf?«

»Auch,« versetzte Norman gelangweilt. »Diese Nilreise, zwei Wochen im Vergnügungsdampfer, fürchterlich! Und täglich Reispudding mit Gefrierfleisch. Aber Nelly bestand darauf.«

Dieser Name spielt augenscheinlich eine große Rolle in den Erinnerungen des Grafen, dachte Apfelgrün. Auch das Medaillon beweist es. Ich werde notgedrungenermaßen, um sein Gedächtnis zu reizen, etwas indiskret werden müssen. Und ziemlich laut sagte er: »Ich habe die Dame vor etwa einer Stunde weggehen sehen.«

»Unmöglich,« erwiderte bestimmt der Graf. »Sie sehen, Doktor, die Sonne steht jetzt gerade über der mittleren Pyramide. Also ist es drei Uhr. Und eben hören Sie auch die schottische Blechmusik im Kasino, die verschiedenen Nationalhymnen spielen. Nelly ist aber gleich nach dem Lunch mit Herrn Kokades zum Golfplatz geritten. Also ist sie mindestens schon zwei Stunden fort.«

Welch haargenaues Vorstellungsvermögen im Dämmerschlaf, dachte der Arzt. Das müßte man eigentlich aufzeichnen. Aber da ich leider nie mit dem Grafen in Ägypten war, ist es mir unmöglich, mit genauen Fragen zu arbeiten. Sprechen wir also lieber von der Dame, was auch bezüglich meiner geographischen Kenntnisse Ägyptens unverfänglicher ist. Ich werde ganz allgemein beginnen, z. B.: »Wie lange kennen Sie Fräulein Nelly eigentlich schon?«

»Wie lange?« lächelte der Graf. »Nicht wahr, Doktor, wenn man uns so im Al Hayat-Hotel sieht, möchte man annehmen, wir seien Geschwister oder Jugendbekannte, nicht wahr?« Apfelgrün bejahte. Norman fuhr fort: »Und doch kenne ich Nelly erst verhältnismäßig kurze Zeit, ein Jahr höchstens, das schönste meines Lebens. Da staunen Sie? Nicht minder wie ich selbst, Doktor, aber es war eben von Anfang an eine solche Vertrautheit, höhere Wesensverwandtschaft zwischen uns, daß ich . . . Wir haben uns alle immer an Frauen verschleudert, nicht wahr, Doktor, so daß wir es schon stillschweigend als unsern naturgegebenen Beruf ansehen, aber von Nelly kann ich Ihnen als Mann von dreißig Jahren ohne Pathos sagen: sie ist die Erfüllung. Mit ihr ist wirklich in mein Leben die Idee der Erfüllung getreten.«

Wirklich, dachte Apfelgrün mitleidig. Wie er jetzt wohl darüber denken wird? Ich schätze ihn an die Fünfzig. Immerhin trägt er doch noch das Medaillon mit ihrem Bild an der Brust. Eine phantastische Krücke braucht eben jeder, um durch dieses Leben gehen zu können.«

Aber der Graf fuhr schon fort. »Nelly hat eben etwas Urverwandtes, verbunden mit geradezu Übersinnlichem, vor dem ich oft wie geblendet gestanden bin. Und einen ungeheuren Instinkt für alles Rätselhafte. Haben Sie heute vormittag gesehen, wie sie sich für das Kunststück des Chinesen interessierte?«

»Was für ein Kunststück?« fragte der Arzt.

»Nun, das alte einfache Kunststück,« erklärte der Graf, »das Sie schon in jedem besseren europäischen Varieté ab und zu zu sehen bekommen, und das trotzdem bis heute nie ganz erklärt worden ist. Ein Chinese tritt mit einem Knaben vor die Zuschauer, der Knabe kriecht in einen Sack, den der Chinese zunäht, ein Schwert zieht und damit von allen Seiten in den Sack hineinhaut, bis nichts Lebendes mehr darin sein kann. Dann klatscht der Chinese in die Hände und ebenderselbe Knabe tritt heil und unverletzt durch eine Seitentür wieder herein. Ich persönlich erkläre mir den Vorgang eben durch Suggestion des Zuschauers und bin überzeugt, daß von unserer Halbkultur noch nicht betroffene Völker, wie die Inder, Chinesen, Malayen, anstatt der logischen die Willensmacht über ihre Mitmenschen besitzen, so daß jene allerhand zu sehen glauben, was in Wirklichkeit gar nicht ist und sie sich daher nur als Zauber erklären können. Nun, und eben dieses Kunststück machte uns der chinesische Koch im Hof des Hotels vor. Nelly war ganz begeistert . . .«

Bei den letzten Worten schlossen sich die Augen des Grafen wieder. Aber die Erinnerung schien in ihm weiter zu glimmen, denn er murmelte mehrmals: »Ich kann jedenfalls nicht daran glauben. Oder sollte doch etwas Wahres daran sein?« Dann aber schien plötzlich der Funke eines anderen Ereignisses ihn krampfhaft, wie durch Jahre zu durchzucken, bis er in die letzte Stunde mündete. Norman richtete sich kerzengerade aus der Betäubung der Kokainvergiftung auf, mit einem Ruck Apfelgrün an sich reißend, flüsternd: »Sind Sie Arzt? . . . Dann retten Sie Li! Oder lassen Sie ihn sterben! . . . Was besser ist. Aber Sie tragen die Verantwortung!«

Und fiel sofort in den tiefen Dämmerschlaf zurück.


3

Apfelgrün erhob sich leise, reinigte den Injektionskolben. Der tiefe Schlaf des Grafen war jedenfalls ein günstiges Vorzeichen, das eine neue Kampfereinspritzung auf Stunden hinaus unnötig machte. Vorderhand gab es also hier wissenschaftlich nichts zu tun. Dafür konnte sich die Phantasie der Erforschung der Gründe der Tat des Grafen Norman hingeben. Zweifellos liefen Fäden zwischen dem Aufenthalt im Al Hayat-Hotel, der mysteriösen Nelly, Li, seinem Kunststück und der vor knapp einer Stunde aus dem Rohr geflogenen Revolverkugel. Aber wo war da der Knoten? Li im Al Hayat- und Eden-Hotel sollten jedenfalls eine Person darstellen, doch war, da das erste Ereignis zwanzig Jahre zurücklag, wohl eine Verwechslung möglich, sicher bestand auch im normalen Zustand beim Grafen eine nachhaltige Erregung, die ihn befähigen konnte, jeden Chinesen, den er für Li hielt, – und ein Chinese sieht dem andern wie ein Ei dem andern ähnlich, – einfach niederzuknallen. Aber da war wieder, die merkwürdige Aufforderung Normans: »Retten Sie Li, oder lassen Sie ihn sterben! Was besser ist. Sie tragen die Verantwortung!« Nun von dieser fühlte sich Apfelgrün frei, er würde Li natürlich nach bestem ärztlichen Wissen und Gewissen behandeln, unbekümmert um die Hirngespinste Normans, der nicht wußte, ob er einen Menschen töten oder erretten sollte. Apfelgrün erinnerte sich des alten Singhalesenmärchens von der Bethelnuß, die zwei Freunde zerbrechen, um sich am genauen Aufeinanderpassen der Hälften wiederzuerkennen. Nun, Norman, dachte er, hat mir die eine Hälfte der Nuß gegeben, bei Li wird wohl die andere zu finden sein, läutete dem Zimmerkellner und ließ sich zu Li führen.

Der Schlafraum des Chinesen lag, wie alle des Personals, im Keller des Riesengebäudes. Apfelgrün mußte unendliche Gänge mit weißem Kalkbewurf durchschreiten, bis ihm der Kellner eine eisenbeschlagene Tür wies. Der Arzt öffnete, sofort schlug ihm der eigentümliche Geruch von verbrannten Farbhölzern und Räucherwerk entgegen: in dem kahlen Zimmer mit nackten roten Ziegelwänden saß Li, trotz seiner Verwundung aufrecht und bei Besinnung, mit untergeschlagenen Füßen auf dem eisernen Bettgestell, vor sich eine kleine Buddhastatuette aus blauem Porzellan, zwischen den Knien eine Handmühle, zu seinen Füßen eine Schale voll glimmenden Räucherwerks, in das er bedächtig neue Stückchen warf. Er beobachtete Apfelgrüns Eintreten gar nicht. Aha, dachte der Arzt, hier ist Gebetmühle, Buddha und Räucherwerk, also spricht er seine eigenen Totengebete, und lehnte sich stumm in eine Ecke. Jetzt gingen die Worte des Chinesen in ein wildes, klagendes Motiv über, dann versuchte er eine Verbeugung vor der Statuette zu machen, doch sein Körper erstarrte im Krampf und blieb kerzengerade steif stehen. Jetzt trat Apfelgrün hinzu, oberflächlich die Wundränder untersuchend: die Kugel mußte auch das Zwerchfell durchbohrt haben, denn die unteren Lungenflügel standen voll Wasser, weshalb sich auch der Chinese nicht verneigen konnte. Der Fall war rettungslos, Apfelgrün sah, daß er als Arzt hier nichts mehr zu suchen hatte und nur noch von Li vor seinem Tode etwas über dessen Ursachen erfahren könnte. Unwillkürlich fiel ihm das Medaillon, das er bei der Untersuchung des Grafen achtlos in die Tasche gesteckt hatte, ein, und in Erinnerung an Normans Erzählung beschloß er, geradeaus auf das Ziel loszugehen. So zog er denn das Medaillon aus der Tasche heraus, es dem Chinesen, der bisher die Anwesenheit des Arztes gleichsam ruhig übersehen hatte, vor die Augen haltend.

»Kennen Sie das?«

Lis Lider zuckten nicht um Haaresbreite. Er nickte nur stumm.

»Und können Sie mir vielleicht sagen,« fuhr Apfelgrün fort, »wo sich diese Dame jetzt befindet?

Einen Augenblick schien es dem Arzt, als ob über das Gesicht Lis ein unendlich einförmiges, grausames Lächeln zöge. Doch konnte es auch eine durch trübe Gasflamme und Weihrauchqualm hervorgerufene Lufttäuschung sein. Aber jetzt, jetzt hob Li steif zitternd den Arm, unter das Bett deutend, Apfelgrün folgte dem Wink. Doch dort lag nichts als ein staubiger Sack, der wohl als Bettvorleger zu dienen schien.

Apfelgrün stellte andere Fragen. Aber Li winkte erhaben ab, zog schließlich ein zerknittertes Zeitungsblatt unter der Decke hervor, es Apfelgrün reichend. Es war der Ausschnitt eines großen Tagesblattes, ein Artikel gab eine Reisebeschreibung Südchinas. Apfelgrün entdeckte den rot unterstrichenen Satz: Es ist der höchste Wunsch eines jeden Chinesen, in China begraben zu werden. Apfelgrün sah auf Li, dieser nickte mehrmals lebhaft. Aber ehe der Arzt die Möglichkeit der Erfüllung dieses Wunsches erwägen konnte, wurde die Tür von einem Kellner aufgerissen, der meldete, daß Graf Norman aus der Betäubung erwacht sei und den Doktor sofort zu sich bitten lasse.


4

Wirklich saß der Graf, als Apfelgrün sein Zimmer wieder betrat, aufrecht auf dem Sofa, wie es schien, in ungeheurer Erregung. Seine Finger tasteten unaufhörlich auf dem aufgerissenen Hemd auf und ab, während seine vom Kampfer aufgerüttelten Adern förmlich an den Schläfen jagten. Jedenfalls schien es Apfelgrün ein Rätsel, wie Norman plötzlich aus dem Tiefschlaf der Kokainvergiftung erwachen konnte. Streckte sich der Körper zum erneuten Kampf gegen das Gift, oder war ein neues mysteriöses Ereignis während seiner kurzen Abwesenheit eingetreten? Darüber mußten die nächsten Sekunden Klarheit bringen.

»Sie kommen von Li,« rief der Graf Apfelgrün entgegen. »Wird er sterben?«

»Ich bin nicht ohne Hoffnung,« meinte Apfelgrün diplomatisch. »Aber vor allem müssen Sie sich beruhigen, Herr Graf. Ihr Zustand erfordert für die nächsten Stunden unbedingte Ruhe.«

»Sie haben Recht, Doktor,« lächelte fast der Graf. »Aber da die nächsten Stunden über das Glück meines Lebens entscheiden werden, können Sie vielleicht meine Unruhe begreifen.«

»Sie werden morgen dieses Glück ebenso erleben können,« begütigte Apfelgrün. »Vorläufig haben Sie vor einer Viertelstunde eine starke Kampferinjektion bekommen, und Ihr Körper bedarf vollkommener Ruhe, um den Ausgleich zwischen Gift und Gegengift herstellen zu können.«

»Sie irren Doktor,« lächelte Norman starr weiter. »Der Kampf wird hier nicht geführt. Sondern in Li, wenn er noch am Leben ist. Und er muß noch am Leben sein, sonst müßte Nelly vielleicht schon im Zimmer stehen. Verzeihen Sie, Doktor, das ist keine Manie, ich spreche in der fürchterlichen Klarheit, die mir nach unserm Traumgespräch kam, und erkläre Ihnen bei vollen Sinnen: wenn Sie einmal in ihrem Beruf wirklicher Arzt und Helfer sein wollen, so müssen Sie meinen Körper befähigen, bei Lis Tode seiner Kräfte mächtig zu sein! Sie müssen!«

Die letzten Worte hatte Norman scharf und angestrengt hervorgestoßen, und er hielt sich jetzt mit unsäglichem Willen auf dem Sofa aufrecht. Ja, es mußte ein ungeheurer, rastloser Wille sein, dessen Strom Norman aus dem Tiefschlaf aufgescheucht und auf dieses Ziel gespannt hatte, das erkannte auch Apfelgrün. Und daß das Leben des Grafen vorläufig an diesem dünnen Willensstrang hing, der es vielleicht über den Abgrund hinwegheben konnte. Und dem man jetzt am wenigsten Widerstand leisten durfte. So beeilte sich Apfelgrün zu erklären:

»Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung, Herr Graf.«

»Danke,« murmelte Norman. »Ich bin leider jetzt nur ein elender Krüppel. Sie müssen diese Nacht mein Arm und mein Gehirn sein, Doktor! Drei Leben hängen von Ihren Entschließungen ab.«

»Drei?« staunte Apfelgrün.

»Nelly, Li und ich,« bestätigte der Graf. »Nelly ist zwar schon seit zwanzig Jahren tot, das heißt in einen fremden Willen übergegangen, jetzt handelt es sich nur darum, ob sie bei der Auflösung dieses fremden Willens wieder Gestalt werden kann. Verstehen Sie, Doktor? Bitte, lächeln Sie nicht, mein Sensorium ist frei und ich spreche aus zwanzigjährigen Überlegungen. Sie staunen, nicht wahr? Ich weiß, ich bin Ihnen Aufklärungen schuldig, nach denen Sie diese traurige Angelegenheit mit anderen Augen betrachten würden, ja ich muß Ihnen diese Aufklärungen geben, damit Sie danach Ihre Pläne gegen Li einrichten können. Wollen Sie mich hören?«

»Gewiß,« sagte Apfelgrün, »wenn Herr Graf sich während des Sprechens niederlegen wollen.«

Und er bettete Norman wieder vorsichtig auf das Sofa. Dann erzählte dieser in einer einzigen, großen Erschütterung:

»Nelly! . . . Ich weiß es ganz genau, daß ich früher mit Ihnen, Doktor, im Betäubungsschlaf gesprochen habe, ich hörte dumpf jedes meiner eigenen Worte, ohne seine Wirkung auf mich fühlen zu können, ich war nur eben wie vor zwanzig Jahren mit Nelly im Al Hayat-Hotel in Helouan und sprach aus der Gegenwart dieser Erinnerung. Bis Sie das Zimmer verließen. Dann griff ich unwillkürlich, noch ganz in der Betäubung befangen, nach meiner Brust, an der ich das Medaillon mit Nellys Bild trage: es war nicht mehr da. Durch Zufall, oder hatte ich es wirklich verloren, Nelly wirklich und zum letztenmal endgültiger an Li verloren als vor zwanzig Jahren? Der Gedanke an diese Katastrophe durchzuckte mich wie ein Blitz, zwang im rasenden Schmerz meine Sinne zur Klarheit, daß ich auf einmal deutlich übersehen konnte, was sich in der letzten Stunde ereignet hatte. Und nun lassen Sie uns mein Traumgespräch fortsetzen. – Wir befanden uns in diesem auf der großen Terrasse des Al Hayat-Hotels in Helouan, etwa fünf Stunden nach dem ersten Kunststück Lis mit dem in den Sack eingenähten, verschwundenen und wiederbelebten Knaben. Nelly interessierte der Vorgang enorm, begeisterte sie sogar derartig, daß sie mich bat, ob sie am nächsten Morgen selbst das Kunststück mit Li durchführen könne. Ich war nach einigen äußerlichen Bedenken gern einverstanden, weil ich damals die Sache wirklich für Schwindel hielt und überzeugt war, daß der Chinese ein so willensbewußtes Wesen wie Nelly nicht ohne weiteres verschwinden und wieder erscheinen lassen könnte, geschweige mir einen solchen Vorgang zu suggerieren imstande sei. Doch beschloß ich, um jedes Aufsehen im Hotel zu vermeiden und auch jeden Hokuspokus, wie doppelte Fußböden usw., von vorhinein auszuschalten, das Experiment im nackten Wüstensand ausführen zu lassen. Li war einverstanden, verlangte nur fünf Pfund für die, wie er es nannte, ›außergewöhnliche Erweiterung seines Willens‹. So brachen wir am nächsten Tag, es war der 10. März 1897 etwa nach zehn Uhr vormittags, vom Al Hayat-Hotel auf: Nelly, Li und ich, die beiden braunen Diener Achmed und Hassan. Ich führte die Gesellschaft zu dem vorher jedem unbekannten Bestimmungsort, der sogenannten ›Einsamen Palme‹, eine wirklich vereinsamte Palme, die kilometerweit in dem gelbflimmernden Wüstensand sichtbar ist. Als wir anlangten, war es schon ziemlich heiß, wir alle nahmen Granatäpfel und Apfelsinen, außer Li, der für diesen Versuch seit gestern Abend gefastet hatte, um, wie er sich ausdrückte, ›seinen Willen rein zur Verwandlung zu erhalten‹. Dann setzte er sich mit untergeschlagenen Beinen vor die Palme, zog den Sack und eine Schale Räucherwerk hervor, das er entzündete und mit Gesängen begleitete. Hierauf entfaltete er den Sack und ließ Nelly hineinschlüpfen. Im gleichen Augenblick deutet der braune Diener Achmet auf einen braunen Punkt am Wüstenhorizont, laut schreiend: ›Chamsin ketir, Chawage!‹ das heißt auf Deutsch etwa: ›Der Sandsturm, Herr!‹ Es wird Ihnen vielleicht bekannt sein, Doktor, daß der Chamsin mit der rasenden Geschwindigkeit eines Schnellzuges vorwärts schreitet, alles unter seiner Staubtrombe begrabend. Die Araber warfen sich sofort platt heulend auf die Erde, ich schrie Li zu, gleich das Experiment abzubrechen und zurückzulaufen, vielleicht konnten wir noch vor dem Chamsin Helouan wieder erreichen. Aber Li zog ruhig das Schwert, den Versuch fortzusetzen, als ich ihm den Sack entreißen wollte, rief er mir drohend ein unverständliches Wort zu . . . und in der nächsten Sekunde stand schon die schwarzflackernde Wand des Chamsin am Himmel, die in der nächsten heulend über uns zusammenbrach. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich wie die Araber in den Sand zu werfen, dann spürte ich die ungeheure Sandhose erdrückend über mir zusammenschlagen. Wie lange ich so verschüttet gelegen, weiß ich nicht, plötzlich sah ich wieder Himmel und des braven Hassans braunes Gesicht, der mich ausgegraben, über mir. Sonst war die Gegend, in der wir eben noch gestanden, nicht wiederzuerkennen, wie wegrasiert die einsame Palme, an ihrer Stelle eine zwanzigmeterhohe Sanddüne, Nelly und Li verschwunden! Nur der Chamsin war noch am anderen Ende der Wüste als schwarzer Punkt erkennbar, der bald versank. Waren Nelly und Li verschüttet worden? Ich rief die ganze Gegend ab, ließ Achmed ins Hotel zurücklaufen, hundert Araber mußten Tag und Nacht im Umkreise die Sandhügel durchschaufeln. Vergebens. Also mußten die beiden wohl gerettet sein, denn der Chamsin erstickt seine Opfer nur, ohne sie spurlos verschwinden zu lassen. Und ein anderer Umstand schien meine Vermutung zu bestätigen: Li war natürlich auch im Al Hayat-Hotel nicht mehr gesehen worden, aber am zweiten Tag nach der Katastrophe waren seine geringen Habseligkeiten plötzlich aus seinem Zimmer verschwunden . . . Ich habe zwanzig Jahre Zeit gehabt, Doktor, über Lis Experiment nachzudenken, schon im fünften habe ich daran geglaubt. Vollkommen geglaubt. Wenn Lis Willenskraft stark genug war, Nelly im Sack verschwinden zu lassen, so war sie auch groß genug, den Chamsin herbeizurufen, unter dessen Schleier er sich mit der Beute im Sack entfernen konnte. Es war der Rassenkampf um das Ideal, glauben Sie es mir, Doktor, und der arme westliche Verstand konnte nicht gegen die östliche Vertiefung aufkommen, ich war der Besiegte, mußte Nelly preisgeben. Und nun denken Sie sich den Zusammenbruch, als ich nach zwanzigjährigen, vergeblichen Nachforschungen Li plötzlich auf dem Dachgarten des Eden-Hotels wiedersah, wiedersah mit dem Sack der Beute! Ich habe im vollkommensten, kaltblütigsten Haß gehandelt, als ich Li niederschoß, aber schon im Schuß durchzuckte mich der Gedanke: Wenn jetzt Li stirbt, kann Nelly nie wieder Gestalt annehmen, und in dieser Hoffnungslosigkeit führte ich den kokaingefüllten Ring an meine Lippen. Doch andererseits glaube ich jetzt wieder, daß bei Lis Tode sein aufgelöster Wille die Gefangene freigeben muß. Ahnen Sie jetzt, was für mich von Lis Leben oder Sterben abhängt, Doktor, ohne, daß ich es eigentlich bestimmen kann? Ahnen Sie jetzt, daß ein für mich günstiger Ausgang des Kunststücks für meine Person gewissermaßen die Rettung des europäischen Glücks darstellt? Wenn Sie mich begriffen haben, so werden Sie zugeben müssen, daß nun Ihre ärztliche Rolle weit hinter Ihrer menschlichen zurücksteht.«

Norman hatte geendet. Apfelgrün sprach ruhig und hingerissen:

»Und ich kann Ihnen, Herr Graf, die Versicherung geben, daß Nelly noch lebt. Denn eben fragte ich Li, wo sie sich gegenwärtig befinde. Und er wies auf den Sack unter seinem Lager. Und ich glaube wohl, daß er den zweiten Teil des Kunststücks noch mit seiner letzten Kraft durchführen wird, wenn wir ihm einen Wunsch erfüllen.«

»Was für einen Wunsch?« fragte der Graf.

»In China beerdigt zu werden.«

»Die Erfüllung eines solchen Wunsches ist mir bei einem solchen Gegner eine selbstverständliche Verpflichtung,« versprach Norman. »Und jetzt zu Li!«


5

Etwas merkwürdig war es Apfelgrün doch zumute, als er den Grafen von zwei Dienern auf einem Sofa durch die unterirdischen Gänge des Kellers zu dem sterbenden Chinesen tragen ließ. War es nicht lächerlich und ganz untherapeutisch, diese zwei Schwerkranken mit ihren Hirngespinsten – anders konnten diese angeblichen Kunststücke doch von einem wissenschaftlich geschulten Menschen nicht genannt werden – gegeneinander kämpfen zu lassen? Eigentlich war er noch immer geneigt, die ganze Erzählung des Grafen als Ausgeburt phantastischer Exaltiertheit einzuschätzen. Aber schließlich schien Normans Konstitution – nach dem jähen Erwachen aus dem Kokainschlaf zu urteilen – kräftig genug, auch diesen letzten Hokuspokus über sich ergehen zu lassen, dessen plumpen Schwindel – etwas anderes konnte ja doch nicht vorliegen – er dem Grafen zu ruhigerer Stunde hohnlächelnd beweisen wollte. Und damit würde er sich, auch nach dem Ausspruch des Grafen, gegenüber den Schwindeleien der gelben Rasse ein europäisches Verdienst erworben haben.

Unter solchen Überlegungen waren sie an Lis eiserner Tür angelangt, die er aufstieß. Li saß noch immer, gelb, mit untergeschlagenen Beinen, aufrecht im Bett. Wieder glaubte Apfelgrün sekundenlang ein infernalisches Grinsen über sein Gesicht fächeln zu sehen. Seine Wunde blutete stärker, der ganze Verband war durchtränkt, Apfelgrün wechselte ihn aus, was Li ruhig geschehen ließ. Dann hieß der Arzt die Kellner den Grafen auf dem Sofa in das Zimmer rücken und sich entfernen.

Einige Minuten verstrichen in angestrengter Stille. Dann reichte Apfelgrün Li das Zeitungsblatt mit dem unterstrichenen Wunsch und nickte zustimmend.

Lis Züge verklärten sich zu einem breiten Grinsen. Der Graf wies auf den Sack unter dem Lager. Li nickte ernsthaft.

Nun beginnt der Tragödie zweiter Teil, dachte Apfelgrün. Jetzt heißt es kühl und gefühllos den Mumpitz kontrollieren. Er zog die Uhr: Gerade 10 Uhr 15 Minuten. Und er reichte dem Chinesen den Sack.

Li zog das Gewebe an seine Knie und betrachtete es lächelnd. Dann warf er frisches Räucherwerk in die Schale. Dann sah Apfelgrün von Lis Lidern einen dumpfen Ring um das Zimmer fließen.

In dem Ring stand Lis gelbes, faltiges Gesicht.

Das große faltige Urgesicht der Welt.

Der Sack auf seinen Knien schwoll. Zerriß, fiel ab von den Schultern einer jungen Dame im Rohseidenkleid.

»Nelly!« rief der Graf.

Nelly lächelte: »Gehen wir zum Golfplatz, Reginald?«

»Später,« stöhnte der Graf. »Es hat mich überwältigt . . . Ich kann kein Glied rühren.«

»Ach so –« lächelte Nelly. »Du bist alt geworden, Reginald.«

Dieser starrte sie fahl an: »Zu alt für das Glück?«

Aber Nelly hatte sich schon zu Apfelgrün gewendet: »Aber Sie kommen doch mit, Herr Doktor, nicht wahr?«

»Gewiß, Gnädigste,« beeilte sich Apfelgrün. »Gestatten Sie, Apfelgrün ist mein Name, Doktor Apfelgrün«. Und er reichte ihr den Arm. »Gestatten übrigens Gnädigste, daß ich einen kleinen Irrtum verbessere: Wir befinden uns nicht im Al Hayat, sondern augenblicklich im Eden-Hotel in Europa.«

»Aber das macht ja gar nichts,« erklärte Nelly.

»Ich habe Europa sehr gerne. Dann gehen wir vielleicht in die Oper. Oder in eine Bar?«

»Bitte, Gnädigste,« sprach Apfelgrün. Und sie verließen das Hotel. – –

Sie saßen schon im Wagen, in der Bar. Musik sprühte. Nellys Profil stand schimmernd in der Loge. An ihrer Schulter flüsterte Apfelgrün:

»Und denken Gnädigste gar nicht mehr an den Grafen und an den Chinesen?«

»Der Graf, der Chinese . . .« dehnte Nelly. »Ach was, die Rassen . . .«

Das ist überwunden, dachte Apfelgrün. Jetzt komme ich an die Reihe. Und laut:

»Wir nachtmahlen dann im Exzelsior-Hotel, nicht Gnädigste? Aber nicht im römischen Saal. Ganz für uns vielleicht –«

Nelly nickte stumm und erstickend. Sie fuhren schon wieder.

Der Tisch des kleinen Einzelraumes loderte in Wein und Früchten. Nellys Haut schlug um Apfelgrün eine kühl schimmernde Woge. Er tanzte in der Brandung.

»Du! Wer bist du? . . .«

»Das Unerfüllbare,« sprach ruhig Nelly über ihm. »Keine Rasse kann mich halten. Nur im Traum besitzt man mich. Auf Sekunden.«

»Auf Sekunden,« stöhnte Apfelgrün.

Dann versank er in ihr wunderbares Rauschen. Tief. Nelly verging. Dann kam der Urwille, warf ihn in das Al Hayat-Hotel, in den Chamsin, nach China. Auch der Urwille verging. Nur ein matter Duft von Räucherwerk blieb.

Er stand im Zimmer des Chinesen mit dem Grafen und Li auf verschiedenen Lagern. Lis faltiges Gesicht schien etwas eingetrockneter. Er war tot. Auf seinen Knien lag flach und faltenlos der Sack.

»Ich bin hypnotisiert worden und habe geträumt,« durchfuhr es Apfelgrün. Unwillkürlich riß er die Uhr heraus. 10 Uhr, 15 Minuten, 2 Sekunden!

In zwei Sekunden . . .

Waren er und der Graf zum letztenmal von Li besiegt worden.


6

Erst am nächsten Vormittag betrat Apfelgrün wieder das Zimmer des Grafen. Er fand ihn bei ruhiger Stimmung, der körperliche Zustand verhieß baldige Besserung, ja nahe Genesung. Norman bot ihm Zigaretten an.

»Nun, glauben Sie jetzt an das Kunststück des Chinesen?«

»Nein,« log Apfelgrün. »Ich war auch zur Zeit des Versuchs schon etwas erschöpft.«

»Ich glaube daran,« sagte ruhig der Graf. »Zumindest an die Willensmacht Lis. Ich habe Nelly wiedergesehen, ob nun körperlich oder in der Idee von Lis Willen, bleibt sich wohl für mich schön gleich. Ich hörte auch alle Stimmen während der Erscheinung durcheinander sprechen. Auch die Ihre, Doktor.«

Apfelgrün errötete verlegen.

»Für die reale Aufklärung des Falles,« fuhr der Graf fort, »paßt wohl am besten die Annahme, daß Nelly schon vor zwanzig Jahren in der Wüste vom Chamsin verschüttet wurde und eben, wie das ja oft vorzukommen pflegt, nicht mehr gefunden werden konnte. Die gestrige Erscheinung beim Tode Lis war also pure Halluzination unserer erregten Nerven. Dieser Auffassung werden Sie wohl beipflichten, Doktor?«

»Gewiß,« sagte Apfelgrün. »Im übrigen bitte ich Sie, Herr Graf, mich von Ihrem Befinden stets telephonisch auf dem Laufenden zu erhalten.«

Und verließ das Zimmer.

Im Gang stieß er auf den Portier, der ihn in die Direktion führte. Tibor sah ihn fragend an.

»Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können,« sprach Apfelgrün, »daß sich Graf Norman außer Gefahr befindet. Der Chinese ist leider noch in der Nacht gestorben.«

»Wir sind Ihnen für Ihre Bemühungen sehr verbunden,« sagte Tibor. »Für die Geheimhaltung des Ereignisses ist gesorgt.« Und er reichte dem Arzt einen Tausenderschein. Doch Apfelgrün dankte matt.

»Es ist mir genug Befriedigung, den Grafen Norman unter meine Patienten zu zählen. Das Geld bitte ich zur Überführung der Leiche Lis nach China zu verwenden.«

Tibor sah überrascht auf Apfelgrün, der langsam, nachdenklich das Direktionszimmer des Eden-Hotels verließ, und konnte sich keinen Grund anführen. Der Arzt schon eher. Hatte er doch in zwei Sekunden das höchste Glück des Lebens erfahren.



Der fünfarmige Leuchter
I. Präludium / Meister Balthasar

Erbarmen! Alles umb mich ist dunkkel worden, die Winternacht wirfft ihr blau und weißes Leilach umb die Welt, die dalieget einn Brautt im ewigem Schlaff. Und der Tod hatt alle Sternlein am Hinnnl verlöscht und klappert auff trunkennem Roß übers Schneefeld, ein Wiese mit unzählige helle mystische Blumen, auff denen der Rappen des Todes graset. Ahi! nun fasset der Wind seynen Manttel und wirfft ihn kubferrn leuchtent über das Bekken des Himmls, die Weiden vor meinem Fenster seuffzet traurig auff und neiget sich stöhnend wie ich über daß Winterfeld meines Lebens. Wie ich! Gnade! Es gibt kein Gnade nit, die Ebene starrt flimbernd weiter, einn Schale voll bläulichtten Lichts, das magisch zukkt auff meiner erstarrten Maske. Wie ein Versteinerter sizz ich, der Meister Balthasar der Bildhauer vor die tumben Werk und Skulptura, die kalt leuchtent wie der Frost und meine silberweißen Haar, die umbsonst gebleicht sind an der Sonne des Tags, der nie wiederkömbt. Mich frierts, was nützend Otterpelz und Wintermantel vor dem ewiggem Frost, der ausstrahlend von die Gestirn in dünnen, gläsernen Pfeilen mir durch die Rippen stößt! Erbarmen!

Doch das Schneefeld flimbert silbriger und die Weiden wieget sich hurtiger untter den Windstößen, ein Krähennschar entschüttelnt, die sie traurig kreischend umbflatternd. Hüetet euch, fligt südwärts, Ihr schwartzen Krähen, ich entfallt mein Mantel, bin der Geyer, der inn euch niederfährtt, euch zerhakkt mit krumbem Schnabel. Nein, sie flatternt weiter, die häßlichen Vögel, und über mir ist nit als schwartzer, verhangener Himml und unter mir mein eigner Todtenakker, über den ich mich schwerfällig schwingge, über die Memoria meines Lebens. Meins Lebens? O Grauen, o Magie, warumb hast mich fast wie den ewigen Juden immer weiter wandern lassen bis ans kümberliche Greisenalter, warumb rinnt mein Bluet außer und inner mir mit rotem perlendemm Geflecht daß Schneefeld benezzend? Ist verlorent, ist kein Schad nit drumb, Wein her, ich will trinckennt, anstoßent mit mir selber auffs Wohl der Toten, die mit glasige Augen untermm Tisch liegent und deren Blinzzeln mich nit mehr erwärmben kann. Erbarmen, sind denn die Schellen im Frost eingfrorent, schlaffent die Knecht schon? Nein, da stehet der Christian im rotem Glantz der Tür: »Meister, was wöllet Ihr? Ist auch das neu italiänische Modell komment, so Ihr für die Nacht bestellt.« »Soll das Modell wartent, Christian, mir seind die Finger steif, der Gipps verfrorent, schaff Wein her und Licht!« – Er geht, die Winternacht singet flimbernder die Ballade des in Schneestürmen reutenden Todes. – »Was für Wein hast bracht, Christian?« – »Den funffzigjährigen cremonesischen, Meister.« – »Ist guet, jezzt nur noch Lichtt!« – Bin allein, herunter mit dem erstenn Becher! Vivat! Vivat mein Leben! Ahi, mein Leben, kannstu so brennent wie der cremonesische Wein, brennent wie Feur und Gallen, wie ein Glühwurmb im Schnee? Tust mir nit leid, Balthasar, noch einn Becher! – Ahi! er rinnet wie verzaubert Bluet durch meine Adern, der Schnee ballet sich zu Hauffen, die mich lustig umwirbelnt, flüsternt weittertaumelnt in das Grab der Weltt, das mich nit habent will. Mueßt mich doch empfangent, lezztes, süeßestes Bett! – Ein dritter Becher! Wem? – Erbarmen, ich weiß es und kanns nit sprechent! Wes Bluet was röter denn Wein und leuchttender denn die grünn Flamme der ewigen Feur? . . . O die mystische Schale des Schneefelds zukkt blauer auff untter dem Finger des Monds und sprühet einn Lichtt von besonderer Helle, daß ich flüsternd bespreche: Astrid . . . Die Tür gehet auff, in rotem Glantz stehet Christian mit dem Leuchtter, mit dem . . . . . . Ich trau meinen Auggen nit, geh weg, ich peitsch dich in Schnee, elendiger Bote! – »Was wöllt Ihr, Herr,« stammlet er, »habs dochs Lichtt bracht, so Ihr befohlent.« Erbarmen, da stehet der Tölpel vor mir, den Magie überwältigt, kaumb daß er den Namen aussprochent . . . . »Stell am Tisch und geh!« – Erbarmen, Leuchtter und Wein stehent vor mir, Weltt und Winternacht überstrahlent mitt dem Lichtt der trunkenen Ewigkeitten, denen ich mich geweiht, als ich die erst Flamme entzündet. Es zukkt, es schwelt. Fünff Flämbchen steigent traurig aus getriebenen Ertz, fünff Gsichter, mein eigenes darunter. Balthasar! Meine Hand streicht über die Flämbchen, mich brennts, mich frierts. Das Winterfeld höret auff zu flimbern, erlischtt, der Tod steiget vom Roß und lagert sich unter die Weiden, traurig lauschend höherer Magie, die süeßer ist und furchtbarer denn er. Erbarmen! Vier Tode bin ich storbent, nun kömbt der lezzte, ewige mitt Leuchtter und Krone mich durchbluettend, mit Astrid als Boten. Astrid! Ich reiß mir den Mantel, das Wams herab, steig fröstelnd in der Greisenhaut auß dem Schnee der Weltt dir entgegent. Wo bist du? Dein Bluet tanzzt rot und versilbert im Wein, ich trinkke wieder daran, wie bey den erstenn vier Toden, denn mich dürstett nach dem lezztem! Vivat! Es fließt, klingt, tönet. Dein Bluet rauschtt. Meine Sehnsucht zersprengt das Gefäß dieser Weltt und treibet, ein Blatt auff den ewigen Strömen, die quellent, quellent, übersprühent den Winterhimml mitt den Funkken des Polarsternes, der silbrig bluetet auff deiner Stirn, und von untten wallet flakkernd das Meer meiner Täg über tausend Flöten, mitt der blauen Perlenwoge meinen Finger berührent: Beginn!


II. Sinfonia / Die vier Tode
Erster Sazz / Von des Balthasar Jugend und Abenteuer

Ja das Meer und die Landschafften meiner Täg fließent purpurn und leuchttend wie das Haar der Astrid hinab über die weiße Stirn der Magie! O traumlose Nacht überall, ich sizz am Schiff, bin jung, bin erster Kartaunenmeister auff der schwedischen Gallion »Birgitta«. Und das Meer wallet und spülett abendgrünn, die gestrafften Segel schneident wie das Brusttuch einer Frauen inn den glühendenn Harnisch des Dunkkels. O, die Segel werdent flach, wir tafelnt in Windstill, fast mehr auff dem grünnem Wellentuch als an Bord, werfent die geleerten Flaschen ins Meer. – »Vivat die Frauen, vivat Venuß, holder roter Sternn der Seuleutt!« – ruff ich, einn Glas schwenkent und am Fokkmast zersplitternt. – »Binn ich nüchtternn oder bsoffen,« schreiet der erste Steuermann, »sehet Ihr Leutt, die Venuß ist heunt grünn, nit rot!« »Wahrhaftig!« schreient Alle, »sie steiget grünn leuchtent aus dem Meer, wie ein Augg, so der Teuffl auß dem Fegefeur stekket.« – »Hüetett Euch, Bursche,« sprechet der Kambüsenmeister, den Bart streichend, »beschließt die Lukken, löschtt die Lichtter auß, ist dies grünne Lichtt nit von der Venuß, sondern kömbt vomm Hinterschiff der vermaledeitten Piratenbrigg, deren Kapitain Einaugg wie ein Hai die Meere furchtt mitt grünnem Lichtt nach Beutte schielent, wollt Gott, sie wär vorüber!« und bekreuziget sich. – »Hast Grind im Hirn?« – ruff ich – »unsere Kartaunn, die dem Holländer und Dänen gedonnert habent, sollent eim verdammten Seeräuber auch ihrr Pasteten schikkent, an die Posten, wer keinn Hasenrotz nit ist!« – Hei, es fallt uns ein Brise vom Westen in die Wämser, und die Gallion drehett sich ächzzent dem falschem Stern zu, schon schießt sie wie der sagenhaffte Delfin durch die Wellen, der Korsarenbrigg zu, die groß und schwartz auß dem schwartzem Meer tauchett mit geschlossene Stükkpforten und schlaffe Segel und Takelwerk, als ob keinne Seel nit drauff gewest außer dem grünnem Lichtt in der Kajüt des Kapitains. – »Leutt!« – ruff ich – »ist der Hunt wrakk und sollt uns Prisengeld bringent! Wir wollent eng heransteuernt, und ich springg, so unß die Welle näherwirfft, alß erster auffs Dekk hinüber mit Axt und Morgenstern und Ihr mit Mordio nach!« – »Zu Befehl, Kartaunnenmeister,« lispelnt sie bleich sich bekreuzzigent, denn izzt stieg groß daß schwartze Hekk des Piratenschiffs vor unß auff, darann das grünn Lichtt wie einn teuflisch Augg blinzzeltte. »Drauff mit Kurage!« – ruff ich, mich hinüberschwingent auff morsches Holtz, daß höhnisch krachtt. Barmherzigkeitt! Die Hunt seind zu feig, keiner springtt mir nach, schon wirfft die nächste Well die Schiff auseinand wie Kartenblätter, und ich hängg geprellt, der Fuchs im Eisen! O Jesu! izzt reiset der Korsar die Stuckpfortt auff, o wär ich bei meine Kartaunn! auß fünff Achtpfündern brennt ein Feur übers Wasser, die schwedische Gallion wie ein Viech beim Metzger auffschlizzent, zerreißent! – Hüet dich Balthasar, heunt ist dein Kobff am wenigstenn wert, schon gurglet daß Wasser in den offenen Leib der Gallion, versinktt die »Birgitta« auffzischent wie ein glühent Scheit im Meer. Ist kein Schad umb euch nit, ihr feigen Hunt, lieber krepier ich untter Kaptains Einaugg Schwert denn untter eurem Rotz. Komb herfür Kaptain Einaugg auß deiner grünn Teufflkuchl, ist noch Einer da, der ehrlich mitt dir kämbfenn will! – Nein, er huet sich, hatt Sermon mit Belzebub, der ihmb guet Wind in die Bakken blast, denn jezzt schwellent von unsichtbarer Hand die Segel, wälzet sich die Piratenbrigg lautlos von dem nassen Friedhof weitrer in daß flimbernde Dunkkl. Ich irre am Dekk, daß öd und verlassen gähnet, wie das gantze Schiff, umb einen von die Hunt noch zu erschlagent, eh sie mich ins Meer schmeißent. O, stille Balthasar, ich hör flüstern, Flüsternn von drei Mann, die wimmernd und fröstelnd an den Mastbaum gebunden sind, die Stirn gen Backbord gericht, izze geht das grünne Lichtt von der Kaptainskajüt grad über ihre traurigen Gesichter, über den Turban des erstenn, den Helm des zweytten, das Barett des dritten. »Reverentz meine Herrn, fürnehmber Gesellschafft!« – »Ihr seiet von der untergegangen Gallion?« fraget der mitt dem Helm. – »Gott verdamms, und wie komben die Herrn zu die lieblichen Armbänder?« – frag ich, auff ihre Schellen weisent.

»Ich heiße Ibrahim,« spricht der mit dem Turban, »und bin Großastrolog des Sultans aller Rechtgläubigen.«

»Ich Gyldendal,« rufft der Behelmbte, »Alchimyst der Republikk Venezia.«

»Und ich bin der Orgelbauer Asmundus,« saget der Lezzte auß Barett und braunenn Knabenlokken, »sie habent uns bei Sizilia gefangent und schleppent uns nun schon drey Monat durch alle Meere herumb.«

Das erkannt ich wol an ihre traurige Gsichter, aber kaumb, daß ich den Munt zur Antwort auffgemachtt, fiel er mir wieder zu, denn krachennt springtt einn Lukken auff, ihr entsteigt ein Mann, furchttbar in schwartzer Rüstung, helmlos mit schwartze Natternhaar, statt des eynen Auggs ein Smaragd in die Lider: Kaptain Einaugg. »Wieder vier in der Kumpanei?« Brüllet er. »Es dürfent nit fünffe werdent, darumb sprechett schnell, ob Ihr mit Handgeld Piraten untter meiner Flagge werden wöllt, oder lieber ein wenig salzig Wasser saufft.« Ahi, ins Meer wolltent wir keyner geworfent sein und schrieent alle einstimmig: »Eur Mann, Kaptain!« Obzwar wir nit wußtent, warumb wir nit fünffe werdent durfftent. Ahi, so seind wir elendige Seeräuber gewest durch einn halbes Jahr wider unsern Willen, habent geplündert die Kauffahrteifahrer und gebrandschazzt die Küsten von Jütland bis Biskaia. Und es war strambe Mannszucht am Schiff, härter wie bey die Janitscharen, denn alles wußte, daß der Kaptain mit dem Teuffl im Bunde war, und seyn falsches grünn Augge flakkertte noch im Traum auff uns. Und stets gabs Weiber und zu sauffen und Brandguet bey die Plünderungen für jeden Mann, nur das Feinst auß der Beutt schleppt der Kaptain allweil selbst in einn geheimbem Verschlag, den niemend bey Todesstraff betreten durfft. Nun war ich aber doch zu begierig, einmal die riesigen Schäzz des Kaptains zu sehent, und als unns die Lufft im Nordmeer zu heiß wurdet, schluppfftenn wir bey Nacht und Nebel durch die Enge von Gibraltar gen die Lande des Bey von Tunis, dessen Küsten wir brandschazzten und raubeten untter Vielem anderen auch ein Harfen mit eyner schwartzen Rüstung als Schafft, darin wol ein mittlerer Mann stehent konnt, mir ahnete, daß solche dem Kaptain gfallent würde und verwegen schlubf ich in die Rüstung. Heiho, schon hebet er die Harfen unt Riesenkräfft, schleppts in den Verschlag, schmeißt die Tür ins Schloß. Drinnen wärst, Balthasar, nun schau, daßt lebendig widerumb herfür kömbst! Ich gukk durchs Scharnier der Rüstung, ei, da blendet die Monstrantz der Schäzze Indiens umb eyn einfach Bett, darin eyn Kint, eyn Mädgen mitt braunne Lokken schlummertt, o, sie hebet das Antlizz, süeß und frembd, wie eyn Eife, springet auß den Kissen, schreittet leichtt und barfüeßig im Hembde auff die Harfen zu, beginnt die Seitten zu zubfent, o süeßes Lied! O Gloria, o Magie! ich steh verzaubert in der Harfen, an der eyn Kint sizzt und spielt, rauschend spielt das Lied meynes armben Hertzens, und ich zittere mit der Harfen untter dem Wind, der von ihren Haaren südlich über die Erden wehet, bin selbst die Harfen, auff der die Frembde spielet blauer Sehnsucht Lied. Fern, fern. Und alß sie geendet, klapp ich das Scharnier auff, tret auß der Rüstung und streich ihr übers Haar, das früber braunn, nun bernsteingelb auffleuchtett untter meynen Fingern. »Nit Kaptain!« gellet sie, »wollet Ihr mir tötent?« – Nein, braunnes paramour mitt dem silbernem Saitenspiel, hab kein Angst nit, will nur sizzent an deinnem Lager, die Hand auff deinem Haar. Und führ sie zumm Bett zurück, drauff sie knieet, mich starr anblikkend: »Ihr seiet nit der Kaptain,« lächlet sie traurig, »drey Jahr hab ich nit als sein Bart im Gesicht gehabt und erkenn keinn andern Mann nit mehr. Wer seied Ihr?« – »Frag nit, braunnes Gespiel, bin die Nachtt, die sich frierent schwinget zu die gläntzendenn Sternlein.« – Und wahrhafftig floß jezzt der Scheinn von ihrer Hautt magisch durch die Lukken wie ein Stern im Nebel, eintziges Lichtt im Raum, mitt kalte Hand lieg ich neben ihr. »O braunne Freundinn, wir wollent Lichtt machent, daß ich den Trost deynes Gesichts sehent kann« – und ergriff eynen Leuchtter auß der Beuten. »Nit,« lächlet sie, »nimb eyn andern!« – »Ist keynner sonst nit da.« – »Dann zünd ihn ann, wenn du den Muet hast,« sprechett sie am Lager und doch wie an meinem Ohr. Ahi, ich reibb den Feuerstein, der Leuchtter hatt fünff Arme, das erst Flämbchen zukkt wild empor, eyn Antlizz mit nur eynem Augge schwelt darin! – »Der Kaptain!« ruff ich.

»Ja,« lächlet sie, »nun wird er sterbent.«

Meyne Hand ruhtt auff der zweytten Flamme, die rott auffgeht, eyn Turban: Ibrahim.

Eyn Helm und eyn Barett glühent in der nächstenn: Gyldendal und Asmundus.

Ahi, nun kömbt die lezzte! Ich muß sie entzündent. »Wer wird komben, Freunndinn?«

»Du selbst,« lächlet sie hintter mir. – Erbarmen! meyn Gsichtt stehet hell und ruhig neben den vier andern in dem Leuchtter, und doch erkenn ichs nit! Ich kanns nit sehent, wend mich ab von den vier Zeugen zu der Frembden, die weiß wie eyn leuchttend Strom im Dunkkl stehet, deren Haar durch meyne armben Händ fließet, Glantz eyner Heimat umb die vierffaches Feur wüetett. Doch dann beginnet ihre Hautt opalen zu flutent wie eyn Meer, darinn ich tauche, darauff treibent die zwo weißen Seerosen ihrer Brüstlein, auff jeder eyn Trobfenn wundersambes Bluet, darüber ich mich grauenhafft neige. Und nun treibett ihr Körper untter mir eyne venezianische Blüttenbarkke traumlos in unendliche Flut. »Wie heißest du, ewiges paramour?«

»Astrid,« lächlet sie. »Komm –«


Zweytter Sazz / Von die wandernden Leuchttürm und dem Tode des Kaptains

Ahi, der Leuchtter ist entzündett, nun brennent wir fünff gebunden von der Magie umb die Astrid, schlankke Kertzen vor dem Altar des Wunders. Morgens erwach ich amm Dekk, der Kaptain Einaugg tritt mitt gewitterschwartze Auggen auff mich zu: »Heiß die Mannschafft alle Segel auffziehent, Kurs gen West!« – »Waß wöllet Ihr umbkehrent, Kaptainn, noch ist Mohrenland und Cypern vor uns mitt reicher Beutt, und im Nordmeer lauernt die Flotten der Holländer auff uns mitt Kartaunen und Tod!« – »Ja mitt Tod,« sagett er, »heunt Nachtt hatt eyner eyn fünffarmigen Leuchtter entzündett, nun müssent fünff Mann am Schiff sterbent, wellent sehent, wer dabey ist.« Ai, großer Kaptainn, ahnest es nit, daßt selber der fünfft bist von die vier Gefangene? und ich deyn Mörder durch die Magie der Astrid? Nein, Trotz betäubett seyn Wissen, wir fahrent mitt volle Segel an die Gestade des Todes, am siebbten Abend schreitt die Mannschafft: »Eyn Leuchtturm! Land!« »Kurs darauff,« befiehlett der Kaptainn, und der Kiel taucht flügge in die Nacht. Doch als wir in der erstenn Dämmerung Ausschau hieltent, stand der Leuchtturm noch immer weytt von uns in der Flut, erstt zu Mittag kamb er umb eyn kleines näher. »Wandernde Leuchttürm,« rufsft der Kaptainn, »sie habent auff eyn Schiff eyn Maskerad gestekkt, wie eyn Kurtisan auff ihre Fezzen, umb uns näherzulokken, die Hunt soll ihnen der Grind in die Hosen pickent, alles an die Kartaunn!« Und der Himml fliegett wie eyn bluetige Fahn über uns, und der falsche Leuchtturm leget sich an abendliche Küste mitt Schiffsbrukken, Häusernn und Bastion, Sturm läutentt alle Glocken. »Wir landent bey der Schiffsbrukken,« bfiehlt der Kaptainn, »die stürm ich mit funfftzig Mann, Balthasar bleibett mitt zwanzzig an die Kartaunn!« Mordio, der Ankker rasselt hinab, Mordio, die funfftzig springent auff die Schiffsbrukken, untter ihnen auch eyn schlankker Schwartzgepantzerter, o ich erkenn ihn am braunnem Haar, so durch den Nakken spielet: Astrid, Astrid, den Kaptainn zum Tod begleittend! Hei, nun laufentt sie die Arkebusen schwingent über die Brukken, die – Erbarmen! – hintter ihnen in die Lufft fliegett, stehent abgesperrt von der Brigg am Land, wie Fisch im Sand verzukkend. Und schon stürtzent die Bürger mitt Feuerrohr und Äxt auß die Häuser, sie zu erschlagent, wie Krabben in der Ebbe, wohin soll ich zielent mitt der Kartaunn? Hei, die Astrid ziehett ihr Brusttuch auß dem Harnisch, es flattertt weiß wie eyn Möven, darauff ich visiere, nun brennet die Luntten ab und Feur! da wälzzet sich der gantze Bürgerhauffen in Bluet und Drekk, Viktoria und Rettung, Kaptainn! – »Wahrhaftig,« sagett er, als ich an Strand kamb, »meyn Leben war schonn eyn Katzendreck wert, binn doch keyner nit von die Fünffen. Salut ihr Mann dem erstenn Prisenleuttnant Balthasar!« Doch die Astrid lächlett weiß auß schwartzem Pantzer, braunnen Haaren. Dann gingent wir zum Hauß des Bürgermeisters, der uns knieent Fahn und Schlüssel der Stadt übergab: »Meyn Haubt untter euren Säbel, Kaptainn, aber schonet der Bürger.« »Fürwahr Freund,« lachet der Kaptainn, »sollstu morgen selber, eingewikkelt in die Fahn der Stadt und ihrenn Schlüssel in die Händ, zusehent, wie sie brennet!« Sprichts und gehet mitt der Astrid in seyn Hauß, allwo wir ihn zechent und pokulierent sahen bis mir der Schlaff die Auggen schloß. Und in der Frühe wekkett mich eyn Hand, steht die Astrid vor mir ohnen Pantzer mitt weißem Antlizz und Kleid, tieffen Auggen, der Engel des Todes. »Steh auff,« saget sie, »der Kaptainn hatt bfolent, daßtu den Bürgermeister zum Urtel eskortierest.« Führet mich in des Bürgermeisters Stuben, ai da lieget er schonn, bis übers Haubt in die Fahn der Stadt gwikkelt, eyn Knebel im Mund, den Schlüssel in die Händ. – »Nehmbt ihmb den Knebel herauß, daß er eyn lezztes Vaterunser sprechent kann.« – »Nit,« saget die Astrid, »schonn steigett die Sonn über die Reede, beym lezzetn Glokkenschlag muß er an der Gaffel der Brigg hängent!« Dann schnell, pakkt zu, Ibrahim, Gyldendal, Asmundus, wir schleppent den Stummen in eyn Kahn auffs Schiff, Tau umb den Hals und hochgezogent, ahi, schonn schwebett er schwartz in der Morgensonne zur Gaffel empor, hängett still, izzt pakkt der Wind seyn Leib, der sich langsam Revue halttent über Schiff, Stadt und Hafen drehett, jezzt fliegett die Fahn und Schlüssel von ihmb herab . . .

O Satan! vom Kaptainn Einaugg, der stumm verwünschent die Arme über uns krambfett! »Gnade!« schreiett die Mannschafft, brichtt ins Knie! Es gibbt keyn Gnade nit, wir stehent im Ring der unterstenn Höllen, vomm feurigem Brusttuch der Astrid bedekkt, unsere Qual vomm fünffarmigenn Leuchtter erhellt! Erbarmen!


Dritter Sazz / Von dem Urgestirn und der Gul

Geh auff, zweyttes Flämbchen, wundersamb und traurig! – der Ibrahim und ich habent uns Bettlerkleider anglegt und seind gewandertt eyn Jahr durch Hizz und Winterschnee, durch Deutschland, Böheimb und die ungrische Mark und Siebenbürgen nach Nikopolis, dortt habent sie den Ibrahim als ersten Großastrologen des Sultans erkannt und uns in Ehren auffgenomment und in Eilstaffetten dem Sultan in Konstantinopolis vermeldett. Und dieser schikket sogleich den Seraskier mitt Pferden und Sänfften uns zu holent, und nach eyn Monat zogent wir untter unendlich blaugrünn gewölbbtem Himml durch die hohe Pfortte ein. Der Sultan kamb uns bis ans zweytte Tor entgegen, umbarmbett seynen lieben Großastrologen und schenkett mir auff des Ibrahim Erzählung unserer Abenteur eyn Seidenen Turban mitt güldener Agraffen, dann rittent wir auff Zeltern zu des Ibrahim Landguet, das schonn jenseyts der Bosporusbrukken in Asia am Meer laget. Ei, wie seyne dreyßig Weiber vor Freud schrieent, daß der Gebieter wiederkombent, dann saßent wir in dem Strandgartten bey Hennah und Lukkum (das seynd türkische Schlekereien) und sahent dem Meer zu, daß sich blauviolett wie ein Pfauennfeder in die Himml wiegete, dann fiel die Nachtt wie der Schleier eyner türkischenn Frau übers nachttwandlerische Antlizz der Erden, darauß der Mond entstieg, rott und wagrecht wie eyn maurischer Becher im Flittertuch der Stern. Und der Ibrahim stieg auff das Dach des Hauses, wo eyn groß Fernrohr auff eherner Drehscheiben, darauff der Tierkreiß eingeäzzt, sich drehete, sezzte sich darann und ließ es sich von eym Verschnittenen nach dem Lauff der Gestirn richtent. »Balthasar,« rufft er, »heunt ist schönnste Nachtt, der Skorpionn öffnet die Scheren umb den Widder zu fangent, der verlezzt mir seyn Geheimbniß ausbluetet. Die Milchstraß blähett sich kreißent, und der unsichttbare Nabelstrang der Zwilling peitschtt den Äther, tieff untten im Ost des Firmaments muß wo das mystische Urgestirnn ruhent, die Mutter aller Sternn, auß deren Schoß sie gefallent, o, daß ichs fände, das Rätsel der Weltt!« »Herr,« sprechett eyner von die Verschnittenen, »unter die Sklavinnen, so wir jüngst vomm Schach gekaufft, ist eynne Stumme, Gul geheißen, die sich wol verstehet auf Sterndeuterey und persisch und indisch Astrolab.« »Laß sie komben,« bfiehlt der Ibrahim. Ahi, Ibrahim, armber Bassa, warumb hastu deinenn Tod komben lassen, schon stehett die persische Sklavin, eyn Traumlilie in grünnem Schleier auff dem Dach des Hauses, stumm mitt wehendem braunnem Haar. Barmherzigkeitt, bist nit die Gul, bist die Astrid! Astrid, die vor uns stehet stumm wie die Magie des Nachthimmls. »Gul,« sprechet der Ibrahim, Maske und Urgestirn, daß ich Gul nach dir neuenn werde, kannstu es sehent?« Ja sie nickett mitt grünn phosphoreszierendem Medusenhaubtt, den rechtenn Arm aus den Schleiern wie die sagenhaffte Griechengöttin Elpis weitt gen Ost gestrekkt, und der Ibrahim entläßt uns alle. »Freund,« flüstert er mir nächsten Morgen im Männergartten zu, »werds finden, das berühmbtte Urgestirn, so mir das Rätsel der Gul gedeutett, schonn schwingett ihr Körper untter den Kreisen der Planeten und ziehett unser Bluet sie in neue Bahn, in der siebenten Nachtt werd er sicherlich komben, der erste Stern!« O Ibrahim, armber Bassa, willstu endent wie der Kaptainn, schon seh ich Euch rasent wie die Zwilling umb der Medusa kubferne Stirn. Es hatt nit holffent die Bitt und nit rastett der Astrid ewige Magie, schonn wirfft sie vonn die weißen Schulttern den Mantel der siebtenn Nachtt über die Erd, steigtt der Ibrahim auffs Dach der Sternwartte, klimm ich heimblich an den Rankken wilden Weins ihmb nach, ihn zu rettent. Ahi, die Gul stehett grünn mit schwergeknotettem Haar am Dach, hintter ihr die größre Schwester Nachtt mitt mildem Sternenkleide, und der Ibrahim sezzet sich aus Fernrohr, da tritt die Gul hinzu und breittet ihr schwartz Tuch über die Linsen, daß er ohndies nit sehent konnt, der Tor »Ibrahim!« – ruff ich herfürspringent – »kannst nit sehent, ist Tod und Magie umb dich, verlaß die höllischen Himml!« »Ei,« lächlet er, »was lallestu Freund, seh ich doch Gul, das Urgestirnn im Fernrohr, eyn Kugell rot und übergroß durch pechschwartze Nachtt entrollent, o wie sie läufft, muß das Fetnrohr hebent, ihr zu folgent, ahi sie werd immer größer, blizzender, o Gnade der Nachtt, da die Weltt mit ihr zusammenstößt!« Es war seyn lezztes Wort, denn schonn springett die rotglühent Kugel, die die Astrid statt des Gestirns ins Fernrohr geleget, zischennt auß der Linsen, seyn verbranntes Haubt zur Erden biegent. »Astrid!« – ruff ich – »lächelnde Teufflin, hastu nun auch den Ibrahim vernichtt, nun werdent die Türkken uns erschlagent. – »Sey ruhig,« sprechett sie still, fast traurig mit große, tieffe Mädgenauggen, deren Glantz mich zurükkwirfft in die Kajüt des Kaptainns, o Astrid, Ferne, Ewige Du, ich lieg die Händ auff deyne flutende Hautt gebettet vor dir und entzünde wieder und immer wieder den Leuchtter, dessen Arm Boten seynd und schlankke Gitter am Lager der lezzten Lust. Doch schonn springent die Verschnittenen auffs Dach, ruffent: »Ai, sie habent unsern Herrn getötett, die Sklavinn und der Christenhunt!« und schonn kömbt der Bfehl des Sultans, uns vor Morgengrauen in eyn Sakk gebunden vom höchstenn Minaret ins Meer zu werfent. Gernn, o gernn. Schonn lieg ich eng an die Astrid gepreßt im lezzten groben Linnen und drükk meyn Haubt in deyn Antlizz, das mild und todliebend ist wie meynes, schonn tragent uns die Schwartzen auff den Rundgang des Minarets, fallent wir beyde durch laue Lufft – wohinn? Ist der Meergrund so weich, könnent wir Wasser atment, wie die Fisch? – Nein, schonn zertrennt eyn Messer den Sakk, blikkent wir in eynen Krantz von Helmen, wer seyd Ihr, die Ihr noch Himml und kein Wasser nit über Euch habett?« »Edelleutt der Republikk Venezia,« lachet der eyne, »vor eyner Stunde seind wir mitt der Staatsgallion von Konstantinopolis abgfahrent, und wie wir sahent, daß euch die Türkken vom Minaret ins Meer werfent gewollt, habent wir schnell beygedrehtt und euch im Sprungtuch auffgfangent, nun seyd ihr in Sicherheitt.« Ja wir warent in Sicherheitt und sahent stoltz mitt der Gallion das Meer zerteilent die Türkken, die uns mitt lange Gsichtter nachglotzent. Sicherheitt? O wär ich gebliebent als Fischfraß am Grund des Bosporuß und hätt das Wasser zusambschlagennt über mir auch die Flämbchen des fünffarmigenn Leuchtters zischennt erstikkt! Waß ist die kleinn Sicherheitt des Lebns gegen die groß Wirrniß der Magie, die mich gebannt. Denn wieder dunnkkelt Tod die Lider der Astrid, tritt der Kommandant der Gallion in reicher Kleidung auff mich zu und freudiggem Antlizz: »Erkennst mich noch vonn der Piratenbrigg, Balthasar? Welch Glükk, daß ich dich rettent konnt. Bin Gyldendal.«


Vierter Sazz / Von der zweyfachen Jungfrau und der Krone

Die Gallion rauschett ins Meer, und die dritt Flamm gehet auff untter meyne Finger. Ich hatt dem Gyldendal auff sein Fragen verzählet, daß ich die Astrid auß dem Serail des Ibrahim rauben gewollet und darumb mitt ihr von die Türkken zu Tod verurtelt worden sey. »Tritt in meyne Dienst,« sprichtt der Gyldendal, »die Republikk Venezia führet Krieg in alle Weltteil und hatt kein Gold nit mehr, den Sold zu erschwingent, darumb hatt mich der groß Rat mit Dogenrang in alle Land geschikkt, umb der großen Alchemei nachzuspürent, wie Gold auß unedle Metall bereytett werden könnt, die leeren Kassen der Repnblikk zu füllent.« »Ei, Herr,« saget die Astrid, so dabey stund, »ich kenne wol das Rezebt der Bereytrung, wie es schonn seyt langem in unseren Landen geübett wird.« Erbarmen, steiggst schonn wieder auß den Funkken Satanella? Ja des Gyldendal Blikke werdent grünn und gierig, mit verzerrtem Munt hänget er an ihr: »Wie? Saggs1« »Ei,« saget die Astrid, »das Geheimbnis lieget in der Kron und in der zweyffachen Jungffrau, denn zwieffach ist das Wesen der Element und durch eyn Jungffrau gedeutett. Ihr brauchett eyn Kron auß Kubfer, innen mitt Quecksilber gefüllet, dem tantzenden silberfüßigen der Element, und zwey Jungffranen, eyn lebende und eynn aus Bernstein. So Ihr in eyner Neumondnachtt bey der Lebendenn liegett, wird auch die bersteinernne mitt eyn Fuchsschwantz gepeitschtt, eur Lust empfindent, dann sezzet ench getrost die Kron auffs Haubt, daß sich euch in der Vermählimg mitt beyden Offenbahrungen das Geheimbnis enthülle!« O Gyldendal, stobff dir Wachs in die Ohren, daßt nit hörest die Stimm der Verführerinn! Vergebens, er steigett bleich in sich versunkken auffs Dekk empor, heißt alle Segel ansezzent, umb schneller nach Venedig zu komment, zwischenn Löw und Göttin steigent wir ans Lant in die Signoria zu dem kaltenn Wachsstandbild des Dogen Loredano, der uns über die Reisen ausfragett und in eyn Ehrengondel entließ. Dann gähnet groß und traurig der Palast des Gyldendal, auff Holtzpflökken in den Kanal gebauet mitt trunkene Säl voll Bildwerk und Schnitzerey, wir tretent auff die Galerie, o San Giorgio steigett wie die Himmlsburg auß dämernde Fluten, wie eyrn königlicher Leichnam lieget die Stadt, trüb flimbert der Kanal, faulender Lüste lezztes Bett. Und des Gyldendal Hand umbkrambft mein Schultter: »Frennd,« flüstertt er, »die Kron und bersteinerne Jungffrau seynd beschafftt, nun gib mir deyn paramour auff diese Nachtt!« »Gyldendal!« – ruff ich entsezzt – »ich seh dich treibent eyn führerlose Gondel ins Meer des Todes, nimb dir eyn Kurtisan oder eyn paduanisch Landmentsch, doch nur nit die Astrid!« »So gehett Ungeheures ann kleyner Eifersuchtt verlorent,« murmlett er schmertzlich, in was willst Tor, ich kann mich nit gegen tödliche Magie stemment, und wenn ich Krafft vonn zehnen hätt. Und am Abend kömbtt er zu mir in rottem Scharlach und rote Stirnbind und Sandalen: »Freund, du wirst die bernsteinerne Jungffrau mitt dem Fuchsschwantz peitschent und die Kron bereytt haltentt, bis ich kombe!« Ai, ich steh vor schwartzem Vorhang vor der bernsteinernen Jungffrau, deren Leib gelbgleißent wüetett in erbarmungslosen Glantz, izzt hör ich den Gyldendal und die Astrid flüsternt, eyn rote Gwaltt presset mir den Fuchsschwantz in die Hant, mitt dem ich rasent Brüstleinn und Hüfftenn des Standbilds peitsch. Erbarmenn, daß Bernsteinbild lebet, knistertt, schwizzt Funkken, die stechent über mein Finger prikkelnt, immer wilder wird meyn Geißeln. Jezzt tritt der Gyldendal fieberbleich mitt gläserne Auggen auß dem Vorhang herfür, hinter ihmb die Astrid, so ihmb eyn Griffel in die Hand drükket, ihmb die kubferne Kron mitt Quecksilber gefüllet auffs Haubtt sezzet. Eyn Knistern gehett durch die bernsteinern Jungffrau, als ob sie sich nach ihmb sehnete, noch eynmal trifft sie der Streich des Fuchsschwantzes, dann – o Erbarmenn! springett krachennt eyn Funkken vonn ihr auff die Kron des Gyldendal über, tantzt im Onecksilber, daß sich entzündett, eyn grünnes Lichtt ausstrahlennt, das grünn Lichtt der Magie, in dem wir alle nakkt und durchleuchttet stehent. Und der Gyldendal hebet starr den Griffl an den Tisch und schreibet: mit eckige Buchstäb: Die Verwandschafft der Fünff ist inniger denn die der Element. Ahi, seyne Finger umbkrallent den Griffl, mitt Geyerzügen furchtt sich seyn Gsichtt, er stehet erstarrt im sterbenden grünnen Lichtt, darin die Maske der Astrid schwebet, erstarrt in der sterbenden Nachtt – und Weltt, übergegangen in den Kreiß der Fünff, eyn Standbild unheymblicher Machtt, die einet und zerbrichtt die Lebenden und Toten und vor der kein Rettung nit ist auff dieser Weltt. Waß nuzzet mir das kurtze Röchelnn, so mir noch vergönnt, was nuzzet mir die Fluchtt auß dem unheimblichen Palast, wo der Tode mitt der bernsteinernen Jungffrau Hochzeytt halttet? Auß der Hall stürtzent, umb mich vor Wuet und Grauenn in den Kanal zu werfent, fanget mich eyn Mann in eyner Gondel auff, rudertt mich hurtig mitt braunne Jünglingslokken, die der erste Tag vergoldet, wie eyn Bote in schimmernden Frühling hinauß auffs Meer, ich erkenn den Viertten: Asmundus.


Fünffter Sazz / Von der Orgel und dem Feur


O Asmundus, braunnlokkiger, ich lieg, Todbote in deyner Frühlingsgondel und deyn flatternder Mantel, so untter deym Ruderschlag übers Meer wehet, bestrahlet nit das Gestirn, sondern die grünn Flamb der Astrid. Frühling und Tod warstu Asmundus, und meyn Hant zitterte am meystenn, als sie in der Kajüt des Kaptainns deyn Flämbchenn zur Schönheitt entzündett. Fruchttlos ist Widerstand, nur eynn milder Führer kann ich dir seyn, »wohinn steurest du Asmundus?« »Gen Mestre,« lächlet er, »so uns dortten erwartett die Staffette des Hertzogs von Retz, in dessen Auftrag ich die italiänischenn Orgeln studieret.« Die Stafette knallet mitt gedoppelte Relais durch die lombardisch Ebene, Mandelblüten werden zu Föhren, Sänfften wiegent uns über der Alpenn weißsteinernes Meer, erstarrt wie Gyldendal. Und es kömbt der Abend in der dunkkelen Speisehall des Hertzogs von Retz, er selber dikk wie eyn auffgeblasen Schwamm auff zwey Stühlen bleich sizzent, ihmb zur Linkken Asmundus, zur Rechtten lodernd auß der steiffen Spizzenkrause das braunn Haar der Pica della Fonda, seyner italiänisch Geliebtten. Pica della Fonda? Nein Astrid und wiederumb Astrid! Die Taffel ist stumm und untterwürffig nach spanischemm Zeremoniell, die Damen und Herren, Asmundus, die Pica starrent öd ins kümberliche Lichtt, nur der Hertzog zerreißt mitt die Finger eyn Hammelkeulen, schlinggt sie hinab, laßt sich vom Truchseß den Munt abwischenn, hebet die Taffel auff, bfiehlt zum Bleigießen. Das war nämblich seynn eyntzig Untterhaltunng, Klümbchen von weichem Blei ins Feur zu werfent, umb zu sehent, zu was für Figürchenn sie darinn schmoltzent, und seynn gantz Gefolge musset dabey mittun. Ahi, schonn lieget das Klümbchenn im Löffl und wandertt in den Ofn, kömbt als eyn zierlich Figürchenn wieder herfür. »Ist Asmundus,« ruffent Alle. »Ja,« rülpsett der Hertzog, »wirst ins Feur komben, Asmundus.« Und alles grinset beflissen über dem tumben Wizz, nur die Pica della Fonda lächlet uns ruhig und schimmernd aus der steiffen Krause an. – »Mach dir nit drauß Asmundus,« – sag ich, als wir das Schloß verlassen. »Ei,« lachet er, »hatt wahrlich so Unrecht nit, der hertzogliche Wanst und Hahnrei, binn wahrhafftig ins Feur überirdischer Schönheitt komben, daß meine Knie umbflutett.« Hahnrei? O Pica della Fonda, Asmundus, grauenhafft Liäson! Er aber entschwindett hurtig zur Schloßkirchenn, in der bald eyn leises Traumfeur auffgehet. O Asmundus, der ich alle deyne Vorgänger zu Tode geleittet, nun neigett sich daß schimmernde Haar der Astrid über mich, die mich rufft zur lezzten Zeugenschafft. Unhörbar gehet die Kirchtür auff untter meinem Finger, ich knie am Weihbekken, betend für den Asmundus, der vorn im fahlem Glantz der Orgel stehet neben dem weißflutendem Kleid der Pica della Fonda, die mich wol gesehent. »O Pica,« lächlet er, »süeß Feur wehet von Eurer Schultter zu der meynen; in Euch werb ich umb die lezzt Schönheitt des Künstlers, Ihr schenkktet mir meyn Werk, nun schenkkt Euch mir zu irdischer und himmlischer Liebe.« »Nie, Meister Asmundus,« sprechet langsam die Pica und schüttlet ihr Haar übers Antlizz, das fahl und grünnleuchttend wie die Orgel als Nachttengel darauß blüehet. »Nie! Glaubet Ihr wahrhafftig, daß ich darumb meynen Herrn verratent und Euch zu Eurem Werk entflambt, umb Euer paramour zu werdent, wie die Vielen? Nie! O Asmundus,« und daweyl sie sprechett, steigett ihr Körper auß den Spizzen, Traumlilien flechtent umb ihn, »süeßer Knab, warumb habt Ihr nit das Hertz, öffentlich den Glantz meyner Hautt zu verkündent, die Ihr heimblich liebkosen wöllet? Spielet morgen bey der Frühmetten auff der neuen Orgel eyn Lied umb mich statt der tumben Litanein, zeigett Gott und Weltt meyn und Euer Imbrunst, dann will ich Euch gernn in jauchzendes Feur führent!« Sprichts und gehet, mehr wie eyn Falter übern Boden taumelnd, währennd der Asmundus schluchzzend in den Tasten der Orgel nach den Klängen ihres Körpers tastett und wüehlet. Schlaff befallet mich, Schritte erwekkend mich, schonn stehent der Hertzog und die Pica della Fonda mitt dem gantz Gefolg in der Frühmetten, daß erst Konzertt auff der neuen Orgel zu hörent. Erbarmen, schonn dröhnent die Register, kein Graduale und Majestoso wie bey der Metten nit dabey, nein, in hellen feurdurchzitterten Klängen wiegett sich die Astrid im Triumf der Schönheitt an den tumben Menschen vorüber, sie blendend mit durchglühter Schwinge. Und keyner der Pfaffen, Damen und Herren trauett sich eyn Wort zu sprechent, bis der Hertzog verschlaffen brummet: »Sakerlot, so eyn Teufflsketzer!« »Ketzer!« schreient jezzt alle einstimmig, »welttliche Lieder spielt er in der Kirchenn, ans Feur mit ihmb!« O Asmundus, schonn zerrent sie dich vomm Orgelsizz herab, schleiffent dich in Kotter, machent dirn Prozeß! Hastu keyn Mitleid mitt dem Knaben nit, Astrid? Nein, der Entzündder des fünffarmig Leuchtters und seyn Göttin habent das Wortt verlernt und doch, und doch stürzz ich in die Gemächer der Pica della Fonda, bewirb mich umb eyn Audienz. Sie stehet weiß untter weißblühend Luster mitt frembden Blikk. Astrid meyn Los ist außgetilget und längst gfallent von der Urne des Lebens in die des Todes, verbrenn mich statt des Knaben Asmundus! »Wie könnt ich den rettent, den du getötett hast am Leuchtter,« sprechett sie ernsthafft, »aber komb!« und gehet mitt mir in des Asmundus unterirdisch Kotter, den die Wachen vor der Mätreß des Hertzogs bereytt auffschlossent. »Asmundus!« – ruff ich dem Gfesseltenn zu – »noch ist Rettung, nimb meyn Kleid, verlaß mitt der Pica den Kotter!« Er aber lasset meyn Wort wie Lufft über die Händ gleittent und lächlet fiebrig zur Pica: »O Pica, göttliche Dirne, die mir Schönheitt, Tod und wieder Schönheitt verliehen, mehr als jede Andre, laß mich dich erkennent im lezzten Feur, so du mir versprochent!« und winket uns hinaus. Und schon wälzzet eyn Morgen eyn brandend Meer empor, schreitet Asmundus zwischen Schergen und stumbffer Menge zum Scheitter, auß dem rot und magisch daß Feur springtt. Er aber breitett die entfesselten Arm auß: »O Pica, Schönheitt, Feur, dem ich müden Geist wieder zur Vermählung entgegentrage, wilde Werberinn, meyn Staub zu neuer, ewiger Lust umb die Erden schüttelnnt!« und neigett sich der Flamme, die rot singent ihn umbtantzt, der Schleir der Astrid, deren magisch Feur auffbrichtt die Burg der Seel und sie hinausjagett in Frost und Hizze der Gestirn zum ohnmächtiggem Kambff gegen unser armbes, fieber singent von Ewigkeitt zu Ewigkeitt durch unsre hohlen, kalten Becher geschüttelttes Bluet! . . .

Am nächstenn Tag hieß es beym Hertzog, daß die Pica della Fonda verreiset sey, eyn Diener brachtt mir den fünffarmigen Leuchtter, den sie Erbarmen! für mich zurückgelassent. Ich weiß. Ich trag ihn mitt mir, das Angebind der Todten, durch die halb Weltt rauchent seyne fünff Arme mir voran, durch Wintterschnee und Sommerleuchtten blendett seyn trauriger Glantz. Wann kömbstu Astrid, wann blüeht meyn Haubt im lezztemm Flämbchenn? Wann? Erstarret wie Gyldendal starr ich durch offenes Fennsterr in denn blauweißen Scheinn der mystischenn Schal des Winterfelds, die unheimblich zu flimbern anhebet, bespült vomm rotem Glantz des Leuchtters: Mörder! Mörder der Vier auß Luest und unseligem Bluet, o schonn zukkt der Kaptainn, Ibrahim, Gyldendal, Asmundus in den Flämbchenn, steigent zu riesigenn Schatten, die sich dürstig umb mich neigent. Vivat! Vivat die Todten! Bin garnitt Eur Mörder, binn Ihr selbstt, binn selber röchelnt Eur vier Tode storbent, nun kömbtt der ewige, lezzte! Tieffer neigent sich die Schatten, silberner rieselt das Feld. Nehmbt Plazz, Ihr Herren, Wein und Becher seind bereyt, gleich kömbtt die Freundinn, ich spür ihrenn Odem an die Türen schauernn, zieh durch Magie die Krafft der Todten an mich zur lezzten Begegnung, und lausch schluchzzent in meyn Hertz hinab, daß eynen linden Strom in meyne Finger schikket, die ruhig den fünffarmigen Leuchtter hebent: Balthasar! ich erkenne dich im lezzten Flämbchenn. Überwinder! Und schonn rauschtt der Vorhangg, stehtt eyn Antlizz drin, süeß leuchttend in der Maske des italiänischenn Modells, so ich bestellt: Astrid.


III. Finale / Astrid

Tritt näher, komb herfür! Alle Becher seynd leer, alle Schalenn des Lebens vertrunkken, nur meyn Hertz gießet eyn Klarheit in mich, so süeßer und heller ist, denn aller weißer Wein von Cremona. Und der Vorhang failet, und du wiegest dich herfür, Psyche und Eros zugleich der sagenhafften Griechenn, bloßfüeßig bis ann die leichtten Knie, im lichtten ärmellosen Kleid, umbflossent von der Spangenn braunnen Haars. Wer bistu? Die Schatten schweigent, kennen dich nit mehr. Bist nit mehr der Sturm des Kaptainns, daß Gestirnn Ibrahims, Gyldendals Wissenschafft, Schönheitt des Asmundus. Waß sonst? O du trittst an mich heran, ehrfürchtig tastent meine Greisenfinger über deyne Schulttern, die alabasterweiß flutent untter dem schmalenn Nakken, der Säule der Weltt, und unendlich jubelnd neiget sich meynn Greisenhaar zu den Traumbknosppen deyner Brust, die gleich den Früchtten am Baum der Hesperiden keusch und ewig stehent im Schnee der Weltt. Erbarmenn! eyn eisiger Windstoß streichet durch den Saal, mitt schmalsilbernemm Dolche teilend meyne Liebesstund, mitt dünnem Stich mich durchbohrennt: mein Hertz! meyn Hertz! Ich greiff mitt beyde Händ danach, es zu halttent, du ungefüeges, ruhelos Hertz, daß meynn unselig Bluet getriebenn durch die Jahre und sich nun zukkent zusambenkrambfft zu lezzter Süeße. Sey stark meyn Hertz, du bist ja alles und viel mehr denn alles, so die Andernn der Astrid geben gekonnt, eynsamb nur meynn nakktes Menschenhertz vor mich tragent steig ich in die lezzt winterliche Öde, deren Frost keyn Andrer nit ertraget, zu dir empor Astrid! zur lezzten Liebesstund, als deyn Überwinder !! Ahi, du lächlest still und traurig wie eyn Kint zu den Spielen des Balthasar, ergreiffst den leeren Kelch, durch die Flamme des fünffarmigen Leuchtters mir ihn neigent, daß Antlizz lächelnt zurükkgebogent in der Stellung des Modells. Wer bistu Astrid, Abglantz und Modell oder sternnkühler Traumb selber? Ich weiß es nit, nur meynn Hertz reißt lustbetzwungenn meynen Körper zur lezzten Spannung hin, daß ich mitt starren Antlizz und hartten Stirnadernn in der Wintternachtt nach Thon und Stiel greiffe und mitt dem Dämon des Schöbffers, der Begier meyner Qual dich zu formenn beginne, wie ich dich sehe, Seele in vieren und dem lezzten Tode. Flieg Spachtel, biege dich weicher, Thon untter meynen starren Fingernn, mit denen ich, eyn Gott, noch eynmal die Gestaltt von Mensch zu Engel forme. Schonn steiget deynn Körper noch eynmal Venuß auß dem thönernemm Meer, ründen sich deynne Lenden umb daß schauernde Geheimbnis dieser Weltt. Haltt still o Astrid, du versinkkest, nur noch deynn Antlizz muß ich zwingen, das doch eyns Kindes ist, unberührtt, ewiger Frage und Verlockung voll. Nun noch den Arm, leicht und gläntzend vorgestrekkt mitt dem Kelch in die Finger. Vollendett! Es wird gantz kaltt, die Astrid lasset den Becher sinkken, wendett sich noch eynmal unendlich traurig und versöhnend lächelnd mir zu, den Todeskuß auff die Schläffen hauchend, verschwinndett, ich binn alleyn mitt ihrem Abbild, so ich im Fieber geschaffen. Traumm oder nur seyn Abbild? Und nun kombent die Schatten der Todten, der Kaptainn, Ibrahim, Gyldendal, Asmundus, neigent sich tieff umb die Skulptura der Astrid, wollent trinkent von dem Becher in ihremb Arm. Ist leer, ist todt wie die Weltt, so sich zu todt geweinett imm Wintter, ist todt wie ich, der den Becher der Astrid nit mehr füllent kann mit seynem Leben. »Hast ja noch Bluet,« flüsternnt sie. Ist wahr, ich schlepp ja noch meynn, Eur Bluet mitt mir herumb, das unselig Erdenbluet, das sich traurig spület von eym zu Anderm und des ich längst genesen binn. Nehmbt meynen lezzten Schmertz umb Euch, den kleinen Ritz mitt dem Dolch in die Armader, nun rinnet meynn Bluet, rinnet Balthasar düenn und wesenlos wie alles auß darübergehaltene Händ in den Becher der Skulptur. Die Toten neigent sich, trinkkent versinkent . . .