17. Juni 2008

Amélie Godin – Am Starnberger See.      

aus: Deutsche Dichtung, Herausgegeben von Karl Emil Franzos, Neunundzwanzigster Band, Oktober 1900 bis März 1901, Concordia Deutsche Verlagsanstalt, Berlin, 1901, S. 38.

Am Starnberger See.

Zittert Mondlicht über dem See,
Über dem Weg am Hügel,
Naht mir ein Traum, ein Bild, ein Weh,
Auf mitternächt'gem Flügel.


War's gestern? war's in ferner Zeit,
Daß ich den Mond sah steigen,
Wachend auf dem Altan, wie heut,
In Einsamkeit und Schweigen?


In Gottes Mantel wallte hin
Der Macht erhabnes Leben,
Ein jeder Stern am Himmel schien
Verheißungsvoll zu beben.


Träumend lauscht' ich dem Atemzug
Der schlummernd stillen Erde,
Bis plötzlich an das Ohr mir schlug
Der Hufklang schneller Pferde.


Ein Reiter flog, in blauem Gewand,
Vom Hügel niedersausend,
Sein Lederhut, sein Roß verschwand –
Nun folgt's ihm dicht und brausend.


Vierfach mit lichten Falben bespannt,
Jagt ein offener Wagen,
Blitzende Räder auf schimmerndem Sand,
Speichen mit Silber beschlagen.


Eine schlanke Jünglingsgestalt,
Frei die Locken im Winde,
Schwärmender Augen dunkle Gewalt –
Evoë dem Königskinde!


War es ein Spuk, ein Märchengesicht?
Weg ist alles, verklungen,
Ist es zerstiebt im Mondeslicht?
Hat es der See verschlungen?




20080617_Amélie Godin - Am Starnberger See.